Donnerstag, 12. Februar 2026

Great Women #446: Sylvia Plath

Wer die zweite Welle der Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts mitgetragen hat, der ist die heutige Great Woman nicht fremd geblieben, denn Sylvia Plath war eine Symbolfigur für den Zustand der Geschlechterbeziehungen im demokratischen Westen. Ihr Roman "Die Glasglocke" gehörte auch für mich zu meinem damaligen Lektüre-Kanon. Ist jetzt alles schon "verdamp lang her, verdamp lang" - ihr Todestag jährte sich gestern zum 60 Male. Zeit, an sie zu erinnern!
"Why can’t I try on different lives, 
like dresses, to see which fits best 
and is more becoming?
.....
Masken sind heutzutage an der Tagesordnung, 
und das mindeste, was ich tun kann, 
ist die Illusion zu pflegen, 
dass ich fröhlich, ausgeglichen und nicht ängstlich bin."

Sylvia Plath kommt am 27. Oktober 1932 im Bostoner Stadtteil Jamaica Plain zur Welt. Sie ist das erste Kinder ihrer Eltern, der 26jährigen Aurelia Schober, einer in Amerika geborenen Tochter österreichischer Einwanderer, und dem 47jährigen Otto Plath, Entomologe und Biologieprofessor an der Boston University. 

Otto Plath
Der Vater ist im damaligen Deutschen Kaiserreich, genauer gesagt in Grabow in Preußen geboren. Im Alter von fünfzehn ist er in die Vereinigten Staaten ausgewandert, wo seine Großeltern und ein Onkel in Fall Creek, Wisconsin leben. Dort besucht er das College, in dem übrigens ausschließlich Deutsch gesprochen wird. Sein Großvater erklärt sich bereit, ihm ein Studium zu finanzieren, wenn er Pfarrer wird. Otto Plath ist vom Theologiestudium jedoch schnell desillusioniert, bricht es ab und verdient sein Geld mit Deutschunterricht in Seattle, weil ihn der Großvater verstößt. In den folgenden Jahren unterrichtet und studiert er sowohl Deutsch als auch Biologie und erwirbt 1912 den Master of Arts an der University of Washington. 

Während des 1. Weltkrieges wird gegen Otto Plath wegen angeblicher pro-deutscher Sympathien ermittelt. Er wird sogar festgenommen und verliert seine Arbeitsstelle. 1922 kann er wieder an der Boston University lehren und drei Jahre später einen Master of Science an der Harvard University und 1928 dann einen Doktortitel in Naturwissenschaften an der gleichen Einrichtung erwerben. Im Jahr darauf lernt er seine zukünftige Frau als Studentin kennen, und sie heiraten nach der Scheidung von seiner ersten Frau Anfang 1932. In dieser Ehe mit der 21 Jahre Jüngeren erweist Plath sich als starrköpfiger häuslicher Tyrann, der den Haushalt nach dem deutschen Konzept "Ordnung geht über alles" regiert, dazu eifersüchtig & besitzergreifend. Die einst so lebhafte, energische junge Frau unterwirft sich nach vielen Streitereien, weil sie sich ein friedliches Zuhause wünscht.

Aurelia Schobers Familie hat nach der Weltwirtschaftskrise mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, legt dennoch Wert auf eine gute Bildung ihrer Tochter. Sie ist eine sehr gute, disziplinierte Schülerin und schließt als Zweitbeste ihres Jahrgangs ab, kann sich dann aber nicht ihren Traum erfüllen, am renommierten Wellesley College zu studieren. Diese ehrgeizige, intensive Arbeitsmoral von Immigranten - besonders jenen aus dem deutschsprachigen Kulturraum, würde ich sagen - nimmt die Tochter quasi mit der Muttermilch auf und erklärt vielleicht deren späteren Perfektionismus bis zur Neurose. Außerdem identifiziert Sylvia sich mit dem Vater und seiner Power, die allerdings auch destruktive Elemente enthält.

1937
Die Familie Plath erfährt schon anderthalb Jahre nach Sylvias Geburt eine Erweiterung durch einen Bruder, Warren. 1936 zieht die Familie in den Küstenvorort Winthrop, um in der Nähe der Großeltern Schober zu sein. Kurz danach wird der Vater, der immer weiß, wo es lang geht, nie einen Fehler zugibt und dem alle folgen, ernsthaft krank. Seine Selbstdiagnose lautet: Lungenkrebs. Er weigert sich, ärztliche Hilfe zu beanspruchen, und er wird ärgerlich, wenn seine Familie, Freunde & Kollegen darauf drängen. 

Erst 1940 sucht er dann wegen einer Fußinfektion doch einen Arzt auf, der bei ihm fortgeschrittenen Diabetes diagnostiziert. Letztendlich muss ein Bein amputiert werden, nachdem sich die Fußinfektion als Gangrän herausgestellt hat. Kurz darauf, am 5. November 1940, stirbt er mit 55 Jahren. Ein Arzt kommentiert den Tod so: "How could such a brilliant man be so stupid?"

Sylvia ist da gerade acht Jahre alt. Zuvor hat sie dem Vater noch, gekleidet in eine Krankenschwesteruniform  mit ihren langen Zöpfen unter einer gestärkten Haube, regelmäßig Essen und Trinken gereicht. Haben sich ihre ersten Lebensjahre bis dahin angefühlt "wie ein Schiff in einer Flasche abgeschottet – schön, unzugänglich, überholt, ein feiner, weißer, fliegender Mythos", drückt sie ihre Reaktion auf des Vaters Tod später so aus: "The day you died I went into the dirt." 

Das Mädchen verliert seinen unitarisch geprägten Glauben ( "I’ll never speak to God again!" ) und beginnt wenige Wochen später mit dem Schreiben, ab ihrem 11. Lebensjahr dann auch regelmäßig mit dem eines Tagebuchs.

Mit Bruder
(1941)
Nach dem Tod ihres Ehemannes zieht die alleinerziehende Mutter mit den Kindern samt ihren Eltern in ein kleines weißes Holzhaus in Wellesley, einem Vorort westlich von Boston. Aurelia Plath ist durch keine Rente abgesichert, und die Kosten für die Krankheit und Beerdigung ihres Mannes haben all ihre Ersparnisse "aufgefressen". 1942 kann sie eine Stelle als instructor of medical secretarial skills an der Boston University annehmen ( und wird später sogar den Posten einer außerordentlichen Professorin erlangen ).

Schon als Dreijährige hat ihre helle, kleine Tochter hunderte lateinischer Insektennamen auswendig hersagen können, dem Vater zum Gefallen. Kein Wunder, dass sie in der Schule - sie besucht zunächst die Marshall Livingston Grammar School - als hochbegabt gilt und während ihrer gesamten Schulzeit Bestnoten erzielt, besitzt sie doch alle Eigenschaften, die in Amerika als typisch deutsch gelten: Sie ist reinlich, ordentlich, pünktlich, gewissenhaft, diszipliniert, fleißig, konformistisch und gehorsam. Sie verwendet viel Mühe darauf, Autoritätspersonen zu gefallen. Ein phänomenaler Ehrgeiz treibt sie an und ist ihr zugleich im Weg, lebenslang. Gleichzeitig ist sie neidisch auf die Chancen männlicher Gleichaltriger, die aktiv sein und etwas tun dürfen, statt zur Passivität & zum Zuhören verdammt zu sein.
Mit Mutter & Bruder
(1949)

Sylvia schreibt Gedichte und Geschichten, die z.B. in der Kinderbeilage des "Boston Herald" im August 1941 und im "Phillipian", dem Organ der Higschool gleichen Namens in der Nähe Bostons in den Jahren 1945 und 1946 publiziert werden. Außerdem  betätigt sie sich als Mitherausgeberin der Schülerzeitung "The Bradford". 

Ihren ersten größeren literarischen Erfolg hat Sylvia dann im August 1950, als ihre erste Geschichte "And Summer Will Not Come Again" im Magazin "Seventeen" veröffentlicht wird. Mit großer Beharrlichkeit hat sie das erreicht, hat sie doch zuvor nach Aussagen ihrer Mutter 45 Absagen einstecken müssen. 

Neben ihren intellektuellen Ambitionen kümmert sie sich auch banalere Dinge wie Geldverdienen in den Ferien mit Kellnern, Babysitten und in der Landwirtschaft und die rege Pflege von dates mit Jungen ihres Ortes.

1950 erhält sie einen Studienplatz am prestigeträchtigen Smith College in Northampton, dem größten Frauencollege der USA und eines der angesehensten der Welt. Damit erfüllen sich ihre und die Träume ihrer Mutter: In ihren ersten Briefen nach Hause drückt sie wiederholt ihre Freude darüber aus, ein "Smith girl" zu sein. Auch dort gibt sie wieder eine Zeitung - "The Smith Review" - heraus. 

Nach ihrem dritten Studienjahr kann sie für einen Monat die begehrte Stelle einer Gastredakteurin beim Magazin "Mademoiselle" ergattern, in dessen Rahmen sie einen Monat in New York City verbringt. Ein durchaus ambivalent erlebter Monat: Sie versucht vergebens, sich wie die anderen jungen Frauen mit Flirts & Liebeleien zu amüsieren und ärgert sich u.a. darüber, dass die Herausgeberin des Magazins sie nicht an einem Treffen mit dem walisischen Dichter Dylan Thomas teilnehmen lässt, den Sylvia sehr schätzt. Diese Erlebnisse und ihre Folgen werden später in der "Glasglocke" fiktionalisiert. 
Zeitungsmeldung
(1953)

Einige Wochen später ritzt Sylvia sich die Beine, "um zu sehen, ob sie genug Mut hatte, sich umzubringen". Und dann passiert noch, dass sie nicht zu einem Schreibseminar der Harvard University zugelassen wird. Das scheint der letzte Auslöser bei der vom Ehrgeiz & von den Erwartungen an eine junge Frau dieser Zeit erschöpfte Zwanzigjährige gewesen zu sein:

Am 24. August 1953 versteckt sie sich im Kriechkeller unter dem Haus ihrer Familie, ausgestattet mit Wasser und den  hochdosierten Schlafmitteln, die ihre Mutter in einer verschlossenen Kassette aufbewahrt hat. Sie verbringt  zwei Tage im Schlafkoma, bis sie von ihrem Bruder gefunden und im McLean-Hospital am Rande von Boston stationär aufgenommen wird.

Sie wird schließlich in eine psychiatrische Einrichtung in Boston überstellt, die, ohne dass eine Psychose oder Schizophrenie diagnostiziert worden ist, einer Insulinschocktherapie unterzogen. Wie lange das dadurch initiierte künstliche Koma angedauert hat, dem sie täglich ausgesetzt wird, weiß man nicht. Man weiß aber durch sie selber, wie sie die Elektroschocks erlebt hat, denen sie ebenfalls unterzogen wird:

"Dann bog sich etwas herunter und griff mich und schüttelte mich, wie das Ende der Welt. Wiiiiiii schrillte es durch berstende Luft in blauem Licht, und mit jedem Blitz fuhr ein riesiger Schlag auf mich nieder, dass ich glaubte, meine Knochen würden brechen und der Saft würde aus mir herausjagen wie aus einer aufgeschlitzten Pflanze. Was hatte ich denn nur Furchtbares getan?", beschreibt sie die Tortur später in ihrem Roman.

Als Sylvia Mitte Oktober mit finanzieller Unterstützung ihrer Gönnerin, der Philanthropin Olive Higgins Prouty, in ein Privatsanatorium wechseln kann, ist sie nicht mehr fähig, Buchstaben zu erkennen, geschweige denn zu schreiben. Durch den Langmut ihres Englischlehrers von der High School, der sie regelmäßig besucht, erwirbt sie die Fähigkeit langsam wieder.

Nach einem halben Jahr wird Sylvia als geheilt entlassen. Sie wird mit Ratschlägen und Techniken "ausgestattet", wie sie sich selbst beruhigen kann und sich funktions­fähig erhält. Ihr Suizid­versuch wird als eine Störung betrachtet, nach der man umso energischer das alte Programm wieder aufnehmen muss, i.e. Leistung auf allen Gebieten. Die Angst vor einer Therapie mit Elektroschocks wird die junge Frau Zeit ihres Lebens bestimmen. Ihr Vertrauen darin, ihren Körper und Geist beschützen zu können, ist auf jeden Fall dahin. 

Rechtzeitig zum zweiten Semester des nächsten Studienjahres kann sie an die Universität zurückkehren. Dort beginnt sie mit den Vorbereitungen für ihre Abschlussarbeit. Danach, 1955, ermöglicht ihr ein Fulbright-Stipendium den Wechsel ans Newnham College der Universität Cambridge in England.

In Cambridge
( ca.1956/57 )
In England studiert Sylvia Philosophie und besucht Vorlesungen über moderne Literatur, engagiert sich im Studentenleben, wirkt in mehreren Theaterstücken mit und präsentiert die Mode der Saison für die Mai-Ausgabe der Studentenzeitung "Varsity". 

Kulturelle Missverständnisse prägen diese Zeit in Europa, denn die Unterschiede zwischen englischen und amerikanischen Gepflogenheiten sind Sylvia nicht geläufig, was sie  auch immer wieder literarisch beschäftigt. In Cambridge ist sie als streberische, schrille Amerikanerin verschrieen, "die eher in eine Seifenwerbung gehörte als an die Universität" ( Markus Gasser ).

Während ihrer ersten Weihnachtsferien in Europa reist sie noch einmal zu Richard Sassoon, mit dem sie schon in den USA liiert gewesen ist und der damals an der Sorbonne studiert, nach Paris und weiter mit ihm nach Südfrankreich. Liebe scheint ihr die einzige Möglichkeit, dass ihr niemand etwas anhaben kann. Zu dieser Zeit fallen ihr die neuesten Gedichte eines gewissen Edward "Ted" James Hughes in die Hände. Eines spricht sie besonders an: Da ist von einer uralten Gewalt die Rede, was ihr ein Gefühl von Geborgenheit gibt.

Im Februar 1956 lernt Sylvia auf der Gründungsfeier einer kurzlebigen Literaturzeitschrift den Dichter persönlich kennen: Die von den Dämonen ihrer Kindheit besessene Amerikanerin und der Schamane mit Wurzeln im halbmythischen Königreich von Elmet werden schnell ein Liebespaar & alsbald auch das Traumpaar der angelsächsischen Literatur. 

Der ist 17. August 1930 als Edward James Hughes in Mytholmroyd in West Yorkshire, England geboren und in  Mexborough in South Yorkshire aufgewachsen. Zwei Jahre arbeitet er als Radiomechaniker bei der Royal Air Force, bis er ein Studium aufnimmt, zunächst der englischen Literatur, später der Archäologie und Anthropologie an der Universität Cambridge. 1954 schließt er es erfolgreich ab. Nach seinem Studium muss er sich aber einige Jahre als Gärtner, Zoowärter, Nachtwächter, Lektor eines Filmstudios , Lehrer durchschlagen, bevor er 1957 sich mit seine ersten Gedichtband "The Hawk in the Rain" internationales Ansehen verschaffen kann.
Bereits am 16. Juni 1956 heiraten Sylvia Plath und Ted Hughes, am "Bloomsday" des "Ulysses" von James Joyce ( siehe auch dieser & dieser Post ). Sylvia beschreibt ihrem Bruder Warren (Quelle hier) in einem Brief die Zeremonie:
16. Juni 1956
"Ich stand in der kleinen, düsteren Kirche, draußen strömte der Regen, und wir sprachen die schönsten Worte der Welt als unser Eheversprechen. Der Vikar war zweiter Zeuge, und der liebe Reverend, ein alter, helläugiger Mann (der direkt gegenüber von Charles Dickens' Haus wohnt!), küsste meine Wange, und Tränen rannen mir wie Regen über die Wangen – ich war so glücklich mit meinem lieben, wundervollen Ted",
Sie beginnen - frei nach Shakespeare - eine "marriage of true minds", verbringen ihre Flitterwochen in Benidorm und halten die Eheschließung geheim, denn Sylvia befürchtet, ihr Fulbright-Stipendium zu verlieren. Erst als sie eine Sondergenehmigung in der Tasche hat, verlässt sie ihr Studentenwohnheim und zieht mit Hughes in eine gemeinsame Wohnung in der Eltisley Road in Cambridge. Im Spätsommer lernt sie dann seine Familie in Yorkshire kennen. 

Ihr Studium setzt sie fort, während er an einer Schule unterrichtet. Beide veröffentlichen unablässig und erfolgreich Geschichten und Gedichte. Sylvia mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit bietet seine Werke diversen Medien in England wie den Staaten an. Sein erster Gedichtband "The Hawk in the Rain" wird  1957 letztlich mit dem "New York Poetry Center Award" ausgezeichnet, und Hughes kann Verträge mit zwei Verlagen abschließen. Später im selben Jahr reisen sie per Schiff  in die USA und verbringen nach einem kurzen Urlaub auf Cape Cod das nächste Jahr mit Schreiben und Lehren, Sylvia an ihrem alten College, Hughes an der University of Massachusetts. 

Sylvias Tagebücher zeugen von einer gewissen Ambivalenz gegenüber dieser, ihr neuen Rolle. Einerseits ist es ihre eine Ehre, zum Lehrkörper einer so angesehenen Institution zu gehören, andererseits fehlen ihr die weiblichen Vorbilder, die sie von der Vereinbarkeit ihrer diversen Rollen überzeugen könnten ( die Dozenten des Smith College sind größtenteils ledig ). Natürlich will Sylvia sich ihrer akademischen Laufbahn widmen, gleichzeitig weiter schreiben und eine gute Ehefrau ( und perspektivisch Mutter ) sein. Sie fühlt sich wie "ein ziemlich antiker und gefallener Engel". 

Nachdem sie wieder völlig erschöpft ist, beschließt sie 1958, ebenso ihr Mann, die akademische Position aufzugeben und ein Jahr lang als Schriftstellerin Fuß zu fassen. Den Lebensunterhalt verdienen sie mit jetzt Preisgeldern, Honoraren für Rezensionen und den Tantiemen ihrer Werke. Sylvia arbeitet außerdem in verschiedenen Büroberufen, um das Einkommen aufzubessern, besucht gleichzeitig aber auch einen Lyrikkurs an der Boston University. Auch nimmt sie ihre Therapie bei ihrer Ärztin aus dem McLean- Hospital wieder auf.

Es gibt Erfolge ( literarisch ) und Misserfolge ( sie wird zunächst nicht wie gewünscht schwanger ) in jenem Jahr. Im Herbst 1959 kann sie sich auf ein Kind freuen, und das Paar macht sich im Winter auf nach England, wo dieses zur Welt kommen soll.  Noch vorher, im Frühjahr findet Sylvia sogar noch einen Verlag für ihren ersten Gedichtband "The Colossus", an dem sie mindestens vier Jahre lang immer wieder gearbeitet hat. Im April  1960 bringt sie dann Frieda Rebecca zur Welt.

In ihrer beengten Londoner Wohnung versucht das Ehepaar, sich so gut wie möglich Zeit für ihre Gedichte wie die Kinderbetreuung zu nehmen. Eine Freundin erinnert sich später an die Szenerie: 
"Eine Schreibmaschine stand auf einem kleinen Tisch am Fenster, und sie wechselten sich ab, während der eine eine Schicht arbeitete, passte der andere auf das Baby. Nachts räumten sie die Maschine weg, um Platz für das Kinderbett zu schaffen."
1962

Nach einer Fehlgeburt & einer Blinddarm-Operation kann die junge Mutter einen ersten Entwurf für ihren Roman schreiben. Um der Enge in der Londoner Wohnung & den hohen Lebenshaltungskosten in der Stadt zu entgehen, kauft sich das Paar ein großes, baufälliges Reetdachhaus in dem Dorf North Tawton in Devon und zieht dort Ende August 1961 ein. Anfang 1962 kommt Nicholas Farrar, ihr zweites Kind, zur Welt.

Wieder offenbart ihr Tagebuch die widersprüchlichsten Gefühle. In den Briefen an die Mutter dagegen lesen wir ständig vom Glück der Überfliegerin in all den Bereichen, die eine Frau je ausfüllen kann. Tatsächlich verzweifelt sie aber an den ständigen Unterbrechungen, den seltsamen Sitten der Einheimischen und dem Druck, sich dem Dorfleben anzupassen. 

Allerdings gelingt es Sylvia in dieser Zeit ebenfalls, so etwas wie eine Schreibroutine zu entwickeln. In den neuen Gedichten kann man jedoch eine subtile Veränderung in der bis dahin fruchtbaren Beziehung zwischen Hughes und ihr ablesen: Sie handeln nun von der Unbeständigkeit ihrer Liebe - eine schreckliche Erkenntnis für die Dichterin. Tatsächlich hat sie mitbekommen, wie ihr Mann eine Besucherin in ihrem Zuhause, Assia Wevill, küsst. Er müsse alle sieben Jahre sein Leben mal in die Luft jagen, so Hughes, und er benötige eine Trennung auf Zeit, als sie ihn zur Rede stellt.

Sylvia zerreißt und verbrennt daraufhin seine Manuskripte. Als sie sich endlich wieder gefasst hat, schreibt sie, sich mit der antiken Medea von Euripides identifizierend, innert sechs Wochen das Manuskript von "Ariel", einundvierzig Gedichte - eine beachtliche, produktive Schaffensphase! Dann. im Dezember 1962, übersiedelt sie mit ihren Kindern in eine Maisonettewohnung in London.

In den ersten 31 Jahren ihres Lebens interessieren sich für das Werk und das Wohl­ergehen der Sylvia Plath nur wenige: ihre Mutter, ihr Bruder, ihr Ehemann und Freunde, einige Redakteure, ein Kritiker. Das ändert sich nun bald im bitter­kalten Februar 1963:
Das Haus, in dem Sylvia Plath
in ihren letzten Wochen gelebt hat
CC BY 2.0

Im Januar, einige Wochen vorher, ist ihr einziger Roman "Die Glasglocke" unter dem Pseudonym Victoria Lucas erschienen. Ihrem Freund Al Alvarez gegenüber bezeichnet sie den als "autobiografische Lehrlingsarbeit", die sie habe schreiben müssen, um sich von ihrer Vergangenheit zu befreien. Weniger als ein halbes Jahr hat sie dafür gebraucht, ist im August 1961 fertig geworden. Und während sie an den Ariel-Gedichte sitzt, schickt sie die korrigierten Fahnen des Romans ab.

"Dieser Roman ist ein frühes Manifest gegen ein Demokratieverständnis, das sich auf Konsum, Geld und die puritanische Pflicht zur Ehe beschränkt", so der Kritiker Helmut Böttiger hier aus Anlass der Wiederveröffentlichung 2013.

Am 11. Februar 1963, im Alter von 30 Jahren, dreht Sylvia Plath den Gashahn ihres Herdes auf. Zuvor hat sie ein Schlafmittel genommen und die Küche abgedichtet. Ihre Kinder schlafen ein Stockwerk über ihr. Abschiedsbriefe hat sie hinterlassen sowie einen Zettel mit der Angabe der Telefonnummer ihres Arztes und der Bitte, diesen anzurufen. Hat sie gehofft, noch rechtzeitig aufgefunden zu werden?

Sie wird in der Nähe des Geburtsortes ihres Mannes beigesetzt. Die Kinder leben ab da bei ihm und Assia Wevill, die zu Hughes zieht und sich um diese kümmert. Auch wenn Sylvias Arzt erklärt, dass sie zum Zeitpunkt ihres Selbstmords krank und depressiv, also nicht bei Verstand gewesen und deswegen jede Art psychologischer Erklärung unangemessen sei, bleibt die Rolle des Dichters, der erst 35 Jahre später, mit 68 Jahren, sterben wird, in diesem Drama die eines Betrügers. 

Er wird ihre nachgelassenen Ariel - Gedichte zur Veröffentlichung an den Verlag weiter geben, ihren letzten Tagebuchband aber vernichten. Eine Auswahl davon bringt er 1982 heraus. Sein eigenes Schreiben tritt zunächst in den Hintergrund, weil Hughes sich vor allem mit Sylvia Plaths literarischem Nachlass widmet.

Zehn Monate nach Sylvias Tod kann der Londoner Verlag Faber & Faber, der die posthum publizierten  Ariel-Gedichte verlegt, eine für Lyrik ungewöhnlich hohe Auflage vermelden: 15 000 verkaufte Bücher. Der Erfolg wiederholt sich in den Staaten. "Ariel" wird von den Rezensenten als bedeutender Beitrag zu einer mit Herzblut geschriebenen modernen Lyrik gefeiert. In Deutschland kommt "Ariel", übersetzt von Erich Fried, erst 1974 heraus. Da ist Sylvia Plath bereits ein tragisches Phänomen der Literatur­geschichte wie der Frauenbewegung, eine Ikone des weiblichen Genies wie des weiblichen Scheiterns, die bis heute beschäftigt. 

Im Sylvia Plaths Poem "Last Words" heißt es:

I do not want a plain box, I want a sarcophagus
With tigery stripes, and a face on it
Round as the moon, to stare up. 

In gewisser Weise hat sie so etwas erreicht, oder? 

 
                                                                  


Weitere Lebensgeschichten von Frauen, 
die in dieser Woche einen Gedenktag haben, habe ich hier verlinkt:

 

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