Gefüllt wurde sie mit einer Celosie , Rudbeckia triloba 'Prairie Glow'
Freitag, 7. August 2026
Friday - Flowerday #32/26
Gefüllt wurde sie mit einer Celosie , Rudbeckia triloba 'Prairie Glow'
Donnerstag, 6. August 2026
Great Women #465: Rut Brandt
Ja, wie das Leben so spielt: Auch der heutigen beeindruckenden Frau durfte ich als Jugendliche die Hand schütteln beim Sommerfest 1970 ihres Ehemannes, des damaligen Bundeskanzlers. Sie hat mich damals sehr beeindruckt mit ihrem unvoreingenommenen Zugehen auf Menschen, ihrer geradezu charismatischen Ausstrahlung: Rut Brandt.
"Wir lernten früh, dass es wichtig war, hübsch gekleidet zu sein. Arm war man, wenn man in zerlumpten Sachen herumlief und wenn man dreckig war." ( Quelle hier )
Einen Vater vermisst sie nicht, denn die Mutter gibt Sicherheit und Wärme; ganz anders in der Nachbarschaft, wo die Kinder Angst vor dem Vater haben, wenn er am Zahltag betrunken heimkehrt. Durch die Erzählungen der Mutter wird der eigene Vater allerdings auch zu einer Märchengestalt. Und, so die jüngste Schwester: "Mütter heiraten nicht." Die eigene Kindheit wird Rut später in ihrer Autobiografie "Freundesland" so beschreiben, wie wir es aus den Bullerbü-Büchern & -Filmen kennen, mit all den beeindruckenden skandinavischen Traditionen und Bräuchen.
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| Hamar um die Jahrhundertwende |
Als sie zehn ist, erleidet Ruts Mutter eine erste Gehirnblutung. Sie kann zwar die Lähmung überwinden und teilweise auch wieder arbeiten. Aber über dem Mädchen Rut & ihren Schwestern lastet die Sorge, sie endgültig zu verlieren, wie eine dunkle Wolke. Sie ist eine begabte Schülerin, der ihr Lehrer mehr zutraut. Doch die Armut ihrer Familie zwingt sie, die Schule mit 15 Jahren zu verlassen. Sie arbeitet dann als Verkäuferin in einer Bäckerei, als Hausangestellte und beginnt schließlich eine Schneiderlehre. Außerdem engagiert sie sich politisch. Mit 16 Jahren tritt sie der sozialistischen Jugendorganisation bei, was ihren Lebensweg prägen wird. Die Gruppe wendet sich gegen den für Europa bedrohlichen Faschismus, als dieser von Norwegen noch weit entfernt ist.
Die deutsche Wehrmacht überfällt Norwegen am 9. April 1940 im Rahmen des "Unternehmen Weserübung", so der Deckname. Die Nazis wollen so ihre Eisenerz-Zufuhr aus Schweden sichern und der britischen Marine zuvorkommen. Die Norweger leisten erbitterten Widerstand, kapitulieren aber schließlich am 10. Juni 1940.
Rut ist da gerade zwanzig Jahre alt. Ihre Gruppe wird verboten, die Mitglieder hören allerdings regelmäßig die norwegischen Nachrichten der BBC. Mit ihrer Schwester Tulla produziert sie eine illegale Zeitung - "Radionytt – H7" - mit einer Auflage zwischen ein- bis dreitausend Exemplaren. Diese werden durch Eisenbahner im Land verbreitet. Rut ist also Teil des norwegischen Widerstands und muss 1942, nach kurzer Haft, mit ihrer Schwester ins schwedische Nachbarland fliehen. In Stockholm arbeitet sie für das norwegische Pressebüro und trifft ihren Freund Ole Olstadt Bergaust, einen Eisenbahner, ebenfalls im Widerstand, wieder, den sie dann im Herbst des Jahres heiratet. Auf ihrem Hochzeitsfest ist auch der 28jährige Herbert Frahm, Kampfname "Willy Brandt", anwesend, der aus Lübeck stammt, schon seit 1933 im Exil ist und 1940 in Stockholm die norwegische Staatsbürgerschaft bestätigt bekommen hat. Rut ist eine beeindruckend strahlende, dunkelblonde Schönheit voller natürlichem Stolz, ungekünsteltem Charme und einer fröhlichen Herzlichkeit von zweiundzwanzig Jahren.
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| 1940er Jahre |
Besser bekannt werden die Beiden miteinander allerdings erst ab Ende 1943, als sie mit dessen Ehefrau Carlota gemeinsam bei der norwegischen Legation in Stockholm arbeitet.
Gemeinsam ist ihnen, dass beide aus einer Arbeiterfamilie stammen, vaterlos aufgewachsen sind und sich im Widerstand gegen die deutschen Besatzer Norwegens befinden. Das schafft Nähe, die wiederum in Liebe mündet und unter großen Gewissensbissen so lange wie möglich geheimgehalten wird. Später führt das zu heftigen Konflikten, hat doch Brandt mit Carlota eine vierjährige Tochter, und Bergaust ist schwer tuberkulosekrank ( er wird Ende 1946 sterben ).
"Durch beruflich bedingte Trennungen, zu denen es in den ersten beiden Jahren nach Kriegsende häufig kommt, sind sich Willy und Rut lange Zeit unsicher, ob sie eine gemeinsame Zukunft haben können. Sie schreiben sich sehr viele Briefe, in denen er auch seine Zweifel an der Institution Ehe offenbart. Aber das Gefühl, zusammen zu gehören, ist stärker." ( Quelle hier )
Zum 27. Geburtstag schreibt ihr Willy Brandt: "Geliebte! Ich träume und muss an das erste Mal denken, als ich dich sah." Er befindet sich da mittlerweile in Berlin bei der Norwegischen Militärmission "in der härtesten Kältewelle im strengsten Nachkriegswinter, wo die Berliner unterhalb des Existenzminimums lebten". Nach Ostern kann Rut aus Oslo nachkommen - mit dreizehn Gepäckstücken im Abteil, im Rang eines Leutnants. In Berlin wird sie als seine Sekretärin arbeiten. "Ich kam nach Berlin, als die Stadt eine große Ruine war", berichtet Rut später. Aber sie schreibt auch, sie habe das Gefühl gehabt, heim zu kommen. Jedoch: "Not und Elend nahmen mir den Atem."
"Die beiden Jungen auf dem Kurfürstendamm werde ich nicht vergessen. Der Größere, mit erwachsenen Augen, zog den Kleineren hinter sich auf einem 'Volkswagen', einem Brett mit vier Rädern. Von seinen Beinen waren nur noch die Oberschenkel da."
Sie will helfen, aber ihre Uniform führt immer wieder zu Ablehnung. Dann bekommt sie Heimweh und wünscht sich, diese Uniform ablegen zu können. Sie gehört halt zu den privilegierten Besatzern, lebt in beschlagnahmten Häusern mit beschlagnahmten Betten, speist in alliierten Restaurants, geht in alliierte Kinos & Klubs, zahlt mit Militärgeld. Bald kann sie mit Brandt zusammen in Charlottenburg wohnen, auch wenn das nicht unbedingt gern gesehen wird.
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| "Tyskertøser" 1945 |
Rut fertigt eine Fotoreportage für die norwegische Zeitschrift "Aktuell" über die Situation der Frauen und ihrer Kinder in einem Lager. "Der Artikel wurde keine Sensation, erweckte aber Aufmerksamkeit." Die Reaktionen pendeln zwischen Hilfsbereitschaft einerseits und Hassattacken andererseits.
Mit dem Beginn des Jahres 1948 übernimmt Willy Brandt den Posten eines Vertrauensmannes des SPD-Vorstands in Berlin. Zu der Stellung gehört ein Auto mit Chauffeur und ein kleines möbliertes Haus mit einer Hausangestellten. Aus Norwegen werden sie mit Lebensmittelpaketen versorgt, die mit diplomatischen Sendungen nach Deutschland gelangen. "Wir waren privilegiert." Rut hört bei der Militärmission auf:
"Und so wurde ich - trotz der Warnungen von Freunden und norwegischen Beschwörungen und schwedischen Bekreuzigungen und dänischer Bitten - eine deutsche Hausfrau."
Am 4. September 1948 heiraten sie, nachdem er von seiner ersten Frau geschieden ist. Da ihr Mann bürgerlich noch Herbert Frahm heißt, trägt Rut bis 1949 den Namen Rut Frahm. Nur einige Wochen später, am 4. Oktober, wird der gemeinsame Sohn Peter geboren, bei Stromsperre in Berlin und einem werdenden Vater in Westdeutschland. Der Junge kommt nämlich während der Blockade zur Welt. Die Arztrechnung muss mit Zucker, Margarine, Mehl & Ziegenkäse bezahlt werden.
Eine neue Angestellte, eine Vertriebene aus der Neumark, kommt ins Haus, die bis zum Ende der Berliner Zeit bei ihnen bleiben wird und Rut eine feste Stütze und den Kindern eine wohlwollende Zweitmutter sein wird. Im Mai 1949 wird die Blockade aufgehoben, Brandt wird als Berliner Abgeordneter der SPD in den ersten Deutschen Bundestag entsandt. Bereits bei diesem ersten Wahlkampf muss die junge Frau Erfahrungen mit Intrigen, Verleumdungen und persönlichen Angriffen & Verletzungen in anonymen Briefen machen - für sie die "dunkelsten Erinnerungen" an das Nachkriegsdeutschland:
"Ich war für deutsche Wahlkämpfe nicht dickhäutig genug." Und: "Eine gute Stütze war ich nicht. Ich begriff nicht, wie wichtig es für ihn war, Einfluß zu bekommen.[... ] Macht war für mich etwas Diktatorisches, aber, das wir von der Besatzungszeit kannten."
In diesen schmutzigen Wahlkämpfen spielt u.a. die Tatsache, dass sich Willy Brandt auf der Flucht vor den Deutschen als norwegischer Soldat getarnt hat, eine Rolle: Seine politischen Gegner wie die neu-alte Rechte werfen ihm vor, in norwegischer Uniform gegen deutsche Soldaten gekämpft, auf sie geschossen und Vaterlandsverrat geübt zu haben. All das ist frei erfunden. Zudem ist Brandt bereits 1938 die Staatsbürgerschaft von den Nazis entzogen worden, er ist also staatenlos gewesen. Was er hätte verraten können, gab es für ihn nicht mehr.
1949 ziehen die frisch gebackenen Eltern in ein bescheidenes Reihenhaus am Schlachtensee, wo sie bis 1964 leben werden. Im Juni 1951 ergänzt Lars "Lasse" die Familie. Die Familiensprache wird Deutsch, mit dessen Grammatik sich Rut jedoch schwer tut. Die Eheleute unterhalten sich untereinander allerdings auf Norwegisch.
Als ihr Mann 1955 zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses gewählt wird, dem er ebenfalls seit 1950 angehört, muss sie immer mehr mit der Öffentlichkeit umgehen lernen. Dass ihr das nicht ganz leicht fällt, lässt sie sich nicht anmerken. Sie bewahrt sich in vielem eine unkonventionelle Haltung, trägt weder Hüte, wie damals in bürgerlichen Kreisen unumgänglich und in dieser Position sowieso, auch keinen Ehering. Und doch hält sie sich — aus Rücksicht auf ihre Position — politisch zurück. Mit ihrem Mann ergänzt sie sich perfekt: Rut ist warmherzig, aufgeschlossen, kommunikativ und offen, während Brandt kühl und distanziert erscheint. So wird sie später eine entscheidende Rolle bei seinem politischen Aufstieg einnehmen, und ihr wird im Nachhinein der Verdienst zugesprochen, dass für ihren Mann politische Gesprächspartner zu Freunden werden.
Am 3. Oktober 1957 wird Ruts Ehemann dann als Nachfolger des verstorbenen Otto Suhr zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt. Von ihrem Reihenhaus ist es nicht weit in den Grunewald, wo der Regierende Bürgermeister und seine Familie in einer vom Senat gekauften Dienstvilla ab da wohnen sollen. "Sie war Berlins Antwort auf Jackie Kennedy: schön, charmant, elegant", schreibt der "Tagesspiegel" einmal. Sie selbst schreibt dazu:
"Ich gönnte ihm, daß er seine Ambitionen erfüllen konnte, aber ich hatte keinerlei Ambitionen ins Rampenlicht zu treten. Ich hatte Angst vor dem Unbekannten."
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| ( ca. 1955 ) |
Sie versucht, nur das Allernotwendigste an öffentlichen Auftritten zu absolvieren, lässt Zuhause alles ablaufen wie immer, macht den Führerschein, kauft sich einen VW.
Doch es geht richtig los mit dem öffentlichen Interesse: Fotografen bleiben nicht vor der Schwelle, sie lassen sie in leeren Töpfen rühren, begleiten sie zum Markt. Das Paar lässt sich ablichten, mal mit, mal ohne Kinder. Es kommen Massen von Briefen, in denen sie Tipps gegen ihre heisere Stimme bekommt, auch, wie sie ihre Söhne erziehen soll. Es kommen Bettelbriefe und solche, die um anderweitige Unterstützung bitten, Päckchen mit gehäkelten Topflappen. Und es kommen internationale Gäste ins Haus und Reisen ins Ausland stehen an, u.a. 1959 zum 150. Geburtstag von Abraham Lincoln in Illinois. In New York hätte sie gerne mehr Ruhe, aber die Tour ins Innerste der Staaten findet sie dann wunderbar.
"Nur so konnte man in Berlin leben: mit einem unverrückbaren Blick in die Zukunft. Es lag mitten in der russischen Zone, ständig kleinen Krisen und Nadelstichen ausgesetzt, oft schwer zugänglich und immer von dem beeinflußt, was draußen in der Welt geschah. Aber daran dachten wir nicht jeden Tag."
Am 13. August 1961 ist so ein Ausnahme-Tag, an dem Rut früh morgens von Heinrich Albertz aus dem Schlaf gerissen wird ( ihr Mann ist in Westdeutschland während der Wahlkampf - Schlussphase ): die Sektorengrenze wird abgesperrt, in den Folgetagen werden an einigen Stellen Mauern errichtet, an anderen Zäune aufgestellt und Stacheldraht gezogen.
"... brach Brandt seine Wahlkampftour ab, setzte sich mit dem US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy in Verbindung und zeigte öffentlich 'eine entschiedene Haltung', die dem Empfinden der Berliner Bevölkerung entsprach. Mit seinem Verhalten nach dem Mauerbau übernahm Brandt im August 1961 eine nationale und überparteiliche Rolle und gewann 'weiter an politischer Statur'.“( Quelle Wikipedia )
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| 1961 ©dpa |
Neben den repräsentativen und gesellschaftlichen Aufgaben übernimmt Rut auch immer wieder das emotionale Management ihres viel beschäftigten Mannes, der regelmäßig in depressive Phasen verfällt - wie sie meint, immer im Herbst. Nach außen werden lapidare Gesundheitsbulletins gegeben.
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| 1967 |
Rut versucht beide zu stützen, ist aber der Meinung, dass der Sohn ihrer mehr bedürfe. Zuvor ist schon ein kleiner Sturm losgebrochen gewesen, weil Peter und Lars in der Verfilmung von Günter Grass' "Katz und Maus" mitgewirkt haben. Wieder kommen anonyme Briefe zahlreich ins Haus. Ihr konfliktscheuer Ehemann überlässt immer wieder ihr als Mutter, den Söhnen die Sachlage klar zu machen, so ganz in traditioneller Manier.
Als der Bundestag am 21. Oktober 1969 Willy Brandt zum vierten Bundeskanzler in der Geschichte der Bundesrepublik wählt, ändert sich noch einmal Ruts Leben.
"Jeder neuen Phase begegnete ich mit Unsicherheit und Unruhe", erzählt sie einmal, auch, dass sie sich vor den Spiegel gestellt und gesagt hat: "Ich bin ich, bin ich." Das stamme aus einem norwegischen Märchen: Ein kleines Mädchen ist nervös und ängstlich, und dann spricht es sich vor dem Spiegel Mut zu. "Natürlich hatte ich zuweilen Angst davor, so aufzutreten, wie man es von mir als Frau des Bürgermeisters, Außenministers oder Kanzlers erwartete. Das ist wahr. Ich glaube, dieser Erwartungsdruck lastet in solchen Situationen auf allen Frauen, vielleicht ja auch auf den Männern."
Nach außen hält sie sich wie gewohnt politisch zurück und scheut eher das Rampenlicht. Kritik an ihm äußert sie nur im privaten Zwiegespräch mit ihrem Mann, nie vor anderen. Ihr ist bewusst, dass er schwer damit umgehen kann. Aber in der damaligen Zeit verändert sich etwas entscheidendes in den Medien: Man will den Muff der Adenauer - Jahre hinter sich lassen und eine offenere Gesellschaft, ja ein ganz neues Weltbild, ermöglichen:
"Das 'Image' des Politikers Brandt wurde ebenso wie dessen politisches Anliegen über die Doppelseiten der Printmedien an die Leser herangetragen. Für die Illustrierten diente Emotionen als vermittelndes Element, um Politik assoziativ zugänglich zu machen. Die Fotografie diente hierfür als ideales Vehikel in einem Zeitschriftengenre, das vorwiegend seine Themen mit mehr Bildern als Text herausbrachte. Der oft betitelte 'Medienkanzler' wurde in der auflagenstarken Illustrierten Stern (Druckauflage 1970 1,9 Millionen, ohne Österreich) für die breite Bevölkerung in zahlreichen Berichten visuell verhandelt", so Miriam Zlobinski an dieser Stelle.
Es sind bewegte Zeiten: 1971 erhält Brandt den Friedensnobelpreis, was für Rut als Norwegerin besonders berührend ist. Dann das Misstrauensvotum im Bundestag im April 1972 - an die bedrückende Stimmung an diesem Tag kann selbst ich mich noch gut erinnern und den Aufruhr in meinem Haus in Bonn.
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| Guillaume rechts unten ©dpa |
Es scheint so gewesen zu sein, dass er unausgesprochen erwartet, dass seine Frau ihm den Rücktritt ausreden würde, als er ihr am 6. Mai 1974 seine Überlegungen am Bettrand vorträgt. Sie aber antwortet nur: "Das finde ich richtig. Einer muss die Verantwortung auf sich nehmen." Später wird er ihr sogar vorwerfen, mit ihrer Haltung für den Rücktritt verantwortlich gewesen zu sein. "Das war der Anfang vom Ende, aber es sollte noch mehrere Jahre dauern."
Die Familie findet schnell ein neues Domizil auf dem Venusberg, und Rut und ihre Söhne genießen erst einmal den Abstand in ihrer norwegischen Hütte. Der jüngste Sohn ist noch keine dreizehn Jahre alt, und Rut versucht ihn, vor dem medialen Rummel zu bewahren.
Schwer belastet wird die Beziehung auch durch sein Geständnis, eine Liebesbeziehung zu ihrer Freundin Heli Ihlefeld gehabt zu haben. Die Sache sei nun aber beendet, erklärt Willy. Mehr mag er darüber nicht erzählen. "Ich war gewöhnt, nichts zu hören und auch nichts zu erfahren, wenn ich fragte", notiert Rut. "Er ging schnell darüber hinweg und sagte, dass alles unwichtig sei."
Sie akzeptiert also dieses Verhalten, doch der Prozess der gegenseitigen Entfremdung schreitet nur weiter fort. Brandt, der ja immer unter Melancholie gelitten hat, verfällt zunehmend in Depressionen und ist auf der Suche nach sich selbst. Er behält zwar den Vorsitz der Sozialdemokratischen Partei, doch sein Nachfolger, Bundeskanzler Helmut Schmidt, schwächt seine Position innerhalb der Partei weiter. Bis 1978 bleibt er noch SPD-Vorsitzender und Präsident der Sozialistischen Internationale, bis ihn ein Herzinfarkt ereilt. Seine Frau und die Söhne hält er in seiner Rehabilitationsphase auf Distanz.
Als ihr Mann ihr die Affäre mit seiner Mitarbeiterin Brigitte Seebacher gestanden habe, sei er verblüfft gewesen, "dass ich fast alles schon wusste", so Rut später. "Er wollte, dass wir gemeinsam weiter unter einem Dach wohnen bleiben, aber das konnte ich nicht. Ich wollte mich scheiden lassen." Dem "Stern" gegenüber erklärt sie, die bevorstehende Scheidung sei auf "nicht nur einen Grund, sondern auf eine Reihe von Dingen" zurückzuführen.
Im Februar 1979, Brandt kehrt nach seinem Herzinfarkt wieder ins politische Leben zurück, meldet die Deutsche Presse-Agentur: "Willy Brandt und seine Frau sind übereingekommen, die rechtlichen Schritte für die Auflösung ihrer Ehe einvernehmlich einzuleiten." Rut dazu:
"Ich verstand nicht, warum dies notwendig sei, aber ihm war es wichtig, und mir war es gleichgültig. Ich hatte eine Art Ruhe gefunden, und es kümmerte mich im Augenblick nicht, was die Leute und die Presse daraus machen würden. Das war für mich etwas Neues und eine gute Erkenntnis... Ich fühlte mich eingesperrt in der Stellung, der Position und der Rolle, die mir zugeteilt war..."
Rut ist jetzt 59 Jahre alt, 27 Jahre werden noch vor ihr liegen, in denen sie ihr Leben führen kann. Mit Mathias zieht sie in eine Wohnung in Bonn. Die Scheidung wird am 16. Dezember 1980 vollzogen. An diesem Tag trinken sie in der Wohnung ihres Sohnes Lars ein Glas Wein:
"Jeder von uns erzählte eine lustige Episode, als ob wir uns vorbereitet hätten. Wir lachten und waren freundlich. Aber wir erwähnten nicht die 33 Jahre, die wir zusammen gelebt hatten. Es waren die wichtigsten Jahre unseres Lebens, voll von Gutem und weniger Gutem."
Dann gehen sie auseinander. Doch dieser Tag ist nicht, wie es Rut sich erhofft hat, ein Tag, an dem eine Freundschaft beginnt, sondern es folgt ein schwer lastendes, unversöhnliches, nachtragendes, verletzendes Schweigen. Sie werden nie wieder miteinander sprechen und sehen sich nur noch im Fernsehen. Im gesellschaftlichen Leben der damaligen Bundeshauptstadt bleibt sie präsent, was als Zeichen der Wertschätzung für ihre Person ausgelegt werden darf.
Ab 1982 lebt Rut mit dem dänischen Journalisten & alten Freund Niels Herbert Nørlund, Bonner Korrespondent der Zeitung "Berlingske Tidende", in Kopenhagen, dann in Roisdorf bei Bonn zusammen. 1992 stirbt ihr ehemaliger Mann und es erregt mal wieder Aufsehen, dass sie nicht an seinem Begräbnis teilnimmt:"Ich bin nicht Willy Brandts Witwe – und ich will es auch nicht sein. Selbst wenn ich eine Einladung erhielte, würde ich nicht zu dieser Beerdigung gehen."
Ihre weiteren Memoiren "Wer an wen sein Herz verloren: Begegnungen und Erlebnisse" , erscheint 2001 in München und konzentriert sich auf 143 Seiten auf persönliche Beziehungen, Trennungen und Reflexionen über Brandts politischen Aufstieg und Fall, wie ihn seine Familie, darunter die Söhne Peter, Lars und Matthias, erlebt haben.
Wenige Wochen vor Niels Nørlunds Tod zieht Rut mit ihm in in eine Wohnung in einer Schöneberger Seniorenresidenz, wo er einen Tag vor seinem 80. Geburtstag im August 2004 seinem Krebsleiden erliegt. Sie selbst beginnt an Alzheimer zu erkranken. Zwei Jahre später, am Nachmittag des 28. Juli 2006, stirbt auch Rut Brandt im Alter von 86 Jahren in der Berliner Einrichtung. Die Familie wählt als Leitspruch für die Traueranzeige einen Satz des norwegischen Literaturnobelpreisträgers, Dichters, und Politikers Björnstjerne Björnson: "Es gibt Sonne genug, es gibt Acker genug. Hätten wir nur der Liebe genug."
Rut Brandt ist auf dem Waldfriedhof Berlin-Zehlendorf beigesetzt, wo sich auch Willy Brandts Grab befindet. Seit dem 12. Juli 2016 ist als Ehrengrab des Landes Berlin ausgewiesen. Was auch bewahrt bleibt bis heute: Ihre Popularität als eine der beeindruckendsten First Ladies Deutschlands, findet selbst die "New York Times" in ihrem Nachruf. Mir ist sie bis heute vor Augen, wie damals im Sommer 1970...
Montag, 3. August 2026
Bücherlese Juli 2026
Auf Audrey Magee, Autorin von "Die Kolonie", bin ich bei einer anderen Buchbloggerin gestoßen & neugierig geworden. Dieser Roman stand auf der Longlist für den Booker Prize 2022. "Ein Londoner Künstler und ein französischer Linguist landen im Sommer 1979 auf einer abgelegenen irischen Insel. Der Künstler ist angereist, um die zerklüfteten Klippen im Atlantik zu malen, der Linguist, um den Niedergang der irischen Sprache zu verfolgen. Jeder der Männer will die unberührte Insel und seine Bewohner für sich allein haben: Der eine, um sie in Ruhe zu malen und endlich ein besonderes Kunstwerk zu schaffen, der andere, um eine Sprache zu retten, die gar nicht die seine ist", so der Klappentext des Verlages.
Gleich zu Anfang ist so, dass einem dieser englische Maler in all seiner Selbstbezogenheit ( alles etikettiert er in seinem Innern mit einem Titel für ein entsprechendes Gemälde ) schon recht unsympathisch ist, wie er da dieses kleine irische Felseneiland mittels eines kleinen Curraghs "erobern" will und doch nur eine jämmerliche Figur abgibt. Aber der andere ist auch nicht viel einnehmender, kommt er mir schon leicht fanatisch in seiner Art vor, mit der er die vergehende Sprache retten will, und seinem reichlich paternalistischen Umgang gegenüber seinen Gastgeber*innen.
"Zwei Bullen auf der Weide", kommentieren die Frauen, die die beiden Sommergäste mit Essen und allem anderen versorgen. Beide sind Witwen, die ihre Männer beim Fischfang verloren haben, sowie der halbwüchsige Sohn der Jüngeren, James, für mich der eigentliche Held des Buches zusammen mit seiner Mutter. Die Aufnahme von diesen zahlenden Sommerfrischlern garantiert ein karges Einkommen. Während also der Maler - Lloyd mit Namen - mit seinen Pinseln und Farbtuben in die Intimität der Inselbewohner einzudringen beginnt und den Jungen, der eben nicht Fischer werden will, begeistert und zu eigenen - gekonnten - künstlerischen Versuchen animiert, verteidigt der Sprachwissenschaftler Masson sein Terrain: Er zeichnet nunmehr schon im fünften Jahr das bedrohte Gälisch mit Hilfe der Urgroßmutter auf. Beiden Männern geht es um Titel, Ruhm, eine bessere Stellung, also nur um sich selbst - ganz schön überheblich, das alles! Warum, das wird allmählich im Laufe der Erzählung immer offensichtlicher.
Schwierig wird es, als James/ Séamus Mutter Mairéad, die mit dem Franzosen eigentlich eine Affäre unterhält, beginnt, für den Maler Modell zu stehen, auch als Akt. Sie erträumt sich ihre ganz eigene Chance auf einen eigenen Auf- und Ausbruch, wenn sie auf Lloyds Gemälden in bekannten Galerien in London zu sehen sein würde. Was bleibt ihr sonst? Der ohnehin auf sie lauernde Schwager als Ehemann, der sie nach seinen Vorstellungen formen will und ihr Kinder machen, die auch wieder nur Fischer werden?
Während es also bei den Inselbewohner*innen weitgehend ums materielle Überleben geht, fügt die Autorin in kurzen Zwischenkapiteln den Kampf & die Anschläge in der damaligen Zeit in Irland ein. Ganz sachlich-nüchtern erwähnt sie Namen, Alter, Familienverhältnisse der während der sogenannten "Troubles" Ermordeten, also jenen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Nordirland und Irland, zwischen Katholiken und Protestanten. James träumt währenddessen schon von sich und seiner Kunst als Friedensstifter...
"Für euch zwei scheint die ganze Welt nicht groß genug zu sein", meint die irische Urgroßmutter beim Abschied zum Linguisten und umreißt damit, was patriarchalische, koloniale Attitüden auf dieser Welt ausrichten, Ausbeutung und Unterwerfung auch in einem eher immateriellem Sinne. Der Schluss beschreibt die bleibende explosive Stimmung unter den Menschen. Ein bemerkenswertes und vielschichtiges, auch bedrückendes Buch.Wenn der Name Axel Spilcker irgendwo in den Medien auftaucht, bin ich immer ganz Ohr, denn er ist zu seinen Zeiten als Polizeireporter beim Stadtanzeiger mein Nachbar gewesen. Überrascht war ich dann sehr, als ich von seinem Buch "Hitlers Gefolgsmann" erfahren habe. Neugierig auf den Reader geladen, denn Spilckers Großvater war kein anderer als der hier aus dem Bergischen stammende führende & fanatische Nazi-Politiker Robert Ley.
Als Reichsleiter der NSDAP und Leiter des Einheitsverbands Deutsche Arbeitsfront gehörte er zur Spitze des NS-Regimes und entzog sich einer Verurteilung beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher durch Suizid. Mir persönlich hat sich sein Name auch eingeprägt durch meinen Besuch der Ordensburg Vogelsang in der Eifel, einer Ausbildungsstätte für zukünftiges, ideologiefestes Führungspersonal nach seinen Ideen.
Das Buch ist noch einmal eine umfangreiche Geschichtsstunde und zusätzlich eine ganz private Geschichte, die wieder einmal illustriert, wie bis heute Familien von Tätern tief in die Traumata dieser Zeit verstrickt sind und wie schwer sich auch die dritte und vierte Generation tut, über die Auswirkungen auf ihr Leben nach dem Ende des Regimes zu reden und zu reflektieren. Das ist dann auch eine tieftraurige Erzählung über Menschen, die fast ausnahmslos schwer beladen durchs Leben gehen bzw. gingen und teilweise auch darin scheitern. Die Verdrängung in der Familie Ley/Spilcker hat System, denn Erinnerungsarbeit tut weh. Aber weil Teile des "inner circle" Robert Ley bis heute verklären oder sogar verehren, sah Spilcker sich erst recht veranlasst, das Buch zu schreiben.
Dann wieder ein krasser Zeit- wie inhaltlicher Sprung ins frühe 19. Jahrhundert zu Bettina von Arnims "Die Günderode" von meiner Liste der noch zu lesenden Meisterwerke. Die Autorin habe ich ja schon vor sieben Jahren in meinem Blog porträtiert, die Titelheldin steht auch schon lange auf meiner Liste. "Die Günderode" ist keine keineswegs einfache Lektüre, denn es ist keine romanhafte Unterhaltung im heutigen Sinne, selbst nicht in dem des frühen 19. Jahrhunderts. Das Werk wird oft als Briefroman bezeichnet, der Text hat allerdings kaum eine Handlung, die man romanhaft nennen würde, und die Briefe stammen überwiegend von Bettina an die in der Romantik verehrte Dichterin Karoline von Günderode, die mit 26 Jahren Suizid begangen hat. Eher selten sind die Antwortbriefe von jener Freundin im Frankfurter Damenstift. Gedanken zur Dichtung, wie sie immer mal wieder geäußert werden, finden sich da inmitten tausend anderer Gedanken, vom Hundertsten ins Tausendste kommend, unbeleckt von all den Geboten und Verboten, mit denen das Schreiben sich sonst Fesseln anlegt.Damit entwirft Bettina von Arnim mit diesem Werk ein weit in die Moderne vorausweisendes Modell poetischer Selbstvergewisserung, die Günderode ist ihr dabei nur der "lieber Widerhall". "... jeder soll neugierig sein auf sich selber und soll sich zu Tage fördern wie aus der Tiefe ein Stück Erz" - damit vermeidet sie die Festschreibung der eigenen Identität, sucht stattdessen die Selbstwahrnehmung im Resonanzraum der anderen. Die reagiert einmal so: "Ich soll Dein faselig Wesen zur Besonnenheit bringen? Ich mache mir selber Vorwürfe und kann doch nach allem Überlegen zu keinem besseren Resultat kommen als eben Dich ganz Dir selber überlassen."
"Der Plaudergeist in meiner Brust" hört ungern auf, mit der fünf Jahre Älteren zu "schwätzen". Das konnte ich mir nur in kleinen Abschnitten, die ich Tag für Tag gelesen habe, zumuten, sonst wäre es mir zu viel gewesen, ein solch "buntes Füllhorn fröhlicher Verschwendung". Ich habe mich in dieser Fülle an Worten dennoch immer wieder herzlich erfreut an bildhaften Formulierungen ( "der blühende Baum der Großmut", "Angeln der Gemeinheit", "die Augen sind der Mund, den die Natur küßt", "im trüben Regenbach zusammengelaufener Alltäglichkeiten" ) und an Wörtern ( "maulhängolisch", "schußbarteln", "lunzen", "nachgepetert", "verjackern" ). Dazu dann diese malerischen Szenen in der Natur: "Der Mond scheint so hell in meine Stube, daß die ganz klingend aussieht – die Berge gegenüber sind prächtig, sie dampfen Nebel in den Mond."! Und schließlich Einsichten, die mitunter auch ganz aktuell erscheinen ( "Wenn alle Pharisäer an der Regierungsmaschine auf einmal die Starrsucht bekämen, es würde der Welt nichts abgehen an ihrer Gesundheit, nicht einmal verschnupfen würde sie." ). Sprachlich immer wieder die reine Wonne! Da wollte ich mir ganz viel merken...
Ich habe eine Autorin kennengelernt, die so ganz anders schreibt, als es auch damals üblich war, die Lust am wilden Denken hat, am Mitteilen von Gefühlen, Philosophien, Eindrücken und an einer radikalen Einheit von Sehen, Denken und Fühlen, um sich selbst zu erkunden. Und damit ist sie auch eine, die - sie ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung immerhin schon 55 Jahre alt - nicht vor Altersweisheit trieft, sondern jugendfrisch bleibt ( "Mein arm jung Leben liegt mir am Herzen, ich kann ihm nichts versagen." ). Das war mitunter mitreißend, an die eigene sprühende Gedankenwelt der Jugend erinnernd.
Über die Günderode habe ich eher wenig erfahren, höchstens von ihrer Poesie, und es ist mein Eindruck, dass es Bettina in diesem Buch vor allem um eine geht, nämlich Bettina. Die Lektüre ließ mich in Betracht ziehen, noch einmal nach Christa Wolfs Erzählung "Kein Ort. Nirgends" zu greifen, in der die Karoline von Günderrode eine - fiktive - Begegnung mit Heinrich von Kleist andichtet. Die musste 1979 bei ihrem Erscheinen unbedingt gelesen werden und steht noch im Regal. Schaun mer mal.
Auf der Liste der hundert Bücher stand auch Clarice Lispector, eine bei uns kaum bekannte brasilianische Schriftstellerin mit ukrainisch-jüdischen Wurzeln und aufregender Lebensgeschichte. "Nahe dem wilden Herzen" ist das Debüt der damals 23-Jährigen im Jahr 1944. Ihr alter ego Joana wächst mutterlos an der Seite ihres Vaters auf. Als dieser stirbt, zieht das junge Mädchen zu ihrer Tante. Die Zeit, die sie dort verbringt, ist von einem tiefgreifenden Unglücklichsein geprägt. Von der Tante wird sie schließlich auf ein Internat verbannt, ein einsamer Ort für das Mädchen. In jungen Jahren heiratet Joana den Rechtsanwalt Otávio, doch die gemeinsame Ehe zerbricht an Joanas "Gefühlskälte" und dem gegenseitigen Betrug. Das Buch galt zu einer Zeit, in der die vorherrschende Strömung in der brasilianischen Literatur der Regionalismus war, als revolutionäre Neuerung und literarische Sensation.Mir Henrik Szántós "Treppe aus Papier", das ich auch unterwegs auf meinem Reader gelesen habe, bin ich weiterhin in Berlin geblieben, allerdings in einem ganz anderen Milieu, aber auch mit dem Schwerpunkt "Wohnen", diesmal in einem über hundertjährigen Haus, über Generationen und Zeiten hinweg. Dieses Haus setzt der Autor als Erzählfigur ein. Was den Roman anfangs schwieriger zu lesen machte als das Buch vorher, weil Szántos - man merkt den Slam-Poeten - lautmalerisch, stakkatohaft, nicht immer fließend schreibt. Der erste Satz geht gleich über vier Seiten. Die Zeitebenen überlagern sich wie die Putz- oder Tapetenschichten auf den Gemäuern des alten Hauses, und auf der Treppe durchmischen sich die Stimme der diversen Jahrzehnte, was einen als Leser still und leise zum Mitdenken zwingt. Der Autor lässt das Treppenhaus davon sprechen, wie "Lärm und Stille, das, angemischt mit dem gesamten akustischen Erleben eines hektischen Jahrhunderts zu einem kakophonen Gebräu, durch unsere Mitte schießt.“ Gefühle kommen zutage - auch das ein Unterschied zum Vorgängerbuch -, die nachhallen, da mitunter auch etwas rätselhaft.





























