Donnerstag, 23. April 2026

Great Women #454: Isa Vermehren

Und wieder ist eine 'Kachel' voll, haben weitere fünfzehn Porträts von spannenden Frauen ein neues Quadrat gefüllt, das zwanzigste jetzt schon...

Mit der Frau, um die es heute in meinem Post geht, hatte ich insofern in meiner Jugend einen Berührungspunkt, als ein Mädchen aus unserem Haus auf ihre Schule ging und von der sehr ungewöhnlichen Nonne berichtet hat, die so ganz anders war als die Obernonne meiner Schule. Lest aber selbst, welche Persönlichkeit sich hinter dem Namen Isa Vermehren verbirgt:

St.Adelheid-Gymnasium Beuel-Pützchen
(1950er Jahre)

„Das Leben hat mir ungewöhnliche Gelegenheiten geboten.“

Isa Beate Vermehren wird am 21. April 1918, also übermorgen vor 108 Jahren, in eine alteingesessene protestantische Lübecker Patrizierfamilie mit flandrischen Wurzeln hineingeboren ( sogar in Thomas Manns "Tonio Kröger" kommt der Familiennahme vor ). Doch, wie Isa später bemerken wird, ist das "mit dem Patriziertum (...) bei uns nicht mehr so doll" gewesen. Das Elternhaus ist frei­heit­lich - hu­ma­nis­ti­sch geprägt und durchaus in kultureller Hinsicht anti - bürgerlich.

Isa ist das zweite Kind des Anwaltes Dr. jur. Kurt Vermehren und seiner Ehefrau Petra Schwabroch.  Vor ihr ist schon der Bruder Michael (1915), nach ihr Erich (1919) geboren. Ihr Großvater väterlicherseits, Julius Vermehren, ist Senator in Lübeck gewesen, der mütterlicherseits Konsul Johannes Schwabroch Stahl-Kaufmann und Teilhaber der Lübecker Unternehmensgruppe Possehl. Der Vater betreibt eine Kanzlei in Hamburg.

Zusammen mit ihren beiden Brüdern verbringt Isa zunächst eine unbeschwerte Kindheit, genießt etliche Freiheiten und die vielen Reisen, die die eher unkonventionelle Familie unternimmt. Sie sagt später, ihre Kindheit sei eine glückliche und sonnige Zeit gewesen. Zunächst wird sie gemeinsam mit den Brüdern von Privatlehrern unterrichtet. 

"Wir hatten sehr früh Musikunterricht zu Hause bekommen, uns wurde eine Blockflöte in den Hals gesteckt, und wir mussten singen und Takt schlagen. Ich habe anfangs Geige gespielt eine Zeitlang, aber ich war nicht fleißig genug, daraus ist dann nichts geworden. Aber die Ziehharmonika… da war ich wirklich gut. Die kriegte ich mit zehn oder elf Jahren, so ein kleines Ding, das ich in einem Jahr in Grund und Boden gespielt hatte. Dann bekam ich eine größere… eine dreireihige Hohner." ( Quelle hier )

Isa spielt sie besonders gerne auf dem Instrument und gibt ihm  sogar einen Namen:  "Agathe", nach ihrer Kinderfrau. Zum Akkordeon singt sie Seemannslieder. Sie nimmt später auch an Jugendfahrten teil, bei denen Musik & Gesang eine wichtige Rolle spielen. Religion hingegen wird nicht sehr groß geschrieben. "Natürlich feierten wir Weihnachten und zwar so schön, dass kein großelterlicher Haushalt als Konkurrenz in Frage kam. Aber man glaubte eben nur 'irgendwie' an Gott."

Isa besucht schließlich die Ernestinenschule, die höhere Mädchenschule der Freien und Hansestadt Lübeck  in der  Kleinen Burgstraße 24–26. Doch sie ist ein freier Geist und bekommt in der Quarta, der dritten Klasse am Gymnasium, von ihrer Lehrerin "Unreife, Frechheit und Arroganz" bescheinigt und muss die Klasse wiederholen. Die Eltern nehmen es gelassen, sind sie doch der Ansicht, dass ihre Tochter ihren Weg schon gehen wird.

Die Mutter, die Hitlers "Mein Kampf" studiert hat, sieht klar, was da auf das Land zukommt. Die Familie ist bekannt dafür, dass sie dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber steht. Ein Freund der Familie, der charismatische SPD-Politiker und spätere Widerständler Julius Leber ( siehe dieser Post ) wird 1933 am Tag nach der Machtergreifung zusammengeschlagen. Da verwundert es nicht, wie sich die Fünfzehnjährige anlässlich der Feier zum "Tag der nationalen Arbeit" am 1. Mai 1933 in der Schule verhält:

Die Schülerinnen müssen über den mit Nazifahnen geschmückten Schulhof paradieren und vor einer Tribüne die Hand zum "deutschen Gruß" heben. Das Mädchen vor Isa darf das nicht, denn sie ist nicht "arisch". Isa darf, will jetzt aber nicht, denn eine Schülerin aus der Klasse auszuschließen, kommt ihr falsch und entwürdigend vor. Den Gruß zu verweigern, reicht für den Rauswurf aus der Schule: "Sie schließen sich wohl aus der deutschen Volksgemeinschaft aus." 

Später wird sie betonen: "Sie können sich das gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn Sie von einem Tag auf den anderen in einem Land leben, in dem es keine Redefreiheit mehr gibt, keine Meinungsfreiheit mehr gibt. Unbeschreiblich, was das ausmacht. Unerträglich."

Da die Eltern seit Beginn der 1930er Jahre eh schon getrennt leben, entscheidet sich Petra Vermehren noch im selben Jahr mit Isa nach Berlin zu gehen. Isa erklärt das später so:

"In ganz Deutschland, und sehr spürbar in kleineren Städten, wo man sich gegenseitig kannte und in den Kochtopf guckte, ist der Eintopf da, der heute befohlen ist oder ist er nicht da, was hast du geflaggt, hast du überhaupt geflaggt und wenn ja, welche Flagge… welche Zeitung lesen sie, was hängt bei ihnen an der Wand, was steht bei ihnen im Bücherbord… das waren also alles lauter verbotene Sachen bei uns. Das war sehr unangenehm. Das wurde auch kolportiert, man wusste auch: da sind die Feinde… nein, nein, man musste weg, es war unerträglich." ( Quelle hier )

Und an anderer Stelle :

".... das war diese fürchterliche Enge, die durch den Nationalsozialismus in Lübeck entstanden ist. (... ) In der Metropole Berlin war der Spielraum für Leute wie mich und meine Mutter, mit der ich dann dort lebte, sehr viel größer. Sicher, auch wir sahen pausenlos diese Aufmärsche, die, das kann man wirklich sagen, fabelhaft inszeniert waren. Aber der Berliner ist ja nicht so leicht zu beeindrucken." ( Quelle hier )

Während die Mutter im April 1934 auf Empfehlung des aus Lübeck gebürtigen Rechtsanwalts und Freundes der Familie, Paul Leverkuehn, als erste Frau in der außenpolitischen Redaktion beim "Berliner Tageblatt" angestellt wird, lässt sich Isa zur Schauspielerin ausbilden, nimmt Gesangsunterricht und wird von Hermann von Wedderkop, einstmals Herausgeber des "Querschnitts", dem führenden deutschen Zeitgeist-Magazin der 1920er Jahre, angestiftet, sich im politisch-literarischen Kabarett von Werner Finck, der "Katakombe", vorzustellen.

Werner Finck begrüßt dort die Gäste: "Die unruhigen Zeiten sind nun vorbei, man kann wieder auf Jahrtausende disponieren." Kurz darauf steht Isa - Künstlername Hanna Dose - mit ihrer "Agathe" auf der Bühne und singt "Eine Seefahrt, die ist lustig. Eine Seefahrt, die ist schön. Ja, da kann man unsere Leute an der Reling kotzen seh’n." 

Ganz rechts: Ursula Herking
Für ihre Darbietung wird sie gefeiert. Das Publikum ist begeistert, fasst es doch den Text als subversiv auf. Das Lied erscheint sogar auf Schallplatte und wird zum Kassenschlager. Isa tritt in der "Katakombe" mit der sechs Jahre älteren Ursula Herking ( siehe dieser Post ) auf. Die bekommt Familienanschluss und wird später konstatieren, dass sie nie mehr in ihrem Leben so viel gelacht hat wie bei den Vermehrens.

Bald sitzen Gestapo-Spitzel in der "Katakombe" und notieren mit. Finck fragt freundlich: "Spreche ich zu schnell? Kommen Sie mit? Oder soll ich mitkommen?" Als Isa am 10. Mai 1935 in die Lutherstraße kommt, ist die "Katakombe" verrammelt, Werner Finck verhaftet, ins KZ Esterwegen deportiert und eine der letzten Bastionen der einst legendären Berliner Kleinkunstszene als "Schmusetempel" der "krummnasigen Jünglinge mit Intelligenzbrille" nur noch Legende.

Isa wird allerdings nicht verhaftet oder verfolgt, durch die Schließung des Kabaretts aber ihrer Einkünfte beraubt. 1936 kommt es zu einem Eklat, nachdem sie wegen ihres Erkennungsschlagers "Eine Seefahrt, die ist lustig" von der Nazi-Presse, die in diesem Lied versteckte Anspielungen auf Minister Joseph Goebbels erkannt haben will, verbal angegriffen wird. Daraufhin wird ein geplanter Auftritt in ihrer Heimatstadt Lübeck verboten. Bei ihrem Auftritt im Hamburger "Covent Gardengrölen organisierte Störer sie von der Bühne, als sie das Lied anstimmt. Die vier Jahre ältere Hamburgerin Heidi Kabel schaut hingegen bewundernd zu Isa auf, die ihre Seemannslieder auch auf Schallplatten aufnimmt und so ihre Popularität weiter steigern kann.

Andere, weitere Verdienstmöglichkeiten bietet ihr die Filmbranche. Meist wird Isa in Nebenrollen als Sängerin ihrer Seemannslieder gezeigt, z.B. im Film "Knock Out"mit dem damals hoch angesehenen Boxer Max Schmeling und seiner Frau Anny Ondra. Bereits 1934 hat das rothaarige Energiebündel die Filmzuschauer auch an der Seite von Sybille Schmitz ( siehe dieser Post ) im Film "Musik im Blutbelustigt.

Doch Isa will mehr als ein Rädchen im Getriebe der Nazi-Filmindustrie sein. Auf stundenlangen Spaziergängen durch den Grunewald fragt sie sich, wofür es sich lohnt zu leben. Sie beschäftigt sich mit Religion und Philosophie und entschließt sich, auf dem Abendgymnasium das Abitur nachzuholen, welches ihr wegen ihres Rauswurfs aus der Schule fehlt. Sie besteht es 1939, da ist sie 21 Jahre alt. 

Bereits 1938 hat sie auf einer Party Elisabeth von Plettenberg kennengelernt. Beim Abschied bittet Isa die anmutige, überzeugend für den Katholizismus argumentierende Gräfin, sie im Glauben zu unterrichten. "Glaube funktioniert durch Ansteckung. Wie Schnupfen!", meint Isa einmal. Elisabeth übernimmt übrigens die Aufgabe auch bei Isas Bruder Erich, so dass die Geschwister bald konvertieren. Über Motiv und Bedeutung dieses Schritts gibt Isa später diese Auskunft: "Ich suchte schon damals nach einer Sinnmitte. (... ) Gott erkennen, ihn lieben - und dienen, mehr will ich nicht." Drei Jahre später wird Elisabeth von Plettenberg den 14 Jahre jüngeren Bruder Isas heiraten. 

Lotte Jacoby "Isa Vermehren"

1939 zieht Isa in das Studentinnenwohnheim des Ordens "Sacré Coeur" im Berliner Grunewald. Sie ist fasziniert vom spirituellen Leben der Kommunität und beschäftigt sich intensiv mit dem Leben der Ordensgründerin Madeleine Sophie Barat, die 1925 von Pius XI. heiliggesprochen worden ist.

In dieser Zeit lernt sie auch den Architekten Karl Heinrich Beutler kennen, den sie als "sehr liebenswert" beschreibt. "Aber auch er fühlte eine Berufung zum Priestertum. Das hat die Liebe und das Verständnis füreinander nur noch verdoppelt." 

Sie versucht, in den Orden einzutreten, doch der lehnt sie wegen ihrer Karriere als Sängerin mehrfach ab. Beutler wiederum denkt daran, Priester zu werden, was sich ebenfalls nicht realisiert. Stattdessen wird er zum Kriegsdienst eingezogen. Er hat große Angst vor diesem Einsatz. 

Ein Jahr später lösen die Nationalsozialisten den Orden "Sacré Coeur" auf und verpflichtet die Ordensschwestern zwangsweise als Krankenschwestern. Isa meldet sich freiwillig beim Roten Kreuz. 

Mit fortschreitendem Krieg müssen die Nationalsozialisten die deutsche Bevölkerung bei Laune halten. Dafür scheint ihnen auch Isa geeignet, die fröhlich und scheinbar unbeschwert ihre Seemannslieder vorträgt. Sie wird auf eine Gastspielreise geschickt, nimmt wieder Nebenrollen in Filmen an und tritt auch in der Truppenbetreuung vor deutschen Soldaten in Kriegsgebieten auf. So kommt sie nach Norwegen, Frankreich und Italien, und 1942 auch in die Sowjetunion.

Bei der Hochzeit ihres älteren Bruders Michael 1943 verloben sich Isa und Karl Heinrich Beutler, der auf Heimaturlaub ist. Ihre Pläne, in katholische Orden einzutreten, haben sie erst einmal ad acta gelegt. Beutler kommt noch im selben Jahr in der Sowjetunion zu Tode. 

Erich & Elisabeth Vermehren

Bis dahin ist es der jungen Frau gelungen, der Willkür der Nazis zu entgehen. Doch damit ist es vorbei, als ihr jüngerer Bruder Erich, der als Diplomat & Abwehr - Agent und persönlicher Assistent von Paul Leverkuehn, dem alten Freund aus Lübeck, an der deutschen Bot­schaft in Ankara tätig ist, 1944 zu den britischen Alliierten über­läuft. In der Türkei hat Erich Zugang zu internationaler Presse gehabt, durch die ihm die Brutalität des Regimes vollends bewusst geworden ist. Mittels eines wahnwitzigen Fluchtplans - ihre Flucht aus der Türkei wird als Entführung inszeniert - gelangt er gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth von Plettenberg über Kairo und Gibraltar nach London. 

Diese spektakuläre Flucht zu den britischen Alliierten zieht weite Kreise:

Als die britische Presse mit den Worten "Cousin of Franz von Papen deserts" ( letzterer ist zu dieser Zeit deutscher Botschafter in Ankara ) über den Fall berichtet, tobt Hitler, was ein Tagebucheintrag von Joseph Goebbels belegt. Der Vorfall löst eine Krise im Reichssicherheitshauptamt aus und trägt zudem dazu bei, dass der Admiral Wilhelm Canaris als Abwehrchef entmachtet wird. Als weitere unmittelbare Reaktion erfolgt eine Vorladung Isas zum Verhör vor die Berliner Gestapo. Die kann zunächst noch glaubhaft versichern, dass sie keine Ahnung & Erkenntnisse über die Flucht hat. 

Dann wird die gesamte Familie Vermehren von der Gestapo in das Potsdamer Palasthotel berufen und dort unter Hausarrest gestellt. Isas Mutter muss dazu erst aus Lissabon, wo sie als Korrespondentin für das "Berliner Tageblatt" tätig ist, zurückkehren. Sie werden anschließend ständig überwacht und abgehört und nach fünf Wochen auf Befehl von Joseph Goebbels als ganze Familie schließlich in Sippenhaft genommen, ebenso die Plettenbergs. Isas Vater, als Jurist versiert genug, reklamiert noch, dass es ein Gesetz über Sippenhaft doch nicht gäbe. 

Zwangsarbeiterinnen in Ravensbrück

Die Nachforschungen der Behörden haben wohl bestätigt, dass die Familie nun so gar nicht zu den Befürwortern des Regimes zu rechnen ist, so dass die vergleichsweise kommode Isolierung im Hotel aufgehoben wird, und die Eltern Kurt und Petra sowie Bruder Michael werden am 15. April 1944 ins KZ Sachsenhausen deportiert, Isa einen Tag später ins Frauen-KZ Ravensbrück. Dort wird sie für knapp ein Jahr inhaftiert sein.

"Durch ihren Status als Sippenhäftling wird Isa im Vergleich zu den anderen Inhaftierten besser behandelt. Sie wird nicht in einem der Massenquartiere, sondern in einer Einzelzelle im Zellenbau untergebracht. Sie muss außerdem keine Zwangsarbeit leisten und keine Häftlingskleidung tragen. Trotz dieser Privilegien ist die KZ-Haft traumatisierend für Isa. Sie hört oft die Schreie von Menschen, die in einem nahegelegenen Kellerraum gefoltert werden, und sie hört das Gebrüll und die bellenden Hunde der SS-Männer, vor denen sie Angst hat. Während der Haftzeit ist ihr Glaube ein großer Halt, sie betet jeden Tag", berichtet die Seite "Zum Feind gemacht" des Bundesverbandes Information & Beratung für NS-Verfolgte e.V an dieser Stelle.

Wie sie in ihrem Glauben gefestigt worden ist durch diese schwere Zeit, beschreibt sie einmal so:

"Im KZ habe ich erlebt, wie Menschen miteinander umgingen: Verleumden, Verraten, Verkaufen, Verprügeln, Vernichten. Aber es gab Jesus Christus, der sich auch all das hat gefallen lassen, der durch dieses Tal gegangen ist, ohne an seinem Vater zu zweifeln. Gott steht nicht erst fürs Heile, Schöne. Er steht auch für das Kaputte, Zerstörte." 

ca. 1945
Von Ravensbrück wird sie Ende März 1945 nach Buchenwald verfrachtet und ist entsetzt über das "herzergreifende Elend", das sie unterwegs in den zerstörten Städten wahrnimmt. In Buchenwald findet sie sich in einem Sonderbau untergebracht mit anderen Menschen in Sippenhaft - alleine zehn mit dem Namen Stauffenberg ( siehe auch dieser Post ), acht der Goerdelers. Da die Front näher rückt, geht es bald weiter, weil die Nazis ihre prominenten Gefangenen nun als Faustpfand betrachten, um sich beim Gegner im Falle der Niederlage freizukaufen. Auch Dietrich Bonhoeffer ist zu diesem Zeitpunkt dabei, der dann am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg erhängt werden wird.

Nächste Station ist Schönberg nahe der tschechischen Grenze, dann Mitte April Dachau und von dort geht es weiter mit 141 anderen, darunter auch hochrangige ausländische Militärangehörige, Politiker & Kleriker wie der Pastor Martin  Niemöller, nach Niederdorf in Südtirol, wo sie am 30. April 1945 in Freiheit kommen, nachdem die SS verschwunden ist und nur noch Wehrmachtsangehörige vor Ort sind. Isa und die anderen werden dann ab 4. Mai von der amerikanischen Armee über Neapel auf die italienische Insel Capri gebracht: 

"Dieses Übermaß von Schönheit, daß uns plötzlich umgab, war uns nicht bekömmlich nach so langer Zeit härtester Entbehrungen (... )- nach kürzester Zeit war die Stimmung unerträglich", hält Isa in ihren Erinnerungen fest.

Nachdem die "amerikanische Maschinerie" in Gang gekommen ist, wird sie als unbelastet eingestuft und kann am 15. Juni 1945 zurück nach Hamburg, wo ihr Vater ist. Mittlerweile ist sie 27 Jahre alt.

Sie beginnt sofort, das Erlebte aufzuschreiben, um es zu verarbeiten. Als sie das Manuskript vollendet hat, schenkt sie es ihren Eltern zu Weihnachten. Der Vater wendet sich an den Verleger Christian Wegner, der bereits eine Verlagslizenz hat. Man ermutigt sie, daraus ein richtiges Buch zu machen, welches bereits im Jahr darauf erscheint. "Reise durch den letzten Akt" ist einer der ersten Augenzeugenberichte aus einem Konzentrationslager.

Ihren Wunsch, einem Orden beizutreten, hat sie nicht aufgegeben. Diesmal  stellt sich beim Herz-Jesu-Kloster der Sacré-Cœur-Schwestern in Pützchen bei Bonn vor. Die empfehlen ihr aber, zuerst einmal ein Studium zu absolvieren, um Lehrerin zu werden, denn diese werden jetzt dringend gebraucht. An der Bonner Uni studiert Isa daraufhin katholische Theologie, Deutsch, Englisch, Geschichte und Philosophie.

Als Erna in der 6. Episode von "In jenen Tagen"
1947

Für ihren Lebensunterhalt tritt sie auch wieder mit ihrem Akkordeon auf ( ohne das Lied von der lustigen Seefahrt! ) und nimmt eine Rolle in dem Trümmerfilm "In jenen Tagen" unter Helmut Käutner an. Sie ist sehr stolz auf diese ihre letzte Filmrolle. Der Film entsteht kurz nach Kriegsende unter schwierigsten Bedingungen, denn die meisten Filmaufnahmen müssen draußen in der Natur stattfinden, weil so viele Gebäude zerstört sind.

An der Bonner Uni unterstützt sie noch  das Studentenkabarett "Wintergärtchen", das bis 1951 dreimal wöchentlich spielt. U.a. gibt man ein zweiwöchiges Gastspiel im Düsseldorfer "Kom(m)ödchen" ( siehe dieser Post ) und tritt bei auf beim Bundespräsidenten Theodor Heuss ( siehe auch dieser Post ) in dessen Residenz auf.

Am 15. September 1951 nimmt sie der in der Mädchenerziehung wirkende Orden der Sacré-Cœur-Schwestern in das Herz-Jesu-Kloster St. Adelheid der Kongregation in Pützchen auf. Isa legt das Staatsexamen ab und arbeitet nun als Lehrerin. Ob sie das gerne gemacht hat, beantwortet sie 1987 so:

"Nein. Überhaupt nicht. Ich habe auch immer gemeint, das ist wie eine Briefmarke, die nicht klebt, aber... ich bin’s dann doch gewesen, ich bin Schulleiterin gewesen die meiste Zeit, das bin ich sehr gern gewesen. Ich bin überhaupt alles gern gewesen, so ist es nicht, aber das hat mir der Orden sozusagen als Amt gegeben, ja? Und ein Amt, das man im Gehorsam nimmt, das macht man dann auch mit großer Freude."

1961, mit 43 Jahren, wird sie also mit der Leitung der Mädchenschule betraut. "Das kann doch nicht Gottes Ernst sein", denkt sie da. Ihre Schülerinnen sprechen von ihr als liebevoll, aber auch autoritär & fordernd, lustig und nie langweilig ( danach habe ich mich in meiner Nonnenschule gesehnt! ) In ihren religiösen Ansichten bleibt sie immer konservativ, ( so hält sie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil nichts von der Idee, ihre Ordenstracht abzulegen ). Menschen gegenüber tritt sie aber liberal auf und mit ihrer Lebenserfahrung und ungebrochenen Heiterkeit wirkt sie wie ein Magnet in der Bonner Schulszene. 1969 geht sie dann aber nach Hamburg, wo sie bis zum Eintritt in den Ruhestand die Sophie-Barat-Schule leitet.

Nach ihrer Pensionierung kehrt Isa nach Bonn zurück und lebt wieder im Kloster St. Adelheid. Sie beschäftigt sich mit Glaubensfragen, hält Vorträge und publiziert Schriften. Dann erhält sie eine neue Aufgabe: Ab 1983 ( bis 1995 ) spricht sie für die ARD "Das Wort zum Sonntag" und wird so einem großen Fernsehpublikum bekannt. "Das sollte wie ein kleiner Rippenstoß, ja wie ein winziger Stachel im Fleisch wirken", beschreibt sie den Sinn ihrer TV-Verkündigungen. Die Erfahrungen aus ihrer ersten Karriere sind dabei äußerst hilfreich: 

"Ich hatte ja eine verhältnismäßig bewusste Spracherziehung mitbekommen und wusste sozusagen auch, dass es so etwas gibt wie eine Metakommunikation durch Mienenspiel und Augenrollen und Stirnrunzeln und ich weiß nicht was. Und diese Freude am Schauspielen oder am Imitieren eigentlich, nachmachen und etwas karikieren, das saß bei mir tief drin."

Später ist sie auch immer mehr bereit, um von ihren Erlebnissen während der Zeit des Nationalsozialismus zu berichten. 

2008
© isa-vermehren.de
Im Jahr 2003 bekommt Isa Vermehren das Bundesverdienstkreuz und 2006 das Verdienstkreuz des Landes Nordrhein-Westfalen. "Agathe", ihr Akkordeon, übergibt sie 2005 dem Bonner Haus der Geschichte, wo es bis heute seinen Platz gefunden hat. 

Bereits 2003 ist "Ein weites Herz. Die zwei Leben der Isa Vermehren", ihre Lebensbeschreibung durch den Hamburger Buchautor Matthias Wegner, Sohn des Verlegers von Isas erstem Buch, herausgekommen. Zehn Jahre später wird es verfilmt und vom ZDF gesendet. Das Drama löst zumindest beim Sacre-Coeur-Orden wenig Beifall aus. Dass der Film recht frei nach der Biografie entstanden ist - darauf wird im Vorspann hingewiesen. "Insoweit ist dieser Film keine dokumentarische, historisch authentische Darstellung der Vita von Isa Vermehren vor ihrem Ordenseintritt." Als befremdlich wird vor allem eine Szene empfunden, in der die homoerotische Anziehung zwischen Isa und ihrer Schwägerin Elisabeth von Plettenberg, durch die sie ja zum Katholizismus gefunden hat, angedeutet wird.

Da ist Isa Vermehren allerdings längst tot:  Mit 91 Jahren ist sie nach langer Parkinson - Erkrankung am 15. Juni 2009 im Kloster gestorben und auf dem dazugehörigen Klosterfriedhof bestattet worden.

Es gibt ein Youtube-Video, da wird Isa Vermehren von zwei zwei Sextanerinnen interviewt. Auf die Frage, warum sie in den Orden gegangen sei, antwortet sie: "Mein liebes Kind, das war der Wille Gottes. Meiner war es bestimmt nicht. Aber wenn es dann gelingt...", und sie schlägt mit der Hand auf die Stuhllehne: "... dann ist es wunderbar.

                                                                           


Sonntag, 19. April 2026

Monatsspaziergang April 2026

Vor einer Woche kam die jüngste Enkelin von einem kleinen Ausflug mit ihrer Kölner Freundin in die Flora zurück. Und als ich nachfragte, was sie gemacht hätten, kam in ihrem Bericht vor, dass sie auch in Gewächshäusern gewesen seien."Gewächshäuser?", fragte ich. "Sind die wieder auf?" - "Ja!". Eine gute Nachricht für mich, warte ich doch seit Jahr und Tag darauf und habe sogleich beschlossen, sie bei nächster Gelegenheit aufzusuchen. Die war vorgestern. Diesmal hatte ich einen Zugang zum Botanischen Garten von der Johannes-Müller-Straße gewählt:

Es grünt so grün! Geh aus mein Herz und suche Freud...

Und fast bin ich schon am Ziel...

Aber dann: Überraschung! Da hat die Enkelin oder ich was falsch verstanden ( aber das lässt sich aufklären ).

Tropenhaus....

... wie das zum Wüstenklima kann ich also nicht besuchen. Macht aber nichts, denn die Orangerie und das Subtropenhaus sind offen. Und dort gibt es so viel zu sehen, denn die Kameliensammlung ist nicht ohne!

Camellia Cuspidata - Hybride "Spring Festival"



Neben den Kamelien gibt es auch etliche grandiose Strauchpäonien.


Im Subtropenhaus geht es üppig zu.






Was da so zahlreich magentafarben wächst...

... heißt Flieder - Primel Primula malacoides und kommt aus China bzw. Myanmar.


Und das sind die Blüten des Traubenapfels Raphiolepis x delacourii, ebenfalls in Ostasien und Südostasien ursprünglich zu Hause.


Manchmal versteckt sich auch eine Skulptur wie diese Amazone.


Die Blätter der Zantedeschie - bei uns unter dem Namen "Calla" geläufig - sind aber auch riesig.



Dann wende ich mich der Orangerie zu, denn die hat auch beeindruckende Pflanzenschätze zu bieten wie diese Kreuzblume Polygala myrtifolia var. grandiflora aus Afrika, bei uns eine doch verbreitete Kübelpflanze.

Aber wer kennt die Scharlachrote Myrtenheide Meleleuca fulgens aus Westaustralien?



Oder die Silbereiche Grevillea, ebenfalls aus diesen Breiten?


Nuxia floribunda, allgemein bekannt als Wald-Nuxia, Waldholunder oder Wildholunder, ist ein Baum, der in den feuchten Regionen des südlichen, östlichen und zentralen tropischen Afrikas beheimatet ist.


Faszinierend, die Blätter der Artischocke, die...


... wie die Agave in einem sehr trockenen Bereich zwischen Orangerie und dem großen Schaugewächshaus angesiedelt ist.

Fünfundzwanzig Fotos soll ja der Monatsspaziergang nicht übersteigen. Ich bleib dabei und suche nun zwecks Verlinkung Heikes Blog auf.
                                                                     

Samstag, 18. April 2026

Meine 16. Kalenderwoche 2026

"Wer heute behauptet,
 die Geschichte des Faschismus in Deutschland 
sei ein abgeschlossenes Kapitel,
 der hat nicht verstanden, 
dass die bösen Geister von damals nicht 
in den Ruinen von Buchenwald geblieben sind. 
Sie warten darauf, in verunglimpfender Sprache, bösartiger Hetze, 
im dumpfen Ressentiment und in der alltäglichen Gleichgültigkeit 
wieder geweckt zu werden.
…..
Wer diese wertvolle Erinnerung ausblenden will, 
wer diese Zeit zu einem ‚Vogelschiss‘ herabwürdigen will, 
der greift unser Fundament an."
Hape Kerkeling in Buchenwald am 81. Jahrestag der Befreiung

"Zwischen wahr und falsch kann auch die Dunkelheit den Unterschied nicht auslöschen."

Gábor Schein, ung. Schriftsteller zur Wahl am 12. April





Am letzten Samstag machte ich mich mittags mit der Enkelin auf die Reise nach ihrem Zuhause in München, die Ferien gingen ja zu Ende. Im Proviant - wie die ganz Woche bereits - Erbsen in der Schote. Diesmal fuhren wir die Strecke über Würzburg bei blauestem Himmel und Sonnenschein.



Doch kein entsprechender Sonnentag am Tag darauf. Der Himmel zeigte sich betrübt & Wolken verstellten meinen geliebten Zugspitzblick, was zu unserer Stimmung nach den erneuten familiären Erschütterungen der vorangegangenen Donnerstagnacht passte. Jeder brauchte Rückzug: Die "Kleine" beschäftigte sich mit der Seifenherstellung, die "Große" mit der Recherche im US-Nationalarchiv zur NSDAP-Mitgliedschaft der Vorfahren, die Tochter mit Lernen, und ich habe gelesen. Auf Draußensein kriegte frau bei 10 Grad einfach keine Lust. ( Die Fotos davon sind - zusätzlicher Frust -  zusammen mit meiner SD-Karte verschwunden. )



Überhaupt das Wetter: ein wahrer Spielverderber bei meinem Kurzaufenthalt in M. Ebenso die MVG: Streik am Dienstag. Also hab ich mich Alltagsdingen zugewandt und der Kinderbetreuung und weiterhin gelesen. Gehört habe ich u.a. das Flötenspiel der Enkelin und den Körper-Blues, den die Tochter für den Unterricht einstudiert hat.. 



Ein kurzer Trip zum Viktualienmarkt musste aber für mich sein, um wieder die geschätzte Liesl Karlstadt zu sehen,...




... bevor ich am Mittwochnachmittag wieder nach Hause reiste. Dort erwartete mich am nächsten Morgen eine leuchtend blühende Terrasse ( und etwas selbst verursachtes Chaos im Haus ).




Aber bevor es letzterem an den Kragen ging, bin ich durchs Veedel...



...spaziert und habe mir die Haare schneiden lassen. Immerhin war es 20°C warm, da bummelt frau mit Genuss.


In diesem Frühjahr blühen wieder die Tulpen ganz wunderbar in den Töpfen, hatte ich doch im Dezember beim Pflanzen mit feinem Maschendraht den Plündereien von Mäusen oder Vögeln einen Riegel vorgeschoben. Auch die Gleditschie straßenseits vor meinem Badezimmerfenster treibt schon aus ( die großen Linden im übernächsten Hinterhof sind auch schon gut belaubt ).


Die für den Freitag angekündigten Temperaturen haben mich in meinen alten Schulbezirk getrieben, wo ich mal einen anderen Zugang zum Botanischen Garten gewählt habe, um auf Fotosafari zu gehen ( so viel dann zum Hobby ). Das Ergebnis gibt es morgen im Blog zu betrachten.


Diese Anlage ist im Frühjahr immer wieder ein ganz besonderes Erlebnis für mich. Der krönende Abschluss war mal wieder die Einkehr bei "Dank Augusta".

Zuletzt mein Web-Fundstück der Woche - ohne große Worte: Es spricht für sich, oder?


Ich geh jetzt lieber den Lenz und seine Pracht genießen, statt weiter zu schreiben. Vorher verlinke ich mich noch mit dem Samstagsplausch, mit "Niwibo sucht...", den Glücksmomenten bei Annette/ Augensternwelt, dem Mosaic Monday und den "Sonntags Top Sieben" bei Anni...

Macht et joot!