Montag, 28. September 2026

Bücherlese September 2026

"Ein Wort besteht und eine Tat vergeht."
.....
"Sie glauben gar nicht, 
welch ein elender Abklatsch schlechter Romane 
das Leben ist."
Josef Roth

"Erst lies alles, dann vergiss alles."
Leon Engler

Gestartet bin ich in den September gleich mit einem Werk, das ich schon lange auf einem Stapel bereit liegen habe ( und das auch auf meiner ominösen Hundert-Bücher-die-man-gelesen-haben-muss-Liste steht ): Dem "Radetzkymarsch" von Josef Roth. Nicht das erste Werk von ihm, das ich lese, aber wohl sein bedeutendster und berühmtester Roman. Und als Liebhaberin auch des k.u.k. Habsburger Reiches kommt frau nicht drumherum. Bei meiner Beschäftigung mit seinen Gefährtinnen Irmgard Keun & Andrea Manga Bell ist er mir auch sozusagen noch mal vor die Füße gefallen, und mit Exilliteratur habe ich es ja auch schon mein Leben lang.

Ich poste an dieser Stelle keine Inhaltsangabe, das macht Wikipedia schon ganz ordentlich, sondern beschränke mich auf meine Eindrücke & Gedanken bei/zu dieser Lektüre. Und die beschäftigten mich schon im Halbschlaf nach dem ersten Abend des Lesens. Diese fast mechanisch-zeremoniellen sozialen Interaktionen! Diese männlichen Rollenbilder, aus denen es scheinbar kein Entrinnen gibt! Der Verlust der Verwurzelung in bäuerlichen Verhältnissen, der ländlichen Heimat aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung in der Moderne! Der Roman lebt von der Atmosphäre, der Stimmung, die Joseph Roth zu erzeugen und die mich auch heute anzusprechen vermag. Besonders die filmreife Szenerie eines letzten Festes, auf dem die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers in Sarajewo eintrifft. Das hatte für mich schon parodistische Züge. 

Als Leserin ist man sozusagen dabei, wie die männlichen Protagonisten mitunter sehenden Auges ins Verderben laufen. Indem Roth die Zeit dehnt, ist ihre Ausweglosigkeit nachzufühlen.

Es gibt sie, die Momente, wo Veränderung möglich scheint, z.B. die Reise des Bezirkshauptmanns in das ihm völlig unbekannte Grenzgebiet des Kaiserreiches, wo sein Sohn stationiert ist, die ihm Lust auf Neues macht, Genuss ermöglicht, neue Gedankengänge eröffnet. Doch dann ruft ganz schnell die Pflicht und er fährt zurück. Oder die kurze Zeitspanne, in der Trotta als Verwalter des Grafen Chojnicki übers Land streift. Irgendwo in seinem Unterbewusstsein wie dem der anderen Figuren ist eine Ahnung davon vorhanden, dass sie in Konventionen und teilweise Sinnlosigkeit gefangen sind und keine Zukunft in diesem politischen Gebilde wie dem Vielvölkerreich der Habsburger mehr haben. Das rührt. Vielleicht auch, weil sich die Weltordnung zur Zeit auch wieder neu sortiert, die Lust am Untergang mal wieder virulent ist unter den Mitmenschen? So ganz konnte ich mich dieser Gedanken am Wahlabend nicht erwehren.

Ich bin mit dem nächsten Buch gleich bei Joseph Roth geblieben, indirekt: Lea Singer ( aka Eva Gesine Baur ) schreibt in "Die Heilige des Trinkers" - dessen Titel auf die letzte Erzählung Roths "Die Legende vom heiligen Trinker" anspielt - über seine - gern unterschlagene - Beziehung der Jahre 1929-36 zu Andrea Manga Bell. Er, der Jude aus Wien in einem galizischen Schtetl geboren, sie eine Protestantin aus Hamburg mit afrokubanischem Vater treffen in Berlin in einer Villa am See aufeinander. Ihre Zusammensein ist geprägt von seinem Alkoholismus, ihrer Unerschütterlichkeit und einer gemeinsamen Liebe zur Literatur.

Für meinen Geschmack beschreibt die Autorin vor allem Geschehnisse rund um Joseph Roth, der Anteil der Vita der Andrea Manga Bell - die sie auch nur mit "A." bezeichnet - wirkt, damit verglichen, dünn. Der Schriftsteller ist immer mit im Bild. Singers Roman bietet also eher eine Darstellung des Menschen Josef Roth während der Zeit des politischen Umbruchs in Berlin bzw. Europa und dann im französischen Exil, erzählt allerdings aus der Perspektive seiner Gefährtin, die meist nur auf das erratische Gebaren des literarischen Giganten reagiert. Man mag das verzeihen, ist Singer doch eine anerkannte Roth-Kennerin und die Quellenlage in Bezug auf Andrea Manga Bell mehr als mager, spiegelt mir aber wieder einmal zu sehr die Angewohnheit, die Ehefrauen und Geliebten der männlichen Genies, die später in die Geschichte eingehen werden und sie dabei nach allen zur Verfügung stehenden Kräften unterstützen, auf Dauer eben eh wieder dem Vergessen anheim zu geben. 

Spannend zu lesen fand ich es dennoch, denn die Atmosphäre im Berlin der Weimarer Republik wie die der Exilanten in Frankreich kann mich immer wieder interessieren, kommen ja auch immer wieder berühmte Personen dieser Epoche vor, auch weibliche wie Thea Sternheim, Nelly Mann, Irmgard Keun oder Lotte Zweig, mit denen ich mich beschäftigt und/oder deren Literatur ich gelesen habe, wie eben den "Radetzkymarsch". Den hat Andrea Manga Bell seinerzeit lektoriert, das Manuskript abgetippt und überwacht, dass dieses in die richtigen Hände geriet. 

"Das ganze Personal der deutschsprachigen Exilliteratur, ein erschreckend chauvinistischer Haufen, zirkelt um dieses ungleiche Paar", schreibt  Jutta Czeguhn in der "Süddeutschen". Dabei sind Manga Bells Kinder das Einzige, was ihr als Romanfigur ein wenig Lebendigkeit verleiht, und man würde gerne mehr über die beiden erfahren. Zumal in einer Zeit, in der sie aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe die Verfolgung in Nazideutschland fürchten müssen. Der Rassismus, der auch der "Heiligen des Trinkers" immer wieder entgegenschlägt, kommt zur Sprache. Ich hätte allerdings gerne mehr darüber gelesen, was es mit der Protagonistin macht.

Ansonsten ist alles elegant, also stilistisch bewundernswert geschrieben und hat mich gut unterhalten, auch wenn meine Intention, weshalb ich zu diesem Buch gegriffen habe, ursprünglich eine andere gewesen ist.


Auch zum nächsten Buch verlockt hat mich eine der Hauptfiguren, die ich als "Great Women" im Blog bereits porträtiert hatte: Ada Lovelace. Martina Clavadetscher hat ihr in ihrem mit dem Schweizer Buchpreis 2021 prämierten Roman "Die Erfindung des Ungehorsams" einen der drei Teile gewidmet. 

In einer verschachtelten Geschichte verbindet sie drei Frauen miteinander. Da ist einmal Iris, die in einem New Yorker Penthouse in der großen Sommerhitze auf den Abend wartet. Vor ihrer Langeweile rettet sie nämlich nur das Erzählen bei einem Dinner mit den Damen Godwin und Wollstone ( Achtung! Anspielung auf die Eltern von Mary Shelley, der Erfinderin der künstlichen Intelligenz "Frankenstein"! ). Sie berichtet von ihrer Halbschwester Ling. Und mit der entführt sie ihre Gäste wie die Leserschaft in eine Sexpuppenfabrik irgendwo in China. Ling wiederum lernt in einer Erzählung, die sie in der Fabrik von einer Androidin hört, besagte Ada Lovelace kennen. Ansonsten ist Ling damit beschäftigt, Sexpuppen noch als kopflose Körperrohlinge auf Fehler zu untersuchen. Die sind alle identisch konzipiert nach dem Vorbild einer Schauspielerin, Hauptdarstellerin in einem Film, den Ling immer wieder an ihrem Feierabend anschaut. 

Clavadetscher schreibt vor allem von Individuen, die sich entweder aufgrund ihrer intellektuellen Individualität, ihrem Hang zur Subversion – oder einer Kombination von beiden Eigenschaften – von der Masse unterscheiden. Frei nach Ada Lovelace: "Invert the order!" "Lasst uns die Dinge anders sehen!"

Es geht um Weiblichkeit, Körperlichkeit und Programmierung, letztere nicht nur in  ihrer technologischen Dimension, sondern auch um die gesellschaftliche Programmierung, in meinen Studententagen „Sozialisation“ genannt, von der ihre weiblichen Hauptfiguren betroffen sind. Das sind alles Fragen, die mich eigentlich interessieren. Dennoch konnte ich mit der Art, wie Clavadetscher diese Themen abhandelt, wenig anfangen. Schon lange nicht mehr hat mich ein Roman so ratlos zurückgelassen.

Mir war anschließend nach Bewährtem, also Mira Magén. "Als ihre Engel schliefen" war ihr dritter Roman, der auf Deutsch erschienen ist. Für mich ist es damit das vierte Buch, das ich von ihr gelesen habe. Sie gehört in meinen Augen zu denjenigen Schriftsteller*innen, die es vermögen, die kleinsten Alltagsereignissen sprachlich ansprechend  zu formulieren und äußerst spannend Wirkung zu verleihen.

Im Mittelpunkt dieses Romans steht die 42-jährige, eigentlich glückliche Moria/Maria Ilam, die mit ihrer Arbeit in einer Jerusalemer Immobilienagentur im Reinen ist, ihren Ehemann liebt genauso wie ihre weit verzweigte Familie, eigentlich ihr gesamtes Leben. Was bringt sie nur dazu, all das aufs Spiel zu setzen? Denn sie begegnet zufällig einem russischen Straßenmusikanten mit Saxophon und verliebt sich, irrational, aussichtslos, folgenschwer. Eine Situation, wie sie überall auf der Welt stattfindet. Aber dann auch wieder nicht, weil das Leben in Israel intensiver, schneller und gefährlicher ist und die Menschen eine andere Einstellung zum Leben und zum Tod aufgrund der alltäglichen Bedrohung haben: Was wenn morgen alles vorbei ist, weil ein Bus in die Luft fliegt?



Wie sich Morias Dilemma - wie soll sie sich entscheiden, ist das eine zu haben, ohne das andere zu verlieren? - entwickelt, ist immer wieder eingebunden in Erzählungen über die anderen Mitglieder ihrer großen Familie ( "Eine große Familie bietet viele Ablenkungen." ) 

Da ist zunächst der Vater Avram Stein im Altenheim, ein strenggläubiger Jude, der hinnehmen muss, dass seine Kinder mit einer Ausnahme "abgefallen" sind vom Glauben. Seine verstorbene Frau macht ihm deswegen im Kopf immer noch die Hölle heiß. Diese Ausnahme ist Chani, Mutter von zehn Kindern, die nicht mehr auf Dinge achtet, um die sie sich nicht kümmern muss und vorzeitig verblüht & vertrocknet ist. 

Dann ist da Naomi, zwei Jahre älter als Moria, Apothekerin, ledig, eine Schönheit, die ihre biologische Uhr ticken hört. Die dritte Schwester ist Sarale, die auf einem Selbsterfahrungstrip zu sein scheint. Ihrem Mann Asa'el, ein Geschichtsdozent, hat Moira als einzigem ihre Sehnsüchte anvertraut. 

Der einzige Sohn/Bruder der Familie Stein ist Muli, ein promovierter Gynäkologe, besonders atheistisch eingestellt, und so gut wie Moiras Zwilling, mit dem sie ganz viel in der Kindheit geteilt hat und der ihr nun aus der Patsche helfen muss. 

Schließlich gibt es noch die kleine Schwester Tehila, die alles, was Frauen zu eigen ist, im Übermaß besitzt, und der Moiras Sohn Giora, Jurastudent, von klein an verfallen scheint. Die gibt sich besonders locker und aufreizend und ist künstlerisch veranlagt. Moiras Tochter Schira, sechzehn Jahre alt, wiederum irgendwie noch pubertär und mit einer ersten Liebeserfahrung geschlagen. 

Nicht zu vergessen der Ehemann Juval, ein Buchhändler, der eigentlich schon fast zu vollkommen & partnerschaftlich ist, und die Nichte Talja, ebenso hundeversessen wie einst ihr Vater als Kind, extrem fehlsichtig und liebenswürdig zu ihren Verwandten, die sich mit ihrer Hündin gegenseitig aufzieht, weil die Erwachsenen mit ihrem eigenen Nabel beschäftigt sind.

Eine Rolle spielt auch noch Moiras Mitarbeiterin Maja, die auf irgendeine Weise mal ein Star zu werden hofft und alle Männer blendet. Das Buch mäandert durch all diese Leben & ihre Kindheitsgeschichten, beschreibt wundervoll die emotionalen Schwingungen und hin und wieder die eigentümlich schönen Blicke in die Landschaft ( besonders durch die Fenster und besonders auch auf die malerischen Paternosterbäume ), ist realistisch & detailsatt.
"Lust und Sehnsucht sind Teil des Weltenlaufs, und wer sie schuf, wollte auch, daß sie in der Welt existieren. Scham und Schuld schuf der Mensch."
Überraschend - und wieder auch nicht, kenne ich das doch nur zu gut von mir selbst - wie Gott, wie die Religion im Leben dieser Menschen immer wieder in ihrem Einfluss zu spüren ist, obwohl sie nicht mehr glauben. Und wie Entscheidungen getroffen, Veränderungen angegangen werden, von denen ich lange während des Lesens nichts geahnt habe. Aber das ist, was ich an dieser Autorin so mag, auch, dass vieles eben offen bleibt am Ende.




Auf meinen Reader hatte ich mir vor der Reise nach M. Leon Englers "Botanik des Wahnsinns" geladen, eine Biografie seiner Familie, ein Stammbaum des Wahnsinns, wie es der Verlag bewirbt. Darüber berichtet also der Erzähler, der als Psychologe in einer Anstalt arbeitet. Das Buch ist der Lieblingstitel des Schweizer Buchhandels in diesem Jahr.

"Ich mache eine erste Hochrechnung. Es sieht nicht gut für mich aus", befindet die Hauptfigur, ein Mann von Anfang dreißig, der sich intensiv mit seiner Familiengeschichte beschäftigt, die geprägt ist von Vorfahren, die an Bipolarität, Depressionen, Alkoholsucht gelitten, in psychiatrischer Behandlung oder gar in entsprechenden Anstalten waren und Suizidversuche überlebt haben, was seine frühe Angst, verrückt zu werden, durchaus begründet erscheinen lässt. Leon, so heißt er wie der Autor, findet einen Ausweg aus dem Dilemma, in Beziehung zu seinen Eltern zu bleiben, aber nicht wie sie sein zu müssen und studiert schließlich Psychologie. Er ist quasi ein Überläufer.

Demzufolge ist der Roman eine literarische Fallgeschichte auf drei Ebenen: Einmal die tagebuchartigen Eintragungen des Erzählers zu seiner eigenen Entwicklung und schließlich seiner Arbeit in der Psychiatrie in Wien, dann die diversen Rückblenden in die zurückliegenden Lebensgeschichten seiner Vorfahren und in all das immer wieder eingewoben eher essayistische Passagen, etwa über die Geschichte der Psychiatrie oder die unterschiedlichen Theorien in der Psychologie. Eine Art Quintessenz zieht seine Vorgesetzte der Wiener Psychiatrie- Einrichtung:
"... Das Ziel ist nicht, dass die Menschen glücklich werden. Das bin ich auch nicht." "Sondern?" "Wir versuchen hier, schreckliches Elend in ganz normales Unglück zu verwandeln."
Das wird dann eher lapidar, manchmal auch etwas sperrig geschildert und hat mich eher durch das Thema denn durch seine Handlung angesprochen. Mir war es letztendlich zu distanziert.



Ingo Schulze war mir noch durch frühere Veröffentlichungen in guter Erinnerung. Sein neuestes Werk "Das Wasser im August" von der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises landete sofort nach Erscheinen auf meinem Reader, auch weil ich bemerkenswert fand, dass er dafür am 18. September in Berlin den "Uwe-Johnson-Preis" erhalten hat. Das sprach doch schon mal für literarische Qualität.

Zwei Erzählebenen finden sich im Buch, die Konstruktion ist also durchaus raffiniert: 

Die erste Ebene spielt in der Gegenwart: Ein Schriftsteller, Anfang sechzig, wird im Juni 2025 engagiert, um auf der Geburtstagsfeier eines ehemaligen Mitschülers aus einem noch unveröffentlichten Buch zu lesen. Mit dem Mitschüler verbindet ihn eine ungute Erinnerung, trotzdem reist er an. Weil sein alter Polo unterwegs den Geist aufgibt, nimmt ihn ein Zufallsbekanntschaft, der Landarzt Schulenburg, mit. Bei einem Stopp besichtigt er eine "Backsteinherrlichkeit", trifft auf die Pfarrerin dort und beide begleiten ihn dann auch zur Lesung. Vor Ort, in einem Tagungshotel, sitzt im Publikum eine der Hauptfiguren jener autobiografischen Novelle, was der Autor zunächst nicht mitbekommt.

Handlungsstrang zwei, jene Novelle, spielt in der DDR, im Sommer 1979. Die Hauptfigur Thomas, sechzehn, will Schriftsteller werden, macht Urlaub bei einem Malerpaar im Mecklenburgischen, am Tollensesee, und verliebt sich dort in eine dreizehn Jahre ältere Zahnärztin, die ebenfalls auf Urlaub ist und beim verwitweten Ortspfarrer wohnt, mit dem sie wohl eine intimere Beziehung hat. In ihr sieht er die Möglichkeit, mehr vom Leben, vom Erwachsensein zu erfahren. "Kann es sein, dass man so viel zu erzählen hat, aber so wenig vom Leben weiß?",  fragt er sich. Auf jeden Fall nutzt der „Jüngling“ die gemeinsame Zeit nicht nur fürs Schwimmen, sondern auch "um Reichtümer für seine innere Schatzkammer zu sammeln" und einige Erfahrungen, auch wenig freundlicher Natur, zu machen, weshalb er dann, ohne sich zu verabschieden, den Heimweg antritt.

Es gibt noch ein Nachspiel, nicht nur in Form einer Fortsetzung der Lesung im kleinen Kreis am nächsten Morgen. Aber mehr will ich da jetzt nicht verraten. Der Roman liest sich angenehm, nicht sensationell von der Sprache her. Gedanken, über das, was nach der Wende schief gelaufen ist, gibt es auch. Aber das sei, so Schulze, im Nachhinein schwer zu beantworten.




Ebenfalls von der Longlist, ebenfalls auf dem Reader: "King Cobra" von Muri Darida, mit dem "Robert-Walser-Preis" ausgezeichnet. Sprachlich überraschend eigenwillig: Eine literarisch besondere, ja fast fragmentarische Erzählweise, voller detailverliebter Situationen, groteskem Humor, einem Spiel mit der Zweisprachigkeit und einer guten Portion Experimentierfreude, was allerdings im Gegenzug ein sehr konzentriertes Lesen & viel Aufmerksamkeit erfordert hat -nach dem glatt zu lesenden Schulze mir durchaus recht. Die verspielte, oftmals kindlich- naive Sprache ist allerdings auch eine Maske gegen ein wütendes, aufbegehrendes Selbst, das sich in ihr nicht auszudrücken versteht.

Das Kind, das sich später Lazi nennt, erinnert sich zunächst an eine unbeschwerte Kindheit in Ungarn, besonders an den liebenswerten und schrulligen Großvater, der beim Ungarnaufstand geflüchtet und in Deutschland gelandet war, aber immer wieder den Sommer mit Lazi in Ungarn zugebracht hat, in Őzbarna, was das Kind zutiefst romantisiert hat.

Nun, nach dem Ableben des Großvaters, reist Lazi wieder hin, in einer Zeit, als die politische Stimmung im Land unter Victor Orbán wieder mal kippt. Offiziell ist Lazi unterwegs, um eine Dokumentation über Schlangen zu machen. Klingt erstmal nach Roadtrip, wird aber schnell zu etwas viel Größerem, denn inoffiziell reist er, um das Jagdgewehr dieses Großvaters zu suchen, um damit auf einen Täter zu schießen, einen Täter, der ihn in seinen Träumen verfolgt: 

"Familie, das ist nicht das Blut, das man teilt. Familie ist das geteilte Schweigen, das man als Tuch über den Tisch legt, um die heilige Tischplatte vor Messers Schneide zu schützen." – schon dieses Zitat vom Klappentext gibt eine Richtung vor.

Die ungarische Familie ist pittoresk, teils voller Zugewandtheit, aber auch mit mancher Ungereimtheit, vielleicht auch ein bisschen zu viel Klischee, denn es riecht zu viel nach Schnaps und Staub und alten Wunden. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass es sich bei Lazi um eine trans*maskuline Person handelt, die ihre Familie liebt und gleichzeitig Schwierigkeiten hat, über die wichtigen Dinge mit ihr zu kommunizieren, darunter ein in der frühen Kindheit erfahrener Missbrauch:

"Denn auf Türen, so hatte Lazi als Kind in Deutschland lernen müssen, war generell kein Verlass. Sie krachen auf, und der Mann, auf dessen Schoß du viel zu lange Hoppe Reiter machen musstest, steht vor dir, liegt auf dir, steigt in deinen Körper, der viel zu klein für seinen ist, und stretcht ihn, bis er und wie er ihm passt. Daran, dass dieser Mann im Obergeschoss geschlafen, dass er sicherlich die Mahlzeiten am Tag mit am Esstisch eingenommen, seine Schuhsohlen auf dem Fußabtreter abgerieben haben muss, daran erinnerst du dich nie."

Im nächsten Teil des Romans finden wir uns in Budapest wieder, weil Lazi ein Video im Rahmen der "Budapest Pride" drehen und dazu eine nichtbinäre Person zu den Umständen für sie in Ungarn befragen soll. Er /sie lernt hierdurch die Kellnerin Kinga kennen, in die er/sie sich verliebt und eine Affäre beginnt. Da habe ich mich beim Lesen eher gefühlt wie im geschilderten Wellenbad auf der Margit-Insel in der Donau, so viel stürmte da auf mich ein, darunter auch eine außergewöhnliche Liebesszene. Mir fehlt einfach der Sachverstand, was Queerness alles heißt, obwohl ich mit der Enkelin darüber ein längeres Gespräch während meiner Lektüre geführt habe.

Lazi kehrt noch einmal ins Dorf zurück, findet das Gewehr und eine Erklärung für das, was mit seiner Mutter damals war, als der väterliche Großvater ihn missbraucht hat, schmuggelt es mit Hilfe der Cousine & der Berliner "Liebsten" bis zu der Kapelle, in der der Trauergottesdienst für den Großvater stattfindet. Es folgt ein filmreifes Finale! Ein rätselhaftes Buch und ein entsprechendes Leseerlebnis.


Von der Gegenwart ins 16. Jahrhundert: Das ermöglichte mir Hilary Mantel mit ihrem Werk "Wölfe", das auch auf meiner ominösen Leseliste verzeichnet ist. Ein historischer Roman von beträchtlichem Umfang, so üblicherweise gar nicht mein Ding! Zu sehr im Gedächtnis, dass das Genre ein Tummelplatz von Belanglosigkeiten & nach Schema F verfasster Dutzendware ist. Aber Markus Gassers Einwand, hier sei, und zwar erstmals und endlich, der historische Roman wirklich auf der Höhe der literarischen Moderne á la Virginia Woolf oder T.S. Eliots hat mich neugierig gemacht. Und Mantel lässt einen bald mit ihrer spannenden Geschichte vergessen, dass Historie so wohl nicht war. Das liegt eben auch daran, dass sie sich weit entfernt vom schwülstigen Mief konventioneller Historien-Romane. Mantel enthält sich dabei jeder Interpretation des turbulenten Geschehens, in seiner dramatischen Wucht an Shakespeare gemahnend. Hilfreich bei der Lektüre ist sicher gewesen, dass frau nach neun Jahren schulischem Englischunterricht in Jugendzeiten doch so einiges an historischen Kenntnissen über das Inselkönigreich verfügt.

Ich muss zugeben, die Eingangsszene hat mich sofort zum Einsteigen verlockt, in der das Kind Thomas Cromwell von seinem Vater, einem Hufschmied und Bierbrauer, brutal misshandelt, von seiner Schwester aufgenommen & aufgepäppelt  und vom Schwager zur Flucht ermuntert wird. Homo homini lupus - das Hobbes-Zitat zum Romantitel ist da von Anfang an verbildlicht. 

Dann gleich ein größerer Zeitsprung, denn im nächsten Kapitel tritt Cromwell schon als sein Rechtsanwalt & Sekretär bei Lordkanzler Kardinal Wolsey in die "gute Stube", und es entspinnt sich ein Dialog über die politischen Tagesfragen, der vom geschätzten englischen Humor getragen wird. Ein weitere Verlockung! 

Und schließlich gelingt es der Autorin noch, den doch so schlecht beleumundeten Cromwell aufgrund der gleichgewichteten Darstellung privater und staatstragender Handlungen als talentierte und pragmatisch handelnde Person Sympathien gewinnen zu lassen. Er ist einfach beeindruckend in seiner Modernität in einer rückständigen Zeit, die ja tatsächlich blutrünstig und düster gewesen ist. Das hat mich auch immer wieder an die Art der Präsentation des römischen Augustus im gleichnamigen Roman des John Edward Williams erinnert, der dadurch bei mir auch als Mensch Profil bekommen hat. 

So habe ich das Buch einfach als gut erzählte Geschichte genossen, ohne große Rücksicht auf die größere Handlung drumherum und bewundert, wie geschickt und umsichtig Cromwell mit den politischen Ränkespielen am englischen Hof umgeht. Vornehmlich geht es dabei um die Annullierung der Ehe des Heinrich VIII. mit Katharina von Aragon, seiner ersten Frau, die ihm keinen überlebenden männlichen Thronfolger geboren hat, und um den Wunsch des Königs, nun Anna Boleyn heiraten zu können, die sich dem Status einer Mätresse verweigert. Dass das lange nicht gelang, ist ja allseits bekannt und die Tatsache der daraus folgenden Abspaltung der anglikanischen Kirche von der römischen, die Cromwell als Schatzkanzler König Heinrichs im Parlament durchsetzen konnte. Der Roman endet mit der Hinrichtung des Thomas Morus, den Cromwell als Lordkanzler abgelöst hat und der den Eid hinsichtlich einer Bestätigung der Legitimität aller Kinder, die Heinrich und Anne Boleyn geboren würden, verweigert hat.



Mantel hat die doch reichlich bekannte Geschichte wunderbar geschildert in kammerspielartigen Szenen, und der besondere Reiz lag für mich auch in dem von ihr eingenommenen Blickwinkel. Eine Lektüre, die sich für mich gelohnt hat. Auch wenn ich viel länger damit verbracht habe, als bei meinen sonstigen Büchern, und meine Liste des Monats etwas kürzer als sonst ist. 

Meine umfangreicheren sozialen Kontakte in diesem Monat waren mir das auch wert.

                                                                                            

Sonntag, 27. September 2026

Mein Freund, der Baum: Zedrach- oder Paternosterbaum

Den Baum, den ich heute vorstelle, kenne ich nur literarisch, nicht aus eigener Anschauung, wurde er doch immer wieder erwähnt und beschrieben in einem Roman der israelischen Autorin Mira Magén, den ich im September gelesen habe. Neugierig geworden, habe ich mir Informationen im Netz zusammengesucht und mir Fotolizenzen beschafft, um ein Porträt zu verfassen. Noch ist er trotz Klimaerwärmung bei uns nicht wirklich häufig anzutreffen.


Der Zedrachbaum Melia azedarach oder Paternosterbaum, auch Persischer oder Westindischer Flieder, Chinesischer Holunder genannt, gehört zur Gattung Melia in der Familie der Mahagonigewächse Meliaceae. 

Sein natürliches Verbreitungsgebiet ist Süd- und Südostasien, wobei die Grenzen nicht bekannt sind, da er gerne aus Kulturen auswildert. Man findet ihn in Indien und Myanmar, in China im Flach- und Hügelland südlich des Gelben Flusses, in Japan, Sri Lanka, Nepal, Thailand, Vietnam, Indonesien, Papua-Neuguinea, auf den Philippinen, in Australien und auf den Salomonen. Im Himalaya wächst er sogar bis in Höhenlagen von 2000 Metern. Eingeführt ist er im Westen in Texas und Florida bis Oklahoma und Südost-Virginia, auch dort oft aus Kultur verwildert. Das geschieht auch in Hawaii bis in Höhenlagen von 2750 Metern. 

Der Zedrachbaum bevorzugt also warme bis tropische Klimate, ist aber auch im Weinbauklima und als Kübelpflanze bei uns möglich. Kurzzeitig sind Temperaturen bis -14°C erträglich. In Deutschland war er bislang nur auf Helgoland ausreichend winterhart. Als junger Baum ist der Zedrachbaum besonders empfindlich gegen Trockenheit, Winterkälte und Beschattung.

Bei diesem Baum handelt sich um eine eher kleine bis mittelgroße sommer- bis halbimmergrüne Art, die schnell wächst und Wuchshöhen von 6 bis 15 Metern erreicht. In China finden sich auch Exemplare von bis zu 20 Metern. Sein Brusthöhendurchmesser beträgt 30 bis 60 Zentimetern. In Australien erreicht er noch größere Wuchshöhen und soll dort die vierzig Meter erreichen. Selten wächst er nur als Strauch. Seine lockeren Kronen machen ihn zu idealen Schattenspendern, weshalb der Zedrachbaum in vielen Trocken- & Wüstengebieten als Allee-, Park- und Gartenbäume Verwendung findet. 


Sein Stamm bleibt meist recht kurz, bevor er sich zu einer breiten, rundlichen Krone mit dichten Ästen ausweitet. Die Borke ist rot- oder dunkelbraun. Charakteristisch sind knollenartige Auswüchse an der Basis älterer Stämme und eine intensive Wurzelbrut-Bildung.

Sein natürliches Areal erstreckt sich über Gebiete mit einem jährlichen Niederschlag von 600 bis 1000 Millimetern. Er wächst auf sauren und neutralen Böden, verträgt aber auch alkalische Böden mit einem Salzgehalt bis zu 0,46 %, bildet eine relativ schwach ausgebildete Pfahlwurzel aus, aber zahlreiche kräftige Seitenwurzeln, die rasch wachsen.

Die wechselständig am Zweig angeordneten Laubblätter, die kurz vor der Blüte austreiben, sind in Blattstiel und -spreite gegliedert. Der Blattstiel ist relativ lang, die Blattspreite ist doppelt unpaarig und teilweise dreifach gefiedert. Die Fiederblättchen stehen in großer Zahl paarweise an den etwa 8 Zentimeter langen Blattachsen zweiter oder dritter Ordnung. Die Fiederblättchen sind kurz gestielt, 2,5 bis 6,5 Zentimeter lang und 1,5 bis 3 Zentimeter breit, eiförmig bis elliptisch, zugespitzt mit abgerundeter Basis und grob gezähnt. Sie sind denen der Esche ähnlich, oberseits dunkelgrün, an der Unterseite heller. Beim Zerreiben verbreiten die Blättchen einen eher unangenehmen, stechenden Geruch. Die Laubblätter werden meistens zu Beginn des Winters abgeworfen. Die Herbstfärbung ist gelb.



Die Blütezeit ist von März bis Mai. Die vielen, angenehm duftenden Blüten sind weiß bis hell fliederfarben in bis zu 25 cm langen Rispen zu lockeren Blütenständen angeordnet. Dabei sind Staubfäden der zehn bis zwölf Staubblätter zu einer 8 Millimeter langen, engen, rötlichen bis dunkelvioletten oder violetten, manchmal weißen, rippigen und oben gezähnten Röhre verwachsen.

Die Früchte reifen im September und Oktober und bleiben den Winter über am Baum, oft bis zur nächsten Blüte.


Die bei Reife gelben Früchte von anderthalb Zentimeter Durchmesser sind giftig. Sie sind von rundlicher Form, dünnfleischig und glatt, etwas ledrig und enthalten einen harten, gerippten und bräunlichen Steinkern. Diese Steinfrüchte wurden früher als Perlen für Rosenkränze ( "Vater unser" = "pater noster" ) verwendet, eine Tradition, die von südeuropäischen Klöstern ausgegangen ist. Daher kommt auch der meist bei uns gebräuchliche Name Paternosterbaum für den schönen Zedrachbaum. 

Auch Schmuckketten aus diesem Naturmaterial sind schon mal üblich, aber nicht ungefährlich in Kinderhänden, denn die „Perlen“ enthalten Triterpene, die Insekten wie z.B. Heuschrecken vom Fraß abhalten, sowie toxische Bitterstoffe. 6 bis 8 Früchte führen schon zu schweren Vergiftungen. Die insektizide Wirkung von Blättern & Früchten wird auch zum Schutz von eingelagerten Textilien eingesetzt. Der relativ hohe Ölgehalt der Kerne findet eine Nutzanwendung in der  Farben- und Seifenerzeugung. Das Holz des Baumes ist dauerhaft und leicht zu bearbeiten, ist aber auch gerne als Brennmaterial gesehen.

Carl von Linné benannte die Gattung nach dem griechischen Wort melía für Esche aufgrund der optischen Ähnlichkeit der gefiederten Blätter mit denen der bei uns üblichen Esche. Der Artname azedarach geht auf das Persische zurück, was übersetzt "freier" oder "prächtiger Baum" bedeutet. In der asiatischen Kultur steht er oft für Glück und Wohlstand, in literarischen Erzählungen in unserer Kultur gerne metaphorisch für eine trügerische, gefährliche Schönheit, da die Blüten verführerisch intensiv nach Flieder duften, die Früchte hingegen toxisch sind. Der Zedrachbaum wird oft bei Gedenkveranstaltungen gepflanzt, um die Beständigkeit und die bleibende Erinnerung an geliebte Menschen zu symbolisieren.

Nun ist es wieder an euch, liebe Leser*innen meines Blogs, die Bäume so zu schätzen wissen wie ich, eure Posts zum Thema zu verlinken. Das ist wieder bis zum  24. Oktober um Mitternacht möglich.

                                                               

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Samstag, 26. September 2026

Meine 39. Kalenderwoche 2026

 "Wer sich selbst aushält, 
gibt sich selbst Halt und gewinnt damit Ruhe 
im eigenen Sosein."
Netzfund
"Und ist diese Vorstellung von der Zukunft einmal weg, 
dann folgen der futuralen Demenz 
auch als bald Arbeitsplätze, 
Volksparteien, 
Wirtschaftsmodelle, 
Staatsformen."
Severin Groebner
"Wer für jede Nachricht sofort die Gesamterklärung hat, 
denkt nicht mehr, er sortiert."
.....
"Aber wer über Angst redet, 
sollte wissen, wo die Toten wirklich anfallen. 
Nicht auf dem Weihnachtsmarkt. 
Am Küchentisch."
Stefan A.K. Weichelt


Da schläft frau wieder im eigenen Bett unter der geliebten Pappelflaumdecke und ist um fünf Uhr hellwach! Gut, ich musste mich einem veritablen Alptraum entziehen, um dann lesend erst einmal in einen anderen einzusteigen. Diese dicke "Schwarte" steht auf meiner Liste und spielt im England der Zeit des Henry the Eight. Gelesen habe ich bis acht, um dann noch mal anderthalb Stunden zu schlafen. Auch gut.


Es blieb ein trüber, regnerischer Sonntag, ganz anders als die Vorhersagen. Macht nichts: Es gibt Bücher, es gibt Musik ( ganz viel Mendelssohn gehört ), es gibt Kaffee & - nicht zu vergessen - ein Frühstücksei! Alles ganz im Sinne meines ersten Zitats.


Montagvormittag: En d'r Sity.






Es herbstelt inzwischen auch bei mir, vor ( drinnen ) und hinter ( draußen ) den Fensterscheiben.

Der erste Tag des Herbstes bei 18°C - auf zum Friedhof! Ich kann noch im Kurzarm-Shirt unterwegs sein - ein Genuss!


Ich mag das Spiel mit Licht & Schatten dort.
















Ein ganz ungewöhnliches Erlebnis am frühen Freitagmorgen im Afrika-Quartier meines Veedels:


Die Umbenennung einer Straße zugunsten des Kameruner Königs Rudolf Manga Bell, der vor 112 Jahren von den deutschen Kolonialherren als Hochverräter gehenkt worden ist. Selbst nach damaligen Standards ignorierte das Verfahren gegen Manga Bell die Grundsätze unabhängiger Justiz. "Ein Herrscher zwischen Goethe und Galgen" titulierte ihn die "Süddeutsche Zeitung" einmal, "Kein Afrikaner war je so deutsch wie er" der "Merkur". Manga Bell, der in Aalen bzw. Ulm in Deutschland zur Schule ging & Juravorlesungen besuchte, wurde in Deutschland zum Verfechter des Humanismus.

Gustav Nachtigal hingegen hat, zunächst Afrikaforscher, später Reichskommissar, dem deutschen Kolonialismus in Zentralafrika den Weg bereitet und mit Gewaltandrohungen vor Ort und einschlägiger Propaganda im Kaiserreich die sogenannte deutsche "Schutzherrschaft" über das Land durchgesetzt. Gegen die Beschneidung der im Schutzvertrag von 1884 verbürgten Rechte der einheimischen Bevölkerung wehrte sich dieselbe zunehmend, auch, weil ihre traditionellen Siedlungsplätze am Fluss Wouri unweit der Atlantikküste zugunsten der expandierenden Industrie ( Eisenbahn- und Hafenanlagen ) enteignet wurden. Das Volk der Douala selbst sollte in malariaverseuchte Mangrovensümpfe zwangsumgesiedelt werden. Die Folge des Aufstandes war die erwähnte Hinrichtung des Douala-Chiefs sowie seines Sekretärs. Das wiederum bewirkte, dass die einrückenden Briten und Franzosen im Ersten Weltkrieg durch die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt und als Befreier begrüßt wurden. 

Durch den Versailler Vertrag von 1919 ging Kamerun offiziell in den Besitz des Völkerbundes über, der wiederum ein Mandat zur Verwaltung an Großbritannien und Frankreich gab. Es kam zur Aufteilung des Landes, bei der Frankreich vier Fünftel erhielt.


Anstoß dazu gab der "Initiativkreis Gedenkort Afrikaviertel". Der Umbenennung gingen zwei umfassende Öffentlichkeitsbeteiligungen voraus. Zur Umbeschilderungsfeier kam eine große Gruppe aus Kamerun, darunter König Eboumbou aus Douala, Urenkel von Rudolf Manga Bell & seiner Ehefrau Emily, der Großneffe Jean-Pierre Félix-Eyoum, der in Erding als Sonderpädagoge gearbeitet hat, und seine deutsche Ehefrau Martha, dazu Botschafter, Vertreter des Auswärtigen Amtes, der Stadt und der Bezirksvertretung.


In der ruhmlosen deutschen Kolonialgeschichte ist das Kapitel über Kamerun eines der finstersten. Die Kolonie wurde unter fragwürdigen Begleitumständen ergaunert, Verträge gebrochen und die Bevölkerung mit der Nilpferdpeitsche unterjocht. Das Ereignis der Straßenumbenennung ist ein Schritt der Aufarbeitung der deutschen Kolonisierung, bei der es ja nicht wirklich um Verbesserung der Lebensbedingungen, sondern um Unterwerfung zwecks Ausbeutung der wirtschaftlichen und humanen Ressourcen durch Zwangsarbeit ging. In den Reden wurde die Hoffnung geäußert, dass die Straßenschilder einen Denkprozess anstoßen, denn Rassismus ist ja wieder einmal eine sich ausbreitende Seuche.

Ich war hinterher allerdings durchgefroren - bei 7°C war es im Schatten etwas frisch - und habe mir auf dem Heimweg bei meinem Obststand Clementinen & Pfifferlinge zwecks Gemütsaufhellung eingekauft.

Mein Web-Fundstück in dieser Woche beschäftigt sich ganz unterhaltsam mit der Frage "Was für ein Deutscher bist du?" Das ist nämlich nicht so platt zu beantworten, wie es Anhänger von Rassentheorien & Germanenverklärung gerne hätten:

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Ich wünsche euch allen ein schönes Herbstwochenende! Ich glaube, ich gehe mal in den Stadtwald...

                                                                            

Verlinkt mit Andrea Karminrots Samstagsplausch, "Niwibo sucht...", Annette/ Augensternwelt mit ihren Glücksmomenten, dem Mosaic Monday von Heidrun, den "Sonntags Top Sieben" bei Anni 

Und wer ebensolche Freude an der Renovierung von Ricks Zuhause in London hat wie ich, hier ist die jüngste Episode nach 48 Tagen Arbeit zahlloser Helfer.