Donnerstag, 4. Juni 2026

Great Women #458: Paulette Goddard

 Über die Frau, die ich euch heute vorstelle, will ich schon lange schreiben, denn sie ist mir seit Jugendtagen als Filmpartnerin Charlie Chaplins ein Begriff. Da habe ich sie in den Filmen "Modern Times" und  "Der große Diktator" gesehen: Paulette Goddard. Sie blieb mir bis heute unvergesslich als schöne Brünette unter all den Platinblonden, die beim Film en vogue waren...

"Man kann auch mit dem Herzen blond sein." 

Marion Pauline Levy ist gestern vor 116 Jahren, also am 3. Juni 1910 in Whitestone Landing, Queens, New York, zur Welt gekommen. 

Ihre Mutter, Alta Mae Goddard, zum Zeitpunkt von Paulettes Geburt 21 Jahre alt, stammt von englischen Einwanderern mit Namen Gozard ab, die sich in Amerika als Farmer zunächst in Hartford County, dann in South Dakota niedergelassen haben. Paulettes Großvater arbeitet dann bereits in Salt Lake City als Buchhalter, später Immobilienmakler. Dort wächst Alta zunächst auf und ist mit der Schwester ihres späteren Mannes gemeinsam Schülerin der St. Mary- Akademie. Später zieht sie mit einer reisenden Varietébühne weiter und landet bei ihrem reichen Onkel Charles Goddard, der eine Drogerie- & Toilettenartikel - Kette betreibt, in New York. Dort trifft sie wieder auf Joseph Russell Levy, der ebenfalls aus Salt Lake City kommt, und der der künftige Vater Paulettes wird.

Der ist später auch unter dem Namen J.R Le Vee bekannt, acht Jahre älter als seine Frau, Kaufmann und Sohn eines Zigarrenfabrikanten askenasisch - jüdischer Herkunft in Salt Lake City. Nach dem Tod seines Vaters ist er mit seinen Brüdern um die Firma in Konflikt geraten, leitet aber dann den Familienbetrieb, bis er 1909 endgültig scheitert. Schon Ende des Jahres 1908 sind die Eltern Paulettes im Chatsworth, einer Residenz in Salt Lake City, von einem Geistlichen getraut worden.

Mit Mutter Alta
(o.J.)
Paulettes Kindheit liegt weitgehend im Dunkeln. Wegen eines Gerichtsverfahrens, welches der Vater in späteren Jahren anstrengen wird, kann man annehmen, dass die Probleme in der Familie schon 1911 offenbar werden. Der Vater betreibt zu dieser Zeit eine Kette von Warner-Brothers- Lichtspieltheatern und erwartet, dass seine attraktive Frau ihn begleitet. Das Kind ist deshalb viel in der Obhut der Großeltern und sich selbst überlassen, aber auch da schon findig & geschäftstüchtig.

Paulette zufolge hat ihr Vater die Familie verlassen, während J. R. Le Vee behauptet, Alta sei mit dem Kind durchgebrannt, um einem Sorgerechtsstreit zu entgehen. 

Das Mädchen zieht auf jeden Fall mit ihrer Mutter häufig um, unter anderem nach Kanada.  Einige Internatsaufenthalte, z.B. bei Dominikanerinnen & Ursulinen sind verbürgt. Aber wenn frau auf der Flucht wegen eines Sorgerechtsstreites ist, besteht bei einem festen Wohnsitz mit entsprechenden aktenkundigen Schulbesuchen die Gefahr, sich zu verraten. Ein ganzes Jahr lang, 1918, bleiben die Beiden wie vom Erdboden verschluckt. Es geht das Gerücht, die Mutter sei auf Kreuzfahrten auf dem Sankt-Lorenz-Strom als Falschspielerin tätig gewesen.

Erst 1923 tauchen Mutter & Tochter wieder in New York auf. Den Sommer verbringen sie im schönen Anwesen des Onkel Charles in Great Neck. Und da im angrenzenden Country Club eine feste Varieté-Bühne mit samstäglichen Aufführungen besteht, die das Mädchen besucht, wächst in ihr der Entschluss, ein Star zu werden, berühmter als alle anderen. Schon früher hat sie als Kindermodel im legendären Saks in der Fifth Avenue gearbeitet, um sich das Geld für den Tanzunterricht zu verdienen - ihren Sinn für die Notwendigkeit des Gelderwerbs wird sie nie verlieren - , und mit vierzehn Jahren offenbart sie bereits eine ansehnliche weibliche Figur. Die Mutter bestärkt sie dazu in der Überzeugung, dass die Schönheit, die ihr die Natur geschenkt hat, ein Türöffner in die Welt des Entertainments und damit zu finanzieller Sicherheit sein kann. Kein Wunder, dass Paulette ein frühreifer, verführerischer Teenager wird.

In einer Ziegfeld - Revue
Zunächst noch finanziert der Onkel den Besuch der renommierten Washington Irving High School. Doch als sie 16 Jahre alt ist, verschafft er ihr eine Stelle als Tänzerin in der damals bekanntesten Broadway-Show von Florenz Ziegfeld Jr.

Paulette kreiert alsbald den verhängnisvollen Look, der zunächst ihren Erfolg besiegeln wird: Sie färbt ihr Haar platinblond und gibt ihr Debüt 1926 in der Sommerrevue "No Foolin" ( ursprünglich "Palm Beach Girl" ) und in "Rio Rita". Zu dieser Zeit legt sie sich auch ein Pseudonym zu: den Vornamen Paulette und als Nachnamen den Mädchennamen ihrer Mutter – Goddard.

Es ist das Jahr, in dem Mutter Alta endlich auch das Sorgerecht für ihre Tochter erhält. Doch J.R Le Vee weigert sich, Unterhalt zu zahlen, obwohl er Vertriebsassistent bei den Warner Brothers Studios in Burbanks/Kalifornien wird.

Paulette hat in Palm Beach schnell die Spielregeln begriffen. Dennoch drückt sie noch einmal die Schulbank zusammen mit einer Freundin aus der Truppe: "... eine willkommene Abwechslung für uns." Doch das Pauken von Latein, Französisch, Geschichte & Mathematik ist auch schon wieder vorbei, als die Show im Juni 1926 an den Broadway für hundertacht Vorstellungen kommt. Dort zettelt Paulette sogar einen kleinen Aufstand an und droht Ziegfeld mit Streik, wenn er seine Bemerkung, dass er's lieber brünett habe  ( 75% der Ziegfeld - Girls sind blond ), nicht zurücknimmt. Paulette fällt auf.

Die Ziegfeld - Girls finden leicht reiche Verehrer ( und Ehemänner ), Paulette ist da keine Ausnahme. Bereits ein Jahr nach ihrem Eintritt in die Truppe, ergibt sich für die Siebzehnjährige die passende Partie: der nicht mehr ganz so junge Millionär Edgar William James Jr., ein Holzhändler aus South Carolina, gerade getrennt von Tallulah Bankhead und leidenschaftlicher Spieler. Weniger leidenschaftlich ist Paulettes Liebe. Aber er tut ihr gut, und sie hat mit ihrer Mutter lange genug jeden Pfennig umdrehen müssen. Sie heiraten am 28. Juni 1927 um vier Uhr in der Frühe, nachdem sie Priester & Notar aus dem Bett geklingelt haben.

Paulette zieht mit ihm auf seinen Landsitz in Asheville, Buncombe, North Carolina. "Es gab für mich nichts zu tun, außer Golf zu spielen, zu schwimmen, zu jagen und gesellschaftlichen Anlässen beizuwohnen." Das Paar hat so gar nichts gemeinsam, und auch ein ausgiebiger Europa-Urlaub kann daran nichts ändern. 1929 trennt sich Paulette von dem 37jährigen, 1932 werden sie in Reno geschieden. Das bringt ihr ein für die damalige Zeit enormes Vermögen von 375.000 Dollar ein. Sie scheint oben angekommen, da ist sie noch kaum zweiundzwanzig Jahr alt.

Mit diesem Geld erwirbt sie ein teures Auto, schicke Pariser Kleider und macht sich zusammen mit ihrer Mutter endgültig auf den Weg nach Hollywood, wo sie schon 1929 als Statistin ohne Namensnennung in zwei Filmen aufgetreten ist. Nach einem Kurzaufenthalt in Europa will sie jetzt endlich ihre Karriere voranbringen, legt sich eine persönliche Zofe & einen Chauffeur zu und bezieht eine gemietete Villa. Sie will nicht mehr eine unter Tausend sein, nicht mehr vor Motoryachten posieren, bei Schönheitswettbewerben usw.

Nach wie vor muss sich Paulette aber mit Komparsenrollen begnügen, bevor sie einen Vertrag bei Samuel Goldwyn bzw. Paramount Pictures unterschreiben kann. Mit zwei Theaterrevuen - , "The King of the Arena" und "The Museum of Scandals"- bleibt sie im Gespräch. Mit ihren schicken Outfits und den teuren Schmuckstücken, mit denen sie zu den Dreharbeiten kommt, erzielt sie zudem die Wirkung, die sie geplant hat: Sie wird als mysteriöse Schönheit wahrgenommen. Doch auch bei den Hal Roach Studios kann sie in den folgenden vier Jahren nur eine Reihe von Nebenrollen ohne Namensnennung ergattern. Es bleiben Jahre der Anstrengung und der Rückschläge.

Links mit Edgar William James Jr., rechts mit Charlie Chaplin


1932 dann das Ereignis, das Paulette Leben völlig verändert: Die Bekanntschaft mit Charlie Chaplin. Joe Schenck, der Präsident der Filmgesellschaft "United Artists", die 1919 von Chaplin gemeinsam mit Douglas Fairbanks, Mary Pickford u.a. gegründet worden ist, hat zu einem Wochenende zu Ehren von Charlie Chaplin auf seine Yacht eingeladen. Die 22jährige Paulette ist mit von der Partie. 

Der 43-jährige, der zu dieser Zeit bereits "The Kid", "The Gold Rush" und "City Lights" gedreht hat, ist schon eine Legende des Stummfilms und bereits zwei Mal verheiratet gewesen. Die Details seiner Scheidung von Lita Gray mit der er zwei kleine Söhne unter zehn Jahren, hat, füllen seit Monaten die Klatschspalten der Zeitungen. Außerdem droht der Stummfilm, in dem er ja einer der gefeiertsten Protagonisten ist, vom Tonfilm endgültig abgelöst zu werden. Chaplin fühlt sich in dieser Zeit etwas orientierungslos - ein melancholischer Einzelgänger. Sie hingegen ist jung und lebhaft, zielstrebig, stets fröhlich und optimistisch, dazu unabhängig und von makelloser Figur. Als sie von Bord gehen, planen sie schon die gemeinsame Zukunft...

Die Beziehung findet in der Presse große Beachtung. Chaplin schickt Paulette zu einem Schauspiellehrer am Hollywood Community Theater, um "ihr einen Feinschliff zu geben". Außerdem überzeugt er sie, zu ihren kastanienbraunen Haaren zurückzukehren. Auch wenn der frischen Beziehung pygmalionartige Züge anhaften - Chaplin hat immer kindhafte Frauen bevorzugt -, kann er der Drehbuchschreiberin Anita Loos ( siehe dieser Post ) sagen: "Sie ist äußerst umsichtig, hat ihr eigenes Geld und kann bestens damit umgehen." In Interviews, die sich häufen, nachdem die Affäre bekannt geworden ist, macht auch Paulette deutlich, dass sie auf eigenen Füßen steht und klare Pläne und Vorhaben hat. Doch mit denen ist es bislang nicht weit her: Der Film "Der falsche Torrero" ist längst Schnee von gestern und Kurzfilme mit Hal Roach auch nicht das Gelbe vom Ei.

Dafür läuft das Zusammensein mit Chaplin gut: Er schätzt ihre Kameradschaft und ihr gutes Umgehen bzw. Verhältnis mit seinen Söhnen. Er selbst plant schon sein nächstes Projekt ( Nr. 5 ), in dem Paulette als Partnerin des Tramps vorgesehen ist. Sie bereitet sich mit Tanz-, Gesangs- & Rhetorikschulungen darauf vor. 
"Daß ich richtig schauspielern wollte, machte mir die ganze Zeit ein bißchen Angst, die immer im Hinterkopf blieb. Darstellen bedeutet Angst....Schließlich stünde man nicht vor der Kamera, wenn man nicht das Beste daraus machen wollte.... Lampenfieber haben alle. Auch wenn sie's nicht zugeben." ( Quelle hier )

In Japan 1936
Ihre Rolle in "Moderne Zeiten" als "The Gamin", ein Waisenmädchen, das vor den Behörden flieht und die Begleiterin des Tramps wird, ist Paulettes erster Filmauftritt mit Namensnennung und bringt ihr überwiegend positive Kritiken ein.

Zwischen ihrer ersten Begegnung mit Chaplin und der Premiere von "Moderne Zeiten" liegen fast vier Jahre. So modern sind die Zeiten allerdings nicht: Die Gemüter erhitzt die Frage, ob die Beiden verheiratet sind oder "in Sünde" leben. Paulette reagiert darauf, indem sie sich wie Chaplins Ehefrau verhält, in seine große, von Grün umgebene Villa in Beverly Hills einzieht, Dinner und Empfänge veranstaltet, zu denen die wichtigsten Persönlichkeiten um eine Einladung wetteifern, darunter Einstein, Strawinsky, H.G. Wells und Aldous Huxley. Paulette ist gerne in Gesellschaft von Männern, die was zu sagen haben & gebildet sind.

Nachdem die Filmarbeiten abgeschlossen sind, reist das Paar gemeinsam mit Mutter Alta nach Asien, nach China und Japan, und heiraten laut Chaplin still und heimlich irgendwo unterwegs auf einer Yacht auf offener See ( nur um später zu sagen, dass die Ehe in China geschlossen und daher nicht gültig sei ).

Übrigens verliert Paulette die sicher geglaubte Rolle der Scarlett O’Hara im Film "Vom Winde verweht", weil sie dem Studio keine Heiratsurkunde vorlegen kann. Der moralische Ruf seiner Stars ist den Filmleuten heilig. Als Trost schenkt Chaplin ihr ein Diamantarmband, an das sich interessanterweise Marlene Dietrich erinnert, die ihre Sexualität leben darf, wie sie will, sie ist ja verheiratet ist und hat ein Kind...

Zweite von links in "Die Frauen"

Da Chaplin sich für seine Produktionen immer einige Jahre Zeit lässt, arbeitet Paulette bewusst auch mit anderen Filmschaffenden, um sich beim Publikum als Leading Lady etablieren zu können. Sie unterschreibt einen Vertrag mit David O. Selznick und spielt an der Seite von Janet Gaynor in der Komödie "Die Jungegbliebenen" (1938). So ist sie 1939 als Teil einer ausschließlich weiblichen Besetzung in "Die Frauen" von George Cukor zu sehen. Bei Paramount wird sie zum Star dank der Horrorkomödien "Erbschaft um Mitternacht" und "The Ghost Breakers". 

Paulette braucht eine Karriere, doch Chaplin eine Ehefrau. Sie mag aber nicht diejenige werden, die ihre Ambitionen aufgibt und sich ihrem Ehemann, dem Genie, widmet. Obwohl Chaplin selbst ein leidenschaftlicher Mann ist und Affären nebenbei hat, hindert ihn das nicht daran, eifersüchtig zu sein. Das Zusammenleben mit ihm ist also nicht einfach, und Paulette findet angeblich Trost in einer viel diskutierten Affäre mit Gary Cooper

Paulette fotografiert mit dem Rivera-Gemälde. 
Sie vermacht das Gemälde der New York University.
1999  wird es bei Christie’s für 552.500 US-Dollar versteigert.  
Auch mit dem todkranken George Gerswhin ist ihr schon was angedichtet worden ( der geäußert hat, er würde sie gerne heiraten ) und mit Diego Rivera, dem Mann von Frida Kahlo, der sie  zweimal malt. 

Eine räumliche Trennung von Chaplin ist unvermeidlich und findet schließlich auch statt.

Im Jahr 1939 startet Chaplin mit den Dreharbeiten zur Satire "Der große Diktator", in der er Paulette für die Rolle der Hannah vorgesehen hat, obwohl sie zu dieser Zeit nicht mehr zusammen leben. Er selbst brilliert in den Rollen der Doppelgänger – des Diktators Hynkel ( der Parodie auf Hitler) und des bescheidenen jüdischen Friseurs. Der Film kommt im Herbst 1940 heraus und wird vom Publikum begeistert aufgenommen. 

Bei der Premiere nennt Chaplin zum ersten Mal Paulette öffentlich seine Ehefrau. Prompt erhalten sie eine Einladung ins Weiße Haus, um Präsident Roosevelt zu treffen. Ironie des Schicksals: Zu diesem Zeitpunkt ist das Ehe -Aus unausweichlich.

"Der große Diktator" (1940)

Ohne gegenseitige Enthüllungen und laute Skandale lassen sie sich 1942 ( wohl rechtskräftig in Mexiko ) scheiden. Paulette erhält von Chaplin eine große Geldsumme und die Yacht "Panacea". Er will sogar als Abschiedsgeschenk einen dritten Film mit ihr drehen, aber das soll nicht mehr wahr werden. ( Aus dem Drehbuch wird dann sein letzter Film "Die Gräfin von Hongkong" mit Sophia Loren in der ursprünglich für Goddard vorgesehenen Rolle. ) 

Sie nutzt ihre damaligen Bekanntheit und das Image, das sie sich  aufgebaut hat und unterzeichnet einen lukrativen Vertrag mit Paramount und wird zur Lieblingsschauspielerin von Cécile B. DeMille. Es heißt aber auch, dass sie sich später am Set von "Unconquered" mit ihm zerstritten habe, was der eigentliche Grund für ihre spätere Abwertung in den 1950er Jahren & die Reduzierung ihrer Filmverpflichtungen gewesen sei.

Doch erst einmal noch zurück ins Jahr 1940: Am Set von "Second Chorus", einer Musicalkomödie mit Fred Astaire, lernt sie Burgess Meredith, einen erfolgreichen Bühnenschauspieler, kennen, der 1944 ihr dritter Ehemann werden wird und von dem sie, inzwischen 34 Jahre alt, ein Kind erwartet, es aber dann bei einer Fehlgeburt verliert. 1944 wird Paulette auch für den Oscar als Beste Nebendarstellerin für "Mutige Frauen" nominiert.
 
Von links nach rechts:
Mit Fred Astaire in "Second Chorus", mit Claudette Colbert & Veronica Lake in "Mutige Frauen", mit Ehemann Burgess Meredith

1946 spielt sie an der Seite ihres Ehemanns in Jean Renoirs "Das Tagebuch einer Kammerzofe". Burgess ist Mitglied der Demokratischen Partei, gilt also als Liberaler, und gerät deshalb auf die schwarze Liste des Komitees für unamerikanische Umtriebe. Auch auf Paulette wird so das Interesse des FBI gelenkt. Burgess hält sich im darauffolgenden Jahrzehnt weitgehend vom Filmgeschäft fern. Er leidet an einer bipolaren Störung und ist extremen Stimmungsschwankungen unterworfen. 1949 lässt sich das Paar auch schon wieder scheiden. 

1954
In den 1950er Jahren beginnt Paulettes Karriere also zu stagnieren. Angebote von großen Filmstudios bleiben aus, Hollywood ersetzt die "alten" Diven - Paulette ist gerade mal vierzig! -  gnadenlos durch eine jüngere Generation. Sie arbeitet mit kleinen Studios für bescheidene Honorare zusammen und dreht immer weniger Filme. Stattdessen spielt sie Theater, z.B. die Cleopatra in einer Theateraufführung in Bernard Shaws Stück "Cäsar und Cleopatra". Ihre letzte Hauptrolle im Film hat Paulette 1954 in dem Film noir "A Stranger Came Home", den die "New York Times" als "drittklassigen britischen Krimi" bezeichnet. Nach dem Auslaufen ihres Vertrags mit Paramount geht sie nach Großbritannien, um beim Fernsehen zu arbeiten.

In Hollywood läuft ihr am 4. April 1951 beim Betreten eines Blumenladens der deutsche Schriftsteller Erich Maria Remarque über den Weg, den sie bis dato nur flüchtig kennt. Der Autor des berühmten Antikriegsromans "Im Westen nichts Neues" (1929) lebt seit 1939 offiziell in den Vereinigten Staaten, verbringt aber auch die Hälfte eines Jahres in Europa. Er hat in Porto Ronco, einem Ortsteil von Ronco sopra Ascona im Schweizer Kanton Tessin eine Villa am Westufer des Lago Maggiore. In Hollywood hat er eine ganze Reihe von Verhältnissen mit berühmten Schauspielerinnen, darunter Marlene Dietrich, gepflegt, und eine respektable Kunstsammlung! 

Die Geschichte wiederholt sich wie einstens mit Charlie Chaplin: Paulette, strahlend, munter, lebensbejahend, alles Eigenschaften die dem 53jährigen abgehen, kann ihn aus seiner aktuellen Lethargie reißen. Es hilft Remarque, im Dezember 1951 seinen Roman "Der Funke Leben"  wieder aufzunehmen & abzuschließen, den er seiner von den Nazis hingerichteten jüngsten Schwester Elfriede Scholz widmet. Es ist eine der frühesten literarischen Auseinandersetzungen mit der Welt der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Der Roman wird weltweit überwiegend positiv aufgenommen. Für den deutschen Buchmarkt konstatiert man Reaktionen, die "zum großen Teil ausgesprochen feindlich, reserviert und empört" sind, so Remarque. 

Paulette ist keine Intellektuelle, dazu hat sie viel zu viele Bildungslücken. Beide scheinen aber endlich eine Beziehung ohne Wenn und Aber gefunden zu haben. Die durch die Zurücksetzung in Hollywood einstmals etwas verbitterte bis wütende Schauspielerin, die als wenig kooperativ gegolten hat, wird von Kollegen nun ganz verwandelt wahrgenommen. Ihre neue Beziehung behandelt sie mit Diskretion und führt die Presse oft auf falsche Fährten. Remarque spricht in seinem Tagebuch von einem Leben endlich ohne Neurasthenie und ständiges Schuldgefühl. Er sieht sich zwar gerne als Weltmann, Kavalier, homme à femmes, hat allerdings gleichzeitig das Gefühl, ein Schwindler zu sein, als Schriftsteller nichts zu taugen, eines Tages entlarvt zu werden. Der Alkohol scheint ihm ein geeignetes Mittel gegen seine Dämonen zu bleiben.

Unerfreuliches gibt es auch für Paulette in dieser Zeit genug: Paramount verlangt von ihr den Beweis, dass sie keine Kommunistin sei, ihr letzter Ehemann klagt auf Herausgabe der Hälfte ihres gemeinsamen Eigentums in Dollar, ihr Vater hingegen vermacht ihr in seinem Testament provokant einen einzigen Dollar, Chaplin wird nach seinem letzen US-Film die Wiedereinreise in die Staaten verweigert, was sie entrüstet, und last, but not least, markieren alle Filme, die sie 1953 - 54 dreht, den absoluten Tiefpunkt ihrer Karriere, z.B. "Charge of the Lancers".

1956 fällt eine geplante, von Anita Loos geschriebene TV-Serie durch, und Paulette lässt sich von Remarque zu einem mehrwöchigen Urlaub bewegen, luxuriös im Jaguar in Richtung Cannes, Monte Carlo, Nizza unternommen. Anschließend begleitet sie ihn nach Berlin zur Premiere seines neusten Stückes, wo sie dann schon quasi als seine Ehefrau begrüßt wird. Die Gerüchte sind so weit gediehen, dass in den Staaten alle eine Heirat erwarten. Doch bis Mai 1957 ist er noch mit Ilse Jutta Zambona verheiratet. Paulette genießt es, die Klatschpresse an der Nase herumzuführen und lanciert einen Termin auf einem Standesamt in St. Moritz im Dezember. Aber: Pustekuchen!

Eheschließung  mit Erich Maria Remarque
(1958)
Zur Eheschließung kommt es tatsächlich erst am 25. Februar 1958 in Branford/Connecticut. Paulette Goddard ist 47 Jahre alt, Remarque fast sechzig. Es gibt eine Reihe von Leuten, die Paulette als Remarques Ehefrau nicht ganz passend finden, darunter Marlene Dietrich, die das öffentlich äußert: "Hat er den Verstand verloren?(... ) Er war ein großer Schriftsteller, aber seit jeher ein Dummkopf, was Frauen angeht."

Gemeinsam lebt man jetzt am Lago Maggiore, ziemlich luxuriös: Sie sammelt Schmuck ( darunter die Rubinlippenbrosche von Dalí ), er Kunstwerke ( so erwirbt er mehre Claude Monets ). Gemeinsam besucht man die europäischen Städte, die sie lieben. Doch sie hält es nie längerfristig bei ihm in seinem Haus aus: "Ich bin ein geselliger Typ, er aber hat einen Sitzberuf, aber wir ergänzen uns hervorragend!" Dass Remarque einen Großteil des Jahres  schriftstellernd in der Schweiz verbringt, gibt ihr die für sie notwendige Freiheit.

Sie lehnt nicht jedes Angebot ab, das man ihr vorlegt, und nimmt beispielsweise ein Theaterengagement an, obwohl es ihrem Mann nicht gut geht. In der Öffentlichkeit redet sie nur von ihm und ihrem fabelhaften, glücklichen Leben. Auch ihre Korrespondenz zeugt von einem ausdauernden Anhimmeln, wenn getrennt, in der Ferne. Dieses gegenseitige Schmachten wird fast zum Ritual. Aber: "Im Laufe ihrer Ehe wurde er zum verlassenen, aber duldsamen Vormund, während sie den tolldreisten Teenager spielte", meint Julie Gilbert in ihrer Biographie.

Ihr früheres Leben mit Chaplin und dem Kino, erwähnt sie fast nie. Dabei wohnt dieser ganz in ihrer Nähe, nur "auf verschiedenen Bergen", so die Schauspielerin. Im September 1963 erleidet ihr Ehemann in Neapel einen Schlaganfall  mit rechtsseitiger Lähmung & Sprachstörungen als Folge, von dem er sich erholen und ein Jahr darauf zusammen mit ihr Venedig & Florenz besuchen kann.

"Gli indifferenti"
(1964)
Paulette hat bereits im Sommer davor unerwartet ein Filmangebot aus Italien angenommen, unter der Regie von Francesco Maselli bei der Verfilmung von Alberto Moravias Roman "Gli indifferenti" die Rolle der schönen, verarmten Herzogin & Mutter von Carla Ardengo, gespielt von Claudia Cardinale, zu übernehmen. Sie ist mit ihrer Präsenz im Film nicht zufrieden und es kommt zu Reibereien mit Shelley Winters, die den Film höchstens für das TV - Spätprogramm geeignet findet. Es wird der letzte Filmauftritt der Schauspielerin; sie ist jetzt 53 Jahre alt.

Anfang des Jahres 1965 erleidet Remarque einen Herzanfall, als Paulette sich mit ihm in Mailand aufhält. Es wird nicht sein letzter sein; weitere im September und Oktober 1966 folgen, zuletzt mit einem sechswöchigen Klinikaufenthalt in Locarno. Seine ernsthaften gesundheitlichen Probleme nimmt sie höchst widersprüchlich auf, abwechselnd verängstigt, genervt, mütterlich, tyrannisch - "nicht viel anders, als sie schon immer zu ihm gewesen ist", so Julie Gilbert in ihrem Buch. Sie weicht der Situation gerne aus, ganz anders, als es an manchen Stellen heute so ausgemalt wird. Er bedauert, dass er mit seinen Beeinträchtigungen ihr nicht mehr so schöne Liebesbriefe schreiben könne. "Das kommt schon wieder", tröstet er sie und sich selbst.

Bis zu seinem Tod wird Remarque ständige Schmerzen leiden und sein Tagebuch beweist, dass er mit einem größeren Infarkt rechnet. Er ist auch zu gut im Bilde, dass seine Frau mit Ronco nichts anzufangen weiß,  weil dort "alles wie Blei für sie" ist, vor allem im Winter, und sie die Reisen braucht. Über den Winter 1966/67 hält sich das Paar dann konsequenterweise in Rom auf, auch zwecks ärztlicher Behandlung. Dort wird ihm das Bundesverdienstkreuz in Anwesenheit Paulettes verliehen. Geplant wird eine Reise in die USA zum 80. Geburtstag der Schwiegermutter, die aber nicht stattfinden kann, auch weil Remarque unbedingt sein Buch zu Ende bringen will. 

Paulette ist nun bereit, ins Tessin zu ihm zurückzukehren. Den nächsten Winter verbringen sie allerdings wieder in Rom, und er arbeitet intensiv, aber unter ärztlicher Kontrolle. Im Herbst 1969 treten sie "die zweiten Flitterwochen in Grün" ( O-Ton Remarque ) in Venedig an, die sie aber wegen gesundheitlicher Komplikationen abbrechen müssen. Paulette selbst hat sich zuvor im Frühjahr/Sommer in New York die Beine vertreten. Das war sein ausgesprochener Wunsch. 

Sein letzter Brief an sie stammt von Thanksgiving 1969. Da setzt ihnen ein Einbruch in die Villa und der Raub von Kunstgegenständen zu. Ein Klinikaufenthalt in Zürich im Frühjahr danach bringt gesundheitlich für ihn kaum Veränderung, dafür kommen die entwendeten Kunstgegenstände zurück. Nach einem weiteren Herzstillstand im Sommer 1970 wird Remarque ins Krankenhaus nach Locarno gebracht, wo er am 25. September stirbt. Er wird bescheiden auf dem örtlichen Friedhof in Ascona beerdigt. 

Für Paulette beginnen nun zwanzig lange Jahre alleine, die sie nicht nur in Ascona verbringt. Sie ist  Witwe eines berühmten Mannes und muss folglich die spöttischen bis boshaften Kommentare der Öffentlichkeit über sich ergehen lassen ( wie das immer wieder gerne bei Witwen - nicht nur berühmter Männer - der Fall ist ). Sie hat die Villa samt einer beeindruckenden Sammlung impressionistischer Kunstwerke, die Remarque über viele Jahre hinweg aufgebaut hat, geerbt. Aber was noch wertvoller ist: das Copyright an seinen Werken. So what? Remarque hat keine Kinder, wem sollte er das dann hinterlassen? Wenn sie sieben Jahre später Bilder und kostbare Orientteppiche nach und nach verkauft, heißt es selbst in der Biografie "aus purer Lust am Geschäftemachen". Vielleicht braucht sie das Geld, um das Anwesen in Stand zu halten, ihre Miete in New York, ihre Krankenhaus- & Arztrechnungen zu bezahlen? Den schriftlichen Nachlass und die Bibliothek ihres Mannes gibt sie 1977 an die New York University weiter ( und nach ihrem Tod wird diese Bildungseinrichtung das Copyright erben ). Was ist daran verwerflich?

Die Rolle ihres Lebens? Das, was sich die kleine Marion Pauline Levy erträumt hat? Wer den Status einer Witwe ohne eigenes Zutun einnehmen durfte, weiß, wie unverschämt solche Aussagen sind. Öffentlichkeitswirksam überreicht sie im September 1971 in einer Veranstaltung vor hundert geladenen Gästen das Manuskript des nachgelassenen Remarque-Romans "Schatten im Paradies" im Münchner Verlagshaus von Droemer, aber ansonsten muss sie sich sechs Monate in der Villa Ronco aufhalten, das verlangen Schweizer Gesetze, sonst verliert sie ihre Aufenthaltsgenehmigung. Schon zu Lebzeiten ist sie immer wieder geflohen, vor dem Winter dort, den fehlenden Kontakten, den Sprachproblemen. Um Freunde zu treffen, muss sie bis Zürich oder Mailand reisen.

Mit Andy Warhol
(1974/75)
Sie betätigt sich in den nächsten Jahren fleißig als Nachlassverwalterin, sorgt z.B. dafür das Remarques Stück "Die letzte Station" am Broadway aufgeführt wird. Und sie plant zusammen mit Anita Loos - Arbeitstitel "The Perils of Paulette" - eine Art von Memoiren zu verfassen. Doch dieses Buch beendet ihre Freundschaft, weil Paulette sich weigert "auszupacken". 

In New York findet sie in Andy Warhol einen neuen Freund oder Begleiter, der einen Vertrag mit Remarques Verleger abgeschlossen hat, um ihre Lebenserinnerungen auf Tonband zu sammeln und zu transkribieren. Auch das erweist sich als unergiebig. Immerhin scheint sich Paulette in Warhols Anwesenheit wohl zu fühlen und mit ihm als Begleiter am social life in New York teilzunehmen.

1975 wird in New York bei der 65jährigen Brustkrebs - später kommt noch Hautkrebs dazu - diagnostiziert, mit allen üblichen Folgen einer Amputation. Nicht nur körperlich, auch psychisch hat der - wohl wenig einfühlsame, überstürzte - Eingriff Folgen. Paulette verweigert eine Rehabilitationskur und wendet sich dem Alkohol zu, wie es ihr Mann zeitlebens praktiziert hat. Sie verändert sich charakterlich: Aus der strahlenden, temperamentvollen, noch immer schönen und irgendwie lebenshungrigen wird eine eigensinnig - sprunghafte, einsame, alkohol- und schlaftablettenabhängige Frau, die mit ihrem Leben nicht mehr zurechtkommt. Sie versucht sogar mehrmals, sich das Leben zu nehmen, so demoralisiert ist sie. Einzig im Kontakt zur Mutter bleibt sie bis zu deren Tod 1984 beständig.

Ihre letzten fünf Lebensjahre verbringt Paulette Goddard nun vollständig in ihrem Haus in Porto Ronco, umgeben von einem Team aufopferungsvoller Pflegekräfte. Am 23. April 1990 stirbt sie dort im Alter von 79 Jahren. Sechs Stunden zuvor hat Sotheby's noch ihren Schmuck für eine Million Dollar versteigert.
"Nichts ist von Interesse, wenn's nicht klappt. Wenn's hinter einem liegt. Oder lange zurück. Nichts von Interesse. Was man sich für die Zukunft vornimmt, oder was man getan hat. Es zählt nur das, was jetzt ist. Der Augenblick."
Das sagt sie in einer der 22 Fernsehsendungen mit ihrer unnachahmlichen Stimme.

Begraben ist Paulette Goddard neben Erich Remarque und ihrer Mutter auf dem Friedhof von Ronco sopra Ascona.

                                                                                                                                                                            

Und hier meine weiteren Leseangebote zu den 


Dienstag, 2. Juni 2026

Wenn es draußen zu heiß wird...

... bleibe ich in meinem Altbau - Gehäuse. Mir bekommt Hitze einfach nicht besonders gut. Aber ich kann nicht immer nur schaffen, räumen oder lesen, ich brauche mehr Abwechslung. Und die bringt schnell und effektiv eine halbe Stunde an der Nähmaschine. 

Dabei sind wieder ein paar Täschchen entstanden aus wunderschönen Tilda - Stoffen, Kollektion "Song Bird" vom Februar dieses Jahres. Die zeigt Anklänge an den Jugendstil bzw. an die Dessins des Engländers William Morris, dem Gründer des "Arts and Crafts Movement", aber auch an die floralen Motive in den Liberty - Villen in Venedig. 



Die Farben sind eigentlich eher nicht so meins, haben mich dennoch überraschend angesprochen, und ich hatte auch schon  bestimmte Empfängerinnen im Auge. Mein Lieblingsschnitt für größere Täschchen: "Patience" von Farbenmix. hat Spaß gemacht, sie zu nähen. Jetzt habe ich nur kein "Soft and stable" mehrzum Versteifen, muss also auf eine erneute Lieferung warten, bevor ich weiter bosseln kann.

Verlinkt mit dem Creativsalat.

                                                                      

Montag, 1. Juni 2026

Bücherlese Mai 2026

"Ich weiß wirklich ernsthaft meistens nicht, 
warum ich ein Buch schreibe.
......
... ich will niemanden bilden, absolut nicht. 
Unterhalten schon, manchmal ein bisschen ärgern."
Christine Wunnicke
"Die zwei schwierigsten Dinge am Schreiben sind 
das Anfangen und das Nicht-Aufhören."
Stewart O'Nan
"Prosa und Gedichte sind wie Medikamente.
Sie heilen den Riss, den die Wirklichkeit 
in die Vorstellungskraft schneidet."
Jeanette Winterson
"Menschen, die regelmäßig lesen, 
zeigen niedrigere Depressionsraten 
und eine stärkere & emotionale Selbstregulation als Nichtleser."
University of Sussex

Stewart O'Nan oder Christine Wunnicke war da die Frage, als ich überlegte, was ich zum neuen Monat lesen wollte. Das eine Buch hat 347, das andere 112 Seiten. Das war schließlich ausschlaggebend, und ich habe mich für das dünnere Werk entschieden und an einem Abend gelesen.

"Missouri" von Christine Wunnicke ist eine Wild-West-Geschichte zwischen Dichtung und Revolver. Und wie immer bei Wunnicke schießt allerlei Ungeplantes – und sei es die vermaledeite Liebe – quer, bei ihr auch gerne queer. Glatt geht es bei dieser Autorin, wie auch, auch dieses Mal nicht. Und es ist immer wieder große Erzählkunst, auf kleinstem Raum sozusagen, und mit verschrobenen Figuren, was mir immer Amüsement bringt und passende Bilder in meinem Kopfkino erzeugt.

Doch dieses Mal ist alles wenig anders anders: Der kleine Roman besticht durch eine der schönsten Liebesszenen, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Beseligt bin ich nach der Lektüre eingeschlafen.

Der Plot ist folgender: Der vermögende, extravagante Londoner Dichter & Lichtbildner Douglas Fortescue kommt in seinem Mutterland unter Druck und weicht auf Anraten seines Bruders nach Amerika aus für einen Neustart. Dort fallen sie unter die Räuber. Doch Fortescue passiert etwas ganz anderes als den anderen Überfallenen. Als der Bruder seinen Namen laut ruft, wird er von dem sehr jungen Kopf der Bande zu seiner Überraschung ergriffen, auf ein Pferd gebunden und wie eine Geisel mitgenommen. Dieser Joshua Jenkyns, ein Halbblut, hat von seinem Vater den Beruf geerbt, aber durch Zufall ist ihm in der Westentasche eines seiner ersten Opfer ein Buch mit Gedichten von Lord Byron in die Hände gefallen. Deshalb lernt er Lesen von einem Pfarrer, und Lord Byron begleitet ihn nun im Geiste auf seinen Raubzügen.

Bei einem Überfall auf britische Gentlemen in der Nähe des Mississippi hat Joshua ein weiteres Buch mit Gedichten ergattert: Douglas Fortescues "Colours". Gedichte ohne Reime, die der sonst sehr einsilbige Bandit nicht völlig versteht und dennoch immer wieder liest und liest. Byron ist ab da passé. 

Seit der Entführung Fortescues teilt man nun Stille, Ödnis und Einfachheit des Wilden Westens miteinander, man streunt auf Pferden umher, macht beim Essen halbpart, organisiert Überfälle und schläft Seite an Seite beim Nachtlager, man benutzt die Revolver und rettet sich gemeinsam vor Verfolgern. Und dabei redet man nicht viel, bis eines Tages der junge Joshua seinen Revolver Fortescue vor das Gesicht hält und sagt. "Ich liebe Sie, Mister."

Weil der Bruder Fortescues die Suche nach ihm nicht aufgibt - und weil kein Western ohne "High Noon" auskommt - treffen die drei Protagonisten vorhersehbarerweise aufeinander - ein tragisches Finale also. Dennoch ist das spannend zu lesen, und geht über das Western - Genre weit hinaus mit dieser Liebesgeschichte. Wunnicke bleibt nach wie vor eine meiner literarischen Favoritinnen.

Dann also das "Abendlied", das jüngste, gerade erst bei uns in Deutschland erschienene neunzehnte Werk von Stewart O'Nan, gepriesen als "Ode an weibliche Solidarität". Es handelt von vier alten Frauen, die eine Selbsthilfeorganisation für ebensolche, den Humpty Dumpty Club, unterhalten. Das ist für jemanden wie mich, dem nahenden Ende jeden Lebens eher näher stehend als allem anderen, doch eine passende Geschichte, meinte ich.

Doch ich fand es eher langweilig, den Alltag von Frauen in meinem Alter und/oder meiner Situation zu lesen, von der Übernahme von Besorgungen, von Stürzen, Krankenhausbesuchen, Rehaaufenthalten, von Ehemännern, die gepflegt werden müssen usw. Nicht mal die Versuche der Jüngsten im Club, durch eine Dating-App wieder zu einem männlichen Begleiter zu kommen, weckte meine Neugier bzw. Anteilnahme. Ich nehme an, das liegt daran, dass ich selbst mit Ausfällen im Gedächtnis (  welcher Weg war das noch mal? ), verlegten Portemonnaies & vertrauensseligem Umgang mit Kreditkarten, Rauchmeldern & vergessenen Töpfen auf dem Herd usw. regelmäßig zu tun habe ( weniger mit anstrengenden divahaften Katzen oder Hunden ). Die Verhältnisse sind halt so, wie sie sind, die Menschen sind alt, aber noch ist ihnen das Leben eine angenehme Gewohnheit.

Überraschendes bot einzig der Messi-Haushalt eines alten, einst renommierten Pianistenehepaares mit zig Katzen und einem Rolls Royce in der Garage, dessen überlebender weiblicher Part nur mit unermüdlichem Einfühlen, unermüdlichem Einsatz und ebenso unermüdlicher Geduld der Frauen des Humpty Dumpty Clubs durch ihr Dasein mit einem sterbenden Mann bzw. als Witwe kommt. 

Anerkennen muss ich, dass sich Stewart O'Nan so gut in das Fühlen & Denken der alten Damen hineinversetzen konnte. Und: Er ist ein Meister darin, gegen die aggressive Dauererregtheit der Politik auf geradezu provokative Weise die Ereignislosigkeit des Alltags zu setzen. Doch ich frage mich: Wird die von ihm beschriebene Solidarität mit dem Club der Greisinnen nicht aussterben? Das Buch hat so etwas Altmodisches an sich.

Als ich an meinem Post zu Emily Dickinson geschrieben habe, habe ich mich der Dichterin gleichzeitig literarisch genähert und zwar mit dem Buch "Städte aus Papier" der kanadischen Schriftstellerin Dominique Fortier. Einfach schön war das zu lesen. Einen Abend habe ich dafür gebraucht. 

Da mir gerne Vergleiche mit der Malkunst kommen: wie in der Aquarelltechnik tupft die Autorin die Sinneseindrücke aufs Papier, mit denen sie das Leben dieser unerklärlichen Person in der Welt der Dichtung einfängt. Ich konnte mich im Moment verlieren, in den Worten, die Bilder evozieren und auch wieder sich auflösen wie Schneeflocken, in den für mich treffenden Formulierungen ( "Jedes Gedicht ist ein winziges Grab zum Gedenken an das Unsichtbare" ), die den Moment festhalten können, von dem ich weiß, dass er nicht andauern wird. "Und am Ende wird die Welt auf die Spitze der Feder passen, die sie zwischen den Fingern hält." Leicht und federzart, an den lyrischen Stil Dickinsons angelehnt, schafft Dominique Fortier das Bild jener fazettenreichen Frau und vermittelt deren Zugang zum Leben, zu ihrer Welt, ohne sich in den vielen Spekulationen über den Mythos, der sich um Dickinson gebildet hat, zu verlieren. Das Buch legt nahe, was ich auch nach der Beschäftigung mit der Dichterin gedacht habe: Da ist eine, die sich einfach radikal für sich selbst entschieden hat.

Meine "Anna Amalia" von Mano

François-Henri Désérables "Monsieur Piekielny" hat mir seinerzeit gut gefallen. Und Verlaine & Rimbaud haben mir  schon in Schülertagen den leidigen Französischunterricht versüßt ( der Titel greift einen Verlaine-Vers auf ). Also gefolgert, "Mein Meister und Bezwinger" könnte was für mich sein. Vasco, Archivar in der Bibliothèque nationale de France ( BNF), und Tina, eine Schauspielerin, die jeden Morgen zwischen zwei Tassen Kaffee Gedichte derselben zitiert. Literatur ist ihnen ein unentbehrliches L(i)ebeselixier. 

Auf einer Party sind die sich das erste Mal begegnet. Sie verlieben sich auf Anhieb, gestehen es sich aber nicht ein, stürzen sich nach und nach in eine Affäre, die der Autor mit unverhüllter Erotik in Szene setzt. Das hat schon was Schräges, diese Liebesszene auf einem Tisch in der BNF, auf dem die Gutenbergbibel, die korrigierten Fahnenabzüge von "Fleurs du mal" und die Originalausgabe von "Un saison en enfer" von Rimbaud liegen! 

Tina ist allerdings gerade dabei, den Vater ihrer Zwillinge, einen drögen Ministerialbeamten, heiraten zu wollen und da kann eine klassische amour fou nicht ausbleiben, ist ja schließlich ein Roman à la française. Erzählt wird die Geschichte von einem Schriftsteller, Freund Vascos bzw. Vertrauter Tinas, und zwar auf dem Hintergrund einer Zeugenbefragung vor einem Untersuchungsrichter. Das eröffnet  dem Leser die Aussicht auf ein schweres Liebesdrama. 

Auf dieser Ebene gibt es immer wieder Brüche, und der Autor kann gleichzeitig ein wunderbares, raffiniertes literarisches Spiel entfalten: Voltaire kommt vor, Apollinaire, Baudelaire, Mallarmé, all diese Leuchtsterne französischer Dichtkunst des 19. & des frühen 20. Jahrhunderts, sogar der Surrealist Aragon und seine Elsa, und eine besonders direkte Verbindung zu Paul Verlaine und Arthur Rimbaud, den beiden verehrten Lyrikern und Protagonisten des vielleicht berüchtigsten Beziehungsdramas in der französischen Literaturgeschichte, wird ausgesponnen. Er lässt Vasco sogar in den Besitz jener Waffe kommen, mit der Verlaine auf Rimbaud geschossen hat. Es geht um Haikus, Vierzeiler, Sonette, Alexandriner und die Lyrik, die Vasco zwecks Bewältigung seines Liebeskummers verfasst und in einem Heft notiert hat. Und dann kommt - hach! - auch noch ein wenig die Landschaft meiner Sehnsüchte vor, die im Stile Stendhals in ( wärmste ) Erinnerung gerufen wird.

Der Roman ist souverän komponiert, in seiner Eloge auf die Literatur des 19. Jahrhunderts und ihrer Geschichten, die das wahre Leben spiegeln, und dem Spiel mit gängigen Klischees. Das ist vergnüglich zu lesen, auch wenn es bis zum allerletzten Schluss offen bleibt, ob es nun tragisch oder doch komisch ausgeht. Ein nächstes Buch des Autors wartet schon. Aber nicht der Roman, den ihm der Untersuchungsrichter zu schreiben vorschlägt.

Übrigens ein unterhaltsamer, romantischer Film...


Ein wichtiger Bestandteil meiner Lesebiographie im Alter ist das "Abarbeiten" der ZEIT-Liste der Bücher, die man gelesen haben sollte, von 2025. Im zurückliegenden Monat war das erneut Jane Austen, diesmal "Stolz und Vorurteil" in der Ausgabe von 2015, übersetzt durch Manfred & Gabriele Allié. Der Roman hat ja inzwischen eine solche popkulturelle Signifikanz, da konnte ich ihn doch vor meinem Ableben nicht links liegen lassen!

Ich muss mich allerdings bei einem derart dialoglastigen Erzählstil in Form der "erlebten Rede" ( Fontane im "Stechlin" war allerdings schlimmer )  arg konzentrieren, wenn der allwissende Erzähler - in diesem Fall eben die Erzählerin - auf diese Weise etwas wiedergibt, was in den betreffenden Personen vor sich geht, Romanfiguren also in Dialogen lebendig werden lässt. Doch ich war einmal neugierig geworden, wie es sich mit diesem Fitzwilliam Darcy, der ja gleich am Anfang des Romans schlechte Karten hat, entwickelt ( dass es ein Happy End geben wird, weiß frau dank des ständigen medienmäßigen Ausschlachten des Stoffes schon, und ein solcher Plot ist zudem literarisch oft genug aufgegriffen worden ). Und zum anderen reizte mich zu erfahren, wie die Schriftstellerin diese Geschichte angeht. Wissbegierde hat mich also durch die ersten hundertvierzig Seiten getrieben, an einem Abend vor dem Einschlafen gelesen. 

Kurz gesagt: sie hat mich gepackt! Der Roman ist mit gelungenen Spannungsbögen ausgestattet, auch durch die Nebenschauplätze wird es nicht langweilig. Und an Ironie, zwar sehr fein, fehlt es auch nicht wie an witziger Schlagfertigkeit in den Dialogen mancher Figuren. Bildungs- und Klassenunterschiede werden aufs Korn genommen und die Lage der Frauen sowieso. Immerhin hatte sich zu dieser Zeit bereits Mary Wollstonecraft zu Wort gemeldet und Frauenrechte eingefordert. Elizabeth Bennet ist eine beeindruckende, da unabhängige, reflektierte Person, die mir gefallen hat ( sehr viel besser als Emma im gleichnamigen Roman ). Da ist also doch so viel mehr als eine Lovestory in besonders hübschen Kostümen & malerischen Kulissen, wie dieser Roman ( und die anderen von Jane Austen ) aus kommerziellem Interesse heutzutage vermarktet wird. Ich habe ihn an drei Abenden letztendlich verschlungen. Wie schön, dass frau Vorurteile überwinden kann!

"Kintsugi", diese japanische Kunstform, bei der zerbrochene Keramik mit Goldpulver repariert wird, habe ich im Mai auch praktiziert und ich fand es witzig, als ich auf ein Buch mit diesem Titel gestoßen bin. Miku Sophie Kümmel hat es geschrieben. Es war ihr Romandebüt von 2019, das ihr zwei Literaturpreise und einen Platz auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises eingebracht. Mich hat die Lektüre im Kopf ziemlich beschäftigt, aber dann auch ratlos zurückgelassen. Das sollte Literatur eigentlich erreichen. Aber der Impuls, das Ganze ein zweites Mal zu lesen, ist merkwürdigerweise ausgeblieben.

Schon auf Anhieb verfängt er nicht, der Roman. Doch die Zähigkeit der ersten Seiten weicht rasch einem gewissen Sog, auch wenn es mir schwer gefallen ist, die vier Protagonisten zunächst auseinanderzuhalten, als da sind: ein schwules Paar, einer Künstler, einer Archäologie-Professor, dazu ein "Klavierspieler" mit seiner Tochter, Studentin, die sie zu dritt großgezogen haben. Nun steht das zwanzigjährige Jubiläum des Paares an, begangen in einem stylischen Wochenendhaus an einem See in der Uckermark.

Der Autorin beschreibt eine Kühle in diesen Beziehungen, in denen oft von Liebe die Rede ist, diese aber nicht nachvollziehbar wird. Zu viel aus Vergangenheit & Gegenwart wird erzählt, aber am Ende war mir nicht deutlich, warum es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Irgendwie ein schlechtes Kintsugi, da die Einzelteile nur schwerlich zusammenpassten.

"Im Licht der Lofoten" von Sophie van der Linden hat mir Sunni geschickt. Es ist ein biographischer Roman, der auf der Geschichte der schwedischen Malerin Anna Boberg beruht. Bevor sich Anna der Landschaftsmalerei gewidmet hat, war sie als Porzellanmalerin für Rörstrand und Kunstgewerblerin bei der Ausstattung der Bauten ihres Mannes, des angesehenen Architekten Ferdinand Boberg, tätig, den sie 1888 geheiratet hat. Mit Ausnahme einer kurzen Ausbildung an der Académie Julien in Paris ist sie als Malerin Autodidaktin. Gemeinsam unternimmt das Paar viele Reisen in Europa und darüberhinaus. Während einer solchen auf die Lofoten packt Anna zum einen die Leidenschaft für diese nordnorwegische Landschaft, zum anderen - zum zweiten Mal in ihrem Leben - die Lust zu malen, so dass sie in den folgenden 33 Jahren regelmäßig hierher zurückkehrt - und zwar allein: "Um mein unermessliches Verlangen zu stillen, etwas zu erschaffen, muss ich mir selbst gehören." Ihr Mann hat ihr dafür extra eine Hütte in Svolvær konstruiert. 

Dank Sophie Van der Linden dürfen wir die Malerin auf ihrer letzten Reise zu dieser zauberhaften Inselgruppe begleiten. Das Alter beginnt da schon seinen Tribut zu fordern und diesmal soll es, so Annas dringlichster Wunsch, gelingen, das Bild zu schaffen, das ihr in ihrer Heimat zum Durchbruch verhelfen soll. Sie reist im Spätherbst mit dem Zug an, dabei alles aus dem Fenster sinnlich aufnehmend, und gelangt mit dem Postschiff auf die Inseln, als das Wetter unwirtlich wird. Kälte, raue Winde bis zum Orkan, aber auch ein wenig das ersehnte polarlys umfängt sie bei diesem Aufenthalt zwischen den hohen, schroffen, schneebedeckten Bergen an eisigen Fjorden. Und die Autorin weiß das Frieren wohl zu beschreiben, das einen in der Arktis umfangen kann!

Immer wieder erfährt man durch die Gedanken, die während der Reise aufploppen, von der (Er-)Lebensfülle, die bereits hinter der Malerin liegt: Dem erstmaligen Aufkommen des Wunsches zu malen bei einer Familienreise nach Granada, von ihrer Flucht aus dem Schweizer Pensionat nach Paris und dem halben Jahr dort. Von der Zugehörigkeit zur schwedischen Oberschicht inklusive Königshaus, von dem Unbehaustsein mit ihrem Mann nach dem Verlust seines Renommées & ihrer Stadtvilla, von der gemeinsamen Arbeit zwecks Erfassung der ländlichen Architektur Skandinaviens.

Und während sie auf Polarlicht & Schnee wartet, ihre Vorhaben nicht gelingen wollen, kommt sie auf ihre Begegnung mit der Schauspielerin Sarah Bernhardt zurück und angesichts der traditionellen Eröffnung der Fischereisaison an ihren Aufenthalt in Venedig. Als jemand, dessen Arbeitsgerät die Augen sind, wie Anna von sich selbst sagt, kann schon die kleinste Assoziation Bilder der Erinnerung hervorrufen, an Indien, an die Küste der Blumenriviera. Das wirkt wie hingetuscht, und die Erzählung ist ein ständiger Fluss an Gedanken & Beschreibungen auf der Suche der Malerin nach dem "phantasmagorischen Weiß", bis der "fruchtbare Dialog mit diesem Flecken Erde" gelingt: 
"Vielleicht sollte ich mich darüber definieren statt über den hochtrabenden Begriff der Künstlerin. Ein schauendes Wesen. Punkt."
Das Gemälde "Fjäll, Studie från Nordlandet", das ihr letztendlich gelingt & das Bergmassiv auf der Insel Stormolla zeigt, 2021 gesehen auf einer Ausstellung im Pariser Musée d'Art Moderne, hat die Autorin zu ihrem Buch angeregt, und es reiht sich damit ein in eine größere Reihe an Lektüren in meinem Bestand, die von einem Kunstwerk inspiriert worden sind. Und es war leicht, da atmosphärisch dicht, zu lesen.


Irgendwas hat mir den einprägsamen & sprachlich schönen Titel "The Turn of the Screw" einer Novelle des amerikanisch-britischen Schriftstellers Henry James  wieder in den Sinn kommen lassen, und ich habe das schmale Bändchen aus unserem Regal gefischt, weil ich mich nicht mehr recht an den Inhalt erinnern konnte, und es dann noch einmal gelesen. Auf jeden Fall ist es eine spannende, ungewöhnliche, surreale Erzählung, die bis zum Schluss fesselt, deren Inhalt man hier nachlesen kann.

Spätestens als die Protagonistin - die Verfasserin eines Berichtes, den ein Erzähler namens Douglas einer neugierigen Londoner Abendgesellschaft vorliest - ihre erste Erscheinung auf einem Turm des Landsitzes hat, auf dem sie als Erzieherin zweier Kinder arbeitet, konnte ich mich an die Geschichte wieder erinnern. Doch diesmal ist mir weniger der Fortlauf der Handlung wichtig gewesen, sondern die durch den inneren Monolog facettenreich zu Tage tretende innere Verfasstheit der jungen Frau in all ihrer Ambivalenz. Da zeigt sich Verunsicherung, Entfremdung, Angst, und was sie als ihren moralisch festen Grund betrachtet hat, weicht nach und nach auf. Sie setzt sich einer ihr vollkommen unbekannten Gefahr aus, um ihrer Pflicht gerecht zu werden, davon ist sie überzeugt, um die Kinder & ihr Seelenheil zu retten und sie aus dem Einflussbereich ihrer früheren - geisternden - Bezugspersonen zu befreien, die sie "infiziert" ( womit? ) haben.

Erstaunlich - und wahrscheinlich auch ganz zeitgemäß - gelingt es dem Autor in all diesen Beziehungen und Zusammenhängen, ohne jemals explizit zu werden, etwas Verkommenes, etwas Verruchtes anklingen zu lassen, etwas, das der spätviktorianischen Gesellschaft gereicht haben dürfte, um einen Skandal zu wittern und ihre Empörungsbereitschaft hervorzurufen. Ein doppelbödiges Spiel also mit der Zuhörer- bzw. Leserschaft! Denn nach und nach ist bei mir immer mehr in den Vordergrund geraten, dass die Kinder wohl in die Fänge einer selbstvergessenen Gouvernante geraten sind - ihre Umgehensweise mit dem Jungen, der für sich eine altersgemäße Behandlung verlangt, erlebte ich geradezu als übergriffig. Die dauernde Unterstellung in der Geschichte, etwas zutiefst Anstößiges - was ja immer auch sexuell konnotiert ist - habe sich ereignet, hat sich mir diesmal bei der Lektüre immer wieder aufgedrängt.

Und die Kinder? Die spielen eigentlich lange nur die Rolle einer bezaubernden, anmutigen Staffage. Ist das Ganze also nur eine Phantasmagorie dieser überspannten jungen Frau, die all dies aufgeschrieben hat? Das beschäftigte mich nach meiner erneuten Lektüre und überlagerte andere, bisherige Ausdeutungen.



Literarisch blieb ich  dann in England, allerdings nun in dem der 1960er, -70er Jahre. Jeanette Winterson erzählt in "Warum glücklich statt einfach nur normal?" eloquent und mit feinem Witz von einer Jugend im armen Norden Englands, welche in biblischer Rechtgläubigkeit festgefroren ist. Sechsundzwanzigjährig hat die Autorin schon Teile ihrer Kindheit in "Orangen sind nicht die einzige Frucht" verarbeitet. Das Werk hat sie berühmt gemacht. Fast dreißig Jahre später bekennt sie sich nun in diesem Buch von 2012 autobiografisch zu dem ganzen Desaster, das zudem noch ein eindringlicheres Plädoyer für die Literatur ist. Das hat mich ganz besonders mental angefasst. Sie erkennt:

"Ja, die Geschichten sind gefährlich. (…) Ein Buch ist ein fliegender Teppich, der einen davonträgt. Ein Buch ist eine Tür. Man öffnet sie. Man tritt hindurch. Aber kommt man je zurück?"

Ihre Adoptivmutter, eine Pfingstlerin, die das Leben hasst und jeden Tag um den Tod betet, veranstaltet mit Jeanettes Büchersammlung, gehütet unter der Matratze ihres Bettes, sozusagen ein Autodafé, als sie das Zuwiderhandeln des Teenagers gegen ihr Verbot entdeckt. Die nimmt als Erfahrung mit:

"Eine Zeitlang war ich sehr still, aber mir war etwas Wichtiges aufgegangen: Was immer außen ist, kann einem jederzeit genommen werden. Nur was man im Innern hat, ist sicher."

Ihre rigiden religiösen Anschauungen lebt Mrs. Winterson allerdings nie mit der kompromisslosen Konsequenz, die sie von anderen, besonders der Tochter, verlangt ( das kennt frau aus mehrfacher eigener Anschauung ). Sie setzt die Minderjährige dann vor die Tür, weil die ein Mädchen liebt. 

Die Beschreibungen davon, wie sich Jeanette nun weiter durchschlägt bis zum Studium in Oxford, sind immer wieder durchsetzt von den Betrachtungen über ihre Entwicklung als begeisterte Leserin. Dabei geht sie strikt nach Alphabet vor ( englische Literatur von A bis Z ), streikt bei Nabokov, bis sie von einer verrückten Englischlehrerin animiert von diesem Weg abkommt ( und durch Gertrude Stein ). Das macht immer wieder Spaß zu lesen, auch wegen der eingestreuten Poesie und der Kritik am englischen Bildungssystem, dass die einstens selbst in der Arbeiterklasse vorhandene selbstverständliche Kenntnis shakespearscher Sprache & Weltsicht niedergemacht hat. 

"Literatur ist die Allmende. Sie ist Grund und Boden, der nicht ganz und gar von kommerziellen Interessen organisiert wird, noch lässt er sich abtragen wie die Populärkultur - die das Neue ausbeutet und dann weiterzieht."

Den dritten Themenstrang in diesem Buch bildet im letzten Teil die Suche nach der leiblichen Mutter, die nach einer großen Krise, einem Zusammenbruch, nachdem eine Liebesbeziehung abgebrochen worden ist, erfolgt. Das fand ich spannend, war aber auch verstört angesichts des menschenverachtenden Umgangs der Bürokratie & ihrer Handlanger gegenüber der Autorin, die in meinen Augen das Recht hat, ihre Wurzeln zu finden. Es glückt letztendlich dank wohlwollender & fähiger Unterstützerinnen. Ein schönes Buch, fand ich.



Von Iris Wolff hatte ich bereits ein Buch gelesen ( hier besprochen ). "Die Unschärfe der Welt" ist vor "Lichtungen" herausgekommen und hat einen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 gefunden. Darin erzählt sie ein Jahrhundert als Familiengeschichten mit Siebenbürgen, Karpaten, Banat als geographischem wie soziologischem Hintergrund, von der Herrschaft des rumänischen Königs Michael bis zum Sturz des Ceaușescu - Regimes und darüberhinaus. 

Aber diese Ereignisse werden nicht als Sensationen ausgeschlachtet, sondern sind eher Kulisse des alltäglichen Lebens der Menschen auf dem Lande. Nur im zentralen Kapitel "Makromolekular" über die spektakuläre Flucht der jüngsten Buchhelden per Propellerflugzeug über den Eisernen Vorhang wird die Autorin konkret. Da schildert sie die perfiden Repressionen der stalinistischen Diktatur schonungslos, der Diktator und seine Frau werden tatsächlich benamt und es wird scharf und gnadenlos mit diesem "Genie der Karpaten" abgerechnet, gleichzeitig mit dem ausdrucksstarken Motiv des Drachens ein Bild für die Auswirkungen der Herrschaft auf die inneren Zustände der Menschen gefunden. Die Sprache der Iris Wolff fasziniert von der ersten Seite an, ihr Klang, der Rhythmus, die Musikalität, ihre träumerisch Formulierungen in kurzen Sätzen sind zugleich äußerst präzise und angenehm unaufgeregt bis sinnlich. Achtsames Erzählen könnte man das nennen. Gleichzeitig vermeidet sie, alles Intime bis in die letzte Tiefe auszuloten, so dass vieles im Kopf des Lesers nachhallt und gedanklich länger beschäftigt.

"Der Blick des Zauberers ist der Blick des Publikums" - das ist der letzte Satz des Buches. Damit wurde ich mit einem Anlass zum "Simelieren" als ( sehr beglückte ) Leserin entlassen.

Die Lektüre wird mir nicht so bald ausgehen

Zum Glück habe ich von Christine Wunnicke noch ein paar Bücher. "Katie" ist nun bereits das sechste, das ich von ihr gelesen habe. Mit diesem Buch nimmt sie einen mit ins viktorianische England: 

Wieder geht es um Wissenschaft, wieder um einen Vertreter derselben, William Crookes, der historisch verbürgt ist als Entdecker des chemischen Elements Thallium, derjenige, der die Kathodenstrahlen sichtbar, die Grundlagen der Lumineszenz und der Isotope entdeckt und Methoden zum Nachweis radioaktiver Strahlung entwickelt hat & Erfinder der UV-Filtergläsern für Sonnenbrillen ist. Aber als inzwischen treue Leserin weiß ich: Wunnicke lässt diese Männer in ihren Büchern oft ein exzentrisches Eigenleben entwickeln. Als Widerpart kommt diesmal ein spiritistisches Medium ins Spiel, Florence Cook, auch eine real existente Figur, sowie die Lust der Zeitgenossen an spiritistischen Sitzungen - also das ganze Gegenteil der Naturwissenschaften, die doch Crookes als Mitglied der Royal Society eigentlich vertritt.  

Beider Leben - auch in realiter existent - verbindet die Autorin in ihrer herrlich ironischen, humorvollen Geschichte, und holt dazu noch eine "Erscheinung" ins Boot, die regelmäßig auftaucht, während die in Trance befindliche Florence gefesselt in einem Schrank verweilt. Dann ist sie die Materialisation der Piratentochter & -kapitänin Katie King, eine ganz, ganz wüste Vertreterin ihrer Zunft, deren Namen niemand mehr aussprechen durfte & die mit zwanzig starb.

Seitdem der Wissenschaftler Crookes in Algerien an einer Exkursion zu einer Sonnenfinsternis ohne Erfolg teilgenommen hat, ist er überzeugt, dass Geld das Einzige sei, worauf wirklich Verlass ist. Also macht er "Begutachten" zu seiner Hauptbeschäftigung, hat er doch acht, bald neun Mäuler zu ernähren. Deshalb nimmt er einen Auftrag an, das Medium Florence zu prüfen  & holt sie in seinen Haushalt, damit er die Bedingungen für die Experimente gut unter Kontrolle hat.

Ein frommer Wunsch! Schon bald entwickelt Crookes unzufriedener Assistent Pratt seltsame Verhaltensweisen und selbst seine erneut schwangere Frau Nelly erliegt ihr. Wunnicke beweist mal wieder, wie unnachahmlich sie erotische Begegnungen beschreiben kann:

Der Geist "war schöner noch als Maxwells Satz von der Kraft paralleler Ströme." Bald darauf in Pratts Bett liegend "erfreute er ihn, seine Stofflichkeit, seine Atome und Nichtatome, seine newtonsch beharrliche Kraft und Masse. Es erfreute ihn, wie sich Pratt bislang nur selbst erfreut hatte... wie alle Zwischenstufen zwischen Energie und Materie (... ) flüsterte gar "p-strich gleich p plus df durch dt", und all das Schöne explodierte langsam und lautlos und lange, nach dem Gesetz der elektrischen Elastizität und oh, dem Durchflutungsgesetz."

Letztendlich stellt der Naturwissenschaftler entmutigt fest, dass auch die Wissenschaft im Grunde nur ein Spuk ist. Das Buch hat mir gefallen, aber nicht von Anfang an. Da gelang der Autorin zunächst nicht so ganz der typische Wunnicke - Stil.


Auf dem E-Reader habe ich auf meinen Ausflug in das Dorf meiner Kindheit Robert Seethalers neuesten Roman "Die Straße" geladen. Ich muss gestehen, dass ich mich schwer getan habe mit seinem literarischen Kniff, statt einer Handlung die Geschichten der Menschen einer Straße "nicht im Zentrum der Stadt und nicht an ihrem Rand" zu einem Mosaik, bestehend aus lauter Augenblicken, zusammenzufügen. So kreiert er eine Art Wimmelbild sprachlicher Natur voller merkwürdiger Charaktere und Verbindungen. Seethaler verzichtet damit auf eine traditionelle Dramaturgie wie z.B. einen Spannungsbogen, sondern schafft eine Sammlung von inneren Monologen, Alltagsgesprächen, Aktennotizen, Liebesbriefen und anderen kurzen Einblicken, die deutlich machen, wie die Menschen miteinander umgehen in aller Banalität oder auch Fürchterlichkeit. Trotz urbaner Vereinzelung ist auch Zusammenhalt unter den Straßenanwohnern zu entdecken.

Die Meinung des Kritikers der "Frankfurter Rundschau" - "es könnte sein bestes Buch sein" - teile ich allerdings nicht. Geglückt ist der Versuch, den kleinen Leuten ein Denkmal zu setzen, meines Erachtens nicht. Schade! Denn die Bücher von ihm, die ich bisher gelesen habe, haben mich immer sehr angesprochen.

In diesem Monat habe ich zum ersten Mal seit sehr, sehr langem ein Buch per Hörbuch „gelesen“, nämlich Jane Austens "Überredung" ( englisch "Persuasion" ). Dieses Werk der beliebten & gerühmten Autorin hat mir bis jetzt am besten gefallen und hat mich motiviert, mir im Juni "Mansfield Park" vorzuknöpfen.