Freitag, 4. September 2026
Friday - Flowerday #36/26
Donnerstag, 3. September 2026
Great Women # 468: Diane de Poitiers
Als ich vor vielen, vielen Jahren Marguerite Yourcenars "Chenonceaux, Schloss der Frauen" gelesen hatte, war mein Plan, dieses Schloss an der Loire einmal zu besuchen. Daraus wird wohl nichts mehr, aber immerhin übrig geblieben ist der Impuls, mich mit einer der legendären Schlossherrinnen näher zu befassen. Und so kam ich zu Diane de Poitiers...
Diane de Poitiers erblickt am 3. September 1499 ( da fängt Verwirrung schon an ) bzw. am 31. Dezember 1499 kurz vor Mitternacht oder am 9. Januar 1500 als Tochter des Jean de Poitiers, Vicomte de L'Estoile, Herr von Saint-Vallier, der Einfachheit halber auch nur de Poitiers-Valentinois genannt, und seiner Frau Jeanne de Batarnay das Licht der Welt.
Wo? Da haben wir zur Auswahl einmal Saint-Vallier, eine Gemeinde im heutigen Département Drôme im Rhônetal zwischen Lyon und Marseille gelegen. Dann noch Étoile-sur-Rhône oder Poitiers, heute die Hauptstadt des Départements Vienne in Neu-Aquitanien. Saint-Vallier nimmt aber ganz offiziell in Anspruch, ihr Geburtsort zu sein. Das ist auch das Wahrscheinlichste, denn dieser Ort liegt in der ehemaligen Dauphiné, jener historischen Landschaft im Südosten Frankreichs zwischen Rhône und italienischer Grenze. Im 14. Jahrhundert ist diese per Vertrag zum Herrschaftsgebiet des jeweiligen französischen Thronfolgers ( "Dauphin" ) geworden und damit faktisch ein Teil des französischen Königreichs. Die Vorfahren des Vaters sind Grafen von Valence & Die in der Dauphiné gewesen und haben wegen Schulden unter Louis de Poitiers im frühen 15. Jahrhundert Titel und Lehensgüter an die französische Krone verkaufen müssen. Dianes Großvater Aymar de Poitiers hat Marie de Valois, die uneheliche Tochter König Louis XI. geheiratet und ist Gouverneur und Grand-Sénéchal de Provence geworden. Dianes Vater wird dieses Hofamt des Sénéchals später auch übertragen.
Die Batarnays mütterlicherseits sind ebenfalls fest in den höfischen Strukturen des Königreichs Frankreich verwurzelt. Ymbert de Batarnay, Dianes Großvater mütterlicherseits, ebenfalls ein Dauphiné-Adliger aus einer alten, aber verarmten Familie, ist allerdings mit großem Ehrgeiz & der nötigen Zielstrebigkeit ebenso wie Sensibilität, Selbstständigkeit, Loyalität, Integrität ausgestattet gewesen. Und das macht ihn zu einem engen Berater französischer Könige wie Louis XI., Charles VIII., Louis XII. und François I.
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| Jean de Poitiers |
Das Mädchen Diane wird mit sechs Jahren Halbwaise, als die Mutter stirbt, und kommt mit zehn Jahren als demoiselle d’honneur an den Hof Anne de Beaujeus, auch bekannt als Anne de France, Schwester des König Charles VIII l'Affable, in Moulins. Während der künftige König noch minderjährig ist, übt diese Anne geschickt die Regentschaft über Frankreich aus. Diane genießt bei ihr eine sorgfältige Erziehung nach den Prinzipien des Renaissance-Humanismus, die sie auf das Leben als weibliches Mitglied der französischen Hocharistokratie vorbereiten soll. Neben höfischem Benehmen lernt sie Latein und wird in diplomatischer Strategie wie in der praktischen Tugend der Charakterstärke unterwiesen. Anne de France gilt als eine große Förderin der Kultur ihrer Zeit.
Als Claude de France im Jahre 1514 ihren Cousin François von Angoulême, den späteren König François I., heiratet, wird Diane Hofdame der jungen Königin. "Sie war fast wie ein Mitglied der königlichen Familie", heißt es oft in Historiengeschichten. Als "die Schönste der Schönen" erregt sie die Aufmerksamkeit der Höflinge.
Am 29. März 1515 ( ein Ehevertrag ist allerdings auf den 29. März 1514 datiert ) wird Diane mit dem über vierzig Jahre älteren und von Zeitgenossen als unattraktiv beschriebenen Louis de Brézé, Seneschall der Normandie, verheiratet. Aufgrund seiner Mutter Charlotte, einer legitimen Tochter König Charles VII. von Frankreich und dessen berühmter Mätresse Agnès Sorel, ist Louis de Brézé von königlicher Abstammung. Die Hochzeit findet in Paris im Hôtel de Bourbon, dem prunkvollen Stadtpalast der Herzöge von Bourbon nahe der Seine, statt. Das Königspaar und "toute la seigneurie" sind dabei zugegen.
Nun steigt die junge Frau endgültig dauerhaft in die obersten Ränge der Frauen am Hof des Königs auf: 1515 wird sie auch Hofdame der Königinmutter Louise de Savoie neben ihrer Funktion für die Königin Claude, ab 1531 dann auch dame d’honneur der neuen Königin Eleonore von Österreich, der zweiten Ehefrau von François I.
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| François Clouet: "Diane de Poitiers", "Louis de Brézé" |
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| Schloss Anet; Zeichnung aus dem 18. Jahrhundert |
Henri II. aus der Dynastie der Valois-Angoulême kommt 31. März 1519 auf Schloss Saint-Germain-en-Laye auf die Welt als zweiter Sohn von König François I. und Königin Claude. Nachdem sein Vater 1525 in spanische Kriegsgefangenschaft geraten ist, werden Henri und sein ein Jahr älterer Bruder laut Friedensvertrag von Madrid als Geisel des spanischen Königs in kastilische Festungen in Haft gegeben, damit der König in Freiheit in sein Land zurückkehren kann. Um Fluchtversuche der französischen Thronfolger zu verhindern, werden die Königssöhne unwürdigen Bedingungen in diversen kastilischen Festungen ausgesetzt. Die mit dieser Gefangenschaft verbundene Demütigung wird Henri niemals vergessen. Über die psychischen Auswirkungen dieser Situation auf die Entwicklung der beiden Kinder wird später viel spekuliert, gerade im Hinblick auf seine Beziehung zu Diane de Poitiers.
Heinrich als Kind
Schon mit elf Jahren soll der junge Königssohn bei einem Turnier im Rahmen der Krönungsfeierlichkeiten für Eleonore von Österreich Diane de Poitiers zur "Schönsten des Hofes" und seiner Dame gewählt haben, was allerdings eher dem Reich der Legenden zuzuordnen ist. Aus heiratspolitischen Gründen wird er 1533 mit vierzehn von seinem Vater mit der gleichaltrigen Catherine de Medici, einer Verwandten von Papst Clemens VI, verheiratet. Letzterer stirbt jedoch und das französisch-päpstliche Bündnis kommt nicht zustande. So verliert Katharina ihren eigentlich politischen Wert für Frankreich. Da ihr Rang nicht dem eines französischen Thronprinzen - der ältere Bruder Henris stirbt 1536 - angemessen ist, verschlechtert sich das Verhältnis zwischen den Eheleuten. Bei Hof nennt man Catherine die "Die Krämerstochter".
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| Meister der Schule von Fontainebleau "Diane de Poitiers" ( um 1550 ) |
"Manche glauben jedoch, dass diese überaus große Liebe nicht sinnlicher Natur sei, sondern eher einer mütterlich-kindlichen Beziehung gleiche; denn besagte Dame hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Dauphin zu unterweisen, zu korrigieren, zu ermahnen und zu Gedanken sowie Taten anzuspornen, die eines solchen Fürsten würdig sind. Und tatsächlich ist ihr dies vortrefflich gelungen: War er zuvor noch ein leichtfertiger, eitler Mensch, der seiner Frau kaum Zuneigung entgegenbrachte und sich auch sonst jugendlicher Verfehlungen schuldig machte, so ist er nun das genaue Gegenteil dessen, was er einst war."
"... der neue König als Zeichen seiner Verbundenheit mit seiner Geliebten auf seinem blauen, mit goldenen Lilien bestickten Wams ein besonderes Zeichen. Von links nach rechts gelesen ergibt es zwei Rücken an Rücken stehende „D“, die in ein „H“ eingeschrieben sind. Während der Krönung sitzt Diana auf einem der vordersten Plätze, während die schwangere Katharina auf eine hintere Tribüne gesetzt wurde." ( Wikipedia )
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| Schule von Fontainebleau "Diane de Poitier als Jagdgöttin" (1550) |
Henri II. "... ist ihr sogar noch stärker zugetan, als es der verstorbene König gegenüber Madame d’Estampes war; so sehr, dass sie das entscheidende Wort hat, und sobald der Dauphin mit einem Gesandten verhandelt hat, begibt er sich sogleich zu ihr, um ihr Bericht über den Verlauf zu erstatten, wobei er sich ihr voll und ganz verbunden zeigt."
Der König sucht Diane fast ausnahmslos jeden Tag nach dem Mittagessen auf, um anderthalb Stunden mit ihr zu plaudern und ihr alles mitzuteilen, was für ihn ansteht, so dass sie über alle Vorgänge im Bilde ist und in der Lage, ihn zu bestimmten Handlungen zu bewegen. Sie gilt als ambitionierte, kühl kalkulierende und vorausblickende, kluge Frau, die Henri II. ja auch schon zu seiner Zeit als Dauphin mit gutem Rat zur Seite gestanden hat. Ihr Klientelwesen erstreckt sich über ganz Frankreich und ihre Korrespondenz beweist, wie geschickt sie Netzwerke knüpft. Stolz schmückt sie sich mit den Kronjuwelen, hat den Vorsitz bei allen offiziellen Zeremonien und ein Mitspracherecht bei allen Einsetzungen in wichtige Ämter.
Mit Rückgriff auf die antike Mythologie stilisiert sie sich zur Jagdgöttin Diana. Dadurch setzt sie ihre Beziehung so in Szene, dass diese den Anstrich eines gebildeten Spiels mit Allegorien bekommt. Und indem sie symbolische Elemente der neuplatonischen Lehre verwendet, macht sie ihre Stellung unangreifbarer. Behauptet wird durch die Darstellungen von Artemis/Diana und Phöbus Apoll ja auch die enge, komplementäre, aber eben auch geschwisterlich-keusche Verbindung, die einer erotischen Liebesbeziehung zwischen Monarch und Favoritin widerspricht, allerdings auch einem hierarchisch strukturiertem Verhältnis von Herrscher und Günstling.
Henri II. behandelt seine Amouren eigentlich diskret und vorsichtig. Dennoch wählt er die Mondsichel, das Symbol der Jagdgöttin, zu seinem Emblem und lässt es auf seinen Porträts, seinen Gebäuden, in Stein, in Buntglas, auf Keramikfliesen, auf den Einbänden seiner kostbaren Bücher und auch auf der Uniform seiner Palastwachen anbringen.
Dianes Liaison mit dem deutlich jüngeren König birgt allerdings Risiken, zumal die Zeit gegen sie arbeitet. Nach Bekundungen der zeitgenössischen Diplomaten am Hof "... genießt sie auch in ihrem fortgeschrittenen Alter – wenngleich sie, da sie niemals Schminke verwendet hat ( was in Frankreich ohnehin nicht üblich ist [...] ) und auf eine möglichst maßvolle Lebensweise achtet, jünger wirkt, als sie tatsächlich ist" einen Ruf als alterslose Schönheit. Ihre Methoden der Schönheitspflege erinnern mich fast an die der Sisi von Österreich: Diane bemüht sich mit kalten Bädern, Turnübungen, einer strengen Diät und dem völligen Verzicht auf die damals bleihaltigen Puder dem natürlichen Gang der Dinge entgegenzuwirken.
Sogar die Dichter sind verzückt: Pierre de Ronsard vergleicht Diane mit dem Mond, der das Licht der abwesenden Sonne einfängt und zurückwirft, und weist damit deutlich auf die wesentlichen Funktionen der Vermittlung und Fürsprache hin, die die Favoritin des Königs übernommen hat. Er bewundert ihre Bildung und greift in seinen Versen auch immer das von ihr geschätzte Bild der Jagdgöttin auf. Sie wird schließlich zum Inbegriff der Renaissance-Dame, die Schönheit, Intelligenz und politische Klugheit zu verbinden weiß.
"Unter den vielen Schenkungen Heinrichs an Diane sticht ein Bauwerk hervor: Schloss Chenonceau an der Loire. Ursprünglich ein eher schlichtes Anwesen, verwandelte Diane es in ein Meisterwerk der französischen Renaissance", schreibt Thomas Stiegler an dieser Stelle.
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| Portal des Schlosses Anet, Bronzerelief von Cellini ( heute im Louvre ) |
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| Mitte: Sarkophag, rechts: eine zeitgenössische Zeichnung von Diane de Poitiers |
Montag, 31. August 2026
Bücherlese August 2026
Im August, wo es wieder viel früher dunkel wird, aber die Hundstage abends dann am besten auf der Terrasse auszuhalten sind, ist so ein E-Reader Gold wert. Da auf diesem noch so einiges gespeichert ist von meinem Mann selig, was ich noch nicht gelesen habe, habe ich wie zuletzt im Juli weiter auf dieses nützliche Gerät zurückgegriffen.
Gespeichert & ungelesen war da einmal Marion Poschmanns "Die Kieferninseln". Der Protagonist des Romans ist "Gilbert Sylvester, Bartforscher im Rahmen eines Drittmittelprojekts, gesponsert von der nordrhein-westfälischen Filmindustrie sowie zu kleineren Teilen von einer feministische Organisation in Düsseldorf und der jüdischen Gemeinde der Stadt Köln" - das fängt ja schon mal gut an! Das kommt aber noch besser: Gilbert hat geträumt, seine Frau betrüge ihn, und, kaum wach & noch traumgeplagt, setzt er sich folgerichtig in einen Flieger nach Tokyo. So eine Geschichte sollte frau/man am besten an einem Stück lesen, lächeln und dabei immer mal nicken ( was aufgrund der Seitenzahl auch leicht möglich ist ).
Kaum angekommen, durchstreift Gilbert die Stadt und fasst anschließend auf dem Bahnhof einen Japaner namens Yosa Tamagotchi ins Auge, der versucht, sich umzubringen. Der Versuch entbehrt nicht der Komik, so wie er misslingt. Ab da nehmen die Absurditäten rapide zu, weil Gilbert Yosa unter seine Fittiche nimmt, der in seinen Augen "ein hoffnungsloser Fall" bzw. "ein undisziplinierter Geist" ist. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach einem geeigneteren Ort, um den Suizid angemessen durchzuführen. Der Japaner - mit Fake - Bart übrigens - hat dafür ein Buch, einen Suicide-Guide, in seiner Sporttasche ( so was gibt es für Japan wirklich! ). Darin werden die schönsten Orte aufgelistet, um sich entsprechend stilvoll vom Leben zu verabschieden. Gilbert hingegen bevorzugt als Reisführer das berühmte Reisebuch "Auf schmalen Pfaden ins Hinterland" von Matsuo Bashō, dem bedeutenden Haiku - Meister des 17. Jahrhunderts, bei seiner Ankunft in Tokyo gekauft. Mit diesen Lektüren begeben sich die Zwei auf eine nicht geradlinig verlaufende Reise zu den titelgebenden Kieferninseln, die eben DER Platz zum Sterben sind.
Gilbert, der Kulturwissenschaftler, neigt so gar nicht zu buddhistischer Kontemplation. Im Gegenteil, ist er voller Dünkel, mit Vorurteilen gegenüber der japanischen Kultur behaftet, penetrant besserwisserisch und frustriert - ein Mann in der Krise, was er nicht zuzugeben kann - und wahrhaft kein Menschenfreund. Für Yosa doziert er über die Entwicklung vom alten Edo zum heutigen Tokyo mit seiner Stadtarchitektur, verweigert ihm den Freitod im Selbstmörderwald von Aokigahara und zwingt ihn irgendwann sogar dazu, Haikus zu verfassen. Yosa, höflichem Gehorsam gegenüber Älteren auch als Lebensmüder verpflichtet, beugt sich. Dann geht er in Sendai verloren.
Verfolgt Gilbert halt alleine auf Bashōs Spuren die Naturbetrachtungen! Aber diese Plätze sind so ganz anders als erwartet, denn ihnen fehlt jegliche Poesie und Romantik. Die Kirschblüte muss jahreszeitenbedingt ausfallen, der Fuji ist in Dunst gehüllt nicht zu sehen und auch die anderen Bashō-Orte lassen ihre klassische japanische Schönheit vermissen. Die titelgebenden Kieferninseln befinden sich gar inmitten einer großen Baustelle, Folge des Tsunamis.
Das Buch nimmt unsere Japan-Klischees auf die Schippe, karikiert den Geisteswissenschaftler- Schwulst, parodiert Poesie, Teezeremonien, Kabuki-Theater und lässt die Realität immer mehr im schwülen japanischen Herbst und seinem Meeresdunst verschwinden und Schimären, selbst auf dem Boden der Teetasse, auftauchen. Ein ungewöhnliches Buch, das in seiner Ironie auch manchmal an Christine Wunnicke erinnert.
"'Sollte denn nur darin unsere weibliche Berufung bestehen‘, dachte Anna, ‚vom körperlichen Dienst für den Säugling zum körperlichen Dienst für den Mann überzugehen? Und das abwechselnd – immerfort! Wo bleibt denn m e i n Leben?‘"
"können auch die widrigsten Umstände in noch so vielen Familien der Umgebung sie nicht davon abhalten." Immerhin "war sie auf dem besseren Wege, denn obwohl sie keine Sonette schreiben konnte, zwang sie sich dazu, welche zu lesen, und obwohl anscheinend keine Aussicht für sie bestand, eine ganze Gesellschaft mit der Darbietung eines eigenen Préludes auf dem Klavier in Verzückung zu versetzen, konnte sie dem Spiel anderer zuhören, ohne merklich zu ermüden."
So ausgerüstet geht es also los auf den Heiratsmarkt ( ohne dass ihr das im Kopf herumspukt ) als Gesellschafterin eines betuchten Nachbarschaftspaares nach Bath! Das oberflächliche Treiben dort, das ganze Schaulaufen, Taktieren, die ständige Maskerade und das Tratschen der Gentry wird sehr unterhaltsam leicht & locker parodiert inklusive der Fallstricke, die sich der liebenswert naiven jungen Frau zur Genüge auftun, als sie sich tanzend auf Bällen, in einer Kutsche oder spazierend durch die Landschaft in diesem gesellschaftlichen Kosmos bewegt. Und wie üblich in solchen Romanen treffen etliche heiratswillige junge Frauen & Männer aufeinander, versuchen anhand des komplizierten sozialen Regelwerks mit Hilfe von Verbündeten oder auch Intrigen die beste Partie zu ergattern.
Dann erfolgt im Roman ein Schauplatzwechsel - und wir gelangen endlich zur versprochenen Parodie auf Schauerromane! -, als Catherine von General Tilney, in dessen Sohn Henry sie ein wenig verliebt ist und dessen Tochter Eleanor sie gerne als enge Freundin gewinnen will, auf seinen Familiensitz Kloster Northanger eingeladen wird. Auf der Fahrt dorthin zieht sie Henry mit ihren an Schauerromanen geschulten Fantasien bzw. Erwartungen gleich auf. Derart eingestimmt ist sie überrascht, als sie "durch große Tore beim Pförtnerhaus in den Hof einfuhren, ohne auch nur einen einzigen alten Schornstein ausgemacht zu haben." Nichts Schlimmeres empfängt sie als dichter Nieselregen.
Es dauert aber nicht lange, bis ihre durch solche Bücher wie "The Mysteries of Udolpho" von Ann Radcliffe angestachelte Vorstellungskraft allerlei Merkwürdigkeiten interpretiert, hinter jeder Ecke ein Mysterium vermutet, in jeder Truhe oder Sekretär ein düsteres Geheimnis. Ja, sogar ein Mordkomplott kommt ihr in den Sinn, denn die Dame des Hauses ist seit neun Jahren tot.
Doch Henry holt Catherine auf den Boden der Tatsachen zurück, und die jungen Leute verbringen eine eher unbeschwerte Zeit miteinander bis der General, in dessen Gesellschaft sich der junge Gast sich immer wieder unbehaglich gefühlt hat, gegen jede Etikette verstoßend Catherine vor die Tür und in eine Postkutsche nach Hause setzt. Doch keine Bange: Auch in "Kloster Northanger" wird am Ende geheiratet.
Auch wenn er manchen Kritikern nicht streng genug durchkomponiert oder das Ende zu abrupt und wenig romantisch ist - mir hat der Roman gefallen, da unterhaltsam & persiflierend, abwechslungsreich und kurz. Ich halte es auch schon mal gerne mit Tucholsky "Es wird nach einem happy end/ im Film jewöhnlich abjeblendt."
Von der Nobelpreisträgerin Herta Müller habe ich seinerzeit einiges gelesen, allerdings nicht "Der Fuchs war damals schon der Jäger" von 1992, der auf meiner Leseliste der hundert Bücher steht. Nach der locker-leichten Unterhaltung konnte ich mich wieder einem etwas düsteren Thema zuwenden, denn Herta Müller widmet sich rückblickend ausschließlich der Ceaușescu-Diktatur. Dieser ihr erster Roman ist nämlich nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland & nach dem Tod des Diktators entstanden.
Es ist eine Lektüre, die nicht nur aufgrund des Inhalts nicht so einfach gewesen ist, sondern zeichnet sich zudem durch einen schwierigen Stil aus. Aber wie will man sonst eine Diktatur und was sie mit den Menschen macht auch beschreiben? Denn eine Diktatur wirft ja auch die Sprache ins Gefängnis, legt der Grammatik & den Wörtern Ketten an. Und dieses Klima der Angst & Unterdrückung, diese traumatischen Erlebnisse in ihrer alten Heimat Rumänien gelingt Herta Müller mit Hilfe zahlreicher rhetorischer bzw. literarischer Stilmittel durch ihren Text erfahrbar zu machen. Manche Kritiker haben ihr vorgeworfen, bei der Schilderung der Schrecken der Diktatur zu sehr auf sprachliche Ästhetik zu achten. Auf die hat sie einmal in einem Interview so geantwortet: "Die Zartheit und Poesie machen ja nicht das Grausame, das Gruselige ungeschehen, sondern sie verstärken es." Das macht es ihr möglich, über Dinge im Leben einer Frau zu schreiben, die meist nicht erzählt werden. Ihre Stilmittel, diese Fragmentierung in den Aussagen, ihre Bilder haben mich spürbar nachvollziehen lassen, wie es sich unter einem solchen repressiven Regime mit Überwachung, Willkür & Segregierung lebt. Nein, das ist kein angenehmes Gefühl, keine Lektüre, die zur Entspannung beiträgt. Für mich war sie wichtig, auch um mich in meiner Haltung gegenüber autoritären Regierungen zu stärken.
Die Geschichte der Lehrerin Adina und ihrer Freundin Clara, die sich durch deren Beziehung zu einem Mann der Securitate verändert, kristallisiert sich beim Lesen so nach und nach heraus und hat bei mir einen eigentümlichen Sog entwickelt, auch, weil sie auf einen Kulminationspunkt hinausläuft, den Sturz des rumänischen Diktators, den Adina zusammen mit ihrem Freund Paul in einem Dorf miterlebt, in dem sie untergetaucht sind.
Welche Freude anschließend: ein neues Buch von Norbert Scheuer! Auf "Holunderholz" hatte ich schon gewartet, denn "Norbert Scheuers Romane, um es mal ganz pathetisch zu sagen, sind große, helle Sterne am Firmament, die einem, wenn man will, tatsächlich Orientierung geben können. Die Welt ist alles, was Kall ist", meint Alexander Wasner beim SWR. Ich habe es innerhalb von drei Abenden gelesen.
Da ist sie also wieder, die Arimond - Familie, zu der Johann zählt, Paul, der Vogelkundige, die "Grauköpfe" im Supermarktcafé von Kall und immer wieder der geheimnisumwitterte Vincentini, Schwarzhändler, Womanizer, Fantast. Doch irgendwie ist auch alles anders als sonst, denn dieser Johann Arimond, Programmierer von Beruf, in einer abgewrackten Hochhaussiedlung in einer Domstadt lebend ( kein Wunder, dass ich einschlägige Wohnanlagen wie den Kölnberg vor Augen habe inklusive Autobahn und Baggersee ), lebt in einer Tristesse und pflegt einen Untergangsfatalismus, wie es mir sonst in Scheuers Kall bisher nicht untergekommen ist. Dieser Johann ist die deprimierendste Figur, die Scheuer kreiert hat ( ich habe alle Bücher gelesen ), insofern auch, weil er so gar keine Leidenschaften hat wie manch andere seiner Protagonisten in den früheren Büchern. Wenn er nicht schlafen kann, geht er zur Kiesgrube, zur Autobahnraststätte, zur Gelegenheitsprostituierten. Auch seine Art, mit der Liebe zur verheirateten Maria umzugehen blieb mir fremd. Und dennoch weiß der Autor das alles so in Worte zu fassen, dass durchaus auch Schönheit und auf jeden Fall ein große Prise Melancholie spürbar werden, was seine Literatur für mich so anziehend macht.
Der Roman ist auch wieder eine Reise durch die verschlungenen Pfade einer unerzählten Familiengeschichte der Nachkriegszeit, verschränkt wird Gegenwart mit Vergangenheit. Der versucht der Romanheld auf die Spur zu kommen, indem er versucht das von der verstorbenen Mutter hinterlassene Magnetophon, ein Tonbandgerät, Baujahr 1938, seines Großvaters Justus, eines Wehrmachtobersten, in Gang zu setzen, um die Bandaufnahmen abzuhören. Was als technische Herausforderung beginnt, wird zu einer Suche, die Johan immer tiefer in die rätselhaften Aufnahmen hineinzieht. Doch es ist wenig auf den alten Bändern zu hören und die Geschichte entspinnt sich mehr und mehr in Johanns Kopf ( die zarten, durchsichtigen Spinnen, die immer wieder im Gerät ihre Gespinste hinterlassen! ) und kreist um ein sprachloses Mädchen mit Gaumenspalte namens Rose, das auf dem Holunderholz spielt, um dubiose Geschäfte mit den amerikanischen Besatzern, um Sprengstofflager. "Es ist schwer zu unterscheiden, wo Technik endet und Erinnerung beginnt." In diesem Falle auch die Fantasie, das Unbewusste.Mir fehlte in diesem Buch lange die Wärme, mit der Scheuer sonst das irgendwie verkorkste Leben seiner Protagonisten umgibt. Vielleicht lag das auch an der geschilderten Welt der IT- Nerds, die auf der Suche nach dem prallen Leben immer nur Surrogate konsumieren und nicht merken und/oder wahrhaben wollen/können, wie trost- & beziehungslos ihr eigenes doch ist. Am Ende - vielleicht durch die Krankheit & die damit entstandene Veränderung der Lebensumstände verursacht - bleibt da auch eine Hoffnung für Johann in Amsterdam, fand ich. Eine Geschichte, die verwirrend ist und nachhallt.
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| Auch solche Coffee-Table- Bücher finden bei mir Interesse, wie das Buch über die Architekt*innen Sauerbruch Hutton rechts |














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