Donnerstag, 7. Juni 2018

Great Women # 143: Barbara


Zu meiner Liebe zu Frankreich habe ich mich hier schon oft bekannt. Dass ich mit der Sprache des Landes hingegen auf Kriegsfuß stehe, ist auch schon manches Mal angeklungen - meine schulischen Erfahrungen in diesem Fach gehören zu den düstersten Kapiteln in meiner Erinnerung. Gründe dafür gibt es einige, darunter auch meine Lehrerin. Was ich ihr aber verdanke, ist die Bekanntschaft mit der französischen Kultur der Nachkriegszeit. Eines Tages brachte sie zum Beispiel eine Schallplatte mit diesem Chanson mit: 
 

"Bien sûr, ce n'est pas la Seine,
Ce nʼest pas le bois de Vincennes,
Mais cʼest bien joli tout de même,
A Göttingen, à Göttingen.

Pas de quais et pas de rengaines
Qui se lamentent et qui se traînent,
Mais l'amour y fleurit quand même,
A Göttingen, à Göttingen."

Die, die das gesungen hat und sich damit, wie es der ehemalige Bundeskanzler Schröder bei der 40-Jahr-Feier zum Elysée-Vertrag formuliert hat, "... direkt in unsere Herzen hineingesungen hat, das war für mich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Deutschen und Franzosen", ist am 9. Juni 1930 als Monique Andrée Serf in 17. Arrondissement der Stadt Paris, im Quartier Batignolles, zur Welt gekommen und unter dem Künstlernamen Barbara bei uns bekannt geworden.

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Ihre Mutter Esther Brodsky stammt aus Odessa, ihr Vater Jacques Serf, ein Handelsvertreter, aus dem Elsaß. Beide sind jüdischen Glaubens und haben drei Jahre vor Barbaras Geburt geheiratet. Barbara hat einen älteren Bruder und wird 1938 noch eine Schwester und 1942 einen weiteren Bruder bekommen. 

Schon als kleines Mädchen, so wird sie es später aufschreiben, hat sie sich in die Rolle der Sängerin am Klavier geträumt. Aber erst einmal beginnt ein Vagabundenleben - bis zu ihrem 17. Lebensjahr wird sie an dreizehn verschiedenen Orten gelebt haben!

Fangen wir an mit Marseille, wo sie mit sieben Jahren hinkommt:
"Die schönsten Erinnerungen an meine über verschiedenste Institutionen verstreute Schulzeit habe ich an Marseille; sie duften am wohlsten", wird sie in ihren Memoiren später schreiben.
Dann folgt Roanne (Loire), wo die Schwester Regine zur Welt kommt- ein Leben in ziemlicher Armut: "Seitdem hasse ich das Wort "Geld", die Schummelei, die Lüge. Ich habe das krankhafte Bedürfnis nach Wahrheit, nach meiner Wahrheit... ! Quelle hier ) Den Ort verlassen sie als Mietnomaden in Richtung Le Vésinet ( Département Yvelines ). Dort erleben sie den Kriegsausbruch und die Einberufung des Vaters. Erstmals trennt sich die Familie: Mutter und Baby bleiben zusammen, Barbara und ihr Bruder werden von Tante Jeanne bei einer Arztfamilie in Poitiers untergebracht. Die nächste Station ist Blois, wo die Mutter in der Präfektur arbeitet.

Es folgt die zweite Trennung: Aus Blois werden sie eines Tages in einem Zug mit lauter Kindern weggebracht, weil der letzte Fluchtweg aus der Stadt, ein Brücke, gesprengt werden soll. Doch dieser Zug bleibt nach einiger Zeit in der Ebene von Châtillon-sur-Indre stehen, die Lokomotive entfernt sich, und die Kinder in den Waggons bleiben siebzehn Tage sich selbst überlasen, mitten im Kriegsgeschehen, bis sie in einer leer stehenden Schule bei Châteauroux untergebracht werden.

Marschall Pétain, Chef der Vichy - Regierung
auf Besuch in Tarbes 1941
© Gamma-Rapho
Als die Deutschen Frankreich 1940 besetzen, beginnen die Nazis ziemlich bald mit ihrer Jagd auf Juden. Zu ihrem Jüdischsein in jenen Tagen wird Barbara später einem Freund sagen: "Ich dachte, jüdisch zu sein, bedeutet nicht, dass man einer Religion oder einem Volk angehört, sondern, um der Verfolgung zu entkommen, schweigen zu müssen, sich zu verstecken, auf der Flucht zu sein." ( Quelle hier )

Die Serfs sind ab da nun immer auf der Hut:

Den aus der Armee entlassenen Vater verschlägt es nach Tarbes ( Hautes-Pyrénées ) im von dem mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regime kontrollierten Teil des Landes, die Mutter mit der Kleinsten stößt dazu, und mit Hilfe der Tante können die Geschwister diese Spur aufnehmen und auch dorthin gelangen. Dort wird ein weiteres Kind der Serfs geboren.

Tarbes - das ist der Ort mit sehr widersprüchlichen Erinnerungen für Barbara: Die Familie wohnt in einem großen Haus mit eigenem Zimmer für sie selbst. Sie hat große Freude am Veranstalten szenischer Darstellungen für die Nachbarskinder. Andererseits kann sie sich nie der Zuneigung ihrer Erwachsenen sicher sein, leidet sie unter ihren schulischen "Minderleistungen" und dem "befremdlichen" Verhalten des Vaters:
"Eines Abends in Tarbes wird meine Welt zu einer Welt des Schreckens... Ich bin zehneinhalb Jahre alt. Die Kinder verstummen, weil wir uns weigern, ihnen zu glauben. Weil wir sie im Verdacht haben zu fabulieren. Weil sie sich schämen und sich schuldig fühlen. Weil sie Angst haben. Weil sie glauben, dass sie mit ihrem Geheimnis allein sind auf der Welt."
So schreibt Barbara gegen Ende ihres Lebens in ihren Erinnerungen "Es war einmal ein schwarzes Klavier" über die Ungeheuerlichkeit des Missbrauchs durch den Vater.

Saint-Marcellin mit dem Vercors im Hintergrund
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Nach erneuten Denunziationen muss die Familie Serf wieder fliehen, wird sie wieder auseinander gerissen: Barbara und die Schwester werden bei einem Bauern "eingekauft". Selbst der Regenbogen am Himmel versetzt das Mädchen inzwischen in Angst und Schrecken, wie sie eindrücklich in ihren Memoiren beschreibt, und hindert sie in ihren Träumen zu den Eltern zu gelangen, die auf einem anderen Hof auf sie warten.

Ab Sommer 1943 verstecken sie sich, nun wieder gemeinsam, in Saint-Marcellin (Département Isère) im Vercors, einer Hochburg der Résistance. Es ist die Zeit, in der Barbara sieben Mal an der rechten Hand operiert werden muss. Der Traum von der Klavierspielerin scheint ausgeträumt, und die Mutter vertröstet sie auf eine Karriere als Sängerin & sichert ihr sogar Unterstützung zu. In Saint- Marcellin macht Barbara Erfahrungen mit dem Umgang der Nazis mit Widerstandskämpfern, erlebt die Ankunft der amerikanischen Alliierten und die des nunmehr zweijährigen kleinen Bruders. Dann machen sich alle auf in die Pariser Wohnung der Großmutter im 18. Arrondissement. Eine eigene Wohnung wird es erst einmal nicht geben.

Auf ihre eigene Initiative, ohne Interesse & Unterstützung ihrer Eltern, nimmt Barbara jetzt zweimal pro Woche Gesangsunterricht bei einer Lehrerin, die sie zufällig gefunden hat. Es ist die erste Person, die ihr zuhört, die ihr zuschaut und sie anleitet, auch ohne Klavier Stimmübungen zu machen, und sie schließlich veranlasst, sich bei einem Professor des Pariser Konservatoriums vorzustellen. Einmal im Monat wird sie ihn anschließend mit ihrer Lehrerin zum weiteren Unterricht aufsuchen.

Wohnung der Familie Serf ab 1946
mit Gedenktafel für Barbara
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1946 bekommt die Familie eine eigene Wohnung im 20. Arrondissement und kann einen Sommerurlaub in der Bretagne machen. Dort ringt Barbara sich durch, zur Gendarmerie zu gehen, weil sie die Nachstellungen des Vaters nicht mehr ertragen kann. Sie ist jetzt sechzehn. Man schenkt ihr keinen Glauben, der Vater holt sie zurück und stellt sie als "Geschichtenerzählerin" bloß. Entgehen kann sie ihm anschließend nur, indem sie durchsetzt, die Mutter zur Beerdigung der geliebten Großmutter in Paris zu begleiten.

Dort geht sie weiterhin zum Gesangsunterricht. Der Vater mietet Barbara sogar ein Klavier, das sie übrigens nach Gehör spielt. Es zeichnet sich allerdings ab, dass sie keine klassische Sängerin werden kann und will, denn sie entdeckt ihre Liebe zum Chanson, das damals noch zum Alltag eines jeden Franzosen gehört hat, auf der Straße gesungen, geträllert, zu dem getanzt wird: "Schlagartig wurde mir also klar, dass ich mich durch den Unterricht am Konservatorium nicht auf meinem richtigen Weg befand."

Ihre Lehrer akzeptieren ihre Entscheidung. Nach einem Vorspiel im "Théâtre Mogador" wird sie 1948 als Choristin für die Operette "Violettes impériales" engagiert, hört dort aber nach einigen Monaten auf.

Da der Vater die Familie inzwischen mit unbekanntem Ziel verlassen hat und die Klaviermiete nicht mehr zahlt, wird es abgeholt. Postwendend verlässt auch Barbara, noch nicht einmal 18 Jahre alt und ohne einen Sou in der Tasche, die elterliche Wohnung, setzt sich in den Zug nach Brüssel, wo sie bei einem Cousin drei Monate unterkommt. Dann schlägt sie sich auf abenteuerliche Weise durch, schließlich zum Äußersten entschlossen. Zufällige Begegnungen helfen ihr aber immer wieder aus der Patsche, bis sie schließlich wieder nach Paris zurückkehrt, um dort fast ein Jahr die Gläser in einem Etablissement zu spülen, in dem Jacques Prévert auftritt und Edith Piaf, Eddie Constantine, Yves Montand u.a. als Gäste vorbeikommen.

Ein Freund aus ihren Brüsseler Tagen holt sie zurück, weil sie Gelegenheit zu kleinen Auftritten bekommen kann. Dabei lernt sie Claude John Luc Sluis, einen Jurastudenten, kennen, den sie am 31. Oktober 1953 heiratet ( und von dem sie 1955 wieder geschieden wird ). Sie tritt nun unter dem Namen Barbara Brodi auf, zu Ehren ihrer geliebten Großmutter Varvara Brodsky.

1959

In den nächsten Jahren wechselt sie mit Auftritten auf kleineren Bühnen zwischen Paris und Brüssel hin und her, bis sie letztendlich 1958 im "L'Écluse", wo sie bereits in den Jahren vorher kurze Engagements gehabt hat, als "Mitternachtssängerin" engagiert wird. Sie tritt immer als Erste auf und trägt Lieder von Jacques Brel und Edith Piaf vor.

Erst als sie ab 1960 eigene Songs singt, wird sie bekannter und avanciert peu à peu zum Star des Etablissements. Ein erster Fernsehauftritt, ein Plattenvertrag und eine erste Aufnahme eigener Chansons ( "La Chanteuse de minuit" ) folgen.


Im Dezember 1959 erfährt Barbara, die inzwischen wieder bei Mutter & Bruder lebt, dass ihr verschwundener Vater in Nantes gestorben ist. Sie fährt hin, organisiert das Notwendige, und ihre Empfindungen finden Eingang in einem Chanson mit dem Titel "Nantes":


Das Lied macht sie allerdings erst 1963 öffentlich. Es wird ein erster großer Erfolg und bringt ihr den Status einer populären Musikkünstlerin, denn sie erreicht ein ganz neues Publikum, und es bringt sie auf Titelseiten der Gazetten.

Im "L'Écluse", dem kleinen Lokal direkt am linken Seineufer, hat auch die Göttinger Studentin Sybille Penkert Ende der 1950er Jahre Barbara singen gehört und Kontakt zu ihr aufgenommen. Von ihr stammt die Idee eines Konzerts in Deutschland. Doch Barbara findet immer wieder Ausreden, denn ihre Erfahrungen mit den Deutschen sind nicht angetan, vor den "boches" auftreten zu wollen. Sybille Penkert kann den Göttinger Betreiber des Jungen Theaters, Hans-Gunther Klein, für die Sache gewinnen. Und der - offensichtlich ein beeindruckend charmanter Mann - kann Barbaras Sinn ändern. Aus Zuneigung zu ihm kommt sie: "Ich reise also im Juli 1964 nach Göttingen ab. Allein und schon verärgert darüber, dass ich diesen Auftritt in Deutschland zugesagt habe." Dort sinkt ihre Laune erneut: Der vertraglich zugesicherte Flügel fehlt im Theater!

Joachim Schütze, zu jener Zeit Romanistik - Student in Göttingen, der mit seiner Studentengruppe zeitgleich im Theater probt, erzählt die Geschichte, um die sich viele Legenden ranken, später so: Das Theater befindet sich in einer ehemaligen Druckerei mit benachbarter Eigentümervilla. Und dort steht noch ein Flügel, das wissen die Studenten. Kurzerhand leihen sie ihn bei der alten Dame aus, stellen ihn hochkant und transportieren ihn so bis auf die Bühne. Die Sängerin ist gerührt und tritt mit zwei Stunden Verspätung doch noch auf. Der Beifall, der sie erwartet, ist frenetisch.

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Dieser eindrucksvolle Abend führt zu ihrem Entschluss, einige Tage länger zu bleiben.

Sie verliebt sich in die Stadt, in der gerade die Rosen blühen, in die Menschen, fühlt sich im Haus der Brüder Grimm an  die Geschichten der Kindheit erinnert ( und offen muss bleiben, ob es da nicht auch eine kleine Liebelei gegeben hat ): "Am letzten Nachmittag meines Aufenthaltes habe ich im kleinen angrenzenden Garten beim Theater das Chanson 'Göttingen! skizziert. Am letzten Abend – ganz um mich zu entschuldigen – habe ich den Text gelesen und zu einer unvollendeten Musik gesungen." Und weiter:
"Ich verdanke also dieses Chanson der dickköpfigen Beharrlichkeit von Günther Klein, zehn Studenten, einer mitfühlenden alten Dame, den blonden Kindern von Göttingen, einem tiefen Wunsch nach Versöhnung, nicht aber nach Vergessen. Wie immer verdanke ich auch dieses Chanson dem Publikum, in diesem Fall dem wunderbaren Publikum des Jungen Theaters."
Es ändert sich viel in diesen Tagen für die Sängerin Barbara, nicht nur ihre Sicht auf Deutschland, auch ihre Karriere kommt in Fahrt:

Sie unterzeichnet einen Plattenvertrag bei Philips Records. Ihr erstes eigenes Album "Barbara chante Barbara" wird in Frankreich ein großer Erfolg & macht sie zum Star. Sie gewinnt den "Grand Prix du Disque" der Académie Charles-Cros. Bei der Preisverleihung zerlegt sie die Auszeichnung in mehrere Stücke und verteilt sie an jeden ihrer Techniker als Zeichen ihrer Dankbarkeit. Im Herbst kommt Barbara für mehrere ausverkaufte Aufführungen im Vorprogramm von Georges Brassens ins "Bobino".

Drei Jahre nach ihrem ersten Auftritt singt Barbara das Chanson auf Deutsch in der Übersetzung von Walter Brandin in der Göttinger Stadthalle, übertragen von Radio France:

"...Lasst jene Zeit nie wiederkehren,
wenn Blut und Hass die Welt zerstören.
Denn es gibt Menschen, die ich liebe
in Göttingen, in Göttingen.
Und sollten Kriegsrufe ertönen,
und die Kanonen wieder dröhnen,
so manche Träne mein Herz verlöre
für Göttingen, für Göttingen."

Bis heute ist das Chanson "Göttingen" im kollektiven Gedächtnis der Franzosen verankert und seit 2003 Teil des offiziellen Schulprogramms der Vor- und Grundschulen, das Lied kennt also dort jedes Kind. Der Zettel mit ihrem ersten Textentwurf befindet sich immerhin im Bonner "Haus der Geschichte"... 

Ein Duett mit Georges Moustaki  und das Album "Barbara singt Barbara" kommen im gleichen Jahr heraus:


Es ist das Jahr, in dem ihre Mutter im November stirbt. Schwarz ist für immer Barbaras Farbe, all ihre Bühnenkostüme, Kleider von Pierre Cardin oder Sonia Rykiel sind darunter, meist aus Samt, oft mit einer Federboa: Diventum verpflichtet! Selbst ihre Lieblingssüßigkeit, die sie maßlos genießt, ist schwarz: Lakritze der Marke "Haribo Zan".

Im Dezember gibt es ein gemeinsames Projekt mit Maurice Béjart, dem Tänzer & Choreografen. 1968 folgt ein weiteres  Album ( "Le Soleil Noir" ). Im Februar 1969 startet Barbara eine Konzertreihe im Pariser "Olympia", wo auch jeden Abend Georges Moustaki dazu kommt, um mit ihr "La dame brune" zu singen. Mit ihm verfasst sie auch für den Film "La fiancée du pirate" das Titellied "Moi, je me balance".

Mit ihrer wachsenden Popularität wächst aber auch ihre Scheu vor der Öffentlichkeit: Zur Überraschung aller kündigt die Sängerin dann beim letzten Auftritt am 17. Februar an, dass sie sich von der Konzertbühne zurückziehen wolle.

Genau ein Jahr später gibt sie ihr Debüt als Schauspielerin in "Madame", einem Stück mit Musik von Remo Forlani  - ein Misserfolg mit lauter schlechten Kritiken. Acht Titel aus dem Stück veröffentlicht sie dennoch auf ihrem zehnten Album. Doch sehr viel erfolgreicher wird ihr Nächstes: "L'aigle Noir". Vor allem der Titelsong schlägt ein ( in zwölf Stunden werden alleine  24.000 Exemplare verkauft! ). Es wird eines der meist interpretierten französischen Chansons: Historisch betrachtet, sieht man im schwarzen Adler das Emblem der Naziherrschaft, unter der das Kind Barbara zu leiden hatte. Eine psychoanalytische Deutung gewinnt die Oberhand, nachdem ihre Memoiren den Missbrauch durch den Vater offenbart haben.

Mit Jacques Brel (1970)
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Im Jahr 1971 spielt Barbara in Jacques Brels Film "Franz", zwei Jahre später in "L'Oiseau" unter der Regie von Jean-Claude Brialy. Zwei weitere Alben produziert sie außerdem und geht auf eine Welt-Tournee nach Moskau, Belgien, Schweiz, Israel, Kanada, Japan, Niederlande. Zurück in Frankreich tritt sie noch einmal im "L'Écluse" auf, bevor das Cabaret endgültig geschlossen wird. Fünf Jahre nachdem sie ihren Rücktritt von der Bühne verkündet hat, korrigiert sie nun ihre Aussage dahingehend, dass sie lediglich Abstand gebraucht habe, um die Lust am öffentlichen Auftritt wiederzugewinnen.

Im Sommer 1974 dann ein Suizidversuch mit Schlaftabletten. Ihre Erfahrungen fließen ein in das Chanson "Les insomnies". Barbara verschwindet ( bis auf ein paar Konzerte ) von der Bildfläche...


... um dann 1975 von Januar bis März in der Öffentlichkeit bei Konzerten im "Bobino" wieder aufzutauchen. Auch eine neue Tournee durch die Niederlande, Kanada, Japan kommt zustande und eine ( ihre letzte ) Filmrolle übernimmt sie auch noch in "Je suis né à Venise" des Choreografen Maurice Béjart.

Auch in den Folgejahren gibt es wieder regelmäßige Auftritte im "Olympia", weitere Tourneen, ein neues Album ( "Seule" ), eine der erfolgreichsten Veröffentlichungen im Frankreich des Jahres 1981. Kein Wunder, dass ihr im Jahr darauf der damalige Kulturminister Jack Lang den "Grand Prix national de la Chanson" für ihren Beitrag zur französischen Kultur überreicht.

1986 geht sie nach New York, um an der Metropolitan Opera in einer Lieder- und Tanzballettvorstellung von Mikhail Baryshnikov Klavier zu spielen.

Es ist die Zeit, in der sich auch eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem ( damals noch aufstrebenden ) Schauspieler Gérard Depardieu und seiner Frau Élisabeth entwickelt. Zusammen mit Luc Plamondon schreibt sie die Musik für das Bühnenstück "Lily Passion", in dem sie gemeinsam mit Depardieu auftreten wird. Das Stück handelt von einem Mörder, der jedes Mal, wenn er die Sängerin hört, jemanden töten muss.

"Ich verbrachte mehr Zeit mit Singen als Nächte in den Armen eines Mannes", sagt sie in diesem Stück und beschreibt damit wohl auch ihre eigene Realität...

Dann beginnt sie sich dem Kampf gegen Aids zu widmen, schreibt das Chanson "Si d'amour à mort" und tritt alle Rechte und Erlöse für dieses Stück an die  ACT UP ( "Aids Coalition To Unleash Power" ) ab. Am Welt-Aids-Tag 1988 verspricht sie gar, sich ein ganzes Jahr lang nur dem Thema zu widmen. So besucht sie Kranke im Hospital und singt in Gefängnissen: "Damals war es geradezu revolutionär, in den Gefängnissen über Aids und über Präservative zu sprechen", meint sie dazu.

Foto kurz vor ihrem Tod
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1988 wird sie auch zum "Chevalier de la Légion d’Honneur" ernannt und ihr die Ehren-Medaille der Stadt Göttingen verliehen sowie das Bundesverdienstkreuz für ihr Engagement für die deutsch-französische Verständigung.

In den 1990er Jahren behindern schließlich zunehmend gesundheitliche Probleme ihre Auftritte: Ende 1993 muss Barbara wegen einer Lungenentzündung pausieren, am 26. März 1994 gibt sie ihre letzte Vorstellung im "Théâtre Vinci" in Tours.

1995 zieht sie sich völlig zurück und beginnt mit dem Schreiben ihrer Memoiren in ihrem Haus auf dem Land, in Précy-sur-Marne. Dort findet sie in einem alten Bauernhof, bedeckt mit Glyzinien, Rosen und Pfingstrosen im Garten und für ihre Katzen eine Linde, ein Refugium, im Nachbargebäude im ersten Stock ihr "Empfangsraum" mit Büro mit ihrem Schaukelstuhl und den Reisekoffern, wo sie nur sehr wenige Vertraute empfängt. Vor der Härte der Welt rettet sie das nicht: Barbara lässt sich einen Extra-Telefonanschluss legen, über die sie ihre kranken Freunde und andere, die Hilfe benötigen, erreichen können. Es ist auch die Zeit, in der sie eine Beziehung zu ihrem Faxgerät entwickelt, wie sie es in einem Chanson auf ihrem letzten Album beschreibt.

Dieses letzte Album mit dem Titel "Barbara" erscheint 1996. Begleitet wird sie darauf von Jean-Louis Aubert und Gérard Depardieu. Die Rechte am Chanson "Le couloir" tritt sie wieder an ACT UP ab.

Am 12. November 1997 kommt als Doppel-CD "Femme Piano" mit technisch überarbeiteten Versionen ihrer Chansons heraus. An der Zusammenstellung hat sie selbst noch mitgewirkt. Zwölf Tage später, am 24. November, erliegt Barbara im amerikanische Krankenhaus von Neuilly mit 67 Jahren einem toxischen Schock.

250 000 Menschen kommen zu ihrer Beerdigung auf dem Cimetière de Bagneux im Südwesten von Paris. Sie singen mit, als ihr Chanson "Dis, quand reviendras-tu?" erklingt.

Zehn Jahre nach ihrem Tode erinnert ein Film "De Monique Serf à Barbara" an das Leben des Mädchens in Saint-Marcellin, der Hochburg der Résistance, in dem Klassenkameraden & Zeitzeugen zu Wort kommen.

20 Jahre später widmet der französische Regisseur Mathieu Amalric der inzwischen zum Mythos gewordenen Sängerin einen Film, in dem seine Exfrau Jeanne Balibar eine Schauspielerin verkörpert, die sich auf die Rolle als Barbara vorbereitet:


Auch zwei weitere Würdigungen musikalischer Art erfolgen zu ihrem 20. Todestag: Einmal ein Album ihres Freundes Gerard Depardieu ( "Depardieu Chante Barbara" )  und dann eine Hommage des klassischen Pianisten Alexandre Tharaud, der mit vielen französischen Künstlern ihre Chansons neu interpretiert ( "Barbara" ). In der Pariser "Cité de la Musique" findet eine Ausstellung mit den Originalrequisiten und Barbaras Instrumenten statt. Und ihre unvollendeten Memoiren werden endlich auf deutsch unter dem Titel "Barbara - Es war einmal ein schwarzes Klavier ..." vom Göttinger Wallmann - Verlag herausgebracht. Die Übersetzerin Annette Casasus hat den Anstoß dazu gegeben. Überhaupt Göttingen: Dort erinnert eine Gedenktafel und eine Straße an die große "Adoptivtochter". Und seit 20 Jahren lässt die Stadt jedes Jahr am Todestag Blumen auf das Grab der Sängerin niederlegen.

Etwa hundert Lieder hat Barbara geschrieben und komponiert und damit quasi ein Schatzkästlein des französischen Chansons hinterlassen. Alle handeln auf die eine oder andere Weise von ihr selbst - oder auch nicht? Es gibt beide Interpretationen. Sie handeln von ihrem und gleichsam unserem Glück und Unglück. "Mit ihren Liedern tröstet sie uns, indem sie uns zum Weinen bringt", meint Clémentine Deroudille im Katalog zur Ausstellung in der Pariser Philharmonie.

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Dabei ist Barbara eine der ersten Sängerinnen ( oder neudeutsch "Songwriterinnen" ) gewesen, die ihren Lebensunterhalt mit dem Singen eigener Songs verdient hat. Sie hat darauf bestanden, dass ihre Liebeslieder sich essentiell von denen unterscheiden, die Männer verfasst haben. Sie gilt gleichsam als unerschrockene Erforscherin der menschlichen Psyche aus weiblicher Sicht. Will Whitely vergleicht sie in dieser Hinsicht denn auch mit der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson:

Nach seiner Ansicht kennzeichnet beider Werk die "Ironie und Ambiguität mit einer erstaunlich direkten Beschreibung von Emotionen und mentalen Zuständen. Einsamkeit, Depression und Tod finden sich in beiden Werken, aber keines kann als krankhaft betrachtet werden, da gegen diese dunklen Themen Themen der Kindheit, Natur und sinnliche Erfüllung in der Liebe platziert werden können. Nichtsdestoweniger ist für beide die Unmöglichkeit eines wahren Treffens der verliebten Seelen selbstverständlich." ( Quelle hier ) Beide erreichen mit ihren Versen eine Tiefe der Gefühle und eine Aufrichtigkeit, die die Möglichkeiten der Sprache übertreffen.
Es sind die universellen Themen von Leben, Liebe und Tod, denen Barbara ihren persönlichen Ausdruck verliehen hat, und die daher die enge Verbindung mit ihren Zuhörern möglich macht - eine künstlerische Kommunikation, "die sowohl Zeit als auch Raum übersteigt und uns mit einem ewig andauernden Moment verbindet." ( Will Whitely hier ) Wie wahr...



Kommentare:

  1. sehr ausgetüfftelt.. habe viel neues über barbara erfahren...! danke, wünsche dir einen schönen tag!

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  2. Du hast wieder einen sehr informativen Text über eine außergewöhnliche Frau geschrieben. Mir war der Name nicht so geläufig, aber die Chansons habe ich mir nun mal angehört. Leider kann ich keinen Text verstehen, aber die Melodien gehen tief. Vielen Dank und viele Grüße von Rela

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  3. Danke für die Vorstellung dieser wundervollen Sängerin.Obwohl ich kein Wort Französisch spreche, berühren mich die Lieder sehr.
    Herzlich Susanne

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  4. Der Text über Göttingen hat mich sehr angerührt. Barbara hat einfach DIESE Chansonstimme , die unter die Haut geht. Ihre Biografie kannte ich nicht und bin erstaunt, was ihr Leben so geprägt hat und doch ist sie immer wieder aufgestanden. Sehr bemerkenswert.
    Danke für Barbara
    Gruß zu dir
    heiDE

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  5. Wieder einmal merke ich, was es bedeutet, eine Sprache nie gelernt zu haben. Wie oft entgehen einem dann solche Persönlichkeiten und so eine wunderbare Musik.
    Danke für das Aufstoßen eines weiteren neuen Fensters. Ich werde den Ausblick (und die Lieder) genießen.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. natürlich haben wir während des studiums immerzu und immer wieder "à göttingen" gehört, gesungen, geliebt. letzteres tue ich immer noch, denn es erinnert mich an eine der schönsten zeiten in meinem leben.
    ich danke herzlich für dieses ungemein spannende portrait und werde mir alle lieder später noch anhören.
    liebe grüße
    mano

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  7. wieder so ein wechselvolles pralles Leben
    vielleicht braucht es das um so kreativ zu sein??
    Ich kannte sie allerdings nicht
    danke fürs Vorstellen

    liebe Grüße
    Rosi

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  8. Welch ein interessanter, bewegender und mitunter auch leidvoller Lebensweg einer großen Künstlerin - danke für deine Vorstellung.
    Lieben Gruß, Marita

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