Donnerstag, 21. Oktober 2021

Great Women #277: Judith Auer

Den Frauen im deutschen Widerstand gegen das Naziregime habe ich mich ja schon öfter gewidmet. Heute ist es wieder mal an der Zeit gegen das Vergessen zu löcken und eine weitere junge Frau vorzustellen, die eher denjenigen unter euch ein Begriff ist, die in der DDR gelebt haben: Judith Auer.

Verschwundener Gedenkstein
aus Berlin-Oberschöneweide

"Ich bin keine Heldin 
Was so vielen heute fehlt,
 ist Mut und Vertrauen zu sich selbst und zu den anderen. 
Ich habe diese Parolen jetzt 
für mich in den Vordergrund gestellt"

Judith Auer wird als Judith Vallentin am 19. September 1905 in Zürich in eine deutsch-jüdische Künstlerfamilie hineingeboren. Ihre Mutter Margaret Hoffmeister, eine ausgebildete Lehrerin, hat Kinderopern geschrieben, die in Schulen und kleinen Theatern aufgeführt worden sind, auch Märchen, und trägt zum Lebensunterhalt der Familie mit dem Gestalten von Kinderbüchern und Spielheften mit Ausschneidebögen bei. Der Vater Franz Albert Vallentin, 1881 geboren, stammt aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Luzern, ist Schauspieler und Schriftsteller. Sein älterer Bruder Richard macht sich ebenfalls einen Namen als Schauspieler & Regisseur in Wien und Berlin und dessen Sohn Maxim wird dermaleinst Leiter des Maxim-Gorki-Theaters in Ost-Berlin werden.

Judith ist das erste Kind des Paares, es folgt im Jahr darauf Franziska-Margarete, später Ruth genannt, - da lebt die Familie schon in Berlin - Halensee. Noch ein Jahr später kommt der Bruder Lucas und 1910 die Zwillinge Andreas und Gabrielle auf die Welt. Ab 1912 ist die Familie dann in Wilmersdorf in der Wilhelmsaue 131 gemeldet. 

Von den künstlerisch ambitionierten Eltern erhält Judith von kleinauf Impulse für ihre Entwicklung. Sie ist sehr musikalisch und spielt schon früh Klavier. Vater Franz Vallentin schreibt für die "Schaubühne" sowie für die literarische und politische Zeitschrift "Die Aktion" des Franz Pfemfert ( siehe auch dieser Post ) und hat dadurch Kontakt zu zahlreichen modernen Autoren, Künstlern und Intellektuellen, die in Opposition zum wilhelminischen Kaiserreich stehen, darunter auch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, aber auch Russen im Exil.

Im Februar 1917 stirbt die Mutter Margarete in Berlin, der Vater im gleichen Jahr in Dresden.

Die 12jährige Judith und ihre Schwester "Ruth" werden nach dem Tod der Eltern von einer vermögenden jüdischen Familie aufgenommen. Die übrigen Geschwister kommen in ein Kinderheim und erst später zu Pflegeeltern. Zusammen sind die beiden Vallentin - Mädchen Schülerinnen des privaten Kollmorgenschen Lyceums in der Berliner Keithstraße unweit des Tiergartens ( das übrigens auch Hitlers Regisseurin Leni Riefenstahl bis 1918 besucht hat ). Von der Schulgeldzahlung werden sie befreit. 

Bekannte der Familie ermöglichten der Vollwaise nach dem Abitur 1922 ein Musikstudium. Noch während des Studiums ( in Berlin und Leipzig ) wird Judith 1924 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes. In Berlin lebt sie ab 1923 mit ihrer Schwester Ruth, die zuvor am Bauhaus eine Lehre zur Teppichweberin absolviert hat, bis zu deren Heirat zwei Jahre später zusammen in Wedding.

Judith selbst lernt während eines Kuraufenthalts in der Rhön Erich Auer kennen, ein drei Jahre älterer führender Funktionär des KJVD, und freundet sich mit ihm an. Der Sohn eines Tischlers aus Hessen hat nach der Volksschule eine Druckerlehre gemacht und ist schon seit 1916 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend, aus der zunächst die Freie Sozialistische Jugend, 1920 der KJVD entstanden ist.  

1926 heiraten sie. Den Traum einer Musikerkarriere muss die junge Frau, obwohl hochbegabt, aus finanziellen Gründen aufgeben - sie erhält als Verheiratete kein Stipendium mehr. Um Geld verdienen zu können, lernt sie Maschineschreiben und Stenografie und nimmt eine Stelle in einer Einrichtung der KPD an.

Erich Auer arbeitet inzwischen in zentralen Gremien der KPD sowie vorübergehend in der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI). 1928 tritt auch Judith der KPD bei. Ab dem Sommer des Jahres hält sie sich für einige Monate mit ihrem Mann in Moskau auf und widmet sich zunehmend der politischen Arbeit. Ein prägendes politisches Ereignis sind für Judith später dann auch die blutigen Auseinandersetzungen mit der Polizei am 1. Mai 1929 anlässlich der Maidemonstration.

Im November 1929 kommt ihre Tochter Ruth auf die Welt. Dieses Kind ist ihr ein und alles: Zwei Jahre lang führt sie Tagebuch über Ruths Entwicklung.

Nach Hitlers Machtergreifung 1933 in Deutschland und dem Verbot der KPD durch das neue Regime muss Judith mühsam um ihren Lebensunterhalt ringen, bekommt sie doch nur eine geringe Wohlfahrtsunterstützung. Im März 1934 ist ihr Ehemann in Berlin verhaftet und am 31. Juli 1934 zu einer eineinhalb jährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Ihre überlieferte Korrespondenz mit dem Inhaftierten legt Zeugnis ab von ihren Nöten. Sie bleibt trotz des Verbotes der KPD Mitglied und beteiligt sich an antifaschistischen Aktionen. 

Sie wohnt im idyllischen Berlin-Bohnsdorf im Gehrenweg 63, einem Stadtteil, in dem etliche Widerständler leben. In ihrem Pachtgarten baut sie Gemüse an und kümmert sich um die Tiere. Die gute Nachbarschaft in der Laubenkolonie macht ihr dieses Leben erträglich. Von Nervenzusammenbrüchen & Depressionen bleibt Judith dennoch nicht verschont und konstatiert als 31jährige, dass sie wenig Hoffnung habe. Vielleicht legt sie deshalb all ihre restlichen Kräfte in den Kampf um bessere politische Verhältnisse.

Nach seiner Haftentlassung wird Erich Auer als Drucker in der Deutschen Zentraldruckerei beschäftigt, 1937 erneut verhaftet, aber nach drei Monaten wieder entlassen. 1939 lässt sich das Paar scheiden. Judith selbst hat seit 1937 eine Tätigkeit bei der AEG im Kabelwerk Oberspree inne, zunächst als Stenotypistin, später als Einkäuferin. Im Werk kommt sie in Kontakt zur Widerstandsgruppe um den Schweißer Fritz Plön. Sie sammelt vor allem Nachrichten und hilft verfolgten Kommunisten. Nach Kriegsbeginn schließt sie sich der Widerstandsgruppe um Anton Saefkow an und nimmt an deren illegaler Arbeit teil.

Diese letzte große kommunistische Widerstandsgruppe ( im Raum Berlin - Brandenburg ) wird im Herbst 1943 von mehreren politisch vorbestraften KPD-Anhängern gegründet und von Anton Saefkow, Franz Jacob und Bernhard Bästlein geleitet. Sie entwickelt sich als illegale Organisation innerhalb der Arbeiterschaft, die auf lokalen Betriebsgruppen aufgebaut ist.

Die Sozialdemokraten Adolf Reichwein und Julius Leber, Mitglieder der Verschwörungsgruppe um Graf Stauffenberg (20. Juli 1944), führen mit Jacob und Saefkow ein Kontaktgespräch, das von einem anwesenden Gestapo-Agenten ( Saefkows vermeintlichen "Sicherheitsbeauftragten") verraten wird. Am 4. Juli 1944 werden Saefkow, Jacob, Leber und Reichwein verhaftet und schließlich zum Tode verurteilt." ( Quelle hier )

In der Widerstandsorganisation ist Judith Auer unter dem Decknamen "Suse" von zentraler Bedeutung. Sie verwaltet Geld und Lebensmittelmarken für untergetauchte Regimegegner und gibt ihnen Quartier in ihrer Wohnung, so auch Franz Jacob mehrere Monate lang nach seiner Flucht aus Hamburg.

Außerdem stellt sie ihr Häuschen für Leitungssitzungen ihrer Gruppe und andere Beratungen zur Verfügung und zur Herstellung von Flugschriften. Im März 1944 übernimmt sie Kurierfahrten nach Jena, übergibt Flugblätter an dortige Regimegegner, stellt Verbindungen zu Widerstandskreisen in Sachsen und Thüringen her und trifft u.a. Theodor Neubauer, Leiter der illegalen Widerstandsorganisation der KPD in Thüringen, wo unter anderem über den Anschluss an die Bewegung "Freies Deutschland" im Jahre 1943 beraten wird, und Magnus Poser, wie sich später Lydia Poser erinnern wird. Verbindungen zu Hitler-Gegnern anderer weltanschaulicher Richtungen nimmt sie ebenfalls auf. Dafür nutzt sie ihre Dienstreisen für die AEG.

Mit Tochter Ruth

Ihre Tochter, im antifaschistischen Geist erzogen, weiht sie in ihre Tätigkeiten ein. Diese kennt die Namen und Decknamen fast aller, die mit ihrer Mutter Kontakt haben und hat davon Kenntnis, dass Flugblätter in der Wohnung aufbewahrt werden und nicht in falsche Hände fallen dürfen.

Judiths Kontakte nach Jena spielen auch bei der Vorbereitung des oben erwähnten Treffens zwischen SPD- & KPD Führungsleuten am 22. Juni 1944 eine Rolle. Nachdem der Gestapo-Spitzel Ernst Rambow Mitglieder der Gruppe verraten hat, hört sie knapp zwei Wochen später von Festnahmen. Gewarnt von Julius Leber, kann Judith sich nicht entscheiden unterzutauchen - aus Sorge um die vierzehnjährige Tochter. Auch möchte sie nicht, dass die jüdische Abstammung ihres Vaters aktenkundig wird - was sie bis dahin nicht gewesen ist -, falls sich die ganze Sache als Irrtum herausstellen sollte.

Am 7. Juli 1944 gegen 8.00 Uhr fängt die Gestapo Judith an ihrer Arbeitsstätte ab. Tochter Ruth erfährt gleichzeitig, dass ihr Vater inzwischen zum Strafbataillon 999 einberufen worden ist. Sie wird von  ihrer Tante Gabrielle in einem Sommerhaus im Osten Berlins versteckt. Ruth, Gabrielle sowie der Bruder Lucas überleben den Holocaust, Gabrielles Zwillingsbruder Andreas stirbt in einem sowjetischen Arbeitslager an Erschöpfung, nachdem er als Kommunist nach Russland geflohen ist. Erich Auer wird wegen einer schweren Erkrankung bald wieder demobilisiert und überlebt das Naziregime ebenfalls.

Doch zurück zu Judith Auer: In stundenlangen Verhören versuchen die Gestapobeamten, durch körperliche Misshandlungen Aussagen von ihr zu erpressen. Doch die bekennt sich zu ihren Überzeugungen und Handlungen. "Ich war der Ansicht, dass ich an der Beseitigung des derzeitigen Regimes in Deutschland mitarbeiten musste ...", steht im Vernehmungsprotokoll und im Schlussbericht vom 23. Juli: "Bei der Auer handelt es sich um eine gefährliche, unbelehrbare Kommunistin.

In der im Bundesarchiv aufbewahrten "Kartei zu Hinrichtungen von Gefangenen im Gefängnis Barnimstraße" findet sich über sie, vermutlich von der Gefängnisfürsorgerin oder dem Pfarrer an der Hinrichtungsstätte Plötzensee, der Vermerk: 

"Zart von Natur, dabei tapfer und reif in seltenem Ausmaße. Voll überströmender Liebe zur 15j. Tochter, der sie in der Abschiedssprechstunde das Urteil verheimlichte. Voll Güte. Überzeugungstreu. Tapfer und beherrscht bis z. Ende." 

Am 6. September 1944 wird Judith Auer vom Volksgerichtshof gemeinsam mit Bruno Hämmerling und Franz Schmidt zum Tode verurteilt. Sie werden schuldig gesprochen 

"ihre Kräfte zur Mitarbeit in der genannten Organisation zur Verfügung gestellt und sich insbesondere an der Schaffung von bewaffneten Dreiergruppen, der Einrichtung eines Werbe- und Nachrichtenwesens, der Aufrechterhaltung der Verbindung zu auswärts wohnenden Funktionären sowie der Verbreitung und Aufbewahrung von kommunistischen Hetzschriften und Flugblättern beteiligt" zu haben."Zur Erörterung und Vorbereitung haben sie mit anderen kommunistischen Funktionären zahlreiche geheime Zusammenkünfte abgehalten."

Die Anschuldigungen bestreitet Judith Auer nicht, sie ist überzeugt von der Richtigkeit ihres Tuns, ihrem Kampf für das Ende des 2. Weltkrieges und der Errichtung einer sozialistischen Demokratie.

Ihrer Tochter erzählt sie also im Abschiedsgespräch im Gefängnis nichts vom Urteil. Sie schreibt ihr am Tag ihres gewaltsamen Todes aber einen letzten Brief:

Meine geliebte kleine Tochter!Meine liebe, beste, kleine Kameradin!
Ich habe den Wunsch, Dir noch einiges besonders ans Herz zu legen. Zunächst Dein Beruf.Du möchtest Kindergärtnerin werden.Ich billige deinen Wunsch von ganzem Herzen.Aber denke dabei stets an Deine eigenen Erfahrungen, mein Liebes, und vergiss manchmal, was du gelernt hast, was dir beigebracht wurde.Vor allem lass Dich stets von der Liebe leiten. Die Fehler, die man aus wahrer Liebe begeht, sind niemals Sünden, sondern immer wiedergutzumachende Irrtümer. 
Du musst nun einen großen Schmerz tragen. Vergrab dich nicht darin. All die Freude, die ich dir nicht mehr bereiten kann, mein Liebling, versuche anderen, z.B. deinen kleinen Schützlingen zukommen zu lassen.Die Freude, die man anderen bereitet, strahlt stets auf einen selbst zurück. Sie wird dir helfen, all das Schwere zu tragen, und dich trösten.
"Freude schöner Götterfunken" ist Beethovens schönstes Werk. Und doch schrieb er es in einer Zeit, da er sehr elend war. Lies einmal über sein Leben nach. Ich muss jetzt Schluss machen. Bleib stark und tapfer, mein Geliebtes. Ich weiß, Du wirst niemals verlassen sein. Grüß alle Lieben. Ich selbst werde alles mit innerer Ruhe und Gefasstheit ertragen. 
Lebe wohl und sei noch mal in Gedanken geküsst und umarmt von 
Deiner Mutti 

Am 27. Oktober 1944 wird sie in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee hingerichtet, mit einem Foto ihrer Tochter in der Hand. Notiz des Henkers: "Die Vollstreckung dauerte von der Vorführung bis zur Vollzugsmeldung 7 Sekunden". Judith Auer ist nur 39 Jahre alt geworden.

Ruth Auer, später verheiratet mit dem Geschichtsprofessor Günter Hortzschanzky, äußert sich noch Jahrzehnte später, dass sie sich niemals von dem Schock erholen konnte, den sie nach der Nachricht vom Tod der Mutter erlitten hat.

In der DDR wird Judith Auer durch die Benennung mehrerer Straßen, u.a. in Berlin und Jena, und öffentlicher Einrichtungen geehrt, darunter ein Kinderheim in Barth. In der Berliner Judith-Auer-Straße trägt das dort ansässige Seniorenheim ebenfalls ihren Namen. In der Bundesrepublik tat man sich schwer, kommunistischen und weiteren Opfern des antifaschistischen Widerstandes den Platz einzuräumen, der ihnen neben den Vertretern des 20. Juli eigentlich gebührt. Nach positiven Würdigungen der unmittelbaren Nachkriegszeit hat das antikommunistische Selbstverständnis der jungen Bundesrepublik zu Geschichtsverzerrungen bis Lügen ( siehe auch dieser Post über Cato Bontjes van Beek und die "Rote Kapelle" ) geführt, die teilweise noch bis in die heutige Zeit unseren Blick verstellen.

Ruth Hortzschansky hat mit ihrem Mann ein Buch über ihre Mutter "Möge alles Schmerzliche nicht umsonst gewesen sein" verfasst, das ich mir bestellt hatte. Leider ist es bis heute nicht bei mir angekommen. Ich hätte die Daten, die irgendwie was Knöchernes an sich haben, gerne noch angereichert mit mehr Aussagen über den Menschen Judith Auer, wie sie wurde, was sie war. Schade, so war es mir nicht möglich, die sonstige Informationslage über diese Frau ist doch recht dürftig...






Montag, 18. Oktober 2021

In Erinnerung

an die 
Sängerin
und
"Koloraturkönigin der Opernwelt"

Editha Gruberová


die heute im Alter von 74 Jahren 
in Zürich gestorben ist.

Ich bin richtig, richtig traurig,
hat mir ihr Gesang so viel bedeutet!

Als eine der schönsten Erinnerungen ihrer Karriere betrachtete sie selbst 
ihren Auftritt 1976 in der Staatsoper 
als Zerbinetta in der Strauss-Oper "Ariadne auf Naxos":


Hier ist mein Porträt von ihr nachzulesen.

Odpočívaj v pokoji

Lieben Sie Lyrik? {15}

Florian Hacke*

Sonett für Springers heisses Blatt

Am Morgen prangt das Schmierblatt in den Ständern
Und kackt gekürzten Unrat in die Köpfe
Was Einfalt wahren will und nicht verändern
Tanzt eitel und verwöhnt um alte Zöpfe

Was nötig ist, Erregung zu erreichen
Wird fröhlich vorgekramt in fetten Lettern
Ob Vorurteile, Kinder, Lügen, Leichen-
Sie wollen Titten?Gerne. Einmal blättern!

Wen wundert's, wenn es hinter den Kulissen
Wie titelseits ein wüster Wettkampf wäre:
Wer kriegt die dicksten Dinger auf den Tisch

Max Goldt hat es gewusst und auch wir wissen
(Nicht erst seit Fräulein Blums verlorner Ehre):
Es stinkt vom Kopf zum Schwanz der ganze Fisch 

Diesmal ganz eingebettet ins Tagesgeschehen, diese lyrischen Zeilen von Florian Hacke, seines Zeichens Schauspieler, Kabarettist, Comedian und Poetry-Slammer, denn ausgerechnet die "New York Times" widmete sich gestern Abend einem aktuellen Geschehen der Medienwelt in unserem Lande, welches hier & heute erst einmal gar nicht in der Timeline aufgetaucht ist.

Es ging um eine Recherche des Journalisten - Teams "Ippen Investgativ" zum Chefredakteur von "Springers heissem Blatt". Und die - das ist für mich der Knackpunkt - durfte auf Weisung des Verlegers ihrer Mediengruppe, Dirk Ippen, nicht veröffentlicht werden. Ippen - zu seiner Verlagsgruppe gehören die "Frankfurter Rundschau", der "Münchner Merkur", der "Westfälische Anzeiger", die Münchner "tz" und eben seit 2014 "BuzzFeedNews Deutschland", bei der die Investigativ-Truppe einst auch schon zu Hause war - begründete das heute Mittag dann so:

"Es gehört für mich zu den ältesten Grundsätzen des Journalismus, dass bei Berichten über Wettbewerber auch der Anschein vermieden werden muss, es könnten neben publizistischen auch wirtschaftliche Motive hinter einer Kritik am Wettbewerber stehen." ( Quelle: Twitter )

So kann man das auch sehen, widerspricht aber einer anderen Regel, nämlich der der unabhängigen Berichterstattung und der Trennung von  Redaktion und Verlag. Ein beschämender Moment für die Pressefreiheit in Deutschland...

Misstände & Machtmissbrauch im Hause Springer durch den Chefredakteur Julian Reichelt sind allerdings nicht erst jetzt thematisiert worden, sondern waren schon einmal im Frühjahr dieses Jahres Angelegenheit in einem Compliance-Verfahren, mit dem eine Wirtschaftskanzlei beauftragt worden war. Der "Bild"-Chef wurde kurzzeitig beurlaubt, nach dem Verfahren aber in seinen Job reinstalliert, da man seine Verfehlungen als nicht allzu gravierend empfand. Das Ippen-Team recherchierte jedoch weiter und gelangte offenbar zu neuen brisanten Erkenntnissen. 

Was mir noch übel aufgestoßen ist, ist die von der "New York Times" zitierte Aussage des Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer SE und Präsident des Bundesverbandes "Digitalpublisher und Zeitungsverleger", Mathias Döpfner, gegenüber dem Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre:

Reichelt "ist wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Autoritätsstaat rebelliert."

Corona-Kommunismus! Wenn das keine Anbiederung an gewisse Bevölkerungskreise ist! Der Axel Springer Verlag ist halt schon seit meiner frühesten Jugend spitze darin, die Themen in diesem Land vorzugeben und die Diskurse in bestimmte Richtungen zu lenken und zu beeinflussen, wie sich ja auch wieder in diesen Pandemiezeiten gezeigt hat.

Nachtrag um 19.35 Uhr: Der Axel-Springer-Konzern teilte am heutigen Abend mit, dass Julian Reichelt von seinen Aufgaben "entbunden" worden sei, also im Klartext: rausgeschmissen.








* Mit freundlicher Genehmigung des Autors