Donnerstag, 21. Mai 2026

Great Women #457: Mary Cassatt

Ich mag Pastellmalerei, auch wenn die immer mal abgewertet wird als Frauengedöns. Stimmt: Es sind ganz oft Künstlerinnen, die es darin zur Meisterschaft gebracht haben. Rosalba CarrieraAdélaïde Labille-GuiardÉlisabeth Vigée-Lebrun und Berthe Morisot habe ich euch schon an dieser Stelle versucht nahezubringen. Die Kunstwerke der heutigen Great Woman werden in den Museen dieser Welt dem Publikum sowohl dauerhaft zugänglich als auch durch Sonderausstellungen im Zusammenhang mit der Epoche des Impressionismus regelmäßig zur Anschauung gebracht- dennoch sind weder ihr Name noch ihr Oeuvre sonderlich bekannt. Heute ist Mary Cassatt in meinem Blog dran, denn morgen hätte sie ihren 182 . Geburtstag.

"I hated conventional art. I began to live."

Mary Stevenson Cassatt erblickt also am 22. Mai 1844 in Allegheny City, das 60 Jahre später nach  Pittsburgh eingemeindet werden wird, das Licht der Welt. Ihre Eltern, Katherine Kelson Johnston und Robert Simpson Cassatt, gehören dem Geldadel Pennsylvanias an. Mary ist das vierte Kind von insgesamt sieben: Lydia ( "Lyd" *1837 ), Alexander ( "Aleck" *1839 ), Robert ( "Robbie" *1842 ) sind vor ihr und Gardner ( "Gard" *1849 ) nach ihr geboren. Zwei weitere Kinder, Katherine and George, sind schon im Säuglingsalter gestorben. Den Gepflogenheiten jener Zeit & jenen Kreisen in Pennsylvania entsprechend erhält das Mädchen als zweiten Namen den Familiennamen einer Großmutter mütterlicherseits.

Allegheny City
(1900)
Die Cassatts sind französisch - hugenottischer Herkunft, deren Vorfahren 1662 der religiösen Verfolgung durch Auswanderung, zunächst in die Niederlande, dann nach New Amsterdam entgangen und nun im Bankengewerbe zu Hause sind. Der ursprüngliche Name der Familie hat Cossart gelautet.

Der Vater ist Börsenmakler, Grundstücksspekulant, Finanzier und Unternehmer, der auch ein Jahr nach Marys Geburt das Amt des Bürgermeisters von Allegheny City übernimmt. Die Mutter kommt ebenfalls aus Bankenkreisen, allerdings  mit schottischen Ursprüngen. Ihre Familie hat ihr eine hervorragende Ausbildung ermöglicht, einschließlich einer französischsprachigen Gouvernante. Und so kommt es, dass Katherine paradoxerweise Französisch spricht, liest & schreibt, wohingegen ihr Ehemann die Sprache nur versteht und radebrecht.

Der Vater zu Pferd (1885), die Mutter (1889)
Robert Cassatt ist ein Mann von unruhigem Geist und mit einem ausgeprägten Unternehmergeist gesegnet. Die Familie zieht alsbald ostwärts, zunächst nach Lancaster, Pennsylvania, dann 1848 nach Philadelphia, wo sie Hardwick kaufen, ein großes Landhaus aus dem 18. Jahrhundert, und wo Mary von ihrer Gouvernante Anita Preble & ihrer Mutter beschult wird.

Doch ein bloßes Streben nach Reichtum liegt dem Vater auch nicht. Er ist durchdrungen von französischen Ideen, was die Erziehung seiner Kinder anbelangt, und widmet sich derselben. Nach zwei Jahren in ihrem komfortablen Haus in Philadelphia unternimmt die gesamte Familie eine ausgedehnte Europareise, die teilweise durch die Weltausstellung im Londoner Crystal Palace im Sommer 1851 bestimmt wird, dann aber auch zwei Jahre in Paris umfasst, weil "Robbie", der an einer Knochendegeneration leidet, eine geeignete Behandlung zukommen soll.

Robert Cassatt & seine Kinder
Mary erinnert sich später, dass sie als kleines Mädchen in Paris auf Französisch lesen gelernt hat. 1853 ziehen die Cassatts weiter und installieren sich in Heidelberg, dann Darmstadt, wo der 14 Jahre alte Alexander Kurse an einer technischen Universität besuchen soll. Mary lernt dort Deutsch, das sie bald so beherrscht wie Französisch & Englisch. 

Robert stirbt schließlich im Alter von dreizehn Jahren. Die Familie wird durch diesen Todesfall schwer getroffen und entscheidet sich, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren - nicht ohne einen Zwischenstopp zur Weltausstellung 1855 in Paris einzulegen -, während Alexander seinen Kurs in Darmstadt beenden soll. Sie sehen sich vermutlich noch die großen Kunstausstellungen mit Werken von Ingres und Delacroix sowie Courbets inoffiziellen "Pavillon du Réalisme". Mary saugt die Vielfalt und den Reichtum der europäischen Kulturen regelrecht in sich auf.

Die Cassatts richten sich nun in West Chester ein, nicht weit von Philadelphia entfernt, wo sie wieder über ein Landhaus, aber auch über eine Stadtwohnung verfügen. Philadelphia ist zu diesem Zeitpunkt die viertgrößte Stadt der westlichen Hemisphäre und die zweitgrößte der USA, ein wichtiger Eisenbahnverkehrsknotenpunkt und die kulturelle Hauptstadt des Landes. Entscheidend ist für die Familie, dass dort den Kindern die Vorteile einer höheren Bildung geboten und ihnen zudem der - höchst angesehene - Einstieg in die Gesellschaft ermöglicht wird.

Aktie der Kunstakademie
(1860)
Doch die fünfzehnjährige Mary fasst für sich eine Künstlerkarriere ins Auge und enttäuscht damit ihre Eltern aufs Heftigste, die erwartet haben, dass sie einen Mann aus ihrer Gesellschaftsschicht heiraten und Kinder bekommen wird. Der Vater reagiert mit dem Ausspruch: "Ich würde dich lieber tot sehen.

Mary hingegen ist froh über ein Talent zu verfügen, dass von vielen Mädchen im heiratsfähigen Alter durchaus geschätzt wird. Künstler*innen stehen allerdings im Verdacht, sich abseits der herrschenden Moral zu bewegen. Zudem lebt die Familie in den Kreisen der Geschäftswelt, in der die Kunst eine extrem marginale Rolle spielt. Sich Kunst zu kaufen, gilt als ganz große Extravaganz.

Im April 1861 schreibt Mary sich an der Pennsylvania Academy of the Fine Arts ein. Diese ist die damals angesehenste Akademie der Vereinigten Staaten und bietet ihren Studenten eine traditionelle Ausbildung: Zuerst wird nach Gipsabgüssen antiker Skulpturen, dann nach lebenden Modellen - für Frauen natürlich bekleidet -gezeichnet und schließlich wird die - eher bescheidene - Gemäldesammlung der Akademie in Öl kopiert. 

Es ist sicherlich kein leichter Start in eine Künstlerkarriere gewesen: Damals sind Studentinnen noch nicht akzeptiert ( aber zugelassen, anders als in Paris ) und müssen sich oft gegen den Spott ihrer männlichen Kommilitonen verteidigen. Aber was Mary noch viel schlimmer findet: Dass man keinen richtigen Unterricht erhält und mehr schlecht als recht Kopien anfertigt. Schwerpunkt ist die menschliche Figur. Und das wird Mary zeitlebens beeinflussen. 

Mary (1867), Eliza Haldeman
Wahrscheinlich leidet die Akademie aber auch zu diesem Zeitpunkt unter den Auswirkungen des Sezessionskrieges (1861-65 ). Dennoch wird die Schule zur Talentschmiede für namhafte amerikanische Künstler werden. Allerdings sind unter hundert Studenten nur vier Frauen, darunter Eliza Haldeman, die Mary sympathisch ist und deren Vater dem Berufswunsch der Tochter ebenfalls ablehnend gegenüber steht. Eliza wird über die Kunst ihrer Freundin sagen, sie setze die Schatten generell besser, während sie selbst besser die Form trifft. Mary kümmere sich um das Gesamtbild, und sie selbst um die Details. Werke aus dieser Zeit sind nicht erhalten.

Während Vater & Bruder am Ende des Krieges beruflich reüssieren - Alexander bei der Pennsylvania Railroad, deren Präsident er  sogar 1899 werden wird, und Robert mit der Gründung einer florierenden Makler- und Investmentfirma - will Mary als Künstlerin weiterkommen, "to be be an artist, a true artist". Wieder ist der Vater "in a fit of fury", die Mutter ängstlich. Ihr Unabhängigkeitsdrang von Natur aus, erweist sich als hilfreich, wenn es Hindernisse auf dem Weg zu überwinden gilt.

Schließlich kann Mary am Ende des Jahres 1865 mit ihrer Mutter als Chaperon nach Paris reisen, denn die Stadt hat zu diesem Zeitpunkt, was die Moral anbelangt, "une réputation sulfureuse". Keine viktorianische Mutter riskiert es, dass ihre Tochter mit einem Mann in eine Situation gerät, wie sie Tizian im "Concert de champêtre" ( im Louvre hängend ) oder der Maler Éduard Manet in "Déjeuner sur l'herbe" festgehalten hat - letzteres ein Skandal beim Salon von 1863. Ob Mutter Katherine allerdings davon jenseits des Atlantiks gehört hat, ist zweifelhaft. Dort kennt man nur Alexandre Cabanel und Jean-Léo Gérôme, bei dem die 21jährige nun Kurse belegen will. Ihr Freund von der Akademie, Thomas Eakins, kann gleichzeitig auf die École des Beaux-Arts gehen...

Wieder kopiert Mary nur Meisterwerke im Louvre. Diese Exemplare sind heiß begehrt bei amerikanischen Touristen, die zusammen mit tausenden anderer Besucher aus aller Welt täglich ins Museum strömen. Für Kunststudenten ist der Louvre zudem ein idealer Treffpunkt, um neue Ideen und Meinungen auszutauschen und fruchtbare Freundschaften zu schließen. Schulter an Schulter malt sie mit solchen wie den Brüdern Manet, Fantin-Latour und Félix Bracquemond.  Im Juni 1866 kommt auch die Freundin Eliza, um bei Charles Joshua Chaplin zu studieren. 

"La Mandoline"
(1868)
Gemeinsam ziehen sie sich 1867 sich aufs Land außerhalb von Paris zurück, zunächst nach Courances und dann nach Écouen, wo sie bei den Genremalern Pierre-Édouard Frère und Paul-Constant Soyer lernen. Im April 1868 erhalten beide die Nachricht, dass ihre Gemälde für den Salon angenommen worden seien. Unter dem Namen Mary Stevenson präsentiert sie ihr Bild "La Mandoline". Ihre Freude über diese erste öffentliche Anerkennung wird teilweise jedoch von der Enttäuschung über die offizielle Art und den eng gefassten Stil, den die Institution fordert, überschattet. Ihre Gefühle gegenüber dem Salon werden zehn Jahre ambivalent bleiben, bis sie schließlich ganz aufhört, dort Werke einzureichen.

Anschließend reist sie gemeinsam mit Eliza und ihrem Bruder Carsten nach Deutschland - mit ihm gibt es eine kurze, unbeschwerte Romanze, bevor die Geschwister in die USA heimkehren. Schließlich landet sie wieder in Paris, entdeckt die Künstlerkolonie Barbizon, eine Gruppe nonkonformistischer Landschaftsmaler wie Jean-François Millet, aber auch Thomas Couture, der französische Veronese. Ende Dezember 1869 kommt ihre Mutter wieder nach Paris und gemeinsam brechen sie nach Rom auf, wo Mary bei Charles Bellay im Atelier arbeitet. Wieder kann sie unter Mary Stevenson ein Gemälde im Salon platzieren. 

Als der Deutsch-Französische Krieg sich abzeichnet, brechen die beiden Damen in die Neue Welt auf. Mary geht nach Altoona, dem Wohnort des Bruders. Leider macht der Aufenthalt in Amerika die nunmehr 26 Jahre alte junge Frau depressiv. Sie erwägt sogar, die Kunst ganz aufzugeben, weil sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen will und sie das als in den USA nicht möglich empfindet. Ihr Vater sträubt sich weiterhin gegen ihre Berufswahl und kommt nur für ihre Lebenshaltungskosten auf, nicht aber für ihr Malmaterial. Ihr gelingt es schließlich, zwei ihrer Gemälde in einer New Yorker Galerie auszustellen. Es gibt viele Bewunderer, aber keine Käufer. Sie schreibt 1871 in einem Brief:
"Ich habe mein Atelier aufgegeben und das Porträt meines Vaters zerrissen. Seit sechs Wochen habe ich keinen Pinsel mehr angerührt und werde es auch nicht wieder tun, bis ich eine Aussicht auf Rückkehr nach Europa sehe. Ich möchte unbedingt im nächsten Herbst in den Westen reisen und Arbeit finden, habe mich aber noch nicht entschieden, wo." ( Quelle hier )
Einige ihrer frühen Gemälde werden beim Großen Brand von Chicago 1871 zerstört, wo sie ihr Glück auf die Probe stellen wollte. Das zeigt sich nur mit einem ganz anderen Gesicht: Kurz darauf erregt sie die Aufmerksamkeit des Erzbischofs von Pittsburgh, der sie beauftragt, zwei Kopien von Gemälden Antonio da Correggios in Parma anzufertigen. Er stattet sie mit dem nötigen Geld für die Reise und einem Vorschuss auf die Aufenthaltskosten aus. Zusammen mit Emily Sartain, einer Kollegin aus einer angesehenen Künstlerfamilie aus Philadelphia, reist Mary nach Europa. Es ist wohl ihre Rettung: Die acht Monate in der italienischen Stadt werden wohl zu den glücklichsten Zeiten in ihrem Leben gehören.

Von links nach rechts:
"Pendant le carneval", "On the Balcony during the Carnaval" ( beide 1872 ), "Torero and Young Girl" (1873) 














Im Winter auf das Jahr 1872 studieren beide an der Accademia di Belle Arti di Parma bei Carlo Raimondi Drucktechnik. Mary erntet viel positives Feedback in der Stadt, wird von der dortigen Kunstszene unterstützt und gefördert, auch nachdem ihr Gemälde "Pendant le carneval" im Pariser Salon erfolgreich ist.

Kunsthistoriker heute sehen übrigens die Madonnen - Darstellungen des Malers Correggios als eine der wichtigsten Inspirationsquellen für Mary Cassatts berühmte Mutter-Kind-Darstellungen, die inzwischen als ihre größte Leistung angesehen werden.

Nachdem sie den Auftrag für den Erzbischof abgeschlossen hat, reist Mary nach Madrid, wo sie im Prado-Museum die Meisterwerke von Rubens, Greco, Velázquez und Goya betrachtet, und weiter nach nach Sevilla. Es entsteht eine Reihe von Gemälden mit spanischen Motiven, darunter "Torero and Young Girl", welches sie im Mai 1873 im Salon präsentiert. Im Juni reist sie dann in die Niederlande, um die Werke von Van Dyck, Rembrandt und Frans Hals zu studieren. Anschließend begegnet sie in  Antwerpen den Kupferstecher Joseph-Gabriel Tourny.

Nachdem sie den Winter 1874 in Rom verbracht hat, kehrt die Malerin nach Paris zurück und lässt sich nun in der Nähe der Place Pigalle nieder, wo sie sich mit ihrer Schwester Lydia eine Wohnung teilt. 

Von links nach rechts:
"Femme dans un loge" , "Femme dans un loge" ( als Pastell, beide 1879), "L'Automne" (1880)







Lydia Cassatt, 37 Jahre alt, unverheiratet - ihr Verlobter ist im Sezessionskrieg gefallen -, ohne Beruf, hat in einem stillen Akt des Widerstands beschlossen, in die Fußstapfen ihrer jüngeren Schwester zu treten und sich in Frankreich niederzulassen ohne finanzielle Unterstützung ihrer Familie, um dort zu arbeiten – vermutlich als Anstandsdame getarnt. Sie begleitet Mary regelmäßig zu gesellschaftlichen Anlässen und freundet sich mit Künstlern, Musikern und Schriftstellern jener Zeit an, sie erlebt also die Entwicklung der Schwester & ihrer Freunde im Impressionismus und die bahnbrechenden Kunstwerke der Avantgarde hautnah mit. Auch in den Gemälden Marys spielt sie eine wichtige Rolle: 1879 steht sie Modell für "Femme dans une loge", das als ein Schlüsselwerk der Künstlerin gilt. Es zeigt Lydia in einem der exklusiven, mit Spiegeln verkleideten Abteil der Pariser Oper. Überhaupt: Da Modelle Geld kosten, kann Lydia das der Schwester ersparen, deren beruflicher Ruf damals noch in den Kinderschuhen steckt. 
Die Unabhängigkeit der Schwestern währt zwei Jahre. Lydias Gesundheitszustand - bei ihr wird eine schwere Nierenerkrankung, die Bright-Krankheit, diagnostiziert - gibt Anlass zur Sorge, und ihre Eltern beschließen, zu ihnen nach Frankreich zu ziehen. Das Porträt von 1880 zeigt Lydia schon weniger lebhaft & strahlend. Mary wird dieses Bild als ihren Beitrag zum Impressionistensalon von 1881 auswählen. 1882 stirbt Lydia. Ihr Tod setzt Mary vorübergehend außer Gefecht und sie kann einige Monate nicht mehr kreativ sein. 
"Porträt von Louisine W. Havemeyer"
(1896)
In Paris macht Mary zu dieser Zeit auch die Bekanntschaft mit Louisine Waldron Elder, der späteren Mrs. Havemeyer, die sich während ihrer lebenslangen Freundschaft unermüdlich für die Impressionisten in den Vereinigten Staaten einsetzen wird.

Im Salon des Jahres 1874 ist sie noch mit einem Porträt dabei. Im Jahr darauf wird nur eines ihrer beiden eingereichten Werke akzeptiert, und 1876 hat sie ihren letztes Auftritt dort. 

Anfang 1877 besucht der Maler Edgar Degas Mary in ihrem Atelier und lädt sie ein, ihre Werke in impressionistischen Ausstellungen zu zeigen. Die nimmt sie freudig an, denn sie sieht in Degas jemanden, der wie sie fühlt, da sie inzwischen mit der etablierten Kunst völlig durch ist. Ihn und seine Pastelle bewundert sie schon, seit sie ihnen 1875 im Schaufenster eines Kunsthändlers gegenüber gestanden hat:
"I used to go and flatten my nose against that window and absorb all I could of his [Degas'] art. It changed my life. I saw art then as I wanted to see it."

Das heute im Musée de la Ville de Paris ausgestellte frühe Gemälde "Two Women Seated by a Woodland Stream" (um 1869) zeigt bereits damals schon einen Einfluss von Degas, aber auch Manet: 

"Two Women Seated ba a Woodland Stream"
(ca. 1869)




Es zeigt zwei Frauen, die unter einem dichten Blätterdach am Ufer eines Baches sitzen. Das Gemälde ist eines von Mary Cassatts wenigen Werken, in denen die Landschaft und nicht die Darstellung von Figuren im Vordergrund steht. Obwohl die Freilichtmalerei zu einer beliebten Konvention der impressionistischen Malerei gehört, räumt Mary dieser meist eine untergeordnete Rolle im Hintergrund zu. Die skizzenhafte Komposition lässt vermuten, dass dieses Gemälde nie vollendet worden ist. 

Edgar Degas:
"Au Louvre: La peinture"
(1879)
Im Laufe der Jahre werden Degas und Mary Freunde und Vertraute. Er übt einen erheblichen Einfluss auf sie aus. Sie entwickelt unter seiner Anleitung eine außergewöhnliche Fertigkeit im Umgang mit Pastellkreiden, schafft sie doch schließlich viele ihrer wichtigsten Werke in diesem Medium. Degas führt sie auch in die Kupferstichkunst ein, in der er als anerkannter Meister gilt, was ihre Linienführung und ihr zeichnerisches Können insgesamt verbessert. 

Als Person wird Mary zum Sujet seiner Radierungsserie, die ihre gemeinsamen Besuche im Louvre dokumentieren. Mary profitiert also erheblich von seiner Technik und seinem Wissen und hegt wohl auch tiefere Gefühle für ihn, lernt aber, aufgrund seines launischen und temperamentvollen Wesens, nicht zu viel von ihm zu erwarten. Degas ist, trotz seiner wunderschönen Tänzerinnenbilder, zutiefst mysogyn. Über Mary soll er abfällige Bemerkungen gemacht haben. Über die, eine große, drahtige Frau, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, äußert er: "Ich hätte sie geheiratet. Aber ich hätte nie mit ihr schlafen können."

Was ihre Eltern - immerhin wohnt man inzwischen gemeinsam in der Avenue Trudaine! - wohl über ihre Beziehung zu einem Künstler gedacht haben, der für seine Gemälde von Prostituierten berüchtigt gewesen ist - das bleibt unserer Fantasie überlassen! Die enge Freundschaft wird bis zu Degas Tod im Jahr 1917 bestehen.

Mary, eher der Porträt- als der Landschaftsmalerei zugeneigt, fühlt sich aufgrund ihrer Vorliebe für die Arbeit im Freien, ihres Farbgefühls und ihres künstlerischen Geschmacks den impressionistischen Künstlern immer mehr verbunden. Sie freundet sich eng mit Berthe Morisot und Camille Pissaro und den anderen, in Frankreich lebenden Amerikanern James McNeill Whistler und John Singer Sargent an. Als Mary eingeladen wird für die neue Kunstzeitschrift "Le Jour et la Nuit" ( die jedoch nie erscheinen wird ) zu arbeiten, wendet sie sich intensiv der Radierung und dem Drucken zu.

Für die Impressionisten ist das Hauptziel, die Welt so darzustellen, wie sie mit unseren Augen wahrgenommen wird. Deshalb hellen sie ihre Farbpaletten auf, und das Spiel des natürlichen Lichts wird zu einem zentralen Anliegen ihrer Gemälde. Damit lösen sich von den althergebrachten Zwängen des Pariser Salons und der École des Beaux-Arts und wählen neben den leuchtenden Farben ganz neue Sujets: Szenen des Alltags bekommen den Vorzug vor den traditionellen Themen aus Geschichte & Mythologie. 

"Petite Fille sur un fauteuil bleu"
(1878)

Ein Beispiel für diesen neuen Ansatz  im Werk Marys ist "Petite Fille sur un fauteuil bleu" (1878). Es ist wohl eines der meist reproduzierten Werke der Malerin und hängt heute in Washingtons National Gallery.

"Selbstporträt"
(
Die Impressionistenausstellung von 1879 wird die bis dahin erfolgreichste. Jedem Mitglied bringt sie einen Gewinn ein, und die Gruppe bleibt vor einer tieferen Krise verschont, in die die Künstler abzurutschen drohen. Und dieser Erfolg gelingt trotz der Abwesenheit der "Stars"  Renoir, Sisley, Manet und Cézanne, die erneut versuchen, im Salon Anerkennung zu finden. Dank des Engagements von Gustave Caillebotte, der die Ausstellung organisiert und finanziert hat, verkauft man viele Werke. Doch die Kritiker urteilen nach wie vor harsch: Die "Revue des Deux Mondes" urteilt: 
"Herr Degas und Frau Cassatt sind dennoch die einzigen Künstler, die sich hervortun und in dieser prätentiösen Schaufensterdekoration und kindischen Kritzelei etwas Reiz und eine gewisse Rechtfertigung bieten."
Im Mai 1886 nimmt sie an der letzten Impressionisten-Ausstellung teil und zeigte sechs Gemälde und ein Pastell. Zwei Gemälde steuert sie zur ersten Impressionisten-Ausstellung in den Vereinigten Staaten bei, die vom Kunsthändler Paul Durand-Ruel organisiert worden ist. Ihre Freundin Louisine Elder hat inzwischen Harry Havemeyer, einen reichen Zuckerbaron, geheiratet, und Mary wird nun als Beraterin beim Aufbau einer Sammlung mit Werken der Impressionisten akquiriert. ( Ein Großteil dieser umfangreichen Sammlung befindet sich heute im Metropolitan Museum of Art in New York.) 

"Portrait de Alexander J. Cassat et son fils Robert Kelso" (1884/85)
"Master Robert Kelso Cassatt" (1880)


Auch ihren Bruder Alexander, der ab 1880 Jahr für Jahr auf Besuch nach Paris kommt, stiftet sie an, impressionistische Werke für seine Kunstsammlung zu kaufen, insbesondere  die von Degas. Anfang 1887 zieht die Familie Cassatt in eine Wohnung mit Atelier in der Rue de Marignan 10, damit Mary ihre Arbeit mit der Pflege ihrer betagten Eltern verbinden kann. Sie kauft sich eine Presse für das Atelier für ihre Kaltnadelradierungen. 

Mary Cassatt ist eine kühne, willensstarke, allerdings auch aristokratisch bzw. hochmütig wirkende Frau, und diese Eigenschaft hat sich als unerlässlich erwiesen, um in der männerdominierten Welt des späten 19. Jahrhunderts zu bestehen. Sie ist gerne unabhängig, verabscheut allerdings die Einsamkeit. So ist sie immer umgeben von Mitgliedern der Familie, Freunden, Bekannten, jungen Künstlern, ihrer treuen Gouvernante Mathilde Valet. 

"Mrs. Cassatt lisant un cont de fèe à ses petits-enfants"
(1888)

Ist sie doch mal alleine, klagt sie über Langweile. Und dennoch wahrt sie auch immer eine gewisse Distanz, als ob die Tatsache, dass sie eine Amerikanerin ist und aus einem wohlhabenden Elternhaus, einen gewissen Respekt verlangt. Sie bleibt auch für die engsten Künstlerfreunde stets Mademoiselle Cassatt. Von sich selbst sagt sie: "Je dis toujours tout." Damit stößt sie auch manchen vor den Kopf & verliert dadurch Freunde. Ein kompromissloser Charakter! Doch das bringt sie so weit, dass sie es schafft, von ihrer Kunst zu leben.

Die weiche Seite? Kommt die in ihren klassischen Porträts von Müttern mit ihren kleinen Kindern zum Tragen? Dieses Genre wird zu ihrem Markenzeichen und erntet gleichermaßen Anerkennung und Ablehnung, obwohl ihre unbestreitbar exzellenten technischen Fähigkeiten schließlich von der Mehrheit anerkannt werden müssen. 

Von links nach rechts:
"Maternel Tenderness" (1908), "Femme assise avec un enfant dans les bras" (1890), "Mother Rose Nursing Her Child" (1900)

Es beschäftigt die Kunsthistoriker immer wieder, was der Anlass für diese Themenwahl gewesen ist, was dahinter steckt, dass die Künstlerin dies zu ihrem häufigsten Motiv macht. Sie stellt sich ja damit gegen die allgemein vorherrschende Tendenz zeitgenössischer Topics, wählt also kein modernen Thema wie z.B. die Straßencafés von Paris, sondern greift ein altes, sakral konnotiertes Sujet auf, und das in gänzlich neuer, moderner Art und Weise. 

"Gardner Cassatt Held by his Mother"
Im gleichen Maß wie ihre französischen Kollegen den Blick auf die nie zuvor dargestellte städtische Agilität fokussieren, schafft Mary Cassatt ein visuelles Pendant durch die Darstellung intimer Momente statt hektischer Bewegungen. Dass sie damit nicht die reale Situation der meisten Kinder ihrer Zeit, durch Armut & Kinderarbeit bestimmt, darstellt, könnte einem glatt dekadent vorkommen. Nach Meinung mancher Experten, scheint das die These von einer christlich-sakralen Ikonographie zu bestätigen. Nur eine exklusive, gehobene Schicht in dem von Cassatt geschilderten idyllischen Ambiente mag derartige Momente erlebt haben; das Gros der Kinder & ihrer Mütter ganz bestimmt nicht. Die wichtige körperliche Bindung von Mutter und Kind ist zu Cassatts Zeiten noch sehr wenig angesehen gewesen. Aus diesen genannten Gründen leben ihre Mutter-Kind-Bildnisse von Idealisierung, beinahe Verklärung.

Andere Stimmen sehen einen Zusammenhang zwischen dem Verlust der Schwester, die von Mary in ihrer Krankheit versorgt worden ist, und dem Aufkommen dieses Thema. Eine Sehnsucht, nach einem Objekt, das umsorgt wird, nach Zärtlichkeit, wie es die kinderlose Frau nicht erfährt. Das früheste datierte Werk zu diesem Thema ist übrigens eine Kaltnadelradierung "Gardner Cassatt Held by his Mother" vom Januar 1888. Es ist die Zeit, in der sich die Künstlerin vor allem mit japanischen Gravuren beschäftigt. Im Jahr 1889 nimmt sie da auch an der ersten Pariser Ausstellung der Gesellschaft der Maler-Grafiker teil. Technisch gesehen sind diese Grafiken, die sie auf der zweiten Ausstellung dieser Gesellschaft vorstellt, als Farbdrucke bis heute unübertroffen. ( Von der dritten Ausstellung wird sie zusammen mit Pissaro ausgeschlossen, da keine Franzosen. ) Jetzt beginnt sie, sich auf ihre Porträts von Frauen & Kindern zu beschränken - die produktivste und kreativste Zeit ihres Künstlerinnenlebens! Fast fünfzig Jahre ist sie nun alt.

"La coiffure"
(1890)
Auf Anraten Pissarros mietet Mary für den Sommer das Château de Bachivillers an der Oise. Während ihres Aufenthalts dort erhält sie den unerwarteten Auftrag, für den Frauenpavillon der Weltausstellung in Chicago ein kolossales Wandgemälde ( über 4 Meter hoch und fast 18 Meter lang)  zum Thema  "Moderne Frau" zu gestalten. Damit soll eines der Giebelfelder im Innenhof des Pavillons geschmückt werden, Mary Fairchild MacMonnies das Gegenstück zur Versklavung von Frauen darstellen. Dieses Projekt wurde von dem Ehepaar Potter und Bertha Palmer initiiert, die sich mit Unterstützung von Louisine Havemeyer für die Förderung der Kunst in den Vereinigten Staaten und die Emanzipation der Frauen in der Gesellschaft einsetzen. Das Wandgemälde verschwindet nach der Ausstellung, und es existiert nur noch ein Gemälde, das auf dieses monumentale Werk Bezug nimmt: "Jeunes femmes cueillant des fruits". Die Malerei hat nur eine lauwarme Zustimmung gefunden.

Im Dezember 1891 stirbt Robert S. Cassatt, Katherine Kelson Cassatt folgt ihm 1895, Marys Bruder Alexander 1906.

"La Leçon de Banjo"
(1893)
Weil sie ihr bisheriges Sommerdomizil aufgeben muss, kauft Mary 1894 das Château de Beaufresne in Mesnil-Théribus im Département Oise. Dort wird sie hauptsächlich die Sommermonate bis zu ihrem Tod verbringen. In diesem eigenen Landhaus kann sie Familie und Freunde empfangen und arbeiten, wann immer sie will. Der Ort ist gut an das Eisenbahnnetz angebunden, die Malerfreunde Monet & Pissarro leben nicht weit entfernt und in Reine Lefebre findet sie ein gefälliges Modell. Die Dörfler erleben sie als großzügig - so stockt sie das Gehalt der Dorflehrerin auf -, lehnen allerdings ihren Vorschlag ab, ihren Ort mit Strom aus der alten Windmühle auf ihrem Grundstück zu versorgen. Der treue Pissarro stirbt schließlich 1903.

In ihren Fünfzigern beginnt Marys Sehvermögen nachzulassen, sie bleibt aber noch produktiv. Doch sie beschreitet keine neuen Wege mehr, ihre Bilder bleiben konventionell bis sentimental. Die Impressionistenkollegen, die sie einst inspiriert und kritisiert haben, sind inzwischen größtenteils verstorben.

Neue Kunstströmungen wie dem Postimpressionismus, dem Fauvismus und dem Kubismus steht sie ablehnend gegenüber. Matisse & Picasso mag sie gar nicht und sie spricht von "schrecklichen Bildern". Nach einem Besuch bei Matisse an der Côte d'Azur schreibt sie an ihre Freundin: "Seine Gemälde waren von äußerst schlechter Ausführung und zeugten von einer sehr banalen Vision.Selbst die Seerosen ihres Freundes Monet sind in ihren Augen "glorifizierte Wandtapeten". Und zu Gertrude Stein, die inzwischen ein Renommée in der Paris Kunstwelt hat: "Sie stammt aus einer kalifornischen jüdischen Familie, die arm und unbekannt nach Paris kam; aber sie sind nicht umsonst jüdisch. Zwei ihrer Brüder gründeten ein Atelier, kauften billige Matisse-Gemälde und begannen, für Kenner der einzig wahren Kunst zu posieren."

1908 reist sie das letzte Mal in die Vereinigten Staaten, um ihre Freundin Louisine Havemeyer nach dem Tod ihres Mannes zu unterstützen.  Ende Dezember 1910 unternimmt sie mit der Familie ihres jüngsten Bruders Gardener eine Reise über München, Wien, Budapest, Sofia in die Türkei und nach Ägypten und sie ist in Kairo sehr beeindruckt von der antiken Kunst. Gardener stirbt nach seiner Rückkehr nach Paris im April 1911. Bei Mary wird Diabetes, Rheuma, Neuralgie und Grauer Star diagnostiziert. Entmutigen lässt sie sich dadurch nicht. Sie versucht sich in wärmerem Klima, in Grasse, oder Biarritz, Erleichterung zu verschaffen.

Aber 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus, die treue Mathilde Valet muss als Elsässerin das Land verlassen, und mit dem Malen wird es immer schwieriger, so sehbehindert ist Mary nun. Sie engagiert sich allerdings weiter für das Frauenwahlrecht und stellt der Bewegung 1915 achtzehn Werke in einer Ausstellung zu deren Unterstützung zur Verfügung. 1917 stirbt der Freund Degas in Paris, mit dem sie jedoch wegen der Dreyfus -Affäre 1894 aneinandergeraten ist und mit dem sie sich demzufolge nicht mehr oft getroffen hat. 1922 stirbt ihr Galerist Durand - Ruel.

Am Ende ihres Lebens wird die Malerin immer übellauniger, da sie mit Einsamkeit, Krankheit, dem Verlust von Freunden und Angehörigen sowie mit der Entfremdung von ihrer Familie kämpfen muss. 

Sie stirbt am 14. Juni  1926 im Alter von zweiundachtzig Jahren in ihrem Château und wird neben ihren Eltern, ihrem Bruder Robert und ihrer Schwester Lydia in der Familiengruft auf dem Dorffriedhof von Le Mesnil-Théribus beigesetzt. Das ganze Dorf folgt dem Trauerzug. Monet wird ihr im Dezember folgen. Von den anderen Impressionist*innen lebt nun keiner mehr ( außer dem eher unbekannteren Armand Guillaumin, der im Jahr darauf stirbt ).

Mit ihren Träumen und ihrer Tatkraft wird Mary Stevenson Cassatt später zu einer Ikone, einem Sinnbild für die Unabhängigkeit von Frauen. Ihre Selbstbestimmtheit und die Kunst haben ihr wohl ein gutes Leben eingebracht, denn keiner in ihrer Familie ist so alt wie sie geworden... 
"Mit meiner Kunst habe ich die Seelen von vielen Leuten berührt: sie erkannten die Liebe und das Leben. Können Sie mir etwas mit dieser Freude Vergleichbares bieten?"
Weitere Werke sind auf dieser Website zu finden.

Dienstag, 19. Mai 2026

Cousinen - Täschchen


Ich bin väterlicherseits in eine sehr große Familie hineingeboren ( dafür war die mütterlicherseits geradezu extrem klein ).

Dreizehn Cousinen & Cousins hatte ich zeitweilig. Drei, die ich besonders mochte, sind schon vorzeiten bzw. unlängst gestorben. Zu drei Cousinen pflege ich den Kontakt. Dazu kommt die Witwe meines Lieblingscousins und deren gemeinsame Tochter, also meine Großcousine.

Frauen pflegen einfach solche Kontakte und nutzen dafür die neuen technischen Möglichkeiten, aber auch immer noch die der Schneckenpost. So bleibt die Verbundenheit bestehen ( von meinen noch lebenden Cousins weiß ich rein gar nichts. Nicht mal, ob sie noch am Leben sind ). 

Bei  diesem Tilda- Stöffchen aus der Kollektion "Hometown" von 2022 hatte ich immer den Begriff sisterhood vor meinem inneren Auge und habe ihn gehütet. Aber wofür? Jetzt war es an der Zeit, daraus etwas zu machen.





Der Farbenmix-Schnitt "Patience" liegt immer bereit unter meiner Schneidematte, Endlosreißverschluss und  "Soft and Stable" in den Vorratskisten. Und jede Menge Unistoff in flieder war auch noch von der Hochzeit vor drei Jahren reichlich vorhanden. Also hab ich mich am verregneten letzten Sonntag an die Arbeit gemacht.

Meine Nähmaschine war zwar zunächst nicht wirklich einverstanden damit ( Hinweis an mich: Warten, auch wenn die Nähpausen immer größer werden! ). Aber dann war sie mir hold und in zwei Stunden hatte ich die gefälligen "Produkte" fertig.

Jetzt warten sie darauf, überreicht zu werden. Dafür sollte sich an Pfingsten doch Zeit finden lassen...

Verlinkt mit dem Creativsalat.




  

Sonntag, 17. Mai 2026

Monatsspaziergang Mai 2026

Im November des vergangenen Jahres hatte ich meinen Beitrag zum Monatsspaziergang mit einem Foto auf die Siedlung, die ich diesmal aufgesucht habe, eingeleitet. Es geht also wieder auf die Schäl Sick, genauer nach Köln-Buchforst. Und diesmal ist mein Ziel die Siedlung "Weiße Stadt" auf der anderen Seite, also südlich der Heidelberger Straße, gewesen.

1926 erwarb die Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Wohnungsbau (GAG) große Flächen im "Kalkerfeld" zwischen Buchheim und Kalk. Nach dem "Blauen Hof", den ich in besagtem November vorgestellt hatte,  entstand nun südlich der Heidelberger Straße ab 1929 bis 1932 die Siedlung "Weiße Stadt". Geplant wurde sie wieder von den Kölner Architekten Wilhelm Riphahn ( der bei mir schon Kultstatus hat ) und Caspar Maria Grod. 

Die Beiden setzten nun in Köln ihre Erfahrungen mit der sogenannten Zeilenbausiedlung um, die sie bei einem Projekt in Karlsruhe-Dammerstock gemacht hatten. Dieses gilt bis heute als Schrittmacher des modernen Siedlungsbaus in Deutschland und wurde damals von Architekten und Kritikern überregional beachtet & diskutiert. 

Die fünfgeschossigen Häuser  in Buchforst wurden nicht in Reihen entlang einer größeren Straße errichtet, wie es damals noch üblich gewesen ist, sondern waren - daher der Name "Zeilenbauten"- frei im Gelände aufgestellt und nur durch kleine Sträßchen miteinander verbunden. Der Verkehr sollte weitgehend außerhalb des Wohngebietes bleiben.

Die Siedlung umfasst in Nord-Südrichtung annähernd rechtwinklig zur Hauptstraße gelegene fünfgeschossige Mehrfamilienhäuser, flach gedeckt und weiß verputzt sowie im rechten Winkel dazu Reihen von ein- und zweigeschossigen Einfamilienhäusern. Zur Heidelberger und Waldecker Straße schließen sich noch heute eingeschossige Ladenlokale an. Ein großer Platz am Kreuzungspunkt von Waldecker und Heidelberger Straße nahm Gemeinschaftseinrichtungen auf, darunter das 1932 erbaute - und 1945 zerstörte - Gemeinschaftshaus, mit Gaststätte, Kindergarten, Mütterberatungsstelle und Bücherei. Am anderen Ende des Platzes wurde, 1930 die katholische Kirche St. Petrus Canisius errichtet. Eine Aufnahme  vom historischen Zustand ist hier zu finden.

Durch die sägezahnartig gestaffelte Anlage der Häuserzeilen treten die Balkone als plastisches Element der Fassadengliederung besonders hervor und verleihen den Zeilen eine skulpturale Qualität, wie es meine Fotos auch festhalten. Gerade diese Art der Architektur reizt mich immer wieder beim Fotografieren. Riphahn/Grod reagierten mit diesem Konzept schon auf die verbreitete Kritik an der monotonen Gestaltung im Zeilenbau, die damals gerne geäußert wurde. 

Sie orientierten sich also weiterhin an den Prinzipien des "Internationalen Stils" und konzipierten würfelförmige Grundformen mit guter Belichtung und Belüftung für alle Wohnungen. Da sie sich auf wenige Haustypen beschränkt haben, war eine kostengünstige serielle Planung möglich. Hinzu kam, dass die Baustellenorganisation optimiert wurde, weil beim traditionellen Steinbau mit Ziegelsteinen sehr viel Material in die Brüche ging, durch ein neu entwickeltes Verfahren der "Rapidschalung" mit Lavabeton. Deshalb konnten die Häuser auch zügig errichtet und die Wände aufgrund der vergleichsweise guten Dämmeigenschaften des Materials dünn bleiben, was sich günstig auf Baukosten, Wohnraum und Mieten ausgewirkt hat.


Die "Weiße Stadt" bildete den Höhepunkt des avantgardistischen Siedlungsbaus in Köln. Zu dieser Zeit war es die modernste Siedlung in der Stadt und zog natürlich die Aufmerksamkeit der Kölner auf sich. Konservativen Kreisen gefiel sie gar nicht. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde diese Architekturrichtung durch ein völkisch begründetes Siedlungsideal ersetzt. 

Eine Vielzahl der Gebäude der "Weißen Stadt" sind seit 2006 eingetragene Baudenkmäler im Denkmalverzeichnis der Stadt Köln. Zwischen 2006 und 2010 wurde die Siedlung komplett saniert und heutigen Anforderungen angepasst.

Zwischen den Gebäuderiegeln, die nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet waren, wurden Grünflächen und Vorgärten angelegt - große Flächen mit Rasen, Anlagen zum Wäschetrocknen und wunderbar großen Bäumen.

Aber anders als in den Siedlungen, die ich bis dato besucht habe, war es nicht möglich, die Gartenanlagen zu betreten.


Diese hier wirkte allerdings wenig einladend.


Das war hier schon etwas anders.


Die rund 580 Wohneinheiten waren damals schon bis zu 80 m² groß, ganz anders als beim gegenüberliegenden "Blauen Hof". Vermutlich waren die größeren Wohnungen vor allem für Beamte und Angestellte vorgesehen. Untersuchungen haben ergeben, dass die Mieter sehr moderne Berufe hatten und für die Zeit sehr fortschrittlich waren. Sie arbeiteten beim Rundfunk oder am Flughafen, waren Bankbeamte, Studienräte oder Kriminalsekretäre. Auch allein lebende Frauen mit eigenem Beruf lebten in der Siedlung.









Die Geschäfte an der Heidelberger Straße sind heute verschwunden, die Pavillions sind teilweise leer. Ebenso fehlt der Buchforster Hof, der - zunächst im Zweiten Weltkrieg zerstört - später in das Erdgeschoss eines siebenstöckigen Hochhauses einzog, welches in den 1950er Jahren an der Hauptstraße neu errichtet worden ist. Übrigens wurde das Veedel erst nach der Fertigstellung dieser Siedlung im August 1932 in Buchforst umbenannt. 





Auch heute ist manchen zu viel Klarheit à la Bauhaus zuwider und dem wird Buntheit entgegengesetzt.


Am stärksten betrifft das die ein- bis zweistöckigen Einfamilien - Reihenhäuser, rechtwinklig zu den Wohnblöcken am südlichen Rand der Siedlung gebaut, die nicht im Besitz der Genossenschaft, sondern Privateigentum sind.


Da wird schon mal Bauhaus in Toskana umgewandelt.


Erfrischend empfand ich da die stupende Klarheit der ehemaligen Auferstehungskirche, ein 1968 eingeweihter, moderner evangelischer Kirchenbau mit Gemeindezentrum, gestaltet von den Architekten Georg Rasch und Winfried Wolsky. Die Kirche gilt als herausragendes Beispiel evangelischer Kirchenarchitektur der Nachkriegszeit und wurde im Jahre 1992 unter Einbeziehung der Hofbepflasterung unter Denkmalschutz gestellt. 

Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft GAG Immobilien übernahm 2012 die Trägerschaft und heute finden dort kulturelle Veranstaltungen statt ( "Kulturkirche Ost" ).

An der Stelle des ehemaligen Gemeindezentrums gibt es eine neue Bebauung mit stationären Heimplätzen, einer ambulanten Wohngemeinschaft für Demenzkranke und fünf behindertengerechte Wohnungen.


Die Katholische Pfarrkirche St. Petrus Canisius an der Ecke Cusanusstraße/Voltastraße wurde 1930/31 ebenfalls von den Architekten Wilhelm Riphahn und Carl Maria Grod erbaut. Das konsequent Moderne an der Kirche ist ihre städtebauliche Anbindung an die Siedlung, sie ist aber als Kirche stets erkennbar, die einzige übrigens in Köln im Bauhausstil. In den Jahren 1942 bis 1944 wurde sie zerstört. Den Wiederaufbau leiteten 1948 die Architekten Dominikus und Gottfried Böhm. Die Freifläche zwischen Kirche und Hochhaus an der Straßenkreuzung sieht inzwischen ziemlich verwahrlost aus.




Und damit man es ja nicht vergisst: M'r sein he en Kölle!

Diesen Monatsspaziergang bringe ich wieder nach Graz zu Heike...