Donnerstag, 18. Juli 2019

Great Women # 187: Rosalind Franklin

Brenda Maddox Biografie über Nora Joyce habe ich 1990 verschlungen. Als ich nach weiteren Büchern von ihr gesucht habe, bin ich auf ihre Biografie der von mir heute porträtierten Frau gestoßen - Rosalind Franklin - und war sofort Feuer & Flamme.


"Science and 
everyday life 
cannot and 
should not be separated."

Rosalind Elsie Franklin wird am 25. Juli 1920 in eine angesehene, gut vernetzte und wohlhabende britisch - jüdische Familie in London hineingeboren. Sie ist das zweite von fünf Kindern ihrer Eltern Muriel Frances Waley und Ellis Franklin, einem Banker. 
ca. 1923

Der Vater stammt aus einer arrivierten jüdischen Familie, die ursprünglich bis Mitte des 18. Jahrhundert in Breslau ansässig gewesen ist und auf den Namen Fraenkel gehört hat. 

Sein Onkel ist der Viscount Herbert Samuel, der 1916 als erster praktizierender Jude ins britische Kabinett zum Innenminister berufen worden ist und zum Zeitpunkt von Rosalinds Geburt zum Hochkommissar von Palästina. 

Seine älteste Schwester Alice Franklin ist Sozialistin, Suffragette und Sekretärin des Jüdischen Bunds für Frauenwahlrecht, eine andere Schwester, Helen Caroline Franklin ( "Mamie Bentwich" ), hingegen ist Gewerkschafterin, Labourpolitikerin und Philanthropin, später verheiratet mit dem Juristen & Zionisten Norman de Mattos Bentwich, zeitweise Generalstaatsanwalt im britischen Völkerbundsmandat für Palästina. Ein Bruder, Hugh Franklin, ist Suffragist und gehört zu den wenigen Männern, die wegen ihres Kampfes um Frauenrechte inhaftiert worden sind. 

Vater Ellis selbst hat ein Physikstudium nicht wie gewünscht in Oxford aufnehmen können, weil er zu Beginn des Ersten Weltkriegs zur Armee einberufen worden ist. Muriel Waley hat er 1917 geheiratet und er akzeptiert nach der Entlassung aus der Armee den Beschluss der Familie, in der von ihr geführten Handelsbank Keyser & Co die Arbeit als Banker aufzunehmen und den Lebensunterhalt für die bald wachsende Familie - der erste Sohn David wird 1919 geboren,  - zu garantieren. Doch für den Rest seines Lebens wird ihn die Naturwissenschaft beschäftigen, und er wird Physik an einem "Working Men's College" unterrichten, einer Wohlfahrtseinrichtung, von christlichen Sozialisten gegründet und von den Franklins auch finanziell unterstützt.

Die Familie der Mutter besteht aus lauter Intellektuellen und Akademikern, die schon früher als die Franklins in England ansässig geworden sind. Muriels Vater ist allerdings ein eher glückloser Rechtsanwalt, der seiner Tochter, anders als ihrem Bruder, den Schul- und anschließenden Universitätsbesuch nicht ermöglicht hat, was die hochintelligente Muriel sehr bedauert. Sie ist sich mit ihrem Ehemann darin einig, dass auch ihre beiden Töchter entsprechend ihren Fähigkeiten gefördert werden ( und das, obwohl Ellis sonst in seiner Bank keine Frauen duldet, nicht mal als Telefonistinnen oder Sekretärinnen ).

Noch als kleines Kind besucht Rosalind  eine Privatschule in der Nähe ihres Zuhauses am Pembridge Place 5 in London W2, in der - für die Zeit ungewöhnlich - Jungen und Mädchen bis zum Alter von elf Jahren unterrichtet werden. Dieser Schule verdankt Rosalind, dass sie schon mit sechs Jahren sehr geschickt in Arithmetik ist, und "Mamie Bentwich" sie als "erschreckend schlau" bezeichnet. Das kleine Mädchen hat aber auch sehr viel Spaß an Sport, der in ihrer Schule ebenfalls koedukativ erteilt wird.

Die Familie ist zwar gut situiert, lebt aber nicht auf großem Fuß wie der Großvater Franklin mit seinem Stadt- und Landhaus, Chauffeur und Pipapo. Dafür geht man gerne auf Reisen, und Rosalind kommt schon in frühen Jahren in den Genuss von Auslandsaufenthalten. Die Familienurlaube bestehen oft aus Spaziergängen und Wanderungen, und Reisen & Wandern wird auch zu einer lebenslangen Leidenschaft Rosalinds werden...

Das Behütetsein in der Familie nimmt für Rosalie ein Ende, als 1929 ein fünftes Kind geboren wird, die Schwester Jennifer, und sie in die "Lindores School for Ladies", ein Internat in Bexhill an der Kanalküste gelegen, geschickt wird, auch, um in einer gesünderen Umgebung weniger krank zu sein. Briefe Rosalinds zeigen, dass sie sich nach zu Hause sehnt. Aber sie schickt sich in die Gegebenheiten und entwickelt ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten, was sowohl den Geist anbelangt wie handwerkliches Geschick, um ihre Emotionen in Schach zu halten. Dort keimt auch ihr dauerhaftes Interesse für die Naturwissenschaften auf. Dennoch zählt sie jeden Tag, bis sie wieder nach Hause fahren kann.

Mit ihren Geschwistern 1932

Zwei Jahre später, mit elf Jahren, wechselt Rosalind dann auf die "St. Paul's Girls School", eine Tagesschule in London, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Mädchen auf einen beruflichen Werdegang vorzubereiten. Für ehrgeizige Mädchen ist eine solche Schule die erste Wahl.

Sie ist aber auch ein Ort, an der Rosalind viele Freundschaften schließt. Diese freundschaftlichen Beziehungen, von den Eltern gefördert, bringen aber auch immer wieder die "schwierige" Seite der Heranwachsenden zum Vorschein, so dass die Eltern befürchten, ihre Tochter könne ähnlich rebellisch werden wie Onkel Hugh oder Tante Alice.

Als "Paulina" - so werden die Schülerinnen genannt - zeichnet Rosalind sich wieder in den Naturwissenschaften, Latein und Sport aus. Zu dieser Zeit war St. Paul's eine der wenigen Schulen in London, an denen auch Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern unterrichtet werden. "Ihr ganzes Leben lang", so die Mutter später, "wusste Rosalind genau, wohin sie wollte, und mit sechzehn Jahren entschied sie sich für die Naturwissenschaften als ihr Fachgebiet." 

Die letzten Jahre in "St. Paul's", die der Vorbereitung aufs College dienen sollen, werden überschattet durch die Folgen der politischen Entwicklung in Nazideutschland, besonders 1938 nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Der Zustrom jüdischer Flüchtlinge wird zu einer wahren Flut, und die Vater Franklin reduziert seine Arbeit als Banker und am College, um im Innenministerium bei der Visazuteilung zu helfen. Er und Tante Mamie kümmern sich auch um verwaiste  & obdachlose deutsch- jüdische Kinder - zwei davon finden auch im Haus der Franklins Unterschlupf - und die Schulleiterin von "St.Paul's" befreit die Schülerinnen immer wieder vom Unterricht, damit sie bei der Flüchtlingsarbeit helfen.


 CC BY-SA 2.0
Rosalind hat von der Schule eigentlich genug und fährt nach Cambridge, um bei den Zulassungsprüfungen in Physik & Chemie mitzumachen. Sie besteht trotz gewisser Zweifel ihrerseits und bekommt von beiden Frauencolleges ein Angebot. Sie entscheidet sich für das Newnham College und gegen ein weiteres Jahr auf ihrer Schule, was ihr die große Freiheit bringt, sich ab da mit Dingen zu beschäftigen, die auf keinem Lehrplan stehen wie z.B. die Teilnahme an Bezirksratsversammlungen oder einer Luftschutzübung. In Frankreich poliert sie zudem ihre Sprachkenntnisse auf, bevor sie, ausgestattet mit einer Auszeichnung ihrer Schule in Höhe von jährlich 30 Pfund, im Oktober 1938 in Cambridge das Studium im Hauptfach Physikalische Chemie aufnimmt ( worauf ihr Vater - entgegen anderen Verlautbarungen in der Literatur - sehr stolz ist ).

Norwegen 1939
Die junge Frau schätzt die anregende Atmosphäre der neuen universitären Umgebung und scheint geradezu begierig alles Wissen, alle Techniken in sich aufzusaugen. Sie lernt den "Vater der Röntgenkristallographie", den Nobelpreisträger William Lawrence Bragg kennen und spezialisiert sich auf die Kristallographie und die physikalische Chemie, und John Desmond Bernal, ein früher Pionier auf diesem Gebiet und der Molekularbiologie, wird ihr Lehrer, ebenso der Spektroskopiker W.C. Price.

Bei ihren Prüfungen in Chemie, Mathematik und Physik glänzt Rosalind, formuliert in Briefen aber immer wieder ihre Selbstzweifel. 1939 belegt sie insgesamt einen zweiten Platz und kann ins Auge fassen, das Studium in zwei Jahren abzuschließen. Neunzehn Jahre alt wird sie in jenem Sommer und ist ihrer Familie nach wie vor sehr verbunden. Gemeinsam unternimmt man mit allen Mitgliedern eine Reise nach Norwegen zu einer Klettertour, kehrt aber rechtzeitig mit dem vorletzten Schiff nach England zurück, als ein Krieg immer wahrscheinlicher wird.

Als der dann ausbricht, versucht ihr Vater sie zu überreden, das Studium abzubrechen und Kriegsdienst zu leisten. Doch ihre Mutter und Tante Alice intervenieren. Rosalind ist der Meinung, dass nicht weniger Wissenschaft zu meistern sei, nur weil jetzt Krieg sei. Sie teilt nicht die Zuversicht des Vaters, dass die Vernunft und die allgemeinen Grundrechte in diesem Krieg triumphieren werden. Wie so oft, ist sie mal wieder pessimistisch, auch was ihre sommerlichen Prüfungen anbelangt. Doch bei denen gewinnt sie wieder einmal ein Stipendium für ihr letztes Jahr in Cambridge.

De facto hat sie jetzt schon einen akademischen Grad, und der Vater schlägt ihr nun eine Arbeit auf dem Land vor. Sie sei "ganz außerordentlich schlecht" in allem, was nicht Wissenschaft sei, befindet Rosalind. Reaktion des Vaters: Sie habe die Naturwissenschaften quasi zu ihrer Religion gemacht. Daraufhin schreibt sie ihm einen vierseitigen Brief, der ihre Vorstellungen wiedergibt:
"... Wissenschaft und Alltagsleben können und sollten nicht getrennt werden. Wissenschaft erklärt, zumindest für mich, teilweise das Leben. Soweit wie sie greift, basiert sie auf Tatsachen, Erfahrungen und Experimenten. Deine Theorien sind die, die du und viele andere Menschen für glaubwürdig und bequem halten... Ich stimme dir zu, dass Glauben und Zuversicht wesentlich sind für den Erfolg im Leben (...), aber ich akzeptiere deine Definition von Glauben nicht, d.h. den Glaubens an ein Leben nach dem Tod. Meiner Ansicht ist alles, was für den Glauben nötig ist, die Zuversicht, dass wir, indem wir unser Bestes geben, dem Erfolg näher kommen und dass unsere Ziele (die Verbesserung der ganzen der Menschheit in der Gegenwart und Zukunft) es wert sind erlangt zu werden. Jeder, der an das glaubt, was die Religion beinhaltet, verspürt natürlich eine solche Zuversicht, aber ich. behaupte, dass Zuversicht in dieser Welt durchaus möglich ist, ohne an eine andere Welt zu glauben." ( Quelle hier )
Damit bricht sie mit dem jüdischen Glauben, allerdings nicht mit dem, was Jüdischsein auch beinhaltet: die unerschütterliche Loyalität gegenüber der Familie.

Ihr drittes Jahr in Cambridge startet gleichzeitig mit den Luftangriffen der deutschen Wehrmacht auf London. Wissenschaftler und andere männliche Mitglieder des Lehrkörpers wenden sich nun der Kriegsforschung zu, was für Rosalind bedeutet, dass sie sich einen neuen Doktorvater suchen muss. Wichtiger wird Rosalind eine andere Begegnung, nämlich die mit Adrienne Weill, einer lebenslustigen französisch - jüdischen Physikerin, verwitwet, Mutter und dem Aufruf De Gaulles, nach England zu gehen, gefolgt. Sie ist tief beeindruckt von dieser einstigen Schülerin Marie Curies, die auch über ein paar Ecken mit Rosalinds Familie verbunden ist.

Piccadilly (Mai 1941)
Anfang 1941 forcieren die Nazis die Luftangriffe auf London und damit auch Rosalinds Ängste. Sie habe sich "in Schwermut gestürzt". Ihr Doktorvater wendet sich inoffiziell an die Collegeleitung mit Zweifeln, dass sie ihr Abschlussexamen excellent genug schaffen würde. Nicht, weil sie nicht klug und fleißig genug wäre, aber sie sei unflexibel und könne ihre Zeit nicht richtig einschätzen. Die Befürchtungen treffen ein, zumal Rosalind während der Prüfungen wegen einer schlimmen Erkältung mit Medikamenten "zugedröhnt" ist: Ihr Ergebnis ist eine gute Zwei, in der physikalischen Chemie ist sie sogar die Beste und durch Einsatz ihres Doktorvaters bekommt sie doch noch ein 15-Pfund- Stipendium und kann in Cambridge bleiben.

Sie hätte sich gewünscht, jetzt etwas zu erforschen, was zur Niederschlagung Hitlerdeutschlands beigetragen hätte - stattdessen wird sie in das physikalisch - chemische Laboratorium gesteckt, um unter einem schlecht gelaunten Alkoholiker, dem späteren Nobelpreisträger Ronald Norrish, zur Polymerisation von Methansäure & Acetaldehyd zu forschen. Immerhin entgeht sie so dem Militärdienst und kann an der Universität bleiben. Aber bisweilen fühlt sie sich nicht wirklich geschätzt dort. Und als sie einen grundlegenden Fehler in Norrishs Projekt findet, kommt es Anfang 1942 zum Eklat, ja, zu einer regelrechten Kraftprobe. Ihre Beharrlichkeit führt letztendlich dazu, dass sie ein neues Projekt übernehmen kann, doch wirklich zufrieden ist sie nicht. Marianne, die Tochter Adrienne Weills, ebenfalls in Cambridge studierend, äußert sich so über Rosalind: "Sie war ausgesprochen nett, gut und ernsthaft; man hat sie nicht oft lächeln sehen." Hinzu kommen Konflikte mit dem Vater, der ihr Festhalten am akademischen Leben nicht akzeptieren mag, während seine Söhne an der Front sind.

Licht am Horizont ist erst wieder zu sehen, als Rosalind am südwestlichen Stadtrand von London ein Labor findet und für die "British Coal Utilization Research Association" (BCURA) über die molekulare Struktur von Kohlen und Kohlenstoffen forschen kann - immerhin trägt sie so zu den Kriegsanstrengungen ihres Landes bei! Außerdem bildet sie mit ihrer Cousine Irene Franklin und einer Freundin eine Wohngemeinschaft in einem kleinen Haus in Putney Common und findet Freude an der Hausarbeit. Das und die neue Forschungsarbeit - sie versucht herauszubekommen, welche Kohle gegen das Eindringen von Gas oder Wasser unempfindlicher ist, relevant auch für Gasmasken! - lassen Rosalind erst einmal ihren Seelenfrieden finden...

Doch Ende 1943 zieht sie wieder ins elterliche Haus, nachdem sie das Idyll in Putney durch eine Eifersuchtsattacke - ihre Cousine hat geheiratet und ist nun schwanger - zerstört hat. Dort übersteht sie die letzten üblen Luftangriffe und erlebt schließlich das Kriegsende am 8. Mai 1945. Alsbald macht sie sich wieder auf nach Cambridge, um dort ihre Doktorarbeit, die auf ihren Forschungen für die BCURA basiert, abzuschließen.

Eine Reihe glücklicher Zufälle führen Rosalind im Sommer 1946 nach Paris. Dort besucht sie natürlich  Adrienne Weill, bevor sie mit einer Freundin zu einem Wanderurlaub in den Alpen aufbricht. An ihre Mutter schreibt sie: 

In Paris
"Ich bin sicher, ich könnte ewig in Frankreich wandern und glücklich dabei sein. Ich liebe die Menschen, das Land und das Essen."

Dazu kommt dann noch das Angebot ihrer Träume ( vermittelt durch Adrienne Weill): Sie kann am "Laboratoire Central des Services Chimiques de L’Etat" forschen, auf ihrem Spezialgebiet!

Unter Leitung von Jacques Mering, den Rosalind sehr sympathisch findet ( und in den sie wohl etwas verliebt ist, aber auf Abstand geht, weil er verheiratet und zudem eine Affäre mit einer Kollegin hat ), lernt sie, Röntgenstrahlung zur Analyse der inneren Struktur von Holzkohle und Kohle einzusetzen. Das Betriebsklima in diesem Institut ist sehr stimmig, ganz anders als in Cambridge, und sie kann sich durch zahlreiche Aufsätze in Fachzeitschriften zu einer international anerkannten Wissenschaftlerin auf ihrem Fachgebiet mausern.

Die private Rosalind Franklin scheint in Paris die glücklichste Zeit ihres Lebens zu verbringen: In den Briefen an ihre Familie berichtet sie sehr viel mehr von ihren Ferien, ihren Freunden oder den Lebensbedingungen im Paris der Nachkriegszeit als von ihrer Arbeit. Sie hat viel Zeit für das Reisen und Wandern, ist mit Freunden zum Wochenende mit dem Fahrrad unterwegs, geht mit ihren französischen Kollegen zum Tanzen oder Baden, unternimmt längere Reisen nach Italien oder in die Alpen, deren großartige Landschaften sie beeindrucken, und entwickelt sich zu einer versierten Kletterin. Als Pariser Anlaufstelle für zahlreiche Freunde und Verwandte aus England, glänzt sie als Gastgeberin und bekocht alle mit Begeisterung französisch. Die Familie ist verwundert über ihre modische Eleganz. Kurz: Es ist eine so ganz andere Rosalind, als der später so gern heraufbeschworene Blaustrumpf...

Doch die Familie drängt, zur Rückkehr: Schließlich kommt sie 1950 nach London zurück, um unter Leitung von John Turton Randall am Londoner "King’s College" zu forschen. Ein dreijähriges Stipendium bildet die materielle Grundlage ihrer Forschungsarbeiten. 

Am "King’s College" gibt es bald Schwierigkeiten: Ein anderer Forscher dort, Maurice Wilkins, ist vom Leiter des Laboratoriums im Unklaren gelassen worden, dass Rosalind nicht als seine Assistentin fungiert, sondern eine ihm weitgehend gleichgestellte Kollegin ist. Auch ein klärendes Gespräch 1951 und eine striktere Trennung der Aufgabengebiete der Beiden kann die Situation nur bedingt entschärfen. Generell werden an diesem sehr traditionellen College Wissenschaftlerinnen als nicht ebenbürtig betrachtet, was sich z.B. im Ausschluss der Frauen von einem der Speisesäle ausdrückt. Auch die von Rosalind bisher geleisteten Forschungsarbeiten wissen die Kollegen nicht zu würdigen, geschweige denn ihre Allgemeinbildung und ihre politischen und kulturellen  Interessensgebiete. Das Klima bleibt frostig.

Foto 51
Rosalinds Arbeit besteht darin, die bis dahin wenig beleuchteten DNA-Moleküle zu erforschen.  Ihr gelingen mit Unterstützung des Studenten Raymond Gosling gestochen scharfe Aufnahmen des DNA-Moleküls. Schnell ist klar, dass diese in zwei Strukturzuständen auftreten, je nachdem, ob es sich um eine kristalline DNA handelte oder ein DNA, der Wasser zugesetzt worden ist. Anfang 1953 findet Rosalind heraus, dass die zwei verschiedenen Formen der DNA beide eine spiralförmige, helikale Struktur besitzen. Ihre Forschungsergebnisse veröffentlicht sie aber nicht.

Watson & Crick in Cambridge 1953
Zur gleichen Zeit arbeiten Francis Crick und James Watson in Cambridge an einem theoretischen Modell der DNA, ohne in Kontakt mit Rosalind zu stehen.

Rosalinds Kollege Maurice Wilkins zeigt ihnen im Januar 1953 aber eines ihrer röntgenkristallographischen Fotos - das berühmte Foto 51 - und ein weiterer Forscher macht ihnen die bis dahin unveröffentlichte Zusammenfassung von Rosalinds Forschungsergebnissen zugänglich. CVrick & Watson setzen ihre Kollegin nicht davon in Kenntnis und erwähnen auch ihr Verdienste mit keinem Ton, als sie später ihre eigenen Ergebnisse in "Nature" veröffentlichen. Die Wissenschaftshistorikerin Margaret Rossiter wird diese Praxis, Leistungen von Frauen Männern zuzuschreiben, später  "Matilda-Effekt"  nennen. Erst 1968 wird Watson in seinem Buch "Die Doppelhelix" eingestehen, dass er Rosalinds Daten gekannt hat.

Jennifer, die "kleine Schwester," kommentiert das später: Sie wäre "vor Wut explodiert", hätte sie gewusst, dass James Watson und Francis Crick ihre Daten verwendet haben. Sie sei aber überzeugt, dass ihre Schwester gestorben sei ohne die Erkenntnis, wie sehr sie zu dieser Entdeckung beigetragen hat.

Zu dieser Zeit arbeitet Rosalind Franklin längst am "Birkbeck College" der Londoner Universität, wo sie eine angenehmere Arbeitsatmosphäre vorfindet. Ihr  neues Forschungsprojekt befasst sich mit der Entschlüsselung der Struktur eines Pflanzenvirus, dem Tabak-Mosaikvirus (TMV) .

Im Rahmen dieser Forschungsarbeiten hält sie sich zwischen 1954 und 1956 länger in den USA auf. Die Ergebnisse dieser Studien bringen bahnbrechende Erkenntnisse über den Aufbau von Viren. 1956 bekommt sie den Auftrag, Modelle für diese zylinder- und kugelförmige Viren zu erstellen, die 1958 im Rahmen der Weltausstellung in Brüssel präsentiert werden sollen.

1955
Am Ende ihres letzten USA - Aufenthaltes bemerkt sie an sich körperliche Veränderungen, die sie zurück in London untersuchen lässt. Eine Operation wird dringend angeraten: Sie leidet an Eierstockkrebs.  Zuerst freut sich Rosalind noch, dass keine komplette Hysterektomie vorgenommen werden muss und die Chance auf eigene Kinder bestehen bleibt. Doch schon einen Monat später sieht nach einer zweiten Operation alles anders aus. Während der folgenden 18 Monate muss  sie ihre Arbeit immer wieder für Operationen und Behandlungen unterbrechen. Aber es ist damals nicht Usus, offen über eine Krebserkrankung zu sprechen. Deshalb erfährt auch Rosalinds Team nicht, was mit ihr wirklich los ist.

Die sieht ihre wichtigste Aufgabe nun darin, Finanzierungsmöglichkeiten für ihr Forschungsteam zu organisieren. Auch eine Reise nach Paris und eine Wanderung im Schwarzwald unternimmt sie 1957 noch und veröffentlicht weitere sieben wissenschaftliche Aufsätze - "die Illusion der Normalität" ( Brenda Maddox ) zerbricht im April des Jahres, als ihr der Arzt nach weiteren Problemen bezüglich ihres Gesundheitszustandes reinen Wein einschenkt. Doch: "Rosalinds Schreibtisch und Terminplan waren so voll, dass sie zum Sterben zu beschäftigt war." ( Brenda Maddox ) Sie besucht sogar im Sommer noch eine Konferenz über Polio in Genf und macht einen Ausflug nach Zermatt zum Matterhorn und zeigt keine Schwäche auf dieser Reise. Polio wird nun ein neues Interessengebiet der unermüdlichen Forscherin.

Im November 1957 muss sie sich in eine Spezialklinik begeben, so dass ihr Team eine Ahnung davon bekommt, woran sie erkrankt ist. Sie unterzieht sich als eine der Ersten einer Chemotherapie und verfasst am 2. Dezember ihr Testament. In der philanthropischen Tradition ihrer Familie setzt sie als ihren Haupterben Aaron Klug ein, ein loyaler Mitarbeiter und späterer Nobelpreisträger in Chemie, der mit dieser Unterstützung in Großbritannien bleiben und seine Forschungsarbeit wird fortsetzen können. Gegen Ende März legt sie noch einmal einen vollen Arbeitstag ein, um ihre Forschung zu ergänzen und schriftlich festzuhalten - fünf Seiten mit Berechnungen kommen so zustande.

Am 16. April 1958 stirbt Rosalind Franklin mit knapp 38 Jahren in London. Ihre engsten Mitarbeiter sind erschüttert, haben sie sie doch noch an ihrem letzten Arbeitstag mit erhobenem Haupt erlebt. Am nächsten Tag wird sie auf dem jüdischen Friedhof in Willesden beigesetzt. Die "New York Times" spricht in ihrem Nachruf von einem großen Verlust für die Wissenschaft.

Als die Forscher Crick, Watson und Wilkins 1962 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie für ihre Arbeit an der DNA-Struktur  erhalten ( "for their discoveries concerning the molecular structure of nucleic acids and its significance for information transfer in living material"), erwähnen sie den Beitrag ihrer Kollegin Rosalind Franklin zu ihren  Erkenntnissen mit keiner Silbe.

Warum James Watson 1969 in seiner Erzählung "Die Doppel-Helix" dann noch einmal nachtreten muss, kann ich mir nur mit seinen generellen Einstellungen und seinem Charakter erklären - Watson gerät bis heute immer wieder in die Schlagzeilen mit seinen rassistischen, sexistischen und homophoben Einstellungen & Äußerungen:
"Sie tat nichts, um ihre weiblichen Eigenschaften zu unterstreichen. Trotz ihrer scharfen Züge war sie nicht unattraktiv, und sie wäre sogar hinreißend gewesen, hätte sie auch nur das geringste Interesse für ihre Kleidung gezeigt. Das tat sie nicht. Nicht einmal einen Lippenstift, dessen Farbe vielleicht mit ihrem glatten schwarzen Haar kontrastiert hätte, benutzte sie, und mit ihren einunddreißig Jahren trug sie so phantasielose Kleider wie nur irgendein blaustrümpfiger englischer Teenager. Insofern konnte man sich Rosy gut als das Produkt einer unbefriedigten Mutter vorstellen, die es für überaus wünschenswert hielt, dass intelligente Mädchen Berufe erlernten, die sie vor der Heirat mit langweiligen Männern bewahrten." ( Quelle hier )
Auch wenn er gegen Ende seines Buches seine Aussagen auf Druck von Forscherkollegen und der Brüder Rosalinds relativiert ( "Einige Jahre zu spät wurde uns bewußt, was für Kämpfe eine intelligente Frau zu bestehen hat, um von den Wissenschaftlern anerkannt zu werden, die in Frauen oft nur eine Ablenkung vom ernsthaften Denken sehen." ), überdauert die negative Beschreibung der Forscherin - "Rosy, das Drachenweib, das Daten hortet, die es nicht versteht" -  bis heute. Erst sechs Jahre später regte sich Widerspruch in einem Buch, und ein 1987 von der BBC verfilmtes Porträt Rosalinds macht sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und zu einer feministischen Ikone. Heute tragen Preise, Stipendien, eine Universität, Straßen und der Mars-Rover der ESA, der 2020 zum Mars geschickt werden soll, ihren Namen.






Freitag, 12. Juli 2019

Friday - Flowerday # 28/19


Nicht jederfraus Fall: Anthurien
Ich mag sie, besonders wenn die Farben so schön verlaufen.

Dazu habe ich lange Triebe  einer Platterbsenart gewählt.


Wie dieses Arrangement. mit den großen Holzschnitten an der Wand harmoniert!

Gesamtansicht für Helga Holunderbluetchen® 
und alle Liebhaberinnen meiner Freitagsblümchen!

Herzlichst

                                                                 

Donnerstag, 11. Juli 2019

Great Women # 186: Olga Havlová

Irgendwie ist mein Verhältnis zu diesem Nachbarland im Südosten immer ein besonderes gewesen, haben doch dort meine Mutter und meine geliebte Oma sowie deren Vorfahren über Jahrhunderte gelebt. Ich weiß noch, wie mich die Zerschlagung des Prager Frühling als 16jährige erschüttert und beschäftigt hat und wie mich die Geschicke des Landes immer wieder interessiert haben. Toll fand ich, dass ein Dichter dort Präsident wurde. Dass er eine besondere Frau an seiner Seite hatte, habe ich erst später erfahren: Olga Havlová, deren 86. Geburtstag wir heute begehen könnten.

"Auch wenn ich nicht religiös bin, 
sind die Zehn Gebote etwas, 
woran ich mich orientiere. 
Ohne daran zu denken, 
dass sie zur Religion gehören. 
Meiner Meinung nach ist es ein Fundament, 
das nicht in Vergessenheit geraten sollte."


Olga Havlová wird also am 11. Juli 1933 als Olga Šplíchalová in Žižkov, seit 1922 der Hauptstadt eingemeindet und damals so etwas wie eine "no go area" in Prag, in eine klassische proletarische Familie, wie es sie besonders in diesem Stadtteil gibt, hineingeboren. Ihre Eltern - der bei Olgas Geburt 34jährige Antonín Šplíchal und seine sieben Jahre ältere Ehefrau Anna - trennen sich, als Olga sechs Jahre alt ist. Sie wächst als Straßenkind auf, ist wild und ungehorsam, wie sie selbst später sagen wird, übernimmt aber auch bald die Verantwortung für die fünf Kinder ihrer elf Jahre älteren Schwester Jaroslawa, die alleinerziehend ist: "Ich konnte schon mit zehn meine Nichten und Neffen baden, füttern und wickeln."

Olgas Mutter mag das Theater und den Film und leistet sich trotz angespannter Finanzen mit ihren Kindern den Besuch von Nachmittagsvorstellungen. Die Liebe zum Theater & Kino teilt sie uneingeschränkt, die politischen Ansichten der Mutter hingegen gar nicht:

Nach Kriegsende und der Befreiung von den Nazis ist es nicht ungewöhnlich, dass sich viele Einwohner des Arbeiterviertels den Kommunisten anschließen - Olgas Mutter ist darunter. Olga  selbst lehnt den Kommunismus ab: Sie wird nicht Junge Pionierin ( "Pionýr" ), tritt nicht in die Jugendunion ( "Svaz mladých komunist ceskoslovenska" ), geschweige denn in die Partei ein. Mit der Mutter und der Schwester gibt es darüber immer wieder Auseinandersetzungen.

Politisch mehr geprägt wird Olga vom Anblick tschechischer Zwangsarbeiterlager bei Příbram in Mittelböhmen, wo ab 1949 der Abbau von Uranerz mittels politischer Gefangener betrieben wird. Auch das Vorgehen gegen die Abgeordnete Milada Horáková, die 1950 in einem regelrechten Schauprozess zum Tod durch den Strang verurteilt wird wegen "antisowjetischer Konspiration", "Hochverrats", "Spionage" und "umstürzlerischem Verhalten" und trotz internationaler Proteste, darunter Albert Einstein, am 27. Juni 1950 in einem Prager Gefängnis unter brutalsten Umständen hingerichtet wird, beeindruckt die Siebzehnjährige zutiefst. Ihren "ernsteren Zugang zum Leben" führt sie später auf diese Erfahrungen zurück, ihre Geduld, ihr Bedürfnis zu helfen, ihre Unbeugsamkeit, ihre Fähigkeit, niemals das Gesicht zu verlieren hingegen auf das Aufwachsen im Milieu von Žižkov.

1948, nach dem Abschluss der Mittelschule, nimmt Olga eine Lehre bei der verstaatlichten Schuhfabrik Baťa auf. Als eine Presse während der Arbeit blockiert, versucht die damals 16jährige die Maschine selbst wieder in Gang zu setzen und verliert dabei vier Finger ihrer linken Hand. Diese Tragödie zwingt sie nicht in die Knie, im Gegenteil, sie beweist ihren besonders starken Lebenswillen. Sie bekommt zwar eine Invalidenrente zugesprochen, arbeitet aber weiter, benimmt sich wie zuvor und verfeinert ihre Geschicklichkeit mit nur einer Hand. Es gelingt ihr, ihr Handicap in Zukunft unter einem Handschuh oder einem Taschentuch zu verbergen. Mal ist sie tätig als Verkäuferin in einem Strumpfgeschäft, mal einem Buchladen als Lagerverwalterin oder als Buchhalterin - was ihre Arbeit anbelangt, ist Olga nicht sehr beständig, aber in ihrer Liebe zum Theater:

Mit zwanzig Jahren absolviert sie einen Schauspielkurs, spielt Laientheater und in Filmszenen und genießt die Amateurszene im "Divadlo Na Slupi", eine seit 1925 bestehende Theaterbühne. Dabei scheint Olga noch anziehender als die bloße Schauspielerei die Möglichkeit zu finden, am Theater ihre eigene Bildung und ihren kulturellen Status zu vervollkommnen: Sie mag es, sich unter gebildeten Menschen zu bewegen und Zugang zur Literaturwelt zu haben.

1958
Im 1953 lernt sie im legendären "Slavia", einem Schriftstellercafé gegenüber des tschechischen Nationaltheaters, den aus einer wohlhabenden Familie stammenden, drei Jahre jüngeren Intellektuellen Václav Havel kennen. Äußerlich ist er ein pausbäckiger und altkluger Junge, doch ist er schon Mittelpunkt eines literarischen Kreises.

Ein bisschen peinlich berührt ist Olga zunächst von dem gepflegten und verwöhnten Bürgerssohn. Doch ist er damals als einfacher Arbeiter genau wie Olga ( in seinem Fall als Chemielaborant ) tätig, denn als Kind einer Familie des Klassenfeindes wird ihm eine höhere Schulbildung & ein Studium versagt. Das Abitur holt er am Abendgymnasium nach, ein anschließendes Studium der Verkehrswirtschaft darf er nicht vollenden.

Olga ist damals mit dem Schauspieler Ladislav Trojan zusammen, und Václav kann bei ihr nicht sofort landen. Aber sein Blick auf die Welt, sein Wissen, seine Kontakte zu verbotenen Schriftstellern und seine Begeisterung beeindrucken sie auf Dauer. Und weil sie seine Lebensphilosophie bald teilt, wird die selbstbewusste, distanzierte Olga - sehr zum Missfallen der bildungsstolzen Mutter Václav - drei Jahre später seine Freundin. Ein Mädchen ohne Bildung, dazu noch so forsch und energisch wie Olga, eine unverwechselbare "Tochter aus Žižkov" kommt für die Eltern Havel als Schwiegertochter eigentlich nicht in Frage.

In den 1960er Jahren
Die Hochzeit findet schließlich auch erst im Juli 1964 statt, mit einer bescheidenen Zeremonie. Nach Standesamt und einem Mittagessen kehrt das frischgebackene Ehepaar abends auf seine Arbeitsplätze am Theater zurück: Olga ist fast die gesamten 1960er Jahre Platzanweiserin im "Na Zábradlí", einer weiteren Bühne der Stadt, Václav zunächst der dortige Bühnentechniker, später dann Dramaturg und Autor.

Das Paar lebt zunächst bei Havel's Familie am Rasinovo nabrezi, dem Flusskai im Zentrum Prags. Aber das Zusammenleben ist nicht störungsfrei. Die Schwiegermutter wird die Schwiegertochter nie annehmen können...

Als Václav Havel in den 1960er Jahren beginnt, ein angesehener Dramatiker und Schriftsteller zu werden - 1963 wird sein Drama "Das Gartenfest" aufgeführt, 1965 "Die Benachrichtigung", beide in der Tradition des absurden Theaters - kommt Olga immer stärker in Kontakt mit bedeutenden Intellektuellen und einflussreichen Persönlichkeiten. Obwohl sie es nicht von zu Hause gewohnt ist, bewegt sie sich in dieser Gesellschaft sehr selbstsicher, spürt, wann es richtig ist, den Mund aufzumachen und wann es besser ist zu schweigen und bringt ihre Erfahrungen aus dem Leben der einfachen Menschen ein. Sie wird die aufmerksame erste Leserin ihres Mannes und Kritikerin seiner Essays und dramatischen Werke, die gegen Ende der 1960er in vielen Ländern gespielt werden.

1967 kauft sich das Paar ein Ferienhaus in Hrádeček im Riesengebirge, das sie zu ihrem persönlichen Wohnsitz ausbauen.

Während des "Prager Frühlings" 1968 ist Václav Vorsitzender des "Klubs unabhängiger Schriftsteller" und gehört zu den 150 Unterzeichnern eines offenen Briefes an das Zentralkomitee der tschechischen Kommunistischen Partei ( KPČ ) mit Forderungen nach mehr Demokratie. Er wird Wortführer der nichtkommunistischen Intellektuellen, die den von Alexander Dubček eingeleiteten Reformprozess unterstützen.

Einwohner von Prag mit tschechoslowakischer Flagge
vor einem zerstörten sowjetischen Panzer (1968)
Mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei im August des gleichen Jahres widersetzt sich Olgas Mann der Gleichschaltungspolitik und wird daraufhin mit einem Aufführungs- und Publikationsverbot im gesamten Ostblock belegt und nach und nach aus allen kulturellen Aktivitäten seines Landes gedrängt. In der Prager Wohnung sind Abhörgeräte installiert...

Gemeinsam zieht sich das Paar nun ganz in das Haus in Hrádeček zurück. Es wird eine Zufluchtsstätte für Dissidenten und Untergrundangehörige, aber auch dort sind sie immer unter Aufsicht. Als Olgas Hund Junge zur Welt bringt, ist unschwer zu erkennen, wer deren Vater ist: Der Polizeihund. Von einem Privatleben, wird sie später sagen, kann man seitdem eigentlich nicht mehr sprechen.

Václav verdingt sich zwischenzeitlich als Hilfsarbeiter bei einer Brauerei, sie entwickelt sich zur Pilzsammlerin und Gärtnerin, kümmert sie sich häufig um Mädchen und Jungen anderer Dissidenten, die ihre Ferien in ihrem Haus verbringen und ist eine wichtige Stütze für ihren Mann, der immer wieder von der Geheimpolizei verfolgt, verhaftet und verhört wird.

Während international seine Bekanntheit als Dramatiker und Hörspielautor wächst, schreibt das Paar ab 1972 im eigenen Land im Untergrund für eine von ihnen mitbegründete Untergrundzeitung, deren Herausgeber Václav bis 1977 bleibt. 1975 gründet er die "Edition Expedice", eine Samisdat-Ausgabe mit tschechischer Originalprosa, Gedichten und Dramen, Anthologien, Übersetzungen sowie philosophischen, wissenschaftlichen und theologischen Schriften, die jeglicher Meinung Raum gibt und später dreihundert Bände umfassen wird.

Im Januar 1977 initiieren Olga & Václav mit anderen Dissidenten die Menschen- und Bürgerrechtsbewegung "Charta 77", die die Herrschaft der tschechischen Staatspartei, der KPČ, mit Veröffentlichungen im Ausland kritisiert und in Frage stellt:
"Charta 77 ist eine freie informelle und offene Gemeinschaft von Menschen verschiedener Überzeugungen, verschiedener Religionen und verschiedener Berufe, verbunden durch den Willen, sich einzeln und gemeinsam für die Respektierung von Bürger- und Menschenrechten in unserem Land und in der Welt einzusetzen … Charta 77 ist keine Basis für oppositionelle politische Tätigkeit. Sie will dem Gemeininteresse dienen wie viele Bürgerinitiativen in verschiedenen Ländern des Westens und des Ostens."
Diese Verlautbarung erscheint überall zur gleichen Zeit in der Weltpresse, darunter die "Neue Zürcher Zeitung", der "Guardian" oder die "Frankfurter Allgemeine". Menschen aus dem ganzen Spektrum der tschechischen Gesellschaft haben die Charta unterschrieben: ehemalige Kommunisten, ehemalige Trotzkisten, Protestanten wie Katholiken, alles ist dabei, und man verschreckt das Regime, das plötzlich alle gegen sich hat, ohne dass der Staatssicherheitsdienst die Tätigkeit der Bürgerrechtler vorhergesehen hat.

Und es reagiert mit einer wüsten Diffamierungskampagne in stalinistischer Manier, die Unterzeichner werden schikaniert, verhaftet oder ausgebürgert. Auch Václav ist darunter. 1978 wird er zunächst wegen fortgesetzter Aktivitäten als Bürgerrechtler und wegen der  "Edition Expedice" unter Hausarrest gestellt. Von der Gründung des "Komitees zur Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten" im gleichen Jahr lassen die Havels  sich nicht abhalten.

1979 erfolgt eine weitere Verhaftung und die Verurteilung Václavs zu viereinhalb Jahren Gefängnis wegen "Aufruhrs" und "antisozialistischer Umtriebe" . Das Regime unterbreitet ihm ein Ausreiseangebot, aber Václav tritt die Haft an. Auch Olga trägt seine Entscheidung mit -  eine andere Frau hätte wahrscheinlich ein leichteres Leben im Westen vorgezogen.

Olga bei der Arbeit an der "Edition Expedice"
Jetzt schlägt ihre Stunde: Mit dem Bruder ihres Mannes setzt sie die Herausgabe der "Edition Expedice" weiter fort. Auch sie wird strafrechtlich verfolgt, z.B. wegen des Transports verbotener Drucksachen, die die "Republik untergraben".

Immer wieder wird sie von der "Státní bezpečnost", also dem Staatssicherheitsdienst, befragt, viele Male erleidet sie Hausdurchsuchungen. Ihren sozialen Abstieg, die Schikanen, Verhöre über all die Jahre erträgt Olga mit Noblesse und Stolz. Die gemeinsame Sache ist für sie von Bedeutung, nicht ihre individuelle Leistung:

Gefragt, wie sie das alles ausgehalten habe, sagt sie an dieser Stelle:
"Also man überschritt eine bestimmte Grenze, wenn man bereit war, für die Freiheit zu bezahlen, aber gleichzeitig wurde man dadurch bereichert. Wenn einem die Polizei etwas wegnahm, etwa ein schönes Buch, das man noch nicht zu Ende gelesen hatte; hatte man überhaupt nicht das Gefühl, dies sei etwas Schreckliches. Man sagte sich, es gibt ja noch andere... Tausende schöner Bücher. Es gibt Menschen, die dazu allerdings überhaupt nicht fähig sind. Sie haben dauernd Angst vor etwas und wollen davor weglaufen. Die Hauptsache ist, die innere Freiheit zu erlangen, dann kann man auch etwas für die anderen tun."
Während der Haft schreibt Václav die berühmten "Briefe an Olga" voller philosophischer und existenzieller Überlegungen, die nicht nur für sie bestimmt, sondern auch für einen Kreis von Freunden, die ähnlich denken. Zu dieser Zeit befindet sich die persönliche Beziehung der Beiden schon in einer Krise: Olga hat sich während Václavs Haftzeit in den Schauspieler Jan Kašpar verliebt, der sie auch bei ihrer Arbeit unterstützt.

Nicht dass ihr Mann nicht schon früher seine Techtelmechtel gehabt hätte - Olga hat sie ausgehalten: Als er im März 1983 nach heftigen Protesten aus dem westlichen Ausland wegen seiner angeschlagenen Gesundheit vorzeitig aus der Haft entlassen und von Olga mit der neuen Situation konfrontiert wird, erträgt er diese Nachricht nur sehr schwer. Freunde empfehlen ihm eine Psychotherapeutin, die er aufsucht und in die er sich verliebt - Jitka Vodňanská - und mit der er bald eine Beziehung haben wird. Überraschenderweise funktioniert dieses Quartett mehrere Jahre lang, selbst als Jan Kašpar 1988 nach einem Unfall gelähmt ist. Offensichtlich bleibt Olga für Václav weiterhin Halt und Stütze. "Sie konnte nicht ohne ihn leben, weil sie es brauchte, daß er sie brauchte", so ihr Biograf Pavel Kosatik. Doch aus ihrem Munde erfährt man darüber nichts:
"Ich spreche schrecklich ungern über persönliche Gefühle. Ich hab nie so mit Freundinnen getuschelt und verschiedene Vertraulichkeiten mitgeteilt, das mag ich nicht. Über diese Dinge spreche ich nicht." ( Quelle hier )
Olga wendet sich wieder vermehrt ihrer alten Leidenschaft, dem Theater, zu, wird Organisatorin einer Vielzahl von kulturellen und sozialen Aktivitäten und initiiert 1985 die Gründung des Theatermagazins "O Divadlo", das sie als Redaktionsmitglied vor allem in Wirtschafts- und Produktionsfragen unterstützt.

1987 ist sie auch an der Einrichtung eines Untergrundvideomagazins beteiligt, welches offen über die politische und kulturelle Situation in der Tschechoslowakei informiert. Dabei konzentriert sie sich hauptsächlich auf ökologische Themen, denn die Zerstörung der Natur durch die Schwerindustrie im Land ist immens, und es liegt damals an der Spitze der Luft- und Wasserverdrecker Europas.

Als Václav zu Beginn des Jahres 1989 eine Gedenkveranstaltung für den Studenten Jan Palach, der sich 1969 aus Protest gegen die Besetzung des Landes selbst verbrannt hat, mitorganisiert, wird er wieder einmal festgenommen und wegen "Aufwiegelung und Störung der öffentlichen Ordnung" zu neun Monaten verschärfter Haft verurteilt, aber schon bald nach Protesten aus dem Ausland wieder frei gelassen.

Großdemonstration auf dem Wenzelsplatz am 27. November 1989
Eine Demonstration mit über 50.000 Teilnehmern in Prag leitet im November 1989 die "samtene Revolution" und damit eine politische Veränderung in der Tschechoslowakei  ein.  Zuvor ist Václav Havel Vorsitzender des neu gegründeten "Bürgerforums" geworden, das mit der slowakischen Schwesterorganisation "Öffentlichkeit gegen Gewalt" die Bildung einer neuen Regierung durchsetzt.

Olga ist überhaupt nicht begeistert und widerspricht zunächst einer Kandidatur ihres Mannes für das Amt des Staatspräsidenten. Sie fürchtet um ihre in den letzten Jahren zurückeroberte Unabhängigkeit. Die erfolgreiche Wahl als Kandidat des Bürgerforums am 29. Dezember 1989 in der Föderalversammlung nimmt sie zunächst mit widersprüchlichen Gefühlen auf: Ihr widerstrebt die Rolle der First Lady, denn sie ist sozusagen eine Anti - Zelebrität, das einfallsreichste Gegenteil von "Berühmtheit". Sie hasst es, vielen Leuten die Hand geben und sich vor dem Abendessen einige Höflichkeitssätze anhören zu müssen. Und sie trägt lieber Jeans als formale Kleidung, ist lieber natürlich und locker. Am Ende akzeptiert sie es mit der Demut, mit der sie ihr ganzes Leben neben Václav Havel verbracht hat und schickt sich in die Rolle der ersten Dame des Landes.

Auf dem Balkon der Prager Burg nach den ersten freien Wahlen am 8. Juni 1990


Es ist schwer für Olga, mit dem Staatsbeamten fertig zu werden. Noch schwerer fällt ihr, die Erwartung zu erfüllen, Ehrenvorsitzende für zwei- bis dreihundert neu entstandene Organisationen zu werden. "Ich mag aber passive Rollen nicht", so gut kennt sie sich. Und sie hat nach wie vor das Bedürfnis, den Nächsten zu helfen, etwas, dass in den Jahren zwischen 1945 und 1989 in der Tschechoslowakei völlig ins Hintertreffen geraten ist. So gründet sie 1990 das "Komitee des Guten Willens":
"Olga Havlová hatte eine klare Vision: Menschen aus den Sozialeinrichtungen wegzubekommen, die dort nichts zu suchen haben, um ein Leben zu leben, wie alle anderen Menschen. Es war nicht ihr einziger Wunsch. Sie setzte sich auch dafür ein, dass möglichst viele Kinder aus Kinderheimen in ihren eigenen oder Pflegefamilien leben können. Kurzum: Allen, die ein körperliches oder soziales Handicap haben, die Möglichkeit zu geben, ihr Leben so zu leben, wie alle anderen auch", so beschreibt  ihre damalige Mitarbeiterin und heutige Stiftungsleiterin, Milena Černá, an dieser Stelle ihre Motivation.
Nun nutzt sie ihre Position und ihren Einfluss hauptsächlich für die Zwecke des Komitees, sucht auf ihren häufigen Reisen hauptsächlich nach Spenden und nützlichen Kontakten. Zunächst arbeitet sie mit der österreichischen UNICEF zusammen, später werden in einigen europäischen Ländern und in Übersee Zweigniederlassungen gegründet, um die Hauptziele der Stiftung zu unterstützen.

Eine ganz andere Seite der hervorragenden Organisatorin zeigt sich bei der Renovierung und Wiedereinrichtung der arg vernachlässigten Prager Burg. Mit Freude richtet sie die Säle mit historischen Möbeln und Gemälden ein und erstellt ein neues Schlossprotokoll.

Am fünften Jahrestag der Gründung des "Komitees für guten Willen" beschließt sie, dass dieses bzw. die "Olga Havel Foundation" jährlich einen Preis - den "Olga Havel Award" - an eine Person mit einer Behinderung vergibt, die entscheidend an der Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit Handicap gearbeitet hat. Olga Havlová kann an dieser Preisverleihung nur beim allerersten Mal dabei sein:

Wann sie die ersten Anzeichen ihrer Erkrankung wahrgenommen hat, ist nicht bekannt. Das letzte Mal tritt sie im Herbst 1995 bei der Eröffnung der Ausstellung eines Fotografen - Freundes in der Öffentlichkeit auf. Sie arbeitet aber weiterhin für das Komitee. Im November 1995 erhält sie den Titel "Frau des Jahres" ( den ihr Norwegen schon 1991 verliehen hat ).

Anfang Januar 1996 wird in Prag bekannt, dass sie schwer an Krebs erkrankt ist - die Anteilnahme der Bevölkerung ist daraufhin nicht zu übersehen. Sie stirbt am 27. Januar 1996 zu Hause in der Dělostřelecká in Gegenwart ihres Mannes, einer Krankenschwester und ihres Schnauzer Dule mit 62 Jahren.

Wie sehr sie von ihren Landsleuten verehrt wird, zeigt sich auch nach ihrem Tod, als die Menschen in einer endlosen Schlange stehen, um Blumen in der Kapelle des südlichen Flügels der Prager Burg abzulegen und sich in die Kondolenzbücher einzutragen.

Sie wird im Familiengrab der Havels auf dem Prager Vinohrady-Friedhof beigesetzt.
"Ich habe in Olga genau das gefunden, was ich brauchte: eine mentale Reaktion auf meine mentale Unsicherheit, eine nüchterne Korrektur meiner verrückten Ideen, eine private Unterstützung für meine öffentlichen Abenteuer", würdigt Václav Havel die Frau, die vierzig Jahre an seiner Seite gestanden hat.
Auffällig an der Lebensführung Olga Hávlovas wie auch anderer Dissidentinnen ist, dass so ganz anders als im Westen die massive Kritik am Patriarchat fehlt. Dabei hat besonders das legendäre Minerva - Gymnasium in Prag ( siehe auch dieser Post über Milena Jesenská ) eine ganze Generation selbstbewusster Frauen hervorgebracht, und die tschechische Verfassung war die erste in Europa, die explizit die Gleichheit von Männern und Frauen formuliert hat. Dem totalitären Regime in der Tschechoslowakei war es nach der Hinrichtung der Frauenrechtlerin Milada Horáková gelungen, feministische Gedanken zu ihrem Nutzen zu manipulieren: Gesetzlich herrschte die Gleichheit von Mann und Frau, aber nach der Arbeit blieb die alltägliche Plackerei Frauensache, und in der Politik hielt man sie außen vor.

In der Gegengesellschaft der Kritiker des Regimes, in der der Anteil von Frauen ungewöhnlich hoch war, saßen Männer wie Frauen im gleichen schwankenden und gefährdeten Boot und suchten nach Momenten der Ruhe und des Ausgleichs in ihrem Familien- und Freundeskreis. Die zur gleichen Zeit im Westen wirkmächtige Forderung nach Selbstverwirklichung erschien den tschechischen Frauen als "Luxus". Und die historischen Erfahrungen im totalitären System machten keinen Appetit auf Nachahmung und Mitwirkung.

Für mich war dieses Eintauchen in eine so ganz andere Erfahrungswelt sehr aufschlussreich.