Donnerstag, 19. Oktober 2017

Great Women # 118: Lotte Lenya


Sie ist DAS Gesicht der Goldenen Zwanziger Jahre Deutschlands, denn ihr Foto, aufgenommen von Lotte Jacobi ist weltberühmt. Nicht minder berühmt ist ihre Interpretation des Liedes der Seeräuber - Jenny, an der ich bis heute alle Interpretinnen messe. Wenn ich es höre, wünschte ich mir, in jenen Jahren in Berlin dabei gewesen zu sein. Gestern war ihr 119. Geburtstag. Mein heutiger Post ist der unvergleichlichen Lotte Lenya gewidmet.
1902

Lotte Lenya kommt als Karoline Wilhelmine Charlotte Blamauer am 18. Oktober 1898 in Wien zur Welt. Als Tochter der Waschfrau Johanna Teuschl und des  Kutschers Franz Blamauer wächst sie im 14. Bezirk, dem Arbeiterviertel Penzing, in der Ameisgasse 38 in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater ist alkoholkrank und misshandelt das Kind, was nicht nur seiner Trunksucht zuzuschreiben ist, sondern auch dem nie verwundenen frühen Tod der ersten Tochter Karoline, deren Namen Lotte ebenfalls verpasst bekommen hat. Lotte bekommt noch drei jüngere Geschwister.

1914
Schon mit vier Jahren tanzt das Mädchen gerne. Und mit acht tritt sie bereits in einem kleinen Zirkus als Seiltänzerin auf. Ein Jahr vor Beendigung der Schulpflicht muss sie die Bürgerschule verlassen und unterschiedlichen Beschäftigungen nachgehen. Wie sie später gegenüber Freunden freimütig zugeben wird, prostituiert sie sich bereits als Elfjährige als "süßes kleines Madl", wie es viele andere Mädchen aus armen Verhältnisse jener Zeit gezwungen sind zu tun. Mit knapp 13 Jahren arbeitet sie in einer Hutfabrik, bis sie 1913  ihrer kinderlosen Tante Sophie nach Zürich folgt, die sie dort aber nicht auf Dauer aufnehmen kann. Und so zieht sie zu einem Theaterfotografen, bei dem sie als Dienstmädchen ihr Geld verdient.

In der Schweiz eröffnet sich der 15-Jährigen jedoch auch eine neue Welt: Sie nimmt Ballett- und Schauspielunterricht und von 1914 bis 1920 tritt sie zunächst als Statistin und Choristin, später in kleinen Rollen am Stadttheater Zürichs auf. Ab Herbst 1916 ist sie gar vollwertiges Mitglied des Corps de Ballet.

Dort lernt sie auch die damals ebenfalls noch unbekannte, später legendäre Elisabeth Bergner kennen, die sich von ihr angezogen fühlt und später erzählen wird:
"Sie wurde immer mit Offizieren gesehen und von Offizieren abgeholt, und immer von anderen, und der Tratsch um ihre Lasterhaftigkeit war enorm. (...) dann war um sie eine Atmosphäre von etwas Verbotenem, also sehr interessant. Das war also die Blamauer."
1923
Während ihrer Schweizer Jahre bleibt sie "die Blamauer". Nach Konflikten mit der Ballettmeisterin am Stadtheater soll sie abgeschoben werden ( wegen Steuerrückständen und liederlichem Lebenswandel! ), einem Einspruch wird erst einmal statt gegeben, doch im Oktober 1921 macht sie sich mit ihrer Freundin Grete Edelmann nach Berlin auf, ob freiwillig oder nicht, ist nicht klar. Auf Rat des Regisseurs Richard Révy nimmt sie jetzt den Künstlernamen Lotte Lenya an.

Doch so einfach ist es nicht, in Berlin Fuß zu fassen. Anfangs lebt Lotte vom Verkauf des Schmucks, den ihr ein reicher Liebhaber in der Schweiz geschenkt hat. Erst 1923 findet sie in einer Theatergruppe Arbeit, für die auch Révy tätig ist. Über Révy lernt sie auch den Dramatiker Georg Kaiser kennen, der sie nach Beendigung ihres Engagements in seinem Haus in den Berliner Vorort Grünheide als Haus- und Kindermädchen aufnimmt.

Dort trifft sie im Frühling 1924, als sie ihn mit dem Boot über den Peetzsee von der Bahn abholen muss, auf den Komponisten Kurt Weill. Aber eigentlich es ist nicht ihre erste Begegnung, wie Lotte Lenya zu berichten weiß:
"Eines Tages stieß Révy auf eine Zeitungsannonce, in der man "junge Tänzer, Sänger" für das Ballett die "Zaubernacht" eines jungen Komponisten namens Kurt Weill suchte. Révy begleitete mich, denn auch er suchte Arbeit. Ich kam also zum Vorsingen (...) Es war einfach schrecklich. (...) Ich hörte nicht, wie sie mich aufriefen, denn ich war den neuen Namen, Lotte Lenya, noch nicht gewöhnt. (...) Dann gab mir der Produzent, ein Russe namens Boritsch, das Startzeichen. Ich muss völlig verloren gewirkt haben, bis ich aus dem Orchestergraben eine sanfte Stimme vernahm, die fragte: "Was soll ich für Sie spielen, Fräulein Lenya?" Boritsch drehte sich um und erläuterte: "Oh, das ist Herr Weill, unser Komponist." Ich sah ihn kaum, er war halb unter dem Vorsprung des Orchestergrabens verborgen. Ich fragte ihn, ob er "An der schönen blauen Donau" spielen könnte. In leicht amüsiertem Ton erwiderte er: "Ich denke schon." Sobald ich zu dieser Melodie, die ich praktisch seit meiner Geburt gehört hatte, zu tanzen begann, waren alle meine Ängste verflogen. Nach einigen Minuten sagte der Produzent: "Das reicht!" - mir erschien das zu kurz. Er fragte mich, was ich sonst noch zeigen könnte, und ich imitierte einen seiltanzenden Clown und sang, diesmal ohne musikalische Begleitung, das Lied einer Straßensängerin. Noch immer hatte ich den Komponisten nicht gesehen und würde ihm erst ein Jahr später, unter ganz anderen Bedingungen, wieder begegnen."
Eine geradezu magnetische Anziehungskraft herrscht von Anfang an zwischen der Arme-Leute-Tochter aus Wien, die sich mit Gelegenheitsjobs und kleinen Bühnenrollen über Wasser hält, und dem gefeierten Wegbereiter moderner Musik, aus einer jüdischen Kantorenfamilie in Dessau stammend. Sie zieht alsbald zu ihm in seine kleine Wohnung. Um dem Gerede ein Ende zu machen, heiraten die Beiden im Januar 1926. Weill über seine Frau:
"Sie ist ein miserable Hausfrau, aber eine sehr gute Schauspielerin. Sie kann keine Noten lesen, aber wenn sie singt, dann hören die Leute zu wie bei Caruso. (Übrigens kann mir jeder Komponist leid tun, dessen Frau Noten lesen kann.) Sie kümmert sich nicht um meine Arbeit. (Das ist einer ihrer größten Vorzüge.) Aber sie wäre sehr böse, wenn ich mich nicht für ihre Arbeit interessieren würde."
Als Lotte Lenya im Juli 1927 beim Deutschen Kammermusikfest in Baden-Baden in Kurt Weills Songspiel "Mahagonny" auftritt, ist die Kritik begeistert, und eine erfolgreiche, wenn auch äußerst schwierige Zusammenarbeit ihres Ehemannes mit Bertolt Brecht beginnt...


Der Text des berühmten "Alabama Songs" stammt aus Brechts Gedichtesammlung "Hauspostille", die heute üblicherweise gesungene englische Fassung ist von Elisabeth Hauptmann, von Kurt Weill die Neuvertonung einer Melodie von Franz S. Bruinier.

Am 31. August 1928 spielt Lotte dann die Rolle der Jenny in der Premiere der "Dreigroschenoper" mit enormem Erfolg, die sie bis heute berühmt macht und sie als "die größte Sängerin aller Zeiten ohne Stimme" ( "eine Oktave unter der Kehlkopfentzündung" sagt sie selbst ) in die Theatergeschichte eingehen lässt. Klar, dass sie dann 1930/31 die Jenny auch in der G.W.-Pabst-Verfilmung der "Dreigroschenoper" spielen darf:


Lotte Lenya ist jetzt eine in Deutschland begehrte Schauspielerin, wie folgende Liste ihrer Theaterauftritte beweist: 

1929 ist sie als Alma in Marieluise Fleissers "Pioniere in Ingolstadt" am Theater am Schiffbauerdamm auf der Bühne zu erleben ( siehe auch dieser Post ). Im gleichen Jahr verkörpert sie die Lucille in Georg Büchners "Dantons Tod" und die Ilse in Frank Wedekinds  "Frühlingserwachen", beides an der Berliner Volksbühne. Im März 1930 ist sie an der Premiere der Weill-Brecht-Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" in Leipzig beteiligt - eine Aufführung, die schon von Nazi-Demonstranten empfindlich gestört wird. Im Theater am Schiffbauerdamm spielt sie in dem Jahr wiederum die Frau Götz in Paul Kornfelds "Jud Süss" und die Tanja in Valentin Katayevs "Die Quadratur des Kreises".

Am Nachfolgestück von 1929 zur "Dreigroschenoper" - "Happy - End" -  ist sie damals nicht beteiligt, macht später aber den bekanntesten Titel daraus, den "Surabaya-Johnny", berühmt:


1931 nimmt sie in der Verfilmung des Anna-Seghers-Roman "Der Aufstand der Fischer von St. Barbara", dem Spielfilmdebüt des deutschen Regisseurs Erwin Piscator, eine Rolle an. Und während sie in der Sowjetunion dreht, arbeitet ihr Mann an einer neuen Oper "Die Bürgschaft" und fängt eine Affäre mit Erika, der Frau seines Librettisten, dem Bühnenbildner Caspar Neher,  an...

Im Dezember des gleichen Jahres ist Premiere von "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", wieder mit Lotte als Jenny am Theater am Kurfürstendamm. Über fünfzig aufeinanderfolgende Aufführungen wird es geben. Im April 1932 spielt Lotte die Jenny dann in einer verkürzten Version am Wiener Raimund-Theater. Dort lässt sie sich auf ein Verhältnis mit Otto von Pasetti, der die Rolle des Jimmy singt, ein, reist mit ihm nach Monte Carlo, wo sie gemeinsam die meisten der nächsten Monate bis 1933 verbringen und erhebliche Glücksspielschulden machen. 

Am 18. Februar 1933 tritt sie bei der Premiere von "Der Silbersee", einem Stück von Georg Kaiser mit Musik von Weill, noch einmal in Deutschland, in Leipzig, auf. Trotz der guten Kritiken wird es von den Nazis am 4. März abgesetzt. Weill selbst lässt sich am 22. März 1933 mit Hilfe der Nehers an die deutsche Grenze bringen und emigriert nach Frankreich.

Lotte reicht die Scheidung von ihm ein, aber nicht wegen ihrer anderen Amouren, sondern vor allem um die gemeinsamen Besitztümer behalten zu können, die von den Nazis beschlagnahmt zu werden drohen. Mit Hilfe ihres Geliebten versucht sie, Weills Vermögen nach Frankreich zu bringen. Dort übernimmt sie gemeinsam mit Pasetti Rollen bei der Pariser Uraufführung von "Die sieben Todsünden der Kleinbürger", dem neuesten, von Weill komponierten Ballett mit Texten von Brecht. Dieses Unternehmen geht auch im Sommer in London über die Bühne, wo sie anschließend noch mit "Mahagonny" konzertant auftritt und später dann auch noch in Rom. Ansonsten lebt sie immer wieder mit Pasetti in San Remo.

Bei einem Treffen mit Weill in Salzburg informiert dieser Lotte, dass er einen Auftrag in New York hat und schlägt ihr vor, mitzugehen. Mit einem vorübergehenden Visum starten sie gemeinsam im September 1935 von Cherbourg aus in die Vereinigten Staaten.

Kurt Weill und Lotte Lenya (Mitte) bei der Ankunft in New York im Oktober 1935
mit Francesco von Mendelson , Eleanor von Mendelson (links) und Meyer Weisgall (rechts)
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Doch die Produktion von "The Road to Promise" kommt nicht so recht voran. Lotte tritt mit Auszügen aus "Mahagonny" und einzelnen Liedern bei einem "Abend zu Ehren von Kurt Weill" auf - wirklich begeistert werden die Beiden nicht in New York aufgenommen. In einer von Max Reinhardt inszenierten Show kann Lotte den Lebensunterhalt verdienen, doch es wird schwierig, als diese eingestellt wird. Trotz der finanziellen Widrigkeiten bemühen sie sich, Amerikaner zu werden und das alte Leben in Europa zu vergessen, pflegen kaum Kontakt zu anderen Emigranten, sondern knüpfen Beziehungen zu amerikanischen Künstlerinnen und Künstlern. 

Und schließlich heiraten sie auch wieder: am 19. Januar 1937 in Westchester County, nördlich von New York City, zum zweiten Mal - eine der merkwürdigsten Lebensgemeinschaften der Musikgeschichte findet ihre Fortsetzung. Weill über seine Ehefrau:
"Sie hat stets einige Freunde, was sie damit begründet, dass sie sich mit Frauen so schlecht verträgt. (Vielleicht verträgt sie sich aber auch mit Frauen darum so schlecht, weil sie stets einige Freunde hat.) Sie hat mich geheiratet, weil sie gern das Gruseln lernen wollte, und sie behauptet, dieser Wunsch sei ihr in ausreichendem Maße in Erfüllung gegangen."
Ihr informeller Ehevertrag schließt wie im alten Europa erotische Affären mit anderen Partnern ein, die teils amüsiert toleriert werden, teils die Beziehung bis zum Zerreißen spannen. Was aber steckt dahinter, dass diese turbulente Ehe bestehen bleibt?

Es ist wohl zum einen die stimulierende Arbeitsgemeinschaft: So gibt sie seiner Musik die Stimme und er gibt ihrer Stimme die Musik. Obwohl sie eine Künstlerin der leichten Muse ist, er hingegen ein ernster Komponist, unterstützen sie sich wechselseitig, teilen die gleiche Sprache, Werte, den Geschmack, Freundschaften und musikalische Projekte - da muss es nicht immer das gleiche Bett sein. 
Kurt Weill ist vielleicht der Begabtere, aber Lotte Lenya zweifellos die Dynamischere. Für ihn ist sie Lebenselexier, durch sie fühlt er sich lebendig. Und sie hat in ihm endlich einen liebenden Vater gefunden. Sie kann die Kind-Frau sein, das kleine Mädchen, launisch, anschmiegsam und kapriziös, denn alle Sorgen hält er von ihr fern. Was sie darüber hinaus vermissen, suchen sie sich in anderen Beziehungen...

Das Ehepaar Lenya - Weill in den 1940er Jahren
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1938 nimmt Lotte ein Nachtclub-Engagement bei "Le Ruban Bleu"  in New York an. Ihr Mann muss seine Erfolge am Broadway hart erkämpfen, und sie, die in den USA nicht an ihren Ruf in Deutschland anknüpfen kann, weil ihre proletarische wie lebensechte Stimme ein "zu spezielles Talent war, um beim breiten amerikanischen Publikum Anklang zu finden" ( so der Komponist Marc Blitzstein, der ebenfalls für sie schreibt ) verstummt immer mehr. Nach einem Misserfolg in Weills Operette "The Firebrand of Florence" zieht sie sich 1945 als Schauspielerin weitgehend zurück. Wegen ihres fremdsprachigen Akzents sieht sie keine Chancen mehr für sich.

Am 17. März 1950 erleidet Lottes Ehemann einen Herzinfarkt, wird in ein Krankenhaus in New York City eingeliefert, wo er am 3. April 1950 an einem weiteren Infarkt stirbt. 

Lotte ist so verzweifelt, dass die Nachbarn Angst haben, sie nachts allein zu lassen. Der Schriftsteller, Chefredakteur und Verleger George Davis, mit dem sie seit den späten 1930er Jahren befreundet ist, wird in den folgenden Monaten ihr bevorzugter Begleiter & Unterstützer. Er holt sie aus ihrer tiefen Apathie und weckt ihre Lebensgeister. Zur Überwindung ihrer Krise schreibt sie später:
"Das einzige was mich hier zurückhält ist seine Musik und der einzige Wunsch, den ich habe, alles was ich in den letzten 25 Jahren durch ihn gelernt habe, diese Musik zu verteidigen, sie am Leben zu erhalten, was immer in meiner Macht steht alles dafür zu tun. Wirklich wenige wissen von seiner Bedeutung, besonders hier, wo man ja nur einen Teil seiner Werke kennt. Und ich glaube, darin werde ich meine Lebensaufgabe finden, diese Musik bekannt zu machen."
1951
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Nach seinem Tod wird aus Lotte Lenya also nicht nur Kurt Weills Witwe, sondern seine beste, für lange Zeit einzig denkbare Interpretin überhaupt, Hüterin und strenge Verwalterin seines Erbes, das immer populärer wird und bis heute nichts von seiner Zwanziger-Jahre-Frische eingebüßt. George Davis, den sie im Juli 1951 heiratet, unterstützt sie dabei und bestärkt sie auch darin, wieder aufzutreten.

1954 kommt der erneute künstlerische Durchbruch, als sie wiederum die Seeräuber-Jenny spielt, über sieben Jahre in 2707 Aufführungen, eine Dreiviertelmillion Zuschauer. Gleichzeitig trägt sie durch Funk- und Schallplattenaufnahmen zur Wiederverbreitung der Brecht/Weillschen Werke in Deutschland und Europa bei.

1955 reist Lotte Lenya dazu gemeinsam mit George Davis wieder nach Deutschland. Auch in den folgenden Jahren kommt sie immer wieder ins Land für Musikaufnahmen. Während eines solchen Aufenthaltes im Herbst 1957 stirbt George Davis, 51-jährig, ebenfalls an einem Herzinfarkt, in Berlin.

Ende der 50er Jahre bahnt sich in ihrer Karriere eine Veränderung an: Sie wird nun auch für ihr ungewohnte, ungewöhnliche Produktionen gecastet. 1960 spielt sie an der Seite Vivien Leighs in "The Romans Spring of Mrs. Stone" eine adelige Kupplerin. Dafür erhält sie sogar eine Oscar-Nominierung. Einem breiteren Kinopublikum wird sie bekannt mit ihrer beeindruckenden Darstellung der Rosa Klebb in dem James Bond- Film "Liebesgrüße aus Moskau" von 1963.

Mit Russell Detwiller
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In der Zwischenzeit nimmt sie immer wieder neue Schallplatten auf und tritt in Shows und Produktionen der Werke ihres ersten Ehemannes auf. Zwischendurch geht sie 1962 auch eine neue Ehe mit dem 27 Jahre jüngeren Maler Russell Detwiler ein. "Er sah so süß aus, so fürsorglich, so jugendhaft", beschreibt sie ihn später. Doch sie sorgt mehr für ihn und fördert somit seine Schwäche.

Im Sommer 1965 eröffnet sie in der Rolle als Mutter Courage die Ruhrfestspiele in Recklinghausen unter der Regie von Harry Buckwitz. Der Vertrag läuft etwa sechs Wochen.

Doch zum ersten Mal nach vielen Jahren bekommt "die Lenya" überwiegend negative Kritiken. In Deutschland ist diese Rolle eng mit Helene Weigel verbunden, Brechts Witwe und Lottes Gegnerin in all den Auseinandersetzungen zwischen Weill und Brecht. Die deutschen Kritiker bevorzugen einfach deren - berühmte -Interpretation der Rolle. Die Aufführung wird aber im 2. Fernsehprogramm in Deutschland gezeigt.

Im Herbst 1966 übernimmt sie die Rolle des Fräulein Schneider im Musical "Cabaret". 1165 Aufführungen werden folgen. Die Figur der Zimmerwirtin wird extra für sie leicht retuschiert: Die braunen Phrasen fehlen, sie hat einen jüdischen Verehrer, tanzt Quickstep mit Matrosen und singt mit sandiger Stimme: "Wenn man so alt ist wie ich ..." Dafür wird sie 1967 als beste Musicaldarstellerin für den Tony Award nominiert. Der Erfolg befreit sie innerlich: "Sechzehn Jahre lang war ich die Witwe von Kurt Weill. Jetzt bin ich ich!"

Doch der berufliche Erfolg wird überschattet von den Problemen mit ihrem trunksüchtigen Ehemann, der schließlich Ende Oktober 1969 aus seinem Atelierfenster springt und stirbt.

Wieder sind schwere Depressionen die Folge, aber Lotte versucht trotzdem ihre Aktivitäten für Weills musikalisches Erbe fortzusetzen. Sie heiratet sogar noch einmal: 1971 den Filmemacher Richard Siemanowski, wieder ein schwuler Alkoholiker, wie die beiden Ehemänner zuvor, der nach der Trauung gleich in eine Entzugsklinik muss. Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist das Kartenspielen. 1973 lässt sie sich wieder scheiden. Auf ihre Weise bleibt Lotte Lenya ihrem Kurt treu...

1973 führt sie die Feier zu Bertolt Brechts 75. Geburtstag am Schauspiel Frankfurt wieder nach Deutschland. Dort singt sie die "Ballade vom ertrunkenen Mädchen", "Seeräuberjenny" und den "Bilbao-Song":


Als Lotte Lenya an Krebs erkrankt, ist sie überzeugt, wieder völlig genesen zu können - ihre tödliche Krankheit will sie einfach nicht wirklich wahrhaben: "Ich bin und bleibe Optimist. Ich liebe das Leben und ich glaube ans Überleben."

1978 hat sie ihren letzten Auftritt in der Avery Fisher Hall. 1979 wird sie in die "Hall of Fame" aufgenommen und besucht in der Metropolitan Opera die Aufführung von "Mahagonny" mit Teresa Stratas in der Rolle der Jenny, von der sie begeistert ist und die sie ihre "Traum Jenny" nennt und ihr eine Reihe von unveröffentlichten Weill-Songs schenkt.

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In ihren letzten Lebensjahren lebt Lotte Lenya völlig zurückgezogen, regelt den Nachlass ihres Mannes, gründet eine entsprechende Stiftung.

Am 27. November 1981 erliegt sie ihrem Krebsleiden in New York. Ihre letzte Ruhe findet sie neben Kurt Weill im Mount Repose Cemetery.

Wenn sie im Bilbao - Song so sehnsuchtsvoll gurrt: "Joe, mach noch mal die Musik von damals nach", dann, ja dann, wünschte auch ich mir noch einmal jene goldenen Jahre der deutschen Theaterkultur zurück...


Mittwoch, 18. Oktober 2017

Das muss ich einfach los werden


Dieses unsägliche Trampeltier, das amerikanischer Präsident ist, hat wieder einmal ein für mich besonders abstoßendes Zeugnis seiner Unfähigkeit, besonders auf menschlicher Ebene, abgelegt:

Nachdem er sich Anfang der Woche auf die Frage, warum er nicht die Angehörigen der vier Anfang des Monats bei einem Anti - Terror - Einsatz in Niger getöteten Soldaten angerufen habe, gemeint hat, Obama habe das auch nicht getan ( was natürlich wieder mal "Fake - News" war ), hat er sich nun in einem Telefonat gegenüber einer 24jährigen Witwe, Mutter zweier Kinder und schwanger mit einem dritten, dermaßen daneben benommen, dass ich darüber schreiben muss:

Er hat die junge Frau während ihrer Fahrt zum Flughafen, um dort die sterblichen Überreste ihres Mannes abzuholen, angerufen. Sie war in Begleitung der Abgeordneten Frederica Wilson unterwegs, die das Telefongespräch mitgehört hat.

Herr T. meinte, ihr Mann habe doch  "gewusst, worauf er sich einließ, als er sich verpflichtete". Und dann in echter Trampeltiermanier: "Aber ich nehme an, es tut trotzdem weh."

So weit das reicht also das Einfühlungsvermögen des mächtigsten Mannes der  Erde...

Warum mich das so aufregt: Ich werde mein ganzes Leben nicht meine Kinderängste vergessen, die ich auf den Höhepunkten des Kalten Krieges um meinen geliebten Vater ausgestanden habe, der auch gewusst haben musste, worauf er sich einließ, als er sich verpflichtete. 

Von seinem Präsidenten wünscht man sich da wirklich ein präsidiales Verhalten, wenn man einen geliebten Menschen verliert und sich die ganze Lebensperspektive auf einmal auflöst... 


Natürlich sind die Belege bis jetzt ausgeblieben. 

Meine Hüftprothese { MMi 209 }


Auf den Tag genau ist es heute ein Vierteljahr her, dass mir die geschätzten Orthopäden im Krankenhaus der Augustinerinnen ( in Köln volkstümlich Klösterchen genannt ) eine künstliche Hüfte rechts eingesetzt und einem jahrelangen Leiden ein Ende gemacht haben. 

Ich bin immer noch sehr dankbar, dass die ärztliche Kunst es vermag, die Folgen der Alterung meines Körpers so zu mildern, ja aufzuheben. Und ich bin dankbar, in einem Land zu leben, in dem das eine Leistung ist, die die Krankenkasse bezahlt ( würde ich zum Beispiel in Großbritannien wohnen, müsste ich mich darauf einstellen, dass ich mich demnächst nicht mehr auf meinen eigenen Beinen bewegen könnte, es sei denn ich hätte genug Geld gespart, denn dort sind solche OPs rationiert ).




Mit diesem Tag ist auch die Stufe Eins der nach einer solchen Operation angesagten Vorsichtsmaßnahmen überwunden und die Gefahr der Ausrenkung der Prothese bei bestimmten Bewegungen nicht mehr so groß. Auch Autofahren ist wieder unter Berücksichtigung einiger Verhaltensmaßregeln beim Ein- und Aussteigen möglich, habe ich aber bisher noch nicht ausprobiert.

Beim Aussteigen in unserer Garage aus den 1950er Jahren, die einfach nicht mehr breit genug ist für neuzeitliche Fahrzeugmodelle, habe ich vor der OP manches Mal vor Schmerz fast in die Abdichtungsgummis der Fahrertür gebissen, weil ich das rechte Bein mit dem Fuß extrem nach innen drehen musste, um überhaupt aus dem Fahrzeug herauszukommen. Ich entwickelte eine gewisse Fertigkeit, ganz dicht an die rechte Garagenwand zu rangieren, damit mir auf der Fahrerseite genug Platz blieb.

Der reicht jetzt aber nicht, um so in das Auto einzusteigen, wie ich es in der Reha gelernt habe. Ich gebe mir also noch eine Schonfrist, zumal ich viele Ziele mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen kann. Und ab und an ein Taxi gönne ich mir auch. Außerdem wird der Radius größer, in dem die Ziele liegen, die ich zu Fuß erreichen kann. Das ist einfach schön. Und dafür mag ich dieses fremde Teil in meinem Körper, heute an diesem Mittwoch noch einmal ganz, ganz besonders...





Verlinkt mit dem MMi des Frollein Pfau 
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