Donnerstag, 11. Juni 2026

Great Women #459: Maria Franck - Marc

Als ich mit der Enkelin im April im Museum Ludwig war, wollte ich ihr in der ständigen Ausstellung mein Lieblingsbild von August Macke vorführen. Und dort hing dann auch eines, dass mir bis dato nicht aufgefallen war, mich aber sofort angesprochen hat. Da kam mir die Idee, ich könnte mich doch endlich mal näher mit Maria Marc beschäftigen - eine Lebensgeschichte, die mich sehr aufgewühlt hat, ist da zutage gekommen.
"Im tiefsten Grunde meiner Seele lebte die Gewissheit, 
dass mein Schicksal unlöslich mit dem seinen verbunden war."

Maria Marc ist vor 150 Jahren, genauer gesagt am 12. Juni 1876, in Berlin zur Welt gekommen. Da hat sie noch Bertha Pauline Marie Franck geheißen. Der Beruf des Vaters Philipp Franck bei der Preußischen Boden-Aktien-Kreditbank, deren Leiter er noch werden wird, ist Garant für ein Aufwachsen in gutbürgerlichen Verhältnissen. Marias Mutter Helene Sonntag wird nach Maria 1879 noch einen Sohn namens Wilhelm zur Welt bringen. Gemeinsam leben sie in einem repräsentativen Dienstgebäude zwischen Oper und Dom mit dem üblichen Personal. Man pflegt Geselligkeit, nimmt kulturelle Angebote wahr und reist viel, gerne nach Ostpreußen, von wo die Mutter stammt.

Mit dem Bruder
(1891)
Die Erziehung von Mädchen aus bürgerlichen Familien in der wilhelminischen Zeit kennt eigentlich nur ein Ziel: die standesgemäße Verheiratung. Junge Frauen sollen vor allem in Konversation gebildet und in perfekter Haushaltsführung geschult werden. Viel jugendliches Vergnügen wird dem Mädchen nicht zugestanden, was Maria nach eigenem Bekenntnis entbehrt. "Alles das, was mir lieb war und erstrebenswert erschien, war als Verrücktheit und Überspanntheit erachtet", schildert sie später immer wieder mal die Situation.

Das Lyzeum absolviert sie dennoch mit sehr gutem Erfolg, sie darf  natürlich Klavier spielen und singt im Chor der Berliner - Sing - Akademie. Ihr musikalisches Talent, früh erkannt, wird also ausgiebig gefördert. Aber sie will auch dahinter kommen, was es mit ihrer großen Sehnsucht nach künstlerischem Schaffen auf sich hat. Zunächst macht sie eine Ausbildung zur Zeichenlehrerin an Volks-, Mittel- und Höheren Schulen, die sie mit neunzehn abschließen kann. Nach dem Lehrerinnenberuf, einer der wenigen Berufe, die Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert ausüben dürfen, steht ihr der Sinn allerdings nie. 

1900
Sie bleibt weiterhin im elterlichen Haushalt und absolviert an der "Königlichen Kunstschule" Kurse bei den arrivierten Blumenmalerinnen Catharina Klein, deren naturalistische Stillleben sich größter Beliebtheit erfreuen, und Clara von Sivers. Ab 1899 bis 1902 besucht Maria das Damenatelier des Berliner Malers Karl Storch sowie die Sommerkurse seiner Malklasse auf dem Lande in der Holsteinischen Schweiz. Das bringt ihr erhebliche Fortschritte, vor allem in der Landschaftsmalerei.

Von Jugend an leidet Maria an Rheuma. Aufenthalte in südlicheren Breiten tun ihr gut. So kann sie den Eltern ab 1902 alljährlich ein paar Monate in München abschwatzen. Insgeheim träumt sie von einer selbstbestimmten Existenz als Künstlerin. Damit kann sie den Eltern aber nicht kommen.

Max Feldbauer "Bauernmädchen"
(1905)
In München mischt sie sich unter die Studierenden der Damenakademie des Künstlerinnenvereins und besucht den Unterricht von Max Feldbauer und Marie Schnür. 

Feldbauer ist prominenter Mitarbeiter der legendären Zeitschrift "Jugend" und Mitbegründer der Künstlergemeinschaft "Scholle" sowie 1913 Gründungsmitglied der Münchener Neuen Secession. Auch Marie Schnür arbeitet als Illustratorin für die wöchentlich erscheinende illustrierte Zeitschrift. Feldbauer wird die Malerei der jungen Maria zweifellos stark prägen mit seiner atmosphärischen Freilichtmalerei in lockerer, breitpinseliger Malweise. Die Kunst in München ist zur damaligen Zeit einfach sehr fortschrittlich. 

Mit Marie Schnür schließt sie als Schülerin eine Art Freundschaft, denn sie unternehmen auch privat einiges miteinander. Doch die wichtigste Person in dieser Zeit ist ein anderer Lehrer, den Maria in ihren Aufzeichnungen nicht erwähnt, denn sie ist unglücklich verliebt in ihn: Angelo Jank. Der ist verheiratet und in der Damenakademie reichlich umschwärmt. Ihre Pleinair - Malkünste vervollkommnet sie dann im Dachauer Moos, eventuell in einer Gruppe um den so einflussreichen Adolf Hölzel, sowie in Worpswede unter der Anleitung von Otto Modersohn.

Den drei Jahre jüngeren Akademieflüchtling Franz Marc kennt Maria schon vom Hörensagen, denn dessen Affäre mit der neun Jahre älteren Professorengattin Annette von Eckardt, verheiratete Simon, Mutter zweier Töchter, ist in den letztendlich überschaubaren Münchner Künstler- und bürgerlichen Kreisen in aller Munde. Sie schreibt später in ihren Erinnerungen:
"Eines Tages, als ich mit einem Freunde durch die Stadt ging, begegnete uns ein sehr auffallendes, ungleiches Paar:- eine kleine dunkle Dame und ein grosser gutaussehender Mann, sehr besonders gekleidet. Er trug eine hohe schwarze Pelzmütze und eine kurze Jacke aus braunem Tuch mit Schnurverzierung an den Knöpfen, der man die Pelzfütterung ansah. Er beugte sich beim Sprechen ganz tief zu der Dame. (...) mir wurde gesagt, dieses sei der Maler Franz Marc mit Frau Prof. Simon gewesen. (... ) mein Interesse für Andere war nicht gross." ( Quelle hier )

Maria hat es schwer mit sich selbst - "Nirgends fand ich einen festen Boden - auch nicht in mir", beschreibt sie ihre psychische Situation. Ihr fehlen auch aufgrund der elterlichen Überbehütung die notwendigen Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen. 

"In diesen ersten Münchner Jahren fand ich mich in Verhältnisse hineingezogen, denen ich nicht gewachsen war."

Links Franz Marc, rechts Angelo Jank
( ca.1907 )
Anfang 1905 trifft sie auf einer Bauernkirchweih in einer Schwabinger Brauerei auf Marc, auf dessen Knie ihre Mitstudierende sitzt, mit der sie zu der Veranstaltung gekommen ist. Bald danach lädt Marie Schnür sie zu sich ein, ebenfalls Franz Marc und die junge Dame, die beim Bauernball ihm so nahe war. Sie hofft so, Maria von ihrer unerfüllten Liebe zu Jank ablenken zu können. ( Pikanterweise geht Marie Schnür ein Verhältnis mit Jank ein und bekommt Anfang 1906 ein Kind von ihm - dazu später mehr. )

Franz Marc unterhält sich tatsächlich die ganze Zeit mit Maria statt mit seinem Flirt vom Ball zuvor. Später wird er ihr sagen, dass er sich die ganze Zeit gefragt habe, wer der Mann sei, unter dessen Einfluss sie gestanden habe. "... wenn er gewusst hätte, dass damals das Interesse von allen 3 Frauen, mit denen er zusammen sass, um diesen Mann kreiste?"

Marc begleitet sie anschließend nach Hause und fordert sie zu einem baldigen Wiedersehen auf. Doch Maria muss ihm gestehen, dass sie zu ihren Eltern nach Berlin zurück muss und sie von denen keine Erlaubnis habe zurückzukehren. Er redet ihr nun gut zu. U.a. meint er, dass jeder Mensch doch einmal vor der Entscheidung stehe, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen. 

Maria fährt mit diesen Gedanken im Kopf zunächst nach Berlin, dann mit der Eltern Erlaubnis nach Worpswede, wo sie bis in den November hinein bleibt. Der freie Ton unter den "Malweibern" gefällt ihr, sie beneidet Marie Schnür, von der sie hört, dass sie nach Paris geht. Die Bücher, die ihr Jank schickt, trüben ihre gute Laune wieder. Vor allem aber auch die Vorstellung, in Berlin die "Tochter wohl situierter Eltern" geben zu müssen.

In Berlin gibt es tatsächlich heftige Auseinandersetzungen, denn die Eltern wollen sie nach wie vor nicht nach München lassen. Gerade für Helene Franck ist der Gedanke quälend, besonders im Hinblick auf die gute Berliner Gesellschaft. Maria ist aber doch inzwischen neunundzwanzig! Die Francks geben dennoch die Hoffnung nicht auf, dass der gut situierte Ehemann noch auftauchen würde, um die Aufmüpfige zur Vernunft zu bringen. Der Abschied fällt ihnen schwer, doch Maria packt ihre Koffer und ist im Dezember 1905 wieder unter blau-weißem Himmel. Nur hier, glaubt sie, ihre Begabungen entfalten zu können. Außerdem liebt sie das freiere Bohème-Leben im angesagten Schwabing. 

Marc trifft sie nur zufällig wieder, wieder auf einem Bauernball. "Als ich mich still durch die Tanzenden hindurchwinde, steht plötzlich Marc vor mir – macht eine erfreute Bewegung mit den Armen und fasst mich bei der Hand." Er freut sich offensichtlich, sie reden und tanzen und essen und trinken bis in den Morgen und werden ganz vertraut. Anschließend frühstücken sie noch in einer Konditorei zusammen. Er erzählt ihr auch von seiner unglücklichen Liebe zu Annette von Eckardt, die todkrank sei und jetzt im Süden bei ihrem Vater weilt. Und wie traurig er darüber sei. Wie sie ganz offen aufeinander zugehen und letztendlich auch nicht von einander lassen können, das ist schon beeindruckend!

"Er war so ein außergewöhnlicher Mensch – auch äußerlich auffallend – mit einem wunderbaren Kopf. So zweifelte ich, dass gerade so jemand zu einem Mädchen kommen würde, wie ich es war; ich empfand mich als reizlos, dick und unbedeutend.
Noch ahnt Maria nicht, wie ihr Gefühlsleben für die nächsten zwei Jahre nicht zur Ruhe kommen und dieser Mann sie bis an ihr Lebensende nicht mehr loslassen wird. Doch zunächst verbringen sie noch weitere schöne Faschingswochen, dann ein gemeinsamer Ausflug mit Übernachtung in Kochel. Noch zweifelt sie, noch lässt sie ihn am langen Arm zappeln. Als er schweigsam wird, bereut sie es wieder. Bei diesem und einem weiteren Ausflug im März malt er Winterbilder, die häufiger Maria zeigen. Im April 1906 reist er dann mit seinem Bruder nach Saloniki und dem Berg Athos. Es ist anzunehmen, dass er vor seinen amourösen Verstrickungen - der Trennung von Annette Simon und der tiefen Zuneigung von Maria - flieht, auch im darauffolgenden Sommer in die Einsamkeit der oberbayerischen Vorberge. 

Maria folgt ihm bald dorthin. Doch überschatten die Spannungen das Zusammensein, denn der Maler liest aus Marias Verhalten einen stummen Vorwurf heraus. Im Juni bittet er dann auch noch Marie Schnür, zum Malen zu ihnen zu stoßen. Tatsächlich beginnt er mit ihr, die im Februar des Jahres in Paris ihren Sohn mit Angelo Jank zur Welt gebracht hat, ein Verhältnis. 

Franz Marc "Zwei Frauen am Berg"
(1906)
Für Maria wird dieses Jahr zu einem der qualvollsten in ihrem Leben, obwohl die Tatsache, dass Marie sich in ihre Beziehung zu Marc drängt, unausgesprochen bleibt. Ein großes Bild, das er von den beiden Frauen malt, sollte als "Thränenhügel" in ihre persönliche Geschichte eingehen ( nach der Rückkehr nach München zerstört Marc es; erhalten ist die Ölstudie ). Aber nicht nur das Gemälde, sondern auch die Briefe und die Aktotos, die Marcs Bruder von der Gruppe "geschossen" hat, dokumentieren ihre ungeheuer tiefe Verletzung.

Zwar bestätigt der junge Maler seine Freundin immer wieder in ihrem eigenen Selbstwertgefühl und in ihrer Arbeitslust, doch in dieser extremen Situation kommt es immer wieder zu Verunsicherungen. Frau kommt glatt in Erklärungsnotstand, wenn sie liest, wie Maria Verständnis für das Leiden ihres Freundes hat ( sie ist immerhin dreißig! Mich hat eine ähnlich gelagerte Geschichte mit achtzehn betroffen und ich war der Ambivalenz kaum gewachsen ). Kein Wunder, dass sie angespannt ist, als sie ihre Eltern auf der Durchreise in Garmisch trifft. Sie muss verheimlichen, wie es ist und wie weit ihr Verhältnis zu dem Maler geht.

Franz Marc "Mädchenkopf"
(1906)
Zurück in München im Herbst des Jahres versucht der etwas Ordnung in sein Gefühlsleben zu bringen. Zumindest in seinen Briefen. Auch Maria versucht, durch eifriges Malen und den regelmäßigen Besuch in Feldbauers Unterricht Tritt zu fassen. 

Es eskaliert sogar noch weiter: Warum will er jetzt Marie Schnür heiraten statt der geliebten Maria? Bloß ein Akt der Mildtätigkeit, damit die ihr uneheliches Kind legitimerweise zu sich holen kann? Also eine angebliche oder wirkliche Scheinehe? Maria lässt sich das auch noch gefallen, ebenso die Ausbrüche der Konkurrentin, während sie - in ihren Erinnerungen betont - von Eifersucht frei gewesen sei. Auch hier kaum nachvollziehbar, was sie "ihrem Franz" alles nachsieht, wo sie doch selbst schreibt, sie sei krank am Leben und verzweifelt. "Wohin sollen mich diese Friedlosigkeit und Unruhe bringen?" Seine Reaktion auf diesen Brief ist erstaunlich verhalten bis kritisch..."Warum ziehst du vor so zu sein wie du bist?" Er stellt auch immer klar, dass er als Ehemann die Liaison mit ihr nicht aufgeben werde. Maria überwindet sich sogar, den Unterricht bei der Konkurrentin weiter wahrzunehmen.
Diese persönliche Situation der beiden Künstler scheint mir symptomatisch für die Problematik des Geschlechterverhältnisses jener Tage zu sein, trifft es doch beispielsweise auch auf Gabriele Münter ( siehe dieser Post ) und Kandinsky, Marianne Werefkin und Jawlensky, mit denen sie später befreundet sein werden, zu. Die Männer wünschen sich eine unabhängige & selbständige Frau, die in der eigenen Tätigkeit nach Erfüllung strebt wie sie selbst, vernachlässigen aber den Wunsch der Frauen nach stärkerer Partnerschaft, weil sie emotional noch ganz andere Bedürfnisse haben, die Emanzipation der Frau noch in den Kinderschuhen steckt, ein uneheliches Verhältnis gesellschaftlich nicht akzeptierti st und besonders die Frau in der Öffentlichkeit desavouiert.
Die Eheschließung zwischen Marc und Marie Schnür findet dann Ende März des folgenden Jahres statt - Höhepunkt der kräftezehrenden Dreierkonstellation! Noch am selben Abend macht sich der Künstler mit dem Zug auf nach Paris. Diese Reise wird bekanntlich äußerst bedeutsam für seine künstlerische Fortentwicklung, Maria bezahlt dafür mit krankheitsbedingter künstlerischer Unproduktivität: Sie bekommt eine rheumatische Entzündung und muss sogar stationär im Krankenhaus in Nymphenburg behandelt werden. Die Folgen werden sie zeitlebens immer wieder begleiten, zunächst aber hindern, am Anatomiekurs teilzunehmen, den ihr Freund an der Damenakademie gibt. Der wird den Sommer über mit seiner Ehefrau in Indersdorf bei München verbringen, Annette von Eckardt ganz in der Nähe einquartiert. Maria flieht nach Berlin und von dort in die ostpreußische Heimat der Mutter. Ihr Leiden verschlimmert sich durch die Konflikte mit ihrer Familie.

Marc setzt noch einen drauf: Zwar benennt er in seinem Brief im Juli 1907 seine Ehe als Irrtum, verlangt von Maria aber auch : "... ich will, daß du bis dahin auch ganz selbständig fühlend - rücksichtslos - geworden bist." Die muss eine mehrwöchige Kur in Bad Aibling, von den Eltern finanziert, absolvieren, denn sie hat Gicht in den Händen und Rheuma am ganzen Körper. Bevor sie sich dorthin aufmacht, kommt es zu einem Schäferstündchen mit Marc in München, und das lässt sie nun in völlig verwirrt in die Kur gehen.

Auch sie hat Zeit, Bilanz zu ziehen. Vor allem das Bewusstwerden ihrer vollständigen materiellen Abhängigkeit von den Eltern lässt sie einen Hilferuf an Marc senden. Doch der betont nur wieder, dass sie sich unabhängig vom Elternhaus machen müsse, er wolle sie dabei moralisch unterstützen. "Sei unter allen Umständen (...) mutig im Herzen, dann werde ich Dich doppelt und zehnfach lieb haben." Er reist mit seiner Ehefrau zu deren Familie und zu einem Aufenthalt nach Berlin. Er sei fest überzeugt, "daß mir dieses eklige Jahr von größtem Nutzen gewesen ist. Eine Seelenrettung mit Hindernissen." Maria gibt sich liebestreu, ist aber "zersplittert, daß mir oft bangt, ob ich noch einmal im Leben etwas abgeschlossenes fertigbringe. Das einzige, was ich mir zutraue, wäre ein Kindchen..." ( Quelle hier )

Maria Franck "Stillleben mit Osterlamm"
(1909)


Auf Anregung Marcs versucht sie trotz eingeschränkter Hand großflächige Plakatentwürfe, die sie beim Heimatbesuch zu Weihnachten unter die Leute - sprich: Firmen - bringt, um Geld zu verdienen. Auch im Jahr 1908 setzt man die Beziehung im Rahmen der "Schicklichkeit" fort. Maria übernimmt kleine Aufträge wie Entwurfszeichnungen für Annette von Eckardt. Um weiterem Gerede aus dem Weg zu gehen, zieht sie sich auf Vermittlung ihres Freundes nach Lenggries zurück. Das bringt beiden etwas in ihrer künstlerischen Entwicklung, aber auch in ihrer Beziehung, denn Marc bleibt die meiste Zeit an ihrer Seite und es kommt zu gemeinsamem Malen. Am 12. Juni feiert das Paar den 32. Geburtstag Marias. Aus diesem Anlass entsteht das erste gemeinsame Foto links und die beiden Gemälde:

Maria Franck "Junges Bäumchen", Franz Marc "Grüne Studie"
(1908)

Einen knappen Monat später wird die Ehe mit Marie Schnür geschieden. Bei der Scheidung sorgt Marie Schnür dafür, dass Maria Franck als "Ehebrecherin" benannt wird, was eine Ehe zwischen ihr und Marc noch eine Reihe von Jahren unmöglich macht, bis Franz Marc die "Dispens", also die juristische Erlaubnis, sich erneut zu verheiraten, erhält. 
"Franz und ich waren innerlich sehr traurig darüber; es war ja auch nicht zu verstehen, dass Schnür sich zu einem solchen Schritt ernstlich entschließen konnte. Aber was sollten wir machen?", ist die einzige Reaktion, die Maria in ihren Erinnerungen formuliert.
Er nennt sie jetzt seine Vahiné ( aus dem Tahitianischen für "Frau" ). Die Geldsorgen bleiben, da er nur selten, und wenn, an Freunde verkauft. Maria arbeitet an einer Mappe mit dem Titel "Kinderbilder", die sie dem Inselverlag in Leipzig ( siehe der Post zu Kippenberg ) anbietet. Sie hat damit keinen Erfolg, aber Marc selbst versucht sie bei der Stange zu halten mit dem gleichen künstlerischen Sendungsbewusstsein, mit dem er später dem "Blauen Reiter" zum Erfolg weiterverhelfen und Kollegen, Galeristen, Verleger und Sammler mitreißen wird. Auf Dauer wird dieses Bestreben auch ihre Finanzsituation lindern.

"Pfingstrosen"
(1909)
Ein Gewinn für das Paar ist ebenso der Aufenthalt in Sindelsdorf ab Frühjahr 1909. Bereits entdeckt beim Kochel-Aufenthalt 1906, mieten sie sich nun im Haus eines Schreinermeisters ein, nachdem sie von der Station Penzberg eine Stunde zu Fuß mit Katz & Hund durch den nassen Schnee gelaufen sind. Doch über der kleinen, kalten Wohnung ist ein heller Speicher: ihr künftiges Atelier! 

Dieser Ort trägt zur Intensivierung ihres persönlichen Miteinanders und gleichzeitig  zur beiderseitigen künstlerischen Produktivität bei; Maria fühlt sich  wie befreit. Das sieht man ihren Gemälden in klaren & sonnigen Farben auch an, die noch den Einfluss des Spätimpressionismus atmen. Und sie malt stetig, wie nie zuvor während ihrer Bekanntschaft. Das schöne Stillleben weiter oben entsteht in dieser Zeit und zeigt, dass Maria immer sicherer in der Komposition und einem weichen, lockeren Farbauftrag wird. In ihren Skizzenbüchern finden sich viele Tierzeichnungen - beide widmen sich in dieser Zeit denselben Motiven. Marc bittet sie um Korrekturen, und der verleiht ihren Zeichnungen "mehr Rückgrat".

Wie sehr sich das ganz persönlich - private Verhältnis der beiden Künstler wandelt, lassen die Briefe erahnen. Einen derartigen intensiven Dialog, der im Dezember 1905 mit einem ersten Brief Franz Marcs einsetzt, werden die beiden bis ins Jahr 1911 in hundert von Briefen und Postkarten fortführen. Nun ist der Ton spürbar verliebter, zeugt von echter Zuneigung, Sehnsucht und Sinnlichkeit. Sie nennt ihn Klippschliefer, Murmeltier, Rittersporn, er schreibt von ihrem "weichen, süßen Liebesgeruch" als sie bei ihrer Familie in Ostpreußen weilt.

Anfang Januar 1910 kommt es zu einer einschneidenden Begegnung zwischen Marc und August Macke ( siehe dieser Post ) und dem Kunstmäzen Bernhard Koehler, dem Onkel von Elisabeth Macke. Aus dieser Begegnung entwickelt sich eine der intensivsten Künstlerfreundschaften des 20. Jahrhunderts. Beim Gegenbesuch Ende Januar am Tegernsee, wo die Mackes seit ihrer Heirat leben, ist dann auch schon Maria von der Partie. Elisabeth ist angetan von der Frau "mit etwas slawisch breiten Gesichtszügen und hellen Augen" und dem "wundervolle(n) dicke(n) goldblonde(n) Haar". Der Beginn einer andauernden engen Freundschaft "durch alle Zeiten und alles Erleben und trotz der verschiedenen Wesensart und Charakterveranlagung immer gleich vertraut und herzlich", so Elisabeth in der Rückschau.

Maria Franck, Franz Marc, Bernhard Koehler,
Wassily Kandinsky, Heinrich Campendonk, Thomas v. Hartmann
(1911)
Eine erste Einzelausstellung mit den Malereien Franz Marcs bringt ihm die Unterstützung von Koehler ein und befördert den Entschluss, ganz nach Sindelsdorf zu ziehen und München hinter sich zu lassen. Sie richten sich also mit ihrer gesamten Habe in der Dreizimmerwohnung beim Schreinermeister Niggl ein. Maria bekommt ein Zimmer mit leuchtenden Wänden - hellblau & sonnengelb - und Bäumen vor dem Fenster. "Es wurde ein Sommer voller Glück und Arbeit", so erinnert sie sich.

Im Sommer statten auch Marias Eltern ihrer in "wilder Ehe" lebenden Tochter einen Besuch ab. Der geht nach Äußerungen Marcs gegenüber den Mackes "glücklich vorüber". Vor ihrem üblichen Berlinaufenthalt hat Maria noch die Bekanntschaft mit Alexei Jawlensky und seiner Partnerin Marianne von Werefkin gemacht, einer geistvollen russischen Adligen, ebenfalls Malerin. Sie schildert sich später als ganz benommen von der Fülle an interessanten Bildern und  den neuen Ideen, die sie dort gesehen & erfahren hat. Ein starkes Erlebnis, da ein solcher Gegensatz zu ihrem bisherigen Leben, meint Maria.

Doch bei Marias Vorweihnachtsbesuch in Berlin flammen die Diskussionen und Vorhaltungen immer wieder von Neuem auf, wollen die Eltern sie nicht mehr nach Sindelsdorf zurücklassen, bevor endlich der amtliche Dispens zur Wiederverheiratung von Marc erteilt worden ist. Kein Wunder, dass Maria wieder krank wird ob all der Konflikte! Der Dispens wird schließlich abschlägig beschieden, und Marias Eltern willigen nun erst recht nicht ein, dass sie Berlin verlässt. Marc ist verstört & beschwört die Freundin sich endlich von ihrer Familie zu lösen. Er schickt ihr Bernsteinschmuck "als Andenken an diese dunklen Tage" und: "Vertrau dich der Liebe, dem Arm u. dem Gut deines Fanné an..." 

"Stillleben mit blauer Tasse und roter Schale"
(um 1911)
Depressive Verstimmungen und ihre sich hinziehende Krankheit fesseln Maria ans Bett. Schließlich kommt er selbst zu Besuch nach Berlin, um zu überzeugen. An dessen Ende geben die Eltern ihre inzwischen 34jährige Tochter frei, und die alten Möbel der Großeltern Marias wie die Aussteuer werden tatsächlich für die Überführung nach Bayern gerichtet. 

Notfalls wird man eben eine Eheschließung im Ausland versuchen, z. B. in London, so die Überlegung. Maria vertreibt sich derweil die Wartezeit mit dem Klavierspiel, um sich bei Laune zu halten und die rechte Hand zu trainieren. Die Musik wird sie immer wieder aus ihren Problemen herausreißen.

Im April 1911 kehrt Maria dann endlich nach Sindelsdorf heim. Die Heiratssituation ist zwar immer noch verfahren, aber der Sommer verläuft harmonisch & künstlerisch produktiv wie der im Jahr zuvor. Bernhard Koehler hat dem Künstler zuvor eine monatliche Leibrente von zweihundert Reichsmark ausgelobt, so dass auch die materielle Situation geklärt ist. Glücklich & entspannt richten sie sich mit den Berliner Möbeln "ein sehr hübsches Zuhause" ein.

Mit Marc & den Eltern
(1911)
Franz Marc, zwischenzeitlich in München auch in Kontakt mit Wassily Kandinsky gekommen - ein Kontakt der sich noch stärker auf ihn auswirkt als alle anderen zuvor - wandert oftmals mit Maria und ihrem Hund über die Voralpenberge nach Murnau - immerhin vier Stunden! - um den russischen Maler und seine Lebensgefährtin Gabriele Münter ( siehe dieser Post ) dort zu besuchen.

Im Juni unternehmen Maria & Franz Marc tatsächlich auch eine "Hochzeitsreise" nach London in der Hoffnung, dort endlich ihr Verhältnis legalisieren zu können. In ihren Erinnerungen erzählt Maria später ein paar vergnügte Anekdoten über diesen Aufenthalt mit Museums- & wie Volksfestbesuch, eine gültige Eheschließung erreichen sie aber auch dort nicht. Dafür hätten sie wohnen bleiben müssen.  Auf der Rückreise besuchen sie Brüssel, Aachen und die Mackes in Bonn. Franz Marc spricht jetzt von Maria in allen Briefen von "meiner Frau" oder "Frau Marc". Maria kann damit nicht so lässig umgehen - "Auf mir lastete ein Druck...".

Kandinsky, zu diesem Zeitpunkt Strohwitwer in Murnau, trifft sich oft in diesem Sommer mit ihnen, und dabei wird das (Buch-) Projekt "Der blaue Reiter" geboren. Maria hat zunächst alle Hände voll zu tun, weil ihre Eltern im August das Paar in Sindelsdorf besuchen. Doch umtriebig ist man auch schon, was Beiträge & Fotos für den "Blauen Reiter" anbelangt. Am 25. Oktober 1911 findet nämlich die legendäre Redaktionssitzung für den "Almanach" in Murnau statt. Selbst die Mackes reisen aus Bonn an. "Es war ein Aufschwung ohnegleichen", so erlebt es Maria.

Maria & Elisabeth schreiben alles getreulich ( und rollenkonform ) ab, was die Männer sprachlich produzieren. Maria muss sich aber auch zusammen mit Gabriele Münter die Titulierung "Amazone" von der pikierten Elisabeth gefallen lassen, weil ihre Partner auch Werke von ihnen in den Almanach aufgenommen sehen wollen, von Macke aber keines. Nach Reibereien wendet sich das Blatt: August Macke wird schließlich in den Almanach aufgenommen, während Marias Arbeiten weichen müssen. Zwei Gemälde der Münter bleiben und werden im Mai 1912 im "Almanach Der Blaue Reiter" zu sehen sein.

"Nächtlicher Mummenschanz" (1911)
© Dauerleihgabe der PSM Privatstiftung, Schloßmuseum Murnau
Künstlerische Konflikte auch in der "Neue Künstlervereinigung München", und die führen zum Austritt von Marc, Kandinsky & Co und erfordern eine rasche Organisation einer Gegenausstellung zum 18. Dezember 1911 in einer Münchner Galerie. Bei der zweiten Ausstellung des "Blauen Reiter", die nur Arbeiten auf Papier zeigt, ist Maria mit drei Werken aus ihrer Kinderbilder-Mappe von 1908 unter dem Namen Maria Franck-Marc dabei. Eine ihrer Papierarbeiten wird als eines unter 300 Exponaten im Katalog abgebildet.

Auch zum aktuellen Zeitpunkt beschäftigt sie sich fortgesetzt mit der Darstellung von Kindern. Ihren unerfüllten Kinderwunsch spricht sie immer wieder in den Briefen an Elisabeth Macke aus:
"Uns geht's im grossen und ganzen schon gut, wenn auch manches zu wünschen und zu sehnen übrig bleibt - trotz Frühling - Liebe und - Doktor! Aber wir hören nicht auf zu hoffen!" - so im im Februar 1912.

Ihr Hoffen und Bangen wird vergebens bleiben...

August Macke ist wohl der Künstler, der Maria am meisten inspiriert und beeinflusst. Ihre Malerei zeigt ihre Zuwendung zur Kunst der damaligen Avantgarde mit ihren Umrisslinien, den ungemischten kräftigen Farben aus der Tube, flächig aufgetragen wie bei "Kinder zwischen Blumen" von 1912/13 links. 

Ihr Verzehren nach einem erfüllten Familienleben spiegelt sich auch in den Motiven ihrer Werke wieder, denn in ihrer Kunst befasst sich Maria intensiv inhaltlich mit dieser Themenwelt. 

Kindheit gerät allerdings auch allgemein gesehen Anfang des 20. Jahrhunderts ins wissenschaftliche Blickfeld wie zahlreiche Publikationen, etwa "Das Jahrhundert des Kindes" der Pädagogin und Frauenrechtlerin Ellen Key oder Sigmund Freuds Schriften zur Entwicklungspsychologie, bezeugen.

"Kinderspielzeug mit Vogelkäfig"
(1911/12)
Nach Ansicht der Mitglieder der Künstlergruppe des "Blauen Reiter" steht die Beschäftigung damit für Authentizität & Ursprünglichkeit. Während der Titel von Marias Gemälde "Kinderspielzeug mit Vogelkäfig" die übliche Themenauffassung erwarten lässt, überrascht die Malerin durch Humor und eine Darstellungsweise mit ungewöhnlichen Perspektiven und intensiver Farbigkeit und schafft so eine viel tiefgründigere Malerei, immer auf der Suche nach dem "Wesenhaften". Daraus entwickelt sich ein ganz eigenständige Bildsprache, die sich wohl recht bewusst von den Strömungen der reinen Abstraktion fern hält.

Mit Macke unternimmt das Künstlerpaar dann im September 1912 eine Reise nach Paris, wo sie eifrig Mussen, Kunsthändler & Künstlerkollegen wie Robert Delaunay besuchen. An Gabriele Münter schreibt Maria: 
"Wir waren den ganzen Tag auf den Beinen und haben in den acht Tagen viel gesehen und genossen. Mir war der Kopf ganz wirbelig."
Auch die Hinterglasmalerei, wie sie Gabriele Münter zu dieser Zeit praktiziert, inspiriert Maria zu eigenen Arbeiten.

Else Lasker - Schüler
"Prinz Jussuf von Theben"
Zum Jahreswechsel 1912/13 reist das Paar nach Berlin, wo sie bereits ein Jahr zuvor mit den Malern der "Brücke" Bekanntschaft geschlossen haben. Nun lernen sie auch Else Lasker - Schüler kennen. Rasch entwickelt sich eine herzliche Freundschaft zwischen dem so bodenständig wirkenden Paar aus dem oberbayrischen Sindelsdorf und der exzentrischen, stets aufgewühlten, hochbegabten ehemaligen Ehefrau des "Sturm"- Galeristen Herwarth Walden.

Maria scheint schnell so etwas wie eine mütterliche Fürsorglichkeit für diesen "prachtvollen, edel begabten Menschen", eine echte Großstadtpflanze, zu entwickeln. Die Dichterin wird sie bei ihrer Rückkehr nach Bayern begleiten, um sich dort zu erholen. Ihr ausgefallenes Outfit macht Furore bei ihrem Besuch in Sindelsdorf und München. Einfach ist es nicht mit ihr, z.B. gerät die temperamentvolle Lasker - Schüler  doch während eines Ausstellungsbesuchs mit Gabriele Münter aneinander und Maria muss vermitteln. Ein reger, bunter Briefverkehr mit bemalten Postkarten bleibt. Aus den Marcs werden Halbbruder Ruben und Schwester Marei des Prinzen Jussuf von Theben ( E. Lasker - Schüler ). An Elisabeth Macke steht in einem von Marias "Klatschbriefen":
"Die Lasker-Schüler (... ) ist eine merkwürdige Persönlichkeit – wir hatten sie gleich sehr gerne. Wenn man sie kennt, versteht man ihre Dichtungen leicht. Sie passt nicht zu den Menschen, unter denen sie lebte und lebt, auch sie ist verdorben."
Auf Else Lasker - Schüler geht auch die Wortfindung der "Blauen Reiterreiterin" für die Künstlerinnen des Blauen Reiter zurück, die die Bedeutsamkeit der Frauen in dieser künstlerischen Gruppierung eigentlich hervorhebt, die aber so lange unterm Teppich bleiben wird.

Apropos verdorben: Auch dazu äußert sich Maria 1931 in Bezug auf das städtische Leben in Berlin:
"Wir wurden im Laufe der Zeit immer mehr deprimiert, wir glaubten bei den meisten Menschen das Verderben der Großstadt zu sehen, fast alle schienen verdorben zu sein. Zwischen allen stehen Eifersucht, Neid und Lüge; es traut keiner dem anderen – die Luft ist unrein." ( Quelle hier ).
Nach einem schweren Zusammenbruch nach Weihnachten muss sich Marias Vater Philipp Franck in ein Meraner Sanatorium begeben. Im März 1913 besucht ihn seine Tochter Maria dort mit seinem Schwiegersohn. Den Aufenthalt nutzt das Künstlerpaar zu ausgedehnten Touren in die Südtiroler Bergwelt, durch Meran und den Vinschgau. Am 12. Mai 1913 kann Maria dann an Freundin Elisabeth schreiben:
"Sindelsdorf steht jetzt unter besonderen Zeichen: Wir drei Freundespaare hängen gleichzeitig im Kasten - zum Aufgebot. Campendonk, Ada Deichmann, Niestlé, Legros in Sindelsdorf und Franz und ich in München. Wir haben jetzt Dispens bekommen und legitimieren unsere Ehe noch deutsch. Das soll nun natürlich möglichst keiner merken und wissen (... ) Aber du kannst dir die Witze denken über diese Ehegleichzeitigkeit."
Am 13. Juni 1913 erfolgt die offizielle Eheschließung in München. Im August gibt es einen dreiwöchigen Urlaub auf dem Gut von Marias Bruder in Ostpreußen, im September Berlin, wo sie in einer Ausstellung bei Herwarth Walten vertreten sind. Die schwere Erkrankung des Vaters lässt bei Maria wieder eine depressive Verstimmung aufkommen und sie hat zu nichts richtig Lust. Ihr Ehemann hingegen malt eifrig an seinen größtenteils abstrakten Bildern. Im Dezember ruft sie die Mutter nach Berlin, der Vater stirbt und Marias altes Zuhause muss aufgegeben werden. Der folgende Winter ist schneereich und lang. Doch das väterliche Erbe lässt zu, die Erfüllung eines Traumes zu avisieren: ein großes Atelier zu bauen! 

Rechts das Haus der Marcs in Ried nach dem 1. Weltkrieg
Auf der Suche nach einer solchen Möglichkeit machen sie sich in Richtung Kochel auf. Da hat Marc den Impuls, zwei Haltestellen vorher aus dem Bus auszusteigen. In Ried entdecken sie eine Villa am Waldrand, die zu verkaufen ist, aber ihre Möglichkeiten bei weitem übersteigt. Doch sie haben Glück: Die kranken Bewohner sind bereit zu tauschen gegen Marcs Elternhaus in Pasing. "Es sollte ein neues Leben beginnen mit dem Frühjahr." Am 27. April ziehen sie aus Sindelsdorf. Sie begleiten den Umzugswagen zu Fuß, gehen den ganzen Weg von eineinhalb Stunden neben den Rehen Marcs her, die beruhigt werden müssen. Maria findet es sehr romantisch & originell. Dennoch beschleicht sie ein banges Gefühl. 

Ihren Mann behelligt sie damit nicht. Zu euphorisch blickt er der gemeinsamen Zukunft entgegen, basierend auf seinen künstlerischen Erfolgen der vergangenen Jahre. In Ried will er eine neue Schaffensperiode einleiten. Und vielleicht werden auch endlich die lang ersehnten Kinder geboren werden? Marc hat ein Stück Wiesenland dazugekauft für seine Rehe. Er pflanzt eine Allee mit jungen Birken. Die Freunde kommen bald gerne zu Besuch. Die Schwiegermutter verbringt im Mai Zeit bei ihnen im neuen Domizil. 

Einen Tag vor Peter & Paul will Franz Marc auf die Staffelalm, auf der er schon seit Jugendtagen immer gerne gewesen ist. Gemeinsam mit Maria wandert er hinauf, sie verbringen dort oben mehrere Tage, reflektieren ihr Leben bis dato. "Vollbefriedigt" und mit Freude auf ihr neues Haus steigen sie hinunter. Bei ihrer Ankunft im Ort hören sie vom tödlichen Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Ehefrau Sophie. Mit einem Schlag ist es wieder da, das bange Gefühl der Maria Marc.

In den letzten Tagen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommt noch Wassily Kandinsky zu ihnen, aufgelöst und in bedrückter Stimmung. Alle scheinen zu ahnen, dass sie sich wohl nie wiedersehen würden. Auch Jawlensky macht die Aufwartung mit seinem kleinen Sohn.

Nachdem die Kriegserklärung veröffentlicht ist, fährt das Paar nach München, denn der Maler muss in die Kaserne einrücken. Schließlich wird er am 1. August an die französische Front eingezogen. Marias Leben ist nun - verständlicherweise - bis auf den brieflichen Dialog mit ihrem Mann eingefroren. Sie irritiert die in seiner Feldpost aufscheinende Kriegsbegeisterung über alle Maßen und sie widerspricht seiner Einstellung, was sogar ihre Beziehung gefährdet. Maria Marc dokumentiert damit mehr Weitsicht als ihr Mann. Ihre Schwiegermutter kommt zur Unterstützung nach Ried. Doch das scheint kein glückliches Unterfangen. Auch plagen Maria Geldsorgen. Ein großer Schlag ist die Nachricht vom Tod des Freundes August Mackes am 26. September 1914. 

Doch eine aufkommende Depression hindert Maria nach und nach am Schicksal anderer Anteil zu nehmen. So mag sie die Freundin mit ihren beiden kleinen Kindern nicht aus Bonn zu sich zu holen. Auch ans Malen ist nicht mehr zu denken, nur noch Stickarbeiten nach Motiven aus seinem "Skizzenbuch aus dem Felde" sind ihr möglich. Sie findet aber in dem jungen Musiker ( und überzeugten Pazifisten ) Heinrich Kaminski, der einst als Klavierlehrer in ihr Haus gekommen ist und nun in einem Zimmer in der Villa wohnt, eine neue geistige Bezugsperson. Und wieder hilft Maria die Musik, sie in ihrem Kummer zu trösten.

Links im Juli 1915, rechts 1917
Im Juli 1915 darf Marc zu einem ersten Fronturlaub zu ihr - eine "traurig schöne Zeit". Erst da beginnt bei dem 35jährigen ein Umdenken einzusetzen. Auch bei ihm stellen sich nun ernsthafte Zweifel am Sinn dieses Krieges ein. Nachdem er  wiederf ort ist, drohen Maria ihre Einsamkeit, häuslicher Ärger und der Hass auf den Krieg gänzlich zu überwältigen: "Nach den Jahren, in denen wir um unser Zusammenleben gekämpft hatten, war nun alles wieder vorbei. Unser Eheleben sollte doch so recht erst beginnen..." 

Mitte November - nun zum Leutnant befördert - kommt Marc noch einmal auf Fronturlaub nach Hause. Sie fährt anschließend dann doch noch zur Mutter nach Berlin - auch Bruder Wilhelm ist bereits Ende 1914 im Lazarett gestorben - und danach zu Elisabeth Macke nach Bonn. Der gelingt es tatsächlich, sie neu zu motivieren. An Gabriele Münter schreibt Maria über die gemeinsame Freundin: "... sie trug mit unbeschreiblicher Würde und Kraft ihre Trauer." Und an die gleiche Adressatin:
"Und meine Sehnsucht ist Kunst – wenn ich malen könnte, fände ich wohl die Harmonie zwischen außen und innen im Leben – aber ich glaube nicht an mein Talent – an eine eigene schöpferische Kraft. Vielleicht fühle ich sie doch mal in irgend einer Form – aber eben geht es nicht und um nicht ohne künstlerische Betätigung zu sein, mache ich manchmal eine Stickerei nach den Anregungen, die Franz mir in seine Skizzenbücher zeichnete. Aber – es befriedigt mich nicht ganz, mal hie und da eine reizvolle Stickerei zu machen; ich möchte mehr geben können. Doch erzwingen lässt sich nichts."
Am Vormittag des 4. März schreibt Franz Marc in seinem letzten Brief an Maria:
"... ja, dieses Jahr werde ich auch zurückkommen in meiner unversehrtes liebes Heim, zu dir und meiner Arbeit. Zwischen den grenzenlosen schauervollen Bildern der Zerstörung, zwischen denen ich jetzt lebe, hat dieser Heimkehrgedanke einen Glorienschein, der gar nicht lieblich genug zu beschreiben ist." ( Quelle hier
Auf einem Erkundungsritt vor Verdun am gleichen Nachmittag wird er von einem Granateinschlag an der Schläfe tödlich getroffen. Maria lebt zu diesem Zeitpunkt in der Nähe von Elisabeth Macke bei Bonn. Paul Klee kommt ihr bis Frankfurt entgegen, um sie auf dem Weg nach Ried bis München zu begleiten. Die letzte Strecke nach Hause weicht der Freund Jean Bloé Niestlé  nicht von ihrer Seite.

39 Jahre ist sie alt, noch einmal so viele Lebensjahre als Witwe liegen vor ihr. Ohne diesen Weltenbrand hätte Maria höchstwahrscheinlich ein größeres Werk geschaffen, als die 50 - 60 Werke, die heute bekannt sind. Doch sie will & kann nicht mehr malen. Nur wenig ist aus Marias Leben in den letzten beiden Kriegsjahren bekannt. Doch sieht sie wohl schon bald die große Aufgabe vor sich, seinen Nachlass zu betreuen - und das mit seltener Hilfe - und stellt sich ihr.

Bereits im September 1916 gibt es eine Gedächtnisausstellung für ihren Mann in München, die sie tatkräftig unterstützt, auch bei der Erstellung der Katalogtexte und der Beschaffung von Leihgaben bringt sie sich ein. 1917 löst sie das Vertragsverhältnis mit Marcs Galeristen Herwarth Walden und übernimmt alle erforderlichen Aufgaben selbst. Sie lässt seinen Leichnam in Frankreich exhumieren und in Kochel bestatten. Schon 1920 gibt sie Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen sowie das "Skizzenbuch aus dem Felde" heraus. Sie macht sich mit Unterstützung an ein Werkverzeichnis, das endlich 1936 durch den Kunsthistoriker Alois Schardt zusammen mit einer Monographie publiziert wird. So entwickelt sich Maria zu einer umsichtigen, klugen und strategisch denkenden Verwalterin und Verwerterin des Nachlasses von Franz Marc und wächst so über sich ( und ihren Hang zu depressiven Stimmungen ) hinaus.

Mit 46 Jahren geht sie zum Wintersemester 1922/23 den Weg nach Weimar, um sich am dortigen Bauhaus, gegründet 1919 durch Walter Gropius, für zwei Semester einzuschreiben. Dort trifft sie wieder auf Paul Klee und Wassily Kandinsky und schließt eine enge Freundschaft mit Julia Feininger, der Ehefrau des Künstlers Lyonel Feininger, ebenfalls ein Bauhausmeister. In der Klasse von Helene Börner studiert sie die Kunst des Webens und wird in der Fertigung von Gobelins ausgebildet.  Sie stellt anschließend kunstvolle Arbeiten nach Motiven ihres Mannes her.

Links: Monte Veritá, rechts ein Teppich von Maria Marc
© Rechtsnachfolge der Künstlerin
Ab 1929 lebt sie abwechselnd in Ried und Ascona, wo sich auch andere Mitglieder der Münchner Bohème auf dem Monte Verità eingerichtet haben und sie die alte Freundschaft mit Marianne von Werefkin auffrischen kann. 

Sie fängt an, mit Pflanzenfarben zu experimentieren, entwickelt sogar eigene Rezepturen zum Färben der Wolle - eine erneut kreative Zeit in ihrem Leben, in der sie sich auch aufgeschlossen gegenüber den Monte Verita-Ideen erweist. Es entstehen Teppiche, die - zwar inspiriert vom Blauen Reiter -  ganz eigenständig in der Bildkomposition sind. Die Künstlerin Maria Marc hat sich so wieder gefunden. 

Die Leben im Tessin hilft ihr, ihr Rheumaleiden im Zaum zu halten und Abstand zu nehmen von der ihr verhassten Naziherrschaft. Ab dem Sommer 1939 muss sie sich allerdings ganzjährig in Ried aufhalten, denn die Schweiz bleibt ihr ab Kriegsausbruch verschlossen. Auf dem Grundstück lässt sie sich eine Hütte bauen, um darin ihren Webstuhl unterzubringen.

Wann immer sie in Berlin ist, trifft  sie dort Elisabeth Macke, die bis 1943 in der Stadt lebt und nach der Zerstörung ihres Zuhauses im Krieg bei ihr vorübergehend Unterschlupf findet. Auch mit der Witwe des Freundes Niestlé bleibt sie in Verbindung und unterstützt diese mit ihren beiden Töchtern finanziell. Aus ihrer Nazigegnerschaft macht sie weiterhin keinen Hehl.

"Dieses Ried frisst mich auf und ist mir keine rechte Heimat mehr, durch die unangenehmen fremden Leute. Es ist traurig, aber schwer zu ändern“, wendet sich Maria am 16. August 1949 an Gabriele Münter. Den Kontakt zu dieser hat sie ebenfalls nie abreißen lassen. In den 1950er Jahren bringen die Sommeraufenthalte der Kindeskinder ihrer verstorbenen Nichte, darunter der 1942 geborene Erwin Wimmers, in Ried ein wenig Abwechslung in das Leben der "Tante Mieze".

Ganz in ihr Haus und auf Dauer kehrt Maria Marc, wie schon erwähnt, erst nach dem zweiten Weltkrieg zurück. Nach dem Ende der Naziherrschaft sieht sie es als ihre Aufgabe an, Kunstinteressierte für die Werke des als "Entartete Kunst" verfemten Expressionismus neu zu begeistern. Sie übernimmt noch einmal eine ganz neue Rolle und wird zur kulturellen Vermittlerin. Franz Marcs Rehe und Pferde überschwemmen tatsächlich alsbald als Drucke die junge Bundesrepublik und kommen mir als Kind erstmals im Lesebuch unter.

Rechts mit Otto & Etta Stangl
(1950)
1952 werden in der Münchner Galerie von Otto & Etta Stangl neben 35 Blättern von Franz Marc auch elf Bildteppiche von Maria präsentiert. Auch die Stangls spielen eine wichtige Rolle bei der Rehabilitierung der sogenannten "Entarteten Kunst" in der Nachkriegszeit. Otto Stangl wird bereits 1948 Verwalter des schriftlichen Nachlasses Marcs ( und auch 1973 im Auftrag der Erben Marias einen Großteil des Nachlasses an das Deutsche Kunstarchiv in Nürnberg verkaufen ).

In Ried verbringt sie ihre letzten Lebensjahre. Am 25. Januar 1955 stirbt Maria Marc nach längerer Krankheit im Alter von 78 Jahren in Kochel am See. Sie wird im Grab ihres Mannes in Kochel beigesetzt.

Eine Ausstellung zum textilen und malerischen Werk Marias kommt erstmals 1995 im Lenbachhaus in München zustande. Sie bleibt also lange in der Kunstgeschichtsschreibung nur als Partnerin von Franz Marc existent. Dabei hat sie als Malerin eine eigenständige künstlerische Position innerhalb des Blauen Reiter eingenommen und als Textilkünstlerin einen ebensolchen eigenen Weg verfolgt. Das Franz Marc Museum in Kochel am See wird ab dem 21. Juni 2026 in einer Ausstellung Maria Franck-Marc als eigenständige Akteurin der Moderne würdigen und damit etablierte kunsthistorische Narrative kritisch hinterfragen. Das Museum Wiesbaden wird im Oktober folgen mit seiner Ausstellung "Die Blauen Reiterinnen" und dabei auch der Arbeit von Maria Franck - Marc einen Platz einräumen ( die Ausstellung wandert anschließend im März 2027 in das Paula Modersohn - Becker Museum in Bremen ).

Was mich über all die wunderbare Kunst hinaus an dieser Frau so beschäftigt hat, ist die Tatsache, dass sie trotz so bürgerlich-konventioneller Wurzeln ein so unkonventionelles Leben geführt hat, sicher nicht immer aus freien Stücken und ohne psychische Auswirkungen, aber letztendlich mit & aus ganzem Herzen. Es wird sich lohnen, sich tiefer auf ihr Werk einzulassen. Danke, Museum Ludwig!

                                                                                  


Und weiter geht's mit Porträts von Frauen, die in dieser Woche einen Gedenktag haben:

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