Freitag, 16. November 2018

Von Mistkerlen und Mistkerlen


"Der Kronprinz mag ein Mistkerl sein, 
aber er ist unser Mistkerl."

Das hat am Dienstag dieser Woche Jörg Lau in einem Kommentar in der "Zeit" über den saudischen Kronprinzen geschrieben und mal wieder die Doppelmoral westlicher Politik zum Thema gemacht. Denn die Vereinigten Staaten bzw. ihre Regierung sind in dieser Woche zu dem Schluss gekommen, Mohammad bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien, wegen des Kashoggi - Mordes vorerst nicht weiter zu bedrängen, dafür sämtliche Sanktionen gegen den Iran wieder aufzunehmen, die vor drei Jahren nach dem Inkrafttreten des Atomabkommens ausgesetzt worden waren.

Es ist für mich nicht nachzuvollziehen, warum der eine Schurke schurkiger als der andere ist: 

Der Iran unterstützt Diktator Assad im Krieg gegen sein eigenes Volk und bedroht Israel über die Unterstützung der Hisbollah. Dafür haben die Saudis mit ihren Bomben und ihrer Blockade im Jemen die wohl größte derzeitige humanitäre Katastrophe heraufbeschworen und destabilisierten mit ihrem Export eines fundamentalistisch - rückständigen Islams weite Teile der Welt.

Es fällt mir auch schwer, den Unterschied zu sehen zwischen der Demütigung durch die 444 Tage währende Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran durch islamistische Studenten 1979 und der Demütigung durch den Angriff auf die New Yorker Twin Towers am 9. September 2001 mit immerhin knapp 3000 Toten durch Islamisten, die nachweisbar aus Saudi - Arabien unterstützt worden sind. Die alte Geschichte ist bis heute nicht beigelegt bzw. verarbeitet, die neuere scheint keine Rolle mehr zu spielen. Aber der Iran wurde damals nach Nine Eleven als eine Koordinate auf der Achse des Bösen von George W. Bush ausgemacht.

Der Irrationalismus amerikanischer Politiker ist immer schwerer auszuhalten. Es wird Zeit, sich da als Europäer auszuklinken...

Mit entsprechend großer Verwunderung habe ich deshalb auch gelesen, dass Ensaf Haidar, die Frau des inhaftierten Bloggers Raif Badawi, sich immer noch verspricht, den amerikanischen Präsidenten zu einer Fürsprache für ihren Mann bei seinen saudischen Freunden ( und Finanziers ) bewegen zu können. Die Zuversicht bei dieser Frau ist einfach unglaublich!


Das Weiße Haus hat bisher nicht reagiert. Wundert's jemanden?

Friday - Flowerday # 46/18


 Nach zwei Wochen Weiß-Grün 
bei meinem Blumenschmuck im "Winterwohnzimmer" 
war mir nach Herbstfarben - wie bei dieser Chrysantheme...



... und der übrigen wilden Mischung, darunter... 

... diese Euphorbia fulgens mit ihren zierlichen Blüten. 
Ich weiß noch, wie verwundert ich war, 
als ich in meiner Jugend erfuhr, dass sie eine Verwandte des Weihnachtssterns ist.
Aber brecht mal ein Blatt ab: Dann kommt die Wolfsmilch zum Vorschein. 

Die Muschelblume Molucella laevis, auch Irlandglocke genannt, 
hat hingegen kleine, wenig sichtbare "spikes".


Für Helga Holunderbluetchen® - 
aber auch für euch alle, 
die ihr euch noch für meinen freitäglichen Blumenschmuck interessiert - 
die Gesamtschau.
Der Vase zu Füßen liegt ein Fruchtstand der Hanfpalme.

Donnerstag, 15. November 2018

Great Women # 161: Johanna Kinkel

Wenn man in Bonn aufgewachsen ist, ist einem Gottfried Kinkel ein Begriff, und sei es nur, weil man am Treffpunkt aller Schüler & Schülerinnen am Hauptbahnhof auch Jungs von der Schule gleichen Namens in Kessenich kennengelernt hatte. Im Geschichtsunterricht rund um das Thema "Märzrevolution" fiel der Name dann auch ( und wenn man aufnahmefähig  und - bereit war, kriegte man mit, dass er aus dem Stadtteil Oberkassel stammte ). Aber dass er auch eine Frau hatte, die beeindruckend war, dämmerte mir erst, als ich an seinem Denkmal das Medaillon mit dem Porträt der Johanna Kinkel entdeckte. Angesichts der vielen Jahrestage rund um unsere deutsche Geschichte, die wir 2018 begehen können, bietet mir das heutige Frauenporträt auch die Gelegenheit, an die vor 170 Jahren zu erinnern... 

Johanna Kinkel kommt am 8. Juli 1810 in der Josefstraße 13 im damals französischen Bonn als Maria Johanna ( Marie Jeanne ) Mockel zur Welt. Ihre Mutter Marianna Lamm ist Bonnerin, der Vater Pe­ter Josef Mo­ckel, Gym­na­si­al­leh­rer für Latein, Deutsch und Naturwissenschaften am Bonner Lycée, ist in Köln geboren. Johanna wird ihr einziges Kind bleiben, da ein Bruder schon als kleines Kind gestorben ist.

Der Vater ist streng katholisch, entsprechend konservativ ist die Erziehung der Tochter. Frühzeitig fällt das musikalische Talent des lebhaften Mädchens auf, das die Eltern zunächst fördern, da sie selbst sich über das gemeinsame Musizieren kennengelernt haben. Als sie zwölf Jahre alt ist, bekommt Johanna Kompositions- und Klavierunterricht beim Kapellmeister Franz Anton Ries, der schon den jungen Beethoven unterrichtet hat. Bonn ist zu diesem Zeitpunkt kein Leuchtturm im Musikleben mehr. Johanna schreibt darüber später:
"Ich bin in einem orthodoxen Lager aufgewachsen und hatte das Glück, daß derselbe Mann, der in seiner Jugend den Knaben Beethoven unterrichtet hat, in seinem späten Greisenalter mein Lehrer ward. Was Wunder, daß mir seit meiner Kindheit der Name Beethoven als musikalischer Gott und Rossini als Antichrist vor der Seele stand." ( Quelle hier )
Als sie drei Jahre später kund tut, die Musik zu ihrem Beruf zu machen, sind die Eltern schockiert und ergreifen Gegenmaßnahmen: Sie schicken Johanna in eine Nähschule und bringen sie in einem Bonner Gasthaus unter, damit sie dort kochen lernt. Johanna ist keine, die sich von ihrem Weg abbringen lässt: Die Kochrezepte, die sie dort erlernt, übersetzt sie in Verse und komponiert dazu passende Melodien, denn im Nebenraum steht das Klavier der Gastwirtskinder.

Nach heftigen Auseinandersetzungen mit den Eltern setzt sie schließlich durch, dass sie weiter Musikunterricht nehmen kann. Der "alte Ries" hat einen Kreis um sich gesammelt, das Bonner Musikkränzchen, aus dem 1829 ein Gesangverein hervorgeht, zu dessen Leiterin und Dirigentin er seine 19jährige Lieblingsschülerin macht. Damit ist die junge Frau in eine rein männliche Domäne eingedrungen. Zu Karneval schreibt sie für den Gesangsverein ihr Opus Nr. 1, die "Vogelkantate - Musikalischer Scherz für fünf Singstimmen mit Klavierbegleitung", die sie nach Aufmunterung durch ihren Lehrer 1830 veröffentlicht. Bis heute erfreut sich das Werk großer Beliebtheit.

Bonn vom Venusberg aus gesehen
Warum die 22jährige am 13. Oktober 1832 den sieben Jahre älteren Kölner Musikalien- und Buchhändler Johann Paul Mathieux heiratet, ist angesichts ihres offensichtlichen Strebens nach Unabhängigkeit rätselhaft. Hat sie dem Druck des Elternhauses überstürzt nachgegeben - sie ist für damalige Zeiten schon ein "altes Mädchen" - oder sieht sie in der Ehe eine Chance, den elterlichen Bevormundungen zu entrinnen und mehr Zeit für ihre Musik zu gewinnen?

Wie an einer späteren Bemerkung gegenüber ihrem zweiten Ehemann zu entnehmen ist, ist ihr der Heiratsantrag von Mathieux ganz gelegen gekommen, "weil er der genießbarste unter den miserablen war." Sie scheint sich aber getäuscht zu haben in dem nach Außen sich gebildet gebenden, frommen Mann, der sich anscheinend bewusst verstellt hat, zeigt sich doch bald, dass er in Johanna "eher Grau­en als Zu­nei­gung" zu er­weck­en vermag.

Nach sechs Monaten holen die Eltern ihre psychisch und physisch kranke Tochter zurück nach Bonn. Ein ärztliches Gutachten spricht von "Nervenzerrüttung mit Auszehrungsfieber, veranlasst durch Misshandlungen vermittels ausgesuchter Quälereien". 

Sie selbst wird später ihre erste Ehe bezeichnen als "die Geschichte von tausenden meiner Schwestern und das notwendige Resultat unserer sozialen Zustände. Unzählige Frauen gehen an ähnlichen Verhältnissen zu Grunde, indes von einer ganzen Generation kaum eine den Mut hat, sich loszureißen, um ihr besseres Selbst zu retten." Johanna hat damals schon andere Vorstellungen von einer Ehe, wie sie es später aufschreiben wird: Gleichstellung und Partnerschaft, nicht Unterordnung der Frau - das ist ihr Ideal.

Ölporträt eines anonymen Malers um 1832
Zurück in Bonn ist Johanna erst einmal unfähig unter Leute zu gehen, geschweige sich der Musik zu widmen. Doch je mehr sie sich erholt, desto mehr will sie die Scheidung. Die ist aber nach den geltenden napoleonischen Gesetzen nur einvernehmlich möglich. Mathieux setzt seiner Frau und deren Eltern immer wieder zu und verweigert sich. Die Szenen, die er macht, sind nichts, was die Familie öffentlich machen will.

Geredet wird trotzdem, und als Grund für das Ehezerwürfnis Johannas Emanzipiertheit und ihre Musikleidenschaft angenommen. Da die Eltern aber vorbehaltlos zu ihrer Tochter stehen, gibt es auch solche, die schlimme Vorfälle in dieser Ehe annehmen. Ein Skandal bleibt die Sache im provinziellen Rheinstädtchen dennoch.

Im Winter 1833 beginnt Johanna dann endlich wieder mit dem Klavierspiel und baut im Jahr darauf den Bonner Gesangverein weiter auf, veranstaltet Konzert- und Theateraufführungen zu wohltätigen Zwecken, so für den Frauenverein, und plant die Aufführung von Opern. Ihr Ziel ist es, das Bonner Musikleben für durchreisende Künstler attraktiv zu machen. Über ihre Schülerinnen findet Johanna Kontakt zu den Bonner Professorenfamilien, die jedoch nach und nach Vorbehalte haben, weil diese es für ihre Töchter "unschicklich fanden im Entree=Conzert eines fremden Musikers zu singen, dessen Herkunft man nicht genau kenne."

Diese provinzielle Enge bietet ihr also künstlerisch alsbald nicht mehr viel. Und so nimmt Johanna 1836 gerne eine Einladung nach Frankfurt an. Doch eine solche Reise alleine anzutreten und einen Reisepass ohne Einwilligung ihres Ehemanns zu bekommen, ist ein unmögliches Unterfangen. Johanna fährt trotzdem, per Schiff, vom Schiffskapitän versteckt, ab Mainz dann im Dunkel der Nacht mit einer Kutsche weiter nach Rödelheim.

In Frankfurt wird sie Dorothea Schlegel vorgestellt, der Witwe Friedrich Schlegels und Tante des berühmten Felix Mendelssohn Bartholdy. Die ist auch erst geneigt, die Musikerin aus Bonn mit ihm bekannt zu machen, nachdem sie Johannas Klavierspiel angehört hat. Dem gleichaltrigen Komponisten spielt sie eine Fuge von Bach und Beethovens Opus 7 vor: "Mendelssohn sagte mir darüber, auch über meine Weise, Beethoven vorzutragen, viel Ermutigendes". Er schlägt ihr vor, in Berlin ihre musikalische Ausbildung fortzusetzen und sich weiter als Pianistin ausbilden zu lassen. Auf Mendelssohns Vermittlung verbringt Johanna auch viele Musikabende im Haus von Georg Brentano.

Von links nach rechts: Felix Mendelssohn Bartholdy, Georg Brentano, Bettina von Arnim, Fanny Hensel, Robert Schumann


Im Herbst des selben Jahres fährt Johanna mit einem Empfehlungsschreiben Brentanos an seine Schwester Bettina von Arnim nach Berlin. Die empfängt sie mit offenen Armen und zeigt sich begeistert von Johannas musikalischem Können.

Weil Bettina Johannas Unterkunft in einem Offiziersheim unschicklich findet, bietet sie ihr schon nach wenigen Tagen bei sich im Raczynskischen Palais Unter den Linden eine Wohnmöglichkeit. Als Gegenleistung soll Johanna den vier Arnimschen Kindern Klavier- und Gesangsunterricht geben - kein einfaches Unterfangen, denn die Gastgeberin pflegt sich in alles einzumischen und Johannas pädagogische Künste ständig in Frage zu stellen. Andererseits bietet dieser Aufenthaltsort der 26jährigen Bonnerin die Möglichkeit, Persönlichkeiten des Berliner Geistesleben wie Fanny Hensel und Emanuel Geibel kennenzulernen, von dem sie Gedichte vertont.

Auf Dauer rauben ihr aber die vielen Anforderungen ihrer Gastgeberin zu viel Zeit, will sich Johanna doch musikalisch weiterentwickeln, und sie reagiert mit Rückzug. Nach fünf Monaten sucht sie sich eine eigene Wohnung und beschreibt ihre biedermeierliche Idylle so:
"Meine Wohnung ist jetzt allerliebst, alle Fenster mit blühenden Weinreben fest bewachsen, draußen im Garten Rosen, Lilien und andere Blumen in voller Blüthe. Dazu Stille und Einsamkeit und der Klang meines kostbaren Flügels, das alles macht mich höchst vergnügt. Wenn ich abends in Gesellschaft bin, so bringt mich meist eine ganze Prozession Damen nebst Beschützern nach Hause, dann gehen sie mit in den Garten oder auf meinen Balkon, und dann spiele ich drinnen Notturnen von Chopin." 
Sie ist ungeheuer produktiv, vertont Gedichte von Goethe, Heine, Kopisch und Geibel sowie von ihr selbst und publiziert ein Liederheft ( ihr Opus 7, allerdings unter geschlechtsneutralem Namen ). Das wird von den Musikkritikern Gottfried Wilhelm Fink in Leipzig und Ludwig Rellstab in Berlin sehr positiv aufgenommen. Auch Robert Schumann entdeckt dieses "Heft sehr wertvoller Lieder" und bittet Johanna um einen Beitrag für seine "Neue Zeitschrift für Musik". Verkneifen kann er sich allerdings nicht eine Prise männlichen Chauvinismus, indem er auf die "weibliche" Art der Komposition hinweist. Johanna scheint auf die einzig richtig Art darauf zu reagieren: Weiterer Kontakt zum gleichaltrigen musikalischen Genie jener Zeit unterbleibt.

Das Königliche Palais in Berlin (1838)
Die zweieinhalb Jahre, die Johanna in Berlin insgesamt verbringen wird, zählen in musikalischer Hinsicht sicherlich zu ihren besten. Im Frühjahr 1839 signalisiert ihr ihr Noch - Ehemann, dass er in die Scheidung einwilligen wolle. Johanna kehrt in ihre Heimatstadt zurück mit der Hoffnung, bald wieder zurück in Berlin sein zu können. 

Doch Mathieux betreibt weiterhin seine Obstruktionspolitik und zwingt Johanna, sich in Bonn einzurichten. Sie nimmt also wieder ihre Leitungstätigkeit beim Gesangsverein auf, agiert aber nun nach dem Vorbild Fanny Hensels und veranstaltet ein Matinee-Konzert einmal pro Woche. Ihr Ansehen in Bonn hat sich inzwischen gewandelt, hat sie doch in Berlin einen imposanten Bekanntenkreis und etliche Veröffentlichungen vorzuweisen.

Auch ihre Fähigkeiten als Pädagogin sind sehr gefragt, die sie später in ihren "Acht Briefen an eine Freundin über Clavier-Unterricht" darlegen wird. Sie hat Freude am Unterrichten von Kindern und fördert diese gerne, was manch anderer, darunter auch ihr alter Lehrer, sehr befremdlich finden. Dazu Johanna:
"Eine neue Anschauung hat so etwas blitzendes frisch-Lebensfunkelndes, drum scheint sie vielleicht dem Pedanten blendendes Wortspiel, während das oftgesagte, steife graulangweilige nach tiefster Gelehrsamkeit schmeckt.
Schließlich organisiert sie wieder Konzerte mit ihren Schülerinnen und Schülern, aber auch eigene Klavierabende und Hauskonzerte zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Anlässen in Bonner Familien.  An einem dieser Abende begegnet sie dem evangelischen Theologen Gottfried Kinkel, einem ehemaligen Schüler ihres Vaters. Der schildert die geistreiche, lebensfrohe Johanna so: "... ich fand einen Geist in ihr, dem nach keiner Seite hin eine Schranke gezogen war, und wir vergaßen die Welt und Zeit in diesem entzückenden Austausch."

Es entsteht eine Freundschaft, man liest gemeinsam Gedichte & Novellen und tauscht sich brieflich über literarische, künstlerische und theologische Themen aus. Man gründet auch gemeinsam einen literarischen Zirkel, den "Maikäferbund", der regelmäßig wöchentlich den "Maikäfer. Zeitschrift für NichtPhilister" herausbringt. Johanna, einzige Frau im Bunde, ist sowohl die Leiterin ( "Direktrix" ) und Seele des Blattes.

Aus der Freundschaft wird allmählich Liebe. 1840 wird Johanna endlich geschieden, konvertiert zum Protestantismus und Gottfried Kinkel löst seine Verlobung mit einer evangelischen Pfarrerstochter. Doch eine Ehe ist immer noch nicht möglich, denn es ist eine dreijährige Wartezeit durch den "Code Napoléon" vorgeschrieben, bevor neu geheiratet werden kann.

Gottfried Kinkel ( um 1850 )
Am  22. Mai 1843 ist es dann endlich so weit.

In der Folge verliert Gottfried Kinkel aber seine Stelle als Hilfsprediger und Religionslehrer sowie die Aussicht auf eine Professur an der Bonner Theologischen Fakultät und Johanna eine ganze Reihe ihrer Schülerinnen - wieder echauffiert sich die "gute Bonner Gesellschaft". 

Angesichts der Attacken gegen ihren Mann und ihrer beider Ehe will Johanna von der Kirche bald nicht mehr viel wissen: "Kann ich den Stifter ohne sie erfassen", so fragt sie sich, "oder nur mit der unsichtbaren Kirche, die aus den gleichgesinnten Geistern besteht, warum soll ich dann den Schlamm und Schutt mit fortschleppen, der sich angehäuft hat?"

Kinkel reagiert darauf, indem er sich ein zweites Mal in Literatur und Kunstgeschichte habilitiert, um eine Professur an der Universität Bonn bekommen zu können, sie, indem sie sich neue Schüler in Köln sucht. Gemeinsam leben sie in der Kinkelschen Wohnung im Poppelsdorfer Schloss, wo ab da auch die Konzerte des Musikvereins stattfinden, der "Maikäfer" weiter herausgegeben wird und zeitgleich ein Haushalt so geführt wird, wie es sich das philisterhafte Bürgertum der Stadt vorstellt. Langsam beginnt man, sich nicht mehr das Mundwerk zu zerreißen.

Es ist Johanna, die die Hauptlast der Unterhaltsbeschaffung trägt, denn ihr Ehemann verdient als Privatdozent nur sehr wenig. Neben den oben erwähnten Tätigkeiten schreibt sie Fortsetzungsgeschichten, die 1849 bei Cotta in einem Sammelband veröffentlicht werden. Sie verfasst Rezensionen des neu komponierten Liedgutes und einen Aufsatz "Das moderne Klavierspiel", der 1844 im "Maikäfer" erscheint und in dem sie analysiert, warum beim Publikum ein gewisser Überdruss am weiblichen Klavierspiel vorhanden ist, hat man doch bei der Unterweisung der Mädchen auf bloße Fingerfertigkeit Wert gelegt, statt qualitätvolle Kompositionen spielen zu lassen. Diese Kunststücke eignen sich nur dazu, "das Publikum in ein dummes Erstaunen zu setzen." ( Wer jemals Klavierunterricht mit Hummel, Czerny, Pixis usw. erhalten hat, weiß wahrscheinlich, wovon sie geredet hat. )

1844 bringt Johanna als 34jährige ihr erstes Kind zur Welt, Gottfried, 1845 Johanna, 1846 Adelheid und 1848 das Nesthäkchen Hermann. Jetzt geht es ihr wie vielen Frauen auch heute noch: "Mein Flügel dient nur noch, um frischgebügelte Windeln darauf zu trocknen. Das darf aber nicht mehr so fortgehen. Nächste Woche will ich ihn wieder aufmachen, denn ich schmachte nach einem Ton Musik." Die Familienarbeit hat also Vorrang. Und sie ist eine den Kindern, ihren Rechten und Bedürfnissen zugewandte Mutter mit für damalige Zeiten unüblichen Erziehungsprinzipien. Dennoch findet sie immer wieder Zeit zu schreiben, zu komponieren, Musikschüler zu unterrichten und den Gesangverein zu betreuen. 

Die größte Veränderung im Leben des jungen Ehepaares bringt aber wahrscheinlich die Politik jener Tage:
Ab 1846 wirkte Kinkel als außerordentlicher Professor für Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Bonn. Zwei Jahre später, 1848, wurde er Redakteur der Bonner Zeitung. Am 31. Mai 1848 gründete er den demokratischen Verein in Bonn. Am 5. Februar 1849 wurde er als demokratischer Kandidat für den Wahlkreis Bonn-Sieg in das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt. Schon bald wurde er – getragen von der allgemeinen politischen Unzufriedenheit – die Symbolfigur derer, welche eine Republik gründen wollten. ( Quelle Wikipedia )
Da sind sich Johanna und ihr Mann einig gewesen: Demokratie bedeutet, dass soziale Missstände aufgehoben und den arbeitenden Klassen mehr Rechte und Bildung gegeben werden müsse. Johanna fordert, dass auch Frauen aktiv die Gesellschaft gestalten dürfen - zumindest verheirateten Frauen wird schließlich gestattet, an Versammlungen teilzunehmen, aber ohne Rederecht. Die progressive Einstellung des Ehepaares kommt in den Bonner Bildungsbürgerkreisen nicht gut an, und wieder einmal verliert Johanna viele ihrer SchülerInnen. Auch der Gesangsverein löst sich 1848 auf. Erneut plagen Geldsorgen die Familie.

Sieben Bonner Professoren ziehen im Mai 1848 als Abgeordnete ins Parlament in der Frankfurter Paulskirche, Gottfried Kinkel ist nicht dabei: Zu sehr dominieren im Rheinland die gemäßigten, eher rechten Liberalen und die Konservativen. Gottfried Kinkel gelangt erst als demokratischer Kandidat für den Wahlkreis Bonn-Sieg im Februar 1849 ein Einzug in ein Parlament, das Preußische Abgeordnetenhaus. 

Johanna muss jetzt nicht nur die Familie alleine "managen", sie tritt auch sei­ne Nach­fol­ge als Chef­re­dak­teu­rin der "Neu­en Bon­ner Zei­tung" an, übersetzt Artikel aus dem "Northern Star" ins Deutsche und verfasst Theater- und Opernkritiken. Auch für Karl Marx Köl­ner "Neue Rhei­ni­sche Zei­tung", schreibt sie, lehn­t aber ei­ne dau­er­haf­te Mit­ar­beit als Über­set­ze­rin ab. In ih­ren Ar­ti­keln und po­li­ti­schen Kampf­lie­dern ruft Johanna immer wieder zur Ver­wirk­li­chung so­zia­ler und po­li­ti­scher Re­for­men auf und for­der­t die Ver­tei­di­gung der Er­run­gen­schaf­ten der Re­vo­lu­ti­on. 

Im Som­mer 1849 ge­rät Gott­fried Kin­kel wäh­rend des ba­di­schen Auf­stands, den er aus Loyalität, in der Sache aber kritisch unterstützt,  in preu­ßi­sche Ge­fan­gen­schaft und wir­d zu le­bens­lan­ger Fes­tungs­haft ver­ur­teilt. Seine Bonner Professur ist er damit los, und Johanna gezwungen, die Wohnung im Poppelsdorfer Schloss zu verlassen und mit ihren Kindern zu ihren Eltern zu ziehen. 

Ihre scharfe Kritik an den Missständen ihrer Zeit und der Tatenlosigkeit ihrer Mitbürger in ihren Zeitungsartikeln bringt sie immer wieder ins Kreuzfeuer der Gegner der demokratischen Bewegung, es wird gegen sie gehetzt & Unwahrheiten verbreitet, so dass sie auch ihre allerletzten Klavierschülerinnen verliert.

In ihrem aus fünfzehn Artikeln bestehendem Wörterbuch "Babylonische Sprachverwirrung" hält sie ihren Mitmenschen einen Spiegel vor. Im ersten Artikel charakterisiert sie "Die Gutgesinnten" so: "Damit meint man in der Octroyierungssprache diejenigen, welche Feigheit und politische Indifferenz genug besitzen, um ohne Widerrede jede Regierungsmaßregel ergehen zu lassen. Sie gehören zur Klasse der Amphibien, lesen das Wochenblatt und besuchen die Erholungsgesellschaft."

Immer lauter wird die Kritik an Johanna Kinkel, und immer heftiger. Sie entgegnet darauf mit einem Zeitungsartikel:
"Nachdem man mir nun jetzt systematisch die Möglichkeit abgeschnitten hat, in meinem eigenthümlichen Fach zu arbeiten – […] nun will man mich durch Schmähungen von der neuen Bahn zurückschrecken, auf der ich meine Kräfte versuche. Nein: Man hat mich in diese Bahn hinein genöthigt, und nur die Nothwendigkeit entfernt mich wieder aus ihr. Man hat mich selbst die Berechtigung des Proletariats praktisch begreifen gelehrt, und hätte ich es nicht schon früher aus Ueberzeugung gethan, so würde ich jetzt mit doppeltem Eifer seine Interessen zu den meinigen machen. Diese meine Ueberzeugung kann ich einfach an die Worte Göthes knüpfen: ‚Es giebt nur zweierlei Leute in der Welt: ehrliche Leute und Schurken.‘"
Carl Schurz
Auch ihre Eltern sehen sich aufgrund der heftigen Reaktionen ihrer Umwelt außerstande, die Tochter moralisch zu unterstützen, und Johanna zieht mit ihren Kindern aus dem Elternhaus aus. 

Als eine Petition für ihren Mann, dem Prinzen von Preußen überreicht von Gisela von Arnim, der Tochter Bettinas, nichts fruchtet, wird mit dem in die Schweiz geflüchteten Schüler Gottfried Kinkels, Carl Schurz, eine Befreiung geplant. 

Bei der Vor­be­rei­tung dieser Flucht aus dem Span­dau­er Ge­fäng­nis zeigt Jo­han­na ihr ho­hes or­ga­ni­sa­to­ri­sches Ge­schick: Sie be­schaff­t die benö­tigten Finanzmittel, knüpf­t Kon­tak­te und schafft die Grund­la­ge für die spek­ta­ku­lä­re Tat, die im No­vem­ber 1850 glückt. 

Gottfried Kinkel flieht über Paris – wo sie sich kurz treffen können – nach London: Zwei Monate später folgt Johanna ihrem Mann ins Exil.

Das Ehepaar Kinkel im Londoner Exil (1855)
Während Gottfried Kinkel  in Vorträgen über die politische Lage in Deutschland sowohl in England wie den Vereinigten Staaten informiert und Spendengelder für die demokratische Revolution sammelt, ist es wieder mal Johannas Aufgabe, für den maßgeblichen Familienunterhalt durch Er­tei­len von Mu­sik­stun­den und ei­ne Kin­der­ge­sangs­schu­le zu sorgen. Dennoch bleibt ihr Zeit, für andere deutsche Flüchtlinge Arbeit zu finden, Carl Schurz und seine Schwester mitzuversorgen und  den Emigrantenroman "Hans Ibeles in London. Ein Familienbild aus dem Flüchtlingsleben" zu verfassen. Aus der Politik zieht sie sich immer mehr zurück.

Ihr Leben scheint in ruhigere Fahrwasser zu geraten, scheint doch auch Gottfried sich mehr auf eine Lehrtätigkeit statt auf politische Arbeit zu konzentrieren. Doch heimlich macht er weiter, was zu Konflikten führt, ebenso wie die konventionellen Erwartungen, die er nun immer wieder an seine Ehefrau stellt.

Dies, die Exis­tenz­nö­te und kör­per­li­chen An­stren­gun­gen der letzten Jahre wirk­en sich zu­se­hends be­las­tend auf Johannas Ge­sund­heit aus: Jahrelang kämpft sie schon gegen ei­ne schwe­re Bron­chi­tis an­ und erleidet im De­zem­ber 1857 ei­nen ers­ten Herz­an­fall, von des­sen Fol­gen sie sich nur lang­sam er­hol­t.

Am 15.11.1858 folg­en zwei wei­te­re In­fark­te. Un­ter nicht rest­los ge­klär­ten Um­stän­den stirbt Jo­han­na Kin­kel noch am glei­chen Tag, heute vor 160 Jahren, bei ei­nem Sturz aus dem Fens­ter ih­res Schlaf­zim­mers. Auch wenn die Obduktion eine "Vergrößerung des Herzens" bescheinigt, und die Familie ihren Sturz zu einem Unfall deklariert, ist die Idee eines Suzids nie ganz aus der Welt verschwunden.
Sie wir­d auf dem Fried­hof Brook­wood in Wo­king be­gra­ben. 

Fer­di­nand Frei­li­grath, der "Trom­pe­ter der Re­vo­lu­ti­on", widmet der bemerkenswerten Rheinländerin diesen Abschiedsvers:
„So ruh denn aus in Luft und Licht
und laß uns daß nicht kla­gen,
daß Dra­chen­fels und Oel­berg nicht
ob Dei­nem Hü­gel ra­gen!
Daß er nicht glänzt im Mor­gent­hau,
noch glüht im Abend­schei­ne,
wo durch Ge­länd und Wie­senau
die Sieg ent­rollt zum Rhei­ne!"


Gottfried Kinkel heiratet 1860 erneut und bleibt bis 1866 in London, anschließend lebt er bis zu seinem Tod 1882 in Zürich. Die Tochter Johanna stirbt mit 17 Jahren in London an Schwindsucht, Gottfried wird sich am Hochzeitstag der Eltern im Alter von 47 Jahren in Bonn das Leben nehmen, Hermanns Spur wird sich in Russland verlieren. Nur Adelheid ist ein langes Leben beschieden: Als Adelheid von Asten macht sie sich einen Namen als Pianistin und kehrt ins Rheinland zurück.







Alle Zitate, wenn nicht andere Quellen vermerkt sind, stammen aus Monica Klaus Biografie über Johanna Kinkel.