Donnerstag, 2. Juli 2026

Great Women #461: Hermine Heusler-Edenhuizen

So viel Glamour bei der von mir zuletzt porträtierten Frau, umso weniger bei meiner heutigen. Aber mir ist auch immer wichtig, hier zu zeigen, wie Frauen auf Positionen außerhalb der Scheinwerfer ihre vielfältigen Aufgaben so erledigen, wie es die Aufgabe verlangt. Hermine Heusler - Edenhuizen, die erste deutsche Frauenärztin, kannte ich nicht, sie kennenzulernen hat sich für mich allerdings mehr als gelohnt. Von ihr erstmals erfahren habe ich, weil mir Karin von fadenspiel und fingerwerk ein Buch über sie geschenkt hat. Ein Indiz dafür, dass an meinem persönlichen Projekt auch immer wieder andere Frauen "mitweben". Dafür sage ich heute einmal ganz allgemein "Danke"! 

Neue Burg in Pewsum
CC BY 3.0

"Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind, 
benötigen keine strafende Faust, sondern eine helfende Hand."

Hermine Heusler-Edenhuizen kommt am 16. März 1872 als Harmina Egberta Edenhuizen auf der Neuen Burg in Pewsum, heute Gemeinde Krummhörn, Landkreis Aurich, zur Welt. Für ihre Eltern Afke E. Dieken, geboren 1843, und Martinus Jacobus Edenhuizen, geboren 1836, ist das Mädchen das vierte Kind von insgesamt neunen. Auf sie folgen noch die Brüder Jakob Cornelius (1875) und Bernhard (1879) sowie die Schwestern Cornelia Johanne (1873) und Helene Martha (1880). Eine Schwester, ebenfalls auf Helene getauft, bleibt im Jahr 1877 nur knapp fünf Monate am Leben. Von den älteren Geschwistern finden sich Spuren von Gesine Henriette (1868) und Ubbo Jacob (1870). Ein weiterer zuvor geborener Sohn mit diesem Namen mit der Bedeutung "der Erbe" wird nur knapp über ein Jahr alt.

Die Eltern
(ca. 1867)

Der Vater Hermines ist Sohn eines Pastors und nun als Landarzt tätig. Die Mutter kommt aus einer alten, bis ins 15. Jahrhundert beurkundeten Krummhörner Bauernfamilie, sogenannten "Plaats", die sich in dieser Region anstelle eines Landadels entwickelt haben. Von  dieser Familie sind zum Zeitpunkt von Hermines Geburt nur zwei sehr wohlhabende Onkel übrig geblieben. Die wird später in ihren Erinnerungen bemerken, dass die in diesem Geschlecht übliche Inzucht bei den Mitgliedern eine "psychische Schwäche", "Nervosität" bzw. Gemütskrankheit zur Folge hat, was auch bei Hermines Mutter in ihren beiden letzten Lebensjahren zu konstatieren ist. Hermine findet es in ihren Erinnerungen auch bemerkenswert, dass keiner ihrer Geschwister leibliche Nachkommen haben wird. Ihre Cousinen betreiben allerdings ein Kinderheim für uneheliche Kinder in Norden ( und adoptieren kurzerhand die sieben verbliebenen Kinder, als das Heim von den Nazis geschlossen wird ).

Die sogenannte Neue Burg in dem ostfriesischen Ort mit seinen siebenhundert Einwohnern, zwei Meter überm Meeresspiegel gelegen und daher auf einer Warft, immer auch vom Deichbruch bedroht, ist  1867, dem Jahr der Heirat der Eltern, als mütterliche Mitgift in den Besitz von Hermines Eltern übergegangen. Der Ort ist eine lutherische Insel in der von der Evangelisch-reformierten Kirche dominierten Umgebung.

Die Mutter stirbt 1881 mit 38 Jahren an den Masern, und die Kinder teilen ab da "das schwere Schicksal der meisten mutterlosen Kinder, ohne Liebe und Zärtlichkeit groß zu werden." ( Quelle hier ) Betreut werden sie von einer Hausdame, die die Kinder "teils gehaßt und teils verachtet" haben. Der Vater ist in seiner Trauer gefangen, und seine Kinder reagieren darauf mit Rückzug, sprechen über die Mutter nur untereinander und werden sich heimlich fast lebenslang nach ihr sehnen. Dass sie dadurch sehr ernste Menschen werden, die das Leben schwer nehmen, so Hermine, ist aus heutiger Sicht nicht verwunderlich, müssen sie doch als äußeres Zeichen auch drei Jahre lang Schwarz tragen und auf das Feiern des Weihnachtsfestes verzichten. 

"Ich habe mir in späteren Jahren oft überlegt, wie es möglich war, daß er als Arzt und kluger, gütiger Mensch die Kindergemüter so schwer belasten konnte und fand eine Erklärung nur in der damaligen Einstellung zu Kindern überhaupt (... ) Die Kinder jener Zeit wurden auf dem Lande nicht ernst genommen und beiseite geschoben, besonders noch, wenn so viele da waren."

Luft lassen ihr die materiell guten äußeren Lebensbedingungen mit einem weitläufigem Garten zum Spielen & Naschen, eigenem Zimmer für jedes Kind, Pferden und einem Ziegenfuhrwerk nur zur Verfügung der Kinder sowie generell der Aufenthalt im Freiend. Und da ist noch eine Tante väterlicherseits, die "Märchentante" Hilderina Dirksen, zu der sie in allen Ferien gleich am ersten Tag "pilgern" und bis zum letzten bleiben. ( Hermine wird 1917 einen Anteil am Hof dieser Tante, in Geld ausgezahlt, erben. )

Das Mädchen ist das vitalste Kind in der Edenhuizischen Kinderschar. Schon mit viereinhalb Jahren nimmt sie am Unterricht des Bruders bei einer "pädagogisch einsichtsvollen Privatlehrerin" teil. Zwei Jahre später kommt sie in die Privat-Töchterschule in Pewsum, die aus der Initiative & dem Zusammenschluss mehrerer Familien entstanden ist, bis zu zwanzig Kinder umfasst und die von zwei "gewissenhaften" Lehrerinnen beschult werden. Mit vierzehn Jahren schickt der Vater sie auf eine entsprechende Schule in Emden, die größer und besser ausgestattet ist. Dort fällt sie aufgrund ihres Lern- & Bildungsstandes gleich auf und schafft das Pensum bis zum Abschluss bereits in einem Jahr. Anschließend bleibt ihr nur der Besuch der "Selekta", die auf den Beruf der Lehrerin vorbereitet. ( Ich habe an dieser Stelle ja nun schon oft geschrieben, dass das für Frauen des Bürgertums  die einzige Möglichkeit der Weiterbildung bzw. der Berufsausübung gewesen ist. Ansonsten steht nichts anderes als gepflegte Konversation und für junge Mädchen das Warten auf den passenden Ehemann auf dem Plan. )

Der Schulleiter unterstützt Hermine in ihrem Wunsch, der Vater hingegen würde den Lehrerberuf keinem seiner Kinder erlauben. Immerhin macht er den Vorschlag, das Mädchen möge nach Zürich gehen und sich dort auf ein Studium vorbereiten. Doch das lehnt sie ab, denn dort wäre sie ganz alleine. Bleibt ihr also nur die Möglichkeit, im Elternhaus beim "beliebten Croquetspiel 'mit Stöcken die Zeit tot' zu schlagen." So sieht das der Vater.

Hermine erkrankt an einer Blinddarmentzündung, damals medizinisch noch kein chirurgischer Standardfall. Deshalb bleibt sie der Gefahr des Todes ausgeliefert, entgeht dem aber durch einen Darmdurchbruch. "Der ganz hochfieberhaft Heilungsprozeß dauerte aber ungefähr ein Jahr." Das soll der Teenager zunehmend mit dem Studium von Büchern verbringen - naturwissenschaftliche Werke, das sähe der Vater gerne. Zur gleichen Zeit siecht der Bruder Ubbo langsam an Tuberkulose dahin und wird in ein Sanatorium nach Norderney gebracht. Dorthin muss das Mädchen ihm für ein Vierteljahr folgen, sie erlebt also sein elendigliches Zugrundegehen hautnah mit. Schließlich werden sie wieder nach Hause geholt. 

"Der Vater... gab aus religiösen Gründen keine Erleichterung durch Morphium. Es blieb dann keine andere Hilfe als das heiße Gebet zu Gott, ihn schnell zu sich zu nehmen. Das zu erleben war für eine 16jährige schwer."

1890
Im Jahr darauf bringt der Vater das Mädchen, wie damals üblich, nach Berlin in "Pension", eine in der Potsdamerstraße. Mit ihren drei Wirtinnen hat es Glück, denn die sind gütig und geistig rege. Dass sie der Frauenbewegung nahe stehen, weiß sie nicht. Davon ist bisher auch noch keine Kunde bis nach Pewsum gedrungen. Heimwehtränen werden sonntags in der Schöneberger Kirche vergossen. "In Bezug auf meine geistige Weiterentwicklung war das Pensionsjahr wohl vergeudete Zeit, aber es hat mich psychisch gefördert..." 

Nach einem Jahr ist sie wieder zu Hause, fühlt sie sich allein, ohne sinnvolle Beschäftigung, auch der Glaube bietet keinen Halt. Da ihr Vater in dieser Hinsicht großzügig ist, kauft Hermine sich in einer Emdener Buchhandlung viele Bücher und stößt dabei auf das erste Heft von Helene Langes "Die Frau". "Wie ein Blitz schlugen die Gedanken bei mir ein."

Eine kleine Notiz im Heft zu Gymnasialkursen für Frauen lässt in Hermine den Plan heranwachsen, das Abitur abzulegen. Der Vater reagiert auf ihre bekundeten Absichten mit einem herablassenden Witz. Sie sucht Rat bei Helene Lange, die ihr daraufhin schreibt, dann stürzt sie sich ins Lernen und besteht schließlich auf dem Besuch der Kurse in Berlin. Finanziell kann sie sich auf ihr mütterliches Erbe stützen. Ihre Fortschritte wird der Vater nicht mehr mitbekommen: er stirbt 1896. Er hat aber vorher seiner Tochter noch kundgetan, dass er die Notwendigkeit von weiblichen Ärzten inzwischen einsehe.

"Was haben wir gearbeitet!", erinnert sich Hermine später. Mit bei der Sache sind die Freundinnen Frida Busch aus Bonn und Clara Bender aus Breslau, die sie in Berlin kennenlernt. Die Kraft, die Helene Lange ausstrahlt, überträgt sich auf ihre Schülerinnen. Nach dreieinhalb Jahren ist das Pensum geschafft, das für eine Reifeprüfung Voraussetzung ist. Doch noch wehrt sich die Politik dagegen, sie zuzulassen, denn geistige Beschäftigung zerstöre die "Mutterfähigkeit", so die Ansicht. Letztendlich darf Hermine im Frühjahr 1898 mit ihren Mitschülerinnen im Luisenstädtischen Gymnasium in Moabit vor fremden Lehrern an fünf aufeinanderfolgenden Tagen die Prüfungen zum Abitur ablegen - mit Erfolg, was sogar der Tageszeitung eine Nachricht mit Namensnennung wert ist. 

Das Tor zum Studium steht jetzt endlich offen, so das Gefühl der 26jährigen. Zum gleichen Zeitpunkt wird auf einer großen Ärztetagung in Wiesbaden allerdings auch eine Resolution verabschiedet, dass das Studium dem Frauengeschlecht zum Schaden gereichen werde. ( In der Schweiz sind Frauen seit 1864, in Frankreich ab 1863 und in Großbritannien seit 1869 zum Studium zugelassen. )

Also nur: Gasthörerinnenstatus! Und jeder Dozent muss vorher gefragt werden, ob man als Frau bei ihm hören darf. Immerhin gibt es welche, wie der berühmte Professor Hans Virchow, die das ermöglichen. Unter welchem Gejohle, Gescharre, Tuscheln die jungen Frauen im Hörsaal Platz nehmen müssen, kann frau sich heute gar nicht mehr vorstellen. Die "steife Ostfriesin" droht immer wieder, den Mut zu verlieren.

Im Herbst 1898 durchläuft Hermine zudem privat eine schwere Krise: Ihr 20jähriger Bruder Jakob nimmt sich das Leben, weil er den Drill beim Militär nicht erträgt. In ganz Ostfriesland findet sich kein Geistlicher, der am Grabe eines Selbstmörders sprechen will. Diese Härte der Kirche wird Hermine den Anstoß geben zu einem späteren Kirchenaustritt. Helene Lange versteht ihre seelische Erschütterung und rät zum Wechsel des Studienortes. Doch zunächst muss sich Hermine noch um ihre Schwester  Cornelia kümmern, die von Depressionen heimgesucht wird. Eine Berufsausbildung für diese in einer Gartenbauschule in Marienfelde, die Hermine vermittelt, hilft tatsächlich. Ansonsten lösen die Geschwister ihren gemeinsamen Haushalt auf und zerstreuen sich in alle Windrichtungen: "Wir wurden alle heimatlos." Als einzig probates Mittel gegen die ständig drohende "Gemütsbelastung der Familie" werden sie alle in Zukunft das unablässige Arbeiten praktizieren. Vor allem die beiden Jüngsten - Bernhard und Helene - werden kein unbedingt glückliches & gesundes Leben führen. 

Mit Frida Busch links
(1903)

Doch zurück zu Hermine: In Zürich ist vieles einfacher, denn man ist daran gewöhnt, dass Frauen studieren, man ist sachlicher eingestellt und hilft sich gegenseitig. Der  kameradschaftliche Umgang wirkt absolut befreiend auf die junge Frau. Wegen ihrer seelischen Kümmernisse kann Hermine allerdings das tolle Miteinander in einem Studentinnen - Verein weniger genießen und ist hauptsächlich nur mit Frida Busch und einem befreundeten Physiologie - Assistenten zusammen. An die Ausflüge in die Schweizer Berg- & Seenlandschaft mit den Beiden wird sie sich aber immer gerne erinnern ( und später, wenn möglich, dort wandern ).

Weil nur eine begrenzte Zahl von Auslandssemestern für das deutsche Medizinexamen angerechnet werden, müssen die beiden Frauen Ostern zurück. Nächste Station ist Halle, wo sie wieder mit den alten Vorurteilen gegenüber studierenden Frauen bei der Wohnungssuche wie auf der Universität konfrontiert werden. Da werden auch schon mal Türen kommentarlos vor der Nase zugeschlagen.

Das Physikum wird ihnen nur nach einer Extraeingabe an das Ministerium möglich. Es wird öffentlich abgehalten unter übergroßer Anteilnahme zahlreicher neugieriger Zuschauer. Aber ihr Erfolg wirkt sich auf das Selbstbewusstsein Hermines aus. Anschließend wechselt sie zum Studium auf Wunsch ihrer Freundin Frida nach Bonn. Frida, vier Jahre älter als Hermine, ist in eine Medizinerfamilie - der Vater ist Chirurg - hineingeboren worden, die eng mit der Universität Bonn verbunden ist. Man erhofft sich, dass der Zugang zur Universität dadurch einfacher ist. Allerdings: "Für eine Norddeutsche wirkt das sprühende Leben der Rheinländer zunächst verwirrend. Er kann in seiner Schwere nicht folgen und mißtraut auch der großen Liebenswürdigkeit." An der Universität erlebt sie keine der Unhöflichkeiten wie in Berlin oder Halle.

Ausschnitt aus der Promotionsurkunde
Die klinischen Semester, die sie anschließend absolvieren muss, z. B. in der Frauenklinik, verbringt Hermine allerdings nicht nur in Bonn, sondern auch noch einmal in Halle, und sie absolviert in den letzten Sommerferien vor dem Staatsexamen im Hamburg-Eppendorfer-Krankenhaus eine Zeit als Aushilfsschwester, um einen Einblick in die Krankenpflege zu bekommen. In dieser Zeit macht sie erneut Erfahrungen, die ihren Glauben an die Autorität der Männer und ihre Gewissenhaftigkeit mehr als erschüttern.

In einem "Phantomkurs" beim Geheimrat Professor Heinrich Fritsch ( der Begründer der modernen Gynäkologie ) schiebt ihr der bei einer simulierten Geburt ein viel zu großes Kind unter, so dass die junge Frau so heftig an der Puppe ziehen muss, dass sie gegen eine Wand fliegt. Die Kollegen glauben, Frauen seien zu dumm und zu schwach, um bei Geburten zu helfen. Hermine zweifelt: "Sollten wir Frauen doch nicht Kräfte genug haben? Sollte alles Illusion sein?" Doch ein kräftiger Kollege schafft es anschließend ebenfalls nicht. Fritsch bietet ihr anschließend an, nach erfolgreichem Examen ein halbes Jahr in seiner Klinik zu volontieren.

Im Inselspital in Bern, wo sie zur Syphilis forscht
(1905)
Anfang April 1903 schließen Hermine & Frida  nach achteinhalb Jahren Vorbereitung das medizinische Staatsexamen mit "sehr gut" ab. Auf Anraten von Mutter Busch gönnen sie sich schließlich eine dreiwöchige Wanderung entlang der Riviera, um sich dann an ihre Doktorarbeiten zu setzen. 

Am 2. November werden sie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn "summa cum laude" promoviert.  Sie sind damit "die ersten ihrer Art", wie die "Kölnische Volkszeitung" vermeldet. Nun folgt also eine Zeit als Volontärin an Kliniken in Bonn, Dresden, Bern, Göttingen, wo sie neue ärztliche Methoden kennenlernt und sich aus einer "verbogenen Anschauungswelt (zu) natürlichem Denken herausarbeitete". 

Während des Volontariats gibt es keine Bezahlung und wieder muss Hermine auf das Erbe der Mutter zurückgreifen. Da sie aber überragend qualifiziert ist, wird sie in Bonn die erste in Deutschland angestellte Ärztin mit Gehalt.

"Im April 1909 ließ ich mich in Köln nieder und zwar als erste 'Fachärztin für Frauenkrankheiten und Geburtshilfe' in Deutschland...", doch schon überraschend bald geht es weiter nach Berlin. Der Grund ist ein ganz privater: In Bonn ist sie eine Beziehung mit dem verheirateten Arzt Otto Heusler eingegangen. Das ist natürlich im Kaiserreich ein Skandal! Ihre private Geschichte leitet sie in ihren Erinnerungen so ein:
"Ich komme nun zu dem schwersten Kapitel meines Lebens, glaube aber davon sprechen zu müssen..., weil mit ihm eine entscheidende Veränderung in mein Leben trat. Wie ich seinerzeit... aus Überzeugung gesagt habe, glaubte ich ohne Liebe vom Manne auskommen zu können, weil ich mit vollem Herzen bei meiner Arbeit war und in einer Heirat eine Art Verrat an meinem leidenschaftlichen Streben für die Frauensache gesehen hätte."

Hermine & Otto Heusler
(1908)
Zu Otto Heusler bzw. seiner Frau hat sie über ihre Freundin Frida Busch in Bonn Kontakt bekommen, sozusagen als Ersatz für ihre Freundschaft, denn Frida hat sich inzwischen - entgegen den früheren Ideen der jungen Frauen - nach Berlin verheiratet. 

Es wird über die Jahre ein "ideales Freundschaftsverhältnis" und schließlich auch viel mehr zwischen der nunmehr 37jährigen und dem vier Jahre älteren Arztkollegen. ( "Wenn in solchen Situationen alle Menschen... das Richtige täten..." - ICH werfe da keinen Stein... ). Hermine trägt durchaus schwer an dem Gefühl, der Anlass für das Unglück der Freundin und ihres Sohnes zu sein und so viele enttäuscht zu haben. Der Konflikt geht so weit, dass sie nicht mehr leben zu können glaubt. Freunde nehmen von ihr Abstand, darunter ihr Mentor Heinrich Fritsch. Und auch dieser Verlust der gesellschaftlichen Achtung setzt ihr sehr zu. Helene Lange wird ihr in dieser Situation eine warmherzige mütterliche Stütze, doch ihre Gefühle von damals wird die junge Frau für immer abwehren.

In Berlin kann sie zunächst an der "Klinik weiblicher Ärzte" tätig sein, wo eine Stelle für eine versierte Operateurin vakant ist. "Im Rheinland hinterließ ich Feindseligkeit, in Berlin erwarteten mich Freunde." Doch ganz so uneingeschränkt kann diese Aussage auch heute nicht mehr aufrechterhalten werden; Kontroversen wegen ihres Privatlebens mit Franziska Tiburtius, der Gründerin der Klinik, sind belegt.

Am 8. März 1911 eröffnet sie dann mit zwei Kolleginnen eine Poliklinik für Frauen. Darüber hinaus behandelt sie Privatpatientinnen in der eigenen Praxis. Trotz vieler Vorbehalte werden die Ärztinnen von Frauen dankbar begrüßt:
"Das Publikum schätzte die Frauenarbeit sichtlich." Und – was sie auf dem "Gebiet der Sexualität sehr nachdenklich gemacht hat" - "Mehr als einmal nämlich flüchteten Frauen zu mir, denen gegenüber der vorher konsultierte männliche Frauenarzt die Objektivität nicht zu wahren gewußt hatte!"
Nachdem es zur Scheidung von Otto Heuslers Ehe gekommen ist, können sie im April 1912 heiraten und gemeinsam in Berlin-Charlottenburg in der Rankestraße 35 leben, wo sie auch ihre Praxis einrichten. Skandalös wird von der Gesellschaft auch empfunden, dass Hermine bei der Heirat mit Heusler einen Ehevertrag  abschließt, wodurch entgegen dem allgemein gültigen Recht dieser Zeit die Verfügungsgewalt über ihr Vermögen und die Entscheidungsgewalt über ihre Berufstätigkeit nicht auf ihren Ehemann übergeht. Auch in diesem Punkt ist ihr Helene Lange eine kompetente Ratgeberin gewesen. 

Interessant zu lesen sind in ihren Erinnerungen - 1954 aufgeschrieben -, was Hermine Heusler-Edenhuizen zu den Problemen zwischen Mann & Frau in der Ehe zu sagen hat, die bis heute nicht befriedigend im Sinne einer Geschlechter - Gleichheit geregelt sind. "Ein Mann nach altem Stil, der in der Ehe auf allen Gebieten der 'Herr im Hause' sein will, kann mit einer selbstbewussten  Frau nicht in Ruhe und Frieden leben", ist ihre Quintessenz aus ihren Erfahrungen im Privaten wie Beruflichen. Sie entwickelt Visionen, wie das Zusammenleben alternativ gestaltet werden könnte:
„Warum muß für eine Familie von manchmal nur zwei Personen extra gekocht, abgewaschen und gewirtschaftet werden? Mein Ideal wäre ein Häuserblock mit etwa 1000 Wohnungen von zwei bis sechs Zimmern und einer Wirtschaftszentrale. Der könnte zur Vollendung eine Wasch und Nähstube angegliedert werden, wie auch ein Kindergarten." 
In Otto Heusler hat sie schon vor über hundert Jahren einen echten Partner gefunden: "Das Glück mit ihm wurde mir eine Quelle der Kraft, aus der ich weitergeben konnte an meine Patienten."

Und was waren das für Patientinnen! Frauen aus dem Arbeitermilieu und der Unterschicht, die sie nahezu ohne Bezahlung in ihrer Klinik behandelt. Frauen, die besonders in den Metropolen wie Berlin, unter gesundheitsschädlichen Lebensbedingungen leben müssen und trotz der Erkenntnisse des Wieners Ignaz Semmelweis immer noch bei der Geburt sterben ( 4-5 auf 1000 Geburten ) bzw. anschließend am Kindbettfieber. Frauen, denen im Kaiserreich in zahlreichen auflagenstarken Büchern die Seele und individuelle Persönlichkeit abgesprochen wird. Frauen, die ständig inneren Konflikten ausgesetzt sind.

Hermine findet 1919 heraus, dass das tödliche Kindbettfieber die Folge einer Infektiondurch  Sexualverkehr kurz vor der Geburt befördert wird und nicht durch die Unsauberkeit der Hebammen, wie die Schuldzuweisung bislang gelautet hat. Sie erringt so entscheidende Erfolge. Sie propagiert auch die Schwangerschafts- und Rückbildungsgymnastik, praktiziert gegen den "Widerstand des Publikums" die Methode des Frühaufstehens der Wöchnerin und Operierten. 

Mit Werner und Hella
(1925)
Sie hält - übrigens ihr Leben lang - zu vielen Themen Vorträge und schreibt Aufsätze, u.a. welche, in denen sie auf die hohe Säuglingssterblichkeit besonders bei außerehelichen Kindern bis hin zur "Engelmacherei" durch vernachlässigende Pflege bei sog. Ziehfrauen verweist und bemüht sich in ihrer klinischen Praxis, auch einer unehelichen, das Kind ablehnenden Mutter durch Stillen und Erleben des Kindes erfolgreich zur Annahme des Säuglings zu verhelfen, deren Schicksal sie auch weiter verfolgt. 

Später wird sie unehelich Schwangere bei sich aufnehmen und für die Adoption der Kinder sorgen. 1917 und 1919 adoptiert sie und ihr Mann selbst durch Vermittlung von Helene Lange zwei solcher Kinder, Werner und Hella. Sie wendet sich auch gegen die Prostitution, durch die "Hundertausende von Frauen körperlich, moralisch und sozial zugrunde gerichtet [...], damit der Mann 'sich ausleben' kann“. Sie spricht sogar vom Geschlechtsverkehr als "dem Hasenbraten des armen Mannes".

Auch für eine offene, wahrheitsgemäße Aufklärung der Kinder vom ersten Fragealter an spricht sie sich aus.

Als 1920 aufgrund der dramatischen wirtschaftlichen Verhältnisse und Wohnungsnot eine breite gesellschaftspolitische Diskussion über das Abtreibungsverbot (§218 StGB) aufkommt, setzt sich Hermine vehement ein, denn sie empfindet diesen als Ungerechtigkeit und stellt den (angeblichen) Schutz ungeborenen Lebens durch den Paragrafen in Frage: 
"Die Zahl der Frauen, die er ins Unglück stürzt, ist unbegrenzt, die Zahl der geretteten Keime ( gemeint sind Embryos) ist imaginär; und ebenso imaginär ist die erzieherische Wirkung, die der Paragraf ausüben soll. Ein Volk in Not lässt sich nicht durch einen Strafparagraphen dazu erziehen, die Not noch weiter zu steigern, sondern es hilft sich verzweifelt, so gut und schlecht es kann."

Und an anderer Stelle noch einmal mit anderen Worten:

"Der § 218 des bisherigen StGB. trägt werde dem Volksempfinden Rechnung noch erreicht er in irgendeiner Weise seinen Zweck, praktisch ist er so gut wie unwirksam, da er weder die Mutter noch das keimende leben schützt. Wir sind entgegen den bevölkerungspolitischen Befürchtungen der Ansicht, daß die Aufhebung des §218 keinen Geburtenrückgang, sondern das Gegenteil bewirken wird […] Wir reden keinesfalls der leichtfertigen Abtreibung das Wort. Nach unserer Überzeugung wird der Wille zur Mutterschaft nicht durch Gesetzesparagraphen und Strafandrohung erzwungen, sondern er ist ein der Frau innewohnender Naturinstinkt, der wohl durch Not und Sorge zeitweise niedergehalten werden kann, nach deren Abklingen aber sich von selbst wieder voll entfalten wird... " ( Quelle hier )

Ärzte in Universitätsklinikum Eppendorf diskutieren einen "Fall"
(1926)

 

Insbesondere verärgert es sie, dass der § 218 nur die Mütter und deren Ärzte bestraft, aber nicht die für die Schwangerschaft verantwortlichen Väter, die oftmals ihre Frauen aus wirtschaftlichen Gründen zum Abbruch zwingen. Daher bringt sie führend 1930 gemeinsam mit anderen Ärztinnen eine Petition im Deutschen Reichstag ein, die Folgendes postuliert: 

- Streichung des § 218 zugunsten eines Gesetzes, das unter der Mitarbeit von Frauen entwickelt werden sollte
- Aufklärung aller Deutschen bezüglich Fragen des Sexuallebens und Möglichkeiten der Empfängnisverhütung
- Bekanntgabe und Verkauf staatlich geprüfter Verhütungsmittel im freien Handel und Abschaffung des damals geltenden Verkaufsverbots von Verhütungsmitteln
- Kostenlose Abgabe von Verhütungsmitteln durch Krankenkassen und Fürsorgeverbände an Versicherte und finanziell Schwachgestellte
- Zulassung des Schwangerschaftsabbruchs mit Zustimmung der Schwangeren und durch einen approbierten Arzt zur Höchstgebühr, bzw. für Versicherte und finanziell Schwachgestellte auf Kosten der Versicherungsträger
- Umfassende medizinische Fürsorgemaßnahmen für Mutter und Kind

Der Kampf um den Paragrafen wird zu ihrer Lebensaufgabe werden, und Hermine Heusler - Enkhuizen macht sich mit ihrer Forderung nach dem individuellen Menschenrecht der Frau auf Selbstentscheidung ihrer Kinderzahl zu einer Pionierin der internationalen Frauenbewegung. 

Nachdem sie im Juli 1924 mit einer Delegation deutscher Ärztinnen am Kongress der "Medical Women's International Association" teilgenommen hat, wird sie am 25. Oktober 1924 in Berlin zur Gründungsvorsitzenden des Bundes Deutscher Ärztinnen (BDÄ), des heutigen DÄB, gewählt. Vier Jahre bleibt sie an der Spitze des Verbandes. Es ist ihr ein Anliegen, dass weibliche Medizinerinnen sich vernetzen und sich weiterbilden können. 1924 ist sie auch dabei, als ihr Mann nach dem Ausschluss jüdischer Mitglieder im Alpenverein Österreichs und ähnlicher Tendenzen im Berliner Vorstand den "Deutschen Alpenverein, Berlin" gründet, in den nun auch Frauen aufgenommen werden können.

All das setzt sie mit ihrer sehr starken Persönlichkeit durch, meint Hannelore Jürgler, Gleichstellungsbeauftragte in Krummhörn: 
"Sie war mit Sicherheit keine Frau, die sich etwas sagen ließ. Sie muss sehr rechthaberisch gewesen sein, sehr standhaft und mit Sicherheit keine Frau, die sich unterdrücken ließ – im Gegenteil!" ( Quelle hier )
1930er Jahre
Die nationalsozialistische Machtergreifung Anfang der 1930er-Jahre macht die gesellschaftspolitischen Fortschritte der Weimarer Republik zunichte. Für Hermine noch schlimmer: Ihre Bemühungen werden sogar ins Gegenteil verkehrt, denn Abtreibung wird nun als Instrument der nationalsozialistischen Rassen- und Bevölkerungspolitik missbraucht und unter härtere Strafe gestellt. 

Drohende Konsequenzen aufgrund ihres frauenrechtlichen Engagements für ihre eigene Praxis können mutmaßlich abgefedert werden durch die Tatsache, dass viele Frauen der Parteigrößen - darunter Martha von Papen - von der höchst angesehenen, da qualifizierten Ärztin behandelt werden. Für jüdische Patientinnen wird das Heuslersche Schlafzimmer zum Wartezimmer umfunktioniert. In privaten Gesprächen mit ihren Kindern äußert sich Hermine "schroff und kompromißlos" zu den Machthabern in Deutschland. Der BDÄ wird im Dezember 1936 aufgelöst.

Durch die Bombenangriffe auf Berlin wird ihr Radius in Bezug auf ihren Einsatz als Medizinerin immer eingeschränkter. Ihr Mann zieht sich 1942 nach einer Operation eine Sepsis zu und "siecht dahin". Er stirbt am 6. Januar 1943 mit noch nicht ganz 75 Jahren an einer Nierenbeckenentzündung. Hermine droht in ein Loch zu fallen, nimmt aber die Niederschrift ihrer Lebenserinnerungen in Angriff und reist herum. 

Und als sie im März 1945 ans Sterbebett ihrer letzten noch lebenden Schwester Helene, Kinderärztin in Leer, nach Ostfriesland gerufen wird, ahnt sie nicht beim Kofferpacken, dass sie nicht wiederkommen wird, denn sie wird keine Rückkehrgenehmigung erhalten. Sie lebt nun wieder in der Burg Pewsum, praktiziert als Ärztin, stellt Rezepte aus, führt  Schuleingangsuntersuchungen durch - sie ist immerhin schon fast 80 Jahre alt, als sie sich zu Ruhe setzt - und belebt den von den Nazis verbotenen Wohlfahrtsverein "Tot Nutt van Allgemeen" mit aufs Neue. Als ihr Sohn Werner 1949 aus Kriegsgefangenschaft heimkehrt, gründet er auf Burg Pewsum eine Gärtnerei. 

1949 spricht die 76jährige vor Schülerinnen in Emden ( und ich finde diese Aussagen durchaus aktuell  bedenkenswert ):
"Das gehetzte Lebenstempo unserer technischen Zeit mit ihren Existenzsorgen läßt schneller noch als das gemeinhin schon der Fall ist, heute vergessen, was gestern geschah. Die jetzige Generation nimmt, was sie vorfindet, als gegeben hin und fragt nicht viel danach, woher das ihr gewordene Gut gekommen und wie es errungen worden ist..."
Das Miteinanderleben in der Familie gestaltet sich nicht konfliktfrei, und Hermine zieht nach Celle zur Freundin Frida Busch, dann 1952 nach Ludwigshafen zur Pflegetochter, wieder nach Celle und schließlich Hannover, wo sie ihre schriftlichen Erinnerungen abschließt. Sie leidet an Depressionen und Bluthochdruck und zieht sich schließlich nach Berlin in eine Pension zurück, ist geistig aber vollkommen klar und weiterhin in Gesprächskreisen aktiv. 

Nach dem Krieg in Pewsum
Körperlich hingegen wird sie immer hinfälliger, und nach einem Schlaganfall wird sie von Tochter Hella Häußler, ebenfalls Ärztin, in ein Krankenhaus gebracht. Dort stirbt sie am 26. November 1955 im Alter von 83 Jahren. Auf ihren Wunsch hin wird sie neben ihrem verstorbenen Ehemann auf dem Friedhof Heerstraße beigesetzt. Das Grab ist heute nicht mehr erhalten.  Vom Berliner Ärztinnenbund und dem Akademikerinnenbund wird im Musiksaal des Lette-Vereins eine Trauerfeier abgehalten.

1996 dann endlich wieder Spuren ihres außergewöhnlichen Lebens: Ihr Großneffe, der Oldenburger Kinder- und Jugendpsychiater Heyo Prahm, bringt ihre Lebenserinnerungen als Buch heraus und die Bonner Universität gedenkt ihrer in einer Ausstellung unter dem Titel "100 Jahre Frauenstudium an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn"

2002 wird eine Gedenktafel an ihrem Haus an der Rankestraße angebracht und in Krummhörn wird im März 2012 der frauenORT Hermine Heusler-Edenhuizen in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten der Gemeinde Krummhörn, des Landkreises Aurich und der Stadt Emden eröffnet.

Seit 2018 vergibt die Fakultät VI Medizin und Gesundheitswissenschaften der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg jedes Semester einen "Hermine Heusler-Edenhuizen Preis" für eine publizierte herausragende Arbeit eines oder mehrerer Mitglieder/Angehöriger der Fakultät. 

Zum Schluss noch ein Zitat von Prof. Dr. Mandy Mangler, Chefärztin der Klinik für Gynäkologie im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin Schöneberg, welches die Leistung von hermine Heusler-Edenhuizen ganz in meinem Sinne würdigt: 
"Ihre Errungenschaften können nicht hoch genug gewürdigt werden. Sie hat sich gegen ein gängiges Frauenbild ausgesprochen, Frauen mit Herz und Seele unterstützt und sie ist ihren Weg gegangen. Ihre Leistung und Bedeutung sind historisch sehr groß."

                                                                                      

Weitere Porträts beeindruckender Frauen findet ihr auch noch hier:



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