Mittwoch, 1. Juli 2026

Bücherlese Juni 2026

 "Es ist keine Schande, Goethe nicht gelesen zu haben. 
Es ist nur schade, und man kann es ändern." 
Gustav Seibt

"Nehmt nur mein Leben hin, in Bausch
Und Bogen, wie ich's führe;
Andere verschlafen ihren Rausch,
Meiner steht auf dem Papiere."
Wolfgang von Goethe

Noch mehr Goethe folgt weiter unten in meiner monatlichen Leserückschau...

Doch zunächst einmal Jane Austen. Jetzt, da sie mich endlich gepackt hatte, kriegte ich nicht genug von ihr. Und so bin ich in den sechsten Monat dieses Jahres gestartet mit den gut über fünfhundert Seiten von "Mansfield Park" in der Übersetzung von Manfred & Gabriele Kempf - Allié. Diesen Roman habe ich gewählt, weil es doch unter den Austen-Anhängern welche gab, die ihn als ihren liebsten anpreisen, der Titel mir aber so gar nichts sagte. Die allerersten schwülen, hochsommerlichen Tage dieses Jahres habe ich dann mit der Lektüre in meinem  - da noch - wohltemperierten Haus verbracht. 

Und mich dabei bekannt gemacht mit Fanny Price, dem Aschenputtel unter Austens Heldinnen, der sechsköpfigen Familie des Baronets Thomas Bertram, die Fanny aus ihren prekären Familienverhältnissen in der Hafenstadt Portsmouth herausholt und bei sich aufnimmt, der bigotten Tante Mrs. Norris, dem notorischen Herzensbrecher Henry Crawford und seiner mondänen, zu Kabalen neigenden Schwester Mary und allerlei weiteren Charakteren. Da musste ich mich anfangs wieder schwer konzentrieren, um alle auseinander zu halten. 

Dass frau mit der Protagonistin mitfiebert und sich fragt, ob sich das Blatt noch für sie wenden und sie ihr Glück machen wird, ist ja Standard bei dieser Schriftstellerin. Ebenso typisch ist auch bei diesem Austen-Roman das weitgehende Fehlen an externen Beschreibungen und die Konzentration vor allem auf Figurenrede und Innenleben. Das ließ mich fast scheitern am cliffhanger des Romans, dem Teil, in dem es um die Planung einer Theateraufführung in Mansfield Park geht, die die jungen Leute während der Abwesenheit des Patriarchen auf seinen Plantagen in Antigua planen. Spannend wird es erst hinterher. Dann umso mehr.

Da nimmt nämlich das innere & äußere Geschehen allmählich Fahrt auf, als der Charmeur Henry Crawford, den doch - für Fanny offensichtlich - mehr als einen heißen Flirt mit Cousine Maria verbunden hat, nachdem diese sich aber verehelicht hat, Fanny einen Heiratsantrag macht. Den kann sie aus vielerlei Gründen nur ablehnen. Einer davon ist, dass sie Cousin Edmund liebt, immer schon geliebt hat. Der aber steigert sich zusehends in seine Liebe zur spritzigen Miss Crawford hinein. Der Baronet nimmt seiner Pflegetochter diese Entscheidung übel, wäre eine solche Vermählung doch ein Weg aus ihrer Armut. 

Schließlich wird Fanny, um in der Distanz Einsichten zu gewinnen, in dieses Elend zu ihrer Familie auf eine längere Auszeit geschickt. Die Schilderung eines so ganz anderen Milieus fand ich passend, scheint das mir doch für das England jener Tage viel typischer gewesen zu sein als das Leben der gentry in großen Herrenhäusern innert toller Parkanlagen. Soziale Verhältnisse werden bei Austen ja eigentlich weitgehend über die Beschreibung der Emotionen ihrer Figuren ausgedrückt ( in diesem Roman wird allerdings auch einmal angerissen, dass der ganze unbekümmerte Lebensstil auf ausbeuterische Sklavenhaltung zurückgeht ).

Was unterdessen für Turbulenzen die Familie Bertram erschüttern, erfährt die Protagonistin bei ihren Eltern fast nur durch Briefe. Und dann beschließt Jane Austen auch noch, das happy end für ihre Protagonistin rückblickend in einem einzigen, letzten Kapitel zu schildern! Wie Fanny Edmunds Zuneigung endlich doch gewinnt und dieser sich von seiner Angebeteten löst, wird erzählerisch für mich nicht so wirklich  zufriedenstellend entwickelt. Aber vielleicht ging es Jane Austen auch weniger um das letztendliche Eheglück, sondern um den Menschen Fanny, eine junge Frau, die sich selbst treu bleibt und ihr Leben in die eigene Hand nimmt. 

Das mural in meinem Veedel passt inhaltlich gut zum Buch.
Was ganz anderes war mein nächsten Buch: Hundert Jahre wäre er am 31. Mai alt geworden, James Krüss, jener Autor, der mir mit seiner Literatur zu unzähligen hinreißenden, vergnüglichen Unterrichtsstunden während meiner Grundschulzeit geführt hat. Posthum ist das bisher unveröffentlichte Manuskript von "Die Haiteks oder Was kostet die Welt. Kein Märchen" zu diesem Gedenktag herausgekommen, und postwendend habe ich es mir besorgt. Schon die ersten, einleitenden Verse hatten mich angesprochen:

Es war einmal ein kleiner Stern.
Der hatte seine Kinder gern.
Der kleine Stern hieß Erde.
Er spendete, was nötig war, 
Mit Freude seiner Kinderschar, 
Damit sie glücklich werde. 

Und dann erzählt der eigenwillige, fantasievolle, große Geschichtenerzähler auf seine Art, die ich schon bei "Mein Urgroßvater und ich" so schätzen gelernt habe, wie die Menschheit sich die Erde untertan gemacht hat, wie es z.B. von den Linsen, die die Natur hervorgebracht hat, zu denen in der Dose kommt und letztendlich zu einem einzigen Gesellschaftsspiel namens "Was kostet die Welt?" Also wie wir Menschen, eine Gemeinschaft von "Bastlern", zivilisatorisch "aufgestiegen" sind mit all unseren Errungenschaften, darunter Sprachen & Schrift ( eine krüss'sche Leidenschaft ) und nun wohlwissend dabei sind, alles dem Untergang anheim zu geben. Wir tanzen immer noch auf dem Vulkan, 35 Jahre, nachdem diese explizite Kritik an der kapitalistischen Gesellschaftsorganisation und dem technologischen Fortschrittsglauben, illustriert mit den "Haiteks", diesen Turmbau-zu-Babel-artigen Riesenstädten, verfasst worden ist. Das ist ganz schön dystopisch!

Dann obsiegte meine Neugier auf noch mehr Jane Austen, und "Sense and Sensibility" kam dran, auf Deutsch "Verstand und Gefühl" in der Übersetzung von Angelika Beck. Da war er endlich, der Witz, die Ironie, die der Autorin so gerne zugeschrieben wird! So kann nur eine Zwanzigjährige mit leichter Hand schreiben und auf das verlogene Treiben der Erwachsenen augenzwinkernd & selbstbewusst reagieren und es damit entlarven. Herrlich ihre Beschreibung der Szene, als Mr. John Dashwood, der seine Halbschwestern Elinor, Marianne, Margaret samt Stiefmutter nach dem Tod des Vaters aus ihrem Anwesen, dem Herrenhaus Norland Park, vertreibt, sein Versprechen dem sterbenden Vater gegenüber, für diese gut zu sorgen, im Dialog mit seiner habgierigen, snobistischen Ehefrau immer weiter "runterfährt"! Hat mir sehr gefallen. Auch die impulsive und überschwängliche Marianne mit ihren unverstellten Reaktionen auf die formalen, steifen ( und bigotten & aufs Geld versessenen ) Erwachsenen um sie herum. Manchmal ist sie mir wie ein alter ego der Autorin vorgekommen, die ihrer Protagonistin das zugesteht, was sie gerne auch für sich in Anspruch genommen hätte ( oder vielleicht sogar hat? Zu wenig weiß man über den Menschen Jane Austen. ).

Bei diesem Roman bekommt frau auch eine Ahnung von der ökonomischen Grundlage der englischen Wirtschaft zur Regency-Zeit, die als post - revolutionär zu gelten hat, aber noch der sog. industriellen Revolution harrt und noch wenige kapitalistische Strukturen aufweist. Allein Grundbesitz garantiert ein Auskommen. Aber da wird natürlich der Kuchen nicht größer und höchstens durch Vererben neu verteilt. Das Nachsehen haben die Frauen, die nur durch kluge Heiratspolitik materiell versorgt sein können - das, was die Schwestern Dashwood da erleben, kann frau nur aus heutiger Sicht als höchst  empörend auffassen. Dazu kommt, dass in diesen privilegierten Kreisen des niederen Landadels Menschen so gut wie nie auf die Idee gekommen wären zu arbeiten. Über die bedauernswerten Anderen, die sich abrackern müssen für ihr Überleben auf den Besitzungen dieser gentry, schreibt höchstens Charles Dickens zeitlich etwas später. Frauen bei Austen gehen spazieren, handarbeiten, bilden sich durch Lesen oder spielen Klavier, Männer reiten durch die Gegend oder jagen und ansonsten pflegt man Geselligkeit, plaudert - nicht ohne Witz & Charme - ohne Ende und gibt immer wieder mal 'nen Ball. Kein Wunder, dass die Autorin erst 200 Jahre später sich einer solchen Popularität erfreut: So ein Leben führten wir doch auch allzu gerne!

Ich bin über mich selbst erstaunt, das mich das Werk der Jane Austen zunehmend angesprochen hat, obwohl ich dem Genre "New Adult" reichlich, reichlich entwachsen bin. Dabei hat mir "Verstand und Gefühl" dank seines Humors besser gefallen als "Stolz und Vorurteil". Jetzt habe ich noch "Northanger Abbey" vor mir, dann bin ich mit der Autorin durch.

Ich habe mir schließlich im modernen Antiquariat die schöne Reclam-Ausgabe sämtlicher Romane besorgt. Die wird jetzt auch in die Bibliotheksregale eingearbeitet. Alle anderen Ausgaben sind im öffentlichen Bücherschrank gelandet und haben inzwischen bereits Interessenten gefunden.

Soziologie, auch wenn ich sie grade bei Jane Austen angesprochen habe, ist ein Gebiet der Wissenschaften, das ich seit meinem Studium nicht mehr betreten habe. Deshalb kannte ich auch Dirk Kaesler nicht. Mit dem Buch "Schön deutsch. Eine Entdeckungsreise" bin ich auf ihn gestoßen und habe ihn dann ergoogelt. Dabei habe ich eine ganz außergewöhnliche persönliche Geschichte entdeckt: 

Kaesler ist nicht nur in einem "Lebensborn"-Heim der Nationalsozialisten zur Welt gekommen, sondern sein Vater ist ein SS-Offizier gewesen, der mit der Mutter als Angestellte des "Lebensborn" ein Liebesverhältnis gehabt hat. Seinen Namen hat er allerdings vom im Krieg gefallenen Ehemann der Mutter bekommen. Das hat mein Interesse geweckt, zumal ich eine Kollegin hatte, die ihre Existenz ähnlichen Verhältnissen zu verdanken hatte und deren bittere Lebensgeschichte im Wirtschaftswunderdeutschland mich vor Jahrzehnten bewegt hat. Also besorgte ich mir "Lügen und Scham".

Es ist eine Autobiografie, die ich eher als Zeitdokument gelesen habe, denn Stil und Art der Darstellung des Autors hat mich nicht vom Hocker gerissen. Aber Kaesler hat sehr viel Material zur Verfügung - Tonbandaufnahmen von Gesprächen mit der Mutter, sehr detailreiche Fotoalben, Briefe zwischen den Eltern, ein Treffen mit dem Vater nach 35 Jahren - , mit denen er seine traurige Geschichte in Kindheit & Jugend untermauern kann. Es hat mir wieder einmal bestätigt, wie lange die Traumatisierungen jener unseligen Zeit deutscher Geschichte in vielen Nachkriegsbiografien meiner Zeitgenossen nachwirken.

Zeitgeschichte hat auch eine Rolle gespielt bei meinem Interesse an einer Lektüre der ganz anderen Art: "Das Eiermann Magnani Haus", herausgegeben vom Haus der Geschichte Baden - Württembergs.

Bei meinem Besuch in meiner alten Heimat bin ich wieder auf den später so berühmten deutschen Architekten gestoßen, der unmittelbar nach dem Krieg zusammen mit dem charismatischen Menschenfischer im Sinne Jesu, Heinrich Magnani, den vielen Heimatvertriebenen nach dem zweiten Weltkrieg eine dauerhafte Bleibe verschafft hat. Egon Eiermann hat entworfen und geplant, Magnani hat organisiert  ( Baumaterial wie kirchliche & politische Zustimmung ), die zwangsweise dem kleinen Dorf zugewiesenen Flüchtlinge haben mit einheimischen Unterstützern gebaut und sich so eine neue Bleibe geschaffen. Ein beeindruckendes Projekt! 

Ein Haus aus dieser Siedlung ist 2018 in ein Museum umgewandelt worden und dokumentiert, wie Integration gelingen kann. Für mich als Nachfahrin sudetendeutscher Entwurzelter sind solche Dinge wie Stragula, Wanddekorationen mit Musterwalze oder Ein-Ofen-Heizungen nicht nur ein Begriff, sondern eine sinnliche Erfahrung, bin ich doch in der Flüchtlingsunterkunft ( allerdings in einem Nachbarort ) meiner Oma & Mutter geboren worden und habe darin auch meine ganz frühen Jahre verbracht. Ich habe den Museumskatalog mit leicht angehaltenem Atem an einem Nachmittag verschlungen, besonders berührt von der Abbildung des Henkelmannes, der  auschaut wie der meiner geliebten Oma, mit dem sie mir die Walderdbeeren nach der Arbeit im Wald als "Kulturfrau" heimgebracht hat...

Genug von der jüngeren Vergangenheit bei uns ( und von eher sachlichen Texten )! Anschließend habe ich zu einem sehr schön aufgemachten kleinen Buch gegriffen: "Die Bienenhüterin" von Sue Monk Kidd. Der Roman ist bereits 2008 erschienen und spielt in den Südstaaten der USA in den 1960er-Jahren, genauer in in South Carolina in der Zeit, als Präsident Lyndon B. Johnson der Rassentrennung per Gesetz ein Ende bereitet hat. Das spielt im Roman auch eine Rolle.

"Aus heutiger Sicht kommt es mir vor, als wären mir die Bienen gesandt worden. Ich will damit sagen, sie erschienen mir, so wie der Erzengel Gabriel die Jungfrau Maria heimsuchte", stellt die Heldin des Romans, die vierzehnjährige Lily Owens, ihm voran. Lily hat vor zehn Jahren ihre geliebte Mutter bei einem tragischen Unfall, an dem sie beteiligt gewesen ist, verloren und lebt mit einem brutalen Vater und einer afroamerikanischen Haushälterin, Rosaleen, auf einer Pfirsichplantage lebt.

Die Geschichte nimmt Schwung auf, als Rosaleen sich sofort nach der Verkündigung der Rassengleichheit in das Wählerverzeichnis eintragen möchte,  und begleitet von Lily sich in die Stadt aufmacht. Dort werden sie von einer Gruppe weißer Farmer belästigt und angegriffen. Rosaleen wehrt sich, die Polizei wird gerufen und die beiden weiblichen Wesen werden verhaftet. Doch die Konsequenzen muss Rosalee im Endeffekt allein tragen, nachdem der Vater Lily dort abholt. Rosaleen wird im Gefängnis körperlich drangsaliert, verletzt und in ein Krankenhaus gebracht. Aus dem holt sie die wütende Lily, listig & beherzt, und  dann machen sich  zu zweit auf und davon, einen Ort namens Tiburon als Ziel vor Augen. Der steht nämlich auf dem Bildnis einer schwarzen Madonna aus den Hinterlassenschaften von Lilys Mutter. Sie erreichen den Ort in der Tat, und als sie Essen einkaufen wollen, entdeckt Lily im Krämerladen Honiggläser mit genau dieser Madonna auf dem Etikett. So landen sie bei der Imkerin Augusta und ihren Schwestern, alles auch Schwarzamerikanerinnen, die auf einem großen Anwesen leben und die ihnen Unterschlupf gewähren.

Die Erzählung entwickelt sich  weiter wie für Entwicklungsroman typisch, indem das Tagebuch einer jugendlichen Heldin auch stilistisch nachempfunden wird. Es geht dabei auch um diverse Bewältigungsstrategien für Verlust, Leid & Trauer: eine Klagemauer voller kleiner Zettelchen oder eine alte weibliche Galionsfigur aus Sklavenzeiten bis hin zu einem selbst kreierten Marienkult der Schwestern und ihrer Freundinnen. Das trägt fast märchenhafte Züge und wirkt auf mich hin und wieder wie der Traum von einer behütenden matriarchalen Welt, in der wohlbesonnen agiert wird. Und natürlich geht es ganz viel um die Besonderheiten solch staatenbildender Insekt, wie es die Bienen sind.

Es ist eine Wohlfühlgeschichte, die ich ab und an auch brauche, und ich habe das Buch an einem Tag gelesen ( Regenwetter! ). Und das auch gerne.

Um einen anderen Blickwinkel auf die literarische Behandlung der Südstaaten- bzw. die Rassismus-Problematik in den USA einzunehmen, habe ich dann "Die Bäume" von Percival Everett aus meinem Bücherstapel vor dem Regal gezogen. In diesem Buch, bei uns 2023 erschienen, macht er sich eines Tabubruchs schuldig: Die sogenannten Lynchmorde, die in den 1950er Jahren in den Südstaaten der USA begangen wurden und ihre zeitgenössischen Folgen, handelt Everett in einer Mischung aus Horror & Comedy ab. 

Der Plot: Im Städtchen Money in Mississippi, dem Land der Rednecks & des Ku-Klux-Klan, geschehen in unseren Tagen - Trump findet Erwähnung - mehrere Morde, meist an übergewichtigen, trägen, nichtsnutzigen, da ihren Angehörigen auf der Tasche liegenden, weißen Personen. Neben jeder Leiche taucht ein Körper auf, der die Züge von Emmett Till trägt, eines 1955 gelynchten schwarzen Jungen ( der wohl bekannteste, aber bei weitem nicht der einzige Lynchmord jener Tage ). Die Mordserie weitet sich dann bald auf andere Bundesstaaten aus und ein afroamerikanisches Ermittlerpaar, später eine FBI-Ermittlerin kommen ins Spiel.

Auf was habe ich mich da eingelassen? Es gibt Szenen aus der amerikanischen Provinz in all ihrer Hoffnungslosigkeit wie aus Filmen wie aus "Gilbert  Grape - Irgendwo in Iowa", die ich auch irgendwie bedrückend bis grotesk empfand, aber auch viel blutiges Grauen, in einfacher und klarer, geradezu staubtrockener Sprache beschrieben, nicht ohne Ironie und mit Dialogen, die ganz schön sarkastisch daher kommen können. Ich war auf jeden Fall überrascht, kannte ich den Autor doch nur von seinem Gegenentwurf zu Mark Twains Huckleberry Finn mit dem Titel "James". Jetzt also dreht Everett in diesem Roman die historischen Verhältnisse um und macht aus den Opfern Täter – eine radikale Selbstermächtigung und die Tilgung von jahrhundertelanger Verfolgung und Erniedrigung! Auf jeden Fall ein pageturner, den ich an zwei Abenden verschlungen habe.

Die elf Seiten mit den Namen der Opfer der Lynchjustiz in den Südstaaten hat mich allerdings auch auf den Boden der Realität zurückgeholt und mich innehalten lassen. Am Ende blieb ich sprach- & ratlos zurück, denn da konnte ich  der Erzählung kaum noch folgen.

Anschließend unbedingter Szenenwechsel! 

Inger -Maria Mahlke "Unsereins" spielt im deutschen Norden  um die Jahrhundertwende. Bald ist klar, dass es sich nur um Lübeck handeln kann, wo die Autorin aufgewachsen und das legendäre Katharineum besucht hat, und natürlich (?) der Roman auch um Thomas Manns "Buddenbrooks" kreist. Aber "Unsereins" ist alles andere als ein Thomas-Mann-Enthüllungswerk, vielmehr wird die Stadtgesellschaft zur Gänze in den Blick genommen. Und die umfasst auch Dienstpersonal, Angestellte, Handwerker*innen, Arbeiter mit einem besonderen Schwerpunkt bei den weiblichen Bediensteten. Das Dienstmädchen Ida Stuermann, im Hause der Lindhorsts tätig, wird besonders oft dargestellt. Und dem Ratsdiener Isenhagen begegnet man als Konstante im gesamten Roman. So malt die Schriftstellerin nach und nach ein historisches Sittenbild. Malt deshalb, weil Mahlke einer wie mir, die das Visuelle so braucht, genug Anlässe bietet, Bilder im Kopf zu entfalten. Schon die Eingangsszene, als Drohnenaufnahme eines Regentropfens, der auf die Stadt niederfällt, war filmreif inszeniert. Das war mir beim Lesen "Plehsier", wie das bei jenem Isenhagen so schön heißt. 

Aber auch Politik und soziale Differenzen sind präsent, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Exemplarisch sei an dieser Stelle der dauerhafte Konflikt über den Ausbau der Kanalisation und von WCs, der aus hygienischen Gründen angestrebt wird. Das wird allerdings von den ortsansässigen Gärtnereien abgelehnt, die mit ihren Karren den Inhalt von Abtrittkästen und Nachttöpfen als Dünger straßenweise abholen und ihr Geld damit machen. Mit Klarnamen geht auch der Sozialdemokrat, Gewerkschafter & Reichstagsabgeordnete Theodor Schwartz in die Erzählung ein. 

Ebenfalls mit richtigem Namen spielen Otto Grautoff, der Schulfreund des Lübecker Nobelpreisträgers, die Malerin Maria Slavona, geborene Schorer, und ihr Liebhaber Willy Gretor, Fanny Gräfin zu Reventlow mit und natürlich tritt Thomas Mann auf ( letzterer unter Tomy, der Pfau ) und im Kapitel über das Jahr 1906 als etwas arroganter Jungschriftsteller. Andere Figuren haben ihre Entsprechungen in den "Buddenbrooks", so Friedrich Lindhorst, mit Moritz Hagenström in Manns berühmten Roman korrespondierend, der wiederum seinerzeit vom realen Emil Ferdinand Fehling inspiriert worden ist. Fehling war mit Ada verheiratet, der einzigen Tochter des Dichters Emanuel Geibel ( in "Unsereins" firmiert der unter dem Namen Keitel ) und jene reale Ada gibt der Autorin die Vorlage für Marie Lindhorst, die Frau Friedrichs, ab.

Wie überhaupt die Frauenfiguren aller Schichten in "Unsereins" Aufmerksamkeit erhalten: Das Dienstmädchen Ida Stuermann, das ihrem Dienstverhältnis durch Stenografie-Kurse zu entfliehen sucht ( vergeblich ), die Stieftochter des Wasserbaudirektors Schilling, Henriette, die eine neue, freiere und unabhängigere Denkweise entwickelt und wagt einen anderen Weg dank ihres Erbes und ihres schriftstellerischen Talents einzuschlagen als den für eine höhere Tochter vorgesehenen. Gerade jener Wasserbaudirektor schwängert sein Dienstmädchen Hilda, die daraufhin ins Wasser geht. Von Missbrauch kein Wort im Roman und doch ist in einer stilistischen Verknappung alles gesagt.

Eine stringente Handlung im herkömmlichen Sinn gibt es nicht ( es gibt auch Exkurse nach Japan, die mich etwas gestört haben ), und dementsprechend drängt auch nichts zu dem einen dramatischen Höhepunkt. Spannende Episoden fand ich dennoch. "Unsereins" ist auch kein klassischer historischer Roman, in den sich ein Leser/Leserin hineinfallen lassen kann. Die vielschichtige Komposition mit ständigem Personal- und Perspektivenwechsel und Dialoge jenseits der Geschwätzigkeit fordert ein konzentriertes Lesen, ist aber auch sehr unterhaltsam. Und je näher man dem Ende kommt, schleicht sich immer mehr Melancholie ein: Da geht eine Zeit unter mit dem Tod der Mutter der Lindhorst-Kinder. Leseempfehlung!



Klar, dass anschließend zu den "Buddenbrooks", ein Lesezirkel -Exemplar von 1957 in unserer Bibliothek, gegriffen wurde, denn der Roman, einst im jugendlichen Lesewahn verschlungen, war nicht mehr präsent. Ich wollte es also noch mal wissen. 

Ich kann mich nicht erinnern, dass mich die Figur der Tony beeindruckt hat ( in der Verfilmung von 1959 war das vor allem die Schönheit von Nadja Tiller als Gerda Arnoldsen). So am Ende eines Lebens, in dem frau sich auch viel mit feministischen Themen beschäftigt hat, stellten sich mir die Nackenhaare beim Lesen immer mal hoch, wie doch auch damals in bürgerlichen Kreisen wie sonst beim feudalistischen Adel die jungen Frauen - in diesem Falle Tony Buddenbrook - "verschachert" wurden. Eigentlich ist diese junge Frau in ihrer Art mir ganz nah & sympathisch, und es machte mich traurig, wie sie sich immer selbst abwertet ( "ich dumme Gans" ). Aber das ist ja  auch heute immer noch weit verbreitet unter uns Fraulück. 

Dabei entstehen ihre "Fehler" doch immer nur, weil sie den Erwartungen ihrer Familie nachkommt. Sie zeigt ein gutes Einfühlungsvermögen gegenüber dem Bruder, den sie oft besser kennt, als er sich selbst, und der an seinem Rollenverständnis & Leistungsanspruch letztendlich ja auch zugrunde geht. Sachverstand bzw. die Fähigkeit, sich in Sachverhalte gut einzuarbeiten, legt Tony auch an den Tag.  Und zupackend & sorgend ist sie zudem und hat das Vermögen, unangenehme, schlechte Dinge ihre Seelenruh nicht vergiften zu lassen. Nur ihr latenter Antisemitismus - der allerdings, finde ich, sehr leise daherkommt und in den von Standesdünkel geprägten Geist ihres Milieus verpackt ist -  störte die Identifikation  manches Mal.

Die Melancholie, die ja doch den ganzen Roman durchzieht, entsprach der eigenen, gewachsenen Lebenserfahrung. So eine erschöpfte Leistungsgesellschaft! Diese Diskrepanz zwischen Pflichterfüllung und eigener Vitalität und dem Wunsch nach mehr Lebensfreude & -genuss - mein ganz & gar eigenes Lebensthema! So richtig, richtig klar geworden ist mir das in meinem Lebensherbst nach dem großen persönlichen Verlust. Fremd geblieben ist mir die Vorstellung, dass nur körperliche Gesundheit mit Willenskraft und wirtschaftlichem Erfolg einhergehen kann, und von daher auch die im Roman beschriebene Sentenz, als Thomas Buddenbrook seine erfahrene Schwäche mit einer Neigung zur Mystik verbindet. Toll hingegen die Beobachtungen des Jungen Hanno, wie sich das Gesicht des Vaters je nach Rolle verändert. Klar, dass Hannos Skepsis gegenüber dem väterlichen Lebensmodell wächst. Sein Tod war irgendwie folgerichtig, aber trotzdem sehr erschütternd.

Für einen Teenager, der ich bei meiner ersten Lektüre war, liegt die Frage der Vergänglichkeit nicht grade auf der Hand. Meine Leseerfahrung bestätigte also wieder einmal die These, dass jedes Buch je nach Altersstufe unter ganz anderen Blickwinkeln wahrgenommen wird. 

Das maximale Pathos wie die subtile Ironie, die der damalige Mittzwanziger Thomas Mann in diesem Roman an den Tag gelegt hat, ließen mich dennoch immer wieder griemeln, was einen gut Teil zum Lesevergnügen beigetragen hat. Dazu die vielen Redewendungen und die Zitate, die mein lieber Herr K. auch immer auf den Lippen hatte ( "Kurze Haare sind bald gekämmt" z.B. ), die wohlige Erinnerungen weckten. Der Roman hat mir viele schlaflose Stunden versüßt, die ich wegen der Tropennächte in der zweiten Hälfte des Junis verbracht habe.


Zwischendurch habe ich immer wieder ein Kapitel  ( fünfzig sind es insgesamt ) in "Ein Sommer mit Goethe" des Literaturkritikers der SZ, Gustav Seibtgelesen, wenn ich mal spontan auf der Terrasse eine kürzere Pause ohne Baustellenlärm einlegen konnte. 30 Minuten, so schlägt es der Autor selbst vor, solle man jedem Kapitel widmen. Ein Experiment, das kein ödes Bildungspäckchen zu sein braucht, finde ich! Manche habe ich mir sogar laut vorgelesen und das mit Vergnügen.

Das  Buch fängt auch gleich gut an mit der Ballade "Der Schatzgräber" und seinem "Tages Arbeit! Abends Gäste! / Saure Wochen! Frohe Feste!". Da hat der Meister kurz und bündig so eben mal die heute in Verruf geratene Work-Life-Balance beschworen, die uns der Kanzler ja so verleiden will, und von der ich mir im Rückblick auf mein über siebzigjähriges Leben deutlich mehr gewünscht hätte.

Immer wieder schafft es Seibt aufs Neue, den ollen Dichterfürsten an Aktualität gewinnen zu lassen: "Verständige Leute kannst du irren sehn,/ In Sachen, die sie nicht verstehn." Ja, auch vor über zweihundert Jahren spaltete sich die Gesellschaft, lagen auch ganze Familien im Zwist miteinander, weil sie dramatisch politisierten und simplifizierten und damit völlig sachfremd Energien freisetzten, also ein wahres Affektregime installierten. Dass das apokalyptische Ausmaße annimmt, ist also keine "Erfindung" unseres quadranscentennial der social media also.

Ach ja, auch die "eigentlich geistlose(n) Menschen, [...] welche auf die Sprachreinigung mit so großem Eifer dringen" kriegen im Kapitel "Geistloser Purismus" ihr Fett weg. Doch es sind nicht nur die Zeitbezüge, die den Wert dieses Buches für mich ausmachten, nicht der bildungsbürgerliche Vollrausch der mir gefallen und mich öfter auch zum Schmunzeln, wenn gar lautem Lachen animiert hat. Es hat mich erinnert, was ich aus dem Deutschunterricht meiner Schulzeit an Anregung & Persönlichkeitsbildung mitgenommen habe ( da war also nicht nur Frust & Gängelei, was meinen Rückblick schon mal verstellt ). Goethe  bzw. sein Werk gehörte unbedingt dazu, der mich in meiner sinnlichen Wahrnehmung der Welt & der Freude an schöner Sprache gefördert hat. Und nun? Auch zum Alter hat er mir was zu sagen, diesem "neuen Geschäft", welches  auch ich angetreten habe, und dem niemand uneingeschränkt "Herein!" sagt:

Ich neide nichts, ich lass' es gehn
Und kann mich immer manchem gleich erhalten;
Zahnreihen aber, junge, neidlos anzusehn,
Das ist die größte Prüfung mein, des Alten.


Nach so viel philosophischen Simelierens war mir nach Amüsement, und das garantiert mir, scheint's, inzwischen  Christine Wunnicke. "Selig & Boggs. Die Erfindung von Hollywood" von 2013 lag hier bei mir "auf Halde" und führte mich literarisch in eine Zeit, in der Hollywood achthundert Einwohner& keine Lichtspiele hat und eine Straßenbahnverbindung, die zwei Stunden bis nach Los Angeles braucht, aber auch ewigen Sonnenschein. Grotesk - historisch geht es zu, wie ich es an der Autorin mag, faktenbasiert, und doch vor Fantasie schäumend.

Wunnicke wäre eben nicht Wunnicke, wenn ihre Geschichte nicht einen wahren Kern hätte. Und den gibt zuerst einmal der der sechste Gouverneur des Bundesstaates Missouri, Lilburn W. Boggs, ab, der als Mormonenhasser bekannt ist und die Ausrottung derselben befohlen hat. Auf den wird 1842 ein Attentat versucht, das er aber schwer verletzt überlebt. Genau diese Szene versucht nun 1907 sein Enkel Francis W. Boggs als Spielleiter im Selig Poyscope Lichtspielatelier in Chicago nachzustellen & zu filmen. Das unberechenbare Wetter macht ihm immer wieder ein Strich durch die Rechnung, eine Migräneattacke ist die Folge und die Idee, man müsse nach Kalifornien, denn dort hat man immer Palmen, Sonne und damit filmreife Verhältnisse. In den Adern des Francis W. Boggs floss das Pionierblut des Großvaters.

Auch William Nicolas Selig ist eine reale Figur. Wunnicke lässt ihn auf seine Gabe, Menschen glücklich zu machen, kommen, als er Hausmeister in einem Sanatorium in Colfax/Kalifornien ist. Er nutzt die Fähigkeit in Zukunft als Taschenspieler, Zauberer, Chef einer Minstrel- Truppe -  mit eingeschränktem Erfolg treibt es ihn kreuz und quer über den nordamerikanischen Kontinent. Als er in eine Kinetoskop-Vorführung mit dem von Edison entwickelten Apparat für bewegte Bilder gerät, sieht er eine bessere Möglichkeit der Menschenbeglückung vor sich. Zunächst wurschtelt er sich aber noch durch mit einem Fotoatelier, bis er auf den illegalen Nachbau einer Kamera der Gebrüder Lumière stößt: Das ermöglicht die Geburtsstunde eines der ersten amerikanischen Filmstudios! Und weil Boggs seinen Chef überzeugen kann, werden die Beiden die Grundlage für die Filmindustrie schaffen, indem sie ein Studio an der Westküste in Edendale in der Nähe von Los Angeles etablieren und den Film "Der Graf von Monte Cristo" produzieren.

Auch weitere verbriefte Personen wie der Chicagoer Wurstfabrikant & Seifenhändler Philip Danforth Armour kommt vor, der Selig Anwälte finanziert, als Edison den auf seine Patentrechte hin verklagt. Ebenso Armours "Gegenspieler", der Schriftsteller Upton Sinclair, der in seinem Roman "Der Dschungel" die Zustände in den Chicagoer Wurstfabriken sowie das Leben armer Einwanderer beschrieben hat. Den Shakespeare-Darsteller Hobart Bosworth, dessen Stimme kaputt ist und der daher beim Stummfilm besser aufgehoben ist ( und nebenbei den Western erfindet, ) gab es wirklich. Auch Boggs Ehefrau, May Hosmer, ist echt. Und last not least der Japaner Frank Minnimatsu, der Boggs auch in der Realität erschossen hat und lebenslänglich in St. Quentin einsaß, spielt eine Rolle. Und all das und noch viel mehr verwebt die Autorin vermittels ihrer farbigen, manchmal auch lakonischen Sprache und mit der ihr eigentümlichen, abstrusen Fantasie zu einer ganz kurzweiligen Geschichte, die in meinem Kopfkino - natürlich! - Filmszenen wie aus dem Stummfilm generiert hat, genauso drollig & verschroben.

Ach, ja: Ich vergaß Seligs Tiere! Wir kennen ihn alle, seinen Löwen! 1928 durfte der, alt und schwerfällig geworden, vor der eigens eingerichteten Kamera zweimal brüllen und wurde das Signet von Metro Goldwyn Meyer. 


Auch in meinem nächste Buch, Daniele Del Giudices Roman "Das Land vom Meer aus gesehen" bietet eine reale Person den Anlass für das Buch:

"Zwischen den beiden Weltkriegen spielte in der Drei-Kulturen-Stadt Triest ein Mann eine wichtige Rolle, dessen Wirken bis heute zum Mythos jener Literatur gehört: Roberto 'Bobi' Bazlen, unermüdlicher Streiter für Svevo, Saba und Montale, nach dem Zweiten Weltkrieg einer der wichtigsten Fürsprecher auch der deutschen Literatur in Italien. Er war der begabteste, belesenste und geheimnisvollste Autor der Triestiner Bohème – und hat doch nie ein Buch geschrieben."

So der Klappentext und die Leserin macht sich mit dem Protagonisten auf, Spuren dieses Mannes aufzusuchen. Ja, das Buch ist quasi ein Weg, und schon zu Beginn läuft man einen Kilometer über die Gleise, denn der Zug nach Triest ist wegen eines technischen Schadens liegen geblieben. Es geht zunächst um Brücken, dann Buchhandlungen & Bibliotheken in der Stadt und schließlich in ein Krankenhaus. Aber die dort untergebrachte, von Bazlen einst so wohlwollend beschriebene junge Frau mit den beeindruckenden Augen ist dement, aus der ist nichts herauszukriegen.

Man muss sich einlassen, auf die Art des Erzählers, der wohl das alter ego Del Giudices ist, nämlich gleichzeitig makellos und irgendwie unbeholfen. Tadellos in seinem bedachten, unerbittlichen Schreibstil mit vielen interessanten Bildern ( "Die Worte kommen heraus wie der Kuckuck aus der Kuckucksuhr." ) Äußerlich wirkt er sicherlich nicht linkisch, zeigt allerdings Anzeichen einer metaphysischen Unbeholfenheit: Er trägt wohl ein Gefühl mit sich, dass das Leben ein Durcheinander ist, voller Brüche, und er ist voller Zweifel. "Das einfache Vorübergehen ist eine höchst komplexe Kunst", findet er. Das beständige Suchen scheint also ein Wesensmerkmal zu sein.

Der Erzähler versucht zunächst in Triest die ihn am meisten quälende Frage beantwortet zu bekommen: "Ich bin hier, um zu verstehen, warum ein Schriftsteller nicht schreibt." Diese Frage stellt er seinem jeweiligen, von ihm aufgestöberten Gegenüber. Das erweist sich als zunehmend schwierig, ähnlich wie das Verständnis für Bazlens Persönlichkeit, ein schüchterner, unnahbarer und schwer fassbarer Intellektueller, der aber viele soziale Beziehungen hat. Nach und nach wird ihm klar, wie sehr Bazlen zwar ein Freund des Schreibens gewesen ist, aber keiner der schreibt. Je mehr der junge Mann über ihn herausbekommt, desto weniger Interesse hat er dann aber auch an einer Enttarnung von dessen geheimnisvollem Leben.

Im Verlauf der Geschichte wird es Sommer, und es tritt der Augenblick ein, in dem der Erzähler überhaupt nicht mehr neugierig auf die Stadt ist und nach London fliegt, wo die Freundin Bazlens lebt, die einst vor den italienischen Rassegesetzen aus Triest geflohen ist. Bedeutsam wird dabei - so deutet es auch der italienische Romantitel "Lo stadio di Wimbledon" an  - das Stadion von Wimbledon, ein Ort, der ihn mit ungelösten Zweifeln zurückkehren lässt. 

"Diese Entdeckung war dann nichts anderes als der Anfang, nach dem ich gesucht hatte. Ich möchte eine gewisse Trägheit bewahren, mit kleinen, unverzichtbaren und ausreichenden Anstößen." Sind es also nicht diese Spuren der komplexen Wirklichkeit, die uns bereichern und eine Weiterentwicklung erst möglich machen? Übrigens wurde Del Giudice ebenfalls zu einem Schriftsteller, der immer weniger geschrieben hat. Ein sehr intellektuelles, mitunter poetisches Buch.

Wohnen hat mich auch mal sehr beschäftigt...


Ich bin dann quasi lesend mit meinem nächsten Buch an der Adria geblieben, zumindest teilweise, denn "Verlangen" von Jeanette Winterson spielt u.a. auch in Venedig. Es ist ihr zweiter Roman gewesen, der ihr auch gleich ihren zweiten Literaturpreis eingebracht hat und heute als Klassiker der britischen Literatur im 20. Jahrhundert gilt. Es ist ein Buch über die Liebe in den Zeiten Napoleons. Und wie bei der Autorin schon mal üblich werden historische Fiktion, magischer Realismus gerne mit einer tüchtigen Prise Queerness gemixt. Das erinnert doch ein bisschen an die Mischung bei Wunnicke. Winterson ist aber sprachlich ganz anders gestrickt: bei ihr steckt der Witz oft in der Beschreibung von grotesken Szenen à la Shakespeare.

Im ersten Teil des Romans dreht sich alles um das junge Landei Henri und den Feldherrn Napoleon Bonaparte, der ihn für sein Heer hat rekrutieren lassen. Doch statt zum Trommler wird Henri, da etwas schmächtig, zu demjenigen gemacht, der Napoleon zu jeder möglichen Stund den gewünschten gebratenen Hühnervogel serviert, weil er den recht kleinwüchsigen Herrn nicht überragt. Henri ist regelrecht verliebt in seinen Herrn, doch der hat nur seine Josephine im Kopf ( er beneidet sie darum ) und seine Kaiserkrönung. Ansonsten beschreibt Henri in seinem Tagebuch das soldatische Treiben, besonders das sinnlose Flottenmanöver am Ärmelkanal, welches den Meerjungfrauen jede Menge Ehemänner zuführt und sonst gar nichts erreicht sowie seine Beobachtungen als Diener bei Hofe. Henri erträgt wider bessere Erfahrung so wie die französische Landbevölkerung die Tatsache, dass fünfzehn Jahre, nachdem der Adel zum Teufel gejagt worden ist, wieder eine entsprechende Führerfigur installiert wird. 

Dieser Teil endet mit etlichen metaphysischen Erfahrungen und dem Neujahrstag 1805, an dem Henri zwanzig wird und der Schauplatz wird gewechselt: Venedig!

Dort trifft die Leserin auf Villanelle, die mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen geboren wird, was sonst Bootsmännern vorbehalten ist. ( Winterson erzählt die Mär davon sehr anschaulich & erschöpfend. ) Verkleidet als Mann arbeitet sie im Spielcasino & als Taschendiebin. Sie liebt es durch die Kanäle zu kreuzen, und die Autorin entwirft wortgewandt jenes prächtige wie sumpfig - marode Venedig, dem auch mein Herz gehört. "Dein Lehrgang im Kompasslesen wird dir nichts nützen", wirft sie ein, während Villanelle philosophierend durch das Dunkel gleitet, angestiert von lauter merkwürdigen Wesen unbestimmter Natur. In einer besonderen Nacht, als anlässlich des Geburtstages von Bonaparte ein Fest auf der Piazza San Marco- laut ihm der schönste Salon Europas - gegeben wird,  kommt an ihre Spielbude eine Frau mit grünen, goldgetupften Augen und gewinnt. Offenbar auch Villanelles Interesse. Doch in dieser Stadt entschwindet alles lautlos. Und bald wird die junge Frau verzehrt von einer ungeahnten Sehnsucht.

Natürlich treffen die Zwei wieder aufeinander, wir befinden uns ja in einer Art Märchen, entdecken Lust & Leidenschaft. Doch die schöne Unbekannte teilt mit ihrem Mann, was sie mit Villanelle nicht zu teilen vermag. Die, überzeugt, Herrin ihres Herzens zu sein, steht plötzlich mit einer Leere in ihrer Brust da.

Einen Zeitsprung ins Jahr 1812 vollzieht Winterson im dritten Teil ihres Romans, der die Leserin schlussendlich bei der französischen Armee im russischen "Null-Winter" landen lässt. Henri lebt unter lauter herzlosen Männern, denn nur so bleibt all die widersinnige Grausamkeit dieses Feldzuges erklärbar, und er entscheidet sich zu desertieren. Sein Freund Patrick, ein irischer Priester, will ihn begleiten. Bei diesem trifft Henri auf Villanelle, die von ihrem Ehemann an General Murat verkauft worden und die Hure der hochrangigen Militärs geworden ist. Auch sie schließt sich ihnen an und ermöglicht durch ihre Sprachkenntnisse, dass die Drei bzw. später nur sie & Henri sich ohne Feindseligkeiten der Eroberten monatelang durch die unterworfenen Länder Europas bis nach Venedig durchschlagen können. Henri liebt sie, doch tiefgehender mag Villanelle sich nicht einlassen, kann ihn aber bewegen, ihr gestohlenes Herz aus dem Haus ihrer Geliebten in Venedig zu stehlen.

Winterson ergibt sich immer mehr der Faszination und Verzauberung durch die Serenissima hin, und die folgenden Schilderungen flirren wie Spiegelungen über der Lagune, nicht immer war für mich alles nachvollziehbar. Aber da diese Stadt auch meine Sinne über die Maßen stimuliert hat, konnte ich mich darauf einlassen und selbst in das Ende der Geschichte einwilligen und mir Henri gärtnernd auf dem Felsen von San Servolo, wo das Manicomio der Stadt angesiedelt ist, mit einer sanften Abgeklärtheit gutheißen. Ein sehr eigenwilliges Buch!


Literarisch ging es zurück ins Jahr 2022: François-Henri Désérable und sein Buch "Eine verfahrene Welt - Meine Reise durch den Iran" ( frz. "L'Usure d'un monde" ) wurde dem Stapel vor dem Bücherregal entnommen. Zu diesem Reiseunternehmen, von dem ihm amtlicherseits dringend abgeraten wird, hat den Schriftsteller "das Reise-Evangelium nach Nicolas", also "Die Erfahrung der Welt" von Nicolas Bouvier aus dem Jahr 1953, animiert. Die Lektüre desselben als 25jähriger hat bei ihm eine solche "Explosion" ausgelöst, die seine Sicht auf die Existenz in gewisser Weise geprägt hat, so dass er beschließt, dieselbe Reise einmal nachzutun. Es ist gelinde gesagt, kein günstiger Zeitpunkt für den Besuch eines Ausländers in der Islamischen Republik, der sich (zu) viele Notizen macht und - vorsichtiger - einige Fotos schießt: "Sie könnten mein Telefon noch so gründlich durchsuchen, sie würden nur Blau sehen" ( so viel zu Isfahan ). Denn es sind nur wenige Wochen vergangen nach Jina Mahsa Aminis gewaltsamen Tod. Zwei Monate kann er zwischen Teheran und Zahedan an der Grenze zu Pakistan und zurück bis Täbris  und weiter bis Kurdistan verbringen, wo ihn die iranischen Ordnungskräfte schliesslich auffordern, das Land sofort zu verlassen.

Dieses im Jahr darauf veröffentlichte Buch hat er zunächst nicht zu schreiben geplant. Seine Notwendigkeit hat sich im Laufe der Reise ergeben, denn Désérable war beeindruckt von den Menschen und ihrem Mut, trotz all ihrer Angst. "Ich musste diese iranischen Stimmen aufschreiben, das konnte zu diesem Zeitpunkt nur ein Schriftsteller tun", hat er sich gesagt, nachdem er die geschlossene, repressive, totalitäre soziopolitische Ordnung im Land erfahren hat im Umgang mit verschiedenen Iraner*innen.

Was dabei herausgekommen ist, ist keine journalistische Reportage, sondern eine subjektive Erzählung, sprunghaft, dynamisch und mitreißend, wie es so Désérables Art ist, der mir auch immer wie ein literarischer Abenteurer vorgekommen ist. In diesem Buch ist er ein ganz ernsthafter Liebender, der das Bild eines märchenhaft - widersetzlichen, tapferen Landes und seiner Bewohner als Souvenir nach Europa gebracht hat.

Auf das Buch der Basler Lyrikerin & Schriftstellerin Julia Rüegger hat mich Hans - Josef Ortheil in seinem Blog gestoßen. Und da ich Max Frisch mag und seine Fragebogen, habe ich mir "Sind ihre Wunden gut verheilt" gleich besorgt. In dem greift sie Frischs Idee auf und hat, aufgeteilt in elf thematische Kapitel, jeweils 25 Fragen aufgestellt - für mich eine Art "Mitmachbuch", das ich an einem der überhitzten Abende gegen Ende des Monats sozusagen ausgefüllt habe. Viele Anstöße zum Simelieren & Bilanzieren wie der Selbsterkenntnis - und das hat mir Spaß gemacht.

Wie ich zu diesem Buch gekommen bin, mag ich nicht mehr zu sagen ( wahrscheinlich über den "Perlentaucher" ): Mira Magén "Wodka und Brot". Auf jeden Fall war ich gleich mittendrin im Roman mit der Eingangsszene, als in der Nacht an die marode Hintertür des Hauses gehämmert wurde und die Bewohnerin sämtliche Horrorszenarien im Kopfkino abspult. Schließlich öffnet sie doch und eine schmutzige, dunkle, zierliche Gestalt fällt ihr entgegen, nur das Wort "Wasser" auf den Lippen. 

Die Bewohnerin, das ist Amia, Mutter eines Kindergartenkindes, gelernte Betriebswirtin, jetzt Betreiberin eines Lebensmittelladens, den einst ihre Eltern, Überlebende des Holocausts, geführt hatten. Ihr Mann Gideon, zuvor ein erfolgreicher Strafverteidiger, hat sich eine Auszeit am Roten Meer genommen und fischt dort, um den Kopf leer zu bekommen. Amia hat deshalb die Wohnung in Tel Aviv verlassen und dieses einfache Haus, an einem Ort, "wo die Dächer niedrig waren und der Himmel hoch", gemietet. Ihr Vermieter, im Haus gegenüber lebend, ein Misanthrop, beobachtet sie stetig hinter seinen geschlossenen Rollläden und tritt ihr & dem kleinen Sohn, wenn überhaupt, garstig, missgelaunt & angsteinflössend gegenüber. Dann ist da noch Madonna, die "kleine russische Hure", so bezeichnet sie sich selber, heißt aber Rivka, die die ihr ins Haus gefallen ist und es immer wieder ohne Vorankündigung tut und ihr bei einem Besuch den Hund Wodka mitbringt. Und schließlich gibt es noch Amos, der Sohn des alten Levi, der seinen Weg gefunden hat, nachdem ihm das tragischste aller tragischen Schicksale, widerfahren ist.

"Die Szene eines Fremden ist das beste Mittel, dich von deinen eigenen Szenen abzulenken", heißt es im Buch, und ich habe diese Gelegenheit gerne ergriffen und bin eingetaucht in dieses Leben und habe neben den ganz persönlichen Geschichten auch sehr viel über das ( extrem, finde ich ) heterogene gesellschaftlich - religiöse wie politische Miteinander in Israel mitbekommen ( veröffentlicht wurde der Roman allerdings schon 2010 ). Eine zerrissene Gesellschaft ohne festen Boden!

Wie sich Amia mit ihrer Menschen zugewandten Art durch lauter Zufälle in ein neues soziales Netz aus lauter Außenseitern, die ihr Päckchen zu tragen haben, "einwebt", hat mich fasziniert, auch die Art des kleinen Nadav, an den ständigen Wechselfällen in seiner Umgebung Anteil zu nehmen und sich dennoch immer wieder durch seine kindliche Neugier & Begeisterungsfähigkeit mitreißen zu lassen. "Wer für Kinder Blickfelder erschuf, hatte an alles gedacht." Und während Amia sich in die fremden Geschicke verwickeln lässt, entschwindet ihr der Mann, den sie doch so liebt, konkret und durch die Athrophie, an der er erkrankt ist.

Magén weiß innere Monologe mit ihrer ganzen Dichte so aufzuschreiben, dass ich in mir die Verzweiflung, die Angst spüren kann. Danach, später, gibt die junge Frau dann immer wieder eine "Vermögenserklärung" gegenüber dem ab, an den sie eigentlich nicht glaubt, zu dem Spiel, das man Leben nennt und konstatiert, dass sie "genug Geschicklichkeit und den Wunsch, es richtig zu spielen" hat. "Am Mittag hatte ich das Ende der Welt gesehen, und in der Nacht sah ich eine endlose Welt." Dieser Umgang mit den Zumutungen des Menschseins, machte mir diese Romanfigur so sympathisch. So bitter das Ende ihrer Geschichte auch ist, so viel Vermögen steckt in dieser Frau, genau dieses Leben zu leben, es so leicht zu nehmen "wie ein Koffer mit acht Unterhosen und sechs dünnen Kleidern"  und die Abende nur mit dem Himmel zu teilen. Und diese Lebensphilosophie ist eine, die auch mich inzwischen trägt. 

Ich werde sicher auch noch andere Bücher der Autorin lesen, so viel hat mir dieses Buch gegeben.


Ich bin sehr zufrieden mit diesem Lesemonat, den ein solch divergentes Wetter mir beschert hat. Alleine vier dicke "Schmöker" hat er mir geschenkt, alte, geschätzte Bekannte und neue dazu, Einsichten und Aussichten, lautes Lachen und ein paar Tränen, denen ich die Augenwinkel zugewiesen habe. Was für ein Glück, eine Leserin zu sein!

                                                                              



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