Donnerstag, 2. Februar 2023

Great Women #325: Franciszka Mann

Wie und wo ich die Geschichte meiner heutigen Great Women erfahren habe, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall ist es eine der aufregendsten und schillerndsten Geschichten, die ich im Rahmen dieser Reihe recherchiert habe, denn so viele Widersprüche fand ich selten vor. Aber es ist auch eine Geschichte, die zeigt, dass die europäischen Juden sich nicht immer tatenlos wie die Schafe zur Schlachtbank führen ließen, damals unter den Nazis. Franciszka Mann unternahm einen, wenn auch erfolglosen Versuch.

 

Reste des Entkleidungsraumes vor der Gaskammer in Auschwitz

Franciska Mann, manchmal auch als Francesca M., F. Manheimer, aber auch unter ihrem Künstlernamen Lola Horowitz geführt, wird am 4. Februar 1917 in Bosnisch Brod in eine jüdische Familie hineingeboren. Brod ist eine Kleinstadt nahe Banja Luka im Norden Bosniens im damaligen Österreich - Ungarn, zu Füßen einer alten osmanischen Festung gelegen. 

Über ihre Eltern ist nichts bekannt. Vermutlich übersiedeln sie nach dem Ersten Weltkrieg nach Warschau und ermöglichen dort ihrer Tochter eine assimilierte Erziehung und ein Studium von Musik und Tanz an der Schule von Tacjanna Wysocka, einer russischstämmigen Tänzerin, rhythmischen Sportgymnastin, Choreografin, Ballettlehrerin und Theoretikerin. An der Ballettschule des Tänzers Zygmunt Dąbrowski und der Schule für Gymnastik und künstlerischen Tanz von Irena Prusicka, einer der größten Tanzschulen der Stadt, setzt sie anschließend ihre Ausbildung fort. Dort lernt sie Stefania Grodzieńska kennen, die auch als Schauspielerin agiert und mit der Franciszka später im Ghetto kooperieren wird. Auch die Bekanntschaft mit der Sängerin Wiera Gran, ebenfalls Jüdin, entwickelt sich in jener Zeit.

Während ihres Studiums und nach dessen Abschluss gibt Franciszka Liederabende am Großen Theater in Warschau, verkehrt in den Warschauer Künstlerkreisen und gilt als eine der vielversprechendsten polnischen Tänzerinnen der Jahre 1936-1939. Sie tritt auf Opern- und Kabarettbühnen, in Cafés, Revueshows und auf privaten Partys auf und sogar vor der Kamera in einem Kurzfilm über berühmte Polen. 

Bei einem internationalen Tanzwettbewerb 1939 in Brüssel erreicht sie gegen starke Konkurrenz von 120 Tänzern einen beachtlichen vierten Platz. Nach ihrer Rückkehr gilt sie als aufgehender Stern und vielversprechendes Talent sowohl im klassischen wie modernen Tanz. Wo sie auftritt, erntet sie stürmischen Applaus.

Sie heiratet den Musiker Marek Rosenberg, Sohn eines wohlhabenden Warschauer Trikotagenhändlers, und bekommt mit ihm eine Tochter.

Nach dem Überfall auf Polen tritt Franciszka im Nachtclub "Melody Palace" in Warschau auf, bevor man sie zwingt im Oktober 1940 wie all ihre jüdischen Mitbürger, in das Ghetto von Warschau zu übersiedeln.  Inmitten all des Elends lassen die Nazis die Installierung des Theaters "Femina"  in einem alten Kinosaal zu. Dort trifft Franciszka auf Stefania Grodzieńska, deren Mann Jerzy Jurandot der künstlerische Leiter der Einrichtung ist. Schon bald avanciert das Theater zur beliebtesten Unterhaltungseinrichtung des Ghettos, das mit seinen Kabaretts, Liederabenden und Operetten ein wenig Licht in das Leben der geschundenen Ghettobewohner bringt, und auch die schöne 30jährige Tänzerin tritt dort auf. 

1939

Wie ihre Freundin Wiera Gran kann sie dem Ghetto entkommen, zumindest zeitweilig, und sich im "arischen" Teil der Stadt bewegen. In einigen Publikationen wird sie wohl deshalb auch der Kollaboration bezichtigt. Es scheint so zu sein, dass sie wohlhabenden Juden zur Freiheit verhelfen will. Sie wird einer der Kuriere zwischen dem Ghetto und der Außenwelt und gehört zu den Juden, denen im Rahmen der Hotel-Polski-Affäre eine Ausreise in die Schweiz oder ein Austausch gegen deutsche Kriegsgefangene in Aussicht gestellt wird. 

Nach der Niederschlagung des Aufstandes im Ghetto im April/Mai 1943 und der Ermordung der Aufständischen soll nämlich die Auflösung des Ghettos durchgeführt werden. In den folgenden Wochen versucht die SS der Juden habhaft zu werden, die sich bisher haben verstecken können oder sich aus den Mauern des Ghettos auf die arische Seite gerettet haben. Sie lässt verbreiten, dass im "Hotel Polski" in Warschau ausländische Visa und Zuzugsgenehmigungen ausländischer Staaten für Juden erworben werden können. Mehrere tausend jüdische Bürger Warschaus melden sich daraufhin im Hotel, das für sie ein Ort der Hoffnung und eventueller Rettung ist. 

Die Kosten für ein gefälschtes Ausreisevisum nach Paraguay, Panama, Peru, Guatemala oder Bolivien betragen etwa 1.500 US-Dollar pro Person ( mehr als 20.000 US-Dollar zum heutigen Kurs). Auch Franciszka scheint das alles zunächst aufrichtig zu glauben, vielleicht ahnt sie aber auch etwas oder weiß ein bisschen zu viel nach dem Geschmack der Gestapo. Das sind aber alles unbelegbare Vermutungen, die kursieren. Auf jeden Fall erhält sie ein Visum für den ersten Transport. Die angeblich neutralen südamerikanischen Staaten gedenken jedoch keinen Finger zu rühren, um die im "Hotel Polski" Versammelten zu retten. Und die SS hat dies ohnehin niemals vorgehabt. 

Von den so festgesetzten Opfern mit südamerikanischen Visa werden 1750 zuerst nach Bergen-Belsen gebracht, dann aber doch nach Auschwitz weitertransportiert, wobei einige der "Austauschjuden" nach wie vor glauben, zur Schweizer Grenze geleitet zu werden, als sie in Bergau bei Dresden Zwischenstation machen. In der Schweiz sollen sie angeblich gegen politische Gefangenen ausgetauscht werden. Deshalb sind die Zugwaggons auch ganz normale Wagen für Passagiere, um den wahren Zielort zu verschleiern.

Am 23. Oktober 1943 trifft der Transport in Auschwitz ein. An der Rampe erwarten sie u.a. die Oberscharführer Josef Schillinger & Walter Quakernack und Unterscharführer Wilhelm Emmerich

Josef Schillinger, ein 1908 in Oberrimsingen in Südbaden geborener Metzger, Rapportführer im Männerlager von Auschwitz-Birkenau, wird später von Zeugen als besonders unmenschlich und brutal beschrieben: "Der Hieb seiner Hand war wuchtig wie ein Knüppel, spielend zerschlug er einen Kiefer, und wo er hinschlug, floss Blut", so berichtet es der Auschwitzüberlebende Tadeusz Borowski später. "Ein untersetzter, breitschultriger Mann mit einem Affengesicht, ein verkommenes Subjekt, ein Schrecken der Häftlinge." So schildert ihn Wieslaw Kielar, ein weiterer polnischer Gefangener des Lagers. Auch im Eichmann - Prozess wird Schillinger noch einmal aktenkundig als einer, der sich damit gebrüstet habe, höchstpersönlich zigtausende Menschen mit eigener Hand getötet zu haben. Schillinger wird in seinem Geburtsort in einem Ehrengrab beigesetzt. 2003 wird öffentlich gemacht, wer er gewesen ist. Daraufhin wird das Grab entfernt.  

An der Rampe von Auschwitz

Die neu Eingetroffenen an der Rampe in Auschwitz werden nicht registriert, um den Anschein zu wahren, und sollen, so die Ansage der SS- Schergen, vor dem Übertritt in die Schweiz "desinfiziert" werden. Die Männer werden zum Krematorium III geführt, die Frauen ins Krematorium II verwiesen. Die drei Männer - Schillinger wird als leicht betrunken beschrieben - betreten den Auskleideraum, vermutlich auch aus sadistischem Interesse, in dem sich die Frauen ausziehen sollen. Das weitere Geschehen wird später von dem slowakischen Juden Filip Müller, einem Mitglied des Sonderkommandos, in seinem Buch "Eyewitness Auschwitz - Three Years in the Gas Chambers" ( 1976 ) erzählt:

Eine auffallend schöne Frau, die wohl die Gefahr erkannt hat und sich mit einem Teil der Frauen weigert, sich auszuziehen, schlägt mit ihrem Schuhabsatz Quakernack ins Gesicht, so dass dieser beide Hände zu seinem Schutz erhebt. So kommt die Frau an seine Pistole, mit der sie Schillinger in den Bauch schießt und Emminger am Bein verletzt. Diese Frau ist Franciszka Mann.

Nun versuchen die anderen Jüdinnen, die Türen von innen zu verschließen. Als die SS-Männer draußen die Schüsse hören und begreifen, was passiert ist, rufen sie andere zu Hilfe. Auf Befehl des Lagerkommandanten Rudolf Höß schießt die SS mit zwei Maschinengewehren in die Baracke, in der die Frauen sind, bis sich drinnen nichts mehr rührt. Noch am nächsten Tag feuert die Wachmannschaft wahllos vom Sicherheitsturm aus in das Lager und tötet 13 weitere Häftlinge.

Schillinger stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus in Katowice. Emmerich überlebt zumächst, bleibt aber behindert und stirbt schließlich kurz nach Kriegsende an Typhus. Quakernack wird 1946 zum Tode verurteilt und gehängt. 

Die Identität der Frau wird nicht zu 100  Prozent bestätigt, dennoch weisen einige Quellen darauf hin, dass es sich um Franciszka Mann gehandelt hat.


Die frühesten Berichte werden im Mai 1945 von einem polnischen Holzhändler und Zeugen nach der Befreiung von Auschwitz und Birkenau zusammengetragen und dem britischen Geheimdienst angetragen. Dieser Bericht wird 2012 im US - Nationalarchiv entdeckt und stimmt mit anderen zeitgenössischen Behauptungen über Franciszka Mann überein. Jerzy Tabeau, ein polnischer Arzt, der aus dem KZ geflohen ist, berichtet als einer der ersten von dem Aufstand. Seine Aussage findet Aufnahme in die Dokumentationen der Nürnberger Prozesse unter dem Aktenzeichen L-022. Der Holocaust-Überlebende David Wisnau, der zum Sortieren der Kleider im Raum gewesen ist, wird 2015 in einem Interview ähnliches bestätigen.

Von den ursprünglich aufbewahrten Aufzeichnungen des Konzentrationslagers sind viele am Ende des Krieges vernichtet worden, um die begangenen Verbrechen zu verschleiern, und daher ist es oft schwierig, Details von Augenzeugenberichten eindeutig zu validieren. In den übrig gebliebenen Unterlagen ist nicht vom Aufstand, wohl aber von den Schussverletzungen der beiden SS-Männer die Rede.

"Das Ereignis sprach sich im Lager schnell herum und wurde eine Legende. Ohne Zweifel bewirkte diese heroische Tat einer schwachen Frau im Angesicht des sicheren Todes eine moralische Unterstützung von jedem Gefangenen. Plötzlich realisierten wir alle: Sie [die Deutschen] waren auch sterblich!", so der Zeuge im Eichmann- Prozess, Wieslaw Kielar.

2019 wird in Jerusalem eine neue Ballettaufführung inszeniert: "Franceska Manns letzter Tanz in Auschwitz". Diese Aufführung und die begleitende Berichterstattung rufen die Erinnerung an den heroischen Widerstand der Tänzerin wieder wach und machen sie einem breiteren Publikum bekannt. 

JL Marlor, eine in Brooklyn, New York, lebende multidisziplinäre Künstlerin & Komponistin, die im Haus ihrer polnischen Großeltern aufgewachsen ist, komponiert die Musik und verfasst das Libretto für "The Final Veil", eine Oper für ein Streichquartett, vier Sänger & Tänzerinnen, die das Geschehen von damals zum Inhalt hat. Für dieses Werk schöpft die Komponistin aus der reichen Tradition der polnischen Musik, darunter Volkslieder, und kombiniert sie mit klassischer Musik, Underground-Jazz und jüdischer Musik der 1930er Jahre. 2022 hat das Stück Premiere in Manhattan.