Das Damen-Quartett unter den französischen Künstlern des Impressionismus ist hier in meinem Blog mit Berthe Morisot, Eva Gonzalès und Mary Cassatt noch nicht komplett. Das möchte ich heute endlich nachholen und euch die vierte im Bunde- Marie Bracquemond - präsentieren.
Marie Bracquemond erblickt das Licht der Welt sozusagen am Ende der Welt, nämlich im bretonischen Nordfinistère, im kleinen Ort Argenton-en-Landunvez, am 1. Dezember 1840 und wird auf den Namen Marie Anne Caroline Quivoron getauft. Ihre Mutter ist Aline Hyacinthe Marie Pasquiou, 1819 geboren, aus einer durchaus wohlhabenden Familie stammend, ihr Vater Théodore Quivoron, geboren 1810. Miteinander verheiratet sind diese seit dem Frühjahr 1838. Marie hat einen älteren Bruder namens Ernest Théodore, geboren 1839. Der Vater, ein Kapitän, kommt nur wenige Monate nach Maries Geburt auf einer Reise nach den Marquesas-Inseln zu Tode, und seine Witwe geht 1843 eine Heirat bzw. eine Lebensgemeinschaft mit einem Émile Langlois in ihrer Heimatstadt Lannion an der bretonischen Côtes-d’Armor ein, mit dem sie zunächst in Le Havre & Paris lebt.
Maries Lebensgeschichte lässt sich aufgrund fehlender Quellen und Archive allerdings nur schwer rekonstruieren. Lediglich ein Manuskript, 1925 von ihrem Sohn Pierre verfasst, gibt ein paar dürre Daten her, um ihre Jugend und prägenden Jahre nachzuzeichnen. Diese lassen den Schluss zu, dass Maries Mutter mit ihrem neuen Mann alsbald ein ziemliches Vagabundenleben führt und die Verhältnisse weit entfernt sind von den gepflegt bürgerlichen der drei anderen impressionistischen Malschwestern.
Nächstes Ziel der Familie ist das Jura, die Gebirgsregion im Osten Frankreichs. Darauf verlagert sich der Lebensmittelpunkt nach jenseits der Grenze in die Schweiz, von wo sie aber wieder nach Frankreich zurückkehren und sich zunächst im Limousin und dann in Corrèze in der Auvergne niederlassen und in der alten Abtei Bonneaigue leben. Dort wird 1849 Maries Schwester Louise geboren, die den Nachnamen von Maries Vater trägt statt den ihres leiblichen Vaters Langlois. Wie Marie später ihrem Sohn erzählen wird, ist dies die glücklichste Zeit ihrer Kindheit gewesen, leben sie doch in einer Umgebung mit geheimnisvollen Wäldern, reißenden Bächen und alten Klostergemäuern. Marie erlebt das als eine wahrhaft magische Zeit.
Schließlich zieht die Familie wieder nach Norden und wohnt in Paris. Marie hat dort wohl so gravierende gesundheitliche Probleme, dass ein Arzt rät, der verschmutzten Stadtluft zu entfliehen. Und so lassen sie sich 1854 in Étampes, einer kleinen Stadt südwestlich der Hauptstadt in der Île-de-France nieder. Dort bekommt sie Unterricht bei einem gewissen Monsieur Auguste Vassort, einem alten Maler, der Gemälde restauriert und junge Mädchen in der Zeichenkunst unterrichtet. Er lässt sie Kopien von Reliefs und Gipsabgüssen anfertigen, die er in seinem Atelier hat, aber auch von Gemälden in seiner Sammlung. Im Sommer nimmt er seine Schülerinnen nach draußen, um im Freien zu aquarellieren.
Dann greift das Schicksal in Maries Zukunft in Gestalt der Schwägerin ihres Hausarztes, eines Dr. Hache, die mit dem neoklassizistischen Maler Jean-Auguste-Dominique Ingres verheiratet ist und ein Treffen zwischen Marie und dem berühmten & geschätzten Künstler jener Zeit arrangiert. Ingres vermittelt Marie wiederum die Zusammenarbeit mit zweien seiner Schüler, Hippolyte Flandrin und Émile Signol, von denen das Mädchen viel lernt. Der Kritiker Philippe Burty bezeichnet Marie als "eine der intelligentesten Schülerinnen in Ingres’ Atelier".
Marie macht also rasch Fortschritte und kann alsbald ein Familienporträt, auf dem ihre Mutter, ihre Schwester und ihr alter Lehrer zu sehen sind, für den Salon von 1859 einreichen. Das Werk wird tatsächlich angenommen. Im Katalog wird sie als "Pasquioux, Miss Antonine-Marie", allerdings geboren in Albi (Tarn), aufgeführt, aber auch als "Schülerin der Herren Vassort und Ingres" sowie unter der Adresse "72 rue Saint-Jacques, Étampes", was den Schluss zulässt, dass es sich tatsächlich um Marie Quivoron handelt.
Obwohl sie Ingres für seine Hilfe dankbar ist, missfällt ihr die von ihm geäußerte Geringschätzung gegenüber Künstlerinnen, besonders von Rosa Bonheur ( siehe dieser Post ). In einem Brief schreibt sie:
"Die Strenge von Monsieur Ingres hat mich erschreckt. Ich sage Ihnen das, weil er den Mut und die Ausdauer einer Frau auf dem Gebiet der Malerei bezweifelte. Er wollte ihr Grenzen setzen. Er wollte ihr nur die Malerei von Blumen, Früchten, Stillleben, Porträts und Genreszenen zuweisen."
"Porträt Aline Pasquiou-Quivoron"
(1860)
Für Marie ist das unangebracht & inakzeptabel und so wendet sie sich von dem sechzig Jahre älteren Meister ab:
"Ich bin fest entschlossen, alle Hindernisse zu überwinden. Ich möchte malen, nicht irgendwelche Blumen, sondern jene Gefühle ausdrücken, die die Kunst in mir weckt… All das wird nicht in einem Jahr geschehen, aber ich möchte auf keinen Fall zu Monsieur Ingres zurückkehren."
Ihr künstlerisches Talent muss sich wohl unterdessen schon herumgesprochen haben, bald erhält Marie Aufträge, darunter einen vom Hof der Kaiserin Eugénie, der Gemahlin Napoleons III., die eine Darstellung von Cervantes im Gefängnis in Auftrag gibt. 1863 darf sie eine Kopie des Halbfigurenporträts der Kaiserin des "Fürstenmalers" Franz Xaver Winterhalter anfertigen, für die sie 600 Francs erhält. Das Gemälde soll die Unterpräfektur Vitry-le-François zieren. 1866 bekommt sie einen identischen Auftrag inklusive Bezahlung, allerdings für die Unterpräfektur Morlaix bestimmt, und 1868 wird sie beauftragt, eine Kopie von Winterhalters Ganzkörperporträt der Kaiserin anzufertigen, wofür sie den doppelten Preis als Bezahlung erhält.
Nach dem erfolgreichen Abschluss des ersten kaiserlichen Auftrags wird Marie vom Generaldirektor der französischen Museen, Graf de Nieuwerkerke, angesprochen, um im Louvre Kopien der berühmtesten Gemälde der Sammlung anzufertigen. Ihre Karriere beginnt sie also als akademische Malerin mit einem ausgefeilten, realistischen Stil. Ihre Arbeit als Kopistin sowie als Zeichenlehrerin sichert ihr den Lebensunterhalt für sich, ihre Mutter und ihre Halbschwester.
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| "Selbstporträt" (1870) |
Trotz der Bedenken ihrer Mutter in Bezug auf Maries Wahl eines Ehekandidaten, heiratet sie ihn im August 1869 und zieht gemeinsam mit ihm in die Rue de l'Université in Paris. Marie ist sich wohl des sehr abweisenden, barschen Auftretens ihres Mannes und seines großen Selbstbewusstseins bewusst, glaubt aber vermutlich, dass sich all das mit der Hochzeit ändern würde. Am 22. Juni 1870 bringt Marie ihr einziges Kind, den Sohn Pierre zur Welt, im Vorfeld der militärischen Auseinandersetzung zwischen Frankreich und dem Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens. Die führt in Paris zur medizinischen Unterversorgung sowie einem Mangel an Lebensmitteln, was auch der Dreißigjährigen gesundheitlich zusetzt. 1871 werden sowohl Maries Mutter wie ihr Bruder Ernest sterben.
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| Pierre Braquemond 1878, mit seiner Tante Louise 1886, und 1887 |
Trotz seiner kompromisslosen, überkritischen Art lernt Marie viel von ihrem Mann und stellt 1874 und 1875 wieder Werke im Salon aus. Es sind vorwiegend Porträts und historische Genrebilder von mittelalterlicher Inspiration, die an Ingres’ Werke aus der Troubadour-Periode erinnern.
Gemeinsam arbeitet das Ehepaar zunächst ab 1871 als künstlerische Leitung für die "Manufacture de Sèvres", dann ab 1872 für Haviland & Co., ein Hersteller von Limoges-Porzellan in Auteuil, wo Félix Braquemond ab 1878 künstlerischer Leiter wird.
Haviland China war eine Fabrik, die vom amerikanischen Unternehmer David Haviland in Limoges, Frankreich, gegründet und später von seinen Söhnen Charles und Théodore unterstützt wurde. Die Fabrik produzierte feinstes Porzellangeschirr. 1872 eröffnete Davids Sohn Charles das Auteuil-Studio in Paris, das viele der großen Künstler jener Zeit anzog, darunter Manet, Monet und die Brüder Damousse, die Havilands florale Designs maßgeblich beeinflussten.
Der Erfolgin der Fayence-Produktion von Haviland in den 1870er Jahren ist allerdings maßgeblich Marie Braquemond zu verdanken. Besonders hervorzuheben ist ihr Werk "Les Muses des Arts", dieses monumentale Keramikfliesenbild für den Stand der Manufaktur auf der Weltausstellung 1878, das heute verschollen ist. Die Vorstudie für den Entwurf wird auf der Impressionisten-Ausstellung von 1879 gezeigt, und zu ihren größten Bewunderern gehört der Künstlerkollege Edgar Degas.
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| Aquarellzeichnung für "Les Muses des Arts" |
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| "Fleurs et Rubans" - Serie (1879), Barbotine-Vase aus französischer Keramik (1880), Blumenteller |
In einem Artikel der Zeitschrift "Women in the Fine Arts" wird die Autorin Clara Erskine Clement 1904 über Marie Bracquemonds erstaunliches Talent auf diesem Gebiet schreiben:
"Madame Bracquemond beherrschte die Fayencefarben so meisterhaft, dass sie eine Klarheit und Farbtiefe erzielte, die anderen Künstlern nicht gelang. Der Fortschritt der Haviland-Fayence in den 70er Jahren war maßgeblich Madame Bracquemond zu verdanken, deren Stücke aufgrund ihres großen Erfolgs fast immer schon vor dem Brennen im Atelier verkauft wurden."
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| Felix Braquemond "La Terrasse de la Villa Brancas" ( vorne rechts Marie, hinten links Louise; 1878 ) |
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| "La dame en blanc", Studie dafür, "Interieur eines Salons" (ca. 1880 bzw. 1890) |
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| "Drei Damen mit Regenschirmen (Drei Grazien)" und zwei der vielen Vorstudien dazu ( wahrscheinlich 1880) |
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| "Auf der Terrasse von Sèvres (Villa Brancas)" sowie Studie dazu (1880-87) |
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| "Selbstporträt in spanischer Tracht" (1880-86) |
Im Vorwort zur posthumen Ausstellung in der Galerie Bernheim 1919 beschreibt Gustave Geffroy, der dem Paar ja sehr nahe gestanden hat, sowohl Marie Bracquemonds angeschlagene Gesundheit als auch das äußerst schwierige Temperament ihres Mannes.
Der Kolumnist von "La Renaissance de l'Art Français et des industries de Luxe" meint: "Ihr Leben ließe sich in einem Kapitel mit dem Titel 'Die Nachteile, die Frau eines großen Künstlers zu sein' zusammenfassen", während der Kolumnist von "La Presse" von einer "aufgeopferten Frau [...] an der Seite des autoritären und herrschsüchtigen Meisters" schreibt. Das Problem scheint also öffentlich bekannt zu sein...
Trotz ihres anhaltenden Ehe - Elends scheint Marie zu Lebzeiten weiter eine leidenschaftliche Verfechterin des Impressionismus geblieben zu sein und erklärt einmal: "Der Impressionismus hat [...] nicht nur eine neue, sondern eine sehr nützliche Sichtweise hervorgebracht. Es ist, als ob sich plötzlich ein Fenster öffnet und Sonne und Luft in Strömen ins Haus gelangen."
Am 17. Januar 1916 stirbt Marie Bracquemond mit 75 Jahren in der Villa Brancas in Sèvres. Sie findet ihre letzte Ruhestatt auf dem Cimetière des Bruyères neben ihrem Ehemann, der zwei Jahre zuvor gestorben ist. Pierre wird seine Mutter nur um zehn Jahre überleben.
Doch zuvor, drei Jahre nach ihrem Tod, organisiert er noch eine retrospektive Ausstellung in der Pariser Galerie Bernheim-Jeune, in der etwa 90 zum großen Teil nur skizzenhafte Gemälde, 34 Aquarelle und neun Stiche gezeigt werden. Doch schon kann der Kunstkritiker Arsène Alexandre ihren Status beklagen als "eine jener Künstlerinnen, die ignoriert wurden, deren seltenes Talent und der selbstgewählte Schatten, in den sich dieses Talent hüllte, die Zukunft noch in Erstaunen versetzen werden."
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| "La pêche aux écrevisses" (1870-80?) |
Noch 1934 organisiert der "Salon des Femmes Artistes Modernes" (FAM) eine Retrospektive der Werke von Marie Bracquemond zusammen mit jenen der Camille Claudel ( siehe auch dieser Post ). Dann wird es still um die Malerin. Erst ab den 1980er Jahren gerät sie im Rahmen der Frauenbewegung langsam zurück ins Blickfeld. 2019 stellt das Musée d'Orsay im Rahmen der Ausstellung "Frauen, Kunst und Macht" Zeichnungen und Aquarelle von Marie Bracquemond aus.
Seit einer Rekordauktion im Jahr 2024 hebt der Kunstmarkt ab, da Museen und Sammler nun verstärkt nach Werken von Künstlerinnen suchen, die lange Zeit wenig Anerkennung gefunden haben. Bei einer Auktion im April 2025 hat ein Gemälde Marie Bracquemonds einen neuen Auktionsrekord von 288 640€ erzielt. Die Summe übertraf die Höchstschätzung von 20 000 € also bei weitem.
Diese Wertschätzung bzw. Wiederentdeckung freut mich natürlich. Es ist an der Zeit, dass die Kunstwelt ihre Narrative neu bewertet, hat sie doch lange durch eine Linse gespäht, die viele malerinnen-Persönlichkeit marginalisiert hat Marie Bracquemond und ihre Wiederentdeckung ist da nicht nur notwendig, sondern schon geradezu bahnbrechend. Ich persönlich habe gewonnen, indem ich außer den paar bekannten Werken nunmehr auch einen Einblick in ihr gesamtes Schaffen erlangt habe, ihre technische Versiertheit, ihre Herangehensweise ( ich schätze Vorstudien ja oft mehr als das Endergebnis ) und ihre Vielseitigkeit bis hin ins Kunstgewerbe. Letzteres scheint ein weibliches Phänomen zu sein, was von "Kennern" schon mal abgewertet wird und auf das ich bei meinen "Forschungen" öfter treffe. Schönheit zu gestalten - das gehört zur weiblichen Daseinsfürsorge, denke ich.
Wer einen umfangreicheren visuellen Eindruck bekommen will, sei auf diese Seite verwiesen.


















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