Donnerstag, 23. Mai 2024

Great Women #378: Kusumoto Ine

Ich finde, meine Reihe über die großartigen Frauen ist einfach zu europazentriert mit einem kleineren weiteren Schwerpunkt auf Amerika. Frauen aus den drei anderen Kontinenten sind in der Minderzahl( zehn Posts bisher ). Das stört mich immer wieder mal. Deshalb mache ich mich auch immer wieder mal auf die Suche, um das zu ändern. Heute geht es nach Japan und gleichzeitig etwas zurück in die Geschichte. Kusumoto Ine ist mir dort über den Weg gelaufen...
Werkstatt des Kawahara Keiga: 
"Hafen von Nagasaki",
(1833 – 1836; Rijksmuseum)

 

Kusumoto Ine  楠本 イネ - oder wie bei uns üblich: zuerst der Vorname - Ine Kusumoto  kommt am 31. Mai 1827 in in der niederländischen Faktorei Deshima, Nagasaki vorgelagert, als Shiimoto Ine 失本 稲 zur Welt.

Kawahara Keiga:
"Siebold"
(1824)
Ihr Vater - fangen wir diesmal mit ihm an - ist der deutsche Arzt Philipp Franz von Siebold, der auf Dejima arbeitet, einer kleinen, künstlichen Insel in der Bucht von Nagasaki, auf die die Ausländer während der langen Zeit der Abgeschiedenheit Japans von der Welt damals beschränkt worden sind. Siebold, in Würzburg als Sohn des angesehenen Arztes und Physiologen Johann Georg Christoph Siebold geboren, hat in seiner Heimatstadt Medizin, Naturwissenschaften, Länder- und Völkerkunde studiert und ist Mitglied der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte.

Mit 26 Jahren ist er dem Ruf der Niederlande nach Den Haag gefolgt, wo er im Sommer 1822 durch königlichen Erlass zum Chirurgijn-Majoor in der niederländisch-indischen Armee ernannt wird. Man hat ihn damit gelockt, dass er in den Kolonien Naturforschung betreiben kann. Schließlich und endlich landet er im August 1823 auf einer Stelle als Arzt in der Faktorei Dejima, erhält allerdings auch finanzielle Mittel bereitgestellt, damit er umfassende Untersuchungen zu Land und Leuten durchführen kann.

Dejima
Die Ärzte auf Dejima, die mit den Handelsgeschäften nichts zu tun haben, werden häufig zu hochgestellten japanischen Patienten gerufen, was ihnen mehr Gelegenheiten als den Kaufleuten gibt, Bekanntschaften mit den Japanern zu schließen und Informationen und Materialien zu sammeln. Offiziell dürfen aus der westlichen Welt nur Niederländer den japanischen Boden betreten. 

Siebolds niederländische Sprachkenntnisses sind dürftig, doch wird seine Anlandung in der Stadt stillschweigend akzeptiert. Er darf sogar mit der Erlaubnis des von der Zentralregierung eingesetzten Gouverneurs von Nagasaki in einem vor der Stadt in Narutaki gelegenen kleinen Anwesen eine Art Schule einrichten, in der er wöchentlich in niederländischer Sprache Unterricht zur westlichen Naturkunde und Medizin gibt.

Kusumoto Otaki
Ob er so Ines Mutter Sonogi Otaki aus der Familie Kusumoto kennengelernt oder bereits ihre Dienste als Kurtisane in  Nagasakis Vergnügungsviertel Maruyama in Anspruch genommen hat, ist nicht so recht zu klären. An seinen Onkel zu Hause schreibt er 1824:
"Auch habe ich mich der alten holländischen Sitte unterworfen und mich pro tempore mit einer liebenswürdigen 16-jährigen Japanesin verbunden, die ich nicht wohl mit einer Europäerin vertausche."
Vieles spricht allerdings dafür, dass Taki keine Prostituierte gewesen ist, denn Siebold hat die Ansteckung mit Syphilis gefürchtet wie Pest & Cholera und wahrscheinlich darauf geachtet, eine Jungfrau als Geliebte auszuwählen. Das junge Mädchen steht unter Druck, soll sie doch einen sehr viel älteren Freund ihres Onkels heiraten - dem will sie entgehen. Außerdem ist ihre Schwester Tsune bereits mit Heinrich Bürger, dem Assistenten Siebolds, einem Apotheker, Naturforscher und Chemiker, bekannt & liiert und hat mit diesem einen Sohn.

Jedenfalls lässt sich die 16jährige Taki den roten Stempel der Kurtisanen in ihren Pass drücken, um das streng bewachte Tor zu Dejima passieren zu dürfen, um mit dem Arzt & Forscher leben zu können. 1827 wird ihnen das Mädchen geboren, welches auch O-Ine (Ine) Shimoto (nach der japanischen Form von Siebold - Shiboruto -) genannt wird. 

Auf dem Bild unten sieht man Ine an der Schulter ihrer Mutter, während ihr Vater mit dem Fernrohr ankommende Schiffe beobachtet:

Kawahara Keiga




1828 geht von Siebolds Dienstzeit in Japan zu Ende. Bei der Ausreise fliegt er auf, hat er doch heimlich Sachen, deren Ausfuhr aus Japan verboten ist, aufs Schiff gebracht. Darunter sind vertrauliche Informationen, die illegal vom Geographen Takahashi Kageyasu gesammelt worden sind. Auch Karten, die in die Hände der Feinde Japans, den Russen, gelangen könnten. Russland bedroht nämlich Japans Nordgrenzen. Das Shogunat kommt zu dem Schluss, dass Siebold ein ausländischer Spion ist. Am 22. Oktober 1829 wird er aus Japan verbannt. 

Taki und die zweijährige Ine dürfen das Land aber nicht verlassen. Taki heiratet kurz darauf einen Mann namens Wasaburō. Der wohlhabende Siebold hinterlässt seiner japanischen Familie einen Vorrat an wertvollem Zucker. Zucker wird im Land lange nicht als Gewürz, sondern als Medizin eingesetzt & ist ein Luxusgut der höchsten Klasse, da er bis 1700 ausschließlich importiert werden muss. Damit soll u.a. der Lebensunterhalt der kleinen Familie gesichert werden. Er sorgt ebenso dafür, dass seine Mitarbeiter, darunter sein Assistent Heinrich Bürger zusammen mit Takis Schwester Tsune, sie schützen. Bei den Beiden können sie auch eine Zeit im Haus leben. 

Siebold schreibt seiner Geliebten bzw. später der Tochter Briefe & schickt ihr auch Bücher über niederländische Grammatik, die damals für westliche Studien in Japan wichtig sind, und seine ehemaligen Schüler tragen zur Ausbildung des Mädchens bei. Ine & ihre Mutter bleiben offensichtlich über die Jahre mit ihm in Verbindung, und der renommierte Forscher lässt ihnen über seine Mittelsleute Alimente wie Geschenke zukommen. Geschenke gibt es auch im Gegenzug: Im Siebold Huis in Leiden in gibt es heute noch eine Schnupftabaksdose mit den Porträts von Mutter & Kind zu sehen.

Eine nicht gesicherte Geschichte erzählt, dass Ine im Alter von 14 oder 15 Jahren davongelaufen sei, um bei einem von Siebolds Schülern, Ninomiya Keisaku, der in Uwajima auf auf der Insel Shikoku lebt, fast 400 Kilometer von Nagasaki entfernt, Medizin, speziell Chirurgie, zu studieren. Dort ist dieser wegen seiner Beteiligung an der "Siebold-Affäre" unter Hausarrest gestellt worden.

Ein anderes Narrativ spricht davon, dass sie von ihrer Mutter geschickt worden sei, um die Familientradition auf zweierlei Art fortzusetzen: Sie wird Ärztin mit der Fachrichtung Geburtshilfe - wie die deutschen Verwandten - und sie pflegt die europäische wissenschaftliche Orientierung in der Frauenheilkunde, die ihr Vater mit nach Japan gebracht hat. Auf Ine geht die Bezeichnung "deutsche Ärztin" im Japanischen zurück, die bis heute im Sinne von Frauenärztin/Geburtshelferin benutzt wird.

Im Fürstentum Okayama studiert Ine dann Geburtshilfe unter einem weiteren Schüler Siebolds, Ishii Sōken. 1851, mit vierundzwanzig Jahren, wird sie von diesem schwanger. Diese Tochter wird nach dem Tod der Mutter allerdings erzählen, dass sie die "Frucht einer Vergewaltigung" durch den über dreißig Jahre Älteren gewesen ist.

Daimyo Date Munenari
Ine entscheidet sich, das erwartete Kind allein großzuziehen. Sie nimmt zwar Sōkens Lehren und seine professionelle Unterstützung bei ihrer Karriere an, weigert sich jedoch, ihn zu heiraten und verbittet sich, sich in ihr Leben einzumischen. Sie geht zurück nach Nagasaki, wo Tada ( die später den Namen Takako erhalten wird), 1852 geboren wird, vertraut das Baby der Obhut ihrer Mutter Taki an, um ihre Studien fortsetzen zu können. 

1854 verlässt sie wiederum Nagasaki, begleitet von ihrer Tochter und dem Neffen Ninomiya Keisakus, Mise Shūzō, der später ihr Schwiegersohn sein wird, um wieder bei Keisaku in Uwajima zu lernen. Der behandelt dort sowohl kostenlos Arme, ist aber auch Privatarzt des ortsansässigen Adelsclans. Sein Herr, der Daimyō ( Fürst ) Date Munenari, ist westlichen Errungenschaften gegenüber aufgeschlossen und fördert westliche Bildung mit Begeisterung. Nachdem dieser aber 1856 einen Schlaganfall erlitten hat, kehrt Ine mit Keisaku und Shūzō nach Nagasaki zurück

Ein Großteil von Ines Leben wirkt bemerkenswert modern: 

Sie ist versiert in ihrem Beruf und bewegt sich ebenso geschickt in den höchsten Kreisen der japanischen Gesellschaft. In den Jahren als Hausärztin der Herren von Uwajima kommt sie ausländischen Beobachtern so vor, als sei sie selbst den Samurai zugehörig, da sie vom Adel so respektvoll behandelt wird.

In fast jeder Hinsicht ist Ine jedoch eine Außenseiterin als gemischtrassige, uneheliche Tochter einer Kurtisane und eines Ausländers. Ihr Aufstieg aus einfachen Verhältnissen in die höchsten Kreise der japanischen Gesellschaft ist Teil des damaligen revolutionären Prozesses im Japan der 1860er und 1870er Jahre. Für mutige und ehrgeizige Menschen wie Ine ist diese Zeitspanne zwischen dem Zusammenbruch der alten Ordnung, dem über zweihundert Jahre währenden Tokugawa-Shogunat, und der Konsolidierung des neuen Meiji-Staates unter einem Tennō eine Zeit der vielen Möglichkeiten: Für einen relativ kurzen historischen Moment sind ihre Intelligenz und Fähigkeiten wichtiger als ihr Geburtsstatus oder ihr Geschlecht, sie ist quasi "zur richtigen Zeit geboren".

1850er Jahre

In einer früheren Generation wäre Ines Karriere durch die herkömmlichen japanischen Beschränkungen für Frauen im öffentlichen Raum sowie das traditionelle Statussystem vereitelt worden. Während sich viele japanische Frauen zwar grundlegende Lese- und Schreibkenntnisse aneignen und einige zu versierten Dichterinnen werden können, erlernen Frauen nur selten klassisches Chinesisch, was für die höhere Bildung von zentraler Bedeutung gewesen ist. Ine hätte ihren niedrigen Status unter den Bedingungen nicht überwinden können.

1854 endet die Isolation Japans. Und mit der Öffnung kehrt auch ihr Vater Philipp Franz von Siebold 1859 nach Japan zurück. Sein 13jähriger Sohn Alexander begleitet ihn, um das Land kennen und Japanisch sprechen zu lernen. Ine nimmt Kontakt zum Vater auf und lebt zunächst in Nagasaki gemeinsam mit ihm und ihrem Halbbruder unter einem Dach. Bald zieht sie jedoch wieder aus, da die Beziehung zwischen ihr und dem Vater einmal wegen der Sprachbarriere schwierig ist. Zum anderen wird ihrem Vater bald vorgeworfen, die Hausmagd geschwängert zu haben. Ine erzählt Ernest Satow, einem britischen Diplomaten in Japan, davon, der es so festhält: 

"Der alte Siebold hatte anscheinend das Pech, ein weiteres Kind an den Körper einer Hausangestellten zu bringen, als er das letzte Mal in Japan war; Als Madame mir diese Information mitteilte, warnte sie mich, vorsichtig zu sein und es niemandem zu erzählen, wiewohl ich es aufschreibe." 

1862 kehrt Siebold nach Deutschland zurück, wo er 1866 in München sterben wird.

In Nagasaki hat mittlerweile der niederländische Arzt J. L. C. Pompe van Meerdervoort 1861 das erste japanische Krankenhaus nach westlichem Vorbild eröffnet: das Nagasaki Yōjōsho. Ine bekommt die Möglichkeit, dort auf der Frauenstation zu arbeiten und bei Operationen zu assistieren. In diesem Krankenhaus findet die erste dokumentierte Autopsie an einem Menschen in Japan statt, und Ine ist die erste Japanerin, die Zeugin einer solchen Obduktion wird.

Nagasaki Yōjōsho (1861 bis 1868)












Nachdem das Krankenhaus der Universität angeschlossen wird, bildet Ine sich ab 1869 unter dem Niederländer Antonius Bauduin weiter, der sich auf Ovariektomie ( Eierstockentfernung ) spezialisiert hat. Danach wird sie an die medizinische Fakultät einer Universität in Tokio beordert. Darüber entsteht auch erneut Kontakt mit ihren Halbbrüdern Alexander und Heinrich von Siebold, die als Diplomaten sowie Übersetzer für ausländische Gesandtschaften tätig sind. Durch ihre Verbindungen mit angesehenen Gelehrten wird Ine zu einer Geburt ins Kaiserhaus gerufen. Die erste Konkubine des Kaisers Meiji, Hamuro Mitsukozu, erwartet das erste Kind des Herrschers. Im September 1873 stirbt die kaiserliche Zweitfrau, fünf Tage nach der Geburt des tot geborenen Wakamitsuteru-hiko no Mikoto.

Leider sind solche Todesfälle keine Seltenheit in diesen Adelskreisen: Das Kaiserhaus hat immer unter einer hohen Mütter- und Kindersterblichkeit gelitten, was wahrscheinlich auf eine Kombination aus Inzest und schlechter Ernährung zurückzuführen ist. Ironischerweise ernährt sich die Elite mit weißem Reis im Gegensatz zu der einfachen Bevölkerung, die mit braunem Reis und Hirse keinen Vitamin-B-Mangel hat und nicht unter damit verbundenen Gesundheitsproblemen leidet. 

Ines Tochter mit ihrem 1. Ehemann
Mitsukos Wehen und die Entbindung werden also von Ine, Japans erster Ärztin, betreut. Doch schon 1867 ist sie eine von drei Ärzten gewesen, als die Frau des Daimyō Munenari, Yoshiko, ihr Kind zur Welt gebracht hat. 

Ine unterhält also nach wie vor in Uwajima eine Praxis und reist in den 1860er Jahren geschäftig zwischen den Städten Nagasaki und Uwajima hin und her, bis  sie später nach Tokio gehen wird. Dort wird sie ihre eigene Praxis im Tokioter Stadtviertel Tsujiki einrichten.

Die zweite Hälfte der 1860er Jahre sind auch familiär bedeutend für die renommierte Ärztin: Ihre Tochter, nun Tadaki geheißen, heiratet 1866 den um viele Jahre älteren Arztkollegen der Mutter, Mise Shūzō. Shūzō und Ines Halbbruder Ishii Kendō - Sohn von Ishii Sōken- gewinnen in jener Zeit prestigeträchtige Ämter in der Hauptstadt. 1869 stirbt Ines Mutter Taki.

Ab 1868 führt die neue Meiji-Regierung verwestlichende Modernisierungs-Reformen ein, darunter die Einrichtung neuer Universitäten im westlichen Stil. Dieses Interesse an Wissen aus Europa trägt anfangs dazu bei, Ines Karriere voranzutreiben, da sie im Studentenkreis ihres Vaters ja Medizin westlicher Prägung studiert hat. 

Aber die Verwestlichungsreformen der Meiji-Regierung beinhalten genauso viktorianische patriarchalische Normen, also die Beschränkungen für Frauen, wie sie in Europe gang und gäbe sind. Die Samurai, die Japan nun modernisieren, ersetzen lediglich die neokonfuzianischen Beschränkungen durch neue rigide Vorstellungen. Die neue Regierung befreit die Frauen also nicht, sondern ändert vielmehr nur die Art und Weise, wie sie ihnen Positionen im öffentlichen Leben verweigert. 

Auch die Medizin wird reguliert: Man fordert nun von den im medizinischen Bereich Tätigen Approbationsprüfungen und eine formelle Ausbildung an anerkannten Schulen. Aber diese Schulen, die ebenfalls westlichen Vorbildern folgen, sind fast ausschließlich männlich. Ine hat zum Glück vor diesen Beschränkungen genug Berühmtheit erlangt und darf aufgrund einer grandfather clause weiterhin als Ärztin praktizieren, jedoch nur als "Hebamme alten Stils" und nicht als Medizinerin. 

Auch Ine Kusumoto empfindet sich aufgrund der veränderten Wahrnehmung von Frauen, ihrer Fähigkeiten und gesellschaftlichen Rollen im Land nach dieser kulturellen Veränderung immer mehr von ihrem Beruf ausgeschlossen.

Mit Takako
( ca. 1900)
Tochter & Schwiegersohn ziehen 1876 nach Osaka, wo Shūzō für das Osaka Hospital arbeitete. 1877 erkrankt er und stirbt. Die junge Frau wird von einem Bekannten schwanger und bringt 1879 einen Jungen zur Welt, den Ine als ihren Erben adoptiert und Shūzō nennt. Takako schließt eine weitere Ehe mit einem Arzt, mit dem sie vor seinem Tod im Jahr 1886 drei weitere Kinder bekommt.

Die nun 34jährige junge Witwe, die ebenfalls eine Ausbildung als Geburtshelferin hat, lebt nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes gemeinsam mit ihrer Mutter in Tokio. 

Nach ungesicherten Quellen zieht sich Ine Kusumoto 1895 in den Ruhestand zurück. Zu diesem Zeitpunkt bezieht die Familie ein Haus im westlichen Stil, das Heinrich von Siebold hat bauen lassen, in Azabu, einem Stadtteil von Tokio. Dort stirbt die erste Ärztin Japans am 27. August 1903, nachdem sie Süßwasseraal und Wassermelone gegessen hat, was angeblich zu einer Lebensmittelvergiftung geführt hat.  Sie ist 76 Jahre alt geworden. 

Takako wird sie 35 Jahre überleben. Ihre Nachfahren verwalten heute zusammen mit ihren deutschen Verwandten das Erbe der Siebolds in Japan. Ines Vater Shiboruto-san hat in Japan nämlich nach wie vor einen guten Ruf.

Aber auch Ine Kusumoto wird nicht vergessen: Ihr außergewöhnliches Leben regt die Fantasie von Romanautoren, Dramatikern und Historikern gleichermaßen an. Seit 1978 greifen die Leser nach Yoshimura Akiras Roman "Fuon Shiiboruto no Musume" ( deutsch: "Von Siebolds Tochter" ). Dieser ist die zugänglichste und umfassendste Darstellung ihrer Biografie, wobei viele seiner historischen Details von den Lesern eher als Fakten denn als Fiktion aufgefasst werden. Die Grundlage eines so berühmten fiktiven Berichts zu überprüfen, scheinen bis heute immer wieder zum Scheitern verurteilt zu sein.

Es gibt in Japan Fernsehdramen und auch ein Manga: Die Karikaturistin Maki Masaki adaptiert die Lebensgeschichte der ersten Ärztin Japans 1995 in "Siebold O-Ine". Masaki zeichnet Ine mit rot gefärbten Haaren und betont ihre Willensstärke angesichts der Prüfungen, denen sie sowohl als Medizinstudentin als auch als Ainoko ( eine abfällige Bezeichnung für ein Kind gemischter Abstammung ) ausgesetzt gewesen ist.

Anlässlich der 1300-Jahr-Feier Würzburgs 2004 wird im Mainfrankentheater das japanische Musical "Ine" ( Original: "Dokutoru O-Ine Monogatari"), welches vom Leben der Tochter Siebolds erzählt, erstmals in Europa aufgeführt. 

Mich hat diese Reise ins ferne Japan fasziniert und mir wieder mal gezeigt, dass gesellschaftliche Veränderungen oft genutzt werden, um Frauen auszuschließen und einzuhegen und Fortschritte zu unterminieren. Und dennoch gibt es Kulturen übergreifend Frauen, die sich dagegen stemmen. Auch da bleibt sich alles gleich...



Mittwoch, 22. Mai 2024

Fünfundsiebzig Jahre Grundgesetz

"Der Weg zu diesem Grundgesetz führt durch Abgründe, 
er führt durch die Hölle. 
Am Wegrand stehen Gestapo 
und der Volksgerichtshof. 
Am Wegrand liegen sechs Millionen Menschen, 
die von den Nationalsozialisten ermordet wurden."
Heribert Prantl, Jurist & Journalist

Dieses Zitat hatte ich vor fünf Jahren schon meinem Blogpost zum siebzigsten Jubiläum vorangestellt, finde ich es doch nach wie vor wert, daran zu erinnern, auf welcher Basis der parlamentarische Rat damals nach dem grauenvollen Krieg die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland formuliert hat. 

In den fünf Jahren, die seitdem ins Land gegangen sind, hat sich viel getan, viel verändert, sowohl auf politischer Ebene - und das nicht nur auf unser kleines Land beschränkt - als auch im sozialen Miteinander. 




Es ist alles nicht einfacher geworden, reißen doch Minderheiten durch ihr lautstarkes Auftreten bzw. eine emsige und geschickte Nutzung der Möglichkeiten, die die sozialen Medien geschaffen haben, durch Lüge und Manipulation ( auch mithilfe feindlicher Mächte, die solche Desinformation finanzieren ) die Deutungshoheit über die Stimmung & Verfasstheit der Menschen in diesem Land an sich, greifen opportunistische Politiker immer mehr populistische Meinungen auf, schon mal haarscharf an der Präambel und mehr vorbei.  Letzteres ist reine Ablenkung, finde ich, um eine Wählerschaft zu befriedigen, die sie bei anderen Themen nicht befriedigen können. 

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. (Artikel 1, Absatz 3 GrundG )

Erfreulicherweise hat das Oberverwaltungsgericht Münster im Rahmen seines Prozesses aufgrund der Klage der Blaunen gegen die Beobachtung durch das Bundesamt für den Verfassungsschutz auch noch einmal ein Spotlight auf den Artikel 116, Einzelnorm des Grundgesetzes, gerichtet, der vielleicht gerne außer acht gelassen wird, aber klar macht, warum zu Beginn des Jahres so viele Menschen wie nie seit Bestehen der Bundesrepublik auf die Straße gegangen sind wegen der ruchbar gewordenen Absichten  ihrer Akteure:

Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31.Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat.

 

Klar gemacht hat das Gericht auch, dass die Blaunen bzw. "maßgebliche Teile" der Partei deutschen Staatsangehörigen mit Migrationshintergrund nur einen juristisch abgewerteten Status zugestehen. Das ist allerdings eine nach dem Grundgesetz-Artikel 3 unzulässige Diskriminierung aufgrund von Abstammung, die auch mit der Menschenwürdegarantie nicht im Einklang ist. Verfassungswidrig und mit der Menschenwürde unvereinbar ist laut Auffassung des OVG nicht die deskriptive Verwendung eines "ethnisch-kulturellen Volksbegriffs“, sondern dessen Verknüpfung mit einer politischen Zielsetzung, mit der Staatsangehörigen mit Migrationshintergrund der Status als gleichberechtigtes Mitglied der rechtlich verfassten Gemeinschaft aberkannt wird.

So viel dazu, obwohl noch mehr zu sagen bliebe... Wen's noch interessiert: Hier ist eine juristische Einschätzung zu finden zu den Einwänden der Blaunen gegen das Urteil & den Verfassungsschutz.

Erneute Aktualität haben in den letzten Wochen auch weitere Grundgesetzartikel bekommen, denn der Begriff der Meinungsfreiheit ( Artikel 5 ) wird immer wieder verfälscht und inzwischen droht eine Zerstörung derselben, weil Gewalt gegen Leib und Leben als Mittel der politischen Einflussnahme immer gerechtfertigter, normaler zu werden scheint und eine Atmosphäre geradezu lustvoller Daueraggression geschaffen worden ist. Man führt zudem einen "geistigen Bürgerkrieg", so der rechte Vordenker Götz K*bitschek.

Ich greife als Historikerin nicht gerne zu Vergleichen mit der Weimarer Republik. Dennoch erinnern mich  die Vorkommnisse zuletzt daran, dass die SA damals die Hoheit über die Straße mittels der Gewalt ihrer Schlägertruppen peu à peu durchgesetzt hat. Gruppen wie die "Elblandr*volte" unlängst in Leipzig z.B. scheinen sich das als Vorbild zu nehmen. Im vergangenen Jahr ist im Schnitt alle 18 Minuten eine rechtsextrem motivierte Straftat begangen worden - das nur mal am Rande...

Der Artikel 21 umreisst, welche Rolle die Parteien in unserem Staatswesen spielen sollen. Doch: vox populi - die öffentliche Meinung - hat ein großes Gewicht. Das besagt dieser Artikel. Mir erscheint in diesem Zusammenhang allerdings das letzte Wörtchen MIT schon mal gerne ausgeblendet zu werden. 

Unsere Probleme sind vielfältiger & mehr geworden: Pandemie, Klimawandel, Kriege. Da hilft es allerdings nicht, "denen da oben" irgendwelche "Denkzettel" zu verpassen und den öffentlichen Raum mit Verbitterung und Hass zu fluten. Nach dem Krieg hieß es mal "Ärmel aufkrempeln - zupacken - aufbauen". Unter dieser Devise bin ich aufgewachsen und habe mich entsprechend in meinem produktiven Leben in unser Gemeinwesen eingebracht. Missmutige Eckensteher, die nur erwarten, dass das von ihnen bei der Wahl bei ihrer Partei Bestellte anschließend geliefert wird, scheinen den Artikel nicht so ganz verstanden zu haben. An der Gestaltung einer Gesellschaft sind ALLE nach ihren Möglichkeiten gefordert & hoffentlich beteiligt. Und Kompromisse sind da zwangsläufig. Schaffung autokratischer Strukturen, weil  manche sich allein als das Maß aller Dinge betrachten, sind zum Glück von einer Mehrheit nicht gewollt. Wir wissen, warum.

Was mir im Magen liegt, wenn ich an unsere Verfassung denke, das ist die Verwirklichung des 2. Absatzes des 3. Artikels. In meinem nunmehr über siebzigjährigen Leben hat sich da einiges getan, zum Glück. Perfekt umgesetzt ist das nicht, wenn ich die Lebenswirklichkeiten der Generation meiner Töchter anschaue.

Wenn dann auch noch die Teilzeitarbeit verketzert, ja gar deren Abschaffung proklamiert wird, krieg ich so 'nen Hals! Garniert auch noch mit solchen Parolen wie "Lust auf Überstunden machen"! Wo sollen denn die Kinder hin, die kranken und/oder pflegebedürftigen Angehörigen, wie sollen die Karriere durch Überstunden machenden Ehemänner durch den ganz gemeinen Alltag kommen, wenn die Frauen die alltägliche Sorgearbeit hinschmeißen und ihre komplette Arbeitskraft der Wirtschaft zur Verfügung stellen? 

Wer mit beiden Füßen im Alltagsleben steckt, auch als Großmutter, kriegt mit, wie die Kinderbetreuung in Kita & Schule ständig ausfällt. Als über nun ein Jahrzehnt pflegende Angehörige hab ich erfahren, wie es immer schwieriger wird, einen Pflegeplatz zu bekommen ( und kann man seine Angehörigen einem Heim anvertrauen, wenn die schon mal den Notdienst rufen müssen, weil ein Mensch 150 alte, hinfällige Menschen versorgen muss? ). Da schiebt momentan die eine Ebene in Politik & Verwaltung die Probleme auf die nächstgelegene darunter, und die Individuen auf der alleruntersten Ebene, an der "Front", müssen es ausbaden und scheitern. Die Vorstellung von Gleichberechtigung, die zur Zeit favorisiert wird, nämlich dass beide Teile eines Paares Vollzeit arbeiten und die Sorgearbeit in die Randstunden des Tages verlegen, die ist unter den derzeit herrschenden Bedingungen eine Frechheit.

Zum Glück bekomme ich in den social media auch mit, dass da eine Menge junger Frauen ( und ja: auch Männer ) aktiv & engagiert unterwegs sind, die für eine weitere Umsetzung des Gleichheitsgrundsatzes einstehen und für eine gerechtere Verteilung der Lasten des Miteinanders in Familien und anderen Lebensgemeinschaften. Trotz ( oder jetzt erst recht ) wegen eines Kulturkampfes auf diesem Gebiet, den nicht nur "alte weiße Männer" in den sozialen Medien wie Instagram, Tiktok, Facebook, X ausgerufen haben.


In diesem Sinne werde ich morgen Abend mein Glas erheben in Dankbarkeit auf eine Verfassung, die mir ein ganzes Leben nach meinen Werten & Vorstellungen ermöglicht hat.



Sonntag, 19. Mai 2024

Monatsspaziergang Mai 2024

"Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit" - dieses alte Lied summt eigentlich seit ich mich erinnern kann, in meinem Kopf herum und ist gerne ein Movens für vielfältige, schöne Unternehmungen zu dieser Jahreszeit. In diesem Jahr habe ich mich mit meiner Tochter verabredet, gemeinsam eine Stadt zu erkunden, von der wir viel gehört hatten ob ihrer historisch gewachsenen Schönheit - Weltkulturerbe eben. Erwartet heute von mir aber keine tiefergehenden sachlichen Informationen wie sonst ( dafür gibt es u.a. Wikipedia ). Ihr bekommt einfach mal einen Bilderbogen präsentiert mit einem Bruchteil der visuellen Schätze, die ich auf dieser Reise gesammelt habe.


 Gondeln kann man auch in der Stadt, so am Nonnengraben, wo wir gewohnt haben.

Erst am Stadtmodell...


... dann in Natura: die originelle Kombination von Oberer Brücke und Altem Rathaus.

Die ist zu jeder Tageszeit ausgesprochen bevölkert.


Kunigunde, die Bistumsheilige, ist auch schon da, und belächelt milde das Treiben.

Illusionsmalerei mit plastischen Akzenten...


... die übrigens aus den frühen 1960er Jahren stammen, alte Szenen nachahmend.

Vor allem auf der Bergseite der Brücke sammeln sich die Eis schleckenden Touristen.




Das Rottmeisterhäuschen, ein Fachwerkbau, wie angeklebt ans Rathaus, diente einst den Führern der Wachmannschaften als Unterkunft.


Idylle am linken Regnitz-Arm mit Klein-Venedig, so wird die ehemalige Fischersiedlung in der Bamberger Inselstadt genannt.

Aber auch bergaufwärts gibt es immer malerische Blickwinkel.






Auf dem Domberg ist der Andrang am Kaiserdom aus den Anfängen des 13. Jahrhunderts groß.


Seit ich ihn in Kindertagen auf Abbildungen in meinem Lese- bzw. Geschichtsbuch kennengelernt habe, wollte ich ihn mal im Original sehen. Einfach schön!







Walnussbaum in der Alten Hofhaltung - auch ein irgendwie magischer Ort


Ausschnitt aus einem textilen Wunderwerk im Domschatz: der Sternenmantel von Heinrich II. Beeindruckt von der Kunstfertigkeit musste ich an die Frauen denken, die diesen ( und die anderen ausgestellten Mäntel ) gefertigt haben.


In der Neuen Residenz ein "Muss": der barocke Kaisersaal

Nach dem Kuchengenuss im Rosengarten der Residenz: ein Blick in die Stadtlandschaft

Den Spargel aus heimischem Anbau haben wir auch genossen. 


Verlockend auch die "Bambergerin", die ich auf dem Grünen Markt probieren musste.


Ein ganz anderes Bamberg präsentierte sich uns bei unserem Schiffsausflug im Hafen am Main-Donau-Kanal. 

Das bunte ist mir lieber...




Ich hätte noch mal so viele Fotos in diesen Post packen können, kann mir aber vorstellen, dass nach dieser Flut die Aufnahmefähigkeit abnimmt. Vielleicht inspiriert euch mein Blick auf die außergewöhnlich schöne fränkische Stadt zu einem eigenen Besuch dort. Ich finde, es lohnt sich.

Diesen Monatspaziergang verlinke ich wieder mit Kristina Schapers Blog.