Donnerstag, 1. Oktober 2026

Great Women # 471: Lea Rosh

Die Frau, um die es mir heute geht, ist mir eigentlich in früheren Jahren, als ich noch Fernsehen - u.a. auch das damals wegweisende, gesellschaftspolitische Fernsehmagazin "Frauenforum" - geguckt habe, aufgefallen und hat Eindruck hinterlassen: Lea Rosh. Ihr heutiger neunzigster Geburtstag war mir Anlass, sie in meine Blogreihe aufzunehmen wie die Tatsache, dass ihr immer gerne angehängt worden ist, sie verkörpere zwei hassenswerte Komponenten: Frau sein und links. Dieses Urteil scheint ja inzwischen bei etlichen Nutzern der social media Norm gegenüber Frauen zu sein, die selbstbewusst sind und sich nicht zum Schweigen bringen lassen.

 "Ein großer Baum fängt viel Wind"

Lea Rosh erblickt also am 1. Oktober 1936 in Berlin als Edith Renate Ursula Rosh das Licht der Welt. Sie ist das dritte von vier Kindern - drei Mädchen und als Jüngster ein Junge - der gebürtigen Grazerin Priska Wojtech und eines kaufmännischen Angestellten ( manchmal heißt es auch "Eisenbahnbeamter" ), über den nicht mehr in Erfahrung zu bringen ist, als dass er mit 46 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen worden ist. Seine Einheit ist in den letzten Kriegstagen in der Nähe von Krakau aufgerieben worden, und er gilt deshalb lediglich als vermisst. 1944 hat das Mädchen ihn ein letztes Mal auf Heimaturlaub gesehen, da ist sie acht Jahre alt.

Mütterlicherseits ist in der Familie der Großvater Max Garrison, u.a Hofsänger der Wiener Oper, Jude gewesen, Leas Mutter also im Nazi-Jargon eine so genannte Halbjüdin. Darüber hat die Mutter, der Lea immer sehr nahe gewesen ist, nie viel & gerne geredet. Dieser Großvater ist ein Angehöriger der seinerzeit berühmten Berliner Familie von Großkonfektionären, den Gersons ( siehe auch dieser Post über Yva ), gewesen und hatte schon früh nach der Lektüre von "Mein Kampf" erkannt, was auf Juden in Deutschland zukommt. Leas Mutter,  gerade frisch verheiratet, lehnt sein Ansinnen auszuwandern wie so viele Juden im Land ab, weil sie der Meinung ist, die geäußerten Vorhaben beträfen nur Ostjuden. Lea selbst wird protestantisch getauft und ist nie zum Judentum übergetreten, wie ihr unterstellt werden wird.

Später erinnert sich Lea allerdings doch einmal an einen verbalen Angriff auf die Mutter, als die auf dem Markt als "Judensau" beschimpft wird. Doch die Antwort auf die Rückfrage des Mädchens bleibt die Mutter schuldig. Dass die Lage im Nazireich nicht wirklich entspannt ist für die fünfköpfige Familie, ist daran zu erkennen, dass sie in Schmargendorf, wo sie wohnen, von einer Frau, die in der NSDAP ist, gewarnt werden, weil etwas gegen sie im Gange sei. Die verhilft ihnen auch zu einer Evakuierung nach Königsberg. Später kommen sie auch noch nach Hoyerswerda, nach der Lausitz und schließlich nach Genthin. Als sie von dort nach Kriegsende zu ihrer alten Wohnung zurückkehren, ist die von einer NS-Parteigenossin belegt. Nur hat sich der Wind jetzt gedreht: Die Mutter geht zur nächstgelegenen Behörde, verweist auf ihre jüdische Abstammung und der Familie wird zu ihrer Wohnung zurück verholfen.

Die Nachkriegszeit erinnert Lea vor allem als vaterlos: Immer wieder habe sie geträumt, sie sitze mit dem Vater in der Straßenbahn und der bezahle ihr eine Fahrkarte. Damit teilt sie das Massenschicksal ihrer Generation: Familie ohne Vater ( der trotz seiner pazifistischen Grundhaltung im Krieg umgekommen ist ), Mutter anschließend alleinerziehend und überfordert vom Kampf ums tägliche Brot. Dazu dann eine jüdische Verwandtschaft, die im Holocaust umgebracht worden ist - welchen Grund sollte jemand mit dieser Familiengeschichte haben, auch wenn gar nichts dran wäre an dem jüdischen Großvater ( wie es ihr auch immer wieder unterstellt wird ) und sich auf die Seite der Täter stellen?

Die Mutter schickt Lea und die Geschwister nach dem Krieg auf eine Privatschule. Als 18-Jährige tritt das rebellische Mädchen aus der Kirche aus, weil diese den Juden nicht geholfen habe, legt ihren Namen Edith ab und nennt sich von nun an Lea, was ihr Jahrzehnte später ebenfalls hämische Seitenhiebe bescheren wird. Sie ist politisch interessiert, weshalb sie sich nach dem Ende ihrer Schulzeit 1955 an der Freien Universität in Berlin für die Fächer Geschichte, Soziologie und Publizistik einschreibt, um Journalistin zu werden. Zwischendurch nimmt sie auch Schauspielunterricht wie ihre Schwester, privat bei Hilde Körber, die das auch ohne Bezahlung macht. Das Studium findet sie nicht wirklich gut: "Mitschreiben und auswendig lernen fand ich öde und langweilig." Relevant seien für ihre spätere Laufbahn vor allem die Praktika gewesen.

Ein Thema aus ihrer Studienzeit  holt Lea im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder ein: die Geschichte der Weimarer Republik und des Nazi-Reiches und da besonders die Verfolgung der Juden. "Ich fand immer, dass das das größte deutsche Verbrechen gewesen ist." Also wird sie Journalistin.
"Ich meinte damals etwas verwegen, ich könnte in diesem Beruf zur Aufklärung über die nationalsozialistische Vergangenheit beitragen, und ich dachte, durch diese Aufklärung könne man vielleicht eine Wiederholung der Geschichte verhindern. Das waren also meine Motive, warum ich in diesen Beruf gegangen bin." ( Quelle hier )

1961 schließt sie das Studium ab und absolviert diverse Volontariate in Verlagen und bei Zeitungen, bevor sie als Hörfunk-Reporterin beim Berliner RIAS, dem legendären "Rundfunk im amerikanischen Sektor", arbeiten kann. Dann sammelt sie erste Fernseherfahrungen bei einer Modesendung des "Sender Freies Berlin" (SFB). Noch ist Berlin wie bereits ab dem 19. Jahrhundert ein Produktionsstandort der Mode, ein ganz wichtiger Faktor im Wirtschaftsleben der geteilten Stadt, und Lea mag gerne dazu beitragen, dass das so bleibt.

1968 wird sie Mitglied der SPD, 1970 heiratet Lea den sechs Jahre älteren Architekten Jakob Schulze-Rohr, Mitglied im Planungsstab des Senatsbaudirektors beim Senator für Bau- und Wohnungswesen Berlin, dann mit einem eigenen Planungsbüro. Das Paar entscheidet sich, kinderlos zu bleiben, und Lea betätigt sich in Hannover als freie Mitarbeiterin für das NDR-Messefernsehen, bevor sie 1973 zum NDR in Hamburg wechselt, in dem in dieser Zeit ein Machtkampf tobt und wichtige Personal- und Programmentscheidungen zur Zerreißprobe werden.

Von links nach rechts: Lea Rosh, Luc Jochimsen, Peter Merseburger

Sie arbeitet in der Hauptabteilung "Zeitgeschehen/Fernsehen" unter Peter Merseburger, der ihr im 1975 von der UNO ausgerufenen "Jahr der Frau" zusammen mit der Kollegin Luc Jochimsen die Möglichkeit gibt, das Format "Frauenforum" zu entwickeln. Sie behandeln nun Themen, die im "Jahr der Frau" angestoßen werden wie "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" oder gleiche Bildung für Frauen, besonders durch ein Studium, bringen aber auch Reportagen aus dem Alltag berufstätiger Frauen und über die aufkommende zweite Frauenbewegung. Luc Jochimsen versteht sich als Feministin, Lea Rosh als Sozialistin, was eine zeitgemäße, vielseitige Programmgestaltung ergibt.

Ab 1979 moderiert Lea als erste Frau überhaupt ein politisches Magazin: Für die ZDF-Sendung "Kennzeichen D" recherchiert sie immer wieder über Themen der Zeitgeschichte. Mit einem Bericht über den Prozess um die Wiedergründung der NSDAP beginnt für sie eine Phase intensiver, systematischer Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Weil sie wie kaum jemand sonst Partei für verfolgte Minderheiten ergreift und unbeirrt in Dokumentationen, Filmen und Talk-Shows gegen das Vergessen ankämpft, bekommt sie ein Etikett angehängt: "Ihr Markenzeichen ist der moralisch erhobene Zeigefinger", schreibt der Publizist Rafael Seligmann einmal. Und Harald Schmidt meint, sie träte immer in Erscheinung, "wo etwas nach Betroffenheit riecht".

Im Herbst 1979 reist sie beispielsweise für das Magazin ins unterfränkische Bürgstadt, wo der im Lischka-Prozess - ein Meilenstein der juristischen NS-Aufarbeitung in der Bundesrepublik! - angeklagte NS-Verbrecher Ernst Heinrichsohn zu dieser Zeit Bürgermeister der CSU ist. Sie befragt die Einwohner des Ortes nach ihrer Haltung zu ihm und seiner Vergangenheit. Über deren Reaktionen ist sie erschrocken:

"Bis auf wenige Ausnahmen haben wir in Bürgstadt ignorante und willfährige Leute getroffen und eine Art von Unterwürfigkeit erlebt, die mich erstaunt hat", erinnert sie sich später.

Der Beitrag zieht ein weiteres 45-minütiges Fernsehfeature von Lea Rosh über den sogenannten Lischka - Prozess in Köln nach sich ( siehe auch dieser Post über Beate Klarsfeld ). Anschließend produziert sie noch eine weitere Dokumentation für das ZDF, bei der die Nachfahren der von Lischka & Heinrichsohn in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportierten französischen Juden und Leute aus Bürgstadt an einen Tisch zu Gespräch gebeten worden sind.

"... bei den Franzosen hatte sich so viel Kummer und Schmerz aufgestaut, dass es ein haariges Gespräch wurde zwischen diesen beiden Parteien. Die Bürgstädter sagten die ganze Zeit: 'Heinrichsohn ist unschuldig.' Ich werde nie vergessen, wie ein Franzose, Henry, sagte: 'Gebt mir meine Eltern zurück. Gebt mir meine Eltern zurück.' Für mich war es unglaublich, dass die Bürgstädter fortwährend sagten: 'Sie sind unschuldig.' Die waren ja nicht unschuldig: Heinrichsohn, Lischka und Hagen. In dieser aufgeregten Stimmung verlief das ganze Gespräch." 

Und weiter: 

"Das ist überhaupt eine Erkenntnis, die man macht, wenn man sich mit diesem Thema befasst. Die Täter bleiben Täter, ihre Unterstützer bleiben Unterstützer. Die sind ohne Reue, ohne Schuldbewusstsein.... Das ist einfach deren Meinung: 'Juden sind was Schlechtes, Juden müssen weg. Das war unser Befehl.' Ich glaube auch, dass sie wirklich nicht einsichtig sind. Und sie sind mitleidlos."

Das braucht man, gerade aus heutiger Sicht, nicht mehr kommentieren und vergleichen mit Äußerungen, die die social media überschwemmen...

Das "III nach Neun"-Moderatorenteam:
Lea, Dagobert Lindlau & Heidi Schüller
(1982)

1982 wird Lea Gastgeberin der monatlichen Diskussionsrunde "III nach Neun" von Radio Bremen. Sie versteht sich weniger als Talkmasterin denn als Diskussionsleiterin, was wiederum nicht jeder Zuschauer versteht, und man ihr einen oberlehrerhaften Moderationsstil vorwirft. Durch diese Talkshows ( bis 1991 auch beim SFB die "Freitagnacht" ) wird Lea aber erst richtig prominent.

1985 erhält sie für ihre SFB-Dokumentation "Vernichtung durch Arbeit" den angesehenen Adolf-Grimme-Preis, kurz darauf auch die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte. Der Film "Das lustige Zigeunerleben" bekommt den Jugend-Medienpreis "Das rote Tuch" der Berliner SPD verliehen 

Als die erfolgreiche, inzwischen einunfünfzigjährige TV-Journalistin 1988 die Initiative für eine zentrale deutsche Holocaust-Gedenkstätte  gründet, ahnt sie noch nicht, dass das ihre Lebensaufgabe werden wird. 

Die Idee stammt von dem Historiker der Stuttgarter Universität, Eberhard Jäckel, mit dem sie eine aufsehenerregende TV-Dokumentation zum Holocaust gedreht hat: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland". Diese wird ab dem 29. April 1990 im deutschen Fernsehen SFB/ARD in vier Folgen ausgestrahlt und löst Diskussionen darüber aus, wie man sich dem Thema filmisch zuwenden kann und steht im Mittelpunkt zahlreicher politischer Kontroversen. Die Dokumentation trägt dem Duo den Geschwister-Scholl-Preis von 1990 ein.

Jäckel, der bedächtige Professor, wird immer mit ihr in einem Boot sitzen, wenn es um das Holocaust-Mahnmal geht. Die gewiefte Journalistin hingegen steht im medienwirksamen Vordergrund. Jäckel steht für Sachlichkeit, Lea für Betroffenheit, er am Katheder und sie vor Fernsehkameras.

Es folgen Jahre des erbitterten politischen Hickhacks. "Also Widerstände gab es viele, aber es gab eben auch viele Befürworter", meint sie rückblickend. Zu ihren Unterstützern zählen die SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel und Wolfgang Thierse und der Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). Doch der lehnt 1995 dennoch einen bereits gekürten Wettbewerbsentwurf ab. 1999 beschließt der Bundestag endlich mit großer Mehrheit die Umsetzung des Vorschlags des US-Künstlers Richard Serra und des Architekten Peter Eisenman.

Der Entwurf wird umgesetzt und südlich des Brandenburger Tors auf 19.000 Quadratmetern ein Feld von mehr als 2700 Betonstelen errichtet, ergänzt um einen unterirdischen Ort der Information. Die Eröffnung ist am 10. Mai 2005, die ersten Besucher kommen zwei Tage später.


Lea Rosh gehört inzwischen zu den meist gehassten Personen der Bundesrepublik. Das Berliner Stadtmagazin "Tip" erhebt sie nach einer Umfrage 2003 zur "peinlichsten Berlinerin" - eine Auszeichnung, die vor ihr ein Partygirl namens Ariane Sommer oder der CDU-Politiker Frank Steffel ( der unter Plagiatsverdacht gestanden hat )  verpasst bekommen haben. "Tip" zeigt sie auf ihrem Titel mit beiden Füßen einbetoniert in die Stelen des Mahnmals, hinter ihr geht rot die Sonne unter, neben ihr ist ein Hund namens Adolf platziert, der die rechte Pfote zum Hitlergruss hebt. 

"Führende Kraft der Bewältigungsbranche", "Mutter aller Mahnmäler", "Gedenkdomina", "Vierteljüdin" ( wahlweise "Wunsch-" oder "Berufsjüdin" ), "Dampfwalze", "Holocaust-Kassandra" - um nur einige angreifende und absichtlich beleidigende Äußerungen & Schmähungen zu nennen von all jenen, die ihren leidenschaftlichen und lauten Einsatz nur für Profilierungssucht halten. Klar, zeigt sie manchmal auch einen Mangel an Feingefühl, z.B. als sie den Zahn eines ermordeten Juden, den sie beim Besuch eines früheren Konzentrationslagers gefunden hat, zusammen mit einem gelben Stern in das Denkmal einlassen will. Oder bei der fragwürdigen Plakatkampagne mit der Zeile "den holocaust hat es nie gegeben". Ein ehemaliger KZ-Häftling erstattet daraufhin Strafanzeige wegen Volksverhetzung.

Die "Süddeutsche Zeitung" betitelt einen Artikel über sie mit "Der Betonkopf", meint, selbst ihren Freunden sei sie zu fanatisch, und behauptet zudem, sie sei keine Jüdin. "Wer eigentlich", schreibt damals Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte in München, "hat Lea Rosh das Recht dazu gegeben, die Interessen der Holocaust-Opfer in der Öffentlichkeit zu vertreten?" Und der "Spiegel" behauptet im August 1998 sogar, sie habe ihren Namen später hebräisiert, was sie widerlegen kann und zu einer Richtigstellung führt. 

All die Anfeindungen perlen an ihr nicht ab. Wie denn auch? Da werden schon Grenzen überschritten, bevor es die heute üblichen Möglichkeiten bei Meta oder Tiktok gegeben hat. Sehr anstrengend mag sie ja für manche ihrer Gegenspieler gewesen sein. Aber sie hat eben auch eine Passion: Ohne Lea Rosh wäre das Mahnmal zweifellos nie zustande gekommen. "Wenn man die Sache freundlicher und geschmeidiger gemacht hätte, hätten wir bis heute kein Denkmal", meint sie 2004 gegenüber der "Taz". "Die Botschaft, die wir haben, ist ja auch keine sehr freundliche. Wir sagen den Deutschen, dass sie gemordet haben. So eine Botschaft hört keiner gern."

1990er Jahre
Doch noch einmal zurück zur Journalistin: 1991 wird ihr als erster Frau die Leitung eines öffentlich-rechtlichen Funkhaus der Bundesrepublik übertragen, wieder einmal ist sie Pionierin in ihrem Berufsfeld.  Im Landesfunkhaus des NDR in Hannover wacht sie als Direktorin  bis 1997 über die Arbeit von knapp 570 Mitarbeiter*innen. Auch dort scheiden sich wieder einmal die Geister: Die einen werfen ihr einen autoritären und parteipolitisch gefärbten Führungsstil vor, drei Dutzend Mitarbeiter*innen verteidigen in einem offenen Brief ihren Kurs ausdrücklich und bescheinigen ihr einen positiven "Stil der offenen Auseinandersetzung in der Programmgestaltung". Zudem fördere sie gezielt Frauen in journalistischen Führungspositionen. In ihrer Zeit kann sie die Quoten bzw. Publikumszuwächse des Senders merklich steigern.

Einen Einstieg in die Politik durch ein Ministeramt im  Landeskabinett von Gerhard Schröder lehnt sie nach ihrem Ausscheiden aus dem Sender ab, gründet hingegen 1999 mit ihrem Ehemann ein Kommunikations- und Medien-Büro in Berlin, in dem sie inhaltliche Konzepte zur Bekämpfung von "Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern" sowie Fortbildungsveranstaltungen zu "Antisemitismus in Schule und Gesellschaft" für verschiedene Landeszentralen für politische Bildung erarbeiten.

Gedenkveranstaltung zum 79. Jahrestag
der Bücherverbrennungen in Hannover
( 2012 )
2002 tritt sie  auch wieder mit einer Fernsehsendung in Erscheinung: Zusammen mit der Autorin Gaby Hauptmann moderiert sie ein Jahr lang die Literatursendung "Willkommen im Club – Menschen und Bücher 2002" auf VOX und dem Metropolensender  XXP. 

Als stellvertretenden Vorsitzende des Kuratoriums der Gedenkstätte engagiert sie sich weiter für das Mahnmal. Als streitbarer Geist beteiligt sie sich auch weiterhin an gesellschaftlichen Debatten. So fordert sie beispielsweise im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2006 eine Verhüllung der Figuren, die der NS-Bildhauer Arno Breker für das Berliner Olympiastadion von 1936 angefertigt hat. 2007 übernimmt sie einen Lehrauftrag an der "University of Management and Communication" (FH) Potsdam im Bereich Moderation und Medientraining. Die Einrichtung schließt allerdings schon drei Jahre später.

2008 erliegt ihr Ehemann seinem Krebsleiden. „Jakob ist ganz unersetzlich“, schreibt Lea auf ihrer Homepage. Auch er hat einstmals Politiker vom Denkmal überzeugt, Geld gesammelt, ist Schatzmeister des Denkmal-Förderkreises gewesen.

2025
©dpa


Am 4. Mai 2021 verleiht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Lea Rosh das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, nachdem sie bereits 2006 das Verdienstkreuz am Bande bekommen hat. 
"Sie hat mit unermüdlichem Einsatz und viel dazu beigetragen, dass Berlin und ganz Deutschland zu einer neuen, angemessenen Kultur des Erinnerns fanden", würdigt sie der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, in seiner Laudatio.

Sie ist bis heute Vorsitzende des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas e. V., einst 1989 als Bürgerinitiative gegründet. In dieser Funktion äußert sie sich immer wieder, zuletzt auch zu Demonstrationen gegen Demokratiefeinde.

"Ja, ja, das ist schon mein Denkmal. Aber mein Lebenswerk? Mein Leben ist ja noch nicht zu Ende. Wer weiß, was ich noch mache." Das sagt sie in einem Interview mit der "Jüdische Allgemeine" im Mai 2025. Aber sie sagt auch: "Ich bin ja nicht überdreht. Wir Menschen sind nicht unsterblich. Punkt." 

Ich wünsche ihr zu ihrem heutigen Geburtstag alles, alles Gute! Mich hat sie nie genervt, eher motiviert & bestärkt.
                                                                                   

Und nun zu den Frauen, die in dieser Woche einen Gedenktag haben und die ich im Blog 
porträtiert habe:


Mittwoch, 30. September 2026

12tel Blick September 2026

 

Am Vormittag des Herbstanfanges habe ich es diesmal zum Friedhof geschafft.
Eine schöne Stimmung herrschte dort.

Aber der Vergleich mit einem Foto, zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr aufgenommen, macht schockierend klar,
was der Hitzesommer in diesem Jahr angerichtet hat.

Noch drei Monate bleiben uns -
das macht die Übersicht deutlich:



Verlinkt wird dieser Post wieder mit dem Blog von Eva Fuchs in Niederösterreich, die alle 12tel Blicke sammelt.

                                                       

Montag, 28. September 2026

Bücherlese September 2026

"Ein Wort besteht und eine Tat vergeht."
.....
"Sie glauben gar nicht, 
welch ein elender Abklatsch schlechter Romane 
das Leben ist."
Josef Roth

"Erst lies alles, dann vergiss alles."
Leon Engler

Gestartet bin ich in den September gleich mit einem Werk, das ich schon lange auf einem Stapel bereit liegen habe ( und das auch auf meiner ominösen Hundert-Bücher-die-man-gelesen-haben-muss-Liste steht ): Dem "Radetzkymarsch" von Josef Roth. Nicht das erste Werk von ihm, das ich lese, aber wohl sein bedeutendster und berühmtester Roman. Und als Liebhaberin auch des k.u.k. Habsburger Reiches kommt frau nicht drumherum. Bei meiner Beschäftigung mit seinen Gefährtinnen Irmgard Keun & Andrea Manga Bell ist er mir auch sozusagen noch mal vor die Füße gefallen, und mit Exilliteratur habe ich es ja auch schon mein Leben lang.

Ich poste an dieser Stelle keine Inhaltsangabe, das macht Wikipedia schon ganz ordentlich, sondern beschränke mich auf meine Eindrücke & Gedanken bei/zu dieser Lektüre. Und die beschäftigten mich schon im Halbschlaf nach dem ersten Abend des Lesens. Diese fast mechanisch-zeremoniellen sozialen Interaktionen! Diese männlichen Rollenbilder, aus denen es scheinbar kein Entrinnen gibt! Der Verlust der Verwurzelung in bäuerlichen Verhältnissen, der ländlichen Heimat aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung in der Moderne! Der Roman lebt von der Atmosphäre, der Stimmung, die Joseph Roth zu erzeugen und die mich auch heute anzusprechen vermag. Besonders die filmreife Szenerie eines letzten Festes, auf dem die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers in Sarajewo eintrifft. Das hatte für mich schon parodistische Züge. 

Als Leserin ist man sozusagen dabei, wie die männlichen Protagonisten mitunter sehenden Auges ins Verderben laufen. Indem Roth die Zeit dehnt, ist ihre Ausweglosigkeit nachzufühlen.

Es gibt sie, die Momente, wo Veränderung möglich scheint, z.B. die Reise des Bezirkshauptmanns in das ihm völlig unbekannte Grenzgebiet des Kaiserreiches, wo sein Sohn stationiert ist, die ihm Lust auf Neues macht, Genuss ermöglicht, neue Gedankengänge eröffnet. Doch dann ruft ganz schnell die Pflicht und er fährt zurück. Oder die kurze Zeitspanne, in der Trotta als Verwalter des Grafen Chojnicki übers Land streift. Irgendwo in seinem Unterbewusstsein wie dem der anderen Figuren ist eine Ahnung davon vorhanden, dass sie in Konventionen und teilweise Sinnlosigkeit gefangen sind und keine Zukunft in diesem politischen Gebilde wie dem Vielvölkerreich der Habsburger mehr haben. Das rührt. Vielleicht auch, weil sich die Weltordnung zur Zeit auch wieder neu sortiert, die Lust am Untergang mal wieder virulent ist unter den Mitmenschen? So ganz konnte ich mich dieser Gedanken am Wahlabend nicht erwehren.

Ich bin mit dem nächsten Buch gleich bei Joseph Roth geblieben, indirekt: Lea Singer ( aka Eva Gesine Baur ) schreibt in "Die Heilige des Trinkers" - dessen Titel auf die letzte Erzählung Roths "Die Legende vom heiligen Trinker" anspielt - über seine - gern unterschlagene - Beziehung der Jahre 1929-36 zu Andrea Manga Bell. Er, der Jude aus Wien in einem galizischen Schtetl geboren, sie eine Protestantin aus Hamburg mit afrokubanischem Vater treffen in Berlin in einer Villa am See aufeinander. Ihre Zusammensein ist geprägt von seinem Alkoholismus, ihrer Unerschütterlichkeit und einer gemeinsamen Liebe zur Literatur.

Für meinen Geschmack beschreibt die Autorin vor allem Geschehnisse rund um Joseph Roth, der Anteil der Vita der Andrea Manga Bell - die sie auch nur mit "A." bezeichnet - wirkt, damit verglichen, dünn. Der Schriftsteller ist immer mit im Bild. Singers Roman bietet also eher eine Darstellung des Menschen Josef Roth während der Zeit des politischen Umbruchs in Berlin bzw. Europa und dann im französischen Exil, erzählt allerdings aus der Perspektive seiner Gefährtin, die meist nur auf das erratische Gebaren des literarischen Giganten reagiert. Man mag das verzeihen, ist Singer doch eine anerkannte Roth-Kennerin und die Quellenlage in Bezug auf Andrea Manga Bell mehr als mager, spiegelt mir aber wieder einmal zu sehr die Angewohnheit, die Ehefrauen und Geliebten der männlichen Genies, die später in die Geschichte eingehen werden und sie dabei nach allen zur Verfügung stehenden Kräften unterstützen, auf Dauer eben eh wieder dem Vergessen anheim zu geben. 

Spannend zu lesen fand ich es dennoch, denn die Atmosphäre im Berlin der Weimarer Republik wie die der Exilanten in Frankreich kann mich immer wieder interessieren, kommen ja auch immer wieder berühmte Personen dieser Epoche vor, auch weibliche wie Thea Sternheim, Nelly Mann, Irmgard Keun oder Lotte Zweig, mit denen ich mich beschäftigt und/oder deren Literatur ich gelesen habe, wie eben den "Radetzkymarsch". Den hat Andrea Manga Bell seinerzeit lektoriert, das Manuskript abgetippt und überwacht, dass dieses in die richtigen Hände geriet. 

"Das ganze Personal der deutschsprachigen Exilliteratur, ein erschreckend chauvinistischer Haufen, zirkelt um dieses ungleiche Paar", schreibt  Jutta Czeguhn in der "Süddeutschen". Dabei sind Manga Bells Kinder das Einzige, was ihr als Romanfigur ein wenig Lebendigkeit verleiht, und man würde gerne mehr über die beiden erfahren. Zumal in einer Zeit, in der sie aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe die Verfolgung in Nazideutschland fürchten müssen. Der Rassismus, der auch der "Heiligen des Trinkers" immer wieder entgegenschlägt, kommt zur Sprache. Ich hätte allerdings gerne mehr darüber gelesen, was es mit der Protagonistin macht.

Ansonsten ist alles elegant, also stilistisch bewundernswert geschrieben und hat mich gut unterhalten, auch wenn meine Intention, weshalb ich zu diesem Buch gegriffen habe, ursprünglich eine andere gewesen ist.


Auch zum nächsten Buch verlockt hat mich eine der Hauptfiguren, die ich als "Great Women" im Blog bereits porträtiert hatte: Ada Lovelace. Martina Clavadetscher hat ihr in ihrem mit dem Schweizer Buchpreis 2021 prämierten Roman "Die Erfindung des Ungehorsams" einen der drei Teile gewidmet. 

In einer verschachtelten Geschichte verbindet sie drei Frauen miteinander. Da ist einmal Iris, die in einem New Yorker Penthouse in der großen Sommerhitze auf den Abend wartet. Vor ihrer Langeweile rettet sie nämlich nur das Erzählen bei einem Dinner mit den Damen Godwin und Wollstone ( Achtung! Anspielung auf die Eltern von Mary Shelley, der Erfinderin der künstlichen Intelligenz "Frankenstein"! ). Sie berichtet von ihrer Halbschwester Ling. Und mit der entführt sie ihre Gäste wie die Leserschaft in eine Sexpuppenfabrik irgendwo in China. Ling wiederum lernt in einer Erzählung, die sie in der Fabrik von einer Androidin hört, besagte Ada Lovelace kennen. Ansonsten ist Ling damit beschäftigt, Sexpuppen noch als kopflose Körperrohlinge auf Fehler zu untersuchen. Die sind alle identisch konzipiert nach dem Vorbild einer Schauspielerin, Hauptdarstellerin in einem Film, den Ling immer wieder an ihrem Feierabend anschaut. 

Clavadetscher schreibt vor allem von Individuen, die sich entweder aufgrund ihrer intellektuellen Individualität, ihrem Hang zur Subversion – oder einer Kombination von beiden Eigenschaften – von der Masse unterscheiden. Frei nach Ada Lovelace: "Invert the order!" "Lasst uns die Dinge anders sehen!"

Es geht um Weiblichkeit, Körperlichkeit und Programmierung, letztere nicht nur in  ihrer technologischen Dimension, sondern auch um die gesellschaftliche Programmierung, in meinen Studententagen „Sozialisation“ genannt, von der ihre weiblichen Hauptfiguren betroffen sind. Das sind alles Fragen, die mich eigentlich interessieren. Dennoch konnte ich mit der Art, wie Clavadetscher diese Themen abhandelt, wenig anfangen. Schon lange nicht mehr hat mich ein Roman so ratlos zurückgelassen.

Mir war anschließend nach Bewährtem, also Mira Magén. "Als ihre Engel schliefen" war ihr dritter Roman, der auf Deutsch erschienen ist. Für mich ist es damit das vierte Buch, das ich von ihr gelesen habe. Sie gehört in meinen Augen zu denjenigen Schriftsteller*innen, die es vermögen, die kleinsten Alltagsereignissen sprachlich ansprechend  zu formulieren und äußerst spannend Wirkung zu verleihen.

Im Mittelpunkt dieses Romans steht die 42-jährige, eigentlich glückliche Moria/Maria Ilam, die mit ihrer Arbeit in einer Jerusalemer Immobilienagentur im Reinen ist, ihren Ehemann liebt genauso wie ihre weit verzweigte Familie, eigentlich ihr gesamtes Leben. Was bringt sie nur dazu, all das aufs Spiel zu setzen? Denn sie begegnet zufällig einem russischen Straßenmusikanten mit Saxophon und verliebt sich, irrational, aussichtslos, folgenschwer. Eine Situation, wie sie überall auf der Welt stattfindet. Aber dann auch wieder nicht, weil das Leben in Israel intensiver, schneller und gefährlicher ist und die Menschen eine andere Einstellung zum Leben und zum Tod aufgrund der alltäglichen Bedrohung haben: Was wenn morgen alles vorbei ist, weil ein Bus in die Luft fliegt?



Wie sich Morias Dilemma - wie soll sie sich entscheiden, ist das eine zu haben, ohne das andere zu verlieren? - entwickelt, ist immer wieder eingebunden in Erzählungen über die anderen Mitglieder ihrer großen Familie ( "Eine große Familie bietet viele Ablenkungen." ) 

Da ist zunächst der Vater Avram Stein im Altenheim, ein strenggläubiger Jude, der hinnehmen muss, dass seine Kinder mit einer Ausnahme "abgefallen" sind vom Glauben. Seine verstorbene Frau macht ihm deswegen im Kopf immer noch die Hölle heiß. Diese Ausnahme ist Chani, Mutter von zehn Kindern, die nicht mehr auf Dinge achtet, um die sie sich nicht kümmern muss und vorzeitig verblüht & vertrocknet ist. 

Dann ist da Naomi, zwei Jahre älter als Moria, Apothekerin, ledig, eine Schönheit, die ihre biologische Uhr ticken hört. Die dritte Schwester ist Sarale, die auf einem Selbsterfahrungstrip zu sein scheint. Ihrem Mann Asa'el, ein Geschichtsdozent, hat Moira als einzigem ihre Sehnsüchte anvertraut. 

Der einzige Sohn/Bruder der Familie Stein ist Muli, ein promovierter Gynäkologe, besonders atheistisch eingestellt, und so gut wie Moiras Zwilling, mit dem sie ganz viel in der Kindheit geteilt hat und der ihr nun aus der Patsche helfen muss. 

Schließlich gibt es noch die kleine Schwester Tehila, die alles, was Frauen zu eigen ist, im Übermaß besitzt, und der Moiras Sohn Giora, Jurastudent, von klein an verfallen scheint. Die gibt sich besonders locker und aufreizend und ist künstlerisch veranlagt. Moiras Tochter Schira, sechzehn Jahre alt, wiederum irgendwie noch pubertär und mit einer ersten Liebeserfahrung geschlagen. 

Nicht zu vergessen der Ehemann Juval, ein Buchhändler, der eigentlich schon fast zu vollkommen & partnerschaftlich ist, und die Nichte Talja, ebenso hundeversessen wie einst ihr Vater als Kind, extrem fehlsichtig und liebenswürdig zu ihren Verwandten, die sich mit ihrer Hündin gegenseitig aufzieht, weil die Erwachsenen mit ihrem eigenen Nabel beschäftigt sind.

Eine Rolle spielt auch noch Moiras Mitarbeiterin Maja, die auf irgendeine Weise mal ein Star zu werden hofft und alle Männer blendet. Das Buch mäandert durch all diese Leben & ihre Kindheitsgeschichten, beschreibt wundervoll die emotionalen Schwingungen und hin und wieder die eigentümlich schönen Blicke in die Landschaft ( besonders durch die Fenster und besonders auch auf die malerischen Paternosterbäume ), ist realistisch & detailsatt.
"Lust und Sehnsucht sind Teil des Weltenlaufs, und wer sie schuf, wollte auch, daß sie in der Welt existieren. Scham und Schuld schuf der Mensch."
Überraschend - und wieder auch nicht, kenne ich das doch nur zu gut von mir selbst - wie Gott, wie die Religion im Leben dieser Menschen immer wieder in ihrem Einfluss zu spüren ist, obwohl sie nicht mehr glauben. Und wie Entscheidungen getroffen, Veränderungen angegangen werden, von denen ich lange während des Lesens nichts geahnt habe. Aber das ist, was ich an dieser Autorin so mag, auch, dass vieles eben offen bleibt am Ende.




Auf meinen Reader hatte ich mir vor der Reise nach M. Leon Englers "Botanik des Wahnsinns" geladen, eine Biografie seiner Familie, ein Stammbaum des Wahnsinns, wie es der Verlag bewirbt. Darüber berichtet also der Erzähler, der als Psychologe in einer Anstalt arbeitet. Das Buch ist der Lieblingstitel des Schweizer Buchhandels in diesem Jahr.

"Ich mache eine erste Hochrechnung. Es sieht nicht gut für mich aus", befindet die Hauptfigur, ein Mann von Anfang dreißig, der sich intensiv mit seiner Familiengeschichte beschäftigt, die geprägt ist von Vorfahren, die an Bipolarität, Depressionen, Alkoholsucht gelitten, in psychiatrischer Behandlung oder gar in entsprechenden Anstalten waren und Suizidversuche überlebt haben, was seine frühe Angst, verrückt zu werden, durchaus begründet erscheinen lässt. Leon, so heißt er wie der Autor, findet einen Ausweg aus dem Dilemma, in Beziehung zu seinen Eltern zu bleiben, aber nicht wie sie sein zu müssen und studiert schließlich Psychologie. Er ist quasi ein Überläufer.

Demzufolge ist der Roman eine literarische Fallgeschichte auf drei Ebenen: Einmal die tagebuchartigen Eintragungen des Erzählers zu seiner eigenen Entwicklung und schließlich seiner Arbeit in der Psychiatrie in Wien, dann die diversen Rückblenden in die zurückliegenden Lebensgeschichten seiner Vorfahren und in all das immer wieder eingewoben eher essayistische Passagen, etwa über die Geschichte der Psychiatrie oder die unterschiedlichen Theorien in der Psychologie. Eine Art Quintessenz zieht seine Vorgesetzte der Wiener Psychiatrie- Einrichtung:
"... Das Ziel ist nicht, dass die Menschen glücklich werden. Das bin ich auch nicht." "Sondern?" "Wir versuchen hier, schreckliches Elend in ganz normales Unglück zu verwandeln."
Das wird dann eher lapidar, manchmal auch etwas sperrig geschildert und hat mich eher durch das Thema denn durch seine Handlung angesprochen. Mir war es letztendlich zu distanziert.



Ingo Schulze war mir noch durch frühere Veröffentlichungen in guter Erinnerung. Sein neuestes Werk "Das Wasser im August" von der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises landete sofort nach Erscheinen auf meinem Reader, auch weil ich bemerkenswert fand, dass er dafür am 18. September in Berlin den "Uwe-Johnson-Preis" erhalten hat. Das sprach doch schon mal für literarische Qualität.

Zwei Erzählebenen finden sich im Buch, die Konstruktion ist also durchaus raffiniert: 

Die erste Ebene spielt in der Gegenwart: Ein Schriftsteller, Anfang sechzig, wird im Juni 2025 engagiert, um auf der Geburtstagsfeier eines ehemaligen Mitschülers aus einem noch unveröffentlichten Buch zu lesen. Mit dem Mitschüler verbindet ihn eine ungute Erinnerung, trotzdem reist er an. Weil sein alter Polo unterwegs den Geist aufgibt, nimmt ihn ein Zufallsbekanntschaft, der Landarzt Schulenburg, mit. Bei einem Stopp besichtigt er eine "Backsteinherrlichkeit", trifft auf die Pfarrerin dort und beide begleiten ihn dann auch zur Lesung. Vor Ort, in einem Tagungshotel, sitzt im Publikum eine der Hauptfiguren jener autobiografischen Novelle, was der Autor zunächst nicht mitbekommt.

Handlungsstrang zwei, jene Novelle, spielt in der DDR, im Sommer 1979. Die Hauptfigur Thomas, sechzehn, will Schriftsteller werden, macht Urlaub bei einem Malerpaar im Mecklenburgischen, am Tollensesee, und verliebt sich dort in eine dreizehn Jahre ältere Zahnärztin, die ebenfalls auf Urlaub ist und beim verwitweten Ortspfarrer wohnt, mit dem sie wohl eine intimere Beziehung hat. In ihr sieht er die Möglichkeit, mehr vom Leben, vom Erwachsensein zu erfahren. "Kann es sein, dass man so viel zu erzählen hat, aber so wenig vom Leben weiß?",  fragt er sich. Auf jeden Fall nutzt der „Jüngling“ die gemeinsame Zeit nicht nur fürs Schwimmen, sondern auch "um Reichtümer für seine innere Schatzkammer zu sammeln" und einige Erfahrungen, auch wenig freundlicher Natur, zu machen, weshalb er dann, ohne sich zu verabschieden, den Heimweg antritt.

Es gibt noch ein Nachspiel, nicht nur in Form einer Fortsetzung der Lesung im kleinen Kreis am nächsten Morgen. Aber mehr will ich da jetzt nicht verraten. Der Roman liest sich angenehm, nicht sensationell von der Sprache her. Gedanken, über das, was nach der Wende schief gelaufen ist, gibt es auch. Aber das sei, so Schulze, im Nachhinein schwer zu beantworten.




Ebenfalls von der Longlist, ebenfalls auf dem Reader: "King Cobra" von Muri Darida, mit dem "Robert-Walser-Preis" ausgezeichnet. Sprachlich überraschend eigenwillig: Eine literarisch besondere, ja fast fragmentarische Erzählweise, voller detailverliebter Situationen, groteskem Humor, einem Spiel mit der Zweisprachigkeit und einer guten Portion Experimentierfreude, was allerdings im Gegenzug ein sehr konzentriertes Lesen & viel Aufmerksamkeit erfordert hat -nach dem glatt zu lesenden Schulze mir durchaus recht. Die verspielte, oftmals kindlich- naive Sprache ist allerdings auch eine Maske gegen ein wütendes, aufbegehrendes Selbst, das sich in ihr nicht auszudrücken versteht.

Das Kind, das sich später Lazi nennt, erinnert sich zunächst an eine unbeschwerte Kindheit in Ungarn, besonders an den liebenswerten und schrulligen Großvater, der beim Ungarnaufstand geflüchtet und in Deutschland gelandet war, aber immer wieder den Sommer mit Lazi in Ungarn zugebracht hat, in Őzbarna, was das Kind zutiefst romantisiert hat.

Nun, nach dem Ableben des Großvaters, reist Lazi wieder hin, in einer Zeit, als die politische Stimmung im Land unter Victor Orbán wieder mal kippt. Offiziell ist Lazi unterwegs, um eine Dokumentation über Schlangen zu machen. Klingt erstmal nach Roadtrip, wird aber schnell zu etwas viel Größerem, denn inoffiziell reist er, um das Jagdgewehr dieses Großvaters zu suchen, um damit auf einen Täter zu schießen, einen Täter, der ihn in seinen Träumen verfolgt: 

"Familie, das ist nicht das Blut, das man teilt. Familie ist das geteilte Schweigen, das man als Tuch über den Tisch legt, um die heilige Tischplatte vor Messers Schneide zu schützen." – schon dieses Zitat vom Klappentext gibt eine Richtung vor.

Die ungarische Familie ist pittoresk, teils voller Zugewandtheit, aber auch mit mancher Ungereimtheit, vielleicht auch ein bisschen zu viel Klischee, denn es riecht zu viel nach Schnaps und Staub und alten Wunden. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass es sich bei Lazi um eine trans*maskuline Person handelt, die ihre Familie liebt und gleichzeitig Schwierigkeiten hat, über die wichtigen Dinge mit ihr zu kommunizieren, darunter ein in der frühen Kindheit erfahrener Missbrauch:

"Denn auf Türen, so hatte Lazi als Kind in Deutschland lernen müssen, war generell kein Verlass. Sie krachen auf, und der Mann, auf dessen Schoß du viel zu lange Hoppe Reiter machen musstest, steht vor dir, liegt auf dir, steigt in deinen Körper, der viel zu klein für seinen ist, und stretcht ihn, bis er und wie er ihm passt. Daran, dass dieser Mann im Obergeschoss geschlafen, dass er sicherlich die Mahlzeiten am Tag mit am Esstisch eingenommen, seine Schuhsohlen auf dem Fußabtreter abgerieben haben muss, daran erinnerst du dich nie."

Im nächsten Teil des Romans finden wir uns in Budapest wieder, weil Lazi ein Video im Rahmen der "Budapest Pride" drehen und dazu eine nichtbinäre Person zu den Umständen für sie in Ungarn befragen soll. Er /sie lernt hierdurch die Kellnerin Kinga kennen, in die er/sie sich verliebt und eine Affäre beginnt. Da habe ich mich beim Lesen eher gefühlt wie im geschilderten Wellenbad auf der Margit-Insel in der Donau, so viel stürmte da auf mich ein, darunter auch eine außergewöhnliche Liebesszene. Mir fehlt einfach der Sachverstand, was Queerness alles heißt, obwohl ich mit der Enkelin darüber ein längeres Gespräch während meiner Lektüre geführt habe.

Lazi kehrt noch einmal ins Dorf zurück, findet das Gewehr und eine Erklärung für das, was mit seiner Mutter damals war, als der väterliche Großvater ihn missbraucht hat, schmuggelt es mit Hilfe der Cousine & der Berliner "Liebsten" bis zu der Kapelle, in der der Trauergottesdienst für den Großvater stattfindet. Es folgt ein filmreifes Finale! Ein rätselhaftes Buch und ein entsprechendes Leseerlebnis.


Von der Gegenwart ins 16. Jahrhundert: Das ermöglichte mir Hilary Mantel mit ihrem Werk "Wölfe", das auch auf meiner ominösen Leseliste verzeichnet ist. Ein historischer Roman von beträchtlichem Umfang, so üblicherweise gar nicht mein Ding! Zu sehr im Gedächtnis, dass das Genre ein Tummelplatz von Belanglosigkeiten & nach Schema F verfasster Dutzendware ist. Aber Markus Gassers Einwand, hier sei, und zwar erstmals und endlich, der historische Roman wirklich auf der Höhe der literarischen Moderne á la Virginia Woolf oder T.S. Eliots hat mich neugierig gemacht. Und Mantel lässt einen bald mit ihrer spannenden Geschichte vergessen, dass Historie so wohl nicht war. Das liegt eben auch daran, dass sie sich weit entfernt vom schwülstigen Mief konventioneller Historien-Romane. Mantel enthält sich dabei jeder Interpretation des turbulenten Geschehens, in seiner dramatischen Wucht an Shakespeare gemahnend. Hilfreich bei der Lektüre ist sicher gewesen, dass frau nach neun Jahren schulischem Englischunterricht in Jugendzeiten doch so einiges an historischen Kenntnissen über das Inselkönigreich verfügt.

Ich muss zugeben, die Eingangsszene hat mich sofort zum Einsteigen verlockt, in der das Kind Thomas Cromwell von seinem Vater, einem Hufschmied und Bierbrauer, brutal misshandelt, von seiner Schwester aufgenommen & aufgepäppelt  und vom Schwager zur Flucht ermuntert wird. Homo homini lupus - das Hobbes-Zitat zum Romantitel ist da von Anfang an verbildlicht. 

Dann gleich ein größerer Zeitsprung, denn im nächsten Kapitel tritt Cromwell schon als sein Rechtsanwalt & Sekretär bei Lordkanzler Kardinal Wolsey in die "gute Stube", und es entspinnt sich ein Dialog über die politischen Tagesfragen, der vom geschätzten englischen Humor getragen wird. Ein weitere Verlockung! 

Und schließlich gelingt es der Autorin noch, den doch so schlecht beleumundeten Cromwell aufgrund der gleichgewichteten Darstellung privater und staatstragender Handlungen als talentierte und pragmatisch handelnde Person Sympathien gewinnen zu lassen. Er ist einfach beeindruckend in seiner Modernität in einer rückständigen Zeit, die ja tatsächlich blutrünstig und düster gewesen ist. Das hat mich auch immer wieder an die Art der Präsentation des römischen Augustus im gleichnamigen Roman des John Edward Williams erinnert, der dadurch bei mir auch als Mensch Profil bekommen hat. 

So habe ich das Buch einfach als gut erzählte Geschichte genossen, ohne große Rücksicht auf die größere Handlung drumherum und bewundert, wie geschickt und umsichtig Cromwell mit den politischen Ränkespielen am englischen Hof umgeht. Vornehmlich geht es dabei um die Annullierung der Ehe des Heinrich VIII. mit Katharina von Aragon, seiner ersten Frau, die ihm keinen überlebenden männlichen Thronfolger geboren hat, und um den Wunsch des Königs, nun Anna Boleyn heiraten zu können, die sich dem Status einer Mätresse verweigert. Dass das lange nicht gelang, ist ja allseits bekannt und die Tatsache der daraus folgenden Abspaltung der anglikanischen Kirche von der römischen, die Cromwell als Schatzkanzler König Heinrichs im Parlament durchsetzen konnte. Der Roman endet mit der Hinrichtung des Thomas Morus, den Cromwell als Lordkanzler abgelöst hat und der den Eid hinsichtlich einer Bestätigung der Legitimität aller Kinder, die Heinrich und Anne Boleyn geboren würden, verweigert hat.



Mantel hat die doch reichlich bekannte Geschichte wunderbar geschildert in kammerspielartigen Szenen, und der besondere Reiz lag für mich auch in dem von ihr eingenommenen Blickwinkel. Eine Lektüre, die sich für mich gelohnt hat. Auch wenn ich viel länger damit verbracht habe, als bei meinen sonstigen Büchern, und meine Liste des Monats etwas kürzer als sonst ist. 

Meine umfangreicheren sozialen Kontakte in diesem Monat waren mir das auch wert.