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Montag, 3. August 2026

Bücherlese Juli 2026

"Sollen andere sich ihrer geschriebenen Seiten rühmen; 
ich bin stolz auf die, die ich gelesen habe."
Jorge Luis Borges
"Werke sind schließlich klüger als die, 
die sie geschaffen haben."
Carsten Brosda 
"Dichten ist keine Tätigkeit, 
sondern ein Zustand." 
Robert Musil 
"Dies Buch ist für die Guten, nicht für die Bösen"
Bettina von Arnim,
Vorrede ihres Werkes "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" von 1835

Weil Manuel Gasser, der Literaturkritiker mit dem YouTube-Kanal "Literatur ist Alles", immer so von ihr schwärmt, habe ich mir mal Liz Moore und ihren Roman "Der andere Arthur" auf meinen Reader geladen, der schon einige Zeit auf meiner Liste steht. Dieser Roman von 2012 ist der zweite der Autorin, aber erst 14 Jahre später auf Deutsch publiziert worden, wohl anknüpfend an den Erfolg von "Der Gott des Waldes". Doch dieses Buch ist kein spannender Thriller wie letzteres, sondern ein ruhiger, stellenweise auch gleichförmiger Roman über verpasste Beziehungen, über Scham und Selbstlüge, aber auch Selbstbehauptung, über die Einsamkeit und die Rückkehr zum eigenen Selbst. 

Die Autorin fällt mit ihrem Roman-Auftakt dann auch gleich mit der Tür ins Haus und das ganze Übel ist schon mal umrissen, denn man/frau kriegt ja genug mit, was die lieben Zeitgenossen von solchen Mitmenschen halten: "Das Erste, was du über mich wissen musst: Ich bin unglaublich dick." Paff!


Den Niedergang des ersten Arthurs, der sich seit Jahr & Tag in seinem alten, schönen Brownstone-Haus in New York völlig von der Außenwelt abkapselt, sein Sinnvakuum mit übermäßigem Essensgenuss & Fernsehen füllt, darüber so unbeweglich wird, dass er nicht mehr die Treppe zu den anderen Stockwerken hinaufschafft, habe ich mit Interesse wie Verwunderung gelesen und durchaus nachvollziehbar gefunden.

Der "andere Arthur", eigentlich ein siebzehnjähriger versierter Baseballspieler mit Namen Kel, ist der Sohn von Charlene, der ehemaligen Studentin des ersten. Die ist wohl dessen große, ungelebte Liebe gewesen und der Auslöser dafür, dass er in seinem Leben falsch abgebogen ist. Charlene auf ihre Art auch: Sie ist an Lupus erkrankt, geht nicht zum Arzt, sondern behandelt sich mit Alkohol und legt ihrem ehemaligen Hochschullehrer ihren Sohn ans Herz, bevor sie Suizid begeht. Von ihm handelt also der zweite Abschnitt des Romans, in lakonischer Sprache verfasst und voll fremder, da amerikanischer Gepflogenheiten, dass es mir schwer fiel, ein emotionales Verhältnis zu dem jungen Mann aufzubauen. Ich hab es halt nicht so mit dem Ballsport. Und ein Heranwachsender bin ich auch nicht mehr.

Je kürzer die Abschnitte des jeweiligen Arthurs im Buch wurden und sich immer schneller abwechselten, kam beim Lesen das Gefühl auf, zwei Züge führen aufeinander zu. Doch der Zusammenstoß am Ende entfällt,  alles bleibt offen, als der eine Arthur den anderen zu einem Dinner eingeladen hat. Doch das ist dann auch nicht mehr wichtig, denn bei beiden Protagonisten hat einiges in ihrem Leben Fahrt aufgenommen, der eine ist reifer geworden, der andere löst seinen Kokon auf und streckt seine Fühler nach anderen Menschen aus. Dieses versöhnliche Ende ließ in mir schließlich doch noch eine zufriedene Leserin zurück.

Von Iris Wolff habe ich bereits zwei Bücher gelesen, nun das dritte, das mir Andrea, die Zitronenfalterin, geschenkt hat: "Halber Stein", ihr Debütroman. Was Andrea ausführlich zu diesem Buch geschrieben hat, kann frau/man hier nachlesen. Ich spar mir also längere Inhaltsangaben, sondern greife nur auf, was ich aus diesem Buch mitgenommen habe. Denn ein Thema, das die Autorin behandelt, hat mich in den zurückliegenden drei Monaten innerlich sehr festgehalten: Heimat, Herkunft, braucht man das Zurückkommen an jenen Ort - ob in der Erinnerung oder in Wirklichkeit -, um klar zu bekommen, wer man ist und wer man sein will? 

Für mich war das so, als ich an Pfingsten mit meinen Geschwistern das Dorf meiner Kindheit nach langer, langer Zeit besucht habe, dem ich unfreiwillig &  schmerzhaft mit neun Jahren entrissen wurde. Ich bin mit der Buchheldin durch ihr Dorf, das Land, das Haus, die Kultur in Siebenbürgen gestreift mit der ganzen Wehmut, die durch meine Erinnerungen ausgelöst & genährt wurden. Wie man ein Buch aufnimmt, es liest, seine Interpretation bestimmt immer das eigene Leben. In diesem Sinne war dieses leise, sanft und ohne Bewertungen daherkommende Buch eine passende Lektüre. Und die zurückbleibende Melancholie war auch eine Zustimmung zu dem, was ist.

Auf das nächste Buch bin ich durch eine Verwechslung gekommen, denn ich habe es dem geschätzten & oft gelesenen Benjamin Myers zugeschrieben, der aber nur eine positive Kritik dazu verfasst hat: Benjamin Wood "Der Krabbenfischer".

Ein merkwürdiger Roman im besten Sinne des Wortes, diese Geschichte des Thomas Flett, gerade mal Anfang zwanzig, mit seiner Mutter Lillian, die von den Nachbarn geschnitten wird, auf einem kleinen Anwesen lebend, der täglich der mühseligen Krabbenfischerei mit seinem Pferdekarren bei Ebbe am Strand von Longferry nachgeht –  eine Arbeit, die gleichermaßen eintönig wie gefährlich ist. 

Seinen Großvater hatte er als Dreizehnjähriger erstmals bei dieser Tätigkeit begleitet und ab da jedes Wochenende, wenn keine Schule war. Zwei Jahre später, als der Großvater einen leichten Schlaganfall hatte, muss Thomas die Schule verlassen und ihm bei der Arbeit helfen. Die Schule mochte er ohnehin nicht, mit einer Ausnahme: Er ist ein leidenschaftlicher Leser geworden. Thomas hat schon in jungen Jahren "eine halbe Bibliothek" verschlungen,

Dieser Großvater hat ihn großgezogen, denn seine Mutter war gerade erst fünfzehn, als ihr Lehrer sie geschwängert hat. "Pop nahm die Schande auf sich, machte sich nicht klein, hielt den Schaden aus, der seinen Freundschaften und seinem Ruf zugefügt wurde und zuckte mit keiner Wimper, wenn mal wieder neues Gerede aufkam." Der leibliche Vater kommt im 2. Weltkrieg um.

Thomas möchte eigentlich gern in den Kneipen der Gegend Lieder zur Gitarre vortragen und Joan, die ältere Schwester seines besten Kumpels erobern, aber ihm fehlt der Mut dazu. Mit der Krabbenfängerei ist auch kein guter Schnitt mehr zu machen, seit die neuen Motorschlepper effektiver fischen. Die Mutter trägt nur zum Unterhalt bei, indem sie in ihrem Wohnzimmer, in ihren besten Kleidern auf dem Sofa sitzend, Freier empfängt. Alles etwas deprimierend.

Doch da taucht ein spritziger amerikanischer Filmregisseur namens Edgar Acheson auf, parkt seine Oberklasse-Limousine der Marke "Humber" vorm Nachbarhaus und sucht die Mutter auf. Thomas wittert, als er zu Hause eintrifft eine Chance zur Flucht aus der Tristesse, denn er sucht "eine Brücke zwischen Longferry und der Welt da draußen.". Acheson hingegen sucht Drehorte für die Verfilmung eines Romans namens "The Outermost" und rekrutiert ihn sofort als ortskundigen Führer. Schon nach wenigen Stunden in der Anwesenheit des geschwätzigen Achesons erträgt er den Anblick seines Elends nicht mehr.

Der hat den jungen Mann überredet, mit ihm noch am Abend bei Niedrigwasser in den Nebel hinauszufahren, um einen Eindruck davon zu bekommen, ob die Landschaft für den Film geeignet ist. Thomas warnt seinen überschwänglichen neuen Arbeitgeber vor den tückischen Erdlöchern am Strand, tief genug, um ein Pferd zu verschlucken und einen mitzureißen. Was nun im Roman folgt ist eine aufregende, geradezu surreale Episode, über die ich hier nicht mehr verraten will. Am Ende seiner Ausnahmeerfahrung kann Thomas ein Lied schriftlich festhalten, bevor er in einen brandygetränkten Schlaf versinkt.

Der Protagonist steht eindeutig in der Tradition der Helden eines Thomas Hardy, jenen weltfremden jungen Männer, die das Land bestellen oder mit ihren Händen arbeiten, weil es immer so gewesen ist. Und genau das macht ihn anfällig für einen Charmeur und Glücksritter. Das muss er letztendlich wahrhaben. Aber auch erkennen, was in ihm steckt, dass es andere Perspektiven gibt, und er selbst die bewunderte Joan für sich zu interessieren vermag, wenn er die selbst gesetzten Schwellen überschreitet. Sein innerer Aufbruch lässt sich nicht mehr zurückdrehen.


Was Woods Schreibstil so lesenswert macht, ist seine Aufmerksamkeit für die ganz prosaischen Handgriffe des Alltags, die er nicht nur in der Beschreibung lebendig werden lässt, sondern sie damit auch in Poesie zu verwandeln vermag. Der Roman ist voller eindringlicher und bildhafter Beschreibungen der gleichförmigen Küstenlandschaft, Wetter und Landschaft sind nicht nur dramatischer Hintergrund, sondern spielen gleichberechtigt mit. Die Figuren sind warmherzige und glaubwürdige Charaktere ( Acheson ist vielleicht ein bisschen zu überzeichnet ), die ohne Sentimentalität über ihr unerfülltes Leben reden, wohlwissend, dass die neuen Technologien und ihren Begleiterscheinungen dem absehbar ein Ende machen werden. Übrigens kann man das Lied auf dieser Seite des Autors anhören.

Es wurde dann Zeit, meine Komfortzone zu verlassen und endlich das Buch in Angriff zu nehmen, welches auf meiner Liste der "neuen Zeit-Bibliothek der Weltliteratur" noch mit Rot markiert ist: "Anna Karenina" von Lew Tolstoi. Warum so schwer? Ich habe 1968 ( da war grade eine Schiwago - Welle über das Land gerollt ) nach entsprechender Lektüre wie "Krieg und Frieden" u.a. entschieden, dass mir die russische Seele und damit die russische Literatur nicht liegt, und mit einer Ausnahme ( "Der Meister und Margarita" von Michail Bulgakow - aber der ist ja eigentlich auch Ukrainer ) kein Buch mehr aus diesem Kulturkreis in die Hand genommen. Diese jugendliche Arroganz wollte ich so nicht stehen lassen, und bevor ich aus dieser Welt gehe, sie einer weiteren Überprüfung unterziehen.

Was soll ich sagen? Die ersten hundert Seiten hatte ich in einem Rutsch gelesen und habe mich in den Bann ziehen lassen von den Umgangsformen einer Gesellschaftsklasse mit denkwürdigen Moralvorstellungen und einer laxen Einstellung zur eigenen Leistungsbereitschaft. Frappiert hat mich die atmosphärische Dichte, die Lebhaftigkeit und die Fähigkeit des Schriftstellers, auch zwischen den Zeilen  kleinste zwischenmenschliche Dynamiken aufblitzen zu lassen. Beeindruckt hat mich, wie der Schriftsteller Situationen "außerhalb aller gewöhnlichen Lebensverhältnisse" wie Tod & Geburt treffend zu beschreiben weiß. Da kann ich aus eigenem Erleben zustimmen, dass sich "die Seele zu einer Höhe (erhebt), die sie nie vorher auch nur geahnt hatte und zu der der Verstand ihr nicht zu folgen vermochte."

Die titelgebende Anna Karenina hat sofort Eindruck auf mich gemacht und stand als wahre Schönheit gleich vor meinen Augen, so wie Tolstoi sie mit Worten erschafft. Und es kommt noch besser: Er weiß ihre Seelenzustände so zu beschreiben, dass frau sie aus der eigenen Erfahrung heraus sofort innwendig spüren kann. Gerade dieser Horizont wäre in der Jugend nicht gegeben gewesen, da wäre die ganze Geschichte nur so ein hübscher "Kostümfilm" geblieben. Ich hätte damals auch nicht verstanden ( oder ertragen? ), wie sich Anna in eine solche Gemütsverfassung hinein steigert und den Suizid wählt. Da war eine weitere eigene Erfahrung schon sehr hilfreich.

Dass ich mir also so viele Jahrzehnte gegeben habe, diesen Roman erstmals zu lesen, finde ich im Nachhinein goldrichtig. Als Teenager, vermute ich, hätte mich nur das Liebesdrama interessiert. Und dabei wäre mir so vieles entgangen, was mich jetzt gedanklich beschäftigt hat. Ein bloßer "Frauenroman" ist das auf keinen Fall, auch wenn "Dolly" Darja Alexandrowna, als sie mal ganz alleine ohne ihre Kinderschar ist, das übliche Frauenleben kritisch reflektiert. Es ist ein Gesellschaftsroman ( und da finde ich die Vermarktung als "eines der großen Liebesdramen der Weltliteratur" mehr als unangebracht ).

Nehmen wir allein die Figur des Konstantin Dmitrijewitsch "Kostja" Ljewin, der sich lieber abseits seiner Klasse aufhält und die Nähe zur Bauernschaft anstrebt: Seine Suche nach einem Lebensinhalt biete so viele Facetten, so viel Philosophie, so viel Gesellschaftspolitik, so viel Sinnsuche! Sein Wunsch nach Gesprächen und damit Auseinandersetzung mit seinen Mitmenschen hat mich durchaus zu fesseln vermocht, auch & vor allem mit seinen gedanklichen Schlenkern. Ebenso seine Bereitschaft, immer aufs Neue zu handeln, die so kontrastiert mit dem Müßiggängern der städtischen Gemeinschaften und der Laviererei der Bürokraten. Auch seine Glaubenssuche ist mir nachvollziehbar, seine Radikalität ( obwohl: die hätte mich auch in jungen Jahren angesprochen ). Da bekommt man auch einen Tolstoi mit, der eben nicht nur ein gerühmter Schriftsteller gewesen ist, sondern auch ein Suchender, Fragender, Reformer, Moralist, so wie der ( heimliche ) Held des Romanes. Seine Vorstellungen der idealen Ehe haben mich allerdings bewogen, seinen Umgang mit seiner Frau Sofija genauer unter die Lupe zu nehmen, was dann desillusionierend gewesen ist...

Und dann noch diese lange Szene, in der das Mähen einer großen Wiesen mit der Sense beschrieben wird! Rhythmisch, bildhaft, menschlich anrührend ist das und großes Kino.

Die ganze Fülle des Lebens, die Tolstoi in seinem Roman in epischer Breite wiedergibt, hat mich allerdings auch immer wieder müde werden lassen, und Lesepausen  ( in meinem Falle meist Hausarbeit 😆 ) waren vonnöten. Deshalb habe ich dann auch sechs Tage gebraucht, um das ganze Buch zu "bewältigen". Ich habe es mir in Etappen aufgeteilt, denn zum "einfach Runterlesen" eignen sich die langen, philosophischen Passagen über Zusammenleben, Gesellschaft, Landwirtschaft und Religion nun mal nicht. Ein Gewinn war die Lektüre dennoch, hat sie doch eine Leerstelle in meinem Hirnkastl gefüllt und wieder einmal ein Vorurteil ad absurdum geführt.

In Russland bin ich anschließend literarisch verblieben, denn ich habe zu Christine Wunnickes "Die Nachtigall des Zaren" gegriffen, justement, als ich erfuhr, dass sie den Georg-Büchner-Preis in diesem Jahr verliehen bekommt. Das hat mich sehr gefreut. Diese biografische Erzählung dreht sich um das Leben des Kastraten Filippo Balatri, und sie hebt damit einen echten Erzählschatz: Die Lebensgeschichte des Sängers ist nämlich eine rechte Tragikomödie. Von ihr wüssten wir allerdings nichts, wenn Balatri nicht selbst ein fast 5000 Seiten starkes handschriftliches Konvolut hinterlassen hätte.

Filippo, mit einem hübschen Sopran gesegnet, wird als Elfjähriger auf Wunsch des Großherzogs der Toskana, dem überaus bigotten Cosimo III. de Medici, mit Einverständnis seines Vaters kastriert und gelangt bald über den russischen Gesandten Peter Alexejewitsch Golizyn, der für seinen Herrn, Peter den Großen, in Europa Wissen & Kultur "einkauft", als Leihgabe an den Moskowiter Zarenhof. Filippo führt auf Anweisung Cosimos ein Tagebuch, das zu einer unersetzlichen Quelle wird, sowohl was das Leben eines Sängerkastraten angeht, aber auch das Alltagsleben in Russland um 1700 ( wahrscheinlich die intimsten Aufzeichnungen eines Ausländers, die es gibt ) anbelangt. Insofern passte das gut zu meiner vorhergehenden Lektüre, denn dadurch wurde die enorme gesellschaftliche Veränderung im Land offenbar. Balatris Aufzeichnungen machen auch bekannt mit allerlei fremden, grausamen Gepflogenheiten im Zarenreich.

Über Umwege hat der junge Sänger wohl das Vertrauen des Zaren gewonnen, der ihn auch in seinem geheimsten Versteck bei seiner Mätresse Anna Mons auftreten lässt. In die verliebt sich der Siebzehnjährige und kommt in die Bredouille, auch, weil Kastraten nicht lieben bzw. heiraten dürfen, das verbietet die Kirche kategorisch, und er ist doch in dieser Diaspora besonders glaubenstreu. Dass sich da ein Drama anbahnt, wird verhindert, denn Cosimo reicht ihn weiter als singendes Gastgeschenk an den Fürsten der westmongolischen Kalmücken. Zwischen diesen Beiden entsteht eine wechselseitige Sympathie, und der Khan schenkt ihm einen Goldstoff, der später den französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. vor Neid wird erblassen lassen, aber die Reiseunternehmung selbst ist einfach nur grauenvoll für den ungeübten Reiter.

Als die mit Cosimo vereinbarte Zeit in Moskau um ist, muss der Sänger sich mit Golizyn nach Wien begeben, diesmal begleitet von einem größeren Gefolge, darunter Darja Golizyn, die noch nie ihr Haus in Moskau verlassen hat. Die "schöne Barbarin" sorgt für mehr Furore am kaiserlichen Hof als der Sänger, der nun echten Gesangsunterricht bekommt und es schafft, den begleitenden Popen für das desputierliche Theater zu begeistern. Um sich einen herzzerreißenden Abschied zu ersparen, lässt ihn Darja Golizyn direkt aus dem Stephansdom mit einer Kutsche entführen, nicht ohne ihm vorher Ratschläge à la "geh mit Weibern um wie mit Panthern" mitzugeben, damit er ( unter tausend Tränen ) nach Italien heimkehrt. Cosimo behandelt ihn keinesfalls so ehrerbietig wie der Zar, und Filippo zieht es zu den Eltern nach Pisa: "Das Willkommen wird nach Vorschrift erledigt, tränenreich bei der Mutter, formell beim gichtbrüchigen Herrn Papa." Die provinzielle Stadt versetzt ihm einen Kulturschock und ihn bekommt "die schwarze Melancholie" zu packen, bis er sich in eine Nonne verliebt. Der Druck der Öffentlichkeit zwingt ihn zum Rückzug. Über sein Liebesleben wird er später schreiben: "Bellen kann ich wohl, beißen aber nicht.

Es folgt ein Zwischenspiel als Begleiter und Übersetzer eines anderen russischen Gesandten wie materielle Unsicherheit durch den Tod der Eltern. Und so folgt der mittlerweile gestandene Mann den Verlockungen eines Engländers, am englischen Königshof als Sänger zu reüssieren. Unterwegs dorthin gefallen ihm die Franzosen so gar nicht, ihr Musikgeschmack nicht, ihre Hauptstadt nicht, nur ihr König und eine kleine, feine Hofgesellschaft können geringfügig versöhnen. In London angekommen reist er in einer Kutsche mit einem gewissen Girgio Endel nach Kensington, wo sie gemeinsam vier Tage auf eine Audienz bei Queen Anne warten, die aber verstorben ist. Händel wird er übrigens nie wiedersehen. Filippo bleibt unbeschäftigt - für die Oper ist Farinelli da. Er gewöhnt sich an englische Gepflogenheiten, aber nicht an die Diskrepanz zwischen ihren guten Umgangsformen und dem Hang zu Wutanfällen. Die zahlreichen Schimpfwörter hält er gewissenhaft fest.

Noch vor Ablauf der vereinbarten drei Jahre holt ihn wieder ein Gesandter des Medicis ab, und es geht nach Düsseldorf ( ausgerechnet ) zum Namenstag der Kurfürstin Anna Maria Louisa von der Pfalz, auch eine Medici. Dort trägt er die "lebensgefährliche Nachtigallenarie" vor, bevor es weiter nach Frankfurt geht ( gefällt nicht ), Augsburg ( gefällt ), München. Dort wird er 1715  am Hof des bayerischen Kurfürsten Maximilian II. Emanuel angestellt und leistet zunehmend Frondienste auf der Opernbühne. ( Er ist immerhin der bestbezahlte Sänger am Hof. ) 

In seinen Erinnerungen spielen aber nur seine Studien der bayerischen Volksseele eine Rolle ( "Das is nicht der Prauch" ). Und dann seine "Hypochondrie"! Ein Erholungsaufenthalt in Italien wie die als Cicerone des Kurprinzen Karl Albrecht auf dessen Grand Tour nach Florenz und Rom bringen ihn immer wieder in sein Heimatland. So geht das hin und her, bis Filippo 1737 in München seinen letzten Opernauftritt hat. Mit 57 Jahren tritt er als Novize in das Zisterzienserkloster Fürstenfeld ein und wird 1741 zum Priester geweiht. Auch im Kloster hat er noch musikalische Pflichten.

Das ist alles recht sachlich, chronologisch erzählt und leider nicht ganz so vergnüglich zu lesen wie die anderen Bücher der Wunnicke. Ihr Witz blitzt immer dann hervor, wenn sie die Verse des Filippo Balatri in ihrer eigenen Übersetzung in den Prosatext einwebt.

Auf Audrey Magee, Autorin von "Die Kolonie", bin ich bei einer anderen Buchbloggerin gestoßen & neugierig geworden. Dieser Roman stand auf der Longlist für den Booker Prize 2022. 
"Ein Londoner Künstler und ein französischer Linguist landen im Sommer 1979 auf einer abgelegenen irischen Insel. Der Künstler ist angereist, um die zerklüfteten Klippen im Atlantik zu malen, der Linguist, um den Niedergang der irischen Sprache zu verfolgen. Jeder der Männer will die unberührte Insel und seine Bewohner für sich allein haben: Der eine, um sie in Ruhe zu malen und endlich ein besonderes Kunstwerk zu schaffen, der andere, um eine Sprache zu retten, die gar nicht die seine ist", so der Klappentext des Verlages.

Gleich zu Anfang ist so, dass einem dieser englische Maler in all seiner Selbstbezogenheit ( alles etikettiert er in seinem Innern mit einem Titel für ein entsprechendes Gemälde ) schon recht unsympathisch ist, wie er da dieses kleine irische Felseneiland mittels eines kleinen Curraghs "erobern" will und doch nur eine jämmerliche Figur abgibt. Aber der andere ist auch nicht viel einnehmender, kommt er mir schon leicht fanatisch in seiner Art vor, mit der er die vergehende Sprache retten will, und seinem reichlich paternalistischen Umgang gegenüber seinen Gastgeber*innen.

"Zwei Bullen auf der Weide", kommentieren die Frauen, die die beiden Sommergäste mit Essen und allem anderen versorgen. Beide sind Witwen, die ihre Männer beim Fischfang verloren haben, sowie der halbwüchsige Sohn der Jüngeren, James, für mich der eigentliche Held des Buches zusammen mit seiner Mutter. Die Aufnahme von diesen zahlenden Sommerfrischlern garantiert ein karges Einkommen. Während also der Maler - Lloyd mit Namen - mit seinen Pinseln und Farbtuben in die Intimität der Inselbewohner einzudringen beginnt und den Jungen, der eben nicht Fischer werden will, begeistert und zu eigenen - gekonnten - künstlerischen Versuchen animiert, verteidigt der Sprachwissenschaftler Masson sein Terrain: Er zeichnet nunmehr schon im fünften Jahr das bedrohte Gälisch mit Hilfe der Urgroßmutter auf. Beiden Männern geht es um Titel, Ruhm, eine bessere Stellung, also nur um sich selbst - ganz schön überheblich, das alles! Warum, das wird allmählich im Laufe der Erzählung immer offensichtlicher. 

Schwierig wird es, als James/ Séamus Mutter Mairéad, die mit dem Franzosen eigentlich eine Affäre unterhält, beginnt, für den Maler Modell zu stehen, auch als Akt. Sie erträumt sich ihre ganz eigene Chance auf einen eigenen Auf- und Ausbruch, wenn sie auf Lloyds Gemälden in bekannten Galerien in London zu sehen sein würde. Was bleibt ihr sonst? Der ohnehin auf sie lauernde Schwager als Ehemann, der sie nach seinen Vorstellungen formen will und ihr Kinder machen, die auch wieder nur Fischer werden?

Während es also bei den Inselbewohner*innen weitgehend ums materielle Überleben geht, fügt die Autorin in kurzen Zwischenkapiteln den Kampf & die Anschläge in der damaligen Zeit in Irland ein. Ganz sachlich-nüchtern erwähnt sie Namen, Alter, Familienverhältnisse der während der sogenannten "Troubles" Ermordeten, also jenen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Nordirland und Irland, zwischen Katholiken und Protestanten. James träumt währenddessen schon von sich und seiner Kunst als Friedensstifter...

"Für euch zwei scheint die ganze Welt nicht groß genug zu sein", meint die irische Urgroßmutter beim Abschied zum Linguisten und umreißt damit, was patriarchalische, koloniale Attitüden auf dieser Welt ausrichten, Ausbeutung und Unterwerfung auch in einem eher immateriellem Sinne. Der Schluss beschreibt die bleibende explosive Stimmung unter den Menschen. Ein bemerkenswertes und vielschichtiges, auch bedrückendes Buch.

Wenn der Name Axel Spilcker irgendwo in den Medien auftaucht, bin ich immer ganz Ohr, denn er ist zu seinen Zeiten als Polizeireporter beim Stadtanzeiger mein Nachbar gewesen. Überrascht war ich dann sehr, als ich von seinem Buch "Hitlers Gefolgsmann" erfahren habe. Neugierig auf den Reader geladen, denn Spilckers Großvater war kein anderer als der hier aus dem Bergischen stammende führende & fanatische Nazi-Politiker Robert Ley

Als Reichsleiter der NSDAP und Leiter des Einheitsverbands Deutsche Arbeitsfront gehörte er zur Spitze des NS-Regimes und entzog sich einer Verurteilung beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher durch Suizid. Mir persönlich hat sich sein Name auch eingeprägt durch meinen Besuch der Ordensburg Vogelsang in der Eifel, einer Ausbildungsstätte für zukünftiges, ideologiefestes Führungspersonal nach seinen Ideen.

Das Buch ist noch einmal eine umfangreiche Geschichtsstunde und zusätzlich eine ganz private Geschichte, die wieder einmal illustriert, wie bis heute Familien von Tätern tief in die Traumata dieser Zeit verstrickt sind und wie schwer sich auch die dritte und vierte Generation tut, über die Auswirkungen auf ihr Leben nach dem Ende des Regimes zu reden und zu reflektieren. Das ist dann auch eine tieftraurige Erzählung über Menschen, die fast ausnahmslos schwer beladen durchs Leben gehen bzw. gingen und teilweise auch darin scheitern. Die Verdrängung in der Familie Ley/Spilcker hat System, denn Erinnerungsarbeit tut weh. Aber weil Teile des "inner circle" Robert Ley bis heute verklären oder sogar verehren, sah Spilcker sich erst recht veranlasst, das Buch zu schreiben.

Dann wieder ein krasser Zeit- wie inhaltlicher Sprung ins frühe 19. Jahrhundert zu Bettina von Arnims "Die Günderodevon meiner Liste der noch zu lesenden Meisterwerke. Die Autorin habe ich ja schon vor sieben Jahren in meinem Blog porträtiert, die Titelheldin steht auch schon lange auf meiner Liste. "Die Günderode" ist keine keineswegs einfache Lektüre, denn es ist keine romanhafte Unterhaltung im heutigen Sinne, selbst nicht in dem des frühen 19. Jahrhunderts. Das Werk wird oft als Briefroman bezeichnet, der Text hat allerdings kaum eine Handlung, die man romanhaft nennen würde, und die Briefe stammen überwiegend von Bettina an die in der Romantik verehrte Dichterin Karoline von Günderode, die mit 26 Jahren Suizid begangen hat. Eher selten sind die Antwortbriefe von jener Freundin im Frankfurter Damenstift. Gedanken zur Dichtung, wie sie immer mal wieder geäußert werden, finden sich da inmitten tausend anderer Gedanken, vom Hundertsten ins Tausendste kommend, unbeleckt von all den Geboten und Verboten, mit denen das Schreiben sich sonst Fesseln anlegt.

Damit entwirft Bettina von Arnim mit diesem Werk ein weit in die Moderne vorausweisendes Modell poetischer Selbstvergewisserung, die Günderode ist ihr dabei  nur der "lieber Widerhall". "... jeder soll neugierig sein auf sich selber und soll sich zu Tage fördern wie aus der Tiefe ein Stück Erz" - damit vermeidet sie die Festschreibung der eigenen Identität, sucht stattdessen die Selbstwahrnehmung im Resonanzraum der anderen. Die reagiert einmal so: "Ich soll Dein faselig Wesen zur Besonnenheit bringen? Ich mache mir selber Vorwürfe und kann doch nach allem Überlegen zu keinem besseren Resultat kommen als eben Dich ganz Dir selber überlassen."

"Der Plaudergeist in meiner Brust" hört ungern auf, mit der fünf Jahre Älteren zu "schwätzen". Das konnte ich mir nur in kleinen Abschnitten, die ich Tag für Tag gelesen habe, zumuten, sonst wäre es mir zu viel gewesen,  ein solch "buntes Füllhorn fröhlicher Verschwendung". Ich habe mich  in dieser Fülle an Worten dennoch immer wieder herzlich erfreut an bildhaften Formulierungen ( "der blühende Baum der Großmut", "Angeln der Gemeinheit", "die Augen sind der Mund, den die Natur küßt", "im trüben Regenbach zusammengelaufener Alltäglichkeiten" ) und  an Wörtern ( "maulhängolisch", "schußbarteln", "lunzen", "nachgepetert", "verjackern" ).  Dazu dann diese malerischen Szenen in der Natur: "Der Mond scheint so hell in meine Stube, daß die ganz klingend aussieht – die Berge gegenüber sind prächtig, sie dampfen Nebel in den Mond."!  Und schließlich Einsichten, die mitunter auch ganz aktuell erscheinen ( "Wenn alle Pharisäer an der Regierungsmaschine auf einmal die Starrsucht bekämen, es würde der Welt nichts abgehen an ihrer Gesundheit, nicht einmal verschnupfen würde sie." ). Sprachlich immer wieder die reine Wonne! Da wollte ich mir ganz viel merken...

Ich habe eine Autorin kennengelernt, die so ganz anders schreibt, als es auch damals üblich war, die Lust am wilden Denken hat, am Mitteilen von Gefühlen, Philosophien, Eindrücken und an einer radikalen Einheit von Sehen, Denken und Fühlen, um sich selbst zu erkunden. Und damit ist sie auch eine, die - sie ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung immerhin schon 55 Jahre alt - nicht vor Altersweisheit trieft, sondern jugendfrisch bleibt ( "Mein arm jung Leben liegt mir am Herzen, ich kann ihm nichts versagen." ). Das war mitunter mitreißend, an die eigene sprühende Gedankenwelt der Jugend erinnernd.

Über die Günderode habe ich eher wenig erfahren, höchstens von ihrer Poesie, und es ist mein Eindruck, dass es Bettina in diesem Buch vor allem um eine geht, nämlich Bettina. Die Lektüre ließ mich in Betracht ziehen, noch einmal nach Christa Wolfs Erzählung "Kein Ort. Nirgends" zu greifen, in der die Karoline von Günderrode eine - fiktive - Begegnung mit Heinrich von Kleist andichtet. Die musste 1979 bei ihrem Erscheinen unbedingt gelesen werden und steht noch im Regal. Schaun mer mal.

Auf der Liste der hundert Bücher stand auch Clarice Lispector, eine bei uns kaum bekannte brasilianische Schriftstellerin mit ukrainisch-jüdischen Wurzeln und aufregender Lebensgeschichte. "Nahe dem wilden Herzen" ist das Debüt der damals 23-Jährigen im Jahr 1944. Ihr alter ego Joana wächst mutterlos an der Seite ihres Vaters auf. Als dieser stirbt, zieht das junge Mädchen zu ihrer Tante. Die Zeit, die sie dort verbringt, ist von einem tiefgreifenden Unglücklichsein geprägt. Von der Tante wird sie schließlich auf ein Internat verbannt, ein einsamer Ort für das Mädchen. In jungen Jahren heiratet Joana den Rechtsanwalt Otávio, doch die gemeinsame Ehe zerbricht an Joanas "Gefühlskälte" und dem gegenseitigen Betrug. Das Buch galt zu einer Zeit, in der die vorherrschende Strömung in der brasilianischen Literatur der Regionalismus war, als revolutionäre Neuerung und  literarische Sensation.

Diese  Selbstbezüglichkeit, diese Lust am Formulieren, am Schreiben, um damit Erinnerungen, Gefühle, Gedanken wieder obsessiv zurückzugewinnen - da kommt die Autorin einer Bettina von Arnim schon irgendwie nahe. Ein fortlaufender Bewusstseinsstrom bildet die Gefühlswelten der jungen Frau ab, die sich damit auch wenig um die Beschreibung ihrer Außenwelt bekümmert. Auf diese Weise verschafft sie sich in wechselnden Szenen aus Kindheit, Jugend und Ehe ein Leben, das ihr aber auch irgendwie - wie ihre Person - rätselhaft bleibt. "Sie würde nur das sehen, was sie schon in sich trug. Verloren also war die Lust am Phantasieren." Joana beschreitet einen literarischen Weg zu ihrem eigenen inneren Reichtum, ihrem "wilden Herzen". Das war keine Befindlichkeitsbelletristik, gleichzeitig aber auch keine "schöne Literatur". Ein weiteres Buch der Autorin ist  allerdings bestellt.

Da ich gegen Monatsende den unnachahmlichen Service der Deutschen Bahn genießen durfte ( mit etlichen Schikanen, aber funktionierender Klimaanlage bei 35 Grad, immerhin ) hatte ich in weiser Voraussicht einiges auf meinem Reader "gebunkert" und Vincenzo Latronicos "Die Perfektionenauf der Strecke bis Nürnberg "geschafft". 

Der Roman bot quasi einen Blick hinter die Instagram- Kulissen, denn seine Protagonisten, Anna & Tom, machen "irgendwas mit Computern", sind aus Südeuropa ins hippe Berlin gekommen und leben & arbeiten in einer Altbauwohnung, die einleitend genau beschrieben wird und die denen ähnelt, die Instagramer reihenweise zu sehen bekommen. Es wird also eine oberflächliche Welt aufgezeigt, ganz so, wie sie uns seit Jahr und Tag die Web Developer, Graphic Designer und  Online Brand Strategen in ihren Kampagnen suggerieren. Dabei kommt der Autor ganz ohne Dialoge aus, und als Leserin entnimmt man eher indirekt aus den Beschreibungen, was mit den beiden jungen Digitalnomaden los ist, wie sich ihre Umstände, ihr Leben, aber auch die Verhältnisse in Berlin im Laufe der Jahrzehnte ändern. 

Da ist schon ganz viel Unverbindlichkeit, Beliebigkeit, ja auch Austauschbarkeit, denn letztendlich wird später ein ähnliches Leben in Lissabon gesucht und eine Korrektur auf Sizilien versucht, nachdem Berlin sich verändert hat, auch durch die Gentrifizierung, und ihre Freunde in ihre jeweiligen Heimatländer zurückgekehrt sind oder eine Familie gegründet haben. Dieses, ihr perfektes Leben, welches zwar so ausschaut, sich aber nie wirklich perfekt anfühlt, macht deutlich, dass wir Menschen eigentlich nicht wirklich ohne Sinnhaftigkeit und Bedeutung existieren können.

Latronico ist aber keiner, der wertet. Die Entscheidung überlässt er der Leserin. Auf mich in meinem Alter trifft allerdings die Schlussbemerkung, ein Zitat von Hans Magnus Enzensberger, nicht zu: "Dass Sie, der Sie dies lesen, ist fast schon ein Beweis: ein Beweis, dass Sie dazugehören." Da bin ich raus. Ich war schlicht und einfach neugierig auf das Leben der Millenials.

Mir Henrik Szántós "Treppe aus Papier", das ich auch unterwegs auf me
inem Reader gelesen habe, bin ich weiterhin in Berlin geblieben, allerdings in einem ganz anderen Milieu, aber auch mit dem Schwerpunkt "Wohnen", diesmal in einem über hundertjährigen Haus, über Generationen und Zeiten hinweg. Dieses Haus setzt der Autor als Erzählfigur ein. Was den Roman anfangs schwieriger zu lesen machte als das Buch vorher, weil Szántos - man merkt den Slam-Poeten - lautmalerisch, stakkatohaft, nicht immer fließend schreibt. Der erste Satz geht gleich über vier Seiten. Die  Zeitebenen überlagern sich wie die Putz- oder Tapetenschichten auf den Gemäuern des alten Hauses, und auf der Treppe durchmischen sich die Stimme der diversen Jahrzehnte, was einen als Leser still und leise zum Mitdenken zwingt. Der Autor lässt das Treppenhaus davon sprechen, wie "Lärm und Stille, das, angemischt mit dem gesamten akustischen Erleben eines hektischen Jahrhunderts zu einem kakophonen Gebräu, durch unsere Mitte schießt.“ Gefühle kommen zutage - auch das ein Unterschied  zum Vorgängerbuch -, die nachhallen, da mitunter auch etwas rätselhaft.

Es entwickelt sich eine Art der Beziehung zwischen der sechzehnjährigen Nele und der neunzigjährigen Irma, was ein Fenster öffnet zu den Ereignissen unter der Nazi-Herrschaft: Irmas Eltern, fanatische Anhänger der Ideologie, werden der jüdischen Hausbesitzersfamilie des Uhrmachers Alwin Sternheim mit seiner Tochter Ruth gegenübergestellt, und langsam schält sich immer mehr aus den Flüstereien des Hauses und den Erzählungen Irmas deutlich sichtbar heraus, was da vor sich gegangen ist. Für meinen Geschmack gereichte das allerdings schon mal zu sehr zu einer Geschichtsstunde, die für mich als Fachfrau eher langatmig war. 

Mehr von Interesse war dann das verdruckste Umgehen von Neles Familie auf deren Fragen nach der Vergangenheit der Großeltern. Der Teenager deckt nämlich die Mittäterschaft ihres Großvaters auf: "Nele lernt, wie stark sie sich unterscheidet, die Welt, in der man ahnt, von der Welt, in der man weiß." Auf der anderen Seite faszinierte mich das Schicksal der Familie Sternheim und die Schuld, die Irma als Kind in diesem Zusammenhang auf sich geladen hat. Das war für mich der Kern des Buches, der allerdings mit einer Reihe von anderen, sehr heutigen Themenkomplexen aufgeladen wurde. Spannend & berührend war es auf jeden Fall.

Buch Nummer drei auf meinem Reader war dann "Die Erfindung der Flügel" von Sue Monk Kidd, das ich auch noch nicht gelesen hatte. Die eine der beiden Hauptpersonen ist eine ganz reale "Great Women", Sarah Moore Grimké, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegen die Sklaverei und für Frauenrechte eingesetzt hat. Ihr gegenübergestellt wird die gleichaltrige Sklavin Hetty "Handlos", die jene Sarah, Tochter einer Plantagenbesitzer- & Sklavenhalterfamilie in Charleston/South Carolina, einst Drehscheibe des Sklavenhandels der britischen Kolonien, zu ihrem elften Geburtstag mit lila Schleifen umwickelt zum Geschenk gemacht wird. Die Autorin, die selbst in Charleston gelebt hat, war völlig perplex, als sie von der realen Sarah Grimké und ihrer Schwester Nina ( einer weiteren Protagonistin im Roman ) beim Besuch der "Dinner Party" von Judy Chicago erfahren hat, an die vor Ort absolut gar nichts erinnert ( typisch! ). Übrigens spielen weibliche Kulturtechniken auch in diesem Roman eine Rolle wie das Quilten, welches den versklavten Frauen möglich gemacht hat, in einer Art bildhafter Denkschrift die Ereignisse ihres Lebens festzuhalten & weiterzugeben.

Ich habe mit den beiden Protagonistinnen mitgefiebert, die sich nicht den Traditionen und Wertvorstellungen ihrer Klasse unterwerfen wollten bzw. wurde immer wieder wütend über die Gier & Ausbeutung der weißen amerikanischen Kolonialisten, über ihre Grausamkeit, ja unsägliche Brutalität & Menschenverachtung gegenüber den von ihnen versklavten Afrikanern, die sie sich dann auch noch von den Vertretern etlicher religiöser Spielarten als gerechtfertigt durch die Bibel haben verbrämen lassen. Aber auch das paternalistische Verhalten durchaus fortschrittlicher Männer unter den Quäkern vermochte meinen Ärger zu reaktivieren. Sue Monk Kidd weiß das alles gut zu erzählen.

Ihr Roman erstreckt sich - mit verschiedenen Zeitsprüngen - über einige Jahrzehnte. Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Perspektive wechselnd aus Sicht des Sklavenmädchens Hetty/Handful und Sarah, für die Handful arbeitet. Zu Beginn des Romans sind beide elf Jahre alt und ihre unterschiedliche Entwicklung wird von der Autorin bis ins mittlere Erwachsenenalter begleitet. Die Kapitel sind kurz und gleiche Begebenheiten werden - vor allem zu Beginn - aus Sicht beider Mädchen geschildert. Im Laufe des Erwachsenenlebens trennen sich die Wege der Beiden, dennoch bleiben sie miteinander verbunden. Jede hat ihre ganz eigene Version von Freiheit, um die sie im Rahmen ihrer Lebensumstände kämpfen. Das fand ich spannend.

Spannend, das trifft auch auf meine zurückliegende Lesereise im Juli zu, auch wenn ich von der Anzahl der Bücher her weniger geschafft habe als im Juni. Aber es war horizonterweiternd vielseitig. Und darum geht es mir in der Hauptsache.




Donnerstag, 30. Juli 2026

Monatscollage Juli 2026

Heiß, heißer, am heißesten:
Juli 2026,
zehn Tage
über dreißig Grad
beim Monatsstart
( und zum Finale
dann auch noch...).

Monatsfreude:
ein klitzekleines neues Mitglied
für den kaiserlichen Clan.

Hort der Erholung:
mein Zuhause,
Museen,
Parks,
Bücher.

Ich hab es mir gut gehen lassen.
Dafür stehen die 
achtzehn Salate,
die ich mir
zubereitet habe.
Deshalb gibt es diesmal
auch eine solche 
Collage 😂:



In den nächsten Monat
starte ich 
hingegen
mit leicht angehaltenem Atem
( nicht nur wegen der Temperaturen ). 
Eigentlich wie immer
im August... 

Auch diesmal
fanden sich elf sehr schöne Links
unter meinem Juli - Post zu


Dafür bedanke ich mich von 💚!

                                                    



Unsere Monatscollagen sammelt auch in diesem Monat wieder die_birgitt
Die Collage verlinke ich auch mit Nicole am Mittelrhein.


Samstag, 11. Juli 2026

Meine 28. Kalenderwoche 2026

 "Tr*mp ist nicht unterhaltsam, 
er ist der Verkehrsunfall, 
bei dem man nicht wegsehen kann."
Peter Wejdling
"Seine Welt ist eine, in der man ungestraft treten kann – 
einfach, weil man es kann. 
Das ist die Botschaft der Roten-Karten-Affäre. 
Und sie ist widerwärtig."
Reymer Klüver
"Der König, der Kacke versprüht...
Er stellt sich über jedwede Moral 
und bleibt tatsächlich auch dort stehen."
Hilmar Klute
"Normalerweise geht man nicht davon aus, 
dass Politik sich derart selbst parodiert, oder?"
T.C.Boyle 
"Es hat noch nie eine Demokratie gegeben, 
die nicht Selbstmord begangen hätte."
John Adams, amerik. Gründervater

Sommer kann so schön sein! Wenn es nachts auf unter 20 Grad abkühlt, ein Wind wie an Hollands Küsten weht und neue gebrauchte Bücher ins Haus kommen. Dann liege ich drinnen gerne auch morgens, umweht von einer frischen Brise, mit vom Grün beruhigten Augen lesend in meinem frisch bezogenen Bett.  Diese Woche habe ich Tag für Tag Lew Tolstois "Anna Karenina" gelesen. Lesen ist derzeit mein liebstes Hobby.


Oder ich stehe rechtzeitig auf, um im Schatten draußen im Garten zu arbeiten. 

Gehört zu einer perfekten Sommerstimmung: Frank Chastenier, 26 Jahre Pianist der WDR Big Band und bei unzähligen Konzerten genossen, und sein Album "Songs I've Always Loved" lief am Sonntag bei mir und hat den Background beim Lesen & Schreiben abgegeben. Auch Moby habe ich als tollen Hintergrund-Sound im Sommer wiederentdeckt mit seinem "Porcelain" von 1999. 



Und Nossa Alma Canta, das venzianische Bossa-Nova-Projekt mit der Sängerin Rosa Bittolo Bon, passt mit "È preciso perdoar" ebenfalls zu einem angenehmen Sommerabend. Im letzten Jahr ist das Duo wieder "auferstanden", und einen Konzertmitschnitt gibt es hier auf YouTube für alle, die diese lateinamerikanische Musik mögen.


Email vom Energieversorger montags früh: Man möge doch möglichst bald die Zählerstände zwecks Abrechnung online mitteilen. Sollte kein Problem sein. Pustekuchen! Als ich meine Daten durchgeben wollte, war mein Benutzername angeblich falsch, obwohl die Angaben für den Stromverbrauch unbeanstandet weitergeleitet worden waren. 




Auf meine Rückfrage nach dem Benutzernamen kam die versprochene Mail allerdings nicht. Also weiter herumgedoktert, bis es irgendwann funktioniert hat. In der Zeit hätte ich den sonst üblichen Ableser drei Mal durch den Keller geführt und noch ein nettes Schwätzchen mit ihm gehalten. Na ja, das hatte ich dann beim verspäteten Einkauf mit einer Freundin auf unserer Haupteinkaufsstraße.



Am Mittwochmorgen musste ich mich ins Nachbarveedel aufmachen zur halbjährlichen Zahnreinigung. Und wenn ich dann schon mal dort bin: Auf in den Laden, der alles hat was man möchte, aber nicht braucht!



Ich bin heil an Geldbörse & Seele rausgekommen. Das Farbenspiel im Laden war purer Genuss ohne Reue.



Das Erlebnis dieser Woche: das Geburtstagstreffen mit Teilen meiner Familie am Freitag! Ich war froh, dass das geklappt hat, denn um 15 Uhr war in meinem Veedel eine Bombenentschärfung anberaumt. Zum Glück war mein Haus außerhalb der Räumzone und das Lokal, in dem wir verabredet waren, auch, so dass wir uns froh & munter und ohne Hindernisse dort treffen konnten. Schön war's bei hochsommerlichen 31°C! Und lecker zudem...

Diese Woche gab es so viele tolle Web-Fundstück/e!


Letztendlich habe ich mich für dieses Video des Schöpfers von KI-Video-Memes, Michael Kryton, auf YouTube entschieden - so ein Ohrwurm!

Wie immer verlinke ich mich jetzt abschließend mit dem Samstagsplausch, mit "Niwibo sucht...", den Glücksmomenten bei Annette/ Augensternwelt, dem Mosaic Monday, den "Sonntags Top Sieben" bei Anni und mit Nicoles/Frau Frieda "Plausch am Gartenzaun

                                                                         

Mittwoch, 1. Juli 2026

Bücherlese Juni 2026

 "Es ist keine Schande, Goethe nicht gelesen zu haben. 
Es ist nur schade, und man kann es ändern." 
Gustav Seibt

"Nehmt nur mein Leben hin, in Bausch
Und Bogen, wie ich's führe;
Andere verschlafen ihren Rausch,
Meiner steht auf dem Papiere."
Wolfgang von Goethe

Noch mehr Goethe folgt weiter unten in meiner monatlichen Leserückschau...

Doch zunächst einmal Jane Austen. Jetzt, da sie mich endlich gepackt hatte, kriegte ich nicht genug von ihr. Und so bin ich in den sechsten Monat dieses Jahres gestartet mit den gut über fünfhundert Seiten von "Mansfield Park" in der Übersetzung von Manfred & Gabriele Kempf - Allié. Diesen Roman habe ich gewählt, weil es doch unter den Austen-Anhängern welche gab, die ihn als ihren liebsten anpreisen, der Titel mir aber so gar nichts sagte. Die allerersten schwülen, hochsommerlichen Tage dieses Jahres habe ich dann mit der Lektüre in meinem  - da noch - wohltemperierten Haus verbracht. 

Und mich dabei bekannt gemacht mit Fanny Price, dem Aschenputtel unter Austens Heldinnen, der sechsköpfigen Familie des Baronets Thomas Bertram, die Fanny aus ihren prekären Familienverhältnissen in der Hafenstadt Portsmouth herausholt und bei sich aufnimmt, der bigotten Tante Mrs. Norris, dem notorischen Herzensbrecher Henry Crawford und seiner mondänen, zu Kabalen neigenden Schwester Mary und allerlei weiteren Charakteren. Da musste ich mich anfangs wieder schwer konzentrieren, um alle auseinander zu halten. 

Dass frau mit der Protagonistin mitfiebert und sich fragt, ob sich das Blatt noch für sie wenden und sie ihr Glück machen wird, ist ja Standard bei dieser Schriftstellerin. Ebenso typisch ist auch bei diesem Austen-Roman das weitgehende Fehlen an externen Beschreibungen und die Konzentration vor allem auf Figurenrede und Innenleben. Das ließ mich fast scheitern am cliffhanger des Romans, dem Teil, in dem es um die Planung einer Theateraufführung in Mansfield Park geht, die die jungen Leute während der Abwesenheit des Patriarchen auf seinen Plantagen in Antigua planen. Spannend wird es erst hinterher. Dann umso mehr.

Da nimmt nämlich das innere & äußere Geschehen allmählich Fahrt auf, als der Charmeur Henry Crawford, den doch - für Fanny offensichtlich - mehr als einen heißen Flirt mit Cousine Maria verbunden hat, nachdem diese sich aber verehelicht hat, Fanny einen Heiratsantrag macht. Den kann sie aus vielerlei Gründen nur ablehnen. Einer davon ist, dass sie Cousin Edmund liebt, immer schon geliebt hat. Der aber steigert sich zusehends in seine Liebe zur spritzigen Miss Crawford hinein. Der Baronet nimmt seiner Pflegetochter diese Entscheidung übel, wäre eine solche Vermählung doch ein Weg aus ihrer Armut. 

Schließlich wird Fanny, um in der Distanz Einsichten zu gewinnen, in dieses Elend zu ihrer Familie auf eine längere Auszeit geschickt. Die Schilderung eines so ganz anderen Milieus fand ich passend, scheint das mir doch für das England jener Tage viel typischer gewesen zu sein als das Leben der gentry in großen Herrenhäusern innert toller Parkanlagen. Soziale Verhältnisse werden bei Austen ja eigentlich weitgehend über die Beschreibung der Emotionen ihrer Figuren ausgedrückt ( in diesem Roman wird allerdings auch einmal angerissen, dass der ganze unbekümmerte Lebensstil auf ausbeuterische Sklavenhaltung zurückgeht ).

Was unterdessen für Turbulenzen die Familie Bertram erschüttern, erfährt die Protagonistin bei ihren Eltern fast nur durch Briefe. Und dann beschließt Jane Austen auch noch, das happy end für ihre Protagonistin rückblickend in einem einzigen, letzten Kapitel zu schildern! Wie Fanny Edmunds Zuneigung endlich doch gewinnt und dieser sich von seiner Angebeteten löst, wird erzählerisch für mich nicht so wirklich  zufriedenstellend entwickelt. Aber vielleicht ging es Jane Austen auch weniger um das letztendliche Eheglück, sondern um den Menschen Fanny, eine junge Frau, die sich selbst treu bleibt und ihr Leben in die eigene Hand nimmt. 

Das mural in meinem Veedel passt inhaltlich gut zum Buch.
Was ganz anderes war mein nächsten Buch: Hundert Jahre wäre er am 31. Mai alt geworden, James Krüss, jener Autor, der mir mit seiner Literatur zu unzähligen hinreißenden, vergnüglichen Unterrichtsstunden während meiner Grundschulzeit geführt hat. Posthum ist das bisher unveröffentlichte Manuskript von "Die Haiteks oder Was kostet die Welt. Kein Märchen" zu diesem Gedenktag herausgekommen, und postwendend habe ich es mir besorgt. Schon die ersten, einleitenden Verse hatten mich angesprochen:

Es war einmal ein kleiner Stern.
Der hatte seine Kinder gern.
Der kleine Stern hieß Erde.
Er spendete, was nötig war, 
Mit Freude seiner Kinderschar, 
Damit sie glücklich werde. 

Und dann erzählt der eigenwillige, fantasievolle, große Geschichtenerzähler auf seine Art, die ich schon bei "Mein Urgroßvater und ich" so schätzen gelernt habe, wie die Menschheit sich die Erde untertan gemacht hat, wie es z.B. von den Linsen, die die Natur hervorgebracht hat, zu denen in der Dose kommt und letztendlich zu einem einzigen Gesellschaftsspiel namens "Was kostet die Welt?" Also wie wir Menschen, eine Gemeinschaft von "Bastlern", zivilisatorisch "aufgestiegen" sind mit all unseren Errungenschaften, darunter Sprachen & Schrift ( eine krüss'sche Leidenschaft ) und nun wohlwissend dabei sind, alles dem Untergang anheim zu geben. Wir tanzen immer noch auf dem Vulkan, 35 Jahre, nachdem diese explizite Kritik an der kapitalistischen Gesellschaftsorganisation und dem technologischen Fortschrittsglauben, illustriert mit den "Haiteks", diesen Turmbau-zu-Babel-artigen Riesenstädten, verfasst worden ist. Das ist ganz schön dystopisch!

Dann obsiegte meine Neugier auf noch mehr Jane Austen, und "Sense and Sensibility" kam dran, auf Deutsch "Verstand und Gefühl" in der Übersetzung von Angelika Beck. Da war er endlich, der Witz, die Ironie, die der Autorin so gerne zugeschrieben wird! So kann nur eine Zwanzigjährige mit leichter Hand schreiben und auf das verlogene Treiben der Erwachsenen augenzwinkernd & selbstbewusst reagieren und es damit entlarven. Herrlich ihre Beschreibung der Szene, als Mr. John Dashwood, der seine Halbschwestern Elinor, Marianne, Margaret samt Stiefmutter nach dem Tod des Vaters aus ihrem Anwesen, dem Herrenhaus Norland Park, vertreibt, sein Versprechen dem sterbenden Vater gegenüber, für diese gut zu sorgen, im Dialog mit seiner habgierigen, snobistischen Ehefrau immer weiter "runterfährt"! Hat mir sehr gefallen. Auch die impulsive und überschwängliche Marianne mit ihren unverstellten Reaktionen auf die formalen, steifen ( und bigotten & aufs Geld versessenen ) Erwachsenen um sie herum. Manchmal ist sie mir wie ein alter ego der Autorin vorgekommen, die ihrer Protagonistin das zugesteht, was sie gerne auch für sich in Anspruch genommen hätte ( oder vielleicht sogar hat? Zu wenig weiß man über den Menschen Jane Austen. ).

Bei diesem Roman bekommt frau auch eine Ahnung von der ökonomischen Grundlage der englischen Wirtschaft zur Regency-Zeit, die als post - revolutionär zu gelten hat, aber noch der sog. industriellen Revolution harrt und noch wenige kapitalistische Strukturen aufweist. Allein Grundbesitz garantiert ein Auskommen. Aber da wird natürlich der Kuchen nicht größer und höchstens durch Vererben neu verteilt. Das Nachsehen haben die Frauen, die nur durch kluge Heiratspolitik materiell versorgt sein können - das, was die Schwestern Dashwood da erleben, kann frau nur aus heutiger Sicht als höchst empörend auffassen. Dazu kommt, dass in diesen privilegierten Kreisen des niederen Landadels Menschen so gut wie nie auf die Idee gekommen wären zu arbeiten. Über die bedauernswerten Anderen, die sich abrackern müssen für ihr Überleben auf den Besitzungen dieser gentry, schreibt höchstens Charles Dickens zeitlich etwas später. Frauen bei Austen gehen spazieren, handarbeiten, bilden sich durch Lesen oder spielen Klavier, Männer reiten durch die Gegend oder jagen und ansonsten pflegt man Geselligkeit, plaudert - nicht ohne Witz & Charme - ohne Ende und gibt immer wieder mal 'nen Ball. Kein Wunder, dass die Autorin erst 200 Jahre später sich einer solchen Popularität erfreut: So ein Leben führten wir doch auch allzu gerne!

Ich bin über mich selbst erstaunt, das mich das Werk der Jane Austen zunehmend angesprochen hat, obwohl ich dem Genre "New Adult" reichlich, reichlich entwachsen bin. Dabei hat mir "Verstand und Gefühl" dank seines Humors besser gefallen als "Stolz und Vorurteil". Jetzt habe ich noch "Northanger Abbey" vor mir, dann bin ich mit der Autorin durch.

Ich habe mir schließlich im modernen Antiquariat die schöne Reclam-Ausgabe sämtlicher Romane besorgt. Die wird jetzt auch in die Bibliotheksregale eingearbeitet. Alle anderen Ausgaben sind im öffentlichen Bücherschrank gelandet und haben inzwischen bereits Interessenten gefunden.

Soziologie, auch wenn ich sie grade bei Jane Austen angesprochen habe, ist ein Gebiet der Wissenschaften, das ich seit meinem Studium nicht mehr betreten habe. Deshalb kannte ich auch Dirk Kaesler nicht. Mit dem Buch "Schön deutsch. Eine Entdeckungsreise" bin ich auf ihn gestoßen und habe ihn dann ergoogelt. Dabei habe ich eine ganz außergewöhnliche persönliche Geschichte entdeckt: 

Kaesler ist nicht nur in einem "Lebensborn"-Heim der Nationalsozialisten zur Welt gekommen, sondern sein Vater ist ein SS-Offizier gewesen, der mit der Mutter als Angestellte des "Lebensborn" ein Liebesverhältnis gehabt hat. Seinen Namen hat er allerdings vom im Krieg gefallenen Ehemann der Mutter bekommen. Das hat mein Interesse geweckt, zumal ich eine Kollegin hatte, die ihre Existenz ähnlichen Verhältnissen zu verdanken hatte und deren bittere Lebensgeschichte im Wirtschaftswunderdeutschland mich vor Jahrzehnten bewegt hat. Also besorgte ich mir "Lügen und Scham".

Es ist eine Autobiografie, die ich eher als Zeitdokument gelesen habe, denn Stil und Art der Darstellung des Autors hat mich nicht vom Hocker gerissen. Aber Kaesler hat sehr viel Material zur Verfügung - Tonbandaufnahmen von Gesprächen mit der Mutter, sehr detailreiche Fotoalben, Briefe zwischen den Eltern, ein Treffen mit dem Vater nach 35 Jahren - , mit denen er seine traurige Geschichte in Kindheit & Jugend untermauern kann. Es hat mir wieder einmal bestätigt, wie lange die Traumatisierungen jener unseligen Zeit deutscher Geschichte in vielen Nachkriegsbiografien meiner Zeitgenossen nachwirken.

Zeitgeschichte hat auch eine Rolle gespielt bei meinem Interesse an einer Lektüre der ganz anderen Art: "Das Eiermann Magnani Haus", herausgegeben vom Haus der Geschichte Baden - Württembergs.

Bei meinem Besuch in meiner alten Heimat bin ich wieder auf den später so berühmten deutschen Architekten gestoßen, der unmittelbar nach dem Krieg zusammen mit dem charismatischen Menschenfischer im Sinne Jesu, Heinrich Magnani, den vielen Heimatvertriebenen nach dem zweiten Weltkrieg eine dauerhafte Bleibe verschafft hat. Egon Eiermann hat entworfen und geplant, Magnani hat organisiert ( Baumaterial wie kirchliche & politische Zustimmung ), die zwangsweise dem kleinen Dorf zugewiesenen Flüchtlinge haben mit einheimischen Unterstützern gebaut und sich so eine neue Bleibe geschaffen. Ein beeindruckendes Projekt! 

Ein Haus aus dieser Siedlung ist 2018 in ein Museum umgewandelt worden und dokumentiert, wie Integration gelingen kann. Für mich als Nachfahrin sudetendeutscher Entwurzelter sind solche Dinge wie Stragula, Wanddekorationen mit Musterwalze oder Ein-Ofen-Heizungen nicht nur ein Begriff, sondern eine sinnliche Erfahrung, bin ich doch in der Flüchtlingsunterkunft ( allerdings in einem Nachbarort ) meiner Oma & Mutter geboren worden und habe darin auch meine ganz frühen Jahre verbracht. Ich habe den Museumskatalog mit leicht angehaltenem Atem an einem Nachmittag verschlungen, besonders berührt von der Abbildung des Henkelmannes, der auschaut wie der meiner geliebten Oma, mit dem sie mir die Walderdbeeren nach der Arbeit im Wald als "Kulturfrau" heimgebracht hat...

Genug von der jüngeren Vergangenheit bei uns ( und von eher sachlichen Texten )! Anschließend habe ich zu einem sehr schön aufgemachten kleinen Buch gegriffen: "Die Bienenhüterin" von Sue Monk Kidd. Der Roman ist bereits 2008 erschienen und spielt in den Südstaaten der USA in den 1960er-Jahren, genauer in in South Carolina in der Zeit, als Präsident Lyndon B. Johnson der Rassentrennung per Gesetz ein Ende bereitet hat. Das spielt im Roman auch eine Rolle.

"Aus heutiger Sicht kommt es mir vor, als wären mir die Bienen gesandt worden. Ich will damit sagen, sie erschienen mir, so wie der Erzengel Gabriel die Jungfrau Maria heimsuchte", stellt die Heldin des Romans, die vierzehnjährige Lily Owens, ihm voran. Lily hat vor zehn Jahren ihre geliebte Mutter bei einem tragischen Unfall, an dem sie beteiligt gewesen ist, verloren und lebt mit einem brutalen Vater und einer afroamerikanischen Haushälterin, Rosaleen, auf einer Pfirsichplantage.

Die Geschichte nimmt Schwung auf, als Rosaleen sich sofort nach Verkündung der Rassengleichheit in das Wählerverzeichnis eintragen möchte und, begleitet von Lily, sich in die Stadt aufmacht. Dort werden sie von einer Gruppe weißer Farmer belästigt und angegriffen. Rosaleen wehrt sich, die Polizei wird gerufen und die beiden weiblichen Wesen werden verhaftet. Doch die Konsequenzen muss Rosalee im Endeffekt allein tragen, nachdem der Vater Lily dort abholt. Rosaleen wird im Gefängnis körperlich drangsaliert, verletzt und in ein Krankenhaus gebracht. Aus dem holt sie die wütende Lily, listig & beherzt, und  dann machen sich zu zweit auf und davon, einen Ort namens Tiburon als Ziel vor Augen. Der steht nämlich auf dem Bildnis einer schwarzen Madonna aus den Hinterlassenschaften von Lilys Mutter. Sie erreichen den Ort in der Tat, und als sie Essen einkaufen wollen, entdeckt Lily im Krämerladen Honiggläser mit genau dieser Madonna auf dem Etikett. So landen sie bei der Imkerin Augusta und ihren Schwestern, alles auch Schwarzamerikanerinnen, die auf einem großen Anwesen leben und die ihnen Unterschlupf gewähren.

Die Erzählung entwickelt sich weiter wie für Entwicklungsromane typisch, indem das Tagebuch einer jugendlichen Heldin auch stilistisch nachempfunden wird. Es geht dabei auch um diverse Bewältigungsstrategien für Verlust, Leid & Trauer: eine Klagemauer voller kleiner Zettelchen oder eine alte weibliche Galionsfigur aus Sklavenzeiten bis hin zu einem selbst kreierten Marienkult der Schwestern und ihrer Freundinnen. Das trägt fast märchenhafte Züge und wirkt auf mich hin und wieder wie der Traum von einer behütenden matriarchalen Welt, in der wohlbesonnen agiert wird. Und natürlich geht es ganz viel um die Besonderheiten solch staatenbildender Insekten, wie es die Bienen sind.

Es ist eine Wohlfühlgeschichte, die ich ab und an auch brauche, und ich habe das Buch an einem Tag gelesen ( Regenwetter! ). Und das auch gerne.

Um einen anderen Blickwinkel auf die literarische Behandlung der Südstaaten- bzw. die Rassismus-Problematik in den USA einzunehmen, habe ich dann "Die Bäume" von Percival Everett aus meinem Bücherstapel vor dem Regal gezogen. In diesem Buch, bei uns 2023 erschienen, macht er sich eines Tabubruchs schuldig: Die sogenannten Lynchmorde, die in den 1950er Jahren in den Südstaaten der USA begangen wurden und ihre zeitgenössischen Folgen, handelt Everett in einer Mischung aus Horror & Comedy ab. 

Der Plot: Im Städtchen Money in Mississippi, dem Land der Rednecks & des Ku-Klux-Klan, geschehen in unseren Tagen - Trump findet Erwähnung - mehrere Morde, meist an übergewichtigen, trägen, nichtsnutzigen, da ihren Angehörigen auf der Tasche liegenden weißen Personen. Neben jeder Leiche taucht ein Körper auf, der die Züge von Emmett Till trägt, eines 1955 gelynchten schwarzen Jungen ( der wohl bekannteste, aber bei weitem nicht der einzige Lynchmord jener Tage ). Die Mordserie weitet sich dann bald auf andere Bundesstaaten aus und ein afroamerikanisches Ermittlerpaar, später eine FBI-Ermittlerin kommen ins Spiel.

Auf was habe ich mich da eingelassen? Es gibt Szenen aus der amerikanischen Provinz in all ihrer Hoffnungslosigkeit wie aus Filmen wie aus "Gilbert  Grape - Irgendwo in Iowa", die ich auch irgendwie bedrückend bis grotesk empfand, aber auch viel blutiges Grauen, in einfacher und klarer, geradezu staubtrockener Sprache beschrieben, nicht ohne Ironie und mit Dialogen, die ganz schön sarkastisch daher kommen können. Ich war auf jeden Fall überrascht, kannte ich den Autor doch nur von seinem Gegenentwurf zu Mark Twains Huckleberry Finn mit dem Titel "James". Jetzt also dreht Everett in diesem Roman die historischen Verhältnisse um und macht aus den Opfern Täter – eine radikale Selbstermächtigung und die Tilgung von jahrhundertelanger Verfolgung und Erniedrigung! Auf jeden Fall ein pageturner, den ich an zwei Abenden verschlungen habe.

Die elf Seiten mit den Namen der Opfer der Lynchjustiz in den Südstaaten hat mich allerdings auch auf den Boden der Realität zurückgeholt und mich innehalten lassen. Am Ende blieb ich sprach- & ratlos zurück, denn da konnte ich  der Erzählung kaum noch folgen.

Anschließend unbedingter Szenenwechsel! 

Inger -Maria Mahlke "Unsereins" spielt im deutschen Norden  um die Jahrhundertwende. Bald ist klar, dass es sich nur um Lübeck handeln kann, wo die Autorin aufgewachsen und das legendäre Katharineum besucht hat, und natürlich (?) der Roman auch um Thomas Manns "Buddenbrooks" kreist. Aber "Unsereins" ist alles andere als ein Thomas-Mann-Enthüllungswerk, vielmehr wird die Stadtgesellschaft zur Gänze in den Blick genommen. Und die umfasst auch Dienstpersonal, Angestellte, Handwerker*innen, Arbeiter mit einem besonderen Schwerpunkt bei den weiblichen Bediensteten. Das Dienstmädchen Ida Stuermann, im Hause der Lindhorsts tätig, wird besonders oft dargestellt. Und dem Ratsdiener Isenhagen begegnet man als Konstante im gesamten Roman. So malt die Schriftstellerin nach und nach ein historisches Sittenbild. Malt deshalb, weil Mahlke einer wie mir, die das Visuelle so braucht, genug Anlässe bietet, Bilder im Kopf zu entfalten. Schon die Eingangsszene, als Drohnenaufnahme eines Regentropfens, der auf die Stadt niederfällt, war filmreif inszeniert. Das war mir beim Lesen "Plehsier", wie das bei jenem Isenhagen so schön heißt. 

Aber auch Politik und soziale Differenzen sind präsent, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Exemplarisch sei an dieser Stelle der dauerhafte Konflikt über den Ausbau der Kanalisation und von WCs, der aus hygienischen Gründen angestrebt wird. Das wird allerdings von den ortsansässigen Gärtnereien abgelehnt, die mit ihren Karren den Inhalt von Abtrittkästen und Nachttöpfen als Dünger straßenweise abholen und ihr Geld damit machen. Mit Klarnamen geht auch der Sozialdemokrat, Gewerkschafter & Reichstagsabgeordnete Theodor Schwartz in die Erzählung ein. 

Ebenfalls mit richtigem Namen spielen Otto Grautoff, der Schulfreund des Lübecker Nobelpreisträgers, die Malerin Maria Slavona, geborene Schorer, und ihr Liebhaber Willy Gretor, Fanny Gräfin zu Reventlow mit und natürlich tritt Thomas Mann auf ( letzterer unter Tomy, der Pfau ) und im Kapitel über das Jahr 1906 als etwas arroganter Jungschriftsteller. Andere Figuren haben ihre Entsprechungen in den "Buddenbrooks", so Friedrich Lindhorst, mit Moritz Hagenström in Manns berühmten Roman korrespondierend, der wiederum seinerzeit vom realen Emil Ferdinand Fehling inspiriert worden ist. Fehling war mit Ada verheiratet, der einzigen Tochter des Dichters Emanuel Geibel ( in "Unsereins" firmiert der unter dem Namen Keitel ) und jene reale Ada gibt der Autorin die Vorlage für Marie Lindhorst, die Frau Friedrichs, ab.

Wie überhaupt die Frauenfiguren aller Schichten in "Unsereins" Aufmerksamkeit erhalten: Das Dienstmädchen Ida Stuermann, das ihrem Dienstverhältnis durch Stenografie-Kurse zu entfliehen sucht ( vergeblich ), die Stieftochter des Wasserbaudirektors Schilling, Henriette, die eine neue, freiere und unabhängigere Denkweise entwickelt und wagt einen anderen Weg dank ihres Erbes und ihres schriftstellerischen Talents einzuschlagen als den für eine höhere Tochter vorgesehenen. Gerade jener Wasserbaudirektor schwängert sein Dienstmädchen Hilda, die daraufhin ins Wasser geht. Von Missbrauch kein Wort im Roman und doch ist in einer stilistischen Verknappung alles gesagt.

Eine stringente Handlung im herkömmlichen Sinn gibt es nicht ( es gibt auch Exkurse nach Japan, die mich etwas gestört haben ), und dementsprechend drängt auch nichts zu dem einen dramatischen Höhepunkt. Spannende Episoden fand ich dennoch. "Unsereins" ist auch kein klassischer historischer Roman, in den sich ein Leser/Leserin hineinfallen lassen kann. Die vielschichtige Komposition mit ständigem Personal- und Perspektivenwechsel und Dialoge jenseits der Geschwätzigkeit fordert ein konzentriertes Lesen, ist aber auch sehr unterhaltsam. Und je näher man dem Ende kommt, schleicht sich immer mehr Melancholie ein: Da geht eine Zeit unter mit dem Tod der Mutter der Lindhorst-Kinder. Leseempfehlung!



Klar, dass anschließend zu den "Buddenbrooks", ein Lesezirkel -Exemplar von 1957, in unserer Bibliothek, gegriffen wurde, denn der Roman, einst im jugendlichen Lesewahn verschlungen, war nicht mehr präsent. Ich wollte es also noch mal wissen. 

Ich kann mich nicht erinnern, dass mich die Figur der Tony beeindruckt hat ( in der Verfilmung von 1959 war das vor allem die Schönheit von Nadja Tiller als Gerda Arnoldsen). So am Ende eines Lebens, in dem frau sich auch viel mit feministischen Themen beschäftigt hat, stellten sich mir die Nackenhaare beim Lesen immer mal hoch, wie doch auch damals in bürgerlichen Kreisen wie sonst beim feudalistischen Adel die jungen Frauen - in diesem Falle Tony Buddenbrook - "verschachert" wurden. Eigentlich ist diese junge Frau in ihrer Art mir ganz nah & sympathisch, und es machte mich traurig, wie sie sich immer selbst abwertet ( "ich dumme Gans" ). Aber das ist ja  auch heute immer noch weit verbreitet unter uns Fraulück. 

Dabei entstehen ihre "Fehler" doch immer nur, weil sie den Erwartungen ihrer Familie nachkommt. Sie zeigt ein gutes Einfühlungsvermögen gegenüber dem Bruder, den sie oft besser kennt, als er sich selbst, und der an seinem Rollenverständnis & Leistungsanspruch letztendlich ja auch zugrunde geht. Sachverstand bzw. die Fähigkeit, sich in Sachverhalte gut einzuarbeiten, legt Tony auch an den Tag.  Und zupackend & sorgend ist sie zudem und hat das Vermögen, unangenehme, schlechte Dinge ihre Seelenruh nicht vergiften zu lassen. Nur ihr latenter Antisemitismus - der allerdings, finde ich, sehr leise daherkommt und in den von Standesdünkel geprägten Geist ihres Milieus verpackt ist -  störte die Identifikation  manches Mal.

Die Melancholie, die ja doch den ganzen Roman durchzieht, entsprach der eigenen, gewachsenen Lebenserfahrung. So eine erschöpfte Leistungsgesellschaft! Diese Diskrepanz zwischen Pflichterfüllung und eigener Vitalität und dem Wunsch nach mehr Lebensfreude & -genuss - mein ganz & gar eigenes Lebensthema! So richtig, richtig klar geworden ist mir das in meinem Lebensherbst nach dem großen persönlichen Verlust. Fremd geblieben ist mir die Vorstellung, dass nur körperliche Gesundheit mit Willenskraft und wirtschaftlichem Erfolg einhergehen kann, und von daher auch die im Roman beschriebene Sentenz, als Thomas Buddenbrook seine erfahrene Schwäche mit einer Neigung zur Mystik verbindet. Toll hingegen die Beobachtungen des Jungen Hanno, wie sich das Gesicht des Vaters je nach Rolle verändert. Klar, dass Hannos Skepsis gegenüber dem väterlichen Lebensmodell wächst. Sein Tod war irgendwie folgerichtig, aber trotzdem sehr erschütternd.

Für einen Teenager, der ich bei meiner ersten Lektüre war, liegt die Frage der Vergänglichkeit nicht grade auf der Hand. Meine Leseerfahrung bestätigte also wieder einmal die These, dass jedes Buch je nach Altersstufe unter ganz anderen Blickwinkeln wahrgenommen wird. 

Das maximale Pathos wie die subtile Ironie, die der damalige Mittzwanziger Thomas Mann in diesem Roman an den Tag gelegt hat, ließen mich dennoch immer wieder griemeln, was einen gut Teil zum Lesevergnügen beigetragen hat. Dazu die vielen Redewendungen und die Zitate, die mein lieber Herr K. auch immer auf den Lippen hatte ( "Kurze Haare sind bald gekämmt" z.B. ), die wohlige Erinnerungen weckten. Der Roman hat mir viele schlaflose Stunden versüßt, die ich wegen der Tropennächte in der zweiten Hälfte des Junis verbracht habe.


Zwischendurch habe ich immer wieder ein Kapitel  ( fünfzig sind es insgesamt ) in "Ein Sommer mit Goethe" des Literaturkritikers der SZ, Gustav Seibtgelesen, wenn ich mal spontan auf der Terrasse eine kürzere Pause ohne Baustellenlärm einlegen konnte. 30 Minuten, so schlägt es der Autor selbst vor, solle man jedem Kapitel widmen. Ein Experiment, das kein ödes Bildungspäckchen zu sein braucht, finde ich! Manche habe ich mir sogar laut vorgelesen und das mit Vergnügen.

Das  Buch fängt auch gleich gut an mit der Ballade "Der Schatzgräber" und seinem "Tages Arbeit! Abends Gäste! / Saure Wochen! Frohe Feste!". Da hat der Meister kurz und bündig so eben mal die heute in Verruf geratene Work-Life-Balance beschworen, die uns der Kanzler ja so verleiden will, und von der ich mir im Rückblick auf mein über siebzigjähriges Leben deutlich mehr gewünscht hätte.

Immer wieder schafft es Seibt aufs Neue, den ollen Dichterfürsten an Aktualität gewinnen zu lassen: "Verständige Leute kannst du irren sehn,/ In Sachen, die sie nicht verstehn." Ja, auch vor über zweihundert Jahren spaltete sich die Gesellschaft, lagen auch ganze Familien im Zwist miteinander, weil sie dramatisch politisierten und simplifizierten und damit völlig sachfremd Energien freisetzten, also ein wahres Affektregime installierten. Dass das apokalyptische Ausmaße annimmt, ist also keine "Erfindung" unseres quadranscentennial der social media also.

Ach ja, auch die "eigentlich geistlose(n) Menschen, [...] welche auf die Sprachreinigung mit so großem Eifer dringen" kriegen im Kapitel "Geistloser Purismus" ihr Fett weg. Doch es sind nicht nur die Zeitbezüge, die den Wert dieses Buches für mich ausmachten, nicht der bildungsbürgerliche Vollrausch, der mir gefallen und mich öfter auch zum Schmunzeln, wenn gar lautem Lachen animiert hat. Es hat mich erinnert, was ich aus dem Deutschunterricht meiner Schulzeit an Anregung & Persönlichkeitsbildung mitgenommen habe ( da war also nicht nur Frust & Gängelei, was meinen Rückblick schon mal verstellt ). Goethe  bzw. sein Werk gehörte unbedingt dazu, der mich in meiner sinnlichen Wahrnehmung der Welt & der Freude an schöner Sprache gefördert hat. Und nun? Auch zum Alter hat er mir was zu sagen, diesem "neuen Geschäft", welches  auch ich angetreten habe, und dem niemand uneingeschränkt "Herein!" sagt:

Ich neide nichts, ich lass' es gehn
Und kann mich immer manchem gleich erhalten;
Zahnreihen aber, junge, neidlos anzusehn,
Das ist die größte Prüfung mein, des Alten.


Nach so viel philosophischen Simelierens war mir nach Amüsement, und das garantiert mir, scheint's, inzwischen  Christine Wunnicke. "Selig & Boggs. Die Erfindung von Hollywood" von 2013 lag hier bei mir "auf Halde" und führte mich literarisch in eine Zeit, in der Hollywood achthundert Einwohner& keine Lichtspiele hat und eine Straßenbahnverbindung, die zwei Stunden bis nach Los Angeles braucht, aber auch ewigen Sonnenschein. Grotesk - historisch geht es zu, wie ich es an der Autorin mag, faktenbasiert, und doch vor Fantasie schäumend.

Wunnicke wäre eben nicht Wunnicke, wenn ihre Geschichte nicht einen wahren Kern hätte. Und den gibt zuerst einmal der sechste Gouverneur des Bundesstaates Missouri, Lilburn W. Boggs, ab, der als Mormonenhasser bekannt ist und die Ausrottung derselben befohlen hat. Auf den wird 1842 ein Attentat versucht, das er aber schwer verletzt überlebt. Genau diese Szene versucht nun 1907 sein Enkel Francis W. Boggs als Spielleiter im Selig Poyscope Lichtspielatelier in Chicago nachzustellen & zu filmen. Das unberechenbare Wetter macht ihm immer wieder ein Strich durch die Rechnung, eine Migräneattacke ist die Folge und die Idee, man müsse nach Kalifornien, denn dort hat man immer Palmen, Sonne und damit filmreife Verhältnisse. In den Adern des Francis W. Boggs floss das Pionierblut des Großvaters.

Auch William Nicolas Selig ist eine reale Figur. Wunnicke lässt ihn auf seine Gabe, Menschen glücklich zu machen, kommen, als er Hausmeister in einem Sanatorium in Colfax/Kalifornien ist. Er nutzt die Fähigkeit in Zukunft als Taschenspieler, Zauberer, Chef einer Minstrel- Truppe -  mit eingeschränktem Erfolg treibt es ihn kreuz und quer über den nordamerikanischen Kontinent. Als er in eine Kinetoskop-Vorführung mit dem von Edison entwickelten Apparat für bewegte Bilder gerät, sieht er eine bessere Möglichkeit der Menschenbeglückung vor sich. Zunächst wurschtelt er sich aber noch durch mit einem Fotoatelier, bis er auf den illegalen Nachbau einer Kamera der Gebrüder Lumière stößt: Das ermöglicht die Geburtsstunde eines der ersten amerikanischen Filmstudios! Und weil Boggs seinen Chef überzeugen kann, werden die Beiden die Grundlage für die Filmindustrie schaffen, indem sie ein Studio an der Westküste in Edendale in der Nähe von Los Angeles etablieren und den Film "Der Graf von Monte Cristo" produzieren.

Auch weitere verbriefte Personen wie der Chicagoer Wurstfabrikant & Seifenhändler Philip Danforth Armour kommt vor, der Selig Anwälte finanziert, als Edison den auf seine Patentrechte hin verklagt. Ebenso Armours "Gegenspieler", der Schriftsteller Upton Sinclair, der in seinem Roman "Der Dschungel" die Zustände in den Chicagoer Wurstfabriken sowie das Leben armer Einwanderer beschrieben hat. Den Shakespeare-Darsteller Hobart Bosworth, dessen Stimme kaputt ist und der daher beim Stummfilm besser aufgehoben ist ( und nebenbei den Western erfindet, ) gab es wirklich. Auch Boggs Ehefrau, May Hosmer, ist echt. Und last not least der Japaner Frank Minnimatsu, der Boggs auch in der Realität erschossen hat und lebenslänglich in St. Quentin einsaß, spielt eine Rolle. Und all das und noch viel mehr verwebt die Autorin vermittels ihrer farbigen, manchmal auch lakonischen Sprache und mit der ihr eigentümlichen, abstrusen Fantasie zu einer ganz kurzweiligen Geschichte, die in meinem Kopfkino - natürlich! - Filmszenen wie aus dem Stummfilm generiert hat, genauso drollig & verschroben.

Ach, ja: Ich vergaß Seligs Tiere! Wir kennen ihn alle, seinen Löwen! 1928 durfte der, alt und schwerfällig geworden, vor der eigens eingerichteten Kamera zweimal brüllen und wurde das Signet von Metro Goldwyn Meyer. 


Auch in meinem nächste Buch, Daniele Del Giudices Roman "Das Land vom Meer aus gesehen" bietet eine reale Person den Anlass für das Buch:

"Zwischen den beiden Weltkriegen spielte in der Drei-Kulturen-Stadt Triest ein Mann eine wichtige Rolle, dessen Wirken bis heute zum Mythos jener Literatur gehört: Roberto 'Bobi' Bazlen, unermüdlicher Streiter für Svevo, Saba und Montale, nach dem Zweiten Weltkrieg einer der wichtigsten Fürsprecher auch der deutschen Literatur in Italien. Er war der begabteste, belesenste und geheimnisvollste Autor der Triestiner Bohème – und hat doch nie ein Buch geschrieben."

So der Klappentext und die Leserin macht sich mit dem Protagonisten auf, Spuren dieses Mannes aufzusuchen. Ja, das Buch ist quasi ein Weg, und schon zu Beginn läuft man einen Kilometer über die Gleise, denn der Zug nach Triest ist wegen eines technischen Schadens liegen geblieben. Es geht zunächst um Brücken, dann Buchhandlungen & Bibliotheken in der Stadt und schließlich in ein Krankenhaus. Aber die dort untergebrachte, von Bazlen einst so wohlwollend beschriebene junge Frau mit den beeindruckenden Augen ist dement, aus der ist nichts herauszukriegen.

Man muss sich einlassen, auf die Art des Erzählers, der wohl das alter ego Del Giudices ist, nämlich gleichzeitig makellos und irgendwie unbeholfen. Tadellos in seinem bedachten, unerbittlichen Schreibstil mit vielen interessanten Bildern ( "Die Worte kommen heraus wie der Kuckuck aus der Kuckucksuhr." ) Äußerlich wirkt er sicherlich nicht linkisch, zeigt allerdings Anzeichen einer metaphysischen Unbeholfenheit: Er trägt wohl ein Gefühl mit sich, dass das Leben ein Durcheinander ist, voller Brüche, und er ist voller Zweifel. "Das einfache Vorübergehen ist eine höchst komplexe Kunst", findet er. Das beständige Suchen scheint also ein Wesensmerkmal zu sein.

Der Erzähler versucht zunächst in Triest die ihn am meisten quälende Frage beantwortet zu bekommen: "Ich bin hier, um zu verstehen, warum ein Schriftsteller nicht schreibt." Diese Frage stellt er seinem jeweiligen, von ihm aufgestöberten Gegenüber. Das erweist sich als zunehmend schwierig, ähnlich wie das Verständnis für Bazlens Persönlichkeit, ein schüchterner, unnahbarer und schwer fassbarer Intellektueller, der aber viele soziale Beziehungen hat. Nach und nach wird ihm klar, wie sehr Bazlen zwar ein Freund des Schreibens gewesen ist, aber keiner der schreibt. Je mehr der junge Mann über ihn herausbekommt, desto weniger Interesse hat er dann aber auch an einer Enttarnung von dessen geheimnisvollem Leben.

Im Verlauf der Geschichte wird es Sommer, und es tritt der Augenblick ein, in dem der Erzähler überhaupt nicht mehr neugierig auf die Stadt ist und nach London fliegt, wo die Freundin Bazlens lebt, die einst vor den italienischen Rassegesetzen aus Triest geflohen ist. Bedeutsam wird dabei - so deutet es auch der italienische Romantitel "Lo stadio di Wimbledon" an  - das Stadion von Wimbledon, ein Ort, der ihn mit ungelösten Zweifeln zurückkehren lässt. 

"Diese Entdeckung war dann nichts anderes als der Anfang, nach dem ich gesucht hatte. Ich möchte eine gewisse Trägheit bewahren, mit kleinen, unverzichtbaren und ausreichenden Anstößen." Sind es also nicht diese Spuren der komplexen Wirklichkeit, die uns bereichern und eine Weiterentwicklung erst möglich machen? Übrigens wurde Del Giudice ebenfalls zu einem Schriftsteller, der immer weniger geschrieben hat. Ein sehr intellektuelles, mitunter poetisches Buch.

Wohnen hat mich auch mal sehr beschäftigt...


Ich bin dann quasi lesend mit meinem nächsten Buch an der Adria geblieben, zumindest teilweise, denn "Verlangen" von Jeanette Winterson spielt u.a. auch in Venedig. Es ist ihr zweiter Roman gewesen, der ihr auch gleich ihren zweiten Literaturpreis eingebracht hat und heute als Klassiker der britischen Literatur im 20. Jahrhundert gilt. Es ist ein Buch über die Liebe in den Zeiten Napoleons. Und wie bei der Autorin schon mal üblich werden historische Fiktion, magischer Realismus gerne mit einer tüchtigen Prise Queerness gemixt. Das erinnert doch ein bisschen an die Mischung bei Wunnicke. Winterson ist aber sprachlich ganz anders gestrickt: bei ihr steckt der Witz oft in der Beschreibung von grotesken Szenen à la Shakespeare.

Im ersten Teil des Romans dreht sich alles um das junge Landei Henri und den Feldherrn Napoleon Bonaparte, der ihn für sein Heer hat rekrutieren lassen. Doch statt zum Trommler wird Henri, da etwas schmächtig, zu demjenigen gemacht, der Napoleon zu jeder möglichen Stund den gewünschten gebratenen Hühnervogel serviert, weil er den recht kleinwüchsigen Herrn nicht überragt. Henri ist regelrecht verliebt in seinen Herrn, doch der hat nur seine Josephine im Kopf ( er beneidet sie darum ) und seine Kaiserkrönung. Ansonsten beschreibt Henri in seinem Tagebuch das soldatische Treiben, besonders das sinnlose Flottenmanöver am Ärmelkanal, welches den Meerjungfrauen jede Menge Ehemänner zuführt und sonst gar nichts erreicht sowie seine Beobachtungen als Diener bei Hofe. Henri erträgt wider bessere Erfahrung so wie die französische Landbevölkerung die Tatsache, dass fünfzehn Jahre, nachdem der Adel zum Teufel gejagt worden ist, wieder eine entsprechende Führerfigur installiert wird. 

Dieser Teil endet mit etlichen metaphysischen Erfahrungen und dem Neujahrstag 1805, an dem Henri zwanzig wird und der Schauplatz wird gewechselt: Venedig!

Dort trifft die Leserin auf Villanelle, die mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen geboren wird, was sonst Bootsmännern vorbehalten ist. ( Winterson erzählt die Mär davon sehr anschaulich & erschöpfend. ) Verkleidet als Mann arbeitet sie im Spielcasino & als Taschendiebin. Sie liebt es durch die Kanäle zu kreuzen, und die Autorin entwirft wortgewandt jenes prächtige wie sumpfig - marode Venedig, dem auch mein Herz gehört. "Dein Lehrgang im Kompasslesen wird dir nichts nützen", wirft sie ein, während Villanelle philosophierend durch das Dunkel gleitet, angestiert von lauter merkwürdigen Wesen unbestimmter Natur. In einer besonderen Nacht, als anlässlich des Geburtstages von Bonaparte ein Fest auf der Piazza San Marco- laut ihm der schönste Salon Europas - gegeben wird,  kommt an ihre Spielbude eine Frau mit grünen, goldgetupften Augen und gewinnt. Offenbar auch Villanelles Interesse. Doch in dieser Stadt entschwindet alles lautlos. Und bald wird die junge Frau verzehrt von einer ungeahnten Sehnsucht.

Natürlich treffen die Zwei wieder aufeinander, wir befinden uns ja in einer Art Märchen, entdecken Lust & Leidenschaft. Doch die schöne Unbekannte teilt mit ihrem Mann, was sie mit Villanelle nicht zu teilen vermag. Die, überzeugt, Herrin ihres Herzens zu sein, steht plötzlich mit einer Leere in ihrer Brust da.

Einen Zeitsprung ins Jahr 1812 vollzieht Winterson im dritten Teil ihres Romans, der die Leserin schlussendlich bei der französischen Armee im russischen "Null-Winter" landen lässt. Henri lebt unter lauter herzlosen Männern, denn nur so bleibt all die widersinnige Grausamkeit dieses Feldzuges erklärbar, und er entscheidet sich zu desertieren. Sein Freund Patrick, ein irischer Priester, will ihn begleiten. Bei diesem trifft Henri auf Villanelle, die von ihrem Ehemann an General Murat verkauft worden und die Hure der hochrangigen Militärs geworden ist. Auch sie schließt sich ihnen an und ermöglicht durch ihre Sprachkenntnisse, dass die Drei bzw. später nur sie & Henri sich ohne Feindseligkeiten der Eroberten monatelang durch die unterworfenen Länder Europas bis nach Venedig durchschlagen können. Henri liebt sie, doch tiefgehender mag Villanelle sich nicht einlassen, kann ihn aber bewegen, ihr gestohlenes Herz aus dem Haus ihrer Geliebten in Venedig zu stehlen.

Winterson ergibt sich immer mehr der Faszination und Verzauberung durch die Serenissima hin, und die folgenden Schilderungen flirren wie Spiegelungen über der Lagune, nicht immer war für mich alles nachvollziehbar. Aber da diese Stadt auch meine Sinne über die Maßen stimuliert hat, konnte ich mich darauf einlassen und selbst in das Ende der Geschichte einwilligen und mir Henri gärtnernd auf dem Felsen von San Servolo, wo das Manicomio der Stadt angesiedelt ist, mit einer sanften Abgeklärtheit gutheißen. Ein sehr eigenwilliges Buch!


Literarisch ging es zurück ins Jahr 2022: François-Henri Désérable und sein Buch "Eine verfahrene Welt - Meine Reise durch den Iran" ( frz. "L'Usure d'un monde" ) wurde dem Stapel vor dem Bücherregal entnommen. Zu diesem Reiseunternehmen, von dem ihm amtlicherseits dringend abgeraten wird, hat den Schriftsteller "das Reise-Evangelium nach Nicolas", also "Die Erfahrung der Welt" von Nicolas Bouvier aus dem Jahr 1953, animiert. Die Lektüre desselben als 25jähriger hat bei ihm eine solche "Explosion" ausgelöst, die seine Sicht auf die Existenz in gewisser Weise geprägt hat, so dass er beschließt, dieselbe Reise einmal nachzutun. Es ist gelinde gesagt, kein günstiger Zeitpunkt für den Besuch eines Ausländers in der Islamischen Republik, der sich (zu) viele Notizen macht und - vorsichtiger - einige Fotos schießt: "Sie könnten mein Telefon noch so gründlich durchsuchen, sie würden nur Blau sehen" ( so viel zu Isfahan ). Denn es sind nur wenige Wochen vergangen nach Jina Mahsa Aminis gewaltsamen Tod. Zwei Monate kann er zwischen Teheran und Zahedan an der Grenze zu Pakistan und zurück bis Täbris  und weiter bis Kurdistan verbringen, wo ihn die iranischen Ordnungskräfte schliesslich auffordern, das Land sofort zu verlassen.

Dieses im Jahr darauf veröffentlichte Buch hat er zunächst nicht zu schreiben geplant. Seine Notwendigkeit hat sich im Laufe der Reise ergeben, denn Désérable war beeindruckt von den Menschen und ihrem Mut, trotz all ihrer Angst. "Ich musste diese iranischen Stimmen aufschreiben, das konnte zu diesem Zeitpunkt nur ein Schriftsteller tun", hat er sich gesagt, nachdem er die geschlossene, repressive, totalitäre soziopolitische Ordnung im Land erfahren hat im Umgang mit verschiedenen Iraner*innen.

Was dabei herausgekommen ist, ist keine journalistische Reportage, sondern eine subjektive Erzählung, sprunghaft, dynamisch und mitreißend, wie es so Désérables Art ist, der mir auch immer wie ein literarischer Abenteurer vorgekommen ist. In diesem Buch ist er ein ganz ernsthafter Liebender, der das Bild eines märchenhaft - widersetzlichen, tapferen Landes und seiner Bewohner als Souvenir nach Europa gebracht hat.

Auf das Buch der Basler Lyrikerin & Schriftstellerin Julia Rüegger hat mich Hans - Josef Ortheil in seinem Blog gestoßen. Und da ich Max Frisch mag und seine Fragebogen, habe ich mir "Sind ihre Wunden gut verheilt" gleich besorgt. In dem greift sie Frischs Idee auf und hat, aufgeteilt in elf thematische Kapitel, jeweils 25 Fragen aufgestellt - für mich eine Art "Mitmachbuch", das ich an einem der überhitzten Abende gegen Ende des Monats sozusagen ausgefüllt habe. Viele Anstöße zum Simelieren & Bilanzieren wie der Selbsterkenntnis - und das hat mir Spaß gemacht.

Wie ich zu diesem Buch gekommen bin, mag ich nicht mehr zu sagen ( wahrscheinlich über den "Perlentaucher" ): Mira Magén "Wodka und Brot". Auf jeden Fall war ich gleich mittendrin im Roman mit der Eingangsszene, als in der Nacht an die marode Hintertür des Hauses gehämmert wurde und die Bewohnerin sämtliche Horrorszenarien im Kopfkino abspult. Schließlich öffnet sie doch und eine schmutzige, dunkle, zierliche Gestalt fällt ihr entgegen, nur das Wort "Wasser" auf den Lippen. 

Die Bewohnerin, das ist Amia, Mutter eines Kindergartenkindes, gelernte Betriebswirtin, jetzt Betreiberin eines Lebensmittelladens, den einst ihre Eltern, Überlebende des Holocausts, geführt hatten. Ihr Mann Gideon, zuvor ein erfolgreicher Strafverteidiger, hat sich eine Auszeit am Roten Meer genommen und fischt dort, um den Kopf leer zu bekommen. Amia hat deshalb die Wohnung in Tel Aviv verlassen und dieses einfache Haus, an einem Ort, "wo die Dächer niedrig waren und der Himmel hoch", gemietet. Ihr Vermieter, im Haus gegenüber lebend, ein Misanthrop, beobachtet sie stetig hinter seinen geschlossenen Rollläden und tritt ihr & dem kleinen Sohn, wenn überhaupt, garstig, missgelaunt & angsteinflössend gegenüber. Dann ist da noch Madonna, die "kleine russische Hure", so bezeichnet sie sich selber, heißt aber Rivka, die die ihr ins Haus gefallen ist und es immer wieder ohne Vorankündigung tut und ihr bei einem Besuch den Hund Wodka mitbringt. Und schließlich gibt es noch Amos, der Sohn des alten Levi, der seinen Weg gefunden hat, nachdem ihm das tragischste aller tragischen Schicksale widerfahren ist.

"Die Szene eines Fremden ist das beste Mittel, dich von deinen eigenen Szenen abzulenken", heißt es im Buch, und ich habe diese Gelegenheit gerne ergriffen und bin eingetaucht in dieses Leben und habe neben den ganz persönlichen Geschichten auch sehr viel über das ( extrem, finde ich ) heterogene gesellschaftlich - religiöse wie politische Miteinander in Israel mitbekommen ( veröffentlicht wurde der Roman allerdings schon 2010 ). Eine zerrissene Gesellschaft ohne festen Boden!

Wie sich Amia mit ihrer Menschen zugewandten Art durch lauter Zufälle in ein neues soziales Netz aus lauter Außenseitern, die ihr Päckchen zu tragen haben, "einwebt", hat mich fasziniert, auch die Art des kleinen Nadav, an den ständigen Wechselfällen in seiner Umgebung Anteil zu nehmen und sich dennoch immer wieder durch seine kindliche Neugier & Begeisterungsfähigkeit mitreißen zu lassen. "Wer für Kinder Blickfelder erschuf, hatte an alles gedacht." Und während Amia sich in die fremden Geschicke verwickeln lässt, entschwindet ihr der Mann, den sie doch so liebt, konkret und durch die Athrophie, an der er erkrankt ist.

Magén weiß innere Monologe mit ihrer ganzen Dichte so aufzuschreiben, dass ich in mir die Verzweiflung, die Angst spüren kann. Danach, später, gibt die junge Frau dann immer wieder eine "Vermögenserklärung" gegenüber dem ab, an den sie eigentlich nicht glaubt, zu dem Spiel, das man Leben nennt und konstatiert, dass sie "genug Geschicklichkeit und den Wunsch, es richtig zu spielen" hat. "Am Mittag hatte ich das Ende der Welt gesehen, und in der Nacht sah ich eine endlose Welt." Dieser Umgang mit den Zumutungen des Menschseins machte mir diese Romanfigur so sympathisch. So bitter das Ende ihrer Geschichte auch ist, so viel Vermögen steckt in dieser Frau, genau dieses Leben zu leben, es so leicht zu nehmen "wie ein Koffer mit acht Unterhosen und sechs dünnen Kleidern"  und die Abende nur mit dem Himmel zu teilen. Und diese Lebensphilosophie ist eine, die auch mich inzwischen trägt. 

Ich werde sicher auch noch andere Bücher der Autorin lesen, so viel hat mir dieses Buch gegeben.


Ich bin sehr zufrieden mit diesem Lesemonat, den ein solch divergentes Wetter mir beschert hat. Alleine vier dicke "Schmöker" hat er mir geschenkt, alte, geschätzte Bekannte und neue dazu, Einsichten und Aussichten, lautes Lachen und ein paar Tränen, denen ich die Augenwinkel zugewiesen habe. Was für ein Glück, eine Leserin zu sein!