Über die Frau, die ich euch heute vorstelle, will ich schon lange schreiben, denn sie ist mir seit Jugendtagen als Filmpartnerin Charlie Chaplins ein Begriff. Da habe ich sie in den Filmen "Modern Times" und "Der große Diktator" gesehen: Paulette Goddard. Sie blieb mir bis heute unvergesslich als schöne Brünette unter all den Platinblonden, die beim Film en vogue waren...
"Man kann auch mit dem Herzen blond sein."
Ihre Mutter, Alta Mae Goddard, zum Zeitpunkt von Paulettes Geburt 21 Jahre alt, stammt von englischen Einwanderern mit Namen Gozard ab, die sich in Amerika als Farmer zunächst in Hartford County, dann in South Dakota niedergelassen haben. Paulettes Großvater arbeitet dann bereits in Salt Lake City als Buchhalter, später Immobilienmakler. Dort wächst Alta zunächst auf und ist mit der Schwester ihres späteren Mannes gemeinsam Schülerin der St. Mary- Akademie. Später zieht sie mit einer reisenden Varietébühne weiter und landet bei ihrem reichen Onkel Charles Goddard, der eine Drogerie- & Toilettenartikel - Kette betreibt, in New York. Dort trifft sie wieder auf Joseph Russell Levy, der ebenfalls aus Salt Lake City kommt, und der der künftige Vater Paulettes wird.
Der ist später auch unter dem Namen J.R Le Vee bekannt, acht Jahre älter als seine Frau, Kaufmann und Sohn eines Zigarrenfabrikanten askenasisch - jüdischer Herkunft in Salt Lake City. Nach dem Tod seines Vaters ist er mit seinen Brüdern um die Firma in Konflikt geraten, leitet aber dann den Familienbetrieb, bis er 1909 endgültig scheitert. Schon Ende des Jahres 1908 sind die Eltern Paulettes im Chatsworth, einer Residenz in Salt Lake City, von einem Geistlichen getraut worden.
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Mit Mutter Alta (o.J.) |
Paulettes Kindheit liegt weitgehend im Dunkeln. Wegen eines Gerichtsverfahrens, welches der Vater in späteren Jahren anstrengen wird, kann man annehmen, dass die Probleme in der Familie schon 1911 offenbar werden. Der Vater betreibt zu dieser Zeit eine Kette von Warner-Brothers- Lichtspieltheatern und erwartet, dass seine attraktive Frau ihn begleitet. Das Kind ist deshalb viel in der Obhut der Großeltern und sich selbst überlassen, aber auch da schon findig & geschäftstüchtig.
Paulette zufolge hat ihr Vater die Familie verlassen, während J. R. Le Vee behauptet, Alta sei mit dem Kind durchgebrannt, um einem Sorgerechtsstreit zu entgehen.
Das Mädchen zieht auf jeden Fall mit ihrer Mutter häufig um, unter anderem nach Kanada. Einige Internatsaufenthalte, z.B. bei Dominikanerinnen & Ursulinen sind verbürgt. Aber wenn frau auf der Flucht wegen eines Sorgerechtsstreites ist, besteht bei einem festen Wohnsitz mit entsprechenden aktenkundigen Schulbesuchen die Gefahr, sich zu verraten. Ein ganzes Jahr lang, 1918, bleiben die Beiden wie vom Erdboden verschluckt. Es geht das Gerücht, die Mutter sei auf Kreuzfahrten auf dem Sankt-Lorenz-Strom als Falschspielerin tätig gewesen.
Erst 1923 tauchen Mutter & Tochter wieder in New York auf. Den Sommer verbringen sie im schönen Anwesen des Onkel Charles in
Great Neck. Und da im angrenzenden Country Club eine feste Varieté-Bühne mit samstäglichen Aufführungen besteht, die das Mädchen besucht, wächst in ihr der Entschluss, ein Star zu werden, berühmter als alle anderen. Schon früher hat sie als Kindermodel im legendären Saks in der Fifth Avenue gearbeitet, um sich das Geld für den Tanzunterricht zu verdienen - ihren Sinn für die Notwendigkeit des Gelderwerbs wird sie nie verlieren - , und mit vierzehn Jahren offenbart sie bereits eine ansehnliche weibliche Figur. Die Mutter bestärkt sie dazu in der Überzeugung, dass die Schönheit, die ihr die Natur geschenkt hat, ein Türöffner in die Welt des Entertainments und damit zu finanzieller Sicherheit sein kann. Kein Wunder, dass Paulette ein frühreifer, verführerischer Teenager wird.
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| In einer Ziegfeld - Revue |
Zunächst noch finanziert der Onkel den Besuch der renommierten Washington Irving High School. Doch als sie 16 Jahre alt ist, verschafft er ihr eine Stelle als Tänzerin in der damals bekanntesten Broadway-Show von
Florenz Ziegfeld Jr..
Paulette kreiert alsbald den verhängnisvollen Look, der zunächst ihren Erfolg besiegeln wird: Sie färbt ihr Haar platinblond und gibt ihr Debüt 1926 in der Sommerrevue "No Foolin" ( ursprünglich "Palm Beach Girl" ) und in "Rio Rita". Zu dieser Zeit legt sie sich auch ein Pseudonym zu: den Vornamen Paulette und als Nachnamen den Mädchennamen ihrer Mutter – Goddard.
Es ist das Jahr, in dem Mutter Alta endlich auch das Sorgerecht für ihre Tochter erhält. Doch J.R Le Vee weigert sich, Unterhalt zu zahlen, obwohl er Vertriebsassistent bei den Warner Brothers Studios in Burbanks/Kalifornien wird.
Paulette hat in Palm Beach schnell die Spielregeln begriffen. Dennoch drückt sie noch einmal die Schulbank zusammen mit einer Freundin aus der Truppe: "... eine willkommene Abwechslung für uns." Doch das Pauken von Latein, Französisch, Geschichte & Mathematik ist auch schon wieder vorbei, als die Show im Juni 1926 an den Broadway für hundertacht Vorstellungen kommt. Dort zettelt Paulette sogar einen kleinen Aufstand an und droht Ziegfeld mit Streik, wenn er seine Bemerkung, dass er's lieber brünett habe ( 75% der Ziegfeld - Girls sind blond ), nicht zurücknimmt. Paulette fällt auf.
Die Ziegfeld - Girls finden leicht reiche Verehrer ( und Ehemänner ), Paulette ist da keine Ausnahme. Bereits ein Jahr nach ihrem Eintritt in die Truppe, ergibt sich für die Siebzehnjährige die passende Partie: der nicht mehr ganz so junge Millionär Edgar William James Jr., ein Holzhändler aus South Carolina, gerade getrennt von
Tallulah Bankhead und leidenschaftlicher Spieler. Weniger leidenschaftlich ist Paulettes Liebe. Aber er tut ihr gut, und sie hat mit ihrer Mutter lange genug jeden Pfennig umdrehen müssen. Sie heiraten am 28. Juni 1927 um vier Uhr in der Frühe, nachdem sie Priester & Notar aus dem Bett geklingelt haben.
Paulette zieht mit ihm auf seinen Landsitz in Asheville, Buncombe, North Carolina. "
Es gab für mich nichts zu tun, außer Golf zu spielen, zu schwimmen, zu jagen und gesellschaftlichen Anlässen beizuwohnen." Das Paar hat so gar nichts gemeinsam, und auch ein ausgiebiger Europa-Urlaub kann daran nichts ändern. 1929 trennt sich Paulette von dem 37jährigen, 1932 werden sie in Reno geschieden. Das bringt ihr ein für die damalige Zeit enormes Vermögen von 375.000 Dollar ein. Sie scheint oben angekommen, da ist sie noch kaum zweiundzwanzig Jahr alt.
Mit diesem Geld erwirbt sie ein teures Auto, schicke Pariser Kleider und macht sich zusammen mit ihrer Mutter endgültig auf den Weg nach Hollywood, wo sie schon 1929 als Statistin ohne Namensnennung in zwei Filmen aufgetreten ist. Nach einem Kurzaufenthalt in Europa will sie jetzt endlich ihre Karriere voranbringen, legt sich eine persönliche Zofe & einen Chauffeur zu und bezieht eine gemietete Villa. Sie will nicht mehr eine unter Tausend sein, nicht mehr vor Motoryachten posieren, bei Schönheitswettbewerben usw.
Nach wie vor muss sich Paulette aber mit Komparsenrollen begnügen, bevor sie einen Vertrag bei
Samuel Goldwyn bzw.
Paramount Pictures unterschreiben kann. Mit zwei Theaterrevuen - , "
The King of the Arena" und "
The Museum of Scandals"- bleibt sie im Gespräch. Mit ihren schicken Outfits und den teuren Schmuckstücken, mit denen sie zu den Dreharbeiten kommt, erzielt sie zudem die Wirkung, die sie geplant hat: Sie wird als mysteriöse Schönheit wahrgenommen. Doch auch bei den
Hal Roach Studios kann sie in den folgenden vier Jahren nur eine Reihe von Nebenrollen ohne Namensnennung ergattern. Es bleiben Jahre der Anstrengung und der Rückschläge.
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| Links mit Edgar William James Jr., rechts mit Charlie Chaplin |
1932 dann das Ereignis, das Paulette Leben völlig verändert: Die Bekanntschaft mit
Charlie Chaplin.
Joe Schenck, der Präsident der Filmgesellschaft "
United Artists", die 1919 von Chaplin gemeinsam mit Douglas Fairbanks, Mary Pickford u.a. gegründet worden ist, hat zu einem Wochenende zu Ehren von Charlie Chaplin auf seine Yacht eingeladen. Die 22jährige Paulette ist mit von der Partie.
Der 43-jährige, der zu dieser Zeit bereits "
The Kid", "
The Gold Rush" und "
City Lights" gedreht hat, ist schon eine Legende des Stummfilms und bereits zwei Mal verheiratet gewesen. Die Details seiner Scheidung von
Lita Gray mit der er zwei kleine Söhne unter zehn Jahren, hat, füllen seit Monaten die Klatschspalten der Zeitungen. Außerdem droht der Stummfilm, in dem er ja einer der gefeiertsten Protagonisten ist, vom Tonfilm endgültig abgelöst zu werden. Chaplin fühlt sich in dieser Zeit etwas orientierungslos - ein melancholischer Einzelgänger. Sie hingegen ist jung und lebhaft, zielstrebig, stets fröhlich und optimistisch, dazu unabhängig und von makelloser Figur. Als sie von Bord gehen, planen sie schon die gemeinsame Zukunft...
Die Beziehung findet in der Presse große Beachtung. Chaplin schickt Paulette zu einem Schauspiellehrer am Hollywood Community Theater, um "
ihr einen Feinschliff zu geben". Außerdem überzeugt er sie, zu ihren kastanienbraunen Haaren zurückzukehren. Auch wenn der frischen Beziehung pygmalionartige Züge anhaften - Chaplin hat immer kindhafte Frauen bevorzugt -, kann er der Drehbuchschreiberin Anita Loos ( siehe
dieser Post ) sagen: "
Sie ist äußerst umsichtig, hat ihr eigenes Geld und kann bestens damit umgehen." In Interviews, die sich häufen, nachdem die Affäre bekannt geworden ist, macht auch Paulette deutlich, dass sie auf eigenen Füßen steht und klare Pläne und Vorhaben hat. Doch mit denen ist es bislang nicht weit her: Der Film "
Der falsche Torrero" ist längst Schnee von gestern und Kurzfilme mit Hal Roach auch nicht das Gelbe vom Ei.
Dafür läuft das Zusammensein mit Chaplin gut: Er schätzt ihre Kameradschaft und ihr gutes Umgehen bzw. Verhältnis mit seinen Söhnen. Er selbst plant schon sein nächstes Projekt ( Nr. 5 ), in dem Paulette als Partnerin des Tramps vorgesehen ist. Sie bereitet sich mit Tanz-, Gesangs- & Rhetorikschulungen darauf vor.
"Daß ich richtig schauspielern wollte, machte mir die ganze Zeit ein bißchen Angst, die immer im Hinterkopf blieb. Darstellen bedeutet Angst....Schließlich stünde man nicht vor der Kamera, wenn man nicht das Beste daraus machen wollte.... Lampenfieber haben alle. Auch wenn sie's nicht zugeben." ( Quelle
hier )
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| In Japan 1936 |
Ihre Rolle in "Moderne Zeiten" als "The Gamin", ein Waisenmädchen, das vor den Behörden flieht und die Begleiterin des Tramps wird, ist Paulettes erster Filmauftritt mit Namensnennung und bringt ihr überwiegend positive Kritiken ein.
Zwischen ihrer ersten Begegnung mit Chaplin und der Premiere von "Moderne Zeiten" liegen fast vier Jahre. So modern sind die Zeiten allerdings nicht: Die Gemüter erhitzt die Frage, ob die Beiden verheiratet sind oder "in Sünde" leben. Paulette reagiert darauf, indem sie sich wie Chaplins Ehefrau verhält, in seine große, von Grün umgebene Villa in Beverly Hills einzieht, Dinner und Empfänge veranstaltet, zu denen die wichtigsten Persönlichkeiten um eine Einladung wetteifern, darunter Einstein, Strawinsky, H.G. Wells und Aldous Huxley. Paulette ist gerne in Gesellschaft von Männern, die was zu sagen haben & gebildet sind.
Nachdem die Filmarbeiten abgeschlossen sind, reist das Paar gemeinsam mit Mutter Alta nach Asien, nach China und Japan, und heiraten laut Chaplin still und heimlich irgendwo unterwegs auf einer Yacht auf offener See ( nur um später zu sagen, dass die Ehe in China geschlossen und daher nicht gültig sei ).
Übrigens verliert Paulette die sicher geglaubte Rolle der Scarlett O’Hara im Film "Vom Winde verweht", weil sie dem Studio keine Heiratsurkunde vorlegen kann. Der moralische Ruf seiner Stars ist den Filmleuten heilig. Als Trost schenkt Chaplin ihr ein Diamantarmband, an das sich interessanterweise Marlene Dietrich erinnert, die ihre Sexualität leben darf, wie sie will, sie ist ja verheiratet ist und hat ein Kind...
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| Zweite von links in "Die Frauen" |
Da Chaplin sich für seine Produktionen immer einige Jahre Zeit lässt, arbeitet Paulette bewusst auch mit anderen Filmschaffenden, um sich beim Publikum als Leading Lady etablieren zu können. Sie unterschreibt einen Vertrag mit
David O. Selznick und spielt an der Seite von Janet Gaynor in der Komödie "
Die Jungegbliebenen" (1938). So ist sie 1939 als Teil einer ausschließlich weiblichen Besetzung in "
Die Frauen" von George Cukor zu sehen. Bei Paramount wird sie zum Star dank der Horrorkomödien "
Erbschaft um Mitternacht" und "
The Ghost Breakers".
Paulette braucht eine Karriere, doch Chaplin eine Ehefrau. Sie mag aber nicht diejenige werden, die ihre Ambitionen aufgibt und sich ihrem Ehemann, dem Genie, widmet. Obwohl Chaplin selbst ein leidenschaftlicher Mann ist und Affären nebenbei hat, hindert ihn das nicht daran, eifersüchtig zu sein. Das Zusammenleben mit ihm ist also nicht einfach, und Paulette findet angeblich Trost in einer viel diskutierten Affäre mit
Gary Cooper .
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Paulette fotografiert mit dem Rivera-Gemälde. Sie vermacht das Gemälde der New York University. 1999 wird es bei Christie’s für 552.500 US-Dollar versteigert. |
Auch mit dem todkranken
George Gerswhin ist ihr schon was angedichtet worden ( der geäußert hat, er würde sie gerne heiraten ) und mit
Diego Rivera, dem Mann von Frida Kahlo, der sie zweimal malt.
Eine räumliche Trennung von Chaplin ist unvermeidlich und findet schließlich auch statt.
Im Jahr 1939 startet Chaplin mit den Dreharbeiten zur Satire "
Der große Diktator", in der er Paulette für die Rolle der Hannah vorgesehen hat, obwohl sie zu dieser Zeit nicht mehr zusammen leben. Er selbst brilliert in den Rollen der Doppelgänger – des Diktators Hynkel ( der Parodie auf Hitler) und des bescheidenen jüdischen Friseurs. Der Film kommt im Herbst 1940 heraus und wird vom Publikum begeistert aufgenommen.
Bei der Premiere nennt Chaplin zum ersten Mal Paulette öffentlich seine Ehefrau. Prompt erhalten sie eine Einladung ins Weiße Haus, um Präsident Roosevelt zu treffen. Ironie des Schicksals: Zu diesem Zeitpunkt ist das Ehe -Aus unausweichlich.
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| "Der große Diktator" (1940) |
Ohne gegenseitige Enthüllungen und laute Skandale lassen sie sich 1942 ( wohl rechtskräftig in Mexiko ) scheiden. Paulette erhält von Chaplin eine große Geldsumme und die Yacht "
Panacea". Er will sogar als Abschiedsgeschenk einen dritten Film mit ihr drehen, aber das soll nicht mehr wahr werden. ( Aus dem Drehbuch wird dann sein letzter Film "
Die Gräfin von Hongkong" mit Sophia Loren in der ursprünglich für Goddard vorgesehenen Rolle. )
Sie nutzt ihre damaligen Bekanntheit und das Image, das sie sich aufgebaut hat und unterzeichnet einen lukrativen Vertrag mit Paramount und wird zur Lieblingsschauspielerin von
Cécile B. DeMille. Es heißt aber auch, dass sie sich später am Set von "
Unconquered" mit ihm zerstritten habe, was der eigentliche Grund für ihre spätere Abwertung in den 1950er Jahren & die Reduzierung ihrer Filmverpflichtungen gewesen sei.
Doch erst einmal noch zurück ins Jahr 1940: Am Set von "
Second Chorus", einer Musicalkomödie mit Fred Astaire, lernt sie
Burgess Meredith, einen erfolgreichen Bühnenschauspieler, kennen, der 1944 ihr dritter Ehemann werden wird und von dem sie, inzwischen 34 Jahre alt, ein Kind erwartet, es aber dann bei einer Fehlgeburt verliert. 1944 wird Paulette auch für den Oscar als Beste Nebendarstellerin für "
Mutige Frauen" nominiert.
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Von links nach rechts: Mit Fred Astaire in "Second Chorus", mit Claudette Colbert & Veronica Lake in "Mutige Frauen", mit Ehemann Burgess Meredith |
1946 spielt sie an der Seite ihres Ehemanns in Jean Renoirs "
Das Tagebuch einer Kammerzofe". Burgess ist Mitglied der Demokratischen Partei, gilt also als Liberaler, und gerät deshalb auf die schwarze Liste des Komitees für unamerikanische Umtriebe. Auch auf Paulette wird so das Interesse des FBI gelenkt. Burgess hält sich im darauffolgenden Jahrzehnt weitgehend vom Filmgeschäft fern. Er leidet an einer bipolaren Störung und ist extremen Stimmungsschwankungen unterworfen. 1949 lässt sich das Paar auch schon wieder scheiden.
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| 1954 |
In den 1950er Jahren beginnt Paulettes Karriere also zu stagnieren. Angebote von großen Filmstudios bleiben aus, Hollywood ersetzt die "alten" Diven - Paulette ist gerade mal vierzig! - gnadenlos durch eine jüngere Generation. Sie arbeitet mit kleinen Studios für bescheidene Honorare zusammen und dreht immer weniger Filme. Stattdessen spielt sie Theater, z.B. die Cleopatra in einer Theateraufführung in Bernard Shaws Stück "
Cäsar und Cleopatra". Ihre letzte Hauptrolle im Film hat Paulette 1954 in dem Film noir "
A Stranger Came Home", den die "
New York Times" als "
drittklassigen britischen Krimi" bezeichnet. Nach dem Auslaufen ihres Vertrags mit Paramount geht sie nach Großbritannien, um beim Fernsehen zu arbeiten.
In Hollywood läuft ihr am 4. April 1951 beim Betreten eines Blumenladens der deutsche Schriftsteller
Erich Maria Remarque über den Weg, den sie bis dato nur flüchtig kennt. Der Autor des berühmten Antikriegsromans "
Im Westen nichts Neues" (1929) lebt seit 1939 offiziell in den Vereinigten Staaten, verbringt aber auch die Hälfte eines Jahres in Europa. Er hat in Porto Ronco, einem Ortsteil von
Ronco sopra Ascona im Schweizer Kanton Tessin eine Villa am Westufer des Lago Maggiore. In Hollywood hat er eine ganze Reihe von Verhältnissen mit berühmten Schauspielerinnen, darunter Marlene Dietrich, gepflegt, und eine respektable Kunstsammlung!
Die Geschichte wiederholt sich wie einstens mit Charlie Chaplin: Paulette, strahlend, munter, lebensbejahend, alles Eigenschaften die dem 53jährigen abgehen, kann ihn aus seiner aktuellen Lethargie reißen. Es hilft Remarque, im Dezember 1951 seinen Roman "
Der Funke Leben" wieder aufzunehmen & abzuschließen, den er seiner von den Nazis hingerichteten jüngsten Schwester Elfriede Scholz widmet. Es ist eine der frühesten literarischen Auseinandersetzungen mit der Welt der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Der Roman wird weltweit überwiegend positiv aufgenommen. Für den deutschen Buchmarkt konstatiert man Reaktionen, die "
zum großen Teil ausgesprochen feindlich, reserviert und empört" sind, so Remarque.
Paulette ist keine Intellektuelle, dazu hat sie viel zu viele Bildungslücken. Beide scheinen aber endlich eine Beziehung ohne Wenn und Aber gefunden zu haben. Die durch die Zurücksetzung in Hollywood einstmals etwas verbitterte bis wütende Schauspielerin, die als wenig kooperativ gegolten hat, wird von Kollegen nun ganz verwandelt wahrgenommen. Ihre neue Beziehung behandelt sie mit Diskretion und führt die Presse oft auf falsche Fährten. Remarque spricht in seinem Tagebuch von einem Leben endlich ohne Neurasthenie und ständiges Schuldgefühl. Er sieht sich zwar gerne als Weltmann, Kavalier, homme à femmes, hat allerdings gleichzeitig das Gefühl, ein Schwindler zu sein, als Schriftsteller nichts zu taugen, eines Tages entlarvt zu werden. Der Alkohol scheint ihm ein geeignetes Mittel gegen seine Dämonen zu bleiben.

Unerfreuliches gibt es auch für Paulette in dieser Zeit genug: Paramount verlangt von ihr den Beweis, dass sie keine Kommunistin sei, ihr letzter Ehemann klagt auf Herausgabe der Hälfte ihres gemeinsamen Eigentums in Dollar, ihr Vater hingegen vermacht ihr in seinem Testament provokant einen einzigen Dollar, Chaplin wird nach seinem letzen US-Film die Wiedereinreise in die Staaten verweigert, was sie entrüstet, und last, but not least, markieren alle Filme, die sie 1953 - 54 dreht, den absoluten Tiefpunkt ihrer Karriere, z.B. "Charge of the Lancers".
1956 fällt eine geplante, von Anita Loos geschriebene TV-Serie durch, und Paulette lässt sich von Remarque zu einem mehrwöchigen Urlaub bewegen, luxuriös im Jaguar in Richtung Cannes, Monte Carlo, Nizza unternommen. Anschließend begleitet sie ihn nach Berlin zur Premiere seines neusten Stückes, wo sie dann schon quasi als seine Ehefrau begrüßt wird. Die Gerüchte sind so weit gediehen, dass in den Staaten alle eine Heirat erwarten. Doch bis Mai 1957 ist er noch mit Ilse Jutta Zambona verheiratet. Paulette genießt es, die Klatschpresse an der Nase herumzuführen und lanciert einen Termin auf einem Standesamt in St. Moritz im Dezember. Aber: Pustekuchen!
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Eheschließung mit Erich Maria Remarque (1958) |
Zur Eheschließung kommt es tatsächlich erst am 25. Februar 1958 in Branford/Connecticut. Paulette Goddard ist 47 Jahre alt, Remarque fast sechzig. Es gibt eine Reihe von Leuten, die Paulette als Remarques Ehefrau nicht ganz passend finden, darunter Marlene Dietrich, die das öffentlich äußert: "Hat er den Verstand verloren?(... ) Er war ein großer Schriftsteller, aber seit jeher ein Dummkopf, was Frauen angeht."
Gemeinsam lebt man jetzt am Lago Maggiore, ziemlich luxuriös: Sie sammelt Schmuck ( darunter die
Rubinlippenbrosche von Dalí ), er Kunstwerke ( so erwirbt er mehre
Claude Monets ). Gemeinsam besucht man die europäischen Städte, die sie lieben. Doch sie hält es nie längerfristig bei ihm in seinem Haus aus: "
Ich bin ein geselliger Typ, er aber hat einen Sitzberuf, aber wir ergänzen uns hervorragend!" Dass Remarque einen Großteil des Jahres schriftstellernd in der Schweiz verbringt, gibt ihr die für sie notwendige Freiheit.
Sie lehnt nicht jedes Angebot ab, das man ihr vorlegt, und nimmt beispielsweise ein Theaterengagement an, obwohl es ihrem Mann nicht gut geht. In der Öffentlichkeit redet sie nur von ihm und ihrem fabelhaften, glücklichen Leben. Auch ihre Korrespondenz zeugt von einem ausdauernden Anhimmeln, wenn getrennt, in der Ferne. Dieses gegenseitige Schmachten wird fast zum Ritual. Aber: "Im Laufe ihrer Ehe wurde er zum verlassenen, aber duldsamen Vormund, während sie den tolldreisten Teenager spielte", meint Julie Gilbert in ihrer Biographie.
Ihr früheres Leben mit Chaplin und dem Kino, erwähnt sie fast nie. Dabei wohnt dieser ganz in ihrer Nähe, nur "auf verschiedenen Bergen", so die Schauspielerin. Im September 1963 erleidet ihr Ehemann in Neapel einen Schlaganfall mit rechtsseitiger Lähmung & Sprachstörungen als Folge, von dem er sich erholen und ein Jahr darauf zusammen mit ihr Venedig & Florenz besuchen kann.
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"Gli indifferenti" (1964) |
Paulette hat bereits im Sommer davor unerwartet ein Filmangebot aus Italien angenommen, unter der Regie von Francesco Maselli bei der Verfilmung von Alberto Moravias Roman "
Gli indifferenti" die Rolle der schönen, verarmten Herzogin & Mutter von Carla Ardengo, gespielt von Claudia Cardinale, zu übernehmen. Sie ist mit ihrer Präsenz im Film nicht zufrieden und es kommt zu Reibereien mit
Shelley Winters, die den Film höchstens für das TV - Spätprogramm geeignet findet. Es wird der letzte Filmauftritt der Schauspielerin; sie ist jetzt 53 Jahre alt.
Anfang des Jahres 1965 erleidet Remarque einen Herzanfall, als Paulette sich mit ihm in Mailand aufhält. Es wird nicht sein letzter sein; weitere im September und Oktober 1966 folgen, zuletzt mit einem sechswöchigen Klinikaufenthalt in Locarno. Seine ernsthaften gesundheitlichen Probleme nimmt sie höchst widersprüchlich auf, abwechselnd verängstigt, genervt, mütterlich, tyrannisch - "nicht viel anders, als sie schon immer zu ihm gewesen ist", so Julie Gilbert in ihrem Buch. Sie weicht der Situation gerne aus, ganz anders, als es an manchen Stellen heute so ausgemalt wird. Er bedauert, dass er mit seinen Beeinträchtigungen ihr nicht mehr so schöne Liebesbriefe schreiben könne. "Das kommt schon wieder", tröstet er sie und sich selbst.
Bis zu seinem Tod wird Remarque ständige Schmerzen leiden und sein Tagebuch beweist, dass er mit einem größeren Infarkt rechnet. Er ist auch zu gut im Bilde, dass seine Frau mit Ronco nichts anzufangen weiß, weil dort "alles wie Blei für sie" ist, vor allem im Winter, und sie die Reisen braucht. Über den Winter 1966/67 hält sich das Paar dann konsequenterweise in Rom auf, auch zwecks ärztlicher Behandlung. Dort wird ihm das Bundesverdienstkreuz in Anwesenheit Paulettes verliehen. Geplant wird eine Reise in die USA zum 80. Geburtstag der Schwiegermutter, die aber nicht stattfinden kann, auch weil Remarque unbedingt sein Buch zu Ende bringen will.
Paulette ist nun bereit, ins Tessin zu ihm zurückzukehren. Den nächsten Winter verbringen sie allerdings wieder in Rom, und er arbeitet intensiv, aber unter ärztlicher Kontrolle. Im Herbst 1969 treten sie "die zweiten Flitterwochen in Grün" ( O-Ton Remarque ) in Venedig an, die sie aber wegen gesundheitlicher Komplikationen abbrechen müssen. Paulette selbst hat sich zuvor im Frühjahr/Sommer in New York die Beine vertreten. Das war sein ausgesprochener Wunsch.
Sein letzter Brief an sie stammt von Thanksgiving 1969. Da setzt ihnen ein Einbruch in die Villa und der Raub von Kunstgegenständen zu. Ein Klinikaufenthalt in Zürich im Frühjahr danach bringt gesundheitlich für ihn kaum Veränderung, dafür kommen die entwendeten Kunstgegenstände zurück. Nach einem weiteren Herzstillstand im Sommer 1970 wird Remarque ins Krankenhaus nach Locarno gebracht, wo er am 25. September stirbt. Er wird bescheiden auf dem örtlichen Friedhof in Ascona beerdigt.
Für Paulette beginnen nun zwanzig lange Jahre alleine, die sie nicht nur in Ascona verbringt. Sie ist Witwe eines berühmten Mannes und muss folglich die spöttischen bis boshaften Kommentare der Öffentlichkeit über sich ergehen lassen ( wie das immer wieder gerne bei Witwen - nicht nur berühmter Männer - der Fall ist ). Sie hat die Villa samt einer beeindruckenden Sammlung impressionistischer Kunstwerke, die Remarque über viele Jahre hinweg aufgebaut hat, geerbt. Aber was noch wertvoller ist: das Copyright an seinen Werken. So what? Remarque hat keine Kinder, wem sollte er das dann hinterlassen? Wenn sie sieben Jahre später Bilder und kostbare Orientteppiche nach und nach verkauft, heißt es selbst in der Biografie "aus purer Lust am Geschäftemachen". Vielleicht braucht sie das Geld, um das Anwesen in Stand zu halten, ihre Miete in New York, ihre Krankenhaus- & Arztrechnungen zu bezahlen? Den schriftlichen Nachlass und die Bibliothek ihres Mannes gibt sie 1977 an die New York University weiter ( und nach ihrem Tod wird diese Bildungseinrichtung das Copyright erben ). Was ist daran verwerflich?
Die Rolle ihres Lebens? Das, was sich die kleine Marion Pauline Levy erträumt hat? Wer den Status einer Witwe ohne eigenes Zutun einnehmen durfte, weiß, wie unverschämt solche Aussagen sind. Öffentlichkeitswirksam überreicht sie im September 1971 in einer Veranstaltung vor hundert geladenen Gästen das Manuskript des nachgelassenen Remarque-Romans "Schatten im Paradies" im Münchner Verlagshaus von Droemer, aber ansonsten muss sie sich sechs Monate in der Villa Ronco aufhalten, das verlangen Schweizer Gesetze, sonst verliert sie ihre Aufenthaltsgenehmigung. Schon zu Lebzeiten ist sie immer wieder geflohen, vor dem Winter dort, den fehlenden Kontakten, den Sprachproblemen. Um Freunde zu treffen, muss sie bis Zürich oder Mailand reisen.
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Mit Andy Warhol (1974/75) |
Sie betätigt sich in den nächsten Jahren fleißig als Nachlassverwalterin, sorgt z.B. dafür das Remarques Stück "
Die letzte Station" am Broadway aufgeführt wird. Und sie plant zusammen mit Anita Loos - Arbeitstitel "
The Perils of Paulette" - eine Art von Memoiren zu verfassen. Doch dieses Buch beendet ihre Freundschaft, weil Paulette sich weigert "auszupacken".
In New York findet sie in
Andy Warhol einen neuen Freund oder Begleiter, der einen Vertrag mit Remarques Verleger abgeschlossen hat, um ihre Lebenserinnerungen auf Tonband zu sammeln und zu transkribieren. Auch das erweist sich als unergiebig. Immerhin scheint sich Paulette in Warhols Anwesenheit wohl zu fühlen und mit ihm als Begleiter am
social life in New York
teilzunehmen.
1975 wird in New York bei der 65jährigen Brustkrebs - später kommt noch Hautkrebs dazu - diagnostiziert, mit allen üblichen Folgen einer Amputation. Nicht nur körperlich, auch psychisch hat der - wohl wenig einfühlsame, überstürzte - Eingriff Folgen. Paulette verweigert eine Rehabilitationskur und wendet sich dem Alkohol zu, wie es ihr Mann zeitlebens praktiziert hat. Sie verändert sich charakterlich: Aus der strahlenden, temperamentvollen, noch immer schönen und irgendwie lebenshungrigen wird eine eigensinnig - sprunghafte, einsame, alkohol- und schlaftablettenabhängige Frau, die mit ihrem Leben nicht mehr zurechtkommt. Sie versucht sogar mehrmals, sich das Leben zu nehmen, so demoralisiert ist sie. Einzig im Kontakt zur Mutter bleibt sie bis zu deren Tod 1984 beständig.
Ihre letzten fünf Lebensjahre verbringt Paulette Goddard nun vollständig in ihrem Haus in Porto Ronco, umgeben von einem Team aufopferungsvoller Pflegekräfte. Am 23. April 1990 stirbt sie dort im Alter von 79 Jahren. Sechs Stunden zuvor hat Sotheby's noch ihren Schmuck für eine Million Dollar versteigert.
"Nichts ist von Interesse, wenn's nicht klappt. Wenn's hinter einem liegt. Oder lange zurück. Nichts von Interesse. Was man sich für die Zukunft vornimmt, oder was man getan hat. Es zählt nur das, was jetzt ist. Der Augenblick."
Das sagt sie in einer der 22 Fernsehsendungen mit ihrer unnachahmlichen Stimme.
Begraben ist Paulette Goddard neben Erich Remarque und ihrer Mutter auf dem Friedhof von Ronco sopra Ascona.
Und hier meine weiteren Leseangebote zu den
Das ist ein Versuch.
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