Wer die zweite Welle der Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts mitgetragen hat, der ist die heutige Great Woman nicht fremd geblieben, denn Sylvia Plath war eine Symbolfigur für den Zustand der Geschlechterbeziehungen im demokratischen Westen. Ihr Roman "Die Glasglocke" gehörte auch für mich zu meinem damaligen Lektüre-Kanon. Ist jetzt alles schon "verdamp lang her, verdamp lang" - ihr Todestag jährte sich gestern zum 60 Male. Zeit, an sie zu erinnern!
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| Otto Plath |
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| 1937 |
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| Mit Bruder (1941) |
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| Mit Mutter & Bruder (1949) |
Sylvia schreibt Gedichte und Geschichten, die z.B. in der Kinderbeilage des "Boston Herald" im August 1941 und im "Phillipian", dem Organ der Higschool gleichen Namens in der Nähe Bostons in den Jahren 1945 und 1946 publiziert werden. Außerdem betätigt sie sich als Mitherausgeberin der Schülerzeitung "The Bradford".
Ihren ersten größeren literarischen Erfolg hat Sylvia dann im August 1950, als ihre erste Geschichte "And Summer Will Not Come Again" im Magazin "Seventeen" veröffentlicht wird. Mit großer Beharrlichkeit hat sie das erreicht, hat sie doch zuvor nach Aussagen ihrer Mutter 45 Absagen einstecken müssen.
Neben ihren intellektuellen Ambitionen kümmert sie sich auch banalere Dinge wie Geldverdienen in den Ferien mit Kellnern, Babysitten und in der Landwirtschaft und die rege Pflege von dates mit Jungen ihres Ortes.
1950 erhält sie einen Studienplatz am prestigeträchtigen Smith College in Northampton, dem größten Frauencollege der USA und eines der angesehensten der Welt. Damit erfüllen sich ihre und die Träume ihrer Mutter: In ihren ersten Briefen nach Hause drückt sie wiederholt ihre Freude darüber aus, ein "Smith girl" zu sein. Auch dort gibt sie wieder eine Zeitung - "The Smith Review" - heraus.
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| Zeitungsmeldung (1953) |
Einige Wochen später ritzt Sylvia sich die Beine, "um zu sehen, ob sie genug Mut hatte, sich umzubringen". Und dann passiert noch, dass sie nicht zu einem Schreibseminar der Harvard University zugelassen wird. Das scheint der letzte Auslöser bei der vom Ehrgeiz & von den Erwartungen an eine junge Frau dieser Zeit erschöpfte Zwanzigjährige gewesen zu sein:
Am 24. August 1953 versteckt sie sich im Kriechkeller unter dem Haus ihrer Familie, ausgestattet mit Wasser und den hochdosierten Schlafmitteln, die ihre Mutter in einer verschlossenen Kassette aufbewahrt hat. Sie verbringt zwei Tage im Schlafkoma, bis sie von ihrem Bruder gefunden und im McLean-Hospital am Rande von Boston stationär aufgenommen wird.
Sie wird schließlich in eine psychiatrische Einrichtung in Boston überstellt, die, ohne dass eine Psychose oder Schizophrenie diagnostiziert worden ist, einer Insulinschocktherapie unterzogen. Wie lange das dadurch initiierte künstliche Koma angedauert hat, dem sie täglich ausgesetzt wird, weiß man nicht. Man weiß aber durch sie selber, wie sie die Elektroschocks erlebt hat, denen sie ebenfalls unterzogen wird:
"Dann bog sich etwas herunter und griff mich und schüttelte mich, wie das Ende der Welt. Wiiiiiii schrillte es durch berstende Luft in blauem Licht, und mit jedem Blitz fuhr ein riesiger Schlag auf mich nieder, dass ich glaubte, meine Knochen würden brechen und der Saft würde aus mir herausjagen wie aus einer aufgeschlitzten Pflanze. Was hatte ich denn nur Furchtbares getan?", beschreibt sie die Tortur später in ihrem Roman.
Als Sylvia Mitte Oktober mit finanzieller Unterstützung ihrer Gönnerin, der Philanthropin Olive Higgins Prouty, in ein Privatsanatorium wechseln kann, ist sie nicht mehr fähig, Buchstaben zu erkennen, geschweige denn zu schreiben. Durch den Langmut ihres Englischlehrers von der High School, der sie regelmäßig besucht, erwirbt sie die Fähigkeit langsam wieder.
Nach einem halben Jahr wird Sylvia als geheilt entlassen. Sie wird mit Ratschlägen und Techniken "ausgestattet", wie sie sich selbst beruhigen kann und sich funktionsfähig erhält. Ihr Suizidversuch wird als eine Störung betrachtet, nach der man umso energischer das alte Programm wieder aufnehmen muss, i.e. Leistung auf allen Gebieten. Die Angst vor einer Therapie mit Elektroschocks wird die junge Frau Zeit ihres Lebens bestimmen. Ihr Vertrauen darin, ihren Körper und Geist beschützen zu können, ist auf jeden Fall dahin.
Rechtzeitig zum zweiten Semester des nächsten Studienjahres kann sie an die Universität zurückkehren. Dort beginnt sie mit den Vorbereitungen für ihre Abschlussarbeit. Danach, 1955, ermöglicht ihr ein Fulbright-Stipendium den Wechsel ans Newnham College der Universität Cambridge in England.
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| In Cambridge ( ca.1956/57 ) |
Kulturelle Missverständnisse prägen diese Zeit in Europa, denn die Unterschiede zwischen englischen und amerikanischen Gepflogenheiten sind Sylvia nicht geläufig, was sie auch immer wieder literarisch beschäftigt. In Cambridge ist sie als streberische, schrille Amerikanerin verschrieen, "die eher in eine Seifenwerbung gehörte als an die Universität" ( Markus Gasser ).
Während ihrer ersten Weihnachtsferien in Europa reist sie noch einmal zu Richard Sassoon, mit dem sie schon in den USA liiert gewesen ist und der damals an der Sorbonne studiert, nach Paris und weiter mit ihm nach Südfrankreich. Liebe scheint ihr die einzige Möglichkeit, dass ihr niemand etwas anhaben kann. Zu dieser Zeit fallen ihr die neuesten Gedichte eines gewissen Edward "Ted" James Hughes in die Hände. Eines spricht sie besonders an: Da ist von einer uralten Gewalt die Rede, was ihr ein Gefühl von Geborgenheit gibt.
Im Februar 1956 lernt Sylvia auf der Gründungsfeier einer kurzlebigen Literaturzeitschrift den Dichter persönlich kennen: Die von den Dämonen ihrer Kindheit besessene Amerikanerin und der Schamane mit Wurzeln im halbmythischen Königreich von Elmet werden schnell ein Liebespaar & alsbald auch das Traumpaar der angelsächsischen Literatur.
Bereits am 16. Juni 1956 heiraten Sylvia Plath und Ted Hughes, am "Bloomsday" des "Ulysses" von James Joyce ( siehe auch dieser & dieser Post ). Sylvia beschreibt ihrem Bruder Warren (Quelle hier) in einem Brief die Zeremonie:Der ist 17. August 1930 als Edward James Hughes in Mytholmroyd in West Yorkshire, England geboren und in Mexborough in South Yorkshire aufgewachsen. Zwei Jahre arbeitet er als Radiomechaniker bei der Royal Air Force, bis er ein Studium aufnimmt, zunächst der englischen Literatur, später der Archäologie und Anthropologie an der Universität Cambridge. 1954 schließt er es erfolgreich ab. Nach seinem Studium muss er sich aber einige Jahre als Gärtner, Zoowärter, Nachtwächter, Lektor eines Filmstudios , Lehrer durchschlagen, bevor er 1957 sich mit seine ersten Gedichtband "The Hawk in the Rain" internationales Ansehen verschaffen kann.
"Ich stand in der kleinen, düsteren Kirche, draußen strömte der Regen, und wir sprachen die schönsten Worte der Welt als unser Eheversprechen. Der Vikar war zweiter Zeuge, und der liebe Reverend, ein alter, helläugiger Mann (der direkt gegenüber von Charles Dickens' Haus wohnt!), küsste meine Wange, und Tränen rannen mir wie Regen über die Wangen – ich war so glücklich mit meinem lieben, wundervollen Ted",
16. Juni 1956
"Eine Schreibmaschine stand auf einem kleinen Tisch am Fenster, und sie wechselten sich ab, während der eine eine Schicht arbeitete, passte der andere auf das Baby. Nachts räumten sie die Maschine weg, um Platz für das Kinderbett zu schaffen."
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| 1962 |
Nach einer Fehlgeburt & einer Blinddarm-Operation kann die junge Mutter einen ersten Entwurf für ihren Roman schreiben. Um der Enge in der Londoner Wohnung & den hohen Lebenshaltungskosten in der Stadt zu entgehen, kauft sich das Paar ein großes, baufälliges Reetdachhaus in dem Dorf North Tawton in Devon und zieht dort Ende August 1961 ein. Anfang 1962 kommt Nicholas Farrar, ihr zweites Kind, zur Welt.
Wieder offenbart ihr Tagebuch die widersprüchlichsten Gefühle. In den Briefen an die Mutter dagegen lesen wir ständig vom Glück der Überfliegerin in all den Bereichen, die eine Frau je ausfüllen kann. Tatsächlich verzweifelt sie aber an den ständigen Unterbrechungen, den seltsamen Sitten der Einheimischen und dem Druck, sich dem Dorfleben anzupassen.
Allerdings gelingt es Sylvia in dieser Zeit ebenfalls, so etwas wie eine Schreibroutine zu entwickeln. In den neuen Gedichten kann man jedoch eine subtile Veränderung in der bis dahin fruchtbaren Beziehung zwischen Hughes und ihr ablesen: Sie handeln nun von der Unbeständigkeit ihrer Liebe - eine schreckliche Erkenntnis für die Dichterin. Tatsächlich hat sie mitbekommen, wie ihr Mann eine Besucherin in ihrem Zuhause, Assia Wevill, küsst. Er müsse alle sieben Jahre sein Leben mal in die Luft jagen, so Hughes, und er benötige eine Trennung auf Zeit, als sie ihn zur Rede stellt.
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| Das Haus, in dem Sylvia Plath in ihren letzten Wochen gelebt hat CC BY 2.0 |
Im Januar, einige Wochen vorher, ist ihr einziger Roman "Die Glasglocke" unter dem Pseudonym Victoria Lucas erschienen. Ihrem Freund Al Alvarez gegenüber bezeichnet sie den als "autobiografische Lehrlingsarbeit", die sie habe schreiben müssen, um sich von ihrer Vergangenheit zu befreien. Weniger als ein halbes Jahr hat sie dafür gebraucht, ist im August 1961 fertig geworden. Und während sie an den Ariel-Gedichte sitzt, schickt sie die korrigierten Fahnen des Romans ab.
"Dieser Roman ist ein frühes Manifest gegen ein Demokratieverständnis, das sich auf Konsum, Geld und die puritanische Pflicht zur Ehe beschränkt", so der Kritiker Helmut Böttiger hier aus Anlass der Wiederveröffentlichung 2013.
Am 11. Februar 1963, im Alter von 30 Jahren, dreht Sylvia Plath den Gashahn ihres Herdes auf. Zuvor hat sie ein Schlafmittel genommen und die Küche abgedichtet. Ihre Kinder schlafen ein Stockwerk über ihr. Abschiedsbriefe hat sie hinterlassen sowie einen Zettel mit der Angabe der Telefonnummer ihres Arztes und der Bitte, diesen anzurufen. Hat sie gehofft, noch rechtzeitig aufgefunden zu werden?
Sie wird in der Nähe des Geburtsortes ihres Mannes beigesetzt. Die Kinder leben ab da bei ihm und Assia Wevill, die zu Hughes zieht und sich um diese kümmert. Auch wenn Sylvias Arzt erklärt, dass sie zum Zeitpunkt ihres Selbstmords krank und depressiv, also nicht bei Verstand gewesen und deswegen jede Art psychologischer Erklärung unangemessen sei, bleibt die Rolle des Dichters, der erst 35 Jahre später, mit 68 Jahren, sterben wird, in diesem Drama die eines Betrügers.
Er wird ihre nachgelassenen Ariel - Gedichte zur Veröffentlichung an den Verlag weiter geben, ihren letzten Tagebuchband aber vernichten. Eine Auswahl davon bringt er 1982 heraus. Sein eigenes Schreiben tritt zunächst in den Hintergrund, weil Hughes sich vor allem mit Sylvia Plaths literarischem Nachlass widmet.
I do not want a plain box, I want a sarcophagusWith tigery stripes, and a face on itRound as the moon, to stare up.
In gewisser Weise hat sie so etwas erreicht, oder?













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