"Ein Wort besteht und eine Tat vergeht."
.....
"Sie glauben gar nicht,
welch ein elender Abklatsch schlechter Romane
das Leben ist."
Josef Roth
"Erst lies alles, dann vergiss alles."
Leon Engler
Gestartet bin ich in den September gleich mit einem Werk, das ich schon lange auf einem Stapel bereit liegen habe ( und das auch auf meiner ominösen Hundert-Bücher-die-man-gelesen-haben-muss-Liste steht ): Dem "
Radetzkymarsch" von
Josef Roth. Nicht das erste Werk von ihm, das ich lese, aber wohl sein bedeutendster und berühmtester Roman. Und als Liebhaberin auch des k.u.k. Habsburger Reiches kommt frau nicht drumherum. Bei meiner Beschäftigung mit seinen Gefährtinnen Irmgard Keun & Andrea Manga Bell ist er mir auch sozusagen noch mal vor die Füße gefallen, und mit Exilliteratur habe ich es ja auch schon mein Leben lang.
Ich poste an dieser Stelle keine Inhaltsangabe, das macht
Wikipedia schon ganz ordentlich, sondern beschränke mich auf meine Eindrücke & Gedanken bei/zu dieser Lektüre. Und die beschäftigten mich schon im Halbschlaf nach dem ersten Abend des Lesens. Diese fast mechanisch-zeremoniellen sozialen Interaktionen! Diese männlichen Rollenbilder, aus denen es scheinbar kein Entrinnen gibt! Der Verlust der Verwurzelung in bäuerlichen Verhältnissen, der ländlichen Heimat aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung in der Moderne! Der Roman lebt von der Atmosphäre, der Stimmung, die Joseph Roth zu erzeugen und die mich auch heute anzusprechen vermag. Besonders die filmreife Szenerie eines letzten Festes, auf dem die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers in Sarajewo eintrifft. Das hatte für mich schon parodistische Züge.
Als Leserin ist man sozusagen dabei, wie die männlichen Protagonisten mitunter sehenden Auges ins Verderben laufen. Indem Roth die Zeit dehnt, ist ihre Ausweglosigkeit nachzufühlen.
Es gibt sie, die Momente, wo Veränderung möglich scheint, z.B. die Reise des Bezirkshauptmanns in das ihm völlig unbekannte Grenzgebiet des Kaiserreiches, wo sein Sohn stationiert ist, die ihm Lust auf Neues macht, Genuss ermöglicht, neue Gedankengänge eröffnet. Doch dann ruft ganz schnell die Pflicht und er fährt zurück. Oder die kurze Zeitspanne, in der Trotta als Verwalter des Grafen Chojnicki übers Land streift. Irgendwo in seinem Unterbewusstsein wie dem der anderen Figuren ist eine Ahnung davon vorhanden, dass sie in Konventionen und teilweise Sinnlosigkeit gefangen sind und keine Zukunft in diesem politischen Gebilde wie dem Vielvölkerreich der Habsburger mehr haben. Das rührt. Vielleicht auch, weil sich die Weltordnung zur Zeit auch wieder neu sortiert, die Lust am Untergang mal wieder virulent ist unter den Mitmenschen? So ganz konnte ich mich dieser Gedanken am Wahlabend nicht erwehren.
Ich bin mit dem nächsten Buch gleich bei Joseph Roth geblieben, indirekt:
Lea Singer ( aka Eva Gesine Baur )
schreibt in "
Die Heilige des Trinkers" - dessen Titel auf die letzte Erzählung Roths "
Die Legende vom heiligen Trinker" anspielt - über seine - gern unterschlagene - Beziehung der Jahre 1929-36 zu Andrea Manga Bell. Er, der Jude aus Wien in einem galizischen Schtetl geboren, sie eine Protestantin aus Hamburg mit afrokubanischem Vater treffen in Berlin in einer Villa am See aufeinander. Ihre Zusammensein ist geprägt von seinem Alkoholismus, ihrer Unerschütterlichkeit und einer gemeinsamen Liebe zur Literatur.
Für meinen Geschmack beschreibt die Autorin vor allem Geschehnisse rund um Joseph Roth, der Anteil der Vita der Andrea Manga Bell - die sie auch nur mit "A." bezeichnet - wirkt, damit verglichen, dünn. Der Schriftsteller ist immer mit im Bild. Singers Roman bietet also eher eine Darstellung des Menschen Josef Roth während der Zeit des politischen Umbruchs in Berlin bzw. Europa und dann im französischen Exil, erzählt allerdings aus der Perspektive seiner Gefährtin, die meist nur auf das erratische Gebaren des literarischen Giganten reagiert. Man mag das verzeihen, ist Singer doch eine anerkannte Roth-Kennerin und die Quellenlage in Bezug auf Andrea Manga Bell mehr als mager, spiegelt mir aber wieder einmal zu sehr die Angewohnheit, die Ehefrauen und Geliebten der männlichen Genies, die später in die Geschichte eingehen werden und sie dabei nach allen zur Verfügung stehenden Kräften unterstützen, auf Dauer eben eh wieder dem Vergessen anheim zu geben.
Spannend zu lesen fand ich es dennoch, denn die Atmosphäre im Berlin der Weimarer Republik wie die der Exilanten in Frankreich kann mich immer wieder interessieren, kommen ja auch immer wieder berühmte Personen dieser Epoche vor, auch weibliche wie
Thea Sternheim,
Nelly Mann,
Irmgard Keun oder
Lotte Zweig, mit denen ich mich beschäftigt und/oder deren Literatur ich gelesen habe, wie eben den "
Radetzkymarsch". Den hat Andrea Manga Bell seinerzeit lektoriert, das Manuskript abgetippt und überwacht, dass dieses in die richtigen Hände geriet.
"Das ganze Personal der deutschsprachigen Exilliteratur, ein erschreckend chauvinistischer Haufen, zirkelt um dieses ungleiche Paar", schreibt Jutta Czeguhn in der "Süddeutschen". Dabei sind Manga Bells Kinder das Einzige, was ihr als Romanfigur ein wenig Lebendigkeit verleiht, und man würde gerne mehr über die beiden erfahren. Zumal in einer Zeit, in der sie aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe die Verfolgung in Nazideutschland fürchten müssen. Der Rassismus, der auch der "Heiligen des Trinkers" immer wieder entgegenschlägt, kommt zur Sprache. Ich hätte allerdings gerne mehr darüber gelesen, was es mit der Protagonistin macht.
Ansonsten ist alles elegant, also stilistisch bewundernswert geschrieben und hat mich gut unterhalten, auch wenn meine Intention, weshalb ich zu diesem Buch gegriffen habe, ursprünglich eine andere gewesen ist.

In einer verschachtelten Geschichte verbindet sie drei Frauen miteinander. Da ist einmal Iris, die in einem New Yorker Penthouse in der großen Sommerhitze auf den Abend wartet. Vor ihrer Langeweile rettet sie nämlich nur das Erzählen bei einem Dinner mit den Damen Godwin und Wollstone ( Achtung! Anspielung auf die Eltern von Mary Shelley, der Erfinderin der künstlichen Intelligenz "Frankenstein"! ). Sie berichtet von ihrer Halbschwester Ling. Und mit der entführt sie ihre Gäste wie die Leserschaft in eine Sexpuppenfabrik irgendwo in China. Ling wiederum lernt in einer Erzählung, die sie in der Fabrik von einer Androidin hört, besagte Ada Lovelace kennen. Ansonsten ist Ling damit beschäftigt, Sexpuppen noch als kopflose Körperrohlinge auf Fehler zu untersuchen. Die sind alle identisch konzipiert nach dem Vorbild einer Schauspielerin, Hauptdarstellerin in einem Film, den Ling immer wieder an ihrem Feierabend anschaut.
Clavadetscher schreibt vor allem von Individuen, die sich entweder aufgrund ihrer intellektuellen Individualität, ihrem Hang zur Subversion – oder einer Kombination von beiden Eigenschaften – von der Masse unterscheiden. Frei nach Ada Lovelace: "Invert the order!" "Lasst uns die Dinge anders sehen!"
Es geht um Weiblichkeit, Körperlichkeit und Programmierung, letztere nicht nur in ihrer technologischen Dimension, sondern auch um die gesellschaftliche Programmierung, in meinen Studententagen „Sozialisation“ genannt, von der ihre weiblichen Hauptfiguren betroffen sind. Das sind alles Fragen, die mich eigentlich interessieren. Dennoch konnte ich mit der Art, wie Clavadetscher diese Themen abhandelt, wenig anfangen. Schon lange nicht mehr hat mich ein Roman so ratlos zurückgelassen.
Mir war anschließend nach Bewährtem, also Mira Magén. "Als ihre Engel schliefen" war ihr dritter Roman, der auf Deutsch erschienen ist. Für mich ist es damit das vierte Buch, das ich von ihr gelesen habe. Sie gehört in meinen Augen zu denjenigen Schriftsteller*innen, die es vermögen, die kleinsten Alltagsereignissen sprachlich ansprechend zu formulieren und äußerst spannend Wirkung zu verleihen.
Im Mittelpunkt dieses Romans steht die 42-jährige, eigentlich glückliche Moria/Maria Ilam, die mit ihrer Arbeit in einer Jerusalemer Immobilienagentur im Reinen ist, ihren Ehemann liebt genauso wie ihre weit verzweigte Familie, eigentlich ihr gesamtes Leben. Was bringt sie nur dazu, all das aufs Spiel zu setzen? Denn sie begegnet zufällig einem russischen Straßenmusikanten mit Saxophon und verliebt sich, irrational, aussichtslos, folgenschwer. Eine Situation, wie sie überall auf der Welt stattfindet. Aber dann auch wieder nicht, weil das Leben in Israel intensiver, schneller und gefährlicher ist und die Menschen eine andere Einstellung zum Leben und zum Tod aufgrund der alltäglichen Bedrohung haben: Was wenn morgen alles vorbei ist, weil ein Bus in die Luft fliegt?
Wie sich Morias Dilemma - wie soll sie sich entscheiden, ist das eine zu haben, ohne das andere zu verlieren? - entwickelt, ist immer wieder eingebunden in Erzählungen über die anderen Mitglieder ihrer großen Familie ( "Eine große Familie bietet viele Ablenkungen." )
Da ist zunächst der Vater Avram Stein im Altenheim, ein strenggläubiger Jude, der hinnehmen muss, dass seine Kinder mit einer Ausnahme "abgefallen" sind vom Glauben. Seine verstorbene Frau macht ihm deswegen im Kopf immer noch die Hölle heiß. Diese Ausnahme ist Chani, Mutter von zehn Kindern, die nicht mehr auf Dinge achtet, um die sie sich nicht kümmern muss und vorzeitig verblüht & vertrocknet ist.
Dann ist da Naomi, zwei Jahre älter als Moria, Apothekerin, ledig, eine Schönheit, die ihre biologische Uhr ticken hört. Die dritte Schwester ist Sarale, die auf einem Selbsterfahrungstrip zu sein scheint. Ihrem Mann Asa'el, ein Geschichtsdozent, hat Moira als einzigem ihre Sehnsüchte anvertraut.
Der einzige Sohn/Bruder der Familie Stein ist Muli, ein promovierter Gynäkologe, besonders atheistisch eingestellt, und so gut wie Moiras Zwilling, mit dem sie ganz viel in der Kindheit geteilt hat und der ihr nun aus der Patsche helfen muss.
Schließlich gibt es noch die kleine Schwester Tehila, die alles, was Frauen zu eigen ist, im Übermaß besitzt, und der Moiras Sohn Giora, Jurastudent, von klein an verfallen scheint. Die gibt sich besonders locker und aufreizend und ist künstlerisch veranlagt. Moiras Tochter Schira, sechzehn Jahre alt, wiederum irgendwie noch pubertär und mit einer ersten Liebeserfahrung geschlagen.
Nicht zu vergessen der Ehemann Juval, ein Buchhändler, der eigentlich schon fast zu vollkommen & partnerschaftlich ist, und die Nichte Talja, ebenso hundeversessen wie einst ihr Vater als Kind, extrem fehlsichtig und liebenswürdig zu ihren Verwandten, die sich mit ihrer Hündin gegenseitig aufzieht, weil die Erwachsenen mit ihrem eigenen Nabel beschäftigt sind.
Eine Rolle spielt auch noch Moiras Mitarbeiterin Maja, die auf irgendeine Weise mal ein Star zu werden hofft und alle Männer blendet. Das Buch mäandert durch all diese Leben & ihre Kindheitsgeschichten, beschreibt wundervoll die emotionalen Schwingungen und hin und wieder die eigentümlich schönen Blicke in die Landschaft ( besonders durch die Fenster und besonders auch auf die malerischen Paternosterbäume ), ist realistisch & detailsatt.
"Lust und Sehnsucht sind Teil des Weltenlaufs, und wer sie schuf, wollte auch, daß sie in der Welt existieren. Scham und Schuld schuf der Mensch."
Überraschend - und wieder auch nicht, kenne ich das doch nur zu gut von mir selbst - wie Gott, wie die Religion im Leben dieser Menschen immer wieder in ihrem Einfluss zu spüren ist, obwohl sie nicht mehr glauben. Und wie Entscheidungen getroffen, Veränderungen angegangen werden, von denen ich lange während des Lesens nichts geahnt habe. Aber das ist, was ich an dieser Autorin so mag, auch, dass vieles eben offen bleibt am Ende.
Auf meinen Reader hatte ich mir vor der Reise nach M.
Leon Englers "
Botanik des Wahnsinns" geladen,
eine Biografie seiner Familie, ein Stammbaum des Wahnsinns, wie es der Verlag bewirbt. Darüber berichtet also der Erzähler, der als Psychologe in einer Anstalt arbeitet. Das Buch ist der Lieblingstitel des Schweizer Buchhandels in diesem Jahr.
"Ich mache eine erste Hochrechnung. Es sieht nicht gut für mich aus", befindet die Hauptfigur, ein Mann von Anfang dreißig, der sich intensiv mit seiner Familiengeschichte beschäftigt, die geprägt ist von Vorfahren, die an Bipolarität, Depressionen, Alkoholsucht gelitten, in psychiatrischer Behandlung oder gar in entsprechenden Anstalten waren und Suizidversuche überlebt haben, was seine frühe Angst, verrückt zu werden, durchaus begründet erscheinen lässt. Leon, so heißt er wie der Autor, findet einen Ausweg aus dem Dilemma, in Beziehung zu seinen Eltern zu bleiben, aber nicht wie sie sein zu müssen und studiert schließlich Psychologie. Er ist quasi ein Überläufer.
Demzufolge ist der Roman eine literarische Fallgeschichte auf drei Ebenen: Einmal die tagebuchartigen Eintragungen des Erzählers zu seiner eigenen Entwicklung und schließlich seiner Arbeit in der Psychiatrie in Wien, dann die diversen Rückblenden in die zurückliegenden Lebensgeschichten seiner Vorfahren und in all das immer wieder eingewoben eher essayistische Passagen, etwa über die Geschichte der Psychiatrie oder die unterschiedlichen Theorien in der Psychologie. Eine Art Quintessenz zieht seine Vorgesetzte der Wiener Psychiatrie- Einrichtung:
"... Das Ziel ist nicht, dass die Menschen glücklich werden. Das bin ich auch nicht." "Sondern?" "Wir versuchen hier, schreckliches Elend in ganz normales Unglück zu verwandeln."
Das wird dann eher lapidar, manchmal auch etwas sperrig geschildert und hat mich eher durch das Thema denn durch seine Handlung angesprochen. Mir war es letztendlich zu distanziert.
Ingo Schulze war mir noch durch frühere Veröffentlichungen in guter Erinnerung. Sein neuestes Werk "Das Wasser im August" von der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises landete sofort nach Erscheinen auf meinem Reader, auch weil ich bemerkenswert fand, dass er dafür am 18. September in Berlin den "Uwe-Johnson-Preis" erhalten hat. Das sprach doch schon mal für literarische Qualität.
Zwei Erzählebenen finden sich im Buch, die Konstruktion ist also durchaus raffiniert:
Die erste Ebene spielt in der Gegenwart: Ein Schriftsteller, Anfang sechzig, wird im Juni 2025 engagiert, um auf der Geburtstagsfeier eines ehemaligen Mitschülers aus einem noch unveröffentlichten Buch zu lesen. Mit dem Mitschüler verbindet ihn eine ungute Erinnerung, trotzdem reist er an. Weil sein alter Polo unterwegs den Geist aufgibt, nimmt ihn ein Zufallsbekanntschaft, der Landarzt Schulenburg, mit. Bei einem Stopp besichtigt er eine "Backsteinherrlichkeit", trifft auf die Pfarrerin dort und beide begleiten ihn dann auch zur Lesung. Vor Ort, in einem Tagungshotel, sitzt im Publikum eine der Hauptfiguren jener autobiografischen Novelle, was der Autor zunächst nicht mitbekommt.
Handlungsstrang zwei, jene Novelle, spielt in der DDR, im Sommer 1979. Die Hauptfigur Thomas, sechzehn, will Schriftsteller werden, macht Urlaub bei einem Malerpaar im Mecklenburgischen, am Tollensesee, und verliebt sich dort in eine dreizehn Jahre ältere Zahnärztin, die ebenfalls auf Urlaub ist und beim verwitweten Ortspfarrer wohnt, mit dem sie wohl eine intimere Beziehung hat. In ihr sieht er die Möglichkeit, mehr vom Leben, vom Erwachsensein zu erfahren. "Kann es sein, dass man so viel zu erzählen hat, aber so wenig vom Leben weiß?", fragt er sich. Auf jeden Fall nutzt der „Jüngling“ die gemeinsame Zeit nicht nur fürs Schwimmen, sondern auch "um Reichtümer für seine innere Schatzkammer zu sammeln" und einige Erfahrungen, auch wenig freundlicher Natur, zu machen, weshalb er dann, ohne sich zu verabschieden, den Heimweg antritt.
Es gibt noch ein Nachspiel, nicht nur in Form einer Fortsetzung der Lesung im kleinen Kreis am nächsten Morgen. Aber mehr will ich da jetzt nicht verraten. Der Roman liest sich angenehm, nicht sensationell von der Sprache her. Gedanken, über das, was nach der Wende schief gelaufen ist, gibt es auch. Aber das sei, so Schulze, im Nachhinein schwer zu beantworten.
Ebenfalls von der Longlist, ebenfalls auf dem Reader:
"King Cobra" von
Muri Darida, mit dem "
Robert-Walser-Preis" ausgezeichnet. Sprachlich überraschend eigenwillig: Eine
literarisch besondere, ja fast fragmentarische Erzählweise, voller detailverliebter Situationen, groteskem Humor, einem Spiel mit der Zweisprachigkeit und einer guten Portion Experimentierfreude, was allerdings im Gegenzug ein sehr konzentriertes Lesen & viel Aufmerksamkeit erfordert hat -nach dem glatt zu lesenden Schulze mir durchaus recht. Die verspielte, oftmals kindlich- naive Sprache ist allerdings auch
eine Maske gegen ein wütendes, aufbegehrendes Selbst, das sich in ihr nicht auszudrücken versteht.
Das Kind, das sich später Lazi nennt, erinnert sich zunächst an eine unbeschwerte Kindheit in Ungarn, besonders an den liebenswerten und schrulligen Großvater, der beim Ungarnaufstand geflüchtet und in Deutschland gelandet war, aber immer wieder den Sommer mit Lazi in Ungarn zugebracht hat, in Őzbarna, was das Kind zutiefst romantisiert hat.
Nun, nach dem Ableben des Großvaters, reist Lazi wieder hin, in einer Zeit, als die politische Stimmung im Land unter Victor Orbán wieder mal kippt. Offiziell ist Lazi unterwegs, um eine Dokumentation über Schlangen zu machen. Klingt erstmal nach Roadtrip, wird aber schnell zu etwas viel Größerem, denn inoffiziell reist er, um das Jagdgewehr dieses Großvaters zu suchen, um damit auf einen Täter zu schießen, einen Täter, der ihn in seinen Träumen verfolgt:
"Familie, das ist nicht das Blut, das man teilt. Familie ist das geteilte Schweigen, das man als Tuch über den Tisch legt, um die heilige Tischplatte vor Messers Schneide zu schützen." – schon dieses Zitat vom Klappentext gibt eine Richtung vor.
Die ungarische Familie ist pittoresk, teils voller Zugewandtheit, aber auch mit mancher Ungereimtheit, vielleicht auch ein bisschen zu viel Klischee, denn es riecht zu viel nach Schnaps und Staub und alten Wunden. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass es sich bei Lazi um eine trans*maskuline Person handelt, die ihre Familie liebt und gleichzeitig Schwierigkeiten hat, über die wichtigen Dinge mit ihr zu kommunizieren, darunter ein in der frühen Kindheit erfahrener Missbrauch:
"Denn auf Türen, so hatte Lazi als Kind in Deutschland lernen müssen, war generell kein Verlass. Sie krachen auf, und der Mann, auf dessen Schoß du viel zu lange Hoppe Reiter machen musstest, steht vor dir, liegt auf dir, steigt in deinen Körper, der viel zu klein für seinen ist, und stretcht ihn, bis er und wie er ihm passt. Daran, dass dieser Mann im Obergeschoss geschlafen, dass er sicherlich die Mahlzeiten am Tag mit am Esstisch eingenommen, seine Schuhsohlen auf dem Fußabtreter abgerieben haben muss, daran erinnerst du dich nie."
Im nächsten Teil des Romans finden wir uns in Budapest wieder, weil Lazi ein Video im Rahmen der "Budapest Pride" drehen und dazu eine nichtbinäre Person zu den Umständen für sie in Ungarn befragen soll. Er /sie lernt hierdurch die Kellnerin Kinga kennen, in die er/sie sich verliebt und eine Affäre beginnt. Da habe ich mich beim Lesen eher gefühlt wie im geschilderten Wellenbad auf der Margit-Insel in der Donau, so viel stürmte da auf mich ein, darunter auch eine außergewöhnliche Liebesszene. Mir fehlt einfach der Sachverstand, was Queerness alles heißt, obwohl ich mit der Enkelin darüber ein längeres Gespräch während meiner Lektüre geführt habe.
Lazi kehrt noch einmal ins Dorf zurück, findet das Gewehr und eine Erklärung für das, was mit seiner Mutter damals war, als der väterliche Großvater ihn missbraucht hat, schmuggelt es mit Hilfe der Cousine & der Berliner "Liebsten" bis zu der Kapelle, in der der Trauergottesdienst für den Großvater stattfindet. Es folgt ein filmreifes Finale! Ein rätselhaftes Buch und ein entsprechendes Leseerlebnis.

Von der Gegenwart ins 16. Jahrhundert: Das ermöglichte mir
Hilary Mantel mit ihrem Werk "
Wölfe", das auch auf meiner ominösen Leseliste verzeichnet ist. Ein historischer Roman von beträchtlichem Umfang, so üblicherweise gar nicht mein Ding! Zu sehr im Gedächtnis, dass das Genre ein Tummelplatz von Belanglosigkeiten & nach Schema F verfasster Dutzendware ist. Aber
Markus Gassers Einwand, hier sei, und zwar erstmals und endlich, der historische Roman wirklich auf der Höhe der literarischen Moderne á la Virginia Woolf oder T.S. Eliots hat mich neugierig gemacht. Und Mantel lässt einen bald mit ihrer spannenden Geschichte vergessen, dass Historie so wohl nicht war. Das liegt eben auch daran, dass sie sich weit entfernt vom schwülstigen Mief konventioneller Historien-Romane. Mantel enthält sich dabei jeder Interpretation des turbulenten Geschehens,
in seiner dramatischen Wucht an Shakespeare gemahnend. Hilfreich bei der Lektüre ist sicher gewesen, dass frau nach neun Jahren schulischem Englischunterricht in Jugendzeiten doch so einiges an historischen Kenntnissen über das Inselkönigreich verfügt.
Ich muss zugeben, die Eingangsszene hat mich sofort zum Einsteigen verlockt, in der das Kind Thomas Cromwell von seinem Vater, einem Hufschmied und Bierbrauer, brutal misshandelt, von seiner Schwester aufgenommen & aufgepäppelt und vom Schwager zur Flucht ermuntert wird. Homo homini lupus - das Hobbes-Zitat zum Romantitel ist da von Anfang an verbildlicht.
Dann gleich ein größerer Zeitsprung, denn im nächsten Kapitel tritt Cromwell schon als sein Rechtsanwalt & Sekretär bei Lordkanzler Kardinal Wolsey in die "gute Stube", und es entspinnt sich ein Dialog über die politischen Tagesfragen, der vom geschätzten englischen Humor getragen wird. Ein weitere Verlockung!
Und schließlich gelingt es der Autorin noch, den doch so schlecht beleumundeten Cromwell aufgrund der gleichgewichteten Darstellung privater und staatstragender Handlungen als talentierte und pragmatisch handelnde Person Sympathien gewinnen zu lassen. Er ist einfach beeindruckend in seiner Modernität in einer rückständigen Zeit, die ja tatsächlich blutrünstig und düster gewesen ist. Das hat mich auch immer wieder an die Art der Präsentation des römischen Augustus im gleichnamigen Roman des John Edward Williams erinnert, der dadurch bei mir auch als Mensch Profil bekommen hat.
So habe ich das Buch einfach als gut erzählte Geschichte genossen, ohne große Rücksicht auf die größere Handlung drumherum und bewundert, wie geschickt und umsichtig Cromwell mit den politischen Ränkespielen am englischen Hof umgeht. Vornehmlich geht es dabei um die Annullierung der Ehe des Heinrich VIII. mit Katharina von Aragon, seiner ersten Frau, die ihm keinen überlebenden männlichen Thronfolger geboren hat, und um den Wunsch des Königs, nun Anna Boleyn heiraten zu können, die sich dem Status einer Mätresse verweigert. Dass das lange nicht gelang, ist ja allseits bekannt und die Tatsache der daraus folgenden Abspaltung der anglikanischen Kirche von der römischen, die Cromwell als Schatzkanzler König Heinrichs im Parlament durchsetzen konnte. Der Roman endet mit der Hinrichtung des Thomas Morus, den Cromwell als Lordkanzler abgelöst hat und der den Eid hinsichtlich einer Bestätigung der Legitimität aller Kinder, die Heinrich und Anne Boleyn geboren würden, verweigert hat.

Mantel hat die doch reichlich bekannte Geschichte wunderbar geschildert in kammerspielartigen Szenen, und der besondere Reiz lag für mich auch in dem von ihr eingenommenen Blickwinkel. Eine Lektüre, die sich für mich gelohnt hat. Auch wenn ich viel länger damit verbracht habe, als bei meinen sonstigen Büchern, und meine Liste des Monats etwas kürzer als sonst ist.
Meine umfangreicheren sozialen Kontakte in diesem Monat waren mir das auch wert.