"Sprache ist nicht nur Oberfläche. Sie zeigt Haltung."
Arne Kopfermann
"Gleichmut, Edelmut, Wagemut, Wankelmut, Demut.
Und all diese Mut-Varianten finden wir bei der Lektüre."
Marion Poschmann
"Schriftsteller sind Miniaturausgaben von Gott."
Mira Magén
"... mittlerweile wird das alles ins Schreiben verlagert.
Das ist so eine Art innere Beobachtung geworden."
Norbert Scheuer
Im August, wo es wieder viel früher dunkel wird, aber die Hundstage abends dann am besten auf der Terrasse auszuhalten sind, ist so ein E-Reader Gold wert. Da auf diesem noch so einiges gespeichert ist von meinem Mann selig, was ich noch nicht gelesen habe, habe ich wie zuletzt im Juli weiter auf dieses nützliche Gerät zurückgegriffen.
Gespeichert & ungelesen war da einmal Marion Poschmanns "Die Kieferninseln". Der Protagonist des Romans ist "Gilbert Sylvester, Bartforscher im Rahmen eines Drittmittelprojekts, gesponsert von der nordrhein-westfälischen Filmindustrie sowie zu kleineren Teilen von einer feministische Organisation in Düsseldorf und der jüdischen Gemeinde der Stadt Köln" - das fängt ja schon mal gut an! Das kommt aber noch besser: Gilbert hat geträumt, seine Frau betrüge ihn, und, kaum wach & noch traumgeplagt, setzt er sich folgerichtig in einen Flieger nach Tokyo. So eine Geschichte sollte frau/man am besten an einem Stück lesen, lächeln und dabei immer mal nicken ( was aufgrund der Seitenzahl auch leicht möglich ist ).
Kaum angekommen, durchstreift Gilbert die Stadt und fasst anschließend auf dem Bahnhof einen Japaner namens Yosa Tamagotchi ins Auge, der versucht, sich umzubringen. Der Versuch entbehrt nicht der Komik, so wie er misslingt. Ab da nehmen die Absurditäten rapide zu, weil Gilbert Yosa unter seine Fittiche nimmt, der in seinen Augen "ein hoffnungsloser Fall" bzw. "ein undisziplinierter Geist" ist. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach einem geeigneteren Ort, um den Suizid angemessen durchzuführen. Der Japaner - mit Fake - Bart übrigens - hat dafür ein Buch, einen Suicide-Guide, in seiner Sporttasche ( so was gibt es für Japan wirklich! ). Darin werden die schönsten Orte aufgelistet, um sich entsprechend stilvoll vom Leben zu verabschieden. Gilbert hingegen bevorzugt als Reisführer das berühmte Reisebuch "Auf schmalen Pfaden ins Hinterland" von Matsuo Bashō, dem bedeutenden Haiku - Meister des 17. Jahrhunderts, bei seiner Ankunft in Tokyo gekauft. Mit diesen Lektüren begeben sich die Zwei auf eine nicht geradlinig verlaufende Reise zu den titelgebenden Kieferninseln, die eben DER Platz zum Sterben sind.
Gilbert, der Kulturwissenschaftler, neigt so gar nicht zu buddhistischer Kontemplation. Im Gegenteil, ist er voller Dünkel, mit Vorurteilen gegenüber der japanischen Kultur behaftet, penetrant besserwisserisch und frustriert - ein Mann in der Krise, was er nicht zuzugeben kann - und wahrhaft kein Menschenfreund. Für Yosa doziert er über die Entwicklung vom alten Edo zum heutigen Tokyo mit seiner Stadtarchitektur, verweigert ihm den Freitod im Selbstmörderwald von Aokigahara und zwingt ihn irgendwann sogar dazu, Haikus zu verfassen. Yosa, höflichem Gehorsam gegenüber Älteren auch als Lebensmüder verpflichtet, beugt sich. Dann geht er in Sendai verloren.
Verfolgt Gilbert halt alleine auf Bashōs Spuren die Naturbetrachtungen! Aber diese Plätze sind so ganz anders als erwartet, denn ihnen fehlt jegliche Poesie und Romantik. Die Kirschblüte muss jahreszeitenbedingt ausfallen, der Fuji ist in Dunst gehüllt nicht zu sehen und auch die anderen Bashō-Orte lassen ihre klassische japanische Schönheit vermissen. Die titelgebenden Kieferninseln befinden sich gar inmitten einer großen Baustelle, Folge des Tsunamis.
Das Buch nimmt unsere Japan-Klischees auf die Schippe, karikiert den Geisteswissenschaftler- Schwulst, parodiert Poesie, Teezeremonien, Kabuki-Theater und lässt die Realität immer mehr im schwülen japanischen Herbst und seinem Meeresdunst verschwinden und Schimären, selbst auf dem Boden der Teetasse, auftauchen. Ein ungewöhnliches Buch, das in seiner Ironie auch manchmal an Christine Wunnicke erinnert.

Die israelische Autorin
Mira Magén hat mich schon im Juni begeistert und ich habe mir damals ihren vorletzten Roman "
Zu blaue Augen" besorgt. Schien mir für mich passend mit seiner 77-jährigen Heldin Hannah Jonah, die mit ihren Töchtern Jardena, Orna und Simona, der siebenjährigen Enkelin Dana und ihrer rumänischen Haushälterin Johanna in einem großen schönen Haus in Jerusalem wohnt. Genau dieses schöne große Haus liegt in einer begehrten Wohngegend und das weckt Begehrlichkeiten. Ein Bau- und Immobilienunternehmer mit ruppigen Methoden setzt Rafael "Rafi", ein Mann, der ordentliche Schulden bei ihm hat und sich als Dichter ausgibt, auf die Frauen an.
Auch diesmal hat sich für mich bestätigt, dass Mira Magén eine Meisterin darin ist, eher gewöhnliche Menschen mit ihren banalen alltäglichen Problemen derart empathisch und liebevoll zu schildern, dass die Handlung auch über fast 400 Seiten hinweg spannend bleibt. Denn - auch das scheint typisch für die Autorin - es gibt auch immer unerwartete Wendungen neben auch lauter traurigen, aber lebensnahen Episoden. Und auch immer wieder kleine Binnengeschichten, die einen zu berühren vermögen. Mira Magén verfügt einfach über Beobachtungsgabe, Erfahrung und Fantasie, überzeugt auch sprachlich, und das war in diesem Monat auch nicht mein letztes Buch von ihr…
Im August habe ich ein Great-Women-Porträt von
Sofja Tolstoi, der Ehefrau des weltberühmten russischen Autors und Mutter seiner dreizehn Kinder, verfasst. Inzwischen überrascht mich nicht mehr, dass die ihre eigenen schriftstellerischen Ambitionen seinen Bedürfnissen, ja seinem Regime in weiterem Sinne, untergeordnet hat, wie so viele Frauen, über die ich geschrieben habe.
Sie hat sogar eine Replik auf jene berühmte "
Kreuzersonate" verfasst, die frau durchaus als eine Art von schriftstellerischem Femizid zur Lebenszeit seiner Ehefrau betrachten darf. "
Eine Frage der Schuld" ist dieses Werk heute betitelt. Sofja Tolstoi erzählt darin im Grunde genommen die gleiche Geschichte wie er, aber aus der Perspektive der Frau. Veröffentlicht worden ist der Text in Russland in einer Zeitschrift erst 1994 - also 101 Jahre später -, auf Deutsch erst 2008. Sofja Tolstoi wagte sich damals an ein Tabuthema in der Gesellschaft des Zarenreichs.

Literarisch ist der Roman nicht gerade originell, denn es ist eine von Anfang bis Ende straight erzählte Liebes- und Ehegeschichte mit ebenfalls tragischem Ausgang. Das Atmosphärische, welches ihr Mann durch seine Rahmenhandlung in seiner Novelle schafft, fällt bei ihr, da auf jeglichen erzähltechnischen Trick verzichtend, weg. Nur die Tatsache, dass er als Schlüsselroman auf Sofjas und Lews eigenen Eheerlebnissen basiert, und im Hinblick auf ihre Figurenpsychologie, macht ihn interessant.
Allerdings entlarvt Sofja Tolstoi, dass bei ihrem Mann, der die Schuld auf das Scheitern der Ehe bzw. den Mord auf die Frau bzw. auf die von ihr ausgestrahlte sexuelle Anziehung abschiebt, nichts als billige Ausrede sein kann ( seine Schlussfolgerungen im Nachwort - Enthaltsamkeit: vor und während der Ehe - sind so gar nicht menschengerecht ). Und sie legt schon den Finger in die Wunde, was das Geschlechterverhältnis anbelangt, nicht nur zur damaligen Zeit, indem sie schreibt:
"'Sollte denn nur darin unsere weibliche Berufung bestehen‘, dachte Anna, ‚vom körperlichen Dienst für den Säugling zum körperlichen Dienst für den Mann überzugehen? Und das abwechselnd – immerfort! Wo bleibt denn m e i n Leben?‘"
Das fragen sich ja viele junge Frauen heutzutage auch immer wieder, was ich so um mich herum mitbekomme.
Ich bin im 19. Jahrhundert mit einer Lektüre verblieben und habe mich anschließend dem letzten bei mir noch ausstehenden Roman der
Jane Austen zugewandt, "
Northanger Abby", auf Deutsch "
Kloster Northanger" in der Übersetzung von Ursula und Christian Grawe. Wikipedia schreibt dazu: "
Er ist eine Satire auf Schauerromane, die in Jane Austens Zeit sehr beliebt waren. Auch ist er ein Entwicklungsroman und – wie alle Romane Jane Austens – eine Liebesgeschichte." Dann woll'n mer mal...
Also ich hab dann eher den Eindruck gehabt, Jane Austen nimmt ihr eigenes Genre auf die Schippe ( was ich sehr amüsant fand ) und versprüht ihren Witz von der ersten Seite an, indem sie das eher unbedarfte siebzehnjährige Landei Catherine Morland dazu bestimmt, "Romanheldin zu werden", da
"können auch die widrigsten Umstände in noch so vielen Familien der Umgebung sie nicht davon abhalten." Immerhin "war sie auf dem besseren Wege, denn obwohl sie keine Sonette schreiben konnte, zwang sie sich dazu, welche zu lesen, und obwohl anscheinend keine Aussicht für sie bestand, eine ganze Gesellschaft mit der Darbietung eines eigenen Préludes auf dem Klavier in Verzückung zu versetzen, konnte sie dem Spiel anderer zuhören, ohne merklich zu ermüden."
So ausgerüstet geht es also los auf den Heiratsmarkt ( ohne dass ihr das im Kopf herumspukt ) als Gesellschafterin eines betuchten Nachbarschaftspaares nach Bath! Das oberflächliche Treiben dort, das ganze Schaulaufen, Taktieren, die ständige Maskerade und das Tratschen der Gentry wird sehr unterhaltsam leicht & locker parodiert inklusive der Fallstricke, die sich der liebenswert naiven jungen Frau zur Genüge auftun, als sie sich tanzend auf Bällen, in einer Kutsche oder spazierend durch die Landschaft in diesem gesellschaftlichen Kosmos bewegt. Und wie üblich in solchen Romanen treffen etliche heiratswillige junge Frauen & Männer aufeinander, versuchen anhand des komplizierten sozialen Regelwerks mit Hilfe von Verbündeten oder auch Intrigen die beste Partie zu ergattern.
Dann erfolgt im Roman ein Schauplatzwechsel - und wir gelangen endlich zur versprochenen Parodie auf Schauerromane! -, als Catherine von General Tilney, in dessen Sohn Henry sie ein wenig verliebt ist und dessen Tochter Eleanor sie gerne als enge Freundin gewinnen will, auf seinen Familiensitz Kloster Northanger eingeladen wird. Auf der Fahrt dorthin zieht sie Henry mit ihren an Schauerromanen geschulten Fantasien bzw. Erwartungen gleich auf. Derart eingestimmt ist sie überrascht, als sie "durch große Tore beim Pförtnerhaus in den Hof einfuhren, ohne auch nur einen einzigen alten Schornstein ausgemacht zu haben." Nichts Schlimmeres empfängt sie als dichter Nieselregen.
Es dauert aber nicht lange, bis ihre durch solche Bücher wie "The Mysteries of Udolpho" von Ann Radcliffe angestachelte Vorstellungskraft allerlei Merkwürdigkeiten interpretiert, hinter jeder Ecke ein Mysterium vermutet, in jeder Truhe oder Sekretär ein düsteres Geheimnis. Ja, sogar ein Mordkomplott kommt ihr in den Sinn, denn die Dame des Hauses ist seit neun Jahren tot.
Doch Henry holt Catherine auf den Boden der Tatsachen zurück, und die jungen Leute verbringen eine eher unbeschwerte Zeit miteinander bis der General, in dessen Gesellschaft sich der junge Gast sich immer wieder unbehaglich gefühlt hat, gegen jede Etikette verstoßend Catherine vor die Tür und in eine Postkutsche nach Hause setzt. Doch keine Bange: Auch in "Kloster Northanger" wird am Ende geheiratet.
Auch wenn er manchen Kritikern nicht streng genug durchkomponiert oder das Ende zu abrupt und wenig romantisch ist - mir hat der Roman gefallen, da unterhaltsam & persiflierend, abwechslungsreich und kurz. Ich halte es auch schon mal gerne mit Tucholsky "Es wird nach einem happy end/ im Film jewöhnlich abjeblendt."
Von der Nobelpreisträgerin Herta Müller habe ich seinerzeit einiges gelesen, allerdings nicht "Der Fuchs war damals schon der Jäger" von 1992, der auf meiner Leseliste der hundert Bücher steht. Nach der locker-leichten Unterhaltung konnte ich mich wieder einem etwas düsteren Thema zuwenden, denn Herta Müller widmet sich rückblickend ausschließlich der Ceaușescu-Diktatur. Dieser ihr erster Roman ist nämlich nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland & nach dem Tod des Diktators entstanden.
Es ist eine Lektüre, die nicht nur aufgrund des Inhalts nicht so einfach gewesen ist, sondern zeichnet sich zudem durch einen schwierigen Stil aus. Aber wie will man sonst eine Diktatur und was sie mit den Menschen macht auch beschreiben? Denn eine Diktatur wirft ja auch die Sprache ins Gefängnis, legt der Grammatik & den Wörtern Ketten an. Und dieses Klima der Angst & Unterdrückung, diese traumatischen Erlebnisse in ihrer alten Heimat Rumänien gelingt Herta Müller mit Hilfe zahlreicher rhetorischer bzw. literarischer Stilmittel durch ihren Text erfahrbar zu machen. Manche Kritiker haben ihr vorgeworfen, bei der Schilderung der Schrecken der Diktatur zu sehr auf sprachliche Ästhetik zu achten. Auf die hat sie einmal in einem Interview so geantwortet: "Die Zartheit und Poesie machen ja nicht das Grausame, das Gruselige ungeschehen, sondern sie verstärken es." Das macht es ihr möglich, über Dinge im Leben einer Frau zu schreiben, die meist nicht erzählt werden. Ihre Stilmittel, diese Fragmentierung in den Aussagen, ihre Bilder haben mich spürbar nachvollziehen lassen, wie es sich unter einem solchen repressiven Regime mit Überwachung, Willkür & Segregierung lebt. Nein, das ist kein angenehmes Gefühl, keine Lektüre, die zur Entspannung beiträgt. Für mich war sie wichtig, auch um mich in meiner Haltung gegenüber autoritären Regierungen zu stärken.
Die Geschichte der Lehrerin Adina und ihrer Freundin Clara, die sich durch deren Beziehung zu einem Mann der Securitate verändert, kristallisiert sich beim Lesen so nach und nach heraus und hat bei mir einen eigentümlichen Sog entwickelt, auch, weil sie auf einen Kulminationspunkt hinausläuft, den Sturz des rumänischen Diktators, den Adina zusammen mit ihrem Freund Paul in einem Dorf miterlebt, in dem sie untergetaucht sind.
Welche Freude anschließend: ein neues Buch von Norbert Scheuer! Auf "Holunderholz" hatte ich schon gewartet, denn "Norbert Scheuers Romane, um es mal ganz pathetisch zu sagen, sind große, helle Sterne am Firmament, die einem, wenn man will, tatsächlich Orientierung geben können. Die Welt ist alles, was Kall ist", meint Alexander Wasner beim SWR. Ich habe es innerhalb von drei Abenden gelesen.
Da ist sie also wieder, die Arimond - Familie, zu der Johann zählt, Paul, der Vogelkundige, die "Grauköpfe" im Supermarktcafé von Kall und immer wieder der geheimnisumwitterte Vincentini, Schwarzhändler, Womanizer, Fantast. Doch irgendwie ist auch alles anders als sonst, denn dieser Johann Arimond, Programmierer von Beruf, in einer abgewrackten Hochhaussiedlung in einer Domstadt lebend ( kein Wunder, dass ich einschlägige Wohnanlagen wie den Kölnberg vor Augen habe inklusive Autobahn und Baggersee ), lebt in einer Tristesse und pflegt einen Untergangsfatalismus, wie es mir sonst in Scheuers Kall bisher nicht untergekommen ist. Dieser Johann ist die deprimierendste Figur, die Scheuer kreiert hat ( ich habe alle Bücher gelesen ), insofern auch, weil er so gar keine Leidenschaften hat wie manch andere seiner Protagonisten in den früheren Büchern. Wenn er nicht schlafen kann, geht er zur Kiesgrube, zur Autobahnraststätte, zur Gelegenheitsprostituierten. Auch seine Art, mit der Liebe zur verheirateten Maria umzugehen blieb mir fremd. Und dennoch weiß der Autor das alles so in Worte zu fassen, dass durchaus auch Schönheit und auf jeden Fall ein große Prise Melancholie spürbar werden, was seine Literatur für mich so anziehend macht.

Der Roman ist auch wieder eine Reise durch die verschlungenen Pfade einer unerzählten Familiengeschichte der Nachkriegszeit, verschränkt wird Gegenwart mit Vergangenheit. Der versucht der Romanheld auf die Spur zu kommen, indem er versucht das von der verstorbenen Mutter hinterlassene Magnetophon, ein Tonbandgerät, Baujahr 1938, seines Großvaters Justus, eines Wehrmachtobersten, in Gang zu setzen, um die Bandaufnahmen abzuhören. Was als technische Herausforderung beginnt, wird zu einer Suche, die Johan immer tiefer in die rätselhaften Aufnahmen hineinzieht. Doch es ist wenig auf den alten Bändern zu hören und die Geschichte entspinnt sich mehr und mehr in Johanns Kopf ( die zarten, durchsichtigen Spinnen, die immer wieder im Gerät ihre Gespinste hinterlassen! ) und kreist um ein sprachloses Mädchen mit Gaumenspalte namens Rose, das auf dem Holunderholz spielt, um dubiose Geschäfte mit den amerikanischen Besatzern, um Sprengstofflager. "
Es ist schwer zu unterscheiden, wo Technik endet und Erinnerung beginnt." In diesem Falle auch die Fantasie, das Unbewusste.
Mir fehlte in diesem Buch lange die Wärme, mit der Scheuer sonst das irgendwie verkorkste Leben seiner Protagonisten umgibt. Vielleicht lag das auch an der geschilderten Welt der IT- Nerds, die auf der Suche nach dem prallen Leben immer nur Surrogate konsumieren und nicht merken und/oder wahrhaben wollen/können, wie trost- & beziehungslos ihr eigenes doch ist. Am Ende - vielleicht durch die Krankheit & die damit entstandene Veränderung der Lebensumstände verursacht - bleibt da auch eine Hoffnung für Johann in Amsterdam, fand ich. Eine Geschichte, die verwirrend ist und nachhallt.
Danach schnappte ich mir
Christian Krachts "Faserland" ( in einem Exemplar, das wohl Oberstufenlektüre war mit seinen Unterstreichungen & handschriftlichen Bemerkungen ), im selben Jahr erschienen (1995) wie Herta Müllers Buch und ebenfalls auf meiner ZEIT-Liste empfohlen.
Auf was habe ich mich da eingelassen? Pop-Literatur? Zumindest ist der Erstlingsroman des Schweizer Schriftstellers so gelabelt worden. Da ist ein namenloser Erzähler, wohl Mitte zwanzig, aus einem Milieu der Oberen Mittelschicht, der sich keine Sorgen um seine Finanzen machen muss, auf der Suche nach seinem Platz in der Welt oder erfüllenden Lebensweise, ja regelrecht auf der Flucht. Sobald er mit einer Situation überfordert ist, flieht er in die nächste Stadt und kommt nie zur Ruhe. So ist die Novelle auch geschrieben, man wird atemlos beim Lesen über diesem inneren Monolog, der mal lax - umgangssprachlich, mit Sprachfloskeln durchsetzt, mal aber auch mit ganz klassischen stilistischen & rhetorischen Figuren wie Metaphern oder Ironie arbeitet, die eher einem elaborierten Stil zuzuordnen sind. Aufgehalten wird man durch eingeflochtene Kindheitserinnerungen, die Sehnsucht nach der idealisierten Vergangenheit, der man nachtrauert, ausdrücken. Das ist romantische Ich - Suche. Den Erzähler habe ich als vollkommen bindungslos wahrgenommen, unfähig, sich sozial zu verhalten.

Innerhalb weniger Tage reist dieser von Sylt über Hamburg, Frankfurt, Heidelberg und München bis er über einen Abstecher an den Bodensee in Zürich landet. Überall gibt es die gleichen Partys mit den gleichen langweiligen Menschen, mit massenhaft Alkohol, Drogen, Sex. Markenartikel sollen wohl die Leere im Leben füllen. Bei mir hinterließ das einen fahlen Nachgeschmack, dieser Einblick in die überspannten Formen des Wohlstandes ( so wie es mir immer bei zu viel Instagram-Konsum geht ). Redet da einer, dem die Innerlichkeit fehlt, der kaum Verbindung zu der erzählten Welt aufnehmen kann? Das französische Wort ennui drängte sich mir da auf. Und das machte mir nur eine einzige Schlussfolgerung wahrscheinlich am offenen Ende der Erzählung, mitten auf dem Zürichsee...
Ich fand die Lektüre insofern aufschlussreich & wichtig, als sich mir die Verhaltensweisen mancher Angehöriger der Generation des Protagonisten, ihre emotionale Unausgeglichenheit, kommunikative Unfähigkeit wie Egozentrik, an der ich mich schon manchmal stoße, weil sie unsereinen abwertet & plakativ wie emotional kritisiert, erklärbar gemacht haben. Ich habe den kurzen Roman auch als Parodie und Kritik gelesen. Eine oberflächliche Geschichte ist es sicher nicht, auch wenn die Eingangssequenz zunächst auf diesen Pfad lockt.
Von Christine Wunnicke lag bei mir noch die Novelle "Nagasaki, ca. 1642". Damit ist ihr wieder ein kleines Stück Literatur geglückt, in der alles etwas in der Luft hängt.
Rein äußerlich dreht sich die Geschichte einmal um den Samurai Seki Keijiro, der, da es keinen Krieg mehr gibt "im fünften Jahr der Epoche der langen Glücklichkeit" zum Müßiggang verdonnert ist und sich mit dem Weben kunstvoller Bänder beschäftigt. Und dann ist da der blutjunge "Olander" Abel van Rheenen, der nichts besser kann als Sprachen lernen und auf einem Schiff der Vereenigde Oostindische Compagnie als "Dolmetsch" auf Dejima landet, jener künstlichen, fächerförmigen Insel vor der Küste Nagasakis, dem einzigen Fenster nach "Japonica" in jener Edo-Zeit als Handelsposten der besagten Niederländischen Handelsgesellschaft. Dort treffen die Beiden aufeinander.
Zunächst entfaltet sich der japanisch-europäische Sprach- und Kulturtransfer, der - da wäre ein Text von Wunnicke kein Wunnicke - schließlich durch Samuraierzählungen und eine Geistergeschichte phantastisch ergänzt wird und von einer lebenslangen Obsession und der Loyalität über den Tod hinaus zu berichten weiß. Und natürlich
geht es um die
Liebe
- Abel erfährt "sechs japonesische Wörter für die Liebe und acht für die Unzucht, und erstere passten alle nicht, und letztere passten alle"- und auch um die Rache - "Ist solche Rache eine Sitte deines Landes, oder bist du allein verrückt?", fragt Abel Keijiro. Und der antwortet "
Beides." Das alles gipfelt also in einer Verführung nach den Regeln der Kriegskunst und schließlich im Tod. Von der europäisch - japanischen Geschichte einer Männerliebe, vergleichbar mit ihrem "
Missouri", wird diesmal im schnellen Wechsel von komischen und drastischen Szenen und häufig nur angedeutet erzählt.
Stand auch schon lange vor dem Regal und wartete darauf, gelesen zu werden:
Martina Clavadetschers "
Die Schrecken der anderen". Da entwickelt sie sehr gemächlich einen Plot, der in einer ( fiktiven ) Schweizer Gebirgsecke mit See spielt und der mit der Entdeckung einer Leiche im gefrorenen Wasser durch einen Schulbuben seinen Anfang nimmt. Es geht über mehr als hundert Seiten, in denen die Charaktere parallel nebeneinander entwickelt und in ihren Beziehungen langsam deutlich werden bzw. gerade erst welche aufbauen. Wie das Duo aus dem unter Angstzuständen leidenden Polizeiarchivar Schibig und Rosa, der "
Alten" vom Campingplatz - ein schrulliges Gespann. Doch insbesondere hinter Rosa steckt mehr als frau zunächst vermutet. Dass es da etwas ungemütlich ist in dieser schwyzerdütschen Postkartenidylle - davon bekommt man nach & nach anhand kleiner Episoden eine Ahnung. Und bleibt als Leserin gerne am Ball.
Clavadetscher erzählt mit der nötigen Kühle und Finesse von dem, "das längst alle sehen?", nämlich den Verwicklungen der ach so neutralen Eidgenossenschaft mit den Nationalsozialisten, deren Goldschätze in den Banktresoren ruhen wie der Schatz des Alberich in der Sage, um daraus erneut einen magischen Ring zu schmieden wie der Zwerg bei Wagner, einem, der Allmacht zurückbringt. Im Roman ist das eine Mannschaft ( mit Zylindern & "Harau" ) mit der noch weitgehend im Untergrund schwelenden Gesinnung, das Geld und Macht ihnen das Recht gibt, die Zukunft mit dem Totengeld der Vergangenheit zu kaufen.
Der Roman enthält auch das Psychogramm des in Traditionen und Generationen gefangenen, zeugungsunfähigen Schwächlings und einzigem Erben der Fabrikantendynastie Kübler-Kern und von seinen scheiternden Befreiungsversuchen aus dem klebrigen Netz seiner hundertjährigen Mutter, die den Schatz aus einer unrühmlichen Vergangenheit für die oben genannten Zwecke ins Trockene bringen will. Wie eine Spinne unterm Dach des gemeinsamen Herrenhauses verwebt sie subtil die Fäden, gibt rein äußerlich aber die Demente.
Überhaupt die Frauen in diesem Roman! Rosa, deren eigene Beziehung zur Familie Kübler-Kern völlig unklar bleibt, die ermittlungstechnisch jedoch umfassende Kenntnisse über deren Vergangenheit erworben hat, kann man als Gegenpart zu dieser "Spinne" sehen. Und doch muss sie am Ende, so viel sie auch ihre eigene List der Verknüpfung und der Aufdeckung, der Recherche und der Erfindung aufbietet, sich in gewisser Weise geschlagen geben und zusammen mit ihrer Tochter aus dem Postkartenidyll verschwinden, ohne erreicht zu haben, was sie wollte.
Martina Clavadetschers Anlayse einer Welt unter diesem Bergpanorama ist spannend und mit der nötigen Dramatik ( man spürt die erfahrene Theaterfrau ) geschrieben, auch, weil ich weiß, dass der Drache nicht nur in den alten Bergsagen ( die zwischendurch gerne Erwähnung finden ) lauert und dass kein Kissen reicht, um seine Boshaftigkeit für immer zu ersticken. Ich habe nur zwei Abende gebraucht, um das Buch zu lesen, so wusste es mich zu fesseln.
Das folgende Buch - "
So ist das nie passiert" von
Sarah Easter Collins - ist mir als Sonderangebot auf meinen Reader "geflogen" gekommen. Da ich unschlüssig war, was ich als Nächstes lesen wollte, habe ich mich darauf eingelassen.
Sarah Easter Collins hat mit diesem Roman meiner Meinung nach ein grundsolides Debüt vorgelegt. Nach dem Eingangskapitel mit einem Abendessen, zu dem Robyn, eine der Protagonistinnen, eingeladen hat, entwickelt sich in den folgenden aus der Gegenwart Vergangenheit, und das ganze Drama im Leben der anderen Hauptperson, der Enddreißigerin Willa. Kaleidoskopartig setzt sich aus Rückblicken, in denen auch die Blickwinkel der beteiligten Hauptpersonen wie die Zeitebenen wechseln, ihre Familiengeschichte zusammen. Da geht der schöne Schein, den ihre wohlhabende Familie aufrecht erhalten hat, nach und nach flöten und rückt das Verschwinden der dreizehnjährigen Schwester Willas vor zwanzig Jahren aus einer eher dysfunktional zu nennenden Familie in ein neues Licht. Seinerzeit hat das Ereignis auch einen immensen Medienrummel nach sich gezogen und Willa gezwungen, in ein weit entferntes Internat zu wechseln, wo sie Robyn kennengelernt und bei ihr & ihrer Familie Liebe & Geborgenheit erfahren hat.
Und nun dieses Abendessen, bei dem es um trügerische Erinnerungen geht, und Willa, die nie die Hoffnung aufgegeben, aber ihr eigenes Leben irgendwo verloren hat, in einer ihr bis dahin nicht bekannten Besucherin die so vermisste Schwester zu erkennen glaubt! Der Roman hat mich dann doch in Bann gezogen, wurde ich doch zur Voyeurin mit Einblick ins Leben "besserer Kreise" ( ein wenig hat es mich an die Bücher von Edwin St. Aubyn aus den 1990ern erinnert ), gab es überraschende Volten und war demzufolge auch ganz unterhaltsam zu lesen, auch wenn es manchmal etwas fantastisch war. Ich verrate deshalb an dieser Stelle auch nichts über die weitere Entwicklung der Geschichte, falls jemand es auch lesen will.
Wie immer, wenn ich für einen meiner "
Great-Women"-Post recherchiere, fällt auch literarisch was ab. Zuletzt war das "
Mary & Claire" vom
Markus Orths, ein Roman über Mary Wollstonecraft-Godwin ( unter dem Namen Mary Shelley berühmte Autorin von "
Frankenstein" ) und Claire Clairmont sowie gemeinsamen Liebe
Percy Bysshe Shelley.
Im April des Jahres 1816 brechen die beiden titelgebenden jungen Frauen in die Schweiz auf, eben mit jenem Shelley im Schlepptau, um dort George Gordon Byron, heute allen besser bekannt als Lord Byron, zu treffen. Letzterer eine Art Popstar der englischen Romantik, wird Shelley von seiner Mitwelt weniger enthusiastisch gefeiert. In Cologny am Genfersee machen sie Halt. Mit von der Partie sind Marys kleiner Sohn William, den sie mit dem noch anderweitig verheirateten Shelley hat und Byrons Leibarzt John Polidori. Diese beiden Herren mieten die Villa Diodati, getrennt von den anderen in einem zehn Gehminuten entfernten Chalet. Und dort veranstalten sie dann den den wohl berühmtesten Schreibwettbewerb der Literaturgeschichte, dem letztendlich der "
Frankenstein" entspringen wird.
Doch so weit sind wir noch nicht: Der Autor holt weit aus, so weit, dass er William Godwin, den Begründer des philosophischen Anarchismus, mit seinem schreienden Säugling - eine der beiden Titelheldinnen - am Grab seiner am Kindbettfieber verstorbenen Frau Mary Wollstonecraft stehen lässt. Und das, wie auch die Wiederholungen der Szenerie in den nächsten Altersphasen des kleinen mutterlosen, aber stiefmütterlich behandelten Mädchen, ist mir einfach zu kitschig geraten, zu sehr
Kate Greenaway, und will mir so gar nicht zu dem passen, was ich über die legendäre Frauenrechtlerin herausgefunden habe.
Angesprochen habe ich mich erst dann gefühlt, als es zur Sache ging, also die ungewöhnliche Dreierbeziehung der beiden gerade mal 17jährigen Frauen mit dem fünf Jahre älteren Dichter geschildert wurde sowie deren Flucht nach Frankreich, die Schweiz und die Rheinlande, nachdem Marys Vater, eigentlich ein Freidenker & Gegner der Ehe, sie durch Hausarrest bzw. Hausverbot unterbinden wollte. Da kamen viele Impressionen im Stil der Rheinromantik auf. Auch sprachlich wurden die Klischees weniger, indem auch die originelleren Original-Formulierungen des Dichters Eingang in den Text fanden wie z.B. "Lasst die Zungen rudern".
Ganze Textpassagen aus Shelleys "Eine Verteidigung der Poesie" ( "Poesie ist die Freiheit selbst" ) finden sich sogar in den Schilderungen der nächsten Episoden über die Wohngemeinschaft in ständig wechselnden Londoner Unterkünften, da Gläubiger auf den Fersen und gesellschaftliche Ächtung angesichts der unehelichen Schwangerschaft Marys nicht ausbleiben. Ganz im Sinne von Marys verstorbener Mutter lassen sich die jungen Frauen in kein Korsett zwängen. Doch die Liebe, auch die Kreativität, nutzt sich ab, wenn die Alltagssorgen überhand nehmen. Claire entweicht, indem sie eine Stelle als Gouvernante auf dem Land annimmt.
Bei ihrer Rückkehr nach London nimmt sie eine andere Liebe ins Visier: den viel erfolgreicheren Lord Byron. Mary verhilft der "Schwester" sogar zu dem berühmten einleitenden Satz im ersten Brief an das Idol. Claire wird tatsächlich von ihm empfangen und will anschließend mehr erreichen, als eines seiner Groupies zu sein. Dafür tut sie alles, ohne Rücksicht auf die Wahrheit.
Mary selbst kann unter diesen Bedingungen wieder die einstige innige Beziehung zu Shelley herstellen, in der sie gemeinsam "Erinnerungen auf Schiffchen setzen" ( ein verbrieftes biografisches Ritual des Poeten ) und sich dem Schreiben widmen, ganz nach der Devise "Ein Dichter ist eine Nachtigall, die in der Dunkelheit sitzt und singt, um ihre Einsamkeit mit süßen Klängen aufzuheitern."
Überrascht hat mich, dass die von Claire eingefädelte Reise, die Episode, mit der das Buch letztendlich angepriesen wird ( siehe oben ), im Roman eher eine untergeordnete Rolle spielt und keine zehn Seiten einnimmt, also nur ein bisschen mehr als Anekdote bleibt. Im Roman wird sie als Drogenrausch inszeniert, keinesfalls auf freundschaftlichem Wettbewerb basierend.
Was in mir nach der Lektüre zurückblieb, ist die fortdauernde Melancholie Marys. Denn dass sie ihre Existenz dem Tod ihrer Mutter im Kindsbett schuldet, belastet sie sehr. Aber gegen das Düstere vermag sie auch immer wieder ihren Lebenshunger und ihren Freiheitsdrang zu setzen. Ein ambivalentes Leseerlebnis! Was hätte Christine Wunnicke daraus gemacht?
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Auch solche Coffetable- Bücher finden bei mir Interesse, wie das Buch über die Architekt*innen Sauerbruch Hutton rechts |
Mir war anschließend nach weniger Leseexperimenten zumute, und ich habe ein weiteres Buch von Mira Magén - "Zuversicht" - angefangen. Es ist das letzte Buch der israelischen Schriftstellerin, welches 2018 auf Deutsch herausgebracht worden ist. Die Schriftstellerin ist mir nach der Lektüre von zweien ihrer Bücher ans Herz gewachsen, denn sie hat als Psychologin & Krankenschwester in einem onkologischen Krankenhaus genug Dramen miterlebt, beutet aber ihren Stoff niemals sentimental aus. "Leidenspornografie" findet sie furchtbar - und das geht mir ebenso. Dennoch erwischten mich in diesem Roman kleine Szenen, in denen die Tränen auf meine Augen drückten…
Ein Drama hat die Enddreißigerin Nava erlebt, weil bei einem Autounfall ihr Mann und ihr kleiner Sohn zu Tode gekommen sind. "Friedhof, Irrenanstalt oder betreutes Wohnen" - das sind die drei Optionen, die ihr noch bleiben, meint sie. Sie gibt ihren Beruf als Innenarchitektin auf und wird Kassiererin in einem Supermarkt, verschließt ihre Wohnung, auf dass kein einziges Molekül vom Atem der Verstorbenen darin verloren gehe, und auch ihre religiöse Bindung kappt sie. Dann zieht sie in ein Heim für betreutes Wohnen und hofft, dem Gedankenkarussell in ihrem Kopf Einhalt gebieten zu können.
Das ist die Basis, auf der Mira Magén geradezu zauberhaft über die Schilderung vieler kleiner Begegnungen, die alle nicht erkennen lassen, welche Bedeutung sie für die Entwicklung der Geschichte haben werden, Nava sozusagen wieder ins Leben zurückholt. Der Weg dahin ist gewunden und überraschend und begleitet von Charakteren, die so menschlich, so alltäglich, so unterschiedlich sind, wie es eben im Leben so ist. Und die alle die menschliche Hybris hinter sich gelassen haben, die Einbildung, alles optimieren zu können, stattdessen akzeptiert haben, dass das Menschenleben so ist, wie es eben ist: Aufstehen, hinfallen, wieder aufstehen, hinfallen...
Mira Magén zu lesen tut einfach gut, auch & gerade, wenn frau wieder einmal dabei ist, in Anbetracht der gesellschaftlichen Lage zu verzweifeln.
Was für ein Lesemonat! So viele neue "Welten" entdeckt! So viel erfahren darüber, wie Menschen mit dem Leben umgehen! Ich bin dankbar, dass es Schriftsteller*innen gibt, die das aufschreiben können und damit meine alten Tage bereichern. Und inzwischen lerne ich auch immer wieder Leute kennen, die die Freude mit mir teilen, meine Nachbarinnen, mein Arzt, ehemalige Kolleginnen. Die Bücherstapel sind nicht kleiner geworden. Ich freue mich auf einen lesereichen September.