Vor über einer Woche habe ich einen ganz besonderen Spaziergang unternommen, nämlich einen von drei ehemaligen Obdachlosen geführten rund um den Eigelstein, die inzwischen als DRAUSSENSEITER-Verkäufer & -Mitarbeiter leben. Dabei erzählten sie über die Brüche in ihrem Leben, die Jahre auf der Straße und gaben auch anderes Insider-Wissen weiter. Mit dem dafür von mir gekauften Ticket unterstützt man auch die "Oase" – eine Einrichtung für Wohnungslose und Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Naturgemäß macht frau weniger Fotos, wenn das Haupaugenmerk auf Berichten liegt oder Fragen gestellt & beantwortet werden. Deshalb fällt mein heutiger Monatsspaziergang auch etwas "schlanker" als sonst aus.

Getroffen haben wir uns am Ebertplatz, einem Verkehrsknotenpunkt in der Neustadt - Nord mit einer etwas schwierigen Architektur ( wie er vor den Kriegen ausgesehen hat, ist hier zu sehen ) im Stil der 1970er Jahre. Von den Medien wurde der Platz als "Angstraum" etikettiert, nachdem es 2017 zu einer tödlichen Messerstecherei zwischen Drogendealern auf dem Platz gekommen war. Seitdem gibt es immer wieder Diskussionen darüber, wie es mit dem Platz weitergehen soll. Und immer wieder sind auch Ideen & Initiativen für Veränderung bzw. Verbesserung der Aufenthaltsqualität aufgekommen und umgesetzt worden. Zuletzt wurden allerdings drei der Zugänge mit defekten Rolltreppen gänzlich geschlossen.
Der Brunnen von Wolfgang Göddertz kommt immer mal wieder in meinen Posts vor und hat mich damals 1977, als ich das erste Mal in das Veedel kam, durchaus beeindruckt. Dann war er lange Zeit trocken gelegt, bis Bürgerinitiativen seine Wiederbelebung im Sommer 2018 durchsetzen konnten.
Studierende der RWTH Aachen errichteten damals auch auf einem in Beton eingefassten Beet eine Holzplattform mit beweglichen Sitzlehnen. Auch ein Containercafé für Außengastronomie wurde eingerichtet. Der Platz wurde endlich auch wieder von den Bewohnern ringsum in Anspruch genommen. So konnte man ein paar Winter auf dem Platz Eislaufen ( inzwischen nur noch Eis-Stockschießen ) und bislang immer noch ab und an Salsatanzen am Gastrocontainer, sehr nett.
Ein wesentlicher Grund fürVerwahrlosung des Platzes war die Stilllegung der Rolltreppen aus Kostengründen im Jahr 2004. Daraufhin waren die Geschäfte in der unterirdischen Passage schwerer zu erreichen, gaben auf und standen leer. Obdachlose und Dealer folgten, da sie wenigstens dort ein Dach überm Kopf hatten, aber auch, weil die Stadt diese Menschen von anderen Orten verdrängt hatte. Die Polizei führt am Ebertplatz regelmäßig Schwerpunkteinsätze durch, auch, als ich dort auf die Führung gewartet habe.
Mit Anti-Obdachlosen-Bänken, deren mittlere Armlehnen das Hinlegen verhindern sollen ( in diesem Fall mal ein Fotomodell ohne Mittelbügel ), versucht die Stadt am Eigelstein, einem großen Außengastronomiebereich in der unmittelbaren Nachbarschaft, oder rund um den Hauptbahnhof, aber auch anderen städtischen Plätzen die Obdachlosen zu vergraulen. ( Hier sind weitere Beispiele für die sogenannte Defensive Architektur - welch Euphemismus! - gelistet. )
Dabei sind solche Bänke gefährlich, wenn der Mensch fürs Schlafen seine Beine unter den Lehnen durchstreckt und überfallen bzw. mit Gewalt angegriffen wird und sie nicht schnell herausziehen kann. Die runden Metallstreben sind zusätzlich eine nicht gerade angenehme Schlafunterlage. So froh ich über jede Bank in der Stadt bin: Das finde ich eher menschenverachtend.
Allerdings, wenn man keine Wahl hat, schläft man auch auf dem bloßen, harten & unregelmäßigen Pflaster. Wenige Minuten bevor ich dieses Foto gemacht habe, hat dort noch ein Obdachloser geschlafen, während die Gruppe der Stadtführung in der Nische des mittelalterlichen Tores Infofragen gestellt, ...
... aber auch solche Denkanstöße von der Fotografin
Ingrid Bahss erhalten hat, die sich für Obdachlose seit ihrer Ausweisung aus der DDR engagiert und beim "Draussenseiter" mitarbeitet.
Mit einem Lastenrad des Bürgerverein Kölner Eigelstein e.V. waren Ehrenamtler der "
Street Angels Cologne" unterwegs, die wir auf unserem Gang getroffen haben, um Brötchen an Obdachlose zu verteilen. Das ist auch eine Organisation, die jeden zweiten Sonntag auf dem Breslauer Platz hinterm Hauptbahnhof Mittagessen ausgibt.

Laut statistischen Erhebungen gibt es in Köln rund 10.000 bis 12.500 wohnungslose Menschen. Davon leben schätzungsweise vierhundert auf der "Platte", fast gleichmäßig verteilt auf Männer wie Frauen. Letztere bleiben in der Regel unsichtbarer, denn als Schutz vor Übergriffen versuchen Frauen sich den öffentlichen Standards auf Hygiene & äußeres Erscheinungsbild anzupassen, was äußerst fordernd ist. Nach den Erfahrungen unserer Stadtführer ist der häufigste Grund für die Obdachlosigkeit die Trennung von bzw. der Tod eines Partners. Die GAG hätte genug, auch kurzfristige Wohnungsangebote, aber die Zusammenarbeit mit anderen zuständigen Stellen führt zu so vielen Reibereien, dass es dann meist nicht klappt.

Einer unserer Stadtführer, Mike, einst als Drogenabhängiger aus einem kleinen Ort im Sauerland nach Köln gekommen und nach vielen Volten seit fünfzehn Monaten in einer Wohnung lebend, die ihm ein Passant vermittelt hat, hat sehr eindrücklich erzählt, was ein Obdachloser vermisst und braucht: Begegnung auf Augenhöhe! Auch, was hilft, wenn man einen Menschen unterstützen will. Seine Schilderungen haben mich sehr beeindruckt. Auch die Tatsache, dass es nicht für jeden Obdachlosen erstrebenswert ist, wieder - vor allem alleine - in einer Wohnung zu leben, wenn man jahrelang mit anderen auf Platte gemacht hat.

Am Ende des Tunnelgewirrs unter Bahnhof und Hohenzollernbrücke im Bahnbogen 1 der Brücke gibt es eine der bekanntesten Anlaufstellen für Menschen ohne Zuhause, das "
Gulliver" des Vereins
Kölner Arbeitslosenzentrum (KALZ) e. V., einer sozialdiakonischen Einrichtung. Sie bietet seit 25 Jahren praktische Soforthilfen wie eine Cafeteria mit günstigen Mahlzeiten, Körperpflege- und Duschmöglichkeiten, einen Tagesschlafraum, Kleiderkammer, Waschmaschine & Trockner, Gepäckaufbewahrung, Postadresse sowie Beratung, Internet-PCs, Akkuladestation und darüberhinaus Kulturangebote.
Die Mitarbeitern*innen sind u.a. auch langzeitarbeitslose Personen in besonders schwierigen Lebensumständen, denen eine Perspektive geboten werden soll. Geöffnet ist es täglich von 8 bis 18 Uhr und nur an den fünf Karnevalstagen geschlossen.
Im Kunibertsviertel in der Domstraße befindet sich die zweite Einrichtung des KALZ, die "Lore", das "Restaurant für Berber & Bänker", welches zum Ziel hat "mittellosen Menschen ein preiswertes Menü anzubieten und durch eine ausgewogene Ernährung zur Gesundheitsvorsorge beizutragen." Das Menü gibt es zwischen 12 & 16 Uhr, darüberhinaus Abendessen zwischen 16:30 und 18:30 Uhr. Auch Normalbürger können hier preiswert essen. "Gulliver" und "Lore" sind gute Beispiel für ein stadtbürgerliches Engagement und sie werden von zahlreichen Firmen, Vereinen und Privatpersonen unterstützt. So sind seit 1999 die Familie Millowitsch für das "Gulliver" und die Musikgruppe "Höhner" seit 1994 die Schirmherren für die "Lore".
Mike wies zurecht darauf hin, dass sich Obdachlose aus gutem Grund schon in aller Frühe auf den einschlägigen Sammelplätzen, z.B. hier in der Anlage am Theodor-Heuss-Ring, einfinden: Sie müssen nämlich meist ganz früh die Notschlafplätze verlassen ( wenn sie den welche bekommen haben ). Von denen gibt es nicht genug in Köln, ihre Anzahl, verteilt über das Stadtgebiet, ist nicht leicht herauszufinden. Gerade mal 14 für Männer sind es z. B. in der berühmt-berüchtigten
Annostroß im
Vringsveedel. Dort muss man sich rechtzeitig einfinden und in die Schlange stellen und kann auch nur maximal fünf Nächte hintereinander in Zwei- und Vierbettzimmern verbringen. Für Frauen bietet das "
Comeback" in der Nähe des Neumarkts 12 Notschlafplätze. Einrichtungen wie beispielsweise das Erik-Wickberg-Haus der Heilsarmee in Ehrenfeld bieten längerfristige und sichere Unterkünfte für Männer. Das "
Haus Rosalie" der Vinzentinerinnen bei mir um die Ecke mit seinen zehn Plätzen für eine mittelfristige Unterbringung von Frauen ist gerade leider ganz aufgegeben worden.

Voll des Lobes waren "meine" drei Guides, was die ärztliche Versorgung in der Stadt anbelangt. Der gemeinnützigen Verein
CAYA e.V. bietet seit fünf Jahren wohnungslosen und bedürftigen Menschen in Köln eine medizinische Versorgung auf dem Niveau einer Hausarztpraxis. Die ist angesiedelt im Rechtsrheinischen unweit des Wiener Platzes, einem Hotspot der Szene im Stadtteil Mülheim, und montags bis freitags zwischen 11.45 und 16 Uhr geöffnet. Ein Praxisbus leistet zusätzlich seit Herbst letzten Jahres eine mobile Versorgung mit den gleichen Qualitätsstandards, jeden Donnerstag am Zülpicher Platz anzutreffen. Die üblen Bänke ( s.o. ) bilden dann das luftige Wartezimmer. Mehr als 25 ehrenamtliche Ärztinnen und Ärzte mit drei teilzeitbeschäftigten medizinischen Fachangestellten bzw. Gesundheits- und Krankenpflegerinnen stehen bereit für Diagnostik, Beratung, Behandlung und Versorgung mit Medikamenten & Hilfsmitteln. Unter den Unterstützern des Vereins findet sich auch das diesjährige Kölner Dreigestirn.
Ja, Ulrich Sieg-Heil, auch diese MENSCHEN gehören zum Stadtbild Kölns dazu! Und ja, auch die werden von einer Stadtgesellschaft mitgetragen, die ein Bruttosozialprodukt erwirtschaftet, dass fast an das des ganzen Ländchens herankommt ( Zahlen von 2022 ), welches Sie demnächst herunterwirtschaften wollen. Die generieren u.a. auch die Steuergelder, mit denen sie Ihre korrupte Verwandtschaft in Berliner Parteibüros bezahlen können.
Was ich nun hoffe, nachdem mein Blick durch diesen Spaziergang etwas weiter geschärft worden ist, auch ihr, liebe Leser*innen, genauer hinschaut. Sehr empfehlen kann ich euch auch, falls noch nicht gelesen, meinen Post über die "Kölsche Linda"
Linda Rennings. Ansonsten verlinke ich diesen Post wieder mit Heikes
3hefecit.