Donnerstag, 17. Mai 2018

Great Women # 141: Klara Maria Faßbinder


Beim am Sonntag zu Ende gegangenen Katholikentag in Münster war öfter die Rede davon, dass es Zeit wäre für eine neue Friedensbewegung gegen das Ohnmachtsgefühl, das in unserem Lande immer mehr wächst. So eine katholische Friedensbewegung ist keine neue Sache. Sie hat es schon vor hundert Jahren gegeben. Und eine, die maßgeblich daran beteiligt war, wurde noch in meiner Bonner Jugendzeit als "Friedensklärchen" verunglimpft. Bei meinen Recherchen bin ich wieder auf sie gestoßen, die Professorin für Geschichtspädagogik Klara Marie Faßbinder, die man mit dem Spitznamen kleiner, lächerlicher machen wollte, als sie tatsächlich war. Es war eine Zeitreise in die von Rückwärtsgewandten verklärte, von mir aber oft als gruselig empfundene Anfangszeit unserer Republik.
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Klara Marie Faßbinder kommt am 15. Februar 1890 in Trier als fünftes ( von sieben ) Kindern des Lehrers Peter Faßbinder und seiner Frau Anna Maria Schütz zur Welt.

Peter Faßbinder entstammt wie seine Frau einer traditionsreichen Eifler Lehrerdynastie ( auch von ihren sieben Kindern werden sechs den Beruf ergreifen ). Schon der Großvater väterlicherseits ist ein angesehener Schulmeister in Speicher in der Südeifel gewesen, die mütterliche Familie wurzelt in der Vulkaneifel. Auch der Vater ist vor Klaras Geburt in Daun tätig gewesen und hat sich dann, um seine wachsende Familie ernähren und seine Einkünfte steigern zu können, auf eine besser dotierte Stelle in Trier versetzen lassen, um auch Unterricht als Hilfslehrer an der Weinbauschule, an der Kapitulantenschule und an der Präparandenanstalt geben zu können. 

Brühl um 1900
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Nach gründlicher Weiterbildung legt er sodann noch erfolgreich die Rektorenprüfung ab und bewirbt sich auf eine Stelle als Seminarlehrer in Brühl. Deshalb zieht die Familie, als Klara sechs Jahre alt ist, in die Stadt zwischen Bonn und Köln, wo das begabte Mädchen bald in die Klosterschule der Ursulinen von St. Salavtor geht und eine sehr katholische und sehr kaisertreue Erziehung erfährt, jedoch auch eine ausgesprochen aufgeschlossene Haltung zu sozialen und politischen Fragen erwirbt.

1906, gerade 16jährig, beginnt sie mit der Ausbildung zur Lehrerin an einem Lehrerinnenseminar in Koblenz. Doch wie sie es von zu Hause kennt, strebt sie nach weiterer Qualifizierung und wird von ihrer Familie darin unterstützt und nicht in die damals für Frauen vorgesehene Rolle als Ehefrau & Mutter gedrängt.

Nach dem erfolgreichem Lehrerinnenexamen und ersten Anstellungen bei den Englischen Fräulein in Darmstadt und an der frisch gegründeten Emilie - Heyermann - Schule in Bonn bereitet sie sich auf ein Externen-Abitur vor, das sie im März 1913 in Münster ablegt. Ihr Aufsatzthema ( der Kuriosität halber sei's hier erwähnt ): "Lorbeer ist ein bittres Blatt - dem der's sucht und dem der's hat".

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Jetzt kann sie sich endlich an der Universität Bonn für die Fächer Französisch, Geschichte und Philosophie immatrikulieren, was Frauen in Preußen erst seit 1908 erlaubt ist - als eine der ersten Frauen überhaupt!
"Natürlich Bonn, die Heimatuniversität, an der schon meine beiden Brüder ihre Staatsexamen gemacht hatten, beide mit Deutsch und Französisch, der eine mit Latein, der andere mit Geschichte als drittem Fach.  Wie mir zumute war, als ich Ostern 1913 die Uni bezog? Gemischt. Es lagen innerlich schwere Jahre hinter mir und das Leben sah mich keineswegs freudig an. Andererseits brannte der Hunger nach dem Licht des Wissens, der Erkenntnis in mir. Seit Darmstadt hatte ich eine hohe Meinung von einer Universität, so ungefähr wie Mephisto sie dem Schüler hinstellt, die "Hohe Mutter", die ihr Kindlein mit der Weisheit ernährt. Welche Enttäuschung, die meisten Vorlesungen des ersten Semesters! Die Uni erschien mir wie eine Wüste, die man halt durchwandern mußte, hinter der sich endlich doch das fruchtbare Land auftun würde. Und es tat sich auf, ganz unerwartet!" ( Quelle hier )
Da entdeckt sie nämlich Sprache "als vornehmstes Ausdrucksmittel des menschlichen Geistes", "was die Welt im Innersten zusammen hält". Und sie macht noch eine weitere Entdeckung, nämlich die, dass sich ihr als Frau "das Reich der Männer" auftut, in dem es eben nicht nur um die Liebe ( die seit "endlosen Zeiträumen" den Frauen zugestanden wird ), sondern auch "um das Licht, um die Erkenntnis, um die Wahrheit" geht. Sie erfährt am eigenen Leibe, wie wichtig die Persönlichkeit des Lehrenden ist und wie ihr "Kinderglauben" der Wirklichkeit der Welt nicht immer standhält, besonders ob der "Unvollkommenheit dieser gottgeschaffenen Welt". In Professor Rudolf Thurneysen trifft sie aber auf einen, dem sie all die Fragen stellen kann, wenn sie die Skrupel überfallen. "Ich frage mich oft, was aus mir geworden wäre, wenn ich damals nicht diesem Menschen begegnet wäre, der mich verstand, ohne daß ich sprach", schreibt sie 1961.

Rheinische Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn
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Obwohl sie als Reaktion auf die herablassende Haltung vieler Männer im universitären Bereich 1915 eine weibliche Studentenvereinigung ( "Hochwart" ) gründet und seit 1909 Mitglied des Verbandes der katholischen deutschen Lehrerinnen und des katholischen Deutschen Frauenbundes ist, hält Klara in jenen Tagen das Frauenwahlrecht für überflüssig und findet diese Aufgabe in den Händen der Männer gut aufgehoben, Hauptsache, die Frauen haben Zugang zu höherer Bildung, so ihr Standpunkt.

1917 besteht sie das erste Staatsexamen mit Auszeichnung. Klara liebt die französische Sprache und beherrscht sie vollkommen, doch dem Land selbst steht sie, die patriotische junge Rheinländerin, von der moralischen Überlegenheit ihres Vaterlandes qua Erziehung vollkommen überzeugt, ablehnend gegenüber, ist es doch in ihren Augen ein Hort der Verkommenheit und des Leichtsinns. 

Im April 1918 meldet sie sich zum "vaterländischen Hilfsdienst", der sie zur Organisation kultureller Veranstaltungen zwecks Stärkung der Truppenmoral bei der Dritten Armee im Dörfchen Montgon in den Ardennen einsetzt. Dort erlebt sie schnell, wie es ist, für das "Vaterland zu sterben":
"Fahle Gesichter, wie ein Zug von Toten. "Sind die verwundet?" fragte ich scheu die Frau Oberin. Flüchtiger Blick. "Nein. Die kommen aus den Schützengräben." - Eine Faust griff mir nach der Kehle. Sah so die Wirklichkeit des Krieges aus?" Das schreibt Klara rückblickend in "Begegnungen und Entscheidungen".
Anwerbeplakat 1917
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Im Umgang mit den französischen Bauersfrauen legt sie nach und nach ihren deutschen Hochmut ab, entwickelt sich zu einer Vermittlerin zwischen Bevölkerung und Besatzungsmacht, freundet sich mit einer Bäuerin sogar an, deren Mann ebenfalls im Krieg ist. 

Dadurch kommt es zu ihrem "Damaskus - Erlebnis", wie sie es später immer nennen wird: 

Nach einem Streit mit ihrer französischen Bekannten über den Ausgang des Krieges macht sie sich trotz strömenden Regens abrupt auf den Heimweg. Doch die Kindern der Bäuerin holen sie auf einer Wiese ein, weil die Mutter den Abbruch des Gespräches nicht verstanden hat. Von diesem Moment an, auf der regennassen Wiese in Montgon, stellt Klara ihren Nationalismus in Frage und sieht nur noch einen Sinn im Frieden und der Völkerverständigung ( eine Einsicht, die so mein Großvater damals auch gehabt hat ). "Das Wort vom 'Erbfeind', das meine Kindheit und Jugend beherrscht hatte, war wie weggeblasen." ( Quelle hier )

Auch die Veränderungen in Deutschland durch die Novemberrevolution lassen sie auf vieles einen neuen Blick werfen: Hat sie vorher das Frauenwahlrecht abgelehnt, macht sie es nun zu ihrer Sache. Das Eiserne Kreuz, das ihr 1919 verliehen werden soll, lehnt sie nun ab. "Der Krieg, so erkennt sie, ist etwas, das dem hohen Stand der menschlichen Entwicklung nicht entsprechen, mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar ist und niemals Mittel zur Konfliktlösung sein kann." ( Gisela Notz hier )

Nach Kriegsende leistet sie in Bonn ihr Referendariat ab und promoviert in Romanistik. 1920 geht sie nach Saarbrücken, ins französisch besetzte Saarland, um ganz konkret an der Völkerverständigung zu arbeiten - zuversichtlich, dass in einer Generation kein Krieg mehr kommen könne. 

Nach Ablegung ihres zweiten Staatsexamens nimmt sie eine Stelle als Lehrerin an einer Mittelschule für Mädchen, der "Cecilienschule" im Saarbrücker Stadtteil St. Johann an und wird Landessekretärin des "Bühnenvolksbunds", einer christlichen, landesweiten Besucherorganisation zur Nutzung der Angebote des Stadttheaters Saarbrücken. Im Rahmen dieser Bildungsarbeit leistet sie ihren Beitrag zur Völkerverständigung.

Außerdem engagiert sie sich in der Kirche, wird u. a. zweite Vorsitzende des "Friedensbundes Deutscher Katholiken", nimmt an vielen Kongressen teil, publiziert in Fachzeitschriften und macht sich somit international einen Namen als Friedenskämpferin. Furchtlos schreibt sie auch gegen den aufkommenden Nationalsozialismus und Antisemitismus an. Bis Ende 1934 schützt sie noch das Saarstatut, doch nach der Wiederangliederung des Saarlandes 1935 erhält sie sofort ihre Entlassung aus dem staatlichen Schuldienst. Ihren Wunsch, an der deutschen Schule Shanghai zu unterrichten, kann sie nicht umsetzen, weil die Nationalsozialisten sie mit einem umfassenden Berufsverbot belegen. 

Klara Maria Faßbinder ( links ) mit ihren Schwestern
Mehr durch Zufall findet sie ein kleines Einkommen als Übersetzerin: Eigentlich will sie nur einem befreundeten Priester eine Freude machen und übersetzt für ihn "Le chemin de la Croix" (Der Kreuzweg) von Paul Claudel ins Deutsche. Auf Drängen eines anderen Freundes bringt sie dieses und ein weiteres Buch von Claudel beim Schöningh Verlag zur Veröffentlichung.

Die wirtschaftliche Not zwingt sie - ebenso die Schwestern Katharina und Maria, die auch aus politischen Gründen entlassen worden sind - im Haus des Schwagers Josef Becker, der ebenfalls aufgrund seiner politischen Haltung als Bürgermeister von Niederkrüchten-Elmpt zwangspensioniert worden ist, in Bonn - Duisdorf unterzukriechen. Auch die Brüder Franz und Heinrich haben mehr oder weniger schwerwiegende Nachtteile während des Naziregimes auszuhalten.

Klara nutzt die Zeit, um die Lehrbefähigung für Englisch zu erwerben - trotz der entzogenen Unterrichtserlaubnis durch das Naziregime. 1940 wird sie Leiterin einer kleinen privaten, katholischen Mädchen-Realschule, der "Quisisana" in Horrem (  die sie bis zum 31.3.1951 inne haben wird ) und kann wieder in ihrem eigentlichen Beruf arbeiten. Doch auch hier ist sie Schikanen durch die Gestapo ausgesetzt, denn sie verfolgt weiterhin ihre christlich unterfütterten politischen Haltungen. Als die Schule geschlossen wird, schlägt sie sich mit Nachhilfestunden durch. Ins Exil zu gehen, lehnt sie ab. 
"Die politisch unbelastete Katholikin war nach dem Krieg eine gute Kandidatin für den Wiederaufbau des Bildungswesens. So kam es, dass ihr in der Pädagogischen Akademie in Bonn eine Stelle als Professorin für Geschichte angeboten wurde", so Thomas P. Becker, Klaras Großneffe, in diesem Aufsatz.
Doch nicht lange kann sich Klara Maria Faßbinder ihrer neuen beruflichen Heimat erfreuen: Zwar wird sie als wissenschaftlich, pädagogisch und charakterlich "hochstehend" beurteilt und an ihrer Lehre geschätzt, dass sie darin ein genaues Bild der jüngsten Vergangenheit zeichnet und mit ihren Studenten darüber diskutiert, wie es dazu kommen konnte, doch als sie sich Ende der 1940er Jahre angesichts der Zuspitzung des Ost - West - Konfliktes und der beabsichtigten Remilitarisierung & Einbindung der Bundesrepublik in die NATO  unter der Regierung Konrad Adenauers erneut in der Friedensbewegung engagiert, ist bald Schluss mit lustig.

Frauenfriedenskongress im Oktober 1951  in Velbert
Klara Maria Faßbinder  ist die dritte von links mit den Kopfhörern


1951 organisiert sie mit anderen Aktivistinnen einen Frauenfriedenskongress gegen die Wiederbewaffnung, gründet im Anschluss daran die "Westdeutsche Frauenfriedensbewegung", ein überparteiliches Organ des Frauenprotests und gehört der geschäftsführenden Leitung und ab 1952 der Redaktion der Monatszeitschrift "Frau und Frieden" an. Sie reist 1951 in die Sowjetunion, spricht mit Nikita S. Chruschtschow und Walter Ulbricht in der DDR. Daraus wird von staatlichen Stellen abgeleitet, dass die "Westdeutsche Frauenfriedensbewegung" eine kommunistische Tarnorganisation ist. Ihr geht es aber um die Verständigung zwischen BRD und DDR, weshalb sie sich 1952 auch an der Gründung der christlich-pazifistisch orientierten "Gesamtdeutschen Volkspartei" von Gustav Heinemann und Helene Wessel beteiligt.

Schließlich wird Klara Marie Faßbinder eines der ersten Berufsverbotsopfer der jungen Bundesrepublik, denn ihr wird 1953 die Lehrbefugnis entzogen. "Eine Professorin, die Anti-Kriegspolitik betreibt und sich nicht voll auf die Seite der Regierung stellt, erscheint auch in der Nachkriegsrepublik für die Ausbildung von Lehrerinnen offensichtlich ungeeignet", so Gisela Notz hier.

Grundlage für dieses Vorgehen in einem politischen Verfahren durch die nordrhein-westfälische Kultusministerin Christine Teusch sind dubiose Berichte und Denunziationen:
Da ist in ihrer Personalakte die Rede davon, dass sich Teilnehmer ihrer Seminare beschwert haben ( was diese schriftlich von sich weisen, einer spricht sogar davon, dass er froh sei, abgelehnt zu haben, sie zu bespitzeln ). Da wird der Kultusministerin vom Bonner Oberbürgermeister hintertragen, ein Herr Dr. Klein wisse von einer Frau Dr. Hampel vom Ministerium für gesamtdeutsche Fragen, dass die Professorin Faßbinder aus sowjetischen Mitteln finanziert wird ( natürlich kennt Dr. Klein Frau Dr. Hampel nicht und hat auch nie mit dem Oberbürgermeister gesprochen ). Dafür hat Frau Dr. Hampel eine Dame in die "Westdeutsche Frauenfriedensbewegung" eingeschleust, die Briefe bezüglich Geldempfangs aus der Sowjetzone an Klara Faßbinder geschrieben und diese fotokopiert als "Beweisstücke" an das Kultusministerium weitergeleitet hat. ( Auf Frage eines Untersuchungsführers, woher die Briefe seien, habe doch Professor Faßbinder sie nicht aus der Hand gegeben, meint der Ministeriumsbeauftragte, man habe sie in einem Omnibus gefunden. ) Auch die von einem Verfassungsschützer aufgelisteten Belastungspunkte werden von keinem Zeugen bestätigt.
Der Nachfolger der Christine Teusch, Kultusminister Werner Schütz, will die Professorin Faßbinder gar auf ihren Geisteszustand überprüfen lassen, weil sie eine "Fanatikerin der Wahrheit" sei. ( Was den Höhepunkt der Kampagne gegen die Professorin, diffamierend als "Friedensklärchen" bezeichnet, anbelangt, verweise ich zur weiteren Lektüre auf diesen Artikel im "Spiegel" von 1955, der einen Blick in die propagandistischen Abgründe der Bonner Republik zulässt. )
1957 in Ostberlin auf dem Weg
mit ost- & westdeutschen Jugendlichen
zu den 6. Weltfestspielen
"Fanatismus" - das ist immer das Konstrukt, mit dessen Hilfe Frauen, die sich nicht an das Rollenverständnis halten - "die Rede ist Sache der Männer"-, ins gesellschaftliche und politische Abseits gedrängt werden...

Nach langen Auseinandersetzungen, bei denen sich die Beschuldigungen immer wieder als haltlos erweisen, wird die Professorin Faßbinder endgültig von ihrem Amt suspendiert, gegen ihren Willen, ohne Angabe von Gründen, und ohne Rechtsgrundlage bis zur Altersgrenze beurlaubt und ihr das Betreten des Akademiegebäudes für immer untersagt.

Erst im Juni 1957 rehabilitiert sie der neue, liberale Kultusminister NRWs, Paul Luchtenberg.

1960 startet sie mit den Frauen der "Westdeutschen Frauenfriedensbewegung" eine Kampagne gegen die geplanten Notstandsgesetze, unterstützt die Kandidatur der Deutschen Friedens-Union (DFU) bei der Bundestagswahl 1961 und gehört zum Ehrenpräsidium der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes", die auf Betreiben der damaligen Regierung Adenauer verboten werden soll. ( Der Prozess vor dem Bundesverwaltungsgericht scheitert übrigens, weil Dokumente zu Tage kommen, die die Nazi -Vergangenheit des vorsitzenden Gerichtspräsidenten belegen. )

Frauenprotest in den 1960er Jahren
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1967 gerät Klara wieder ausgesprochen in den Fokus der Öffentlichkeit:

Ausgangspunkt ist das Verbot des damaligen Bundespräsidenten Lübke ( "Unter Kommunisten tritt sie als fromme Katholikin auf, und bei den Katholiken ist sie eine stramme Kommunistin." ), den ihr von Frankreich verliehenen Orden "Les Palmes Académiques" für ihre Verdienste um die Förderung französischen Kulturgutes und ihre Bemühungen um die deutsch-französische Freundschaft anzunehmen.

Dieses Eingreifen löst vielfältige Reaktionen & Sympathiebekundungen für die Friedensaktivistin aus:

Die "Süddeutsche Zeitung" fühlt sich gar zu der Frage veranlasst, ob Klara Marie Faßbinder "weniger Verdienste als die Friseuse von Frau Lübke" habe, der Bundespräsident die Annahme eines ausländischen Ordens nämlich erlaubt hat. Achtzig Professoren der Bonner Universität bitten den Bundespräsidenten, seine Entscheidung zu überdenken - ohne Erfolg. Studenten der Bonner Universität suchen den Konflikt, indem sie die Nazi - Vergangenheit Lübkes als Planer von KZ - Baracken aufs Tapet bringen und die Aberkennung seiner Ehrensenatorwürde vom Rektor der Universität verlangen. Es kommt zu gewalttätigen & juristischen Auseinandersetzungen, die allzu deutlich machen, wie wenig die Bundesrepublik zu dieser Zeit ihre Vergangenheit bewältigt hat...

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Ein weiterer Konflikt, der dann eher nur lokales Interesse erweckt, ist die Weigerung der Bonner Universität im Mai 1967, eine Veranstaltungsreihe mit Referentinnen und Referenten aus der DDR, die vom Allgemeinen Studentenausschuss organisiert worden ist und mit einer Rede Klara Maria Faßbinders eröffnet werden soll, in den Räumen der Alma Mater abzuhalten. Die 77jährige hält ihr Referat dann eben vor achthundert begeisterten Zuhörern in der Uni - Mensa...

Doch der Wind dreht sich allmählich im Land:

1969 wird Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten gewählt und eine sozialliberalen Regierung unter Willy Brandt & Walter Scheel entsteht. Klara Maria Faßbinder wird ihre  französische Auszeichnung nun doch noch feierlich verliehen.

Ein Jahr später erfährt so eine Art von Rehabilitierung mit einer Festschrift zu ihrem 80. Geburtstag mit Beiträgen u.a. vom Kölner Kardinal Frings  ( "Niemand, der sie kennt, kann an der Aufrichtigkeit ... ihrer Tätigkeit zweifeln." ) bis zu Norbert Blüm. Und die Universität Bonn verleiht ihr eine Urkunde zu ihrem goldenen Doktorjubiläum...

1972 nimmt sie ihren Abschied in der "Westdeutschen Frauenfriedensbewegung" und zieht sich zurück. Am 4. Juni 1974 stirbt sie, 84jährig, in einem Altersheim in Berkum bei Bonn. Den Orden "Les Palmes Académiques", die höchsten Ehrung, die das von ihr geschätzte Frankreich zuteil werden ließ, nimmt sie auf eigenen Wunsch mit ins Grab. Ihre einstige Weggefährtin Elly Steinmann in einem Nachruf: "Die Geschichte wird Klara Marie Fassbinder den Platz zuerkennen, den man ihr so lange verweigert hat."

Doch erst einmal löst sich die "Westdeutschen Frauenfriedensbewegung" auf, ihre Zeitschrift "Frau und Frieden" wird eingestellt. Die Frauen der Nachkriegsgeneration engagieren sich anderweitig, scheint doch auch das Thema "Frieden" angesichts der geopolitischen Entspannung obsolet. Erst mit dem Ende dieser Politik und dem NATO - Doppelbeschluss Ende der 1970er Jahre kommt eine neue Friedensbewegung in Gang, an der auch Frauen aus verschiedenen Gruppen teilhaben. Und dann erinnert man sich auch wieder an das "Friedensklärchen" und das Monatsblatt der Bonner Bürgerbewegung und des späteren Friedensplenums wird nach ihr benannt...

Zu den posthumen Anerkennungen für die unermüdliche Kämpferin für Frieden und Völkerverständigung gehören eine seit 2001 bestehende Klara Marie Faßbinder-Gastprofessur für Frauen- und Geschlechterforschung in Mainz sowie eine Straße mit ihrem Namen in Saarbrücken.

Demonstration gegen die nukleare Aufrüstung
vor der Bonner Universität
13. Juni 1987
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Mir hat die Beschäftigung mit dem Leben dieser großartigen Frau viel gebracht:

Einmal noch eine intensivere Auseinandersetzung mit der Geschichte der jungen Bundesrepublik, die ich oft nur gefühlt ( Assoziation: undefinierbar grau-braune, muffige, kratzige Wehrmachtsdecke ) in Erinnerung habe.

Zum anderen mit der Geschichte der Friedensbewegung, die eine so lange Geschichte hat und doch immer wieder von jeder Generation neu gedacht wird. Wie schnell ist etwas, ein Mensch vergessen!

Und abschließend: Ich habe ein für mich neues Kapitel aufgeschlagen im imaginären Buch über die vielfältigen Strategien, die Energie, die aufgebracht wird, um Frauen zu diffamieren, die nicht den Mund halten. Ich hoffe, meine Empörung überträgt sich - fruchtbar - auf euch, liebe Leserinnen.





Kommentare:

  1. ich denke schon lange, dass es zeit für eine neue friedensbewegung wäre, die viele, viele menschen zum nachdenken und auf die straße bringt. was waren wir in den 1980ern aktiv und kreativ in unserem bemühen, die pershing II u.a. zu verhindern (was trotz allem nicht gelungen ist...). aber heute ist die zeit wohl einfach immer noch nicht reif für eine große gegenbewegung.
    klara maria faßbinder war eine unglaublich mutige und starke frau und sollte als vorbild für alle heutigen jungen frauen dienen - wüssten sie denn von ihr! ich glaube kaum, dass sie heute im geschichtsunterricht behandelt wird. deshalb ganz vielen dank für die erinnerung und die vielen fakten über sie.
    besonders deine ausführungen über die "fake-news" in den 1950er jahren haben mich daran erinnert, dass es schon zu allen zeiten menschen, politiker/innen gab, die logen und verunglimpften, um gegner zu diffamieren und auszuschalten.
    liebe grüße
    mano

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  2. Wooow, da musste ich nun ganz viel lesen, und wie spannend es war! Ich mag solche Berichte und Lebensgeschichten sehr, vielen Dank für diese Arbeit!
    Vielen Dank für diesen Gedankenanstoss!
    Sei lieb gegrüßt, herzlich, Rita

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  3. besonders interessant finde ich ihr aha-erlebnis in frankreich, welches sie von der strammen patriotin zur friedensaktivistin gemacht hat......
    ich denke oft, dass die menschen solche erlebnisse brauchen, sie müssen es FÜHLEN - ""ich verhalte mich falsch, ich unterstütze eine schlechte sache, *die anderen* sind eigentlich nette menschen, etc...."" - mit abstrakten vorträgen oder gar parolen bringt man keinen zum umdenken.
    xxxx

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  4. Was für einen Durchhaltewillen sie hatte! Den Nachkriegsmuff habe ich nicht so bewusst mitbekommen. Ich bin in die aufbegehrende 68er Zeit hinein aufgewachsen und dann auch noch in einer traditionell eher sozialdemokratischen Familie. Trotzdem habe ich von dieser tapferen Frau vorher noch nichts gehört.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  5. was mir beim Lesen aufgefallen ist- immer und zu allen Zeiten gab und gibt es Politiker die die < Nachkriegsmacht< für andere Themen benutzt haben und solche Frauen wie Klara . Faßbinder außer Acht gelassen haben Und JA- wir brauchen eine neue Friedensbewegung, damit die jungen Menschen merken wofür es wichtig ist laut auf < die< Straße < zu gehen.
    Andere < Parteien< haben da viel mehr Energie. Lassen wir uns von Klara Maria Faßbinder anstecken. Sie hat es verdient.
    Gruß zu dir
    heiDE

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  6. Und wieder eine Persönlichkeit kennengelernt, deren Name mir überhaupt nichts sagte...
    Vielen Dank und herzlichen Gruß!

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  7. sehr interessant wieder zu lesen
    ja.. ich kann bis heute nicht verstehen wie Menschen die doch einen Krieg erlebt und überlebt haben
    ihn nicht abgrundtief hassen und verurteilen
    wie sie jemanden der zum Frieden aufruft und beitragen will verleumden und verunglimpfen
    (da war die Nachkriegszeit nicht besser als die Hitlerzeit)
    und heute kommt dieser ganze Schmodder wieder hoch

    die Begegnung mit dem Erbfeind (Fremden) hat sie eines Besseren belehrt
    auch heute schreien die am lautesten die keine Berührungspunkte mit "Fremden" haben und es auch gar nicht wollen :(
    sie könnten ja feststellen dass das Menschen wie sie auch sind..

    gäbe es nur mehr von solchen Frauen (Männern natürlich auch )

    danke für den lehrreichen Artikel

    Rosi

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  8. Gern wurden solche Frauen zu ...chen gemacht: Friedensklärchen!
    Ist ja auch viel einfacher, als sich mit ihnen wirklich auseinanderzusetzen.
    Zum Glück ist sie alt geworden und hat den Turn in ihrem Leben noch erlebt. Aber nicht immer kann frau darauf hoffen.
    Ja, wo ist sie hin die Friedensbewegung? Wie Du schon schreibst, muss sie jede Generation diese neu erfinden. Ein wenig erlebe ich die jungen amerkikansichen SchülerInnen so, die gegen die laxen amerikanischen Waffengesetze auf die Straße gehen. Das wäre noch vor einem Jahr für sie selbst undenkbar gewesen. Oder der junge Mann, der 100000 Unterschriften im Netz gesammelt hat gegen das neue bayerische Polizeigesetz.
    Denn Frieden fängt bei uns selbst an.
    Danke für dieses Portrait
    sagt Sieglinde

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  9. Wenn ich Geschichten über die Nachkriegszeit der alten Bundesrepublik lese, dann gruselt es mich immer ganz fürchterlich. Wie viele im Nazisystem verstrickte Größen es dann wieder zu Macht gebracht haben - kaum zu fassen. Aber solche alten Seilschaften funktionieren halt immer gut. Das konnte man auch nach der Wende beobachten.
    Danke fürs Portrait.
    Liebe Grüße

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  10. Sehr interessantes Porträt. Was für ein Leben, wie interessant. Bislang vollkommen unbekannt. Empört, was in einer Demokratie vorkommt. Danke für das Aufmerksam machen. Schöne Pfingsten!

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