Freitag, 9. Oktober 2026

Friday - Flowerday #41/26

 

Heute mal nicht Herbstfarben!


Sondern die des geschätzten Expressionismus!




Lilien, Clematis und ein Zweig der Schönfrucht Callicarpa bodinieri


"Gebobbeltes" ist derzeit mein Hit. Und dann noch im Lieblingsgelb!


Gerne dazu die Komplementärfarbe


So schaut's bei mir zu Hause aus zum Wochenende.
Ich wünsche euch ein erholsames...

                                                


Und hier kommen eure Blumendekorationen hin:

You are invited to the Inlinkz link party!

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Donnerstag, 8. Oktober 2026

Great Women # 472: Andrea Manga Bell

Zwei Dinge haben mich auf die Frau gebracht, die ich euch heute vorstellen möchte. Da ist einmal die Umbenennung einer Straße im Afrika-Quartier meines Veedels vor zwei Wochen von Gustav-Nachtigal-Straße in Manga-Bell-Str. gewesen, zum anderen meine Beschäftigung mit dem Schriftsteller Joseph Roth. Der war nämlich nach Hitlers Machtergreifung mit ihr zusammen ins Exil nach Paris gegangen. Ich habe anschließend einen Roman gelesen, in dem sie eine Rolle spielt : Andrea Manga Bell.

Andrea Manga Bell kommt am 27. Januar 1902 in Hamburg zur Welt als Andrea Minna Emma Jiménez Berroa, Tochter der Margaretha Sophie Emma Filter, 32 Jahre alt, Friesin mit hugenottischen Wurzeln, und ihres Ehemannes José Manuel Jiménez Berroa, "Ebony Liszt" genannt. Der, fünfzehn Jahre älter als seine Ehefrau, ist ein klassischer Pianist & Komponist aus Kuba mit afrikanischen Wurzeln und aus einer hochmusikalischen Familie stammend. Seine Ausbildung hat er ab 1867 in Leipzig und Paris absolviert und ist 1890 nach Hamburg gekommen, wo er als Konzertpianist und als Klavier- und Gesangslehrer am Konservatorium arbeitet und sieben Jahre später Andreas Mutter in zweiter Ehe heiratet. 

Später wird Andrea an den Schriftsteller Herman Kesten über sich selbst in einer eidesstattlichen Erklärung, dem Brief beigefügt, schreiben:
"Ich bin farbig. Mein Vater war Cubaner […] brauner Hautfarbe […]. Meine Mutter war Arierin, in Hamburg gebürtig. Ich habe einen ausgesprochenen Negertyp, d.h. gewelltes Haar, dunkle Hautfarbe, dicke Lippen. So war ich in Deutschland schon äußerlich als zu einer niederen Rasse gehörend gekennzeichnet. Ich wurde von Nazilümmeln nur wegen meiner äußeren Erscheinung in den Jahren vor der Machtübernahme Hitlers häufig in unflätigster Weise beschimpft." ( Quelle hier )

Die Familie Jiménez Berroa (Andrea links )
(ca. 1905)
Andrea ist das jüngste von insgesamt drei Geschwistern, des Bruders Adolfo Manuel Wilhelm (*1899) und der Schwester Manuela Andréa Mathilde (*1900). Gemeinsam mit den Großeltern Filter - als Kaffeemakler tätig - leben sie in Hamburger Straße 45, ab 1908 im Winterhuder Weg 18. Da diese Wohnung im dritten Stock liegt und der Vater durch einen Sturz gehbehindert ist, erfolgt ein weiterer Umzug in die Lerchenfeldstraße 9. Der Vater lässt das Mädchen zu Hause unterrichten, sie beherrscht mehrere Sprachen und lernt Klavier, ist also wohlgebildet.

Andrea erlebt diesen Vater, immer ganz formal angezogen, als schwermütig, weil unterdessen das Geld nur noch mit Klavierstunden in besten Häusern hereinkommt und die finanzielle Lage immer angespannter wird. Sie liebt es, wenn er am Klavier sitzt und Beethoven spielt.

José Manuel Jiménez Berroa stirbt 1917 mit 62 Jahren an der Spanischen Grippe, und seine Witwe unternimmt einen weiteren Umzug in den Uhlenhorster Weg 15. Der beim Tod des Vaters achtzehnjährige Bruder Adolfo wird Kaufmann, um zum Unterhalt der Familie beitragen zu können, und ist erfolgreich im Kaffee- und Kakaohandel tätig. Darüberhinaus ist er ein begabter Laien-Cellist.

In dieser Wohnung feiert Andrea ihre Hochzeit, gerade mal siebzehn & schwanger, mit einer Sondererlaubnis am 17. Juni 1919 protestantisch getraut mit dem aus der einstigen deutschen Kolonie Kamerun stammenden 22jährigen "Prinzen" Alexander Ndumbe Douala Manga Bell, Sohn des von den Deutschen hingerichteten Douala-Königs Rudolf Manga Bell. 
Das frisch verheiratete Ehepaar  
(1919)

Alexander Manga Bell ist schon im Alter von vier Jahren an den Hof von Kaiser Wilhelm nach Deutschland gebracht und dort erzogen worden und hat im Ersten Weltkrieg noch als deutscher Offizier in Gallipoli in der Türkei gegen die Briten und Franzosen gekämpft, da ist sein Vater schon längst nach dem Vorwurf des Hochverrats durch die Kolonialkräfte gehenkt worden - ein Märtyrer & Held ab da in seinem Land. Als Andrea seine Bekanntschaft macht, ist er Medizinstudent in Kiel, polyglott, elegant, musikalisch ( er spielt Klavier wie ihr Vater ), auf der Suche nach einer protestantischen Ehefrau.

Da Kamerun gemäß Versailler Vertrag unterdessen unter französischer Hohheit steht, verlangt die französische Regierung von Andreas Ehemann daraufhin, nach Frankreich zu übersiedeln.  Die Regierung verspricht sich davon eine Stärkung ihrer Legitimität als neue Herrschaft im Land, der "Prinz" ist sozusagen ein Unterpfand als designierter Fürst in seiner Heimat, um eventuelle Unruhen in der Bevölkerung steuern zu können.

Folgedessen bringt Andrea in Frankreich, in Sèvres, am 11. Januar 1920 ihren Sohn José Emmanuel Manga Bell, genannt Manga Manga, zur Welt. Sie lebt in einer großen Villa mit Personal. Mit dem fünf Monate alten Säugling reist der junge Vater dann nach Kamerun und kehrt Mitte Juli mit seiner Großfamilie - die Mutter, je zwei Schwestern & Brüder, eine Tante -  nach Paris zurück. Andrea bleibt unterdessen in der Stadt, auch als der "Prinz" im Oktober 1920 nach Kamerun heimkehrt, angeblich weil er das Erbe seines Vaters antreten müsse. Andrea selbst wird von der französischen Verwaltung als "weiß" eingestuft, weshalb sie nicht an der Seite ihres Mannes in Douala leben darf, die Eheleute leben also seitdem immer wieder voneinander getrennt - ihr Mann auch schon mal in Paris in einem mondänen Hotel - bis er 1922 endgültig in Kamerun bleibt. Da hat sie schon längst ihr zweites Kind, die Tochter Andréa Emma Ekedi Manga Bell, genannt Tüke, am 15. Mai 1921, geboren. Irgendwann habe er behauptet, sie sei seiner Familie zu hellhäutig, eine "Mulattin", und er lässt die Zwanzigjährige einfach hängen, obwohl ausreichend von der französischen Regierung alimentiert.

Immerhin hat sie jetzt eine Art französischen Pass, ist eine protegé francais. Und so reist sie mit den Kindern zurück nach Deutschland. Die Kinder kann sie bei deren Oma in Hamburg lassen, sie selbst macht sich auf nach Berlin, weil sie meint, dort besser ihren Lebensunterhalt erarbeiten zu können. Als Qualifikationen nimmt sie ihre Mehrsprachigkeit und ihren Aufgeschlossenheit mit wie die Fähigkeit der schnellen Auffassungsgabe. Franz Blei, der österreichische Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Literaturkritiker in Berlin, verschafft ihr 1922 eine Stelle beim Ullstein Verlag, dessen Cheflektor er ist. Sie arbeitet nun als Redakteurin für die Zeitschrift "Gebrauchsgraphik", eine international hochangesehene Publikation. Zwischen 1928 und 1930 veröffentlicht diese mehrere ihrer Übersetzungen der Texte Roger-Louis Dupuys, einem französischen Werbepionier und Illustrator.

Über Blei ist sie bald in der Berliner Literatenszene beheimatet, und in der Theaterszene der Stadt versucht man sie sogar für Rollen zu engagieren. Berlin ist in jenen Tagen wohl eine der freiesten Städte der Welt. Dennoch macht Andrea immer wieder rassistische Erfahrungen. 

Andrea Manga Bell, Franz Blei, Joseph Roth
( Mitte der 1920er Jahre )

So schreibt später Erika Mann in einem Brief, der erst 1981 publiziert wird, über das Figurentableau im berühmt-berüchtigten Roman "Mephisto" ihres Bruders Klaus aus dem Jahr 1936, in dem sich die Hauptfigur mit einer als triebhaft bezeichneten schwarzen Prinzessin in "Rassenschande" vergnügt:
"Auch bei der Figur der Juliette waren einzelne Züge einem realen Vorbild entliehen: Andrea Manga Bell, von 1931 bis 1936 Lebensgefährtin Joseph Roths."

Und Thea Sternheim äußert sich in einem Interview: 

"In seinem Schlüsselroman hat Klaus Mann unverschämt über Manga Bell geschrieben. Er hat sie schlecht gemacht und leichtsinnig."

Mit  Klaus Mann hat Andrea in Berlin Bekanntschaft gemacht, und die Passagen über Juliette Martens in seinem Roman, in denen er sie zum Objekt macht und eurozentrische Klischees wie "Einfachheit", "tierische Wildheit", "blitzende Augen" verwendet, sind mir schon damals bei der Lektüre nach dem Erscheinen des Buches 1980 unangenehm aufgefallen. Der "freie Geist" in Berlin hat eben auch dort in den gebildeteren, kritischeren Kreisen seine Grenzen gehabt, zeigt sich doch die ganze hässliche rassistische und misogyne Paranoia jener Zeit auch in jenem Roman. Die Beschreibung, derer sich Klaus Mann bedient hat, ist einem Buch über Rassentheorie entnommen, welches auch Adolf Hitler wertgeschätzt hat.

Nun aber zu Joseph Roth. Mit ihm wird Andrea im August 1929 bekannt auf der Terrasse einer Freundin nach einem Badevergnügen ( so jedenfalls der Roman ). Er ist von der selbstbewussten und selbstständigen Frau wohl sofort fasziniert - deutsche Kolonialgeschichte und K.-u.-k.-Nostalgie verbinden sich alsbald in diesem ungleichen Paar. 
Roth wird 1894 in Brody in eine gutbürgerliche Familie galizischer Juden hineingeboren. Später wird sein Vater psychisch auffällig und lebt getrennt von der Familie. Roth beginnt noch in seiner Studienzeit mit dem Schreiben literarischer Texte. Nach dem 1. Weltkrieg & dem Militärdienst wendet er sich dem Journalismus zu, zunächst in Wien, dann in Berlin, ab 1923 mit einer Anstellung als Feuilletonkorrespondent bei der angesehenen "Frankfurter Zeitung". Gleichzeitig debütiert er mit einem Roman. 1930 veröffentlicht er "Hiob", bei dem er seinen bis dahin klaren, sachlichen Stil zugunsten einer bildhaften Darstellungsweise aufgibt. Seit 1922 ist er verheiratet. Seine Frau Friedl, ebenfalls jüdisch-galizischer Herkunft, erkrankt bald an Schizophrenie und wird letztendlich 1930 in einem privaten Sanatorium bei Wien untergebracht. Die Situation seiner Frau bleibt für Roth eine stetige Quelle von Selbstvorwürfen und Niedergeschlagenheit und er verfällt immer heftiger dem Alkohol und führt ein unstetes Leben, hat aber einen großen, illustren Bekanntenkreis und verdient sehr gut.

"Mampes Gute Stube"
Andrea lässt sich auf ein Rendezvous in "Mampes Gute Stube" am Kurfürstendamm ein. Dabei warnen sie wohlmeinende Freunde in Berlin, der Schriftsteller sei ein Feind der modernen Frau.

Fortan erhält sie täglich eine Rose. Er hat von seinem Arzt gerade die Diagnose "Leberzirrhose" begonnen, ist der Zuwendung bedürftig, irgendwie aber immer auf der Flucht, schleicht sich dennoch unmerklich in Andreas Leben ein, möchte gerne ihre "Dienste" in Anspruch nehmen. Sie ist allerdings mehr als gut beschäftigt mit dem Schreiben von Bleis Texten, tippt dann aber doch für ihn seine tintengeschriebenen Manuskripte des "Hiob" ab, während er immer mal, auch länger, wegtaucht. "Bei der Ausarbeitung politischer Artikel überlegten wir gemeinsam, welche Ideen ausgearbeitet werden könnten", erinnert sie sich später.

Dass er nicht dafür zahlt, teilt sie mit anderen Frauen der Berliner Intellektuellenrunde wie z.B. der Frau von Egon Erwin Kisch, des "bedeutendsten Reporters in der Geschichte des Journalismus". Seinen Bedürfnissen nach Luxus - seidene Schlipse, teure Cognacs, Taschenuhren, Füllfederhalter, Spazierstöcke mit silbernen Griffen, Taxifahrten und Bahnreisen 1. Klasse - frönt Roth nach wie vor. In Frankfurt, wohin er sie mit einem Erste-Klasse-Ticket lockt, stellt er sie dem Leiter des Feuilletons der "Frankfurter Zeitung", Friedrich Traugott Gubler, als Frau Manga Bell, seine Sekretärin und jetzt auch Lektorin, unverzichtbar fürs pünktliche Erscheinen der Vorabdrucke, vor. Am Ersterscheinungstag des "Hiob" am 14. September 1930 bahnt sich der Untergang der Weimarer Demokratie an, als die NSDAP 18,3 Prozent der Stimmen bei der Reichstagswahl erhält. 

Roth eilt zu Weihnachten nach Paris, Andrea verbringt das Fest mit der Familie in Hamburg. Im nächsten Frühjahr lässt er sie durch seine Anfangskapitel des "Radetzkymarsch" kämpfen, auch als ihre Kinder für die Sommerferien nach Berlin kommen. Als sie zwei Wochen gemeinsam nach Paris reisen, redigiert sie währenddessen die neuen Passagen des Romans, tippt die neuesten Seiten auf einer Reiseschreibmaschine. Als Benno Reifenberg, Pariser Korrespondent der "Frankfurter Zeitung" sie fragt, ob Andrea für ihn arbeiten würde, erfährt sie wie hoch der Vorschuss für den "Radetzkymarsch" ist, den Roth vom Verlag erhalten hat. Sie hingegen muss für ihn immer Bettelbriefe schreiben. Gleichzeitig werden seine Alkoholexzesse immer schlimmer. 

Dann beziehen sie zusammen mit den Kindern zwei Zimmer in der Wohnung von Roda Roda in Berlin. Andrea muss immer wieder rassistisch-sexistische Bemerkungen über sich ergehen lassen, auch von selbsterklärten Hitler-Gegnern in ihren Kreisen à la "die ehemalige Lieblingsfrau eines Hottentottenkönigs". Oder sie muss sich anhören, sie sei klüger, als man gedacht habe. Wenn Andrea in Roths Kreisen etwas von sich gibt, scharf pointiert und/oder witzig - und das kann sie sehr gut -, heißt es schnell "wie Roth so richtig gesagt hat". Später wird ein Karikaturist sie allerdings als einzige Frau in den Rothschen Kaffeehauszirkeln einzeichnen, die dabei offensichtlich akzeptiert ist. 

Sie behält sich auch vor, kritisch zu bleiben und anderer Meinung als ihre Literatenfreunde. So ergreift sie einmal energisch Partei für  Ernst Toller, ebenfalls Schriftsteller jüdischer Herkunft, als Mitglied der Münchner Räterepublik zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, als über ihn als "lächerlichen Helden der Räterepublik" in der alkoholisierten Runde gespottet wird. Toller wird sich bei ihr dafür am nächsten Tag bedanken. "Wie konnte es sein, dass Menschen, die große Sätze über Solidarität schrieben, kleine Verräter waren?", schreibt Lea Singer. Im Privaten wird Andrea Opfer des gaslightnings, wie man es heutzutage ausdrücken würde, durch den doch so angesehenen Schriftsteller. Seine Eifersucht trägt geradezu pathologische Züge.

Ende Oktober 1932 unternimmt man gemeinsam und mit Andreas Kindern einen Urlaub in der Schweiz, bei dem sie die Bekanntschaft mit Erich Maria Remarque macht ( siehe auch dieser Post ). In Deutschland lehnt unterdessen Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler als Reichskanzler zunächst noch einmal ab. Zurück in Deutschland bringt Andrea ihre Kinder erst einmal, weil sie es für ihren Nachwuchs in Berlin zu gefährlich hält, nach Hamburg zu ihrer Mutter, die inzwischen von einer unerkannten Diabetes beeinträchtigt ist. Andreas Bruder begleicht ihre Rechnungen, sieht sich aber nicht finanziell in der Lage, einen schulischen Aufenthalt ihres Sohnes in Frankreich zu finanzieren. In Berlin machen unterdessen braune Schlägertruppen die Straßen unsicher. Im Briefkasten finden sich Zettel mit "Judensau, du kommst dran, aber deine N*hure stechen wir zuerst ab." Warnzeichen gibt es also immer wieder mehr als genug. Zwei Attentatsversuche gibt es, einer auf das Paar samt den Kindern in einem Taxi, Mitte Januar 1933.

1930er Jahre
Am 30. Januar 1930 bekommen Andrea, Roth, die beiden Kinder schließlich Karten für den letzten Nachtzug nach Paris. Roths Übersetzerin nimmt sie in Empfang. Andrea ersucht bei den französischen Behörden um finanzielle Unterstützung, Schulgeld für ihren Sohn, der doch französischer Staatsbürger sei und von seinem Vater keinen Unterhalt erhalte. Man könne im Moment gar nichts ausrichten, lautet der Bescheid. 

Roth hat sich wirklich einmal reingehängt und eine Klosterschule mit Internat für Andreas zwölfjährige Tochter aufgetan und versucht, seine Bekanntschaften für weitere Unterstützung zu mobilisieren. Ständig erreichen sie die gleichen Nachrichten aus Berlin: Der und der morgens um fünf überfallartig aufgesucht und abgeholt. Als Erstes trifft es Egon Erwin Kisch. Andere, wie Hermann Kesten, Roths Lektor im Gustav Kiepenheuer Verlag, schaffen es ins Pariser Exil. Die Berliner Stammtische am Ku'damm werden nun - vor allem im Pariser Café du Dôme am Montparnasse - abgehalten. In der Stadt werden billige Pensionen und Hotels, belegt von Gästen ohne Aufenthaltsgenehmigung, immer knapper. Auch Roth benötigt eine solche carte d'identité. SEINEN Hotelaufenthalt zahlt ein Geflüchteten- Komitee.

Später wird Andrea über ihren Alltag im Exil an den sozialistischen Politiker und Publizisten Karl Retzlaw schreiben:
"Ich habe von früh am Morgen für Roth gearbeitet, auf Spiritus gekocht, auch für seine Freunde, alle Korrespondenz und Manuskripte getippt bis nachts um 2 Uhr. Benno Reifenberg, der ja leider tot ist, nannte mich Griseldis. […] Sogar mein Geld, das ich außer meiner Arbeit bei Reifenberg verdient hatte, hat Roth unterschlagen […]. Darüber habe ich nichts an Reifenberg verlauten lassen." ( Quelle hier )
Karl Retzlaw lernt sie beim Stammtisch ihres Gefährten im Café de Tournon kennen. "Sie war eine intelligente und schöne Frau", erzählt er in "Spartakus. Aufstieg und Niedergang eines Parteiarbeiters". Über Retzlaw erfährt man auch, dass sie von ihrem Bruder Geld aus ihrem Erbe erhalten habe. "Das Geld, das er mir mit Lebensgefahr über Holland hat zukommen lassen, hat Roth restlos versoffen." Roth hingegen - laut Andrea Rebuffé -: "Ich muß einen Negerstamm von neun Personen ernähren!" Der Frau des Roth-Verlegers Kiepenheuer, Noa, antwortet Andrea einmal auf die Frage, wie sie das alles aushalte: "Ich liebe ihn, da kann man nichts machen." Sie weiß auch nur zu gut, dass "der Alkohol den Erzähler in Roth zum Sprechen brachte; den Kritiker, den Selbstkritiker in ihm brachte er jedoch zum Schweigen. Für die Kritik hatte er A." ( Lea Singer )

Sein Alkoholkonsum wirkt sich zudem auch dahingehend aus, dass Josef Roth gegen jeden wütet, Kontakte abbricht, sich antisemitisch äußert, dass es auch Andrea zu viel wird. Sie ist sein Gewissen. Auch nachdem man ihnen gemeinsam mit den Kindern eine Wohnung vermittelt hat, nimmt er sein Nomadenleben wieder auf und zieht allein in sein Lieblingshotel. Andrea beschuldigt er, ihn mit seinem "kleinen Sekretär" zu betrügen, während sie zusammen seinen "Antichrist" abschreiben. Hinter ihrem Rücken rumoren Kommentare zu Roths Niedergang, wohl angeschoben von Stefan Zweig ( siehe dieser Post ), vermutet Andrea, und als Grund wird die laut Roth "unsinnige" oder "verheerende Familienwirtschaft" angegeben. 

Promenade des Anglais, Nizza
Im Sommer 1934 leben sie jedoch wieder miteinander in Nizza an der Promenade des Anglais in einem Haus mit drei getrennten Wohnungen mit Hermann Kesten & Heinrich Mann. Andrea freundet sich mit Nelly Kröger, der Gefährtin Heinrich Manns an. Ein Ort der "begnadeten Harmlosigkeit", so der Schriftsteller. Im späteren Film "Joseph Roth – Das Porträt" von 1970 wird man eine gealterte Andrea Manga Bell mit kurzen grauen Haaren in einem Park in Paris sitzend sehen und in hamburgischem Dialekt erzählen, wie bei einen Besuch von Annette Kolb in Nizza alle über ihres "Seppels Stocksammlung" zum Lachen gebracht worden seien. 

An Weihnachten will sie wieder ihre Kinder in die Arme schließen, und man kehrt nach Paris zurück, um dann Anfang 1935 ins "Hotel Imperator" am Boulevard Gambetta in Nizza zu ziehen.

Was letztendlich zum Ende dieser Beziehung geführt hat? Der Alkohol? Die Eifersucht? Die prekäre Finanzsituation Andreas? Das ewige Hin und Her? Das Gerücht um eine Messerattacke Roths auf Andrea? Kontroversen um die Zukunft ihrer Kinder? Seine Bedürfnisbefriedigung, die er wegen der Kinder nicht so ausleben kann, wie er es braucht? Roth beschreibt ihr "konstantes Duell" in einem Brief an Stefan Zweig:
"Es steckt in dieser Frau - wie übrigens in allen - der fatale und sehr natürliche Drang, mich einzuengen, familiär und zum Haustier zu machen, und ich kann mich mit gutem Gewissen nur davor schützen, wenn ich sie nichts entbehren lasse. [...] meine ganze Kraft verplempert sich in diesem Dreck. [...] Keiner ist weit und breit, der mir auch nur ein Telephongespräch abnehmen täte." usw.usw. - möge sich jede ein Urteil darüber machen!
Ende Februar 1936 ist Roth von der Bildfläche verschwunden, Mitte April muss sie die gemeinsamen Hotelzimmer verlassen. Tritt ER aus dem Bild, verschwindet sie ebenfalls: Keiner seiner Spezln sucht den Kontakt zu ihr. "Hingabe ist gut, Sich-Hergeben ist schlecht", so die Freundin Lotte Lieven in Zürich zu Andrea. Die finanziert ihr zunächst ein möbliertes Appartement für drei Monate. Andrea sucht nicht mehr nach ihm, nur immer wieder nach Arbeit. Auf seine Briefe reagiert sie nicht mehr. Sie weigert sich nun endgültig, nach den Gesetzen seines Lebens zu leben, wie er es darin formuliert. Schließlich bekommt sie bei Hugo Simon, Kunstmäzen, engagierter Pazifist & Finanzier einer Zeitung für deutsche Exilanten, eine Stelle als Privatsekretärin ( bis zu dessen Flucht 1941 ).

Stefan Zweig hat Roth nach Ostende beordert, dort kommt er mit Irmgard Keun zusammen. Gemeinsam saufen sie sich Richtung Nirwana. Zurück in Paris, macht Andrea ihm nicht mehr die Tür auf. Roth stirbt im Mai 1939 im Armenspital "Hôpital Necker". Andrea hat niemand davon in Kenntnis gesetzt.

Nach dem Einmarsch der Deutschen 1940 in Frankreich taucht sie zeitweise in Südfrankreich unter und schlägt sich bis Kriegsende mit Gelegenheitsarbeiten durch. Sie steht allerdings auf der Fahndungsliste des Sicherheitsdienstes (SD) der Nationalsozialisten. Thea Sternheim, die zwar bei Ausbruch des Krieges 1939 im Camp de Gurs interniert worden ist, aber durch Flucht nach Paris entweichen kann, notiert über sie: "Frau Manga Bell war rührend während des Krieges – Sauberkeit der Gesinnung." Andreas 19jähriger Sohn José Emmanuel kämpft unterdessen in der französischen Armee, im berühmten Regiment von Lattre de Tassigny, ihre Tochter "Tüke" wird nach entsprechender Ausbildung Fliegeroffizierin in der Armee von Charles de Gaulle. Die versteckt auch ihre Freundin Mopsa Sternheim, als diese wegen ihrer Tätigkeit in der Résistance verfolgt wird.

Untertitel: "Sein Vater erschoss ihn"
Nach dem Krieg nimmt Andreas Ehemann Alexander Ndumbe Douala Manga Bell, inzwischen Abgeordneter für Kamerun in der französischen Nationalversammlung, wieder Kontakt mit ihr und der Familie auf. 1947 finanziert er seiner Tochter eine aufwändige Hochzeitsfeier, während ihre Mutter ums Überleben kämpfen muss und diese Demonstration seines Reichtums geschmacklos findet. Am 15. September 1947 wird Andreas Sohn José Emmanuel von seinem Vater im Prinzenpark von Bali, einem Stadtteil von Duala/Kamerun, bei einem Streit von hinten erschossen.  Alexander Manga Bell wird daraufhin in Paris inhaftiert, jedoch schon am 19. November 1947 wieder freigelassen. Das Parlament weigert sich, seine Immunität aufzuheben. Erst 1951 wird Alexander Manga Bell als Oberhaupt der Duala offiziell inthronisiert, 1967 wird er sterben.

Andrea bemüht sich, ein Gerichtsverfahren zu erzwingen, indem sie in einem Rundbrief an Freunde um Geldspenden für  Anwaltskosten bittet, aber auch für sich, um ihren Lebensunterhalt decken zu können. Sie ist selbst für andere, die in Paris ihre Hilfe suchen - manchmal Schwarze bei einer Schwarzen wie James Baldwin 1948 - da. Für den verkauft sie ihre eigene Versicherung. Schließlich wendet sie sich auch an das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Schon alleine die Einleitung des im August 1950 erschienen Artikels lässt einem speiübel werden:
"Andrea Manga Bell, ins proletarische Elend gesunkene braune Königin von Duala, bemüht in Paris jede Woche erneut die Gerichte, um den Mörder ihres Sohnes Manga Manga Bell vor den Kadi zu bringen." ( Quelle hier )
Andrea, die ab 1954 bei der "United Restitution Organisation" (URO) gearbeitet hat, die Opfern des Nationalsozialismus juristische Hilfe bei Entschädigungs- und Rückerstattungsansprüchen leistet, muss selber damit zurechtkommen, dass ihre eigene Verfolgung nicht anerkannt wird. 1964 - da ist sie mittlerweile 62 Jahre alt - bittet sie Hermann Kesten in Deutschland um Unterstützung:
"... nun hat man mir seit 5 Jahren eingeredet, ich möchte einen Berufsschaden anmelden, der abgelehnt wurde, unter der Begründung, ich sei Roth‚ aus freien Stücken gefolgt, ohne selbst einer Verfolgung ausgesetzt gewesen zu sein. Darf ich mir erlauben, Sie zu bitten, im Sinne der seltsam abgefassten eidesstattlichen Versicherung, die ich beifüge, zu erklären, dass ich selbst rassisch und politisch verfolgt war. (... ) Ich habe lange gezögert, weil ich nicht gern belästige." ( Quelle hier )

Drei Wochen später kommt Kesten der Bitte nach. Andrea benötigt das Geld dringend: Sie ist krank, hat Herzprobleme und eine Hernie in der Speiseröhre. Das gute Verhältnis zu Kesten zerbricht aber dann 1970/71: Einmal, weil die 250 Mark Honorar, die er ihr für einen Dokumentationsfilm für den WDR versprochen hat, den er über Roth gedreht hat ( und in dem sie zehn von fünfzig Minuten füllt ) nicht gezahlt werden. Zum anderen veröffentlicht er die Briefe Roths, darunter auch solche, die Andrea, ihre Kinder und ihre Mutter verleumden oder herabwürdigen, ohne sie vorher gefragt und/oder um eine Kommentierung gebeten zu haben. Sie schreibt 1971 erzürnt an Retzlaw:

"Kesten hatte die Stirn, Roths Briefe, in denen ich mit Hass und Lügen überhäuft werde [zu veröffentlichen], 'die Negerin, 'der Cirkus, das bin ich und meine Kinder. Meine Kinder hätten ihn 'Boche' genannt, so habe ich nie gesprochen..."

An den neu herausgegebenen Werken Roths sowie an den Briefen verdient sie nichts. Dabei gehen die meisten ihrer Weggefährten davon aus, Andrea Manga Bell habe die Rechte an Roths Werk inne oder sei daran beteiligt.

Der Umgang mit ihr ist schon recht merkwürdig, und man fragt sich, ob Rassismus & Misogynie dahinter stecken, als die mittlerweile fast Siebzigjährige auch nicht zur Filmvorführung nach Köln eingeladen wird, obwohl ihr das in Aussicht gestellt worden ist. Von einer Autobiografie ist die Rede, die sie 1972, überredet von einer Freundin, anfängt, die aber nicht zustande kommt und leider auch nicht bruchstückhaft aufgefunden worden ist. Sie lebt im 15. Arrondissement von Paris am linken Ufer der Seine im Südwesten der Stadt, teilweise auch zu Beginn der 1970er Jahre an der Côte d’Azur.

Vor 41 Jahren, am 10. Oktober 1985 stirbt Andrea Manga Bell im Alter von 83 Jahren in Paris.

"Je näher ich Andrea Manga Bell kam, desto weniger war sie nur die Frau des Lebens und Sterbens von Joseph Roth. Schöne N* wurde sie in Berlin genannt und sie war derartig schön, dass die Menschen auf der Straße stehenblieben. Aber sie war viel mehr. Witzig, belesen, frech, kämpferisch und risikobereit." Das sagt die Autorin von "Die Heilige des Trinkers", Lea Singer.

Für mich ist durch meine Beschäftigung alles andere als eine eine Fußnote der Literaturgeschichte geworden, die mich zudem auf Rassismus & Sexismus, nicht nur in faschistischen Kreisen, sondern auch in intellektuellen, bürgerlichen Kreisen, aufmerksam gemacht hat. Das erklärt mir auch so einiges, was jetzt passiert. 

                                                                                 

Auch heute mache ich euch aufmerksam auf andere Porträts in meinem Blog:

Samstag, 3. Oktober 2026

Meine 40. Kalenderwoche 2026

"... nicht jedem Halm muss man Gehör schenken - 
denn dessen Wachstum ist seine Aufgabe, 
nicht Deine."
Evelyn Siller
"Geschichte ist kein Navigationsgerät, 
das man so lange neu kalibriert, 
bis die gewünschte Route herauskommt.
Das Problem ist nicht die Geschichte.
Es ist die Methode.
Und die ist durchschaubar."
HogeSatzbau
"Das Eigene ist über Jahrtausende 
im Austausch gewachsen, 
und es wächst nur weiter, 
solange dieser Austausch nicht abreißt. 
Genau das ist es, was uns ausmacht."
A.K.Weichelt


Das erste Foto heute knüpft an an das letzte meines 39. Kalenderwochenposts. Mit den dort gezeigten Pfifferlingen habe ich mir am Samstag eine deliziöse Nudelsoße gekocht. Pilze: für mich ein Genuss! Statt Stadtwald habe ich dann am Wochenende nur den Nordpark aufgesucht, weil ich irgendwie nicht so recht auf dem Damm war. Aber bei diesem herrlichen Septembersonnenschein musste ich nach draußen. Im Nordpark "wächst" der Pilz rechts schon seit mehr als fünfzig Jahren...



Auf dem Weg dorthin gibt es auch nette Wasserspiele, deren Plätschern ich gerne gehört habe,...

... und eine Brücke über einen "Graben" ( wahrscheinlich ein Altrheinarm ).

Gesehen ( und gefreut ) habe ich mich besonders über die vielen freistehenden mächtigen Bäume...


... wie die Esche auf dem linken Foto.


Getroffen habe ich eine Nachbarin, derzeit eine "pflegende Familienangehörige", mit der ich mich zu einem Eiskaffee ( ohne Foto ) hingesetzt habe.


Ich gebe meinen Tick unumwunden zu: Ich bügle meine Geschirrtücher. Am Montag war es mal wieder so weit. Ich mag es, wenn sie mit exakten Falten an dem Griff unterhalb meiner Spüle hängen.



Gelesen hab ich auch, sogar drei Romane in dieser Woche ( eine eher eigenwillige Mischung )! Es macht einfach mehr Spaß bei diesen Temperaturen ( 25°-28°C in der ersten Wochenhälfte ) auf der Terrasse. "Altweiber" halt. 



Ein Hobby ist auch: Tulpenzwiebeln setzen! Endlich ist meine Bestellung aus den Niederlanden eingetroffen. Aber noch genieße ich das Grün auf meinem Grundstück.



Drinnen bleiben musste ich am Donnerstag, nicht wegen des - erwünschten - Regens, sondern weil sich diverse Handwerker & Dienstleister angesagt hatten. Da freut einen denn auch, zwischen all den Rechnungen in der Post so liebe Kartengrüße mit noch netteren Worten von Leserin Claudia zu finden. Dankeschön!

Am Freitag ging es dann wieder raus. Ein Ziel lag dort hinter dem Deich.



Der Niederrhein!  Zu einem Ausflug dorthin hat mich eine ehemalige Schülerin aus meiner allerersten Klasse von vor fünfzig Jahren abgeholt. Mehr darüber zu erfahren ist am 18. Oktober bei meinem Monatsspaziergangs-Post.


Das war mein Erlebnis der Woche. Wie viel frau sich zu erzählen hat! Von früher, von ganz, ganz früher aus der Kindheit bis heute, auch über die Entwicklung in unserer Gesellschaft ( da waren wir uns sehr einig ) und in unseren Familien mit unseren Enkelkindern. Danke, liebe S. für diesen schönen Tag!

Web-Fundstücke:
"Dein Nervensystem lernt Klarheit durch Handeln. Grübeln allein bleibt wirkungslos."

Ja, und dann diese Laudatio auf die ehemalige Kanzlerin anlässlich der Verleihung des Elisabethpreises der Caritas am vorletzten Freitag in Augsburg durch die Satirikerin Sarah Bossetti:

Habt ein schönes Feiertagswochenende!

                                                                                             


Verlinkt mit Andrea Karminrots Samstagsplausch, "Niwibo sucht...", Annette/ Augensternwelt mit ihren Glücksmomenten, dem Mosaic Monday von Heidrun, den "Sonntags Top Sieben" bei Anni 

Und wer ebensolche Freude an der Renovierung von Ricks Zuhause in London hat wie ich,  kann hier das aktuelle Video nach über 55 Tagen Arbeit sehen.