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Donnerstag, 19. März 2026

Great Women #450: Annedore Leber

Bekannt war die heutige Frau einstens, weil sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit, was einer Tabuverletzung gleichkam, über den Widerstand gegen Nazideutschland geschrieben hat. In den ihr noch verbliebenen 23 Jahren nach der Ermordung ihres Mannes trug sie Trauerschwarz und lebt das politisch-publizistische Vermächtnis ihres Mannes fort. Doch bald ist die Erinnerung an die sozial engagierte, zupackende, politisch aktive Frau - wie es vielen bedeutenden Frauen immer wieder passiert - verblasst: Die Rede ist heute von Annedore Leber, und es wird mir hoffentlich gelingen darzustellen, dass sie viel mehr war als die Frau von.

"Warum kommt man gerade zu mir? 
Es kann doch wohl nur so sein, 
dass man spürt, dass mein Leben von einer Idee erfüllt ist 
und von ihr getragen wird, 
also, will man doch wohl von mir das, 
was man Mut und Kraft nennt."

Am 18. März 1904, also gestern vor 122 Jahren, wird Annedore Weber als Annedore Rosenthal in der Pariser Straße 14a in Wilmersdorf in ein typisch wilhelminisches, gut bildungsbürgerliches Elternhaus hineingeboren. Sie ist das zweite Kind ihrer Eltern, Emilie Auguste Franziska Bauch und Dr. Georg Rosenthal, die seit vier Jahren miteinander verheiratet sind. Bruder Helmut ist schon vorher zur Welt gekommen.  Aber über ihn gibt es keinerlei Informationen. Annedore verbringt  mit ihrer Familie die ersten zehn Lebensjahre in Berlin. 

Mit Mutter & Bruder (1909)
"Besonders umhütet vom Elternhaus wuchs ich in der Welt bürgerlicher Vorrechte und selbstverständlicher Privilegien auf. Alles wurde mir aus dem Weg geräumt. Selbst den Zwang einer Schule wollten meine Eltern mir vorenthalten."

Der Vater, Sohn eines Kaufmanns mit jüdischen Wurzeln, ein klassischer Philologe, ist deutschnational eingestellt, aber auch Anhänger der Reformpädagogik. Annedore besucht keine öffentliche Schule, sondern erhält durch ihn Privatunterricht.

Im Frühjahr 1914 übernimmt er, vom Magistrat in Fürstenwalde zum Gymnasialdirektor gewählt, die Leitung des dortigen Gymnasiums.  Die Familie übersiedelt nun in das 23.000 - Einwohner - Provinzstädtchen, fünfzig Kilometer ostsüdöstlich von Berlin entfernt. 

Doch schon vier Jahre später steht erneut ein Umzug an: Diesmal ist es die Hansestadt Lübeck, in der Annedores Vater die Leitung des des humanistischen Gymnasiums Katharineum übertragen bekommt. Zu dessen 400-jährigen Bestehen 1931 wird der auch Thomas Mann mit einer Rede zu Wort kommen lassen. Nach antisemitischer Hetze wird er bereits Mitte März 1933 entlassen und durch einen überzeugten Nationalsozialisten ersetzt. Genau ein Jahr später wird der Vater sterben.

Doch zurück zu Annedore und dem Jahr 1922: Die legt als Externe in Lübeck mit achtzehn Jahren ihr Abitur ab. Sie entscheidet sich für das Studienfach Jura und geht dafür nach München, gewinnt damit wohl Abstand zur allzu behütenden Familie, denn im Krisenjahr der jungen Weimarer Republik 1923 ist die  Bayernmetropole ein besonders spannendes politisches Umfeld, das die junge Frau politisiert:

1921

"Ich geriet damals in die aufgeregten politischen Debatten der Jahre 1923/24 der Münchner Studentenschaft, die selbstverständlich auf ein junges, aufnahmebereites Gemüt eine gewisse Wirkung haben mussten. Alles das, was früher schon als Zweifel gegen die bürgerliche Welt in mir aufgestiegen war, formte sich fester." ( Quelle: Lebenslauf im Nachlass )
Bei ihrer ersten Wahl 1925 – vermutlich die Reichspräsidentenwahl nach dem überraschenden Tod von Friedrich Ebert - wählt sie "links". Auch mit ihren beruflichen Perspektiven beginnt sie zu hadern. Zwar ist inzwischen die Aufnahme von Frauen in den juristischen Aufnahmedienst auf dem Weg zum Anwaltsberuf und Richteramt endlich gesetzlich geregelt. Aber die junge Frau trifft eine andere Entscheidung: Im Studium lebe man mit dem "Druck, nur Halbes getan zu haben". Sie aber wolle "den Tag erfüllende Arbeit", erklärte sie ihren Eltern. Sie wolle eine Geschäftsfrau werden, denn da sie... 

"... nicht mit einer Heirat rechne, muss ich einen richtigen durchführbaren Beruf haben. Und als solcher ist für mich der des Schneiders am besten und natürlichsten geeignet. Ich werde mich durchsetzen und nicht nur als kleine Schneiderin mein Leben fristen."

Anderthalb Jahre hat sie sich mit diesen Gedanken herumgeschlagen und sie weiß wohl, dass sie ihre akademisch ausgerichteten Eltern damit enttäuscht. Was die nächsten ein bis zwei Jahre genau passiert und wo sich Annedore zur "Schneiderakademie" anmeldet, ist bislang nicht eindeutig belegt. Die Modemetropole Berlin ist ein Zentrum mit privaten und öffentlich betriebenen Schulen in diesem Metier sowie mit großen Konfektionshäusern und einer ebensolchen Theater- und Filmindustrie. Mit den neu geschaffenen Modezeitungen bietet die Stadt zudem ein journalistisches Betätigungsfeld. Mit dem Beruf der Moderedakteurin liebäugelt Annedore nämlich auch. Es heißt in manchen Quellen, sie habe als Volontärin im Modehaus Gerson ( siehe auch dieser Post ) gearbeitet.

Doch  dann kommt alles anders:

Am Schiffbauerdamm trifft Annedore 1926 zufällig auf Julius Leber, den sie noch aus Lübeck kennt, wo dieser als SPD-Politiker, Chefredakteur der sozialdemokratischen Tageszeitung "Lübecker Volksbote", seit 1924 Reichstagsabgeordneter und ein entschiedener Gegner der Nationalsozialisten sozusagen ein bunter Hund ist. 

Julius Leber,
am 16. November 1891 in Biesheim, Elsass als nichtehelicher Sohn von Katharina Schubetzer geboren und später von deren Ehemann, dem Maurer Jean Leber, adoptiert, durch seinen frankophilen Großvater geprägt und durch die Fürsprache des Ortsgeistlichen 1902 auf die Höhere Bürgerschule im badischen Breisach vermittelt, schließt die Ausbildung mit der Mittleren Reife ab und absolviert eine kaufmännische Ausbildung in einer Tapetenfabrik in Breisach. 1910 greift er erneut in Freiburg im Breisgau den Schulbesuch auf, schreibt nebenbei Zeitungsberichte und gibt Nachhilfeunterricht, um seine Ausbildung zu finanzieren. Zeitgleich mit dem Beitritt in die SPD  legt er 1912 das Abitur ab und studiert Nationalökonomie und Geschichte. Freiwillig zum Kriegsdienst angetreten, wird er zweimal verwundet und erleidet eine Gasvergiftung. Nach anschließendem weiterem Studium wird er 1920 an der Universität Freiburg zum Dr. rer. pol. promoviert und nimmt eine Stelle beim "Lübecker Volksboten" an. Dort trifft er 1927 auch auf den ganz jungen Herbert Frahm, der später als Willy Brandt deutscher Bundeskanzler werden wird. In Lübeck ist er berühmt-berüchtigt für seine scharfen Polemiken unter dem Kürzel "Dr. L." und seine Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus.

Eigentlich ist sie schon an ihm vorbeigelaufen, dreht sich dann aber noch einmal um. Ein coup de foudre, denn im Juli 1927 verloben sie sich schon, im November des Jahres heiraten sie, sie 23 Jahre, er 36 Jahre alt, und die Eltern Rosenthal müssen erneut eine Enttäuschung hinnehmen. Die "liebe Frau Rosenthal" möge nicht böse sein, aber man "bringe es nicht übers Herz, Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl zu diesem Ereignis Glück zu wünschen", schreibt eine Freundin der Familie Rosenthal Annedore zur Hochzeit. 

Julius Leber nennt seine junge Frau in Anspielung an ihre Bekehrung zu sozialdemokratischen Werten "mein lieber Paulus", denn sie bricht nun endgültig mit der konservativen, bürgerlichen Welt ihrer Eltern und wird Mitglied in der SPD. Eine Revolutionärin wird sie, der stets ein Sinn für Eleganz und Mode nachgesagt wird, durchaus nicht. Ihr Enkel David Heinemann wird später berichten, seine Großmutter habe Zeit ihres Lebens eine Damastserviette mit silbernem Serviettenring in Gebrauch gehabt und sei eine grande dame der alten Schule gewesen. Aber sie packt es, gegen die Konventionen und sich für ihre Sache einzusetzen und nicht nachzugeben. Das betrifft wohl auch ihre Weltanschauung.

In Lübeck bezieht das junge Ehepaar ein Haus in der Gertrudenstraße, unweit der Trave, und bekommt alsbald die Kinder Katharina (*1929) und Matthias (*1931).

Mit ihrem Mann und ihren Kindern
(1930er Jahre)


Aus der wohl zunächst nicht einfachen Ehe aufgrund der unterschiedlichen Wesensart der Partner, erwächst keinesfalls ein trautes Eheglück nach konservativen Rollenverständnis. Ordentlich durcheinander gewirbelt wird ihr gemeinsames Leben durch die sich drastisch entwickelnden politischen Ereignissen, und es entwickelt sich - die Tochter wird es später so ausdrücken: Dank der Gestapo - eine beeindruckende Schicksalsgemeinschaft. Schon 1930 haben Nationalsozialisten Leber gedroht, dass sie dereinst an seine Tür klopfen werden und er "zwei Stunden nach unserem Sieg (...) auf dem Marktplatz" hängen wird. Noch im Wahlkampf 1932 profiliert er sich unbeeindruckt & dank seiner agitatorischen Fähigkeiten als führende Kraft der Sozialdemokratie.

Am 31. Januar 1933 kommt es auch in Lübeck im Rahmen des Fackelzuges anlässlich der Machtübertragung an Hitler zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den rechtsgerichteten Kräften auf der einen und Reichsbanner und Antifaschistischer Aktion auf der anderen Seite. In den Morgenstunden des 1. Feburar werden Julius Leber und seine Begleiter, darunter Willi Rath, in der Großen Burgstraße von Nazis angegriffen. Julius Leber trägt schwere Gesichtsverletzungen davon. Seine Immunität als Mitglied des Reichstages wird ignoriert und er kommt in Untersuchungshaft, wird aber am 16. Februar gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Schon drei Tage später fährt er zu einer Kundgebung der Eisernen Front und spricht dort, reichlich angeschlagen, als letztes das Wort: "Freiheit".
Menschenansammlung vor dem Gewerkschaftshaus in Lübeck, Julius Leber auf der Kundgebung am 19.2.1933


Am 23. März verhaften die Nazis ihn erneut, beim Betreten der Kroll-Oper in Berlin auf dem Weg zur Reichstagsabstimmung über das "Ermächtigungsgesetz". Am 27. Mai wird er als "geistiger Urheber" der Tat von Rath, der sich bei dem Überfall Ende Januar mit einem Messer zur Wehr gesetzt hat, zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt. Rath selbst erhält nur ein Jahr Haft.
Ab jetzt läuft sich Annedore die Hacken ab, um eine Freilassung ihres Mannes zu erreichen, schreibt Briefe an die Gestapo, sogar an Himmler, an Hitler, lange ohne Erfolg. Ihre Kinder betreut derweil die verwitwete Mutter. Nach Ende seiner Haftzeit wird Julius Leber 1935 nicht freigelassen, sondern in das KZ Esterwegen gebracht. Seine Frau weiß vier Wochen nichts über seinen Verbleib. Der Briefwechsel der Beiden liest sich zwischen den Zeilen wie eine Einstimmung auf das Fegefeuer. Doch zu Beginn seiner Leidenszeit schreibt er noch:
"Du weißt, dass mich die Haft nicht bedrückt. Was sollte ich mit der Zeit draußen anfangen? Mit gedemütigtem Herzen und eingezogenen Schultern den traurigen Blick der Lübecker Arbeiter achselzuckend standhalten und ihnen sagen, dass ich auch nichts ändern konnte. Da ist es schon besser, selbst äußerlich unfrei zu sein und innerlich mit ganzer Seele das Gesicht der Zukunft zuzuwenden."
Über die Misshandlungen, die Folter, die Dunkelzelle in Esterwege schweigt er. Den Kindern erklärt Annedore die Abwesenheit des Vaters damit, dass ihr Vater bei Kinderlärm einfach kein Buch schreiben könne. Sie wollen es glauben, Irritationen bleiben dennoch nicht aus: Einmal bekommen sie mit, wie die blutige Wäsche Lebers zum Waschen nach Hause gebracht wird.

Annedore kämpft nicht nur für die Freiheit Lebers, sie ist für ihn mit ihrem "Optimismus eine Kraftquelle ohnegleichen". Er ist stolz auf sie und schreibt ihr im August 1933: 
"Im letzten Brief vergaß ich das zu schreiben. Paulus, ich empfinde deinen Mut, deine Tapferkeit und deinen Stolz als etwas für mich ungeheuer Großes, und ich bin stolz auf dich und bewundere dich manchmal in meiner Zelle.“
Sie ist gezwungen, weil das kleine Vermögen der Familie durch Kautionzahlungen u.ä. aufgebraucht ist, den Lebensunterhalt für sich, ihre Kinder wie ein weiteres aus einer vorehelichen Beziehung ihres Mannes sowie ihre Mutter zu verdienen. Um näher an den zuständigen Stellen zu sein, zieht sie 1935 nach Berlin und legt dort daneben ihre Meisterprüfung als Schneiderin - "in einer Zeit ab, wo ich Tag um Tag durch Gestapostellen, Ministerien und KZ-Lagern meinem Mann nachjagte."

Als Anfang 1936 ihr Bruder Helmut stirbt und Frau & Kind hinterlässt, zieht Annedore ins Haus der Schwägerin, wo sie ein eigenes Modeatelier einrichten kann. Von ihrer Arbeit lebt die Großfamilie und alsbald zehn Angestellte. Ihre Entscheidung von 1925 stellt sich als richtig, wenn nicht sogar überlebenswichtig heraus. Gleichzeitig hält sie den politischen Freundeskreis ihres Mannes zusammen:
"Ich werde allmählich ein Asyl für Trostbedürftige, denen es äußerlich gesehen meist besser geht als mir", notiert sie in einem Brief.
Nach vielen Bittbriefen an die obersten Persönlichkeiten der NS-Führer, ständiges Vorsprechen bei der Gestapo sowie dem Inspekteur der Konzentrationslager, darunter auch der des KZ Sachsenhausen, in das ihr Mann inzwischen überführt worden ist, unermüdlich unterstützt durch den katholischen Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning, gelingt es ihr schließlich, dass Julius Leber im Mai 1937 - mit Schreibverbot - entlassen wird.

Kohlehandlung an der Torgauer Straße
(2013)
Nach außen führt die Familie Leber ein unauffälliges Dasein. Doch Leber, "ungebrochen, körperlich geistig, seelisch" so Gustav Dahrendorf, nimmt seine Widerstandstätigkeit sofort wieder auf, unterstützt von seiner Frau, getarnt als Kohlenhändler. Durch Vermittlung von Dahrendorf kommt er in der Firma "Bruno Meyer Nachf." unter. 1939 wird er sogar Teilhaber. Als Großhändler beliefert er vor allem Hausverwaltungen in Berlin. Die unauffällige Kohlenhandlung mit den kleinen Holzbuden auf dem Lagerplatz in der Torgauer Straße 26, Ecke Gotenstraße, wird zu einem geheimen Treffpunkt und ein Ort des Netzwerkens und Kontakthaltens. "... in der Hinterstube, auf verhockten Sesseln, hatte die politische Leidenschaft ihre Herberge", wird sich der spätere Bundespräsident Theodor Heuss an seinen Besuch in der Kohlenhandlung erinnern.

Annedore ist in die konspirativen Tätigkeiten zwischen den "Kohlekunden" eingebunden. Das Paar wird sozusagen zum Nucleus des Widerstands, indem sie eine moralische Notgemeinschaft schmieden. Adelige, Militärs, Demokraten und Kommunisten, so konträr ihre Vorstellungen von Staat und Gesellschaft auch sein mochten: Gemeinsam ist das Ziel die Befreiung Deutschlands vom NS-Terror. Das Annedore ein angesehenes Mitglied dieser Kreise gewesen ist, legt eine Aussage des Widerstandskämpfers Fritz Dietlof Graf von der Schulenburg  nahe:
"Sie ist wie eine stählerne Klinge, diese Frau, federnd und nicht zu zerbrechen."
Was kann den Respekt der Militärs dieser Frau gegenüber noch mehr dokumentieren? Man kann also sagen, Annedore Leber war eine Widerstandskämpferin aus eigenem Recht, das meint jedenfalls die Historikerin Frauke Geyken, die über sie forscht.

Da Tätigkeiten, die geheim bleiben müssen, in ihrem Modeatelier mit den Angestellten nicht ungestört möglich sind, gibt Annedore ihre Selbständigkeit auf und übernimmt 1938 eine Tätigkeit als Erstellerin von Schnittmustern beim Deutschen Verlag, wo sie 1941 Leiterin der gesamten Mode- und Schnittmuster-Produktion wird. Ihr Büro im Deutschen Verlag dient als Kontaktpunkt. Bekannt ist, dass Schulenburg sie dort besucht hat.

Letztes gemeinsames Foto im Frühjahr 1944
Die Lebers organisieren Widerstand in einem  Netzwerk unterschiedlicher Gruppierungen. Insbesondere 1943/44 treffen sich in der Kohlehandlung führende Köpfe des christlich-sozialen Kreisauer Kreises und des militärischen Widerstands mit Julius Leber. Der Kreisauer Kreis ist der zivile Unterstützerkreis für den militärischen Staatsstreich gewesen, der allein die Möglichkeit hat, Hitler zu beseitigen. Die Kreisauer entwerfen Pläne für das nach einem geglückten Attentat neu zu gestaltende Deutschland. Leber ist als Innenminister vorgesehen. Zwischen Leber und Claus Schenk Graf von Stauffenberg( siehe auch dieser Post ) entwickelt sich in dieser Zeit eine tiefe Verbundenheit.

Ende März 1944 wird das Grundstück der Kohlenhandlung durch Bomben schwer getroffen. Das Büro zieht gegenüber in das Erdgeschoss des beschädigten Hauses Torgauer Straße 7, während der Betrieb weiterläuft.

Julius Leber vor dem "Volksgerichthof"
(1944)
Nach einem Gespräch mit Vertretern der ( kommunistischen ) Widerstandsgruppe um Anton Saefkow ( siehe auch dieser Post ), an dem ein NS-Spitzel teilgenommen hat, erhält Leber dort zwei Wochen vor dem schicksalhaften 20. Juli 1944 Besuch von der Gestapo, wird erneut verhaftet und im KZ Ravensbrück gefangen gehalten. Dort trifft ihn Isa Vermehren ( über die ich in 5 Wochen berichten werde ), die ihn aus Lübeck kennt und die am Ausdruck seiner Augen eine voll resignative Trauer erkennen muss. Diesmal zweifelt Leber nicht an seinem baldigen Tod. Dem widerwärtigen, berüchtigten "Blutrichter" Roland Freisler tritt er bei seinem Prozess im Oktober 1944 dann auch ohne Zittern und Furcht entgegen.

Nach dem Attentat vom 20. Juli wird Annedore von August bis September 1944 selbst in Sippenhaft genommen und in das Untersuchungsgefängnis Moabit eingeliefert. Ihre Kinder kommen zwangsweise nach Dessau in eine fremde Familie. Annedore wird wohl nicht als Widerstandskämpferin wahrgenommen, sondern wie die anderen, meist eher uneingeweihten Ehefrauen der Männer des 20. Julis behandelt. Man weiß aber aus der historischen Forschung, dass die Frauen des Kreisauer Kreises die Entscheidungen zum Widerstand gemeinsam mit ihren Männern getroffen haben. Darauf haben sie auch immer viel Wert gelegt. Nach dem Krieg wird auch Annedore ihre Rolle verbal einfordern: 

"Auch ich war über alles, was geschah, ja, über alle Gespräche informiert. Auch über meinen Schreibtisch lief die Organisation des Widerstandes. Ich bin eine Widerstandskämpferin aus eigenem Recht. Ich bin nicht nur die Ehefrau des Widerstandskämpfers Julius Leber."

In einem seiner letzten Briefe schreibt dieser an seine Frau: 

"Meine Seele hat ihre Heimat gefunden! … Und ich glaube und weiß jetzt, daß man einem anderen Menschen nichts Höheres und Besseres sagen kann, als daß er für einen die Heimat seiner Seele sei. … – für mich bist Du es!"

Sie antwortet ihm u.a.: "Durch den großen Reichtum unserer Ehe habe ich die Kraft und die Stärke, die das Schicksal von mir fordert."

1944

Am 5. Januar 1945 wird Julius Leber in Plötzensee hingerichtet. Annedore ist am Boden zerstört; in den folgenden 23 Jahren ihres Lebens trägt sie Trauerschwarz oder, wie ihr Enkel sagt, immer "eine Träne im Knopfloch". Als sie in schwarzem Mantel und Hut zu ihren Kindern nach Hordorf bei Magdeburg kommt, wo diese seit 1943 bei Verwandten untergebracht waren, um sie abzuholen, bricht für diese die Welt zusammen. Die knapp sechzehnjährige Tochter wird, vor allem nachdem sie die brutalen, unmenschlichen Hinrichtungsmethoden in Plötzensee erfahren hat, schwer krank, verlässt ohne Abitur die Schule, geht nach Paris, um in der Modebranche zu arbeiten. Später wird sie einige Semester an der Berliner Kunsthochschule studieren. Sie wird lebenslang mit dem Engagement ihres Vaters im Widerstand, das ihn das Leben gekostet hat, hadern. Sie hätte, so berichtet sie Jahrzehnte später in einem Interview, ihren Vater lieber lebend gehabt statt als toten Helden. Später wird Katharina klar, dass ihr Vater nicht für sie & den Bruder gestorben ist, sondern für die Deutschen, die den Krieg überlebt haben. Matthias wird sich als junger Arzt 1963 im Haus seiner Mutter das Leben nehmen.

Die zwölf Jahre der ständigen Verfolgung der Familie durch die Nationalsozialisten bleiben also nicht ohne Folgen für die Lebers. 1945 tritt Annedore in die katholischen Kirche ein. Ihr gelingt es nach und nach, den überwältigenden Schmerz durch die im Widerstand erfahrene Gemeinsamkeit mit anderen in Kraft zu verwandeln. 

Sie übernimmt die Kohlenhandlung und wird bereits im Oktober 1945 Leiterin des Frauensekretariats und Mitglied in den Zentralausschusses der SPD. Als es im April 1946 zur Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED in der Sowjetischen Besatzungszone kommt, erklärt sie ihren Austritt und wechselt in die von Kurt Schumacher wenig später neu gegründete Westzonen-SPD. Für die wird sie in die Berliner Stadtverordnetenversammlung in der ersten Legislaturperiode 1946 entsandt. Gleichzeitig startet sie ihre publizistische Tätigkeiten, einmal durch Beteiligung als Lizenzträgerin an der SPD-nahen Zeitung "Telegraf". Für eine Sonderausgabe der Zeitung zum Jahrestag des 20. Julis wird sie den Beitrag "Den toten immer lebendigen Freunden. Eine Erinnerung zum 20. Juli 1944" schreiben. Damit umreißt sie auch ihre selbstgestellte Lebensaufgabe ab diesem Zeitpunkt: Das ideelle Erbe des Widerstandes weiterzutragen. Sie möchte auf jeden Fall die gemeinsamen Ideen nicht verraten, nicht vergessen, sondern jetzt für die neue deutsche Demokratie fruchtbar machen. Annedore Leber übernimmt quasi die  Rolle der "Nachlassverwalterin“" des deutschen Widerstands - keine leichte Aufgabe in einer Gesellschaft, die die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen als Landesverräter diffamiert.

"Was im Grunde den Frauen fehlt, ist ein gewisses Zutrauen zu sich selbst. Anders als viele ihrer selbstbewussten männlichen Kollegen fürchten sie einen Mangel an Vorkenntnissen, einen nicht zureichenden Einblick in größere Zusammenhänge, Lücken des Wissens und der Erfahrung auf politischem Gebiet. (...) Die Zeit erlaubt keinem von uns zu ruhen und auf ein Wunder zu hoffen. Was aus Deutschland wird, liegt bei uns selbst. Es liegt zum großen Teil in der Hand der Frau. Also ihr Frauen, nur Mut!"

Aus dieser Erkenntnis heraus, gründet sie in den ausgebauten Räumen der Kohlenhandlung den Mosaik-Verlag und publiziert dort ein gleichnamiges Magazin für Frauen, um die in ihren Augen politisch zu passiven Mitbürgerinnen für die neue demokratische Republik zu gewinnen. 

Das Monatsmagazin  ( hier sind die Themen der einzelnen Ausgaben aufgelistet ) sucht in seiner Mischung noch heute seinesgleichen: Politische Essays und Frauenporträts stehen da neben Modeschnittmustern, Einrichtungs- und Überlebenstipps für Nachkriegsfrauen & Ideen für Alleinerziehende, von denen es nach dem Krieg mehr als genug gibt. 1950 gibt sie das Magazin nach Unstimmigkeiten mit ihrem Mitstreiter Arno Scholz auf.


Annedore Leber ist nicht nur in der Politik tätig, sie beschäftigt in den 1950er-Jahren mehrere Angestellte für den Kohlenhandel und den Mosaik-Verlag. Mit dem geschäftlichen Erfolg ist 1953 eine Erneuerung des Fuhrparks möglich. Mit den Gewinnen des Kohlenhandels finanziert sie ihre Buchprojekte. Das erste Buch ist "Ein Mann geht seinen Weg". Zusammen mit dem ehemaligen sozialdemokratischen Weggefährten und Widerstandskämpfer Gustav Dahrendorf gibt sie die Schriften, Reden und Briefe von Julius Leber heraus. 1953 folgt "64 Lebensbilder aus dem deutschen Widerstand 1933–1945", gemeinsam mit Willy Brandt. 1954 erscheint "Das Gewissen steht auf", ein Buch mit kurzen biografischen Skizzen von Widerstandskämpfern und –kämpferinnen. Es ist sofort enorm erfolgreich, die Auflagen gehen in die Hunderttausende. Ab 1956 arbeitet sie zusammen mit Freya von Moltke an einem Schulbuch, das 1960 unter dem Titel "Für und Wider" publiziert wird, eine Darstellung der jüngsten Vergangenheit für junge Leser über die Weimarer Republik und die Zeit des Nationalsozialismus. Diese Bücher werden bis in die 1960er, vielleicht sogar bis in die 1970er Jahre immer wieder aufgelegt.

1953 ist auch an der Gründung der Handwerker-Lehrstätten Britz beteiligt, denn ihr Augenmerk gilt neben den Frauen speziell den Jugendlichen. Ab 1979 heißt die Schule Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin. Dort werden heute junge Menschen mit Behinderungen und besonderem Förderbedarf in mehr als 35 Berufen ausgebildet.

Ihre politische Laufbahn setzt sie 1954-1962 als Bezirksverordnete von Berlin-Zehlendorf und 1963-1967 dann als Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses fort. Als der damalige amerikanische Justizminister Robert Kennedy 1962 Berlin besucht, begleitet sie den Staatsgast zur Gedenkstätte Plötzensee. 

Mit Robert Kennedy & Willy Brandt in Plötzensee
(1962)


Ihr kompromissloser Einsatz, den sie beharrlich von sich selbst fordert, obwohl gesundheitliche Probleme sie zu mehr Rücksichtnahme auf sich selbst hätten veranlassen müssen, führt wohl dazu, dass Annedore Leber am 28. Oktober 1968 in Berlin mit nur vierundsechzig Jahren stirbt. Auch von dem Schlag, den ihr der Tod ihres Sohnes versetzt hat, hat sie sich nicht erholen können. 

Eine große Beerdigung mit vielen Trauergästen auf dem Berliner Waldfriedhof Zehlendorf ist die letzte Ehrung, die der Widerstandskämpferin zuteil wird. Wenig später ist der Name Annedore Leber aus dem Gedächtnis der bundesrepublikanischen Gesellschaft getilgt. Die Tochter Katharina Christiansen hat eine Zeit lang in Dänemark gelebt, weshalb es niemanden gegeben hat, der über die Widerstandstätigkeit der Annedore Leber Zeugnis abgelegt hat.

Wer heute Spuren ihres Lebens sucht, findet sie in ihren Veröffentlichungen, den im Internet abrufbaren Ausgaben von Mosaik, im Annedore-Leber-Berufsbildungswerk und am Gedenkort Kohlenhandlung an der Torgauer Straße 24-25 in Berlin, der auf Initiative des Stadtteilvereins Schöneberg  e.V. nach einem Nutzungsvertrag mit dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg - die Stadt Berlin ist seit 2009 Eigentümerin der Fläche -  für die ehemalige Kohlenhandlung ab 2016 eingerichtet worden ist.

Eine derart exponierte Frau, die es auch ausgehalten hat, so exponiert zu sein, obwohl die Mehrheit im Land sich innerlich wie äußerlich in den Anfangsjahren der Republik gegen die Wahrheit, ihre Schuld verwahrt haben, weil sie davon ausgingen, dass sie alleine Opfer für ihr Deutschtum gebracht haben - was sagt das über uns aus, dass sie vergessen wurde?

Abschließend möchte ich noch all denen, die es aus dem Blick verloren haben, in die Agenda folgende Aussage von Annedore Leber schreiben:

"Vertrauen ist das Element der Demokratie. Vertrauen kann sich aber nur da bilden, wo das Wort etwas gilt und wo die Tat dem Wort folgt, wo ein Vertrag lebendige Substanz ist und nicht nur ein Stück Papier, das man Stück um Stück abzupfen kann, bis man eines Tages feststellt, dass nichts mehr von diesem Papier übrig ist."
                                        


Und hier liste ich euch wieder Links zu Great-Women-Posts auf,
die in dieser Woche aktuell sind:


Donnerstag, 12. März 2026

Great Women #449: Suze Rotolo

Mitglieder meiner Alterskohorte kennen die heutige Frau, zumindest die, die Bob Dylan hörten und seine Platten kauften, denn da zierte sie das Cover seines zweiten Studio-Albums "The Freewheelin’ Bob Dylan" von 1963 mit den berühmten Titel "Blowin’ in the Wind" und "A Hard Rain’s A-Gonna Fall". Dass Suze Rotolo so viel mehr gewesen ist als die Freundin - dafür trete ich heute hier im Blog an.


"Wir hatten etwas zu sagen 
und glaubten fest daran, dass sich die Zeiten ändern würden."

Geboren wird Suze Rotolo am 20. November 1943 in New York im Brooklyn Jewish Hospital als Susan Elizabeth Rotolo. Dort konnten damals junge Kommunistinnen mit wenig Geld mit Unterstützung mitfühlender Ärzte entbinden. Und ihre Mutter Mary Teresa Pezzati ist wie ihr Mann Giachino "Pete" Pietro Rotolo eben Mitglied der Communist Party der Vereinigten Staaten. Suze ist also ein "red diaper baby", wie das damals in den USA reißerisch gestreut worden ist.

Die Eltern sind seit 1940 verheiratet und aus diesem Anlass von Greenwich Village nach Queens in eine Wohnanlage namens Sunnyside Gardens gezogen, die sie familiengerechter finden. Suze ist ihre zweite Tochter,  seit 1941 ist bereits Carla Maria auf der Welt. 
Die Eltern
(1940)

Der Vater, 1914 in Bagheria auf Sizilien geboren, ist Künstler, kein sehr erfolgreicher, und jobbt daher in verschiedenen Fabriken und tritt in die dortigen Gewerkschaften ein oder gründet welche und organisiert Streiks, verliert deshalb oft seine Arbeit und wird letztendlich Gewerkschaftssekretär. 

Die Mutter entstammt einer Familie aus der Emilia - Romagna, ist allerdings 1910 in Somerville, Middlesex County, Massachusetts, nordwestlich von Boston, geboren. Die Pezzatis sind schon im 19. Jahrhundert eingewandert und zunächst - Suzes Großvater Sisto Pezzati ist ein studierter Mann, ein Landvermesser  - gut gestellt und darüberhinaus gebildet, man schätzt Literatur & Kunst. Mary ist das zweitjüngste Kind der Familie, aber das dritte Mädchen, dem der Name Maria gegeben worden ist, sind doch die anderen beiden  Marias früh an Diphterie bzw. bei einem Unfall gestorben. Als der Großvater an Tuberkulose erkrankt, folgt der soziale Abstieg, und die Familie gerät in erdrückende Armut von Dickensschem Ausmaß, wie die Mutter Suze später erzählen wird. Mit ihrem jüngeren Bruder wendet sich Mary alsbald der Kommunistischen Partei  zu. Sie entwickelt sich zu einer antifaschistischen Aktivistin, die in den 1930er Jahren in Paris damit beauftragt wird, gefälschte Dokumente für italienische Exilanten zu beschaffen. 

Kurz nach einer ersten Eheschließung der Mutter 1933 ertrinkt ihr Mann im Meer, und Mary verdient anschließend ihren Lebensunterhalt als Journalistin. Während ihre Kinder mit Pete Rotolo klein sind, ist Mary Redakteurin der amerikanischen Variante der "L'Unità", was wenig Verdienst einbringt. Wenn die Lebensbedingungen mal wieder schwierig sind, werden die kleinen Mädchen den mütterlichen Verwandten in der Nähe von Boston übergeben - getrennt voneinander, was der schüchternen, sensiblen Suze mehr als schwer fällt.

Als Suze ungefähr drei Jahre alt ist, zieht die Familie in ein anderes Quartier in Queens um, Jackson Heights, bebaut mit Backstein-Reihenhäusern, besiedelt von Weißen mit katholischer oder jüdischer Religion, aber keinesfalls mit der Überzeugung ihrer Eltern. Und das während der Mc-Carthy-Ära! Diese Zeit ist, rückblickend, für Suze von Traurigkeit geprägt, denn sie passt einfach nicht in diese Welt und schafft es auch nicht dazuzugehören, auch wenn sie es wie ihre Schwester versucht hätte. Sie findet Trost in Büchern & Gedichten, zeichnet ihre eigenen Bilderbücher, greift aber auch die kulturellen Angebote auf, die ihr wohlwollende, interessante Erwachsene bieten. Auch wenn die Familie der Arbeiterklasse zugerechnet wird, ist ihr Kultur wichtig, und Suze erfährt darin ein probates Mittel des Trostes. Sie haben volle Bücherregale, einen Plattenspieler und viele Schallplatten, aber keinen Fernseher wie andere, sind nicht katholisch oder irgendwie religiös und ihre Wohnung gleicht nicht denen der Nachbarn und ihr mangelt der zeitübliche Komfort. Sie wächst dafür auf mit Woody Guthrie, Leadbelly und Pete Seeger.

Suzes Gefühl des Außenseitertums wird etwas geringer, als die Familie im Haus von anderen kommunistischen Gesinnungsgenossen unterkommt. Mit deren Töchtern führt sie im Keller Theaterstücke auf, und der Vater nimmt sie 1957 sogar zur Aufführung der "West Side Story" mit an den Broadway. Nach der Grundschule besucht Suze die Bryant High School in Long Island City.

1959
Im Februar 1958 erliegt ihr Vater, zwar Raucher, aber trotzdem für alle überraschend, einer Herzattacke, da ist das Mädchen gerade 14 Jahre alt. Die damaligen Arbeitgeber ihrer Mutter, ein Ohrenarzt & seine Frau, für die sie die Korrespondenz in Italienisch & Französisch führt, überreden die Mutter, gemeinsam mit ihnen & Suze nach Puerto Rico zu reisen. Danach hat das Mädchen den Anschluss in der Schule verloren. Ihre Mutter, in all ihrer Trauer, kann Suze nicht stützen, ist sie doch mit 47 Jahren bereits das zweite Mal Witwe geworden und spricht dem Alkohol zu. Suze sucht Zuflucht im Theaterspielen.

Ihre Schwester, bereits auf dem College, versucht, die verschlossene Jüngere unter ihre Fittiche zu nehmen und in ihren Freundeskreis einzuführen, den sie aus Familien mit ähnlicher Weltanschauung wie der eigenen rekrutiert hat. 

Zu Suzes Überraschung kommt ihr die erste Party dort als Paradies vor, denn sie ist plötzlich keine Außenseiterin mehr. Sie wird in den nächsten Jahren tatsächlich selbstsicherer werden und baut sich einen eigenen Kreis auf, mit dem sie sich am Washington Square Park in Greenwich Village trifft. Sie schließt sich dort den Folkmusikern & politischen Aktivisten an, die sich in Versen und Propaganda gegen das Establishment auflehnen. Ihr Engagement in der amerikanischen Protestbewegungen beginnt 1958, als sie sich mit zehntausend anderen Schülern beim Jugendmarsch für integrierte Schulen anschließt, der von Harry Belafonte in Washington DC angeführt worden ist.

Washington Square Park in Greenwich Village
(1960)
Auch macht sie eine Ausbildung zur Betreuerin im linksorientierten Ferienlager "Kinderland" im Norden des Bundesstaates New York, wo sie gute Freunde findet und ebenfalls Theater spielen kann. Mit diesen Freunden engagiert sie sich bei der Bürgerrechtsbewegung "Congress of Racial Equality" ( CORE ), protestiert vor Filialen von Woolworth, die im Süden nach Rassen getrennte Imbisse unterhalten. Auch engagiert sie sich mit ihren Freundinnen beim "Committee for a Sane Nuclear Policy".

Nach dem Schulabschluss, mit siebzehn, fährt Suze dann ein letztes Mal mit der U-Bahn von Queens nach Greenwich Village, "ohne zurückzublicken".  Sie nimmt verschiedene Jobs an und wird Dauerkundin in Secondhand-Buchhandlungen, denn ihr Bildungshunger ist groß. Im Sommer 1961 lernt sie auf einem ganztägigen Folk-Konzert in der Riverside Church in New York den drei Jahre älteren Bob Dylan kennen, als Musiker ein völlig unbeschriebenes Blatt aus der Provinz. 
Bob Dylan (1961) 
"Ich konnte von Anfang an meine Augen nicht von ihr lassen", schreibt Dylan später in seinen Memoiren über ihre erste Begegnung. "Sie war das Erotischste, was ich je gesehen hatte. Sie war hellhäutig und hatte blondes Haar, eine waschechte Italienerin. Plötzlich lag der Duft von Bananenblättern in der Luft. Wir kamen ins Gespräch, und mir wurde schwindelig. (...) Sie war genau mein Typ."
Aber auch sie findet, er habe was Unglaubliches, was Besonderes:
"Bob war charismatisch: Er war wie ein Leuchtfeuer. Er war aber auch ein schwarzes Loch. Er brauchte ständige Unterstützung und Schutz, den ich ihm nicht geben konnte, wahrscheinlich weil ich ihn selbst brauchte", hat sie doch als Sechzehnjährige nach dem Tod des Vaters, dem Absturz der Mutter und dem wenig glorreichen Abschluss ihrer Schulzeit eine "neue Art der Angst" erfasst. 
Es ist Suze zu verdanken, der Tochter italienischstämmiger Kommunisten, die den Kleinstädter aus dem ländlichen Minnesota, der beflügelt von Jack Kerouac und Woody Guthrie die Provinz hinter sich gelassen hat, Bekanntschaft mit fortschrittlicher Politik & der Arbeiter- und Bürgerrechtsbewegung macht. Sie fungiert auch als seine kulturelle Führerin und konfrontiert ihn mit den Malereien eines Paul Cézanne und Wassily Kandinsky. Gemeinsam schauen sie sich Picassos "Guernica" an und gehen in François - Truffaut - Filme wie "Schießen Sie auf den Pianisten". Und sie weiht ihn in die Werke verschiedener Dichter und Schriftsteller  ein wie Antonin Artaud, Paul Verlaine, Arthur Rimbaud und besonders Bertolt Brecht. An Brecht fasziniert sie selber, dass dieser sowohl im demokratischen Kapitalismus wie im autokratischen Kommunismus zu Hause gewesen ist. Dylan hat wohl schon mal von ihm gehört, aber nichts gelesen, geschweige denn gesehen. Suze schleppt ihn ins Theater in die "Dreigroschenoper". Als die afroamerikanische Sängerin Micki Grant den Song der Seeräuber-Jenny darbietet, ist Dylan mucksmäuschenstill. "Brecht wurde ein Teil von ihm", interpretiert Suze die Verwandlung
"There's no question that she became both an abstract muse and a very practical one. He has said that he would run songs past her." ( Quelle hier )
So z.B. "The Ballad of Emmett Till", eine seiner frühen Anklagen gegen Ungerechtigkeit, nachdem Suze ihm die Geschichte eines 14-jährigen afroamerikanischen Jungen erzählt hat, der 1955 in Mississippi brutal ermordet worden ist.

Keiner von beiden hat damals einen festen Wohnsitz. Suze ist housesitter am Waverly Place, Dylan couchsurfer bei Freunden in der Innenstadt. Nach einer begeisterten Kritik in der "Times" und einem Vertrag mit Columbia Records mietet er eine Dachgeschosswohnung in einem Altbau in der West Fourth Street 161. Doch dass sie zu ihm zieht - davon halten sie rechtliche Bedenken aufgrund ihrer Jugend ab, sie ist ja noch nicht achtzehn. Dylan hingegen hat eigentlich keine Lust nach den Regeln ihrer Mutter zu leben...

1962
Als sie es sich schließlich traut, ist ihre Mutter und ihre Schwester, ebenfalls in der Folkmusic-Szene als Assistentin von Alan Lomax, not amused. Sie können den  Sänger  - er ist ein twerp, so die Mutter - nicht ausstehen. "For her parasite sister I had no respect", wird es später in dem Dylan-Song "Ballad In Plain D" heißen, "bound by her boredom, her pride to protect."

Mary, die ihre Tochter unbedingt aus Dylans Fängen bekommen will, lockt sie nicht nur mit einer Reise in ihre Heimat Italien, sondern auch mit der Möglichkeit, dort endlich richtig Kunst an der renommierten Universität von Perugia studieren zu können. Suze arbeitet inzwischen nämlich am Theater, baut Bühnenbilder und schafft Requisiten. Mary Rotolo selbst hat inzwischen zum dritten Mal geheiratet und plant mit ihrem Mann, Dr. Fred Bowes, eine Europareise, auf die Suze mitkommen soll..

"Susanna Justine" -
Foto im Studentenausweis
in Perugia
"Ich verbrachte den Großteil der Reise wie betäubt", wird sie später dazu äußern. Auch Dylan trauert ihr in Briefen nach. Als sie ihm ein Hemd aus Italien schickt, schreibt er, dass er es zwar in ihrer Wohnung trage, aber nicht draußen, "weil ich nicht will, dass mich jemand darin sieht, bevor du mich darin siehst."  In Perugia lernt Suze den politisch aktiven Enzo Bartoccioli aus dem Borgo d'Oro, einem Arbeiterviertel der Stadt, der bei "Buitoni Perugina", einer Lebensmittelmarke arbeitet und gleichaltrig wie Dylan ist, kennen. Letzterer entwickelt wohl heftige Eifersuchtsgefühle, denn in "Another Side of Bob Dylan", seinem vierten Album, dichtet er:
"Ich hasste Enzo, ich hasste ihn so sehr, dass ich ihn hätte töten können. Er war schleimig und skrupellos, und nach dem, was geschehen war, war ich mir sicher, dass meine Geliebte ihm in einem fernen Land begegnet und seinetwegen länger geblieben war."
Im Dezember 1962 kommt die "Geliebte" zurück, belesener und gebildeter denn je zuvor. So hat sie z.B. Françoise Gilots Buch über ihr Leben im Schatten eines Genies gelesen und ist ins Nachdenken geraten: 
"Ich hatte das Gefühl, ein Buch voller Offenbarungen, Lehren und Warnungen zu lesen. Obwohl Picasso viel älter war als Bob und viel mehr erlebt hatte, waren ihre Persönlichkeiten so ähnlich, dass es verblüffend war."
Doch er fliegt zu diesem Zeitpunkt zu einem Fernsehauftritt nach England - quasi ein Vorzeichen dafür, wohin die gemeinsame Reise gehen wird: Während sein "Stern" aufsteigt, wird sie die bleiben, die "dem Dichter, dem Genie, beistand. Ich kümmerte mich selbstlos um seine Bedürfnisse und Wünsche. (... ) Ich fand diese Beschreibung alles andere als schmeichelhaft",  hat sie doch unterdessen ein feministisches Bewusstsein und eigene künstlerische Ambitionen entwickelt! So ungefestigt, wie man in diesem Alter nun mal ist, hat Suze darum zu kämpfen begonnen, "ich sein zu dürfen."

Außerdem: "Ich bin von Natur aus eher zurückhaltend, und mein Instinkt sagte mir, meine Privatsphäre und damit auch seine sei zu schützen." Doch das erweist sich als immer unmöglicher. "Wir verstanden uns wirklich gut, obwohl keiner von uns ein dickes Fell hatte. Wir waren beide überempfindlich und brauchten Schutz vor dem Sturm." An ihre Freundin  Susan Green schreibt sie in diesen Tagen:
"Ich will nicht von Bob Dylan und seinem Ruhm mitgerissen werden. Es verändert einen Menschen komplett, wenn er bei allen und jedem bekannt ist. Sie entwickeln diese unkontrollierbare Egomanie. Ich sehe, wie es Bobby passiert. Und ich habe versucht, es ihm auf so viele Arten zu sagen, aber es ist sinnlos, wirklich. Er fängt an, mich nur noch in Bezug auf sich selbst zu lieben, wenn das Sinn ergibt." 
Zwei Monate nach der Rückkehr aus Italien entsteht dann jenes ikonische Foto durch den Fotografen Don Hunstein, das sie an einem eiskalten Wintertag durch Greenwich Village in New York spazierend festhält. Das Bild, seine Intimität und Ungezwungenheit, so weit entfernt von der perfekt inszenierten Selbstdarstellung der meisten Künstler, ist die perfekte Visitenkarte. Nach der Veröffentlichung von "Freewheelin'" im Jahr 1963 mit ihm als Coverbild werden die beiden zu Prototypen für eine ganze Generation... 
"Record Time - Personal History"
(1995)




Hin- und hergerissen zwischen Dylans öffentlicher Untreue und seinen ständigen Heiratsanträgen ( "Er konnte ein Arschloch sein, wie jeder andere auch." ), will sie nicht länger die "siebte Saite auf Dylans Gitarre" sein, kündigt im August 1963 ihren Job bei einem koscheren Deli in der Avenue B in Manhattan, den sie zwischen ihren Theater-Aufträgen wahrnimmt, und zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und bei ihrer Schwester ein, weil sie "den ganzen Druck, den Klatsch, die Wahrheit und die Lügen, die das Zusammenleben mit Bob mit sich brachte, nicht mehr ertragen konnte". Sie sei "völlig durcheinander" gewesen, schreibt sie später. 

Sie treffen sich allerdings weiterhin, was auch zu einer ungeplanten Schwangerschaft und einer Abtreibung führt, die damals in New York illegal gewesen ist. Es folgt eine kurze Versöhnung und ihr Zusammenbruch. Der endgültige Schlussstrich unter die vierjährige Beziehung gestaltet sich "für uns beide herzzerreißend. Er wich der Verantwortung aus. Ich habe es ihm auch nicht leicht gemacht. (...)  Ich wusste, dass ich nicht zu seinem Leben passte.Danach, auch auf Anraten ihrer Schwester Klara, die findet, sie sei "besser dran ohne diesen verlogenen, betrügenden, manipulativen Kerl", schläft die Beziehung langsam ein.

Zwischenzeitlich hat sie noch landesweit für Schlagzeilen gesorgt, als sie sich gemeinsam mit vier anderen Studenten für die Reisefreiheit freier Amerikaner einsetzt und trotz eines Reiseverbots der Regierung nach Kuba fährt. Die Gruppe verbringt zwei Monate damit, Fabriken und Schulen zu besuchen und Fidel Castro und Che Guevara zu treffen. Es war ein unglaublich mutiges Unterfangen. Mit dem Anführer der Organisation, Albert, hat sie zuvor eine Beziehung begonnen.

1965
Während sich Dylan zu einem der gefeiertsten Musiker der Welt entwickelt, probiert Suze nun ihren ganz eigenen Weg aus. 
Dylans Berühmtheit macht es ihr ein paar Jahre allerdings lang schwerer, sich frei zu bewegen. Sie beschäftigt sich mit Kunst, spielt Theater,  arbeitet als Tonmeisterin für Leonard Bernstein, engagiert sich politisch, macht eine Therapie. Als ihre neue, eigene Wohnung ausbrennt - und mit ihr der grüne Mantel vom Album-Cover - unterstützt Dylan sie finanziell.

Auf Einladung ihrer Mutter & deren Mann reist sie mit ihrer Schwester auf einem Frachter nach Italien. Da sie auch Perugia wiedersehen will, nimmt sie Kontakt mit ihrem Freund Enzo Bartoccioli auf und verabredet ein Treffen in Neapel, wo sie von Bord des Schiffes gehen und Enzo sie für eine Woche in Perugia abholt. Sie verstehen sich auf Anhieb wieder und verabreden sich für ein Treffen in London. Zurück in New York beschäftigt Suze sich mit der Herstellung und dem Verkauf von Schmuck aus gefundenem Material & Pappmaché. 

Doch das Leben in der Stadt wird rauer & gefährlicher, der Vietnamkrieg lastet auf dem Land. 1966 kann sie mit einem kleinen Erbe ihres sizilianischen Großvaters eine erneute Schiffsreise nach Italien finanzieren. 1967 heiratet sie dort Enzo Bartoccioli, inzwischen Cutter & Filmproduzent. Mit ihm bekommt die inzwischen 27jährige einen Sohn, Luca, der später ein angesehener Gitarrenbauer werden wird. Als Enzo Dokumentarfilmer bei den Vereinten Nationen wird, kehren sie nach New York zurück und lassen sich im East Village nieder. Sie bewegt sich unter dem Nachnamen ihres Mannes und verschafft sich so eine gewisse Anonymität, abseits vom Dylan- Rummel.

1994 & mit ihrem Mann 2002
Sie will diese Erinnerung für sich behalten und ist zufrieden mit ihrem Leben als Künstlerin. "Sie hat ihre Arbeit sehr, sehr genossen", wird ihr Mann posthum erklären. Ihre Künstlerfreundinnen wissen nichts von ihrer Vergangenheit.

Zunächst arbeitet sie als Malerin & Illustratorin, dann in den 1990er Jahren verschreibt sie sich der Buchkunst ( hier sind viele weiter tolle Exemplare zu sehen ). Sie stellt die Künstlerbücher auch 1996 im Spring Studio aus, 1997 in der in der Jefferson Market New York Public Library. Außerdem unterhält  sie einen Workshop für Buchkunst an der Parsons School of Design in New York City. 

Ihre Arbeiten enthalten Bilder, manchmal knappe Texte, gleichen oft eher Collagen oder Mobiles. "Ich betrachte meine Kunstwerke als Reliquiare – Aufbewahrungsorte – für die Ideen, Obsessionen, persönlichen Geschichten und die Lebensphilosophie, die ich mir im Laufe der Zeit angeeignet habe", bemerkt Suze auf ihrer Website dazu.

Auch politisch bleibt sie weiterhin: Vor und nach dem Einmarsch der USA in den Irak 2003 schließt sie sich in aufwendiger, auffallender Kleidung den satirischen Protesten der "Billionaires for Bush" an. 

Mit der Veröffentlichung von Dylans Memoiren "Chronicles: Volume One" im Jahr 2004 lässt Suzes Widerstand gegen die Neugier der Öffentlichkeit ein wenig nach. Sie mag seine Beschreibung von ihr bei ihrer ersten Begegnung, nennt er sie doch in einem Interview "wunderbar, großzügig". Langsam fängt sie an, ihre lebenslange Schüchternheit und Zurückhaltung in Frage zu stellen, die sie hindert, ihre Erinnerungen an diese bemerkenswerte Zeit in ihrem Leben offen zu legen.
"Wenn man älter wird, unterhält man sich mit anderen über den ersten Freund, die Jugendliebe – ich konnte bei solchen Gesprächen nie mitmachen, denn wenn ich den Namen Dylan erwähnt hätte, wäre jeder sofort erstarrt. Ich habe mich wie in einer Parallelwelt gefühlt und nur wenigen Menschen von meiner Vergangenheit erzählt", erklärt sie in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

Ein Interview in 2005, das sie für Martin Scorseses vielgelobten Film "No Direction Home" über Dylan gibt, hilft ihr, die Angst, wie sie es ausdrückt, davor zu überwinden, "das Biest zu füttern". Ihr gefällt, wie der Film den größeren Kontext herstellt zwischen den Menschen, den Orten, der Politik jener Zeit.

Dann lernt sie eine Lektorin von Random House kennen, die ihr vorschlägt ein Buch im Stil von Joyce Johnsons "Minor Characters" zu schreiben, einer Schilderung von Johnsons Leben als Freundin von Jack Kerouac. 

Als ihr Sohn schließlich meint: "Die Leute schreiben seit Jahren eine Version von dir. Es ist Zeit, dass du die wahre Geschichte erzählst", ergibt das plötzlich für Suze einen Sinn. 

Ihre Memoiren "A Freewheelin' Time: A Memoir of Greenwich Village in the Sixties" erscheinen dann am 13. Mai 2008 bei Broadway Books. Darin beschreibt sie nun selbst ihre Zeit mit Dylan und die Folk-Szene in Greenwich Village. Dieser Ära, die "eine Sprache der Neugier, des Forscherdrangs und der Rebellion gegen die erdrückende und repressive politische und soziale Kultur des vorhergehenden Jahrzehnts" geprägt hat, will sie ein Denkmal setzen. Das Buch kommt gut an.

"Sie war froh, dass sie es veröffentlicht hat, weil es die Neugier der Leute auf ihre Beziehung zu Dylan etwas befriedigt hat", konstatiert ihr Sohn nach ihrem baldigen Tod, und fügt hinzu, dass es in dem Buch "um ihr Leben geht – darum, wer sie war – und nicht nur darum, die Freundin dieses Mannes zu sein."

Bei ihr wird schließlich Lungenkrebs festgestellt. Suze Rotolo stirbt am Abend des 24. Februar 2011 im Alter von 67 Jahren in ihrem Loft in Noho (New York) in den Armen ihres Ehemannes Enzo, mit dem sie über 40 Jahre verheiratet gewesen ist. Ihre Asche wird ihrer Familie übergeben.

Ich kann gut verstehen, das Suze Rotolo diese kurze Spanne in ihrem Leben an der Seite eines hochberühmten Mannes wie "an elephant in the room of my life" empfunden und sich so gut es ging, dagegen gewappnet hat, nicht als ganz,ganz eigene Person wahrgenommen zu werden. Mir hat das Achtung & Respekt eingeflösst.

                                                                   


Und hier empfehle ich euch wieder ein paar andere Frauenporträts
zum Kennenlernen:


Sonntag, 8. März 2026

Great Women #448: Johanna Ey

Nein, heute ist nicht Donnerstag, der Tag, an dem ich euch sonst beeindruckende Frauen vorstelle. Aber heute ist Weltfrauentag, da passt das schon. Denn am vergangenen Donnerstag war der Post wegen meiner Hardware-Probleme nicht fertig. Das Problem ist inzwischen behoben, und ich habe mich gleich an die Vervollständigung meines Beitrags zu der heutigen Frau gesetzt. Die wirkte einst in meiner unmittelbaren Umgebung, dem Rheinland, und auch auf dem Gefilde, auf dem ich mich selbst seit über fünfzig Jahren gerne bewege: Der Kunst. Hierzulande umgibt sie ein Nimbus wie er die beiden Frauen meiner letzten Porträts weltweit umgibt. Dabei hat sie weder gemalt, geschrieben, musiziert, geforscht, aber dennoch einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander in der Kultur geleistet: Johanna Ey.

"Am 4. März 1864 in Wick­rath Kreis Gre­ven­broich bin ich ge­bo­ren als Kind ar­mer El­tern. 
Mein Va­ter war Trin­ker, mei­ne Mut­ter ei­ne ge­dul­di­ge treue, bra­ve Frau. 
Wir Kin­der zu 5, ich war die jüngs­te, leb­ten je­den Tag in Angst, was da kam."
 
So be­ginnt Jo­han­na Ey ih­re 1936 ent­stan­de­ne Le­bens­be­schrei­bung mit dem Tag ihrer Geburt fast auf den Tag genau vor 162 Jahren, damals noch unter dem Namen Johanna Stocken. Besagter Vater ist Peter Stocken, 40 Jahre alt und von Beruf Weber, ihre duldsame Mutter die 44 Jahre alte Johanna Engels. Es ist das typische länd­li­che ka­tho­li­sche Ar­bei­ter­mi­lieu des Nie­der­rheins, dem sie entstammt. Ihr Vater ist ein stolzer, intelligenter Mann, der es immerhin vom Tagelöhnersohn zu etwas gebracht hat, dazu ausgesprochen fähig in seinem Beruf, aber eben auch dem Alkohol verfallen. Johanna ist, wie oben zitiert das "Nesthäkchen" der Familie, besucht die Volksschule und - wie es damals auch in meiner bäuerlichen Vaterfamilie Usus gewesen ist - muss sich, obwohl eine gute Schülerin, mit vierzehn Jahren als Dienstmädchen verdingen, um den ohnehin schlecht alimentierten Eltern nicht mehr auf der Tasche zu liegen.

Wie es auch bei meinen Tanten üblich gewesen ist, geht die junge Frau auf der Suche nach einem besseren Auskommen in die große Stadt, in Johannas Fall ist das das 33 Kilometer entfernte Düsseldorf, das um 1880 im Rahmen der Industrialisierung boomt. Mit der Pferdebahn reist sie dorthin, den Pappkoffer in der Hand. Stellen als Dienstmädchen in bürgerlich-wohlbestellten Haushaltungen findet sie immer wieder und wohnen kann sie in elenden Massenunterkünften mit jungen Frauen in der gleichen ausgebeuteten Situation.

Dort in Düsseldorf lernt sie den aus Schle­si­en stam­men­den gleichaltrigen Bier­brau­er Ro­bert Ey kennen und - auch da ist sie kein Einzelfall, sondern teilt das Schicksal vieler junger Mädchen dieser Zeit - wird bald schwanger von ihm. Auch da reagiert ihre Familie wieder typisch für die Gepflogenheit jener scheinheillig-betulichen Epoche: Um den eigenen Ruf nicht zu schädigen, schmeißt der Vater sie aus der elterlichen Wohnung. Johanna  flüchtet sich zu Ver­wand­ten nach Bel­gi­en, wo sie mit 21 Jah­ren ihr ers­tes Kind , Klara, zur Welt bringt. Das gibt sie anschließend zu ihrer Schwester.
1900

Zurück in Düsseldorf stolpert sie Robert Ey eher zufällig wieder über die Füße. Der gibt sich zunächst fürsorglich, und Johanna glaubt sich angekommen an einem Ort ohne Angst. Alsbald ist sie erneut schwanger.

1880 heiraten sie "ohne Gepränge" und starten ins Familienleben in einem möblierten Zimmer mit Küchenbenutzung. Johanna kommt allerdings mit ihm als Ehemann vom Regen in die Traufe, denn Robert, unzufrieden mit seiner Arbeit in der Brauerei, entpuppt sich als unangenehmer, gewalttätiger Zeitgenosse und ebenfalls als Trinker wie der Vater. Bis kurz vor der Geburt des Kindes arbeitet sie bei "ihrem" Kommerzienrat. Ihrem Wunsch, die Erstgeborene zu sich zu holen, widersetzt der Ehemann sich. Was soll er mit gleich zwei "Bälgern"

Aber insgesamt zwölf Mal wird er Johanna schwängern, nur vier Kinder werden überleben. Der nun geborene kleine Junge gehört nicht dazu, erst Maria, das nächste Kind, bleibt ihr. Da ist sie sechsundzwanzig. Auf Maria folgt Paul, dann Herrmann, Anna Elisabeth "Lisbeth" und schließlich Robert, der nur zwei Jahre alt wird. Es folgen Fehl- & Totgeburten, während die Eys aufgrund der Wechsel seines Arbeitsplatzes bei diversen Brauereien am Niederrhein hin und her ziehen, bis sie wieder in Düsseldorf  in der Kaiserswerther Straße landen. Seine Wut auf sein verpfuschtes Leben lässt Robert an Frau & Kindern aus. Doch Johanna, anders als die duldsame Mutter, wehrt sich, besonders wenn die Kinder von seinen Gewalttaten betroffen sind.

Schließlich schlägt Robert Ey 1904  die Tür endgültig hinter sich zu, wie er es immer angedroht hat, geht nach Berlin und lässt die Vierzigjährige mit den vier Kindern mittellos zurück. 

1908 er­folg­t die Schei­dung, die zwei Jahre später rechts­kräf­tig wird. Das ist ein ent­schei­den­der Schritt für ih­ren wei­te­ren Le­bens­weg, denn da­mit er­lang­t sie nach dem da­ma­li­gen Recht ih­re Selbst­stän­dig­keit und Hand­lungs­frei­heit. Johanna hat bereits vor der Trennung als Bäckereiverkäuferin gearbeitet, Geld zurückgelegt und kann mit 43 Jahren 1907 eine eigene Backstube mit Kaffeeausschank an der Ratinger Straße eröffnen, aus der sich die legendäre "Kaffeestube" entwickeln wird, die nicht weit entfernt - "öm de Eck" - von der Düsseldorfer Kunstakademie liegt. Niemand hat ihr das zugetraut, ihr Ehemann schon gar nicht. Die beiden Töchter unterstützen sie dabei, die inzwischen siebzehnjährige Maria schmeißt dabei den Haushalt der Familie, die Jungen tragen Brot & Brötchen aus, am Wochenende Zeitungen und lernen zudem in einer Maschinenfabrik Dreher bzw. Schlosser.

Von links nach rechts: Walter Ophey, Hans Thuar, August Deusser, Heinz Wever


Es handelt sich gleichzeitig um ein Café, einen Imbiss mit Mittagessen wie um eine Tischgemeinschaft mit Abendbrot und dort finden sich alsbald Dozenten wie Studierende der Kunstakademie & Theaterleute ein. Der Maler Walter Ophey von der Gruppe "Sonderbundist der Erste, der alsbald die Reklametrommel für Johannas Geschäft rühren wird. Aus eigenem Erleben kennt diese Hunger & Armut und versteht die Nöte & Sorgen der jungen minderbemittelten Maler & Bildhauer. Sie bietet ihr Essen und Trinken preiswert an, lässt, wenn nötig, in ihrem "Pumpbuch" anschreiben oder sich mit kleinen Zeichnungen bezahlen. Das Schaufenster der Kaffeestube wird öfter zur ersten öffentlichen Bühne für die jungen Künstler. Und so macht auch Johanna Ey die Bekanntschaft mit der Kunst und den Künstlern, darunter Hans Thuar, der Freund August Mackes, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt und der Ansicht ist, dass man sich das Leben nicht vermiesen lassen dürfe. August Deusser ist einer der Ersten, der eine Zeichnung von der drallen Bäckerin anfertigt, wie sie mit den Broten jongliert. Die Zeichnung schmückt eine Wand in der Stube. Der Sauerländer Maler Heinz Wever wiederum ist derjenige, der seinen Kaffee mit einem Bild bezahlen will, eingewickelt in Zeitungspapier. Johanna nimmt es in "Kommission". Auch das also ein allererster Anfang.

In Folge des 1. Weltkrieges muss Johanna den Treffpunkt schließen, denn die Kundschaft - zum Kriegsdienst eingezogen - bleibt immer mehr aus. Sie findet anschließend ihr Auskommen in einer Fabrik, die Militärkleidung von Verwundeten & Gefallenen repariert, was ihr immer mehr Übelkeit verursacht. 1916 traut sie sich einen auf den ersten Blick gewagten Schritt zu: Überzeugt von ihrer Geschäftstüchtigkeit - "wer Brötchen verkaufen kann, kann auch Kunst verkaufen" - und wohl auch von ihrem frisch erworbenen Sinn für Kunst und Künstler, eröffnet sie eine Galerie auf dem Hindenburgwall 11, der heutigen Heinrich-Heine-Allee. In der werden die Produkte der immer noch tonangebenden, traditionsreichen Düsseldorfer Malerschule präsentiert.

Das Kriegsende und die Revolution verändern auch in Düsseldorf die Kunstszene: Frühere Studenten kehren aus dem Krieg zurück, darunter auch ­Otto Pankok aus Mülheim an der Ruhr, der Johanna noch aus der Kaffeestubenzeit kennt.­ Im Ge­fol­ge hat­ er den aus Dres­den stam­men­den Gert H. Wollheim. Beide sind ent­schie­den dem neuen Stil des Expressionismus ver­pflich­tet. 

Von links nach rechts: Otto Pankok, Gert H. Wollheim, Otto Dix, Max Ernst

So kommt neuer Schwung in die Düsseldorfer Szene: 1919 wird die Künst­ler­ver­ei­ni­gung „Das Jun­ge Rhein­lan­d“ ge­grün­det, die sich als Platt­form für mo­der­ne Kunst ver­steht und west­deut­schen Künst­lern ei­ne grö­ße­re Be­ach­tung ver­schaf­fen will. Die ers­te Aus­stel­lung der Grup­pe findet in der Düsseldorfer Kunst­hal­le statt, die nur ei­nen Stein­wurf von Jo­han­na Eys Ga­le­rie ent­fernt ist.

Pankok & Wollheim bringen ihre ei­ge­nen Wer­ke zu Johanna mit, und die stell­t ih­nen ei­nes ih­rer zwei Schau­fens­ter zur Ver­fü­gung. Im Nu bil­de­t sich ei­ne Men­schen­trau­be vor ih­rem La­den, und des Volkes Stimme ertönt & missbilligt ­die un­ge­wohn­ten Bil­der: "Morgens erwachte ich von Johlen und Schimpfen."

Jo­han­na reagiert trotzig - selbstbewusst und beschließt, von nun an nur noch mo­der­ne Künst­ler aus­zu­stel­len. Ab 1920 fir­mier­t ih­re Ga­le­rie un­ter dem stolzen Na­men „Neue Kunst Frau Ey“ und ist gleichzeitig die Geschäftsstelle des „Jungen Rheinlands", gegründet am 24. Februar 1919 von Adolf Uzarski, einem kommunistischen Maler & Schriftsteller, zusammen mit Arthur Kaufmann und Herbert Eulenberg. Pankok & Wollheim unterhalten auch kurzzeitig eine Zeitschrift mit dem Titel „Das Ey“. 1921 zeigt „das Ey“ in ihrer Galerie die erste Einzelausstellung des Brühler Malers Max Ernst. Ihm finanziert sie 1924 sogar eine Reise nach Saigon. Er überlässt ihr dafür freilich sämtliche Werke aus seiner Pariser Zeit. Mit beharrlicher Akquise gelingt es Johanna, den Dresdner Maler Otto Dix aus seiner Heimatstadt nach Düsseldorf zu locken:
"Ich bat Dix er möchte mir sein Foto schicken und da er mir auch gefiel, ein offenes, freches Gesicht hatte, lud ich ihn ein zu uns 14 Tage zu besuchen und unser Gast zu sein."
Zu einer Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle, an der die von ihr geförderten Künstler auch beteiligt sind, schreiben die "Düsseldorfer Nachrichten" 1921:
"In dem Hause Ey, in dem sie bisher ihre Werke zur Schau stellten, hätten die Wollheim, Schwesig und Pankok, um einige der peinlichsten Vertreter dieser jüngsten Manier zu nennen, bleiben sollen. Sie gehören nicht in die Gemeinschaft von Künstlern, die Verantwortungsgefühl haben."
In kürzester Zeit ist Düsseldorf zur Speerspitze der Avantgarde  in der deutschen Nachkriegsmalerei geworden, und Johanna bietet den Stürmern & Drängern einen Zirkel, dessen kurioser Mittelpunkt sie, die wenig formal Gebildete, aber Mutige, Eigensinnige ist. Auf unzähligen Fo­tos, Zeich­nun­gen und Skiz­zen wird diese Ge­mein­schaft der Künst­ler rund um die Ga­le­ristin fest­ge­hal­ten. Jo­han­na selbst wird viele Ma­le por­trä­tiert, und das bringt ihr den Ruf ein, die meist gemalte Frau Deutschlands zu sein, wie es die "Berliner Illustrirte Zeitung" 1930 verkünden wird. Allein hundert Porträts befinden sich  heute in der Sammlung des Düsseldorfer Stadtmuseums. Das "Staats­por­trät" von Ot­to Dix hängt heu­te allerdings in der Kunst­samm­lung Nord­rhein-West­fa­len, mitten in Düsseldorf. 
Mit dem Kölner Sammler Josef Haubrich
(1928)

Künst­le­rin­nen, die in den 1920er Jah­re auch im Rhein­land ver­mehrt zu finden sind ( Marta Worringer, Marta Hegemann, Lotte B. Prechner z.B. habe ich schon im Blog porträtiert ), finden sich so gut wie gar nicht im Kreis Johannas - Aus­nah­me ist die Lebensgefährtin Wollheims, die Tän­ze­rin Tat­ja­na Bar­ba­koff. Es heißt, "Mut­ter Ey" ist nur den Söh­nen Mut­ter gewesen. Die Fünfzigjährige fühlt sich halt nur wohl inmitten adretter junger Männer. Schon ganz am Anfang ihres Geschäftes sorgt sie dafür, dass  die auf  Pump an die jungen Künstler ausgegebenen Esswaren nicht an die jungen Modelle der Studenten gelangen.

Ob sie nun tatsächlich die "armen hungernden" Künstler selbstlos oder aus alltagstauglichem, robustem Geschäftssinn, um den eigenen Unterhalt zu sichern, fördert oder ob die Künstler sie aus ebensolchem Kalkül zu einer Art Heiligenfigur der Düsseldorfer Kunstszene aufbauen - das ist die offene Frage. Der Kunstbetrieb ist ja schon damals wie auch heute ein berechnendes Metier... 

1923 kommt es unter der Führung Uzarskis, der sich gegenüber Max Ernst und Gert Wollheim zurückgesetzt fühlt, zu Auseinandersetzungen unter den Künstlern und zu einer Spaltung der Gruppe. Otto Dix ist im Vorjahr Meisterschüler von Heinrich Nauen - ebenfalls ein Niederrheiner - geworden und zieht der Mitgliedschaft im "Jungen Rheinland" nun eine Akademieprofessur vor, was im Kreis um Johanna Ey zumindest vorübergehend als Verrat ausgelegt wird, obwohl ein gemäßigter Expres­sionist an der Kunstakademie eigentlich ein Beleg für deren Erneuerung ist. 

Fünf Jahre später werden sie sich alle wieder unter dem Dach der "Rhei­ni­sche Se­zes­si­on" zusammenfinden, ausgestellt wird aber weiterhin getrennt. Wollheim und Dix, die Vertrauten Johannas verlassen 1925 Düsseldorf. Doch mit dem neuen Direktor der Düsseldorfer Akademie, Walter Kaesbach, erlangen die modernen Künstler - und damit auch Johannas Galerie - eine größere gesellschaftliche Akzeptanz.

Vor ihrer Galerie
(1929)
1926 lernt die inzwischen 62jährige Jo­han­na den mal­l­or­qui­ni­schen Ma­ler und Dich­ter Ja­co­bo Su­re­da ( hier ein gemeinsames Foto ) kenn­en, der ihr seinen ersten Gedichtband widmet. Sie be­such­t ihn im fol­gen­den Jahr mit Gert H. Woll­heim und an­de­ren. Die­se Rei­se wird sie in spä­te­ren Jah­ren mehr­fach als schöns­te Zeit ih­res Le­bens be­zeich­nen. Nach dieser Reise schmückt Johanna sich mit einem Schleier, der Mantilla, oder dem spanischen Kamm und tanzt auf unterschiedlichen Festen mit Kastagnetten. Das hat Otto Dix in seinem oben erwähnten Gemälde aufgegriffen. 1933 reist sie ein zweites Mal, nun alleine, zu dem unterdessen schwer lungen­krank­en Freund.

Als sie 1929 ihren 65. Geburtstag feiern kann, telegrafiert ihr ihr "Mäxchen" ( Max Ernst ) aus Paris humorvolle Verse, animiert von dem allseits bekannten Kirchenlied:

Großes Ey, wir loben dich!
Ey, wir preisen deine Stärke!
Vor dir neigt das Rheinland sich
und kauft gern und billig deine Werke!

Mittlerweile ist Johanna ei­ne po­pu­lä­re Per­sön­lich­keit ihrer Zeit. Ihre Ge­schich­te vom Auf­stieg aus ein­fa­chstem Mi­lieu in die Welt der Kunst und ihr Wesen, ei­ne Mi­schung aus rhei­ni­schem Ori­gi­nal, mütterlicher Fürsorglichkeit und pa­ten­ter Ge­schäfts­frau fas­zi­nier­t die Zeit­ge­nos­sen. Doch die Jahre der Wirtschaftskrise stürzen auch Johanna wie abertausende Mitmenschen in den finanziellen Ruin. Sie kann ihre Miete nicht mehr aufbringen und ein Sparkassendarlehn nicht abbezahlen. Ihr La­den­lo­kal auf dem Hin­den­burg­wall muss sie auf­ge­ben. Die Stadt verzichtet zwar auf eine Räumungsklage und überlässt ihr zunächst die Immobilie mietfrei, später bietet sie neue Räume, in die sie mit Unterstützung "ihrer" Künstler umzieht.

Obwohl sie wirtschaftlich klamm ist, gelingt es ihr in den Jah­ren 1931/32 ei­ne Wan­der­aus­stel­lung ih­rer ei­ge­nen be­deu­ten­den Samm­lung zu organisieren, zu der sie auch ei­nen Extra- Ka­ta­log her­aus­bringt, und die sie im Köl­ni­schen Kunst­ver­ein und weiter in Königsberg, Mannheim und Wiesbaden zeigt. Für das Jahr 1933 fasst sie so­gar ei­ne Prä­sen­ta­ti­on ihrer Sammlung auf der Welt­aus­stel­lung in Chi­ca­go ins Auge.

Doch mit der Übernahme der Regierungsgewalt durch die Nazis wenig später ändern sich die Bedingungen radikal. 1933 verliert Johanna einen Prozess gegen die nun NS-konforme Stadtverwaltung und die zuvor so gefeierte Kunsthändlerin muss Wohnung und Galerie räumen. Die Sammlung mit Werken von Jankel Adler, Otto Dix, Max Ernst, Otto Pankok, Karl Schwesig, Gert H. Wollheim und Adalbert Trillhaase, dem "deutschen Henri Rousseau", werden zwecks Be­glei­chung ih­rer angelaufenen Mietschul­den  beschlagnahmt. 

Zermürbt durch Boykotte und Schikanen gibt Johanna schließlich auf. Wieder einmal kämpft sie am Rande der Existenz. Ei­ne wei­ter­reichende Ver­fol­gung durch das NS-Re­gime ist nicht be­kannt, Johannas Kin­der werden aber 1959 nach dem Bun­des­ent­schä­di­gungs­ge­setz we­gen Scha­dens ih­rer Mut­ter im be­ruf­li­chen Fort­kom­men durch Ver­drän­gung aus ei­ner selbst­stän­di­gen Er­werbs­tä­tig­keit ent­schä­digt wer­den. Die Reichskammer der bildenden Künste verfügt im März 1938 auch die Auflösung der "Rheinischen Sezession", da in ihr der Geist "...jener Kreise der Vergangenheit, die sich um Flechtheim, Frau Ey u.a. scharten" noch immer vorhanden sei.

Es gelingt Johanna aber nach Einstellung ihrer offiziellen Galeristentätigkeit noch, einen Hort für Geschundene, einen Treffpunkt für Kommunisten, Exilanten und Verfolgte aufrechtzuerhalten. Kein Schicksalsschlag scheint sie völlig zu Boden zu werfen. Auch scheint sie noch in be­grenz­tem Um­fang mit Kunst zu handeln und be­sitzt nach wie vor ei­nen gewissen Be­stand an Kunst­wer­ken, teils ein­ge­la­gert, teils in ih­rer neu­en, beengten Woh­nung in einem Atelierhaus in der Stockkampstraße im Düs­sel­dor­fer Stadt­teil Pem­pel­fort. Auch dort verfolgen sie noch die Gerichtsvollzieher. 1936 ver­fass­t sie ih­re Er­in­ne­run­gen, doch fällt es schwer zu glau­ben, dass sie ernst­haft an die Mög­lich­keit ei­ner Ver­öf­fent­li­chung ge­dacht hat. 

Wie sie den Zweiten Weltkrieg überstanden hat, liegt allerdings weitgehend im Dunkeln. Es scheint, dass sie zwischen Niedergeschlagenheit und der Fä­hig­keit zur Selbst­be­haup­tung  schwankt. 1943 überlebt sie einen Bombenangriff im Keller ihres Wohnhauses. Ihr Sohn Paul verschafft ihr die Möglichkeit, nach Hamburg zu reisen, wo sie zeitweise bei ihrer Tochter Maria bzw. deren Tochter Irene in Reinbek unterkommt. Dort erlebt sie das Kriegsinferno, das die Hafenstadt überzieht, dort leidet sie nach Kriegsende unter Hunger und Not. 

Im März 1946 kehrt sie in Begleitung von Maria nach Düsseldorf, mittlerweile unter britischer Besatzung, zurück, trifft dort ihre anderen Kinder wieder und gründet die "Mutter Ey GmbH", um nochmals ein Café plus Galerie zu etablieren. Gegen den Begriff "Mutter" wehrt sie sich erfolglos. In der Flingerstraße 2-6 in der Düsseldorfer Altstadt erhält sie eine Wohnung und Räume für das Projekt. Ih­re Rück­kehr ist ein öf­fent­li­ches Er­eig­nis, das in der Lo­kal­po­li­tik und den lo­ka­len Zei­tun­gen ih­ren Wi­der­hall findet. Die Stadt­ver­ord­ne­ten er­nennen Johanna im Ok­to­ber 1946 zur Eh­ren­bür­ge­rin.  

Ihren 83. Geburtstag feiert sie noch mit Malerfreunden wie Otto Pankok und Robert Pudlich. Doch den Trubel um sie mag sie immer weniger, das ganze "Gedrisse" wird ihr zu viel. Im August 1947 zieht sie sich wohl eine heftige Erkältung zu und stirbt am 27. August. Drei Tage später wird sie in einem Ehrengrab auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof beigesetzt.

Nun gerät sie zunächst einmal fast in Vergessenheit. Erst nach Interventionen - u.a. durch Heinrich Böll - setzt erneut der Rummel um die unkonven­tionelle Frau ein. Danach wird 1966 die Mutter-Ey-Straße und 2017 der Mutter-Ey-Platz benannt, wo ihr zu Ehren ein Denkmal, entworfen von Bert Ger­res­heim, aufgestellt wird. Im Spee’schen Park be­fin­det sich die Skulp­tur "Mut­ter Ey" von Han­ne­lo­re Köh­ler (1978), im Mal­kas­ten­park ei­ne gleich­na­mi­ge Plas­tik der Künst­le­rin Ger­da Katz (1985). In der Neubrückstraße am Mutter-Ey-Platz etabliert sich das Mutter-Ey-Kunst-Café, mit einem 2 × 3 Meter großen leuchtenden Spruch "Mutter EY lebt!" und dem ebenfalls 2017 als Hommage entstandenen Leuchtbild des Künstlers HA Schult. In ih­rem Hei­mat­ort Wick­rath er­in­nern ei­ne nach ihr be­nann­te Stra­ße und ei­ne Skulp­tur von Pe­ter Rüb­sam (1989) an Jo­hann Ey.

Sie wird  jetzt endgültig zur Legende, allerdings als "Mutter Ey", ein Bezeichnung, die sie nie gemocht und gegen die sie sich ein halbes Leben lang vergeblich gewehrt hat, wie Peter Barth 1984 im Katalog anlässlich der ersten Ey-Ausstellung in der Düsseldorfer Galerie Remmert und Barth geschrieben hat. "Nennt mich nicht Mutter!", habe sie immer wieder gebeten. 

Beeindruckend aber, wie bis heute ihr Einfluss, ihre Lebensgeschichte und ihr Engagement für die Kunst gefeiert und geehrt werden!
                                                                   

Weitere bemerkenswerte Frauen wie Johanna Ey 
haben in dieser Wochen einen Gedenktag -
schaut mal im Blog vorbei!