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Samstag, 8. August 2026

Meine 31./32. Kalenderwochen 2026

 "Wenn man etwas wiederholt, 
auch wenn es eine Unwahrheit ist, 
ist das schon der erste Schritt einer guten Propaganda.
.....
Das Denken wird entpriorisiert. 
Es wird breit und dünn ausgestrichen 
und alles ist gleich wichtig.
.....
Eine Gesellschaft im Daueralarm 
diskutiert nicht. Sie verteidigt sich."
Pablo Hagemeyer, Psychiater &-therapeut

"Das Widerlegen von Schwachsinn erfordert
 eine Größenordnung mehr Energie als dessen Produktion."
"Brandolinis Gesetz" meint auch:
"Empfänger von Falschmeldungen mit Richtigstellungen 
zu erreichen, ist schwierig."

"Deine Meinung ist der Grund,
warum man Meinungsfreiheit manchmal bereut." 
Netzfund

Meine kleine Blog - Auszeit hatte diesmal auch viel mit meinem früheren Berufsleben zu tun, bin ich doch zu meiner Familie nach München gereist, um einmal meine jüngste Enkelin bei ihrem Abschied aus der Grundschule zu begleiten ( vor vier Jahren war ich auch bei ihrem ersten Schultag dabei ), zum anderen das Schulfest ihrer größeren Schwester zu besuchen.



Doch vor die Wiedersehensfreude hatte die Deutsche Bahn eine harte Probe gestellt, denn mein Zug kam zweieinhalb Stunden später als beabsichtigt am Ziel an, und man hat mich vorher durch Landschaften expediert, in denen ich zuvor noch nie gewesen bin und mir dann auch noch einen ungeplanten Zugwechsel beschert. Ein Erlebnis der besonderen Art! 

Ich habe unterwegs ein ganzes Buch auf dem Reader gelesen, immerhin. Zum Glück hatte ich auch genug Proviant dabei. Und die beantragte Gutschrift war dann auch schon bei meiner Heimkehr im Briefkasten.


Bei 37°C ging es zum Schulfest der Großen. Ich habe ihre zwei tolle Luftakrobatik- Auftritte gesehen, bei der Kunststücke an senkrecht herabhängenden Stoffbahnen, sogenannten Vertikaltüchern, gezeigt werden. Dabei kommen Kraft, Beweglichkeit und elegante Wickeltechniken zum Einsatz. Fotos davon wollte sie aber nicht im Netz haben - d'accord! Ihre Ma sollte auch nicht schwitzend am Grillstand des Elternbeirats gezeigt werden: ein vierstündiger Einsatz, alle Achtung bei diesen Temperaturen!



Am nächsten Tag war die Schule der Jüngeren mein Ziel.


Die wurde, wie schon gesagt, aus der Grundschule verabschiedet, indem sie durch ein Spalier aller Schüler*innen der 1. bis 3. Klassen laufen musste. Ihr Lehrer wurde üppig mit Aufmerksamkeiten bedacht, unter anderem auch von mir mit diesem Mäppchen.


An diesem Tag zeigte das Thermometer 38°C. Da verschnaufte Oma gerne mal im Schatten auf einem "Kann-Mitgenommen-Werden" - Sessel auf der Straße.



Am Abend der geliebte Biergartenbesuch mit allerlei Freunden & Bekannten. Aber immer wieder kleine Schauer mit Gewittereinschlag verschlugen uns dann ins Lokal. Mein Genuss: der Backhendl-Salat.



Am Samstag - mit 30°C deutlich kühler - wurden Zeugnisse wie all die anderen Schuljahrshinterlassenschaften verräumt. Der Opa steuerte auch einen kleinen Gruß bei, während die Koffer für die Reise am nächsten Tag gepackt wurden. Diesmal war mir die Bahn wohl gesonnen, und ich kam nur mit zwanzigminütiger Verspätung zu Hause an.



Am Morgen das Haus ausgelüftet ( die Tochter in M. hat das immer so toll hingekriegt, dass es schön kühl in der Wohnung blieb ). Dann musste ich nach dem Frühstück meine Post einsammeln und dafür quer durchs Veedel. Auf einer Schattenbank hab ich schon mal ausgepackt & geschnuppert. Gehört habe ich nur das Gurren der Tauben; die Mauersegler sind leider fort.

Höchstwert des Tages: 36°C, nachts Gewitter mit Regenschauern ( 2 Liter Niederschlag sagte die Wetterstation am Flughafen ). 

Mein erstes Webfundstück wieder mal von dieser Website:

Jetzt ist es auch amtlich: Der Juli 2026 war in Köln der trockenste Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. An der Messstation am Flughafen Köln/Bonn wurden im gesamten Monat nur 6,1 Liter Niederschlag pro Quadratmeter gemessen. Das war nicht mal halb so viel Regen wie beim bisherigen Tiefstwert aus dem Juli 1983 mit 13,9 Litern pro Quadratmeter.

Der Kanzler hat sich ja die Stärkung der Wirtschaft besonders auf die Fahnen seiner Regierung geschrieben: Nur noch 20 Zentimeter beträgt nun der Pegelstand des Rheins beim geliebten Kaub. Bei diesem historisch niedrigen Wasserstand wird dieses Nadelöhr für die meisten Frachtschiffe unpassierbar. Ein Monat Niedrigwasser an der Stelle im Rhein lässt die Industrieproduktion um rund ein Prozent schrumpfen. Das sagen diverse Wirtschaftsexperten wie die vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Und das ist ja nicht nur beim Rhein so, Elbe und Donau sind auch betroffen. Der neue Verkehrsminister will Frachttransporte über Land ausbauen und das Sonntagsfahrverbot für Lkw aushebeln ( Ländersache! ), um Lieferengpässe zu vermeiden. Wie soll das gehen, wenn hier im Rheintal eine Brücke nach der anderen marode wird?

Noch was ganz anderes: Wenn die Flüsse insgesamt weniger Wasser führen, nimmt die Konzentration von Schad- und Giftstoffen im verbleibenden Wasser zu. Was das für die Wasserversorgung mit Uferfiltrat wie hier bei mir in Köln linksrheinisch bedeutet, mag ich mir gar nicht ausmalen.



Wenn ich den Begriff "Hundstage" höre, dann habe ich immer so einen Tag im Sinn wie den letzten Dienstag: 33°C, Taupunkt bei 21°C, grauer Wolkendeckel. Mir ist dann so gut wie alles zu viel, zumindest fehlt die Unternehmenslust. Am Mittwoch fand ich es kaum besser, nachmittags nur windiger ( 32°C ). Den Bäumen sieht man den Hitzestress überall an, vom Rhein ganz zu schweigen.

Blasenesche



Weitere Webfundstücke, die ich in dieser Woche beschäftigt haben, sind einmal die vielen social-media-posts rund um die Geschehnisse an der spanischen Enklave Ceuta, die vor Falschmeldungen und Lügen strotzen. Mimikama hat sie analysiert und auf dieser Seite veröffentlicht. Zum anderen die unendlich vielen Hasskommentare auf diverse Instagram-Posts, die bis zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen gehen und ganz nebenbei noch dokumentieren, wie deren Verfasser*innen der immer so hochgehaltenen deutschen Sprache NICHT mächtig sind, nämlich so schreiben, dass Duden, Grammatik und Rechtschreibung gemeinsam einen Krankenschein einreichen müssten. Stramm Deutsch geht anders...

Nebeneinander am Eigelstein


Das ist schon schockierend, was da mit den Mitmenschen los ist. Ich habe in dieser Woche ganz real erlebt, wie einer am öffentlichen Aufzug auf eine Frau eingeschlagen hat, die ihn darauf hingewiesen hat, dass eine junge Mutter mit Kinderwagen schon lange vor ihm angestanden hat. Das kann ja nicht nur alleine auf die Hitze zurückzuführen sein, das liegt sicher auch an der aufgehetzten Stimmung, an dem Egoismus & Hass, was wohl inzwischen für normal unter zivilisierten Menschen gehalten wird.

Um mich nach solchen "Erlebnissen" wieder auf die Reihe zu kriegen, verfolge ich täglich ein Hilfsprojekt in England unter dem Titel "Helping Rick Live Safely In His Later Years" auf Instagram ( bei YouTube sind die langen Videos zu finden ) - noch so ein Webfundstück. Da räumen Freiwillige mit Handwerkern einem 78 Jahre alten Mann namens Rick, der mit seinem Alltag nicht mehr klar kam, das völlig, völlig runtergekommene, von Ratten, Tauben und dem Holzwurm verseuchte Haus auf und versuchen es zu sanieren, während er im Hotel untergebracht ist. Das ist so ein ganz anderes, ( wohltuendes ) Verständnis vom Miteinander, was mich hindert, vom Glauben an die Menschen abzufallen. Und das brauche ich manchmal. Irgendwie ist die gute Gemütsverfasstheit aus der Zeit in M. schon wieder verflogen...

                                                                                                


Verlinkt mit Andrea Karminrots Samstagsplausch, Nicoles "Niwibo sucht...", Annette/ Augensternwelt mit ihren Glücksmomenten, der Mosaic Monday von Heidrun, die "Sonntags Top Sieben" bei Anni 

Donnerstag, 6. August 2026

Great Women #465: Rut Brandt

Ja, wie das Leben so spielt: Auch der heutigen beeindruckenden Frau durfte ich als Jugendliche die Hand schütteln beim Sommerfest 1970 ihres Ehemannes, des damaligen Bundeskanzlers. Sie hat mich damals sehr beeindruckt mit ihrem unvoreingenommenen Zugehen auf Menschen, ihrer geradezu charismatischen Ausstrahlung: Rut Brandt. 
 "Ich habe nie nach Macht gestrebt. 
Die Kategorie war mir fremd, 
schon aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs." 
.....
"Man muss nicht laut sein, um standhaft zu sein. 
Es reicht, wenn man weiß, wer man ist 
und auf welcher Seite man steht."

Rut Brandt kommt am 10. Januar 1920 als Rut Hansen in Hamar in Norwegen zur Welt. Sie ist die dritte von vier Töchtern von Magnhild Othilie Olsdatter Sukkestad, 31 Jahre alt, und dem sechs Jahre älteren Andreas Hansen, der aus Telemark gekommen ist, um als Chauffeur und Kutscher auf Atlungstad, einem Gut mit Feldern, knapp zehn Kilometer südlich von Hamar zu arbeiten. Die Mutter wird Rut später als christlich & sozial eingestellt charakterisieren ( "Ich bin niemals arm gewesen. Ich habe vier Kinder, und ich habe immer etwas zu verschenken gehabt." Quelle hier )

Doch schon drei Jahre nach der Geburt des kleinen Mädchens stirbt der Vater an Tuberkulose, und die Mutter muss ihre Töchter Hjørdis (*1916), Martha "Tulla" (*1918), Rut und Olaug (*1922) im Alter von sieben bis einem Jahr alleine durchbringen. Deshalb zieht sie auf die andere Seite des Mjøsa - Sees, weil sie dort Arbeit in einer Molkerei findet, in der ihr Bruder Werkmeister ist. In Kapp finden sie ein Haus, und mit der Unterstützung durch die Gemeinde und dem Lohn können sie sogar eine Hausgehilfin beschäftigen. Daneben näht die Mutter Kleidung für andere, aber auch ihre Töchter:
"Wir lernten früh, dass es wichtig war, hübsch gekleidet zu sein. Arm war man, wenn man in zerlumpten Sachen herumlief und wenn man dreckig war." ( Quelle hier )

Einen Vater vermisst sie nicht, denn die Mutter gibt Sicherheit und Wärme; ganz anders in der Nachbarschaft, wo die Kinder Angst vor dem Vater haben, wenn er am Zahltag betrunken heimkehrt. Durch die Erzählungen der Mutter wird der eigene Vater allerdings auch zu einer Märchengestalt. Und, so die jüngste Schwester: "Mütter heiraten nicht." Die eigene Kindheit wird Rut später in ihrer Autobiografie "Freundesland" so beschreiben, wie wir es aus den Bullerbü-Büchern & -Filmen kennen, mit all den beeindruckenden skandinavischen Traditionen und Bräuchen. 

Hamar um die Jahrhundertwende
Ein Umbruch kommt für die Siebenjährige, als sie in das 7000-Einwohner große Hamar umziehen müssen, weil die Milchfabrik, in der die Mutter beschäftigt ist, dorthin verlagert wird. Das bedeutet auch einen Schulwechsel. Aber der wird von Rut durchaus wohlwollend erlebt, gewährt der Lehrer ihr und den Mitschüler*innen große Freiheiten. "Freiheit in der Verantwortung" lautet sein Erziehungsprinzip, er ist zugewandt und macht auch eine gute Elternarbeit. Nur später wird er, das ist für Rut eine große Enttäuschung, sich auf die Seite der deutschen Besatzer schlagen. 

Als sie zehn ist, erleidet Ruts Mutter eine erste Gehirnblutung. Sie kann zwar die Lähmung überwinden und teilweise auch wieder arbeiten. Aber über dem Mädchen Rut & ihren Schwestern lastet die Sorge, sie endgültig zu verlieren, wie eine dunkle Wolke. Sie ist eine begabte Schülerin, der ihr Lehrer mehr zutraut. Doch die Armut ihrer Familie zwingt sie, die Schule mit 15 Jahren zu verlassen. Sie arbeitet dann als Verkäuferin in einer Bäckerei, als Hausangestellte und beginnt schließlich eine Schneiderlehre. Außerdem engagiert sie sich politisch. Mit 16 Jahren tritt sie der sozialistischen Jugendorganisation bei, was ihren Lebensweg prägen wird. Die Gruppe wendet sich gegen den für Europa bedrohlichen Faschismus, als dieser von Norwegen noch weit entfernt ist.

Die deutsche Wehrmacht überfällt Norwegen am 9. April 1940 im Rahmen des "Unternehmen Weserübung", so der Deckname. Die Nazis wollen so ihre Eisenerz-Zufuhr aus Schweden sichern und der britischen Marine zuvorkommen. Die Norweger leisten erbitterten Widerstand, kapitulieren aber schließlich am 10. Juni 1940.

Rut ist da gerade zwanzig Jahre alt. Ihre Gruppe wird verboten, die Mitglieder hören allerdings regelmäßig die norwegischen Nachrichten der BBC. Mit ihrer Schwester Tulla produziert sie eine illegale Zeitung - "Radionytt – H7" - mit einer Auflage zwischen ein- bis dreitausend Exemplaren. Diese werden durch Eisenbahner im Land verbreitet. Rut ist also Teil des norwegischen Widerstands und muss 1942, nach kurzer Haft, mit ihrer Schwester ins schwedische Nachbarland fliehen. In Stockholm arbeitet sie für das norwegische Pressebüro und trifft ihren Freund Ole Olstadt Bergaust, einen Eisenbahner, ebenfalls im Widerstand, wieder, den sie dann im Herbst des Jahres heiratet. Auf ihrem Hochzeitsfest ist auch der 28jährige Herbert Frahm, Kampfname "Willy Brandt", anwesend, der aus Lübeck stammt, schon seit 1933 im Exil ist und 1940 in Stockholm die norwegische Staatsbürgerschaft bestätigt bekommen hat. Rut ist eine beeindruckend strahlende, dunkelblonde Schönheit voller natürlichem Stolz, ungekünsteltem Charme und einer fröhlichen Herzlichkeit von zweiundzwanzig Jahren.

1940er Jahre

Besser bekannt werden die Beiden miteinander allerdings erst ab Ende 1943, als sie mit dessen Ehefrau Carlota gemeinsam bei der norwegischen Legation in Stockholm arbeitet.

Gemeinsam ist ihnen, dass beide aus einer Arbeiterfamilie stammen, vaterlos aufgewachsen sind und sich im Widerstand gegen die deutschen Besatzer Norwegens befinden. Das schafft Nähe, die wiederum in Liebe mündet und unter großen Gewissensbissen so lange wie möglich geheimgehalten wird. Später führt das zu heftigen Konflikten, hat doch Brandt mit Carlota eine vierjährige Tochter, und Bergaust ist schwer tuberkulosekrank ( er wird Ende 1946 sterben ).

"Durch beruflich bedingte Trennungen, zu denen es in den ersten beiden Jahren nach Kriegsende häufig kommt, sind sich Willy und Rut lange Zeit unsicher, ob sie eine gemeinsame Zukunft haben können. Sie schreiben sich sehr viele Briefe, in denen er auch seine Zweifel an der Institution Ehe offenbart. Aber das Gefühl, zusammen zu gehören, ist stärker." ( Quelle hier )

Zum 27. Geburtstag schreibt ihr Willy Brandt: "Geliebte! Ich träume und muss an das erste Mal denken, als ich dich sah." Er befindet sich da mittlerweile in Berlin bei der Norwegischen Militärmission "in der härtesten Kältewelle im strengsten Nachkriegswinter, wo die Berliner unterhalb des Existenzminimums lebten". Nach Ostern kann Rut aus Oslo nachkommen - mit dreizehn Gepäckstücken im Abteil, im Rang eines Leutnants. In Berlin wird sie als seine Sekretärin arbeiten. "Ich kam nach Berlin, als die Stadt eine große Ruine war", berichtet Rut später. Aber sie schreibt auch, sie habe das Gefühl gehabt, heim zu kommen. Jedoch: "Not und Elend nahmen mir den Atem."

"Die beiden Jungen auf dem Kurfürstendamm werde ich nicht vergessen. Der Größere, mit erwachsenen Augen, zog den Kleineren hinter sich auf einem 'Volkswagen', einem Brett mit vier Rädern. Von seinen Beinen waren nur noch die Oberschenkel da."

Sie will helfen, aber ihre Uniform führt immer wieder zu Ablehnung. Dann bekommt sie Heimweh und wünscht sich, diese Uniform ablegen zu können. Sie gehört halt zu den privilegierten Besatzern, lebt in beschlagnahmten Häusern mit beschlagnahmten Betten, speist in alliierten Restaurants, geht in alliierte Kinos & Klubs, zahlt mit Militärgeld. Bald kann sie mit Brandt zusammen in Charlottenburg wohnen, auch wenn das nicht unbedingt gern gesehen wird. 

"Tyskertøser"
1945

Sie kommt in  der Militärmission Kontakt mit sog. Deutschenmädchen - "Tyskertøser" - Norwegerinnen, die in ihrer Heimat mit deutschen Soldaten liiert gewesen, nach Kriegsende verachtet und im Sommer 1945 nach rückwirkend geändertem Staatsbürgerschaftsgesetz staatenlos geworden sind. Mehrere Tausend dieser Frauen sind nach Deutschland abgeschoben worden, wo sie aber oft mit der Tatsache konfrontiert gewesen sind, dass ihr Liebster verheiratet oder nicht mehr interessiert ist. 

Rut fertigt eine Fotoreportage für die norwegische Zeitschrift "Aktuell" über die Situation der Frauen und ihrer Kinder in einem Lager. "Der Artikel wurde keine Sensation, erweckte aber Aufmerksamkeit." Die Reaktionen pendeln zwischen Hilfsbereitschaft einerseits und Hassattacken andererseits.

Mit dem Beginn des Jahres 1948 übernimmt Willy Brandt den Posten eines Vertrauensmannes des SPD-Vorstands in Berlin. Zu der Stellung gehört ein Auto mit Chauffeur und ein kleines möbliertes Haus mit einer Hausangestellten. Aus Norwegen werden sie mit Lebensmittelpaketen versorgt, die mit diplomatischen Sendungen nach Deutschland gelangen. "Wir waren privilegiert." Rut hört bei der Militärmission auf:

"Und so wurde ich - trotz der Warnungen von Freunden und norwegischen Beschwörungen und schwedischen Bekreuzigungen und dänischer Bitten - eine deutsche Hausfrau."

Am 4. September 1948 heiraten sie, nachdem er von seiner ersten Frau geschieden ist. Da ihr Mann bürgerlich noch Herbert Frahm heißt, trägt Rut bis 1949 den Namen Rut Frahm. Nur einige Wochen später, am 4. Oktober, wird der gemeinsame Sohn Peter geboren, bei Stromsperre in Berlin und einem werdenden Vater in Westdeutschland. Der Junge kommt nämlich während der Blockade zur Welt. Die Arztrechnung muss mit Zucker, Margarine, Mehl & Ziegenkäse bezahlt werden. 

Eine neue Angestellte, eine Vertriebene aus der Neumark, kommt ins Haus, die bis zum Ende der Berliner Zeit bei ihnen bleiben wird und Rut eine feste Stütze und den Kindern eine wohlwollende Zweitmutter sein wird. Im Mai 1949 wird die Blockade aufgehoben, Brandt wird als Berliner Abgeordneter der SPD in den ersten Deutschen Bundestag entsandt. Bereits bei diesem ersten Wahlkampf muss die junge Frau Erfahrungen mit Intrigen, Verleumdungen und persönlichen Angriffen & Verletzungen in anonymen Briefen machen - für sie die "dunkelsten Erinnerungen" an das Nachkriegsdeutschland:

"Ich war für deutsche Wahlkämpfe nicht dickhäutig genug." Und: "Eine gute Stütze war ich nicht. Ich begriff nicht, wie wichtig es für ihn war, Einfluß zu bekommen.[... ] Macht war für mich etwas Diktatorisches, aber, das wir von der Besatzungszeit kannten."

In diesen schmutzigen Wahlkämpfen spielt u.a. die Tatsache, dass sich Willy Brandt auf der Flucht vor den Deutschen als norwegischer Soldat getarnt hat, eine Rolle: Seine politischen Gegner wie die neu-alte Rechte werfen ihm vor, in norwegischer Uniform gegen deutsche Soldaten gekämpft, auf sie geschossen und Vaterlandsverrat geübt zu haben. All das ist frei erfunden. Zudem ist Brandt bereits 1938 die Staatsbürgerschaft von den Nazis entzogen worden, er ist also staatenlos gewesen. Was er hätte verraten können, gab es für ihn nicht mehr.

1949 ziehen die frisch gebackenen Eltern in ein bescheidenes Reihenhaus am Schlachtensee, wo sie bis 1964 leben werden. Im Juni 1951 ergänzt Lars "Lasse" die Familie. Die Familiensprache wird Deutsch, mit dessen Grammatik sich Rut jedoch schwer tut. Die Eheleute unterhalten sich untereinander allerdings auf Norwegisch. 

Als ihr Mann 1955 zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses gewählt wird, dem er ebenfalls seit 1950 angehört, muss sie immer mehr mit der Öffentlichkeit umgehen lernen. Dass ihr das nicht ganz leicht fällt, lässt sie sich nicht anmerken. Sie bewahrt sich in vielem eine unkonventionelle Haltung, trägt weder Hüte, wie damals in bürgerlichen Kreisen unumgänglich und in dieser Position sowieso, auch keinen Ehering. Und doch hält sie sich — aus Rücksicht auf ihre Position — politisch zurück. Mit ihrem Mann ergänzt sie sich perfekt: Rut ist warmherzig, aufgeschlossen, kommunikativ und offen, während Brandt kühl und distanziert erscheint. So wird sie später eine entscheidende Rolle bei seinem politischen Aufstieg einnehmen, und ihr wird im Nachhinein der Verdienst zugesprochen, dass für ihren Mann politische Gesprächspartner zu Freunden werden. 

Am 3. Oktober 1957 wird Ruts Ehemann dann als Nachfolger des verstorbenen Otto Suhr zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt. Von ihrem Reihenhaus ist es nicht weit in den Grunewald, wo der Regierende Bürgermeister und seine Familie in einer vom Senat gekauften Dienstvilla ab da wohnen sollen. "Sie war Berlins Antwort auf Jackie Kennedy: schön, charmant, elegant", schreibt der "Tagesspiegel" einmal. Sie selbst schreibt dazu:

"Ich gönnte ihm, daß er seine Ambitionen erfüllen konnte, aber ich hatte keinerlei Ambitionen ins Rampenlicht zu treten. Ich hatte Angst vor dem Unbekannten."

( ca. 1955 )
Inzwischen legendär, die Geschichte vom ersten Höflichkeitsbesuch der Frau des japanischen Generalkonsuls. Rut ist nett und gastfreundlich und unterhält sich mit ihrer Besucherin mindestens eine Stunde. Hinterher wird ihr gesagt, dass so ein Besuch nicht zwanzig Minuten überschreiten soll. 

Sie versucht, nur das Allernotwendigste an öffentlichen Auftritten zu absolvieren, lässt Zuhause alles ablaufen wie immer, macht den Führerschein, kauft sich einen VW. 

Doch es geht richtig los mit dem öffentlichen Interesse: Fotografen bleiben nicht vor der Schwelle, sie lassen sie in leeren Töpfen rühren, begleiten sie zum Markt. Das Paar lässt sich ablichten, mal mit, mal ohne Kinder. Es kommen Massen von Briefen, in denen sie Tipps gegen ihre heisere Stimme bekommt, auch, wie sie ihre Söhne erziehen soll. Es kommen Bettelbriefe und solche, die um anderweitige Unterstützung bitten, Päckchen mit gehäkelten Topflappen. Und es kommen internationale Gäste ins Haus und Reisen ins Ausland stehen an, u.a. 1959 zum 150. Geburtstag von Abraham Lincoln in Illinois. In New York hätte sie gerne mehr Ruhe, aber die Tour ins Innerste der Staaten findet sie dann wunderbar.

"Nur so konnte man in Berlin leben: mit einem unverrückbaren Blick in die Zukunft. Es lag mitten in der russischen Zone, ständig kleinen Krisen und Nadelstichen ausgesetzt, oft schwer zugänglich und immer von dem beeinflußt, was draußen in der Welt geschah. Aber daran dachten wir nicht jeden Tag."

Am 13. August 1961 ist so ein Ausnahme-Tag, an dem Rut früh morgens von Heinrich Albertz aus dem Schlaf gerissen wird ( ihr Mann ist in Westdeutschland während der Wahlkampf - Schlussphase ): die Sektorengrenze wird abgesperrt, in den Folgetagen werden an einigen Stellen Mauern errichtet, an anderen Zäune aufgestellt und Stacheldraht gezogen. 

"... brach Brandt seine Wahlkampftour ab, setzte sich mit dem US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy in Verbindung und zeigte öffentlich 'eine entschiedene Haltung', die dem Empfinden der Berliner Bevölkerung entsprach. Mit seinem Verhalten nach dem Mauerbau übernahm Brandt im August 1961 eine nationale und überparteiliche Rolle und gewann 'weiter an politischer Statur'.“( Quelle Wikipedia )
Seine Gegner wärmen allerdings wieder einmal die Legende vom Vaterlandsverräter auf. Zudem werden Liebesbriefe aus den 1950er Jahren in einem Buch abgedruckt, Racheakt einer einstigen Geliebten. Ein Spediteur kommt zu Rut an die Tür, um ihre Möbel abzuholen - ohne ihr Wissen. Ihre Schwangerschaft wird als "Public- Relations Akt" ( "Stimmenfang", "wie die Kennedys" ) abgetan.

1961
©dpa
Wie mag sich Rut gefühlt haben? Die Geburt von Mathias am 7. Oktober erlebt sie als Lichtblick: "Jetzt waren wir eine große Familie mit drei Kindern, zwei Hunden, einer Katze, Vögeln, Fischen und mehreren Schildkröten." Und sie ist froh, dass ihr Mann nach dem Wahlergebnis nicht aus Berlin weg muss.    

Doch fünf Jahre später ist es so weit: Brandt wird 1966 Außenminister in der großen Koalition. 

Die Familie - Sohn Peter weigert sich, da kurz vor dem Abitur - zieht 1966 nach Bonn in den Kiefernweg auf dem Venusberg. Keiner der Familie verlässt gerne sein Zuhause in der Taubertstraße ( ich habe allerdings die Schulfreundin beneidet, die dort auf dem Venusberg gewohnt hat ). 

"Zu meiner Verwunderung entdeckte ich bald, daß ich mich in Bonn wohlfühlte", schreibt sie in ihren Memoiren. Sie weiß es zu schätzen, dass sie mit ihrem Jüngsten ohne lästige Grenzkontrollen mit dem Auto nach Norwegen in ihr Ferienhaus in Vangsåsen in der Nähe von Hamar, das sie 1964 gekauft hat, fahren kann. Und die Familie des SPD-Politikers Klaus Schütz sind nun auch in Bonn ihre Nachbarn, Garten an Garten, und Lars hat in Sebastian Schütz einen Freund, während Mathias sich gut im Kindergarten einlebt. Auch die Lübkes erweisen sich als kinderfreundliche Nachbarn. Nur der Vater ist jetzt noch mehr auf Reisen.

Neben den repräsentativen und gesellschaftlichen Aufgaben übernimmt Rut auch immer wieder das emotionale Management ihres viel beschäftigten Mannes, der regelmäßig in depressive Phasen verfällt - wie sie meint, immer im Herbst. Nach außen werden lapidare Gesundheitsbulletins gegeben.

1967
1968 wird auch fordernd für sie als Mutter, weil der Sohn in Berlin sich in scharfer Opposition zum Sozialismus seines Vaters positioniert. Auch diesmal werden die politischen Gegensätze zur öffentlichen Angelegenheit gemacht und parteipolitisch gegen den Vater gemünzt. Da reicht es schon, dass Peter Rudi Dutschke für seine Schülerzeitung interviewt hat. Bei den Unruhen nach dem Attentat auf Dutschke wird Peter auch kurzzeitig inhaftiert und eine Anklageschrift verfasst, in der auch steht, dass es "... für den intelligenten Angeklagten" ratsam gewesen wäre, "wenn sich der väterliche Einfluss auf passende Weise geltend gemacht hätte." Rut erlebt auch danach wieder die Deutschen als "schreibendes Volk", von dem sie "nur bösartige Briefe" erhält.

Rut versucht beide zu stützen, ist aber der Meinung, dass der Sohn ihrer mehr bedürfe. Zuvor ist schon ein kleiner Sturm losgebrochen gewesen, weil Peter und Lars in der Verfilmung von Günter Grass' "Katz und Maus" mitgewirkt haben. Wieder kommen anonyme Briefe zahlreich ins Haus. Ihr konfliktscheuer Ehemann überlässt immer wieder ihr als Mutter, den Söhnen die Sachlage klar zu machen, so ganz in traditioneller Manier.  

Als der Bundestag am 21. Oktober 1969 Willy Brandt zum vierten Bundeskanzler in der Geschichte der Bundesrepublik wählt, ändert sich noch einmal Ruts Leben. 

"Jeder neuen Phase begegnete ich mit Unsicherheit und Unruhe", erzählt sie einmal, auch, dass sie sich vor den Spiegel gestellt und gesagt hat: "Ich bin ich, bin ich." Das stamme aus einem norwegischen Märchen: Ein kleines Mädchen ist nervös und ängstlich, und dann spricht es sich vor dem Spiegel Mut zu. "Natürlich hatte ich zuweilen Angst davor, so aufzutreten, wie man es von mir als Frau des Bürgermeisters, Außenministers oder Kanzlers erwartete. Das ist wahr. Ich glaube, dieser Erwartungsdruck lastet in solchen Situationen auf allen Frauen, vielleicht ja auch auf den Männern."

Nach außen hält sie sich wie gewohnt politisch zurück und scheut eher das Rampenlicht. Kritik an ihm äußert sie nur im privaten Zwiegespräch mit ihrem Mann, nie vor anderen. Ihr ist bewusst, dass er schwer damit umgehen kann. Aber in der damaligen Zeit verändert sich etwas entscheidendes in den Medien: Man will den Muff der Adenauer - Jahre hinter sich lassen und eine offenere Gesellschaft, ja ein ganz neues Weltbild, ermöglichen:

"Das 'Image' des Politikers Brandt wurde ebenso wie dessen politisches Anliegen über die Doppelseiten der Printmedien an die Leser herangetragen. Für die Illustrierten diente Emotionen als vermittelndes Element, um Politik assoziativ zugänglich zu machen. Die Fotografie diente hierfür als ideales Vehikel in einem Zeitschriftengenre, das vorwiegend seine Themen mit mehr Bildern als Text herausbrachte. Der oft betitelte 'Medienkanzler' wurde in der auflagenstarken Illustrierten Stern (Druckauflage 1970 1,9 Millionen, ohne Österreich) für die breite Bevölkerung in zahlreichen Berichten visuell verhandelt", so Miriam Zlobinski an dieser Stelle.

Und Rut Brandt wird dabei eine wesentliche Rolle zugewiesen. Die Dienstvilla auf dem Bonner Venusberg bietet immer wieder eine willkommene Kulisse für die Fotografen, private Einblicke lassen sich damals gut über die klassische Rolle der Ehefrau erzählen. Ihre vermeintlich ausgedrückten Gefühle auf den Fotos werden stellvertretend für die politische Situation ihres Mannes genutzt. Rut wird im Laufe der Zeit selbst zum Mittelpunkt der Berichterstattung und trägt damit ihr Scherflein zu seiner wie ihrer Popularität bei. Meine Erinnerungen an jenes legendäre Sommerfest tragen bis heute diese Stimmung mit sich.

Es sind bewegte Zeiten: 1971 erhält Brandt den Friedensnobelpreis, was für Rut als Norwegerin besonders berührend ist. Dann das Misstrauensvotum im Bundestag im April 1972 - an die bedrückende Stimmung an diesem Tag kann selbst ich mich noch gut erinnern und den Aufruhr in meinem Haus in Bonn.

Guillaume rechts unten
©dpa
Trotz also der Bilder, die ein glückliches Familienleben zeigen, durchläuft auch die private Beziehung Krisenphasen. Eine besonders schwere Belastungsprobe dürfte 1974 eingetreten sein, als herauskommt, dass Brandts enger Vertrauter Günter Guillaume ein kommunistischer Spion ist und verhaftet wird. Guillaume hat nicht nur NATO-Geheimnisse an die DDR weitergegeben, sondern Brandt auch persönlich sabotiert, indem er Beweise für Verfehlungen im Privatleben des Bundeskanzlers gesammelt hat.  

Es scheint so gewesen zu sein, dass er unausgesprochen erwartet, dass seine Frau ihm den Rücktritt ausreden würde, als er ihr am 6. Mai 1974 seine Überlegungen am Bettrand vorträgt. Sie aber antwortet nur: "Das finde ich richtig. Einer muss die Verantwortung auf sich nehmen." Später  wird er ihr sogar vorwerfen, mit ihrer Haltung für den Rücktritt verantwortlich gewesen zu sein. "Das war der Anfang vom Ende, aber es sollte noch mehrere Jahre dauern." 

Die Familie findet schnell ein neues Domizil auf dem Venusberg, und Rut und ihre Söhne genießen erst einmal den Abstand in ihrer norwegischen Hütte. Der jüngste Sohn ist noch keine dreizehn Jahre alt, und Rut versucht ihn, vor dem medialen Rummel zu bewahren.

Schwer belastet wird die Beziehung auch durch sein Geständnis, eine Liebesbeziehung zu ihrer Freundin Heli Ihlefeld gehabt zu haben. Die Sache sei nun aber beendet, erklärt Willy. Mehr mag er darüber nicht erzählen. "Ich war gewöhnt, nichts zu hören und auch nichts zu erfahren, wenn ich fragte", notiert Rut. "Er ging schnell darüber hinweg und sagte, dass alles unwichtig sei.

Sie akzeptiert also dieses Verhalten, doch der Prozess der gegenseitigen Entfremdung schreitet nur weiter fort. Brandt, der ja immer unter Melancholie gelitten hat, verfällt zunehmend in Depressionen und ist auf der Suche nach sich selbst. Er behält zwar den Vorsitz der Sozialdemokratischen Partei, doch sein Nachfolger, Bundeskanzler Helmut Schmidt, schwächt seine Position innerhalb der Partei weiter. Bis 1978 bleibt er noch SPD-Vorsitzender und Präsident der Sozialistischen Internationale, bis ihn ein Herzinfarkt ereilt. Seine Frau und die Söhne hält er in seiner Rehabilitationsphase auf Distanz.

Als ihr Mann ihr die Affäre mit seiner Mitarbeiterin Brigitte Seebacher gestanden habe, sei er verblüfft gewesen, "dass ich fast alles schon wusste", so Rut später. "Er wollte, dass wir gemeinsam weiter unter einem Dach wohnen bleiben, aber das konnte ich nicht. Ich wollte mich scheiden lassen." Dem "Stern" gegenüber erklärt sie, die bevorstehende Scheidung sei auf "nicht nur einen Grund, sondern auf eine Reihe von Dingen" zurückzuführen.

Im Februar 1979, Brandt kehrt nach seinem Herzinfarkt wieder ins politische Leben zurück, meldet die Deutsche Presse-Agentur: "Willy Brandt und seine Frau sind übereingekommen, die rechtlichen Schritte für die Auflösung ihrer Ehe einvernehmlich einzuleiten." Rut dazu:

"Ich verstand nicht, warum dies notwendig sei, aber ihm war es wichtig, und mir war es gleichgültig. Ich hatte eine Art Ruhe gefunden, und es kümmerte mich im Augenblick nicht, was die Leute und die Presse daraus machen würden. Das war für mich etwas Neues und eine gute Erkenntnis... Ich fühlte mich eingesperrt in der Stellung, der Position und der Rolle, die mir zugeteilt war..."

Rut ist jetzt 59 Jahre alt, 27 Jahre werden noch vor ihr liegen, in denen sie ihr Leben führen kann. Mit Mathias zieht sie in eine Wohnung in Bonn. Die Scheidung wird am 16. Dezember 1980 vollzogen. An diesem Tag trinken sie in der Wohnung ihres Sohnes Lars ein Glas Wein:

"Jeder von uns erzählte eine lustige Episode, als ob wir uns vorbereitet hätten. Wir lachten und waren freundlich. Aber wir erwähnten nicht die 33 Jahre, die wir zusammen gelebt hatten. Es waren die wichtigsten Jahre unseres Lebens, voll von Gutem und weniger Gutem."

Dann gehen sie auseinander. Doch dieser Tag ist nicht, wie es Rut sich erhofft hat, ein Tag, an dem eine Freundschaft beginnt, sondern es folgt ein schwer lastendes, unversöhnliches, nachtragendes, verletzendes Schweigen. Sie werden nie wieder miteinander sprechen und sehen sich nur noch im Fernsehen. Im gesellschaftlichen Leben der damaligen Bundeshauptstadt bleibt sie präsent, was als Zeichen der Wertschätzung für ihre Person ausgelegt werden darf.

Ab 1982 lebt Rut mit dem dänischen Journalisten & alten Freund Niels Herbert Nørlund, Bonner Korrespondent der Zeitung "Berlingske Tidende", in Kopenhagen, dann in Roisdorf bei Bonn zusammen. 1992 stirbt ihr ehemaliger Mann und es erregt mal wieder Aufsehen, dass sie nicht an seinem Begräbnis teilnimmt:

"Ich bin nicht Willy Brandts Witwe – und ich will es auch nicht sein. Selbst wenn ich eine Einladung erhielte, würde ich nicht zu dieser Beerdigung gehen."

1992 bringt sie  auch ihr vielbeachtetes Werk "Freundesland" heraus. Ihr Bild von Willy Brandt darin wirkt ehrlich und aufrichtig und nach wie vor geprägt von Liebe und Respekt, keinesfalls wie eine rachsüchtige Abrechnung einer verbitterten Ex-Frau. Ein Kritiker bezeichnet sie als "großherzige Biografin von Willy Brandt". Das Buch ist auch allemal eine Reise in die deutsche Geschichte. 

Ihre weiteren Memoiren "Wer an wen sein Herz verloren: Begegnungen und Erlebnisse" , erscheint 2001 in München und konzentriert sich auf 143 Seiten auf persönliche Beziehungen, Trennungen und Reflexionen über Brandts politischen Aufstieg und Fall, wie ihn seine Familie, darunter die Söhne Peter, Lars und Matthias, erlebt haben.

Wenige Wochen vor Niels Nørlunds Tod zieht Rut mit ihm in in eine Wohnung in einer Schöneberger Seniorenresidenz, wo er einen Tag vor seinem 80. Geburtstag im August 2004 seinem Krebsleiden erliegt. Sie selbst beginnt an Alzheimer zu erkranken. Zwei Jahre später, am Nachmittag des 28. Juli 2006, stirbt auch Rut Brandt im Alter von 86 Jahren in der Berliner Einrichtung. Die Familie wählt als Leitspruch für die Traueranzeige einen Satz des norwegischen Literaturnobelpreisträgers, Dichters, und Politikers Björnstjerne Björnson: "Es gibt Sonne genug, es gibt Acker genug. Hätten wir nur der Liebe genug."

Rut Brandt ist auf dem Waldfriedhof Berlin-Zehlendorf beigesetzt, wo sich auch Willy Brandts Grab befindet. Seit dem 12. Juli 2016 ist als Ehrengrab des Landes Berlin ausgewiesen. Was auch bewahrt bleibt bis heute: Ihre Popularität als eine der beeindruckendsten First Ladies Deutschlands, findet selbst die "New York Times" in ihrem Nachruf. Mir ist sie bis heute vor Augen, wie damals im Sommer 1970...

                                                        

Gerne erinnere ich an dieser Stelle wieder an andere Frauen, 
die ich im Blog vorgestellt habe, 
und die in dieser Woche einen Gedenktag haben:

Donnerstag, 23. Juli 2026

Great Women #464: Käte Strobel

Der Frau, der wir heute zu ihrem 119. Geburtstag gratulieren dürften, habe ich sogar einmal als Jugendliche die Hand geschüttelt, denn ich war als Schülerzeitungsredakteurin 1969 zu einer Pressekonferenz in ihrem Ministerium, dem der Gesundheit, geladen, als sie den ersten Sexualkunde - Atlas des Landes vorgestellt hat. Diese Ministerin war Käte Strobel und ich sehe sie heute noch vor mir mit Perlenkette und der damals üblichen toupierten Frisur wie die meiner Mutter...

 


"Politik ist eine viel zu ernste Sache, 
als dass man sie allein den Männern überlassen könnte."

Käte Strobel kommt also am 23. Juli 1907 als Katharina Elsa Müller, viertes von sechs Kindern - Karl (*1899), Richard (*1902) und Erna (*1905) sind schon vorher da gewesen, Hugo & Hanna werden noch folgen - der Anna Breit, 29 Jahre alt, und des gleichaltrigen Friedrich "Fritz" Müller im  Arbeiterstadtteil Gibitzenhof im südlichen Nürnberg zur Welt. Die Mutter kommt aus Weidenbach in Mittelfranken und hat vor ihrer Ehe als Köchin gearbeitet, ihr Mann stammt aus einer Schäferfamilie im 23 Kilometer von ihrem Heimatort entfernten Sammenheim. Noch ist er als selbständiger Schuhmacher tätig. 

Das Haus im Jahr 2014
1912 zieht die Familie in ein Häuschen im Buchenschlag 3 in einer genossenschaftlichen Gartenstadtsiedlung. Das ist schon erwähnenswert, denn damit bekommt das kleine Mädchen in die Wiege gelegt, solche Prinzipien wie die Liebe zur Natur, zur Gemeinschaft, zum solidarischen Einstehen füreinander, denn die Grundstücke sind Gemeineigentum der - zunächst von 155 wohnungssuchenden, mehrheitlich
der Sozialdemokratie nahestehenden Menschen 1908 gegründeten - Baugenossenschaft Gartenstadt Nürnberg. Die Häuser werden mit gegenseitiger Unterstützung gebaut, oft in Eigenleistung. Hinter den Häusern im damals verbreiteten Heimatstil gibt es Gärten, die der Selbstversorgung mit Gemüse dienen und der Kleintierhaltung, auch einen Spielplatz für die vielen Kinder. Selbst ein Konsumverein wird installiert, in dem die Müllers Mitglied werden, und der die Lebensmittel über die GEG zu günstigeren Preisen organisieren kann. Die Familie sieht sich auch in der Lage, unter diesen Umständen ein Pflegekind aufzunehmen.

Im September 1913 wird "Käddala", so wird sie gerufen, in Gibitzenhof im Herschelschulhaus  als Schülerin aufgenommen. Mit den anderen Kindern aus der Siedlung macht sie sich jeden Tag auf den halbstündigen Weg dorthin, im Sommer gern entlang eines alten Kanals. Sie ist eine gute Schülerin, die nach vier Jahren an die Simultanschule am Rangierbahnhof wechselt, auf der Kinder aller Konfessionen wie auch solche ohne Religion unterrichtet werden. Käte ist zwar getauft, die Eltern erziehen sie aber nicht religiös, und sie wird nach ihrer Konfirmation mit sechzehn Jahren den Austritt aus der evangelischen Kirche erklären. 

Sie ist eigentlich eine, die in Betragen immer eine "Eins" auf dem Zeugnis hat. Aber dennoch gibt es Situationen, in denen sie sich "Pfötschla" vom Lehrer einhandelt, nämlich beim Vorsagen zur Unterstützung ihrer Banknachbarin oder wenn der Federhalter Tintenflecken am Finger hinterlässt. Ihre größere Schwester Erna trifft es allerdings schlimmer, als die im Religionsunterricht auf eine Frage nach Jesus antwortet: "Jesus war der erste Sozialdemokrat." Und der Bruder Richard erhält eine öffentliche Bloßstellung wie eine schlechte Note, weil er in einem Aufsatz zum Berufswunsch "August Bebel" angeben hat.

Ja, die Müllers sind eine Familie, in der an den Abenden aus Büchern von Sozialisten vorgelesen wird, darunter August Bebels "Die Frau und der Sozialismus". Käte hört auch gerne von Rosa Luxemburg, weil die sich nicht mit der Ungerechtigkeit in der Welt abfinden mag. In der Familie wird gerne diskutiert und schon früh engagieren sich die ältesten Kinder politisch. Sie sind auch dabei, als es bei einem Besuch des Prinzregenten Luitpold von Bayern schulfrei gibt und die Gartenstädtler auf ihren Hunger aufmerksam machen statt zu jubeln. Käte wird aber später auch bekennen: "Da sind die Courths-Mahler-Heftchen, meine Schwester und ich haben sie leidenschaftlich gern gelesen. Wenn meine Mutter kam, haben wir sie immer vor ihr verstecken müssen! "( Quelle hier )

Erst 1916 wird der Vater zum Kriegsdienst eingezogen, weil er zunächst an der Armenkrankheit Lungentuberkulose gelitten hat. Und auch der Bruder Karl muss mit sechzehn Jahren in den Krieg. Glücklicherweise kehren beide wieder heil zurück. Der Vater arbeitet in einer fränkischen Schuhfabrik und wird einmal, da Vertrauensmann, gekündigt. Doch die Kollegen treten in den Streik für seine Wiedereinstellung. Später wird er Gewerkschaftssekretär im Zentralverband der Schuhmacher und engagiert sich in der 1917 gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), kehrt aber 1922 in die SPD zurück. Bis 1933 wird er dann Stadtrat in Nürnberg sein.

"In meiner Schulzeit hat mich immer belastet, daß wir Freischüler waren und die Bücher nicht selber kaufen konnten. Von daher stammt mein Engagement für Erziehungsfragen, für die kostenlose Bereitstellung sämtlicher Lehr- und Lernmittel und für die Simultanschule. Ich habe meinen Kopf durchgesetzt, daß ich wenigstens die Handelsschule besuchen konnte."

Das ist 1921 der Fall. Sie ist immer eine Kämpferin. Und da sie nicht Gärtnerin werden kann - der Vater meint, das habe keinen Sinn, wenn man nicht Eltern hat, die einem eine Gärtnerei verschaffen können - wählt sie diesen Weg. Wie ihre Schwester Erna ist sie ab 1920 in der Sozialistischen Proletarierjugend, der Jugendorganisation der USPD. "Bei uns herrschte eine gewisse Überheblichkeit gegenüber der Arbeiterjugend, die wir als 'Tanzjugend' bezeichneten. Für uns waren das Volkstänzer, während wir uns auf Bildung konzentrierten."

1925
"In meiner Jugend habe ich alles verschlungen, was es zu lesen gab. Geographische und naturkundliche Schriften haben mich ungemein interessiert. Die Anregungen bekam ich über die Sozialistische Proletarierjugend und auch über den '
Offenen Zeichensaal' in Nürnberg, wo Weiterbildung am Abend angeboten wurde. Der 'Offene Zeichensaal' war von der Stadt organisiert, erst später gab es daneben die Volkshochschule. Damals habe ich auch an der Volkshochschule ein Seminar über die Vereinigten Staaten von Europa besucht. Mich hat das schon immer bewegt."

Mit achtzehn tritt sie dann in die SPD ein, nimmt aber schon ab ihrem 14. Lebensjahr an Treffen der Kinderfreundebewegung (RAG) teil. Die Gruppe in der Gartenstadt nennt sich "Die Falken", diskutiert, singt, bastelt miteinander und gibt sich Gebote wie "Wir trinken keinen Alkohol, rauchen nicht und lesen keine schlechten Bücher." Die wird von Schwester Erna geleitet. Mit siebzehn bekommt Käte dann ihre eigene Gruppe.

Die Kinderfreunde sind in der Weimarer Republik Teil der "Sozialdemokratischen Familie" wie  Arbeiterwohlfahrt (AWO) und Frauenorganisation. Trotz der von der Sozialdemokratischen Partei gewährten Entscheidungsfreiheit in ihren eigenen Angelegenheiten ist die RAG eine unselbständige Parteigliederung gewesen. Bei der RAG lernt Käte auch deren Nürnberger Vorsitzenden Hans Strobel kennen, drei Jahre älter als sie, der als Schriftsetzer bei der SPD-geführten "Fränkischen Tagespost" arbeitet. Sie, die bis dahin noch nie aus Nürnberg herausgekommen ist, ist fasziniert von der Weltläufigkeit des jungen Mannes, der zwei Jahre als Geselle auf Wanderschaft gewesen ist.

Kinderrepublik Seekamp
(1927)
Sie selbst verdient nach ihrer Ausbildung als Bürokraft ihren Lebensunterhalt ab 1923 als Kaufmännische Angestellte beim bayerischen Landesverband für Obst- und Gemüseanbau - immerhin hat sie jetzt indirekt mit dem Gartenbau zu tun! 

Abends nach der Arbeit verfassen die beiden jungen Menschen im Büro der Parteileitung Positionspapiere, vervielfältigen sie auf Matrizen, führen gemeinsam Gruppenabende und am Wochenende Wanderungen mit  Kindern durch. 1925, mit achtzehn, wird Käte schon Landesvorsitzende der Kinderfreunde in Bayern, 1932-33 Mitglied im Reichsvorstand. 1925 macht sie es für die Kinder ihrer Gruppe möglich, zum großen Zeltlager in Seekamp am Westufer der Kieler Förde zu fahren und an der Kinderrepublik mit zweitausend anderen Kindern teilzunehmen, um dort Demokratie zu lernen!

1928 heiraten Käte und Hans Strobel, einundzwanzig- bzw. vierundzwanzigjährig.

"In unseren ersten Ehejahren hatten wir keine Zeit für eigene Kinder, weil wir uns um die Kinder anderer Leute gekümmert haben. Wir wollten auch noch keine Kinder. Das hing auch mit dem § 218 zusammen. Wir waren damals in einem Verein für Sexualhygiene. Das war eine Organisation, die Hilfe bei der Empfängnisverhütung und, wenn nötig, auch für einen Schwangerschaftsabbruch anbot."

Das sind also schon damals Fragestellungen, die Käte Strobel erst Jahrzehnte später wieder als Bundesministerin aufgreifen wird, denn 1933 wurde auch sexuelle Aufklärung zum Tabu. Mit der Macht­übernahme durch die NSDAP und dem Parteien­verbot für die SPD 1933 ändert sich für die poli­tisch aktiven Ehe­leute auch ihre Lebens­situation grund­legend. Julius Streicher, der selbsternannte Frankenführer, suspendierter Volksschullehrer aus der Scharrerstraße, gibt jetzt in der Stadt den Ton an. 41,7 Prozent der gültigen Stimmen hat die NSDAP bekommen, die SPD 33,2 Prozent ...

Während Käte Strobel in ihrer alten Firma ver­bleiben kann, verliert ihr Mann aufgrund seiner Tätig­keit für die sozial­demokratische Jugend­organisation "Kinder­freunde" seinen Arbeits­platz. Er wird als "roter Lump" bezeichnet, von SA- Männern zu Hause abgeholt, später ins braune Haus in der Marienstraße gebracht. Kätes Gesuch, ihm Lebensmittel bringen zu dürfen, wird "aus grundsätzlichen Erwägungen" abgelehnt.

"Mein Mann war zum Beispiel im Loch-Gefängnis unterm Rathaus. Das sind die alten Loch-Gefängnisse, wo die Gefangenen in Einzelhaft bis zum Bauch im Wasser standen. [... ]Mein Mann hat darüber nie gesprochen, auch über Dachau nicht."

Mit dem Verbot der SPD und ihrer Einrichtungen wird nicht nur ihr Mann, auch ihr Vater und zwei ihrer Brüder arbeitslos. Ihr Schwager Karl Maly, der Mann der Schwester Erna, wird als Stadtrat sofort nach Dachau deportiert. Sie selbst kann ihren Arbeitsplatz als Buchhalterin bis zur Geburt der ersten Tochter im Jahr 1938 behalten, weil sich ihr Chef, ein sehr engagierter Mann bei der Bayerischen Volkspartei, mutig vor sie stellt, auch als der Gerichtsprozess in München nach fünfzehn Monaten in Haft gegen ihren Mann beginnt. Hans Strobel ist aufgeflogen, weil er mit gemeinsamen Freund aus der Kinderfreunde-Bewegung eine Widerstandsgruppe gegründet hat:

"Nach 1933, als die meisten Männer einen Zeitschriftenverteiler organisiert hatten, war mein Mann der Kontaktmann zur Nachrichtenübermittlung über Fritz List in Berlin zur Partei in der Tschechoslowakei. Er hat mit Tinte, die man nachher nicht mehr lesen konnte, seine Berichte geschrieben, die Fritz List bei uns abgeholt wie auch im ganzen Reich gesammelt hat. In dieser Zeit konnte ich nie schlafen - aus purer Angst. Mein Mann sagte immer: 'Ich kann gut schlafen, ich habe ein ruhiges Gewissen.' Sein Gewissen war nur beruhigt, weil er etwas gegen die Nazis tat."

1934 wird er zu zweieinhalb Jahren Gefängnis wegen Hochverrats verurteilt und anschließend in das Konzentrationslager Dachau deportiert, aus dem er 1937 entlassen wird. Erst nach einem Jahr findet er wieder Arbeit als Schriftsetzer, kann sogar seinen Meister machen. 1938 bekommen Käte und Hans, wie schon erwähnt, ihr erstes Kind, die Tochter Traudel. Ilse wird 1941 folgen. 1943 wird Hans einem Strafbataillon im Zweiten Weltkrieg zugeteilt. Bei einem Bombenangriff auf Nürnberg wird die Wohnung Kätes zerstört und sie muss mit den Kindern Zuflucht auf einem Bauernhof im zwanzig Kilometer entfernten Götzenreuth nehmen, wo schon ihre Eltern untergekommen sind. 

1940er Jahre
Hans gerät  bei Kriegsende in jugoslawische Kriegsgefangenschaft. Da ist Käte schon wieder in einer kleinen Wohnung in Nürnberg untergekommen und engagiert sich wieder politisch, hilft beim Wiederaufbau der SPD in Nürnberg. Auch setzt sie sich ein, dass ihr Mann als Antifaschist frei kommt. "Hoffentlich hast Du jetzt trotz unserer zwei Kinder Zeit für die Politik!", schreibt er ihr aus der Kriegsgefangenschaft. "Frauen brauchen wir jetzt besonders notwendig." 1946 kann er, mit Malaria geschlagen, heimkehren. 

"Als mein Mann zurückkam, war ich bereits Kandidatin für den Bayerischen Landtag. Dann wurde ich für den Bundestag aufgestellt." 1947 findet der erste Parteitag der SPD in Nürnberg statt, Käte mittendrin. 1949 wird sie also in den Bundestag gewählt, dem sie bis 1972 angehören wird. 28 von 410 Abgeordneten sind damals Frauen, also knapp 7 Prozent.

"Steht nicht dauernd an der Klagemauer, sondern leistet praktische Arbeit auf Gebieten, in denen wir den Männern beweisen können, daß wir nicht nur Sozial- und Frauenpolitik machen", fordert sie ihre Parteigenossinnen auf, muss aber auch immer wieder hinnehmen, dass männliche Kandidaten bevorzugt werden: "Hier werden keine Weiber gewählt", bekommt sie zu hören. Das Parlament erreicht sie nur über einen sicheren Listenplatz. Erst 1957 wird sie als Direktkandidatin für Nürnberg akzeptiert. Da ist sie auch schon im Europaparlament, dessen Vizepräsidentin sie 1962-64 ist.

Hans Strobel hält Käte den Rücken frei. Er arbeitet in der Nürnberger Stadtverwaltung und kümmert sich um Haushalt und Kinder, während seine Frau zwischen Bonn und Nürnberg und später Straßburg pendelt. "Er war hundertprozentig für die Gleichberechtigung", wird sie in einem späteren Interview bekennen. Frauen wird es im Bundestag schwer gemacht ( vergleiche auch diesen Post ). Die in der Not des Krieges selbständiger gewordenen Frauen sollen ihren angestammten Platz in der Gesellschaftsordnung wieder einnehmen, so will es das Patriarchat, geradezu verkörpert im Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Von links nach rechts: Herta Gotthelf, Käte Strobel, Irma Keilhack, Marta Schanzenbach, Annemarie Renger

Käte Strobel macht sich schnell einen Namen als Expertin für Verbraucher- und Ernährungspolitik. Sie sucht das Gespräch über Parteigrenzen hinweg und bringt die wenigen Frauen im Parlament zusammen. Das ist auch in ihrer Partei nicht einfach:

"Im geschäftsführenden Vorstand war bis 1958 Herta Gotthelf für die Frauenarbeit und die 'Gleichheit! zuständig. Wir haben die Herta alle geliebt. Sie war ungemein aktiv, sie kam aus der Emigration. Aber es gab immer Meinungsverschiedenheiten mit Herta, weil sie dagegen war, daß wir in den überparteilichen Organisationen mitgearbeitet haben, also in der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie war für die Isolation - so haben wir es genannt."

1958 wird Käte auf dem Stuttgarter Parteitag der SPD in den Parteivorstand gewählt. Zusammen mit Irma Keilhack und Marta Schanzenbach repräsentiert sie eine neue Generation von Frauen in der Parteiführung. 1961 bereiten sie im Bundesfrauenausschuss die sog. "Frauenenquete" vor, die auf Antrag der SPD - Frauen eingerichtet werden soll. Der Bundestag wird diese Enquete "Frau und Gesellschaft" 1964 in Auftrag geben und sich am 25. Januar 1965 mit dem ersten Bericht kritisch auseinandersetzen. Später gehört Annemarie Renger dazu, die 1966 Vorsitzende des Bundesfrauenausschusses wird.

Käte sucht den Austausch auch im sog. Hofgartenkränzchen ( genannt nach der Lokalität in Bonn ), ein kleiner, offener Diskussionskreis, in den unterschiedliche Gesprächspartner eingeladen werden, um auch alternative Möglichkeiten zu diskutieren, darunter Sozialdemokraten aus dem Wirtschaftsrat.  Es ist typisch für sie, dass sie keine Entscheidung treffen kann, ohne vorher mit Menschen anderer Meinung gesprochen zu haben.

Vor dem Haus in der Minervastraße 30,
wo sie mit ihrer Familie wohnt
(1961)
© Archiv/Fried.-Ebert-Stiftung
Sie selbst ist über die Zusammenarbeit mit Herbert Kriedemann in der Landwirtschafts- und Verbraucherpolitik in diesen Kreis geraten. Als der ihr einmal in einer Diskussion um die Erhöhung des Butterpreises in der ersten Wahlperiode vorgeworfen hat: 
"Wenn man natürlich von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, kann man leicht für einen niedrigeren Butterpreis eintreten", hat ihm Käte gekontert: "Ich habe zwar nicht wie du sechs Semester Volkswirtschaft studiert, aber als Hausfrau gelernt, wie sich eure Gesetze aus dem Wirtschaftsrat auf uns ausgewirkt haben." 
Durchsetzen kann sie sich nicht, erhält aber später von einem der Befürworter die Rückmeldung: "Ich habe mit meiner Frau darüber gesprochen. Sie hat gesagt, Frau Strobel hat Recht!"

Kätes weiterer Aufstieg hängt nun eng mit dem Wandel der SPD  und der politischen Sphäre im Nachkriegsdeutschland zusammen. Seit dem Godesberger Programm 1959 ist die Partei mehrheitsfähig und bereit, den ewigen Kanzler Adenauer abzulösen. 

Dieser wird von seinen Parteikolleginnen immer offensiver gedrängt, endlich auch eine Frau als Ministerin zu nominieren. "Was sollen wir mit einer Frau im Kabinett? Dann können wir nicht mehr so offen reden", soll er entgegnet haben. Als bekannt wird, dass er auch 1961 keine Frau in einem solchem Amt vorgesehen hat, gibt es eine Sitzblockade durch Helene Weber, die "katholische Frauenrechtlerin", und Aenne Brauksiepe, Vorsitzende der Frauen-Union. Ein bestehendes Ressort will Adenauer nicht hergeben, Elisabeth Schwarzhaupt wird deshalb die allererste Gesundheitsministerin der Bundesrepublik Deutschland. 

In der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger ab dem 1. Dezember 1966 löst Käte sie dann ab. Eine Frau in der Mannschaft ist den Männern eigentlich immer noch eine zu viel. Käte hält Elinor Hubert, eine Ärztin und führend in der Gesundheitspolitik der SPD, für viel besser geeignet:

"Ich weiß nur, daß ich dachte, wenn also schon ein Ministeramt einer Frau angeboten wird, dann darfst du nicht nein sagen. Das war eigentlich die grundsätzliche Überlegung, so daß ich dann ja sagte."

Es ist ein Ministerium, das wenig Kompetenzen hat und von Juristen dominiert - auch Schwarzhaupt ist Juristin gewesen, ihr Staatssekretär ebenfalls, auch einige Abteilungsleiter.

"Im Ministerium herrschte eine massive Antistimmung. Es war ein ganz schwarzer Laden. Ein Mediziner, der eine Unterabteilung leitete, hatte in der Kantine öffentlich darüber gesprochen, daß ich nicht einmal wisse, wie man Fremdwörter ausspreche. Eine Volksschülerin werde den Ärzten vor die Nase gesetzt. In diese Richtung gingen die Angriffe. So etwas hat bei mir immer dazu geführt, daß ich mir sagte: 'Denen werde ich beweisen, was ich kann.'"

"Bambi" für "Helga"
(1969)
© DPA
Mit einer Grundgesetzänderung im Bundestag setzt sie zunächst mehr Zuständigkeiten für ihr Ministerium durch. Gegen die Kindersterblichkeit führt sie Pflichtuntersuchungen für Mütter und Säuglinge ein, sorgt dafür, dass Krankenhausgeburten eine Kassenleistung werden, gründet 1967 die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, kämpft für die Liberalisierung von Abtreibungen und ordnet die Antibabypille auf Rezept an. Da ist es also wieder, Kätes Thema aus der Weimarer Republik! 

Für Wirbel sorgt allerdings der Aufklärungsfilm "Helga - Vom Werden menschlichen Lebens", der erstmals eine Geburt auf der Kinoleinwand zeigt - ein Horror für konservative Berufspolitiker! Ob sie die eine Million Mark, die er in die Staatskasse gespült hat, verachtet haben?

Besonderes Aufsehen erregt auch die Publikation des eingangs erwähnten Sexualkunde-Atlasses, der für alle 13- bis 15-jährigen Schüler*innen als einheitliches Unterrichtsmittel zur Sexualerziehung dienen soll. 
"Der Atlas umfasste 48 Seiten, die in zwölf Kapitel unterteilt waren. Er enthielt Themen wie Geschlechtsorgane, Befruchtung und Schwangerschaft. Ethische, soziale oder emotionale Aspekte wurden nicht behandelt. Kritische Themen wie zum Beispiel Homosexualität sowie Masturbation wurden ausgespart." ( Wikipedia )
Auch die Diskussion  über das Aufklärungswerk polarisiert die Gesellschaft der damaligen Zeit. In meiner ( Nonnen- ) Schule ist er jedenfalls nicht zum Einsatz gekommen, und mir als Siebzehnjährige hat er auch viele meiner Fragen nicht beantwortet. Er ist einfach zu sehr konservativ - familienorientierten Werten verpflichtet gewesen, der jungen Generation ist es damals um viel mehr als Aufklärung gegangen. Hanna-Renate Laurien, damals Oberstudiendirektorin der Königin-Luise-Schule in Köln ( die sich 1967 eingesetzt hat, dass eine schwangere Schülerin entgegen damals geltenden Gesetzen zum Abitur zugelassen wurde! ), äußert sich: "Es soll noch Leute geben, die von keuschen und unkeuschen Küssen sprechen und diese auch genau unterscheiden können." Genau das war das Thema im Lehrerzimmer meiner Schule, was Begegnungen mit Schülern der Jungengymnasien auf gemeinsamen Festen anbelangt hat.

Immerhin landet das Buch auf der Spiegel- Bestsellerliste und ist im Buchhandel schnell ausverkauft und die Popularität der Ministerin steigt ( 1971 ist sie laut INFAS die bekannteste Politikerin Deutschlands ). Ihrem Mann wird beim Einkauf von einer Mutter mit Kind allerdings auch zugeraunt: "Wissen sie eigentlich, dass ihre Frau in die Hölle kommen wird?" Natürlich erhält sie viele anonyme Drohbriefe.

Der Sexualkundeatlas wird in sechs Sprachen übersetzt und kommt auch in Skandinavien heraus, wo man im Grunde wesentlich weiter in diesen Fragen gewesen ist. 

Käte Strobel nimmt die Ideen der 68er auf, die Autoritäten und Rollenbilder offen infrage stellen. Ihre Rolle bei der Aufhebung von Tabus im Sexualbereich ist bedeutend. Ich möchte auch behaupten, dass ihr Beitrag zur Reform des § 218  heute gerne unterschätzt wird. Im Gesundheitsministerium wird das Problem eifrig diskutiert, zuständig  für die Gesetzesvorlage bleibt aber das Justizministerium. Doch die rührige Politikerin bleibt bis heute ein blinder Fleck in der Zeitgeschichtsschreibung: Sie lässt sich halt schwer vereinnahmen, weder von den Männern ihrer Generation noch von den Feministinnen danach. In den Augen der zweiten Frauenbewegung ist sie dann zu konservativ, meint auf jeden Fall Nadja Lissok in einem Artikel für die "Süddeutsche".

Ebenso Kätes Beitrag zum Gesundheitsschutz in Ernährungsfragen wie die ersten Initiativen ihres Ministeriums für die Umweltpolitik mit dem ersten Lärmschutzgesetz fallen heute gerne unter den Tisch. Auch ein Gesetz zur Luftreinheit ist so gut wie fertig gewesen bis zur Bundestagswahl 1969. Auch das ist völlig untergegangen, dass das Gesundheitsministerium damals in der Großen Koalition federführend in Sachen Umweltschutz gewesen ist.

"Es gab einige harte Erlebnisse. Mein Mann hat immer gesagt, ich sei ein Pflichtmensch. Und ich bin es der Partei gegenüber auch immer gewesen. Ich habe mich immer gefragt, ist das für die Partei gut, oder hast du jetzt etwas gemacht, was der Partei schadet?

Mit Willy Brandt beim Oktoberfest
(1970)
Im Bundestagswahlkampf von 1969 hat ihre Partei propagiert, dass die Zahl der Ministerien verringert werden müsse. So kommt es, dass sie im Oktober 1969 Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit wird. Alleine als Gesundheitspolitikerin abgestempelt zu sein - das hat sie nicht gewollt. So muss sie jetzt aber auch zu ihrem Leidwesen den Schwerpunkt "Umwelt" an das Innenministerium mit Friedrich Genscher abtreten.

In ihrem neuen Amt betreibt sie die Reform des Ausbildungsförderungsgesetzes ( BAFÖG ) und des Jugendwohlfahrtsgesetzes und führt die Förderung von Schülern und Schülerinnen aus Arbeiterfamilien, insbesondere der Mädchen, ein, um ihnen den Besuch einer weiterführenden Schule zu ermöglichen. 1972 richtet sie bzw. ihr Ministerium ein Naturfreundehaus im Oberbergischen, damals noch "Familien-Ferien-Zentrum Lieberhausen", später in Käte-Strobel-Haus umgetauft, als Familienerholungsstätte ein, um sozial benachteiligten Familien einen Urlaub zu ermöglichen.

im Gespräch mit Hans-Dietrich Genscher
während einer Plenarsitzung des Bundesrats,
( Juli 1971 )
CC BY-SA 3.0 DE


An der Abstimmung über den Entwurf des Justizministers Gerhard Jahn zum § 218 - Indikationsregelung oder Fristenregelung - ist Käte Strobel nicht mehr beteiligt: 1972 ist sie auf eigenen Wunsch hin aus ihrem Amt ausgeschieden und nicht mehr im Bundestag vertreten. Sie ist nun  65 Jahre alt, im Rentenalter also, und seit 23 Jahren Bundestagsabgeordnete. Zu ihrem Geburtstag reist sie mit ihrem Mann nach Hammerfest in Norwegen.

Aber sie wird noch weitere sechs Jahre politisch aktiv bleiben, obwohl ihr Mann gehofft hat, sie würde sich jetzt mehr auf das Private einlassen. Auf Platz eins der SPD-Stadtratsliste in Nürnberg führt das bei der Bevölkerung überaus beliebte "Käddala" die SPD im Jahr der Brandt-Euphorie mit 56,1 Prozent zu ihrem bis heute besten Ergebnis. Sie wird im Stadtrat Fraktionsvorsitzende. "Sie war eine tolle Frau, die uns Junge auch gleich in die Verantwortung genommen hat", sagt  SPD-Chef und Nürnberger Bürgermeister bis 1996, Willy Prölß, später. Ihre Tochter Ilse Hammes wird 1996 selbst Stadträtin in Nürnberg.

1978 stirbt Hans Strobel an Lympdrüsenkrebs. Zusammen mit ihrer Tochter Ilse und deren Familie zieht sie nun nach Herpersdorf in ein Doppelhaus, denn alleine leben möchte sie nicht. Der älteste Enkel lebt bei ihr in der Wohnung. Als Babysitterin für die drei Kinder ihrer Tochter versteht sie sich aber nicht, denn sie ist ja noch immer Vorsitzende des Seniorenrates ihrer Partei.

Geburtstag 1992
Nürnberg verleiht ihr dann auch als erster Frau 1980 die Ehrenbürgerwürde ihrer Heimatstadt. Dort ist auch eine Straße nach ihr benannt. Ihren 80. Geburtstag feiert sie in der Meistersingerhalle mit 1500 Nürnberger*innen, die wie sie 1907 geboren sind ( den 85. dann allerdings nur noch in ganz kleinem Rahmen ).

1990 würdigt Hans-Jochen Vogel Kätes Arbeit bei ihrer Verabschiedung als Vorsitzende des Seniorenrates der SPD mit folgenden Worten: "Du hast bewiesen und vorgelebt, wie produktiv und erfolgreich kooperatives Arbeiten in der Politik ist. Eine Arbeitsform, die Frauen leichter fällt als Männern."

Schließlich wird bei ihr Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Sie weiß, dass eine Operation bei diesem Krebs meist nichts mehr bringt. Sie will statt Therapien ihre letzten Tage mit ihrer Familie verbringen und ihre "Sachen ordnen".

Am 26. März 1996 stirbt sie mit 88 Jahren im Nürnberger Nordklinikum. Die Fahnen in Nürnberg werden auf Halbmast gesetzt, eine Trauerfeier am 2. April veranstaltet. Dann findet sie ihre letzte Ruhestätte im Familiengrab neben ihrem Mann auf dem Nürnberger Südfriedhof.

"Wie wollen wir überhaupt andere für uns gewinnen, wenn wir nicht mit denen diskutieren und denen unsere Politik begreiflich machen?", fragt sie einmal während des Wahlkampfes 1968, als sie durch das Land getourt ist. Das ist doch ein Spruch fürs Poesie-Album manch unserer Politiker, finde ich.

                                                                           

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