Samstag, 16. Mai 2026

Meine 20. Kalenderwoche 2026

 "Dein Gehirn braucht keine Motivation.
Es braucht Unterbrechung.
.....
Die heutige Zivilisation ist jedoch (...) im Allgemeinen 
nicht mehr auf Ruhephasen ausgerichtet."
Netzfunde
"Der Populismus braucht die Unlösbarkeit von Problemen. 
Damit er sagen kann: Das Land geht zugrunde."
Robert Habeck
"KI wird uns wirklich alle ersetzen – 
sie hat bereits den Wissensstand eines durchschnittlichen Mannes. 
Und wie wir wissen, reicht das für die Weltherrschaft."
Theresa Bäuerlein
"Der Mann zerfällt sichtbar vor uns."
John Gartner, amerik. Psychologe
"Friert das Feld im Mai noch zu, beschuldigt der Bauer die EU"
Neue Bauernregel vom @quer_vom_br



Wie ich schon letzten Samstag in meinem Kalenderwochenpost verlautbart hatte, bin ich mittags mit den Ex-Floristen & weiteren Nachbarinnen zur Liegenddemo draußen auf dem Altermarkt gegangen, um auf das erschütternde Leben der Mitmenschen, die an ME/CFS erkrankt sind, aufmerksam zu machen.


Inmitten der Hochzeitfeiernden ( das Standesamt ist da auch ), der Jungesellenabschiede, der Tourigruppen, also mitten im prallen Leben, haben wir für die um Aufmerksamkeit gekämpft, die von diesem schönen Leben ausgeschlossen sind,  drinnen bleiben müssen im dunklen Zimmer, weil ihr Körper ihnen das alles nicht mehr erlaubt. Es gab immer wieder viele Tränen ( und wenn ihr das nicht nachvollziehen könnt, dann schaut noch mal hier vorbei: Meine Nachbarn ).


650.000 Mitbürger leben unter uns, darunter 80 bis 140.000 Kinder & Jugendliche, bei denen diese Erkrankung anerkannt ist, die Dunkelziffer wird bei einer Million liegen. Aber immer noch müssen sie bzw. ihre Angehörigen darum kämpfen, nicht als Simulanten oder psychische Kranke, auch unter der Ärzteschaft, abgestempelt zu werden. Dabei ist diese Erkrankung seit 1969 von der WHO als neurologische Erkrankung anerkannt - sind nur 57 Jahre her...

Laut einer dänischen Studie haben Menschen mit ME/CFS, verglichen mit anderen chronischen Erkrankungen, die niedrigste Lebensqualität, niedriger als an Krebs oder Multipler Sklerose Erkrankte. Bei ME/CFS handelt es sich um eine Multisystemerkrankung, die unter anderem das Nerven-, das Immunsystem und den Energiestoffwechsel betrifft. Und wen dieses unfassbare Leid dieser "lebenden Toten" nicht anrührt, für den wirtschaftlichen Aspekt aber empfänglich ist: Durch diese Krankheit entstehen unserer Volkswirtschaft jährliche Kosten von 64 Milliarden Euro.

Gehört habe ich u.a. den Bericht einer betroffenen jungen Mutter von zwei Kindern: Herzzerreißend! Die Abschlussrede von Mark Benecke, die auch eine politische Perspektive eröffnet hat, hat mich bestärkt, auch euch, liebe Blogleser*innen, durch diesen Post "ins Boot zu holen". 


Mit einer meine Nachbarinnen, die auch ihr - wenn auch ein ganz anderes - Päckchen zu tragen hat, bin ich anschließend noch zum Eisessen gegangen und hab ihr ein Täschchen in ihrer Lieblingsfarbe geschenkt. 

Und zu guter Letzt hat mich die Nachbarin von gegenüber zu einem Kaffee in ihr Haus eingeladen. Ein solches Netz menschlicher Verbundenheit um sich zu haben, hat viel damit zu tun, dass ich mich nicht einsam fühle, auch wenn ich allein lebe. So eingebunden zu sein, das macht doch ein erfülltes Menschenleben aus. Es ist wichtig, verbindliche Treffen mit anderen Menschen zu haben. Es reicht auch schon, einfach zur selben Zeit am selben Ort zu sein. Das sagt jedenfalls die englische Therapeutin Philippa Perry.

Szenenwechsel am Muttertagssonntag! Statt Altermarkt Neumarkt…





Gesehen habe ich mit meiner Schwester, Nichte & Großneffen die Jubiläumsvorstellung des Circus Roncalli. Unglaublich, dass es nun bereits fünfzig Jahre her ist, das ich die ersten Auftritte auf der Bonner Hofgartenwiese miterlebt habe.


Es war das Geburtstagsgeschenk für meine Schwester, ein großer Roncalli-Fan, die auch mit etlichen früheren Artisten bekannt gewesen ist. Für uns DAS Erlebnis der Woche!


Ich fand dieses Mal die Clowns und ihr Zusammenspiel sehr gelungen. Canutito aus Peru kannte ich schon vom letzten Mal, Simon Shuster alias Housch-ma-Housch aus der Ukraine war neu für mich und er übernahm eigentlich die tragende Rolle des ganzen Programms.


Gensi alias Fulgenci Mestres ist der dienstälteste Weißclown in der Roncalli-Geschichte, rechts im Hintergrund ist der "Neuzugang" Kevin Gorczyński alias Kevinski aus den Niederlanden zu sehen, der eine ganz neue Note ins Zusammenspiel gebracht hat.


Am besten gefallen hat mir die Zauberin - Verzeihung: Illusionistin - Alexandra Saabel. Aber da habe ich nicht fotografiert, bilde ich mir doch immer noch ein, durch genauestes, konzentriertes Hinschauen hinter die fulminanten Tricks zu kommen.


Lili Paul, Liebling & Vorbild meiner Enkelinnen, war natürlich wieder zauberhaft. Den Einrad - Performer Pavel Valla Bertini nehmen sie sich hoffentlich nicht zum Vorbild. Da könnte ich nicht  mehr ruhig schlafen.


Der Nachwuchs der Zirkusleute hat auch eine Chance bekommen: Justin Philadelphia, 19 Jahre alt und Sohn des Roncalli - Geschäftsführers...



Für mich sind das Schönste bei Roncalli die Kostüme. Die waren als Hommage gedacht für die grandiose Maria Lucas ( mein großes Vorbild bei der Kostümbildnerei ), die 1980 bei der "Reise zum Regenbogen" bei Roncalli eingestiegen ist. 

Im November letzten Jahres ist sie mit siebzig Jahren gestorben.


Es war wieder ein Farbrausch, wie ich ihn brauche, gerade in diesen Zeiten, wo der Verrückte in den USA immer schneller dement wird, sein Gesinnungsbruder in Russland im Bunker hockt und bei uns die Demografie eine steinalte Politik diktiert. Nichts Neues kommt hierzulande mehr auf den Weg. 


Ich gehöre nicht zu den Alten, die meinen, sich bei frischem Wind zu verkühlen. 


Darauf dann noch einen "Hugo" im"Café des artistes".



Diesjahr bin ich mutig und habe die Furcht vor Mamertus, Pankratius & Konsorten sausen lassen und habe schon zu den Eisheiligen meine Blumenkästen straßenseits mit Geranien bepflanzt. 



Diesmal auch mit ner Farbabweichung. Die Gründe für das Bedürfnis nach la vie en rose sind ja schon angeklungen...



Mein Dienstag wurde dann schon bei "12 von 12" verbloggt, der Mittwoch war, wie eigentlich schon länger nicht mehr, mal von Traurigsein begleitet: Es war "unser Tag". Jetzt habe ich das Jubiläum bereits zum vierten Mal alleine begangen. Aber wie das Tellerchen an meiner Küchenwand meint: "Nützt ja nix."



Ein anderes meiner Lebensmotti im Alter habe ich jetzt auch eingerahmt und im Eingangsbereich hingestellt, damit jeder Bescheid weiß, was die Parole beim Eintritt in mein Gehäuse ist. Genuss haben mir die kleinen Pfannkuchen plus am wettermäßig bescheidenen Himmelfahrtstag verschafft. Weihnachtliche 12°C zeigte das Thermometer da.



Gelesen wurde natürlich auch ( das war bei der Eisheiligenkälte im Wintergarten das Gemütlichste ). Gedichte gehen immer, besonders zu diesem Donnerstag  der Woche. Ebenso das Nähen - so viel zum Thema Hobbys.




Meine Web-Fundstück/e will ich hier nicht durch die gefundenen Beispiele verbildlichen, um der Propaganda einschlägiger Verschwörungsunternehmer nicht noch mehr Reichweite zu ermöglichen. Das Aufkommen des Hanta - Virus bietet jenen Anlass, in sämtlichen social media gefälschte Bilder, Videos ( z.B. alte aus der Corona-Zeit, z.B. getarnt als Nachricht von "SRF Schweiz Aktuell" ) & Nachrichten zu verbreiten, um Angst zu schüren oder wenigstens zu verunsichern. Das Nutzen von KI macht das alles noch leichter. Frau könnte angesichts der Lügen & Schwurbeleien die Krise kriegen. Tut sie nicht: siehe oben "Good vibes only".

Diese Netzfunde möchte ich euch aber auch nicht vorenthalten: 

Forscher der Harvard Universität haben entdeckt, dass schon fünf Minuten, in denen man sein Lieblingsparfüm oder einen Schal aussucht, einen Dopamin-Schub auslöst, der sogar einem Orgasmus ähnelt. Die Durchblutung der Gesichtshaut beschleunigt sich um 8 % und verleiht einem einen natürlichen Glanz. Ein Lächeln vor dem Spiegel in einem Lieblingsoutfit senkt den Cortisolspiegel in nur zwei Minuten um 23%, hat die Psychologieprofessorin Barbara Fredrickson festgestellt ( von mir jeden Morgen nach dem Schminken erprobt - und los gehts! ). Das Tragen der Lieblingsfarbe kann den Serotoninspiegel um 12 % erhöhen, und ist mit der Wirkung von Sonnenlicht vergleichbar. Ästhetik und innerer Zustand sind also keine "Kleinigkeiten", sondern Teil einer gesunden Lebensarchitektur bei Frauen. Merke: Das Gehirn unterscheidet eben nicht zwischen kleiner Freude und großem Glück!

In diesem Sinne!

                                                                  


Verlinkt mit dem Samstagsplausch, mit "Niwibo sucht...", den Glücksmomenten bei Annette/ Augensternwelt, dem Mosaic Monday, den "Sonntags Top Sieben" bei Anni, bei Elke und "Was blüht denn da?" und - ganz neu - bei Nicoles/Frau Frieda "Plausch am Gartenzaun"

Freitag, 15. Mai 2026

Friday - Flowerday #20/26

Falls es langweilig werden sollte: 
weiterklicken!
Ich mag sie halt ( und da bin ich wohl nicht alleine...)


Abwechslung bringt die Vase
( uralt; einstens bei I*kea gekauft ).

Die habe ich allerdings wegen ihm gewählt: dem Rittersporn!


Das ist nämlich der Gesamteindruck von meiner heutigen Blumendeko.


Schwierig zu fotografieren, dieses Purpurmagenta!
Aber in Natur so schön!


Ich wünsche euch ein schönes Wochenende
&
danke allen, die beim Friday - Flowerday noch bei der Stange bleiben!

                                                           

You are invited to the Inlinkz link party!

Click here to enter

Donnerstag, 14. Mai 2026

Great Women #456: Emily Dickinson

Lyrik gefällt mir und begleitet mich schon mein ganzes Leben. Und da kommt man um sie nicht herum: Emily Dickinson. Morgen ist ihr 140. Todestag, deshalb habe ich mich ihr Leben genauer angeschaut und dieses Porträt geschrieben.


"Ein wenig Wahnsinn im Frühling
ist selbst für den König heilsam,
aber Gott sei mit dem Clown, 
der diese gewaltige Szene betrachtet, 
dieses ganze Experiment des Grüns, 
als wäre es sein eigenes!"

Emily Elizabeth Dickinson kommt am 10. Dezember 1830 auf dem elterlichen Wohnsitz, dem Anwesen "Homestead"  in der Main Street von Amherst, einer Provinzstadt in Neuengland, etwa 250 km nördlich von New York im Staat Massachusetts, auf die Welt. 

Nur zwei Monate zuvor sind ihre Eltern Emily Norcross und Edward Dickinson, ein Rechtsanwalt & Politiker, sowie ihr einjähriger Sohn William Austin in das Anwesen gezogen, um bei Edwards Eltern, Samuel Fowler und Lucretia Gunn Dickinson, zu leben. Emily ist ihr zweites Kind; Lavinia "Vinnie" wird drei Jahre später geboren. 

Von links nach rechts: Emily Norcross, Edward Dickinson, die Geschwister ( Emily links ),
gemalt von Otis Allen Bullard ( 1840 )
Die Familie gilt als alteingesessen und ist dem Calvinismus verpflichtet. Amherst ist zu dieser Zeit noch eine der letzten Hochburgen der Puritaner. Aus diesem Grund wird 1814 die Hochschule Amherst Academy von einer Gruppe von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gegründet, darunter Emilys Großvater, deren Ziel es gewesen ist, ihre Werte weiter zu verbreiten. Zu jener Zeit geht eine erste Welle religiöser Erweckungsbewegungen durchs Land und befeuert die Sorgen der calvinistischen Gesellschaft um das Seelenheil der Menschen. Samuel Fowler Dickinson, tiefgläubiger Landwirt & Großgrundbesitzer, investiert einen Großteil seines Vermögens in dieses junge College, und der Vater Emilys studiert im Gründungsjahr dort. 

Die Stadt mit ihren rund 4.000 Einwohnern entwickelt sich zu einem Schmelztiegel der Kulturen voller ethnischer und sozioökonomischer Unterschiede - und damit Ursache für viele Spannungen -, bleibt aber umgeben von einer großartigen Natur auf sanften Hügeln, mit Graslandschaften und Feldern und dichten Nadelwäldern, die eine große Vielfalt an Wildtieren und -pflanzen beherbergen.

Emilys Mutter, 1804 geboren, kommt aus einer wohlhabenden Farmersfamilie. Sie hat die Monson Academy in Massachusetts und eine Schule in New Haven besucht, ist sehr fromm, und es heißt, sie habe über 1300 Bibelverse auswendig gekannt. Zeitlebens wird sie eine stille, kränkliche Frau sein. Emilys Verhältnis zu ihr charakterisieren wohl folgende Worte der Tochter: "Als wir Kinder waren und sie verreiste, brachte sie uns immer etwas mit. Würde sie uns nun nur sich selbst mitbringen, welch ein Geschenk!

Der Vater, nur ein Jahr älter als seine Frau, ist der Älteste einer Schar von neun Kindern einer wohlangesehenen Familie in Amherst. Nach seinem Studium an der Amherst Academy ist er auf dem Yale College und der Northampton Law School gewesen und eröffnet anschließend eine eigene Anwaltskanzlei in Amherst, bewirtschaftet aber gleichzeitig einen kleinen Bauernhof. Er wird bald zu einer wichtigen Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in der Stadt werden und später Abgeordneter im Repräsentantenhaus von Massachusetts bzw. im Staatssenat sitzen. 1852 wird er in das US-Repräsentantenhaus in Washington, D.C. als Angehöriger der Republikaner gewählt werden. Emily wird ihn später als "stillen, einsamen und autokratischen Außenseiter" bezeichnen.

Haus in der North Pleasant Street
Bereits 1833 sind ihre Großeltern nach Ohio weitergezogen, nachdem sie mehrere Jahre lang in Amherst mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt haben. Das Haus im Familienbesitz muss verkauft werden, aber Emilys Kernfamilie kann sich noch sieben Jahre als Mieter eine Hälfte des Hauses mit den neuen Besitzern teilen. 

Als sie neun Jahre alt ist, kauft ihre Familie ein anderes Haus in der heutigen North Pleasant Street in Amherst. Dieses neue Holzhaus liegt direkt neben dem Friedhof. So wird Emily in ihrer Jugend regelmäßig mit Tod, Beerdigungen und trauernden Menschen konfrontiert. Auch der Tod ihrer jungen Cousine Sophia Holland, als sie gerade mal vierzehn ist, lässt sie sich mit Fragen der Sterblich- bzw. Unsterblichkeit beschäftigen.

Silhouette
(1845)

Emily verbringt gerne Zeit mit ihren Geschwistern. Neben dem Schulbesuch füllen Hausarbeiten wie Backen und Gartenarbeit den Alltag aus, Lesen, Singen, Klavierspielen und das Anlegen von Herbarien. Über ihre jüngere Schwester schreibt Emily: "Sie hat keinen Vater und keine Mutter, nur mich, und ich habe keine Eltern, nur sie.

Zu einer Tante - Lavinia Norcross in Boston - pflegt Emily seit ihrer Kindheit eine engere Beziehung, von der das Mädchen ab ihrem dritten Lebensjahr Klavierunterricht erhalten hat. Emily bevorzugt nicht die klassische Musik, sondern irische und schottische Balladen und zeichnet sich durch ein außergewöhnliches Talent für Improvisation aus. 

Alle Dickinson - Kinder lesen gern. Die Geschwister sollen sich aber auf Anordnung des Vaters auf das Lesen der Bibel und moralischer Geschichten beschränken, finden aber Wege, sich anderen Lesestoff zu verschaffen. Erst später wird ihnen die Nutzung der wohlbestückten väterlichen Bibliothek erlaubt.

Von links nach rechts:
Emily (1846), Susan Huntington Gilbert, Abiah Root, Abby Wood
Zu dieser Zeit pflegt Emily zahlreiche Freundschaften mit anderen Mädchen ihres Alters in Amherst, darunter Abiah Root, Tochter eines Diakons und spätere Ehefrau eines Pfarrers, der Emily ihre eigenen geistlichen Kämpfe anvertraut, Abby Wood, mit der sie das Interesse an der Musik teilt, Emily Fowler und Susan Huntington Gilbert, nur neun Tage jünger als sie selbst, ein lebhaftes und intelligentes Wesen mit einem großen Interesse an Literatur, eine brillante Gesprächspartnerin und eine passionierte Büchersammlerin mit vielfältigen Interessen. Susan wird eine enge Freundin. Emily nennt sie "Dolie". Sie ist vermutlich die große Liebe ihres Lebens."Wer liebt dich am meisten, und noch viel mehr, und denkt an dich, wenn andere ruhen? Das ist Emily", schreibt sie später in einem Gedicht. Selbst als Susan 1856 Emilys Bruder heiratet, ist die tiefe Liebe in ihren Schriften noch spürbar.

Amherst College
1830
Emilys formale Schulbildung ist für ein Mädchen des frühen 19. Jahrhunderts außergewöhnlich. Aber das ist bei einer solch bildungsaffinen Familie denn auch kein Wunder, die auch eine gute Erziehung für Töchter vorsieht. 

Nach einer kurzen Zeit an einer Bezirksschule in Amherst besucht sie ab September 1840 zusammen mit ihrer Schwester etwa sieben Jahre lang die Amherst Academy, bevor sie 1847 ins Mount Holyoke Female Seminary wechselt ( heute das Mount Holyoke College), das älteste Mitglied der historischen Seven Sisters Colleges, konservativ-evangelikal, elf Meilen südlich von Amherst in South Hadley, Massachusetts beheimatet. Das College zählt auch schon in dieser Zeit zu den anspruchsvollsten akademischen Einrichtungen, die junge Frauen besuchen konnten.

Sie bleibt ein Jahr lang dort - die längste Zeit, die sie jemals von zu Hause fort sein wird. Ihren Lehrer*innen fällt sie durch ihre Intelligenz auf, aber auch wegen ihrer physisch wie psychisch anfälligen Gesundheit. Sie belegt verschiedene Fächer, darunter Botanik, Physiologie, Astronomie, englische Grammatik, Rhetorik, Algebra, Chemie und Philosophie, und doch hat sie täglich Zeit für Gesang und Klavier. Mit der strengen Haushaltsdisziplin kommt sie zurecht, nicht behagt ihr aber der religiöse Eifer und sie bricht schließlich die Ausbildung ab. Da ist sie achtzehn Jahre alt.

Benjamin Newton
Ihr außergewöhnliches Talent für Poesie erkennt Benjamin Newton, ein neun Jahre älterer Jurastudent in der Kanzlei ihres Vaters, der sie ermuntert und in die Literatur ihrer Zeit einführt, darunter die Gedichte von Ralph Waldo Emerson. Emily betrachtet ihn als Mentor. Als sie später in der Zeitung von seinem Tod an Tuberkulose im März 1853 erfährt, verfällt sie monatelang in tiefe Trauer. Später schreibt sie: 
"Mr. Newton wurde mir ein sanfter, aber ernsthafter Lehrer, der mir beibrachte, was ich lesen sollte, welche Autoren ich bewundern sollte, was in der Natur am großartigsten oder schönsten war, und jene erhabenste Lektion: den Glauben an das Unsichtbare."

Sie wird ihr Leben lang bedauern, dass ihr die Bedeutung dieses "ersten Freundes" als Schulmädchen entgangen ist.  

Das gesellige Zusammensein mit all den gleichaltrigen Freundinnen neigt sich bald zu Ende, denn diese verheiraten sich schnell. Emily bekommt vom Vater zum Geburtstag 1850 einen Hund, den sie Carlo nennt. Sechzehn Jahre lang wird er ihr treuer Freund sein und mit ihm kann sie ihre langen Spaziergänge durch Wälder und Felder unternehmen. Ab dieser Zeit gewinnt das Schreiben für sie immer mehr an Bedeutung. Ein Brief ( "Magnum bonum, harem scarum" ) erscheint 1850 in der Studentenzeitung "The Indicator" des Amherst College und ein Gedicht mit dem Titel "Sic transit gloria mundi" 1852 im "Springfield Daily Republican"Es handelt sich um ein ironisches Valentinsgedicht, das sie an einen jungen Professor am Amherst College gerichtet hat.

Austin Dickinson
Heirat? Ein wachsendes Gefühl der "Andersartigkeit" entwickelt sich bei ihr. Ein Leben als Schriftstellerin? Undenkbar, der Vater hält nichts von schreibenden Frauen oder Auftritten in der Öffentlichkeit. Doch ihr Denken ist undogmatisch, und sie fragt sich ernsthaft, warum Frauen nicht als Anwältin arbeiten können. Sie geht an die Welt unvoreingenommen heran fast wie ein Kind, ihre Radikalität schafft Konflikte: "Vaters und mein Leben kollidieren manchmal, aber bisher sind wir unbeschadet davongekommen",  schreibt sie im Dezember 1851 über ihr gänzlich unpoetisches Familienleben.

Ihr - geliebter - Bruder ist 1851 nach Boston gegangen, um an der Endicott School zu unterrichten. Emily vermisst ihn und schreibt ihm regelmäßig Briefe. Auch Susan Gilbert wird unterrichten - Mathematik an der Archer's School in Baltimore. Emily schickt ihr einen Liebesbrief und mehrere Gedichte mit einem liebevollen Unterton. Von einer Beziehung zwischen der Freundin & dem Bruder ahnt sie noch nichts. 1853 werden die sich heimlich verloben.

Am 17. Dezember 1852 wird Emilys Vater in den Kongress gewählt. Er wird ab da oft in Washington sein, wo ihn seine Töchter immer wieder mal besuchen. Dank seiner Initiative erhält Amherst einen Bahnanschluss, und in der Nähe des "Homesteads" wird ein Bahnhof eröffnet. 

Nach einem solchen Besuch 1855 verbringt Emily zwei Wochen in Philadelphia, wo sie bei einer Freundin wohnt. Es ist nahezu sicher, dass sie dort den Predigten des berühmt-berüchtigten Reverend Charles Wadsworth in der Arch Street Presbyterian Church beiwohnt. Mit Wadsworth beginnt Emily dann einen langen Briefwechsel, indem sie ihn zuerst um Rat bezüglich der Krankheit ihrer Mutter bittet (vom Briefwechsel sind nur die gemeinsamer Freunde erhalten). Wadsworth wird sie unerwartet im Frühjahr 1860 und im Sommer 1880 in Amherst besuchen.

Schon im April 1855 hat der Vater das gesamte Anwesen "Homestead" wieder zurückkaufen können und mit seinem Sohn im Oktober eine gemeinsame Anwaltskanzlei in Amherst eingerichtet. Im November wird er dann auch nicht mehr in den Kongress wiedergewählt. Mitte November ziehen die Dickinsons also wieder in ihr altes Haus. Emily wird es nie mehr verlassen. 

Das Anwesen wird erweitert, als 1856 ihr Bruder & Susan Gilbert heiraten und nebenan ein Haus namens  "The Evergreens"  errichten lassen. Susan schafft es dieses Haus zum kulturellen Mittelpunkt von Amherst, empfängt neben Freunden die zahlreichen Literaten, die sich in der Stadt aufhalten, darunter Ralph Waldo Emerson und Harriet Beecher Stowe. In den ersten Ehejahren von Austin und Susan ist Emily gerne Gast und genießt die Gesellschaft. Die Nähe macht es ihr aber auch schwer, die aufgekommene emotionale Distanz zu Bruder & Freundin auszuhalten.

In dieser Zeit werden Vater und Mutter Dickinson als auch Austin und Sue Mitglieder der Ersten Kongregationalistischen Kirche in Amherst. Emily weigert sich zu konvertieren. Gegenüber einer Freundin äußert sie sich, dass sie sich nicht von diesen religiösen Veränderungen einnehmen lassen will. "Ich spüre, dass die Welt einen bedeutenden Platz in meinen Herzen einnimmt. Ich glaube nicht, dass ich alles für Christus aufgeben könnte, selbst wenn ich zum Tode berufen wäre." Ihr Gedicht von 1864 "Manche halten den Sabbat, indem sie in die Kirche gehen, / ich halte ihn, indem ich zu Hause bleibe", zeigt aber ihre recht komplexe Haltung in spirituellen Fragen.

Natürlich – betete ich –
und kümmerte sich Gott darum?
Es kümmerte ihn genauso sehr, wie in der Luft
ein Vogel – mit dem Fuß aufgestampft hatte –
und rief: „Gib mir“ – (1863)

Das renovierte Haus bietet Emily durchaus Vorteile: Ihr Vater lässt einen Wintergarten anbauen, in dem Emily klimaempfindliche Pflanzen - ihre Feigen sind ihr Stolz - ziehen und nun ihrem geliebten Hobby, dem Gärtnern, das ganze Jahr über nachgehen kann. Sie erhält ein eigenes Schlafzimmer in der südwestlichen Ecke des zweiten Stocks mit vier großen Fenstern mit Blick auf die Main Street. 

"Vor meinem Fenster habe ich die Aussicht", heißt es in einem Gedicht von 1864. Die insgesamt 45 Fenster in "Homestead", ihre Fülle und Verteilung im ganzen Haus, verleihen ihrem inneren Leben eine immense Dimension. Ihr Zimmer mit dem schmalen Schreibtisch mit Schubfach wird ihr  ein Raum der geistigen Freiheit, jenseits der Enge der religiös geprägten Kleinstadt. Ab 1858 verfasst Emily Dickinson einen Großteil ihrer Gedichte dort. Auf losen Blättern, Schmierpapier, in leeren Briefumschlägen, auf Karten oder in Zeitschriften hält sie sie fest und überarbeitet die Entwürfe anschließend. Die Blätter mit den Gedichten näht sie dann zu vierzig selbstgemachten Heften, den "Fascilles",  zusammen. 800 Gedichte sind so erhalten.

Der rekonstruierte Schreibplatz links und rechts ein Faszikel

Auch die sogenannten drei "Master Letters" entstehen wahrscheinlich an diesem Tisch, ausführliche Liebesbriefe an einen "Master" adressiert. Sie zeugen von leidenschaftlicher Liebe und Treue zu diesem. Auch in sieben Gedichten wird ein "Master" genannt. Ob diese Briefe jedoch tatsächlich abgeschickt worden sind, weiß man nicht. Oder handelt es sich um bloße Fiktion? Es bleibt ein Rätsel, wen Emily mit diesem Begriff anspricht. Ist es Charles Wadsworth, Samuel Bowles, ein Journalist und Herausgeber des "Springfield Republican", einer der wichtigsten progressiven Zeitungen Neuenglands, oder Otis Lord, Richter am Obersten Gerichtshof von Massachusetts, enger Freund des Vaters und ab 1877 Witwer? Auch ihre Schwägerin Susan Dickinson könnte gemeint sein, da jegliche geliebte Person damals üblicherweise mit "Master" bezeichnet wird. Es gibt also reichlich Stoff für Spekulationen!

Aber nicht für ihre Dichtkunst erhält sie 1856 einen Preis, sondern für ihr Brot, und zwar für ihr "Indian and Rye" den zweiten Preis bei der Amherst Cattle Show! ( In Neuengland erfreut sich das "Indian Bread", ein Brot aus Mais- und Roggenmehl, großer Beliebtheit ). Ihr Vater mag nur das Brot, was von ihr gebacken worden ist. Es ist bei der Arbeit in der Küche oder in der kühlen Vorratskammer, dass Emily Gedichte auf kleine Zettel, Umschläge oder Haushaltsnotizen, die sie in die Finger bekommt, verfasst. Manche Rezepte und Gedichtentwürfe finden sich auf der Rückseite von Verpackungen für Backschokolade. Es kommt auch vor, dass sie Gedichte laut vor sich hin spricht, während sie Milch abrahmt.

Als 1862 in der Zeitschrift "Atlantic Monthly" junge Menschen zum Schreiben und Veröffentlichen von Gedichten aufgefordert werden, reicht Emily etwa hundert ein. In dem ersten Brief, den sie da an den ihr bis dato völlig unbekannten Bostoner Publizisten Thomas Wentworth Higginson sendet, um ihm dieselben zur Begutachtung vorzulegen, interessiert sie nur eines: "Leben meine Verse?" Und leben, das heißt: atmen sie allein, bestehen sie aus sich selbst? Handelt es sich tatsächlich um Poesie? Am Urteil eines Eingeweihten ist Emily gelegen, an einer Veröffentlichung ihrer Gedichte nicht. Mit ihm - Pfarrer, Schriftsteller, Verfechter der Rechte von Frauen und der indigenen Bevölkerung, entschiedener Gegner der Sklaverei und einst Kommandeur des ersten Regiments afroamerikanischer Soldaten - wird sie jahrelang Briefe wechseln, und er wird nach ihrem Tod bei der Veröffentlichung ihrer Gedichte helfen. 1870 wird sie ihn zum ersten Mal persönlich in Amherst treffen.

Manche ihrer Werke werden anonym und offenbar ohne ihre vorherige Zustimmung gedruckt. Mit 35 Jahren hat sie bereits über 1100 prägnante, ausdrucksstarke Gedichte verfasst, die sich auf originelle & zutreffende Weise mit Schmerz, Trauer, Freude, Liebe, Natur und Kunst auseinandersetzen. Man könnte sich glatt fragen, wie ein Mensch, der kaum Erfahrungen mit der Außenwelt in seinem Leben sammelt, so berührende Gedichte schreiben kann. Einen Teil dieser kleinen Werke teilt sie mit ihrer Familie und ausgewählten Freunden, deren literarischen Geschmack sie schätzt. Allein Susan bekommt im Laufe ihrer vierzigjährigen Freundschaft über 250 davon.

Gleichzeitig beginnt Emily, sich immer stärker aus dem gesellschaftlichen Leben von Amherst zurückzuziehen. Nur ein kleiner Kreis von Familie und Freunden besucht sie noch. In dieser Zeit entsteht das Bild von ihr als der exzentrischen Einsiedlerin. Damit teilt sie das Schicksal aller Weltabgewandten, welches Gerüchte und Gerede befeuert, da es an Zeugen mangelt. Ihr ungewöhnliches Verhalten wie die zunehmende Angewohnheit, mit Besuchern hinter einer geschlossenen Tür statt von Angesicht zu Angesicht zu reden, ist auch immer wieder medizinisch gedeutet worden, etwa mit einer Angststörung.

Verstärkt worden ist der Eindruck von großer Eigenwilligkeit noch durch die Tatsache, dass Emily nur noch weiße Kleidung trägt. In Amherst spricht man sogar von einer "mythischen Frau im weißen Kleid". Wissenschaftler haben später verschiedene Hypothesen zu den Gründen dafür aufgestellt, z.B. dass das eine Auswirkung ihrer Nierenerkrankung gewesen sei, die zu starkem Schwitzen und Flüssigkeitsverlust geführt habe. Weiße Kleidung ist in einem solchen Fall leichter zu waschen.

Diese nahezu völlige Isolation lässt sich allerdings nicht mit ihrem umfangreichen Briefwechsel in Deckung bringen wie auch mit den vielen Nachrichten und Geschenken - Blumen aus ihrem Garten z.B., oder Kuchen und Süßigkeiten -, die sie an zahlreiche Menschen schickt. Dieser Aspekt ihres Daseins erweist Emily als jemand, der sich eng mit der Gemeinschaft verbindet: "Der Ofen der Liebe ist warm", schreibt sie in einer Notiz, die einer Packung ihrer geschätzten Karamellcreme beigelegt ist. 

In den Jahren 1864 wie 1865 muss sich die inzwischen 34/35jährige einer Behandlung wegen einer schmerzhaften Augenerkrankung - vermutlich eine Regenbogenhautentzündung - in Boston unterziehen. Während dieser acht (1864) bzw. sechs Monate (1865) ist sie bei Cousinen untergebracht. Damals begegnet sie zum ersten Mal dem bereits weiter oben erwähnten Richter Otis Lord, mit dem sie fortan ebenfalls Briefe wechselt. Die beiden Reisen werden übrigens ihre letzten  Unternehmungen dieser Art sein. Danach verlässt sie das Gelände der "Homestead" nur noch selten.

1874 stirbt der Vater einsam in einer Bostoner Pension, nachdem er am heißen Morgen des 16. Juni  während einer Rede im Parlament zusammengebrochen ist. Im Jahr darauf erleidet Emilys Mutter einen Schlaganfall und ist fast vollständig gelähmt. Emily und ihre Schwester kümmern sich um sie. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter scheint unter diesen Bedingungen eher zu gelingen. 

Obwohl sie weiter Gedichte verfasst, scheint Emily zu dieser Zeit die systematische Zusammenstellung ihrer Büchlein eingestellt zu haben. Manuskripte aus dieser Zeit wirken weniger ausgereift als jene aus ihrer produktivsten Schaffensphase. Sie erregt allerdings die Aufmerksamkeit mehrerer Schriftsteller*innen und Verleger, die Interesse an einer Veröffentlichung zeigen und ohne Namensnennung ihre Gedichte öffentlich vortragen. Doch erst nach langem Drängen von Helen Hunt Jackson, einer alten Freundin aus Amherst, gelangt schließlich nur eines ihrer Gedichte in eine Anthologie.

Von links nach rechts:
Samuel Bowles, Otis Lord, Charles Wadsworth, Thomas Higginson
Nachdem 1877 seine Frau gestorben ist, intensiviert sich die Beziehung zwischen dem 18 Jahre älteren Otis Lord und Emily. Dieses Verhältnis ist durch Briefe belegt, die eine tiefe Zuneigung und intellektuelle Verbundenheit erkennen lassen. "Ich danke dem Schöpfer des Himmels und der Erde, der ihn mir zur Liebe geschenkt hat." Es heißt sogar, dass die Dichterin eine Heirat mit ihm in Betracht gezogen habe.

1882 stirbt die Mutter, und die außereheliche Affäre ihres Bruders Austin mit der mehr als halb so alten Mabel Loomis Todd ( die in Emily den "den Gipfel aller familiären Kuriositäten" sieht ) ist mehr als belastend. Es wird kolportiert, dass Emily einem Konzert der jungen Frau in ihrem Haus nur von einem Treppenaufgang aus gelauscht habe. Als Mabel aufgehört hat zu singen, habe sie ihr ein Glas Sherry und ein Gedicht, das sie während des Konzerts geschrieben hat, geschickt.

Austin Dickinson rechtfertigt seine Liebe zu der jungen Frau, indem er sie "von Gott inspiriert", verklärt, "jenseits jeder jemals dagewesenen Liebe". Seine Frau Susan hingegen ist am Boden zerstört. Später wird Mabel Todd vor allem als Herausgeberin der posthum veröffentlichten Ausgaben von Emily Dickinsons Gedichten und Briefen bekannt werden.

Eine weitere emotionale Erschütterung bereitet 1883 das Sterben des acht Jahre alten jüngsten Sohnes von Austin & Susan an Typhus. Emily bricht darüber zusammen und liegt wochenlang im Bett. Im Jahr darauf stirbt auch Otis Lord. Die vielen Todesfälle innerhalb kurzer Zeit ( Charles Wadsworth ist schon 1882 gestorben, 1885 dann die Dichterfreundin Helen Hunt Jackson in Kalifornien ) belasten Emily schwer. Sie leidet immer häufiger unter Nervenzusammenbrüchen und bleibt regelmäßig im Bett: "Die Krise des Kummers so vieler Jahre ist alles, was mich ermüdet." Ihre Schwester nennt sie "gebrechlich". Zweimal erleidet Emily Ohnmachtsanfälle und verlässt schlussendlich in den sieben Monaten vor ihrem Tod ihr Bett überhaupt nicht mehr.

Grabstätte der Familie Dickinson
Ihre letzten Worte vor ihrem Tod am 15. Mai 1886 : "I must go in, for the fog is rising."  

Als Todesursache gibt ihr Arzt Bigelow auf der Sterbeurkunde die Bright-Krankheit an, damals eine allgemeine Diagnose, die neben Symptomen einer Nierenentzündung auch Symptome einer Hypertonie umfasst ( neuere Forschungen deuten eher auf Herzversagen infolge von Hypertonie ). 

Ihren letzten Anweisungen folgend tragen sechs irische Arbeiter des Anwesens ihren Sarg ( die üblichen Honoratioren des Ortes hat sie abgelehnt ), umrunden ihren Blumengarten, durchqueren die große Scheune mit den Tieren hinter dem Haus und folgen einem grasbewachsenen Pfad über die große Dickinson - Wiese und Butterblumenfelder zum West Cemetary der Stadt. Freunde begleiten den Trauerzug, die zuvor an der schlichten Trauerfeier teilgenommen haben. Thomas Higginson hat dabei Emily Brontës Gedicht "Letzte Zeilen" vorgetragen. Auf dem Grabstein wird später "Called Back" eingraviert - so Emilys letzte Notiz auf einem Zettel. Ihre Freundin & Schwägerin Susan schreibt einen bemerkenswerten Nachruf für die "Springfield Republican":
"A Damascus blade gleaming and glancing in the sun was her wit. Her swift poetic rapture was like the long glistening note of a bird one hears in the June woods at high noon, but can never see."
Nach Emilys Tod verbrennt Lavinia, wie von ihr gewünscht, die Korrespondenz ihrer Schwester, entdeckt dabei aber zu ihrem Erstaunen den literarischen Schatz, den diese als Dichterin angesammelt hat.  Zum Umgang mit diesen Gedichten hat Emily allerdings keinerlei Anweisungen gegeben. 

Zusammen mit ihrer Schwägerin Susan, dann - weil ihr diese zu langsam ist - mit Mabel Todd macht sich Lavinia daran, die Gedichte zu ändern, die - sehr ungewöhnliche - Zeichensetzung Emilys zu "verbessern". Sie fügen Titel hinzu oder ordnen die Strophen neu an. Susan Dickinson und ihre Kinder empfinden ein Gefühl des Verrats, als Mabel Todd und Thomas Higginson dann 1890 die erste Gedichtsammlung "Poems" veröffentlichen. 

Der Band erfreut sich schnell großer Beliebtheit bei der Leserschaft. 1894 folgt eine erste Ausgabe von Briefen, ebenfalls durch Mabel Todd. Danach erscheinen weitere Gedichtsammlungen. Aber erst erst 1955 kommt unter Thomas Johnson eine vollständige Gedichtausgabe ohne die späteren Korrekturen heraus, eine  textkritische Ausgabe der Gedichte 1998, der Briefe 2024.

Der öffentliche Ruhm einer bis dahin sehr privaten Dichterin beginnt also erst vier Jahre nach ihrem Tod, und Emily Dickinson zieht bis heute Menschen in ihren Bann. Ihr einzigartiger Stil, gepaart mit ihrer Fähigkeit, tiefgründige Gedanken prägnant und doch bedeutungsvoll auszudrücken, ihre "intensive Reduktion des Lebens auf die Glut der Verse" ( Helen Vendler ) wird unzählige Schriftsteller*innen nachhaltig prägen und die moderne Lyrik bestimmen. Was mich aber nicht minder fasziniert, ist die Tatsche, dass da eine intellektuelle Frau inmitten des amerikanischen Niemandslandes für sich so ein nonkonformes Leben durchsetzen und aufrechterhalten konnte. Die "Kürze des Lebens macht mich kühn", schreibt Emily Dickinson einmal in einem Brief. Was für ein Fazit für das eigene Handeln!


                                                                  

Auch heute wieder die Möglichkeit in zurückliegenden Posts zu stöbern
und andere, großartige Frauen kennenzulernen!