"Am 4. März 1864 in Wickrath Kreis Grevenbroich bin ich geboren als Kind armer Eltern.
Mein Vater war Trinker, meine Mutter eine geduldige treue, brave Frau.
Wir Kinder zu 5, ich war die jüngste, lebten jeden Tag in Angst, was da kam."
So beginnt Johanna Ey ihre 1936 entstandene Lebensbeschreibung mit dem Tag ihrer Geburt fast auf den Tag genau vor 162 Jahren, damals noch unter dem Namen Johanna Stocken. Besagter Vater ist Peter Stocken, 40 Jahre alt und von Beruf Weber, ihre duldsame Mutter die 44 Jahre alte Johanna Engels. Es ist das typische ländliche katholische Arbeitermilieu des Niederrheins, dem sie entstammt. Ihr Vater ist ein stolzer, intelligenter Mann, der es immerhin vom Tagelöhnersohn zu etwas gebracht hat, dazu ausgesprochen fähig in seinem Beruf, aber eben auch dem Alkohol verfallen. Johanna ist, wie oben zitiert das "Nesthäkchen" der Familie, besucht die Volksschule und - wie es damals auch in meiner bäuerlichen Vaterfamilie Usus gewesen ist - muss sich, obwohl eine gute Schülerin, mit vierzehn Jahren als Dienstmädchen verdingen, um den ohnehin schlecht alimentierten Eltern nicht mehr auf der Tasche zu liegen.
Wie es auch bei meinen Tanten üblich gewesen ist, geht die junge Frau auf der Suche nach einem besseren Auskommen in die große Stadt, in Johannas Fall ist das das 33 Kilometer entfernte Düsseldorf, das um 1880 im Rahmen der Industrialisierung boomt. Mit der Pferdebahn reist sie dorthin, den Pappkoffer in der Hand. Stellen als Dienstmädchen in bürgerlich-wohlbestellten Haushaltungen findet sie immer wieder und wohnen kann sie in elenden Massenunterkünften mit jungen Frauen in der gleichen ausgebeuteten Situation.
Dort in Düsseldorf lernt sie den aus Schlesien stammenden gleichaltrigen Bierbrauer Robert Ey kennen und - auch da ist sie kein Einzelfall, sondern teilt das Schicksal vieler junger Mädchen dieser Zeit - wird bald schwanger von ihm. Auch da reagiert ihre Familie wieder typisch für die Gepflogenheit jener scheinheillig-betulichen Epoche: Um den eigenen Ruf nicht zu schädigen, schmeißt der Vater sie aus der elterlichen Wohnung. Johanna flüchtet sich zu Verwandten nach Belgien, wo sie mit 21 Jahren ihr erstes Kind , Klara, zur Welt bringt. Das gibt sie anschließend zu ihrer Schwester.
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| 1900 |
Zurück in Düsseldorf stolpert sie Robert Ey eher zufällig wieder über die Füße. Der gibt sich zunächst fürsorglich, und Johanna glaubt sich angekommen an einem Ort ohne Angst. Alsbald ist sie erneut schwanger.
1880 heiraten sie "ohne Gepränge" und starten ins Familienleben in einem möblierten Zimmer mit Küchenbenutzung. Johanna kommt allerdings mit ihm als Ehemann vom Regen in die Traufe, denn Robert, unzufrieden mit seiner Arbeit in der Brauerei, entpuppt sich als unangenehmer, gewalttätiger Zeitgenosse und ebenfalls als Trinker wie der Vater. Bis kurz vor der Geburt des Kindes arbeitet sie bei "ihrem" Kommerzienrat. Ihrem Wunsch, die Erstgeborene zu sich zu holen, widersetzt der Ehemann sich. Was soll er mit gleich zwei "Bälgern"?
Aber insgesamt zwölf Mal wird er Johanna schwängern, nur vier Kinder werden überleben. Der nun geborene kleine Junge gehört nicht dazu, erst Maria, das nächste Kind, bleibt ihr. Da ist sie sechsundzwanzig. Auf Maria folgt Paul, dann Herrmann, Anna Elisabeth "Lisbeth" und schließlich Robert, der nur zwei Jahre alt wird. Es folgen Fehl- & Totgeburten, während die Eys aufgrund der Wechsel seines Arbeitsplatzes bei diversen Brauereien am Niederrhein hin und her ziehen, bis sie wieder in Düsseldorf in der Kaiserswerther Straße landen. Seine Wut auf sein verpfuschtes Leben lässt Robert an Frau & Kindern aus. Doch Johanna, anders als die duldsame Mutter, wehrt sich, besonders wenn die Kinder von seinen Gewalttaten betroffen sind.
Schließlich schlägt Robert Ey 1904 die Tür endgültig hinter sich zu, wie er es immer angedroht hat, geht nach Berlin und lässt die Vierzigjährige mit den vier Kindern mittellos zurück.
1908 erfolgt die Scheidung, die zwei Jahre später rechtskräftig wird. Das ist ein entscheidender Schritt für ihren weiteren Lebensweg, denn damit erlangt sie nach dem damaligen Recht ihre Selbstständigkeit und Handlungsfreiheit. Johanna hat bereits vor der Trennung als Bäckereiverkäuferin gearbeitet, Geld zurückgelegt und kann mit 43 Jahren 1907 eine eigene Backstube mit Kaffeeausschank an der Ratinger Straße eröffnen, aus der sich die legendäre "Kaffeestube" entwickeln wird, die nicht weit entfernt - "öm de Eck" - von der Düsseldorfer Kunstakademie liegt. Niemand hat ihr das zugetraut, ihr Ehemann schon gar nicht. Die beiden Töchter unterstützen sie dabei, die inzwischen siebzehnjährige Maria schmeißt dabei den Haushalt der Familie, die Jungen tragen Brot & Brötchen aus, am Wochenende Zeitungen und lernen zudem in einer Maschinenfabrik Dreher bzw. Schlosser.
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| Von links nach rechts: Walter Ophey, Hans Thuar, August Deusser, Heinz Wever |
Es handelt sich gleichzeitig um ein Café, einen Imbiss mit Mittagessen wie um eine Tischgemeinschaft mit Abendbrot und dort finden sich alsbald Dozenten wie Studierende der Kunstakademie & Theaterleute ein. Der Maler Walter Ophey von der Gruppe "Sonderbund" ist der Erste, der alsbald die Reklametrommel für Johannas Geschäft rühren wird. Aus eigenem Erleben kennt diese Hunger & Armut und versteht die Nöte & Sorgen der jungen minderbemittelten Maler & Bildhauer. Sie bietet ihr Essen und Trinken preiswert an, lässt, wenn nötig, in ihrem "Pumpbuch" anschreiben oder sich mit kleinen Zeichnungen bezahlen. Das Schaufenster der Kaffeestube wird öfter zur ersten öffentlichen Bühne für die jungen Künstler. Und so macht auch Johanna Ey die Bekanntschaft mit der Kunst und den Künstlern, darunter Hans Thuar, der Freund August Mackes, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt und der Ansicht ist, dass man sich das Leben nicht vermiesen lassen dürfe. August Deusser ist einer der Ersten, der eine Zeichnung von der drallen Bäckerin anfertigt, wie sie mit den Broten jongliert. Die Zeichnung schmückt eine Wand in der Stube. Der Sauerländer Maler Heinz Wever wiederum ist derjenige, der seinen Kaffee mit einem Bild bezahlen will, eingewickelt in Zeitungspapier. Johanna nimmt es in "Kommission". Auch das also ein allererster Anfang.
In Folge des 1. Weltkrieges muss Johanna den Treffpunkt schließen, denn die Kundschaft - zum Kriegsdienst eingezogen - bleibt immer mehr aus. Sie findet anschließend ihr Auskommen in einer Fabrik, die Militärkleidung von Verwundeten & Gefallenen repariert, was ihr immer mehr Übelkeit verursacht. 1916 traut sie sich einen auf den ersten Blick gewagten Schritt zu: Überzeugt von ihrer Geschäftstüchtigkeit - "wer Brötchen verkaufen kann, kann auch Kunst verkaufen" - und wohl auch von ihrem frisch erworbenen Sinn für Kunst und Künstler, eröffnet sie eine Galerie auf dem Hindenburgwall 11, der heutigen Heinrich-Heine-Allee. In der werden die Produkte der immer noch tonangebenden, traditionsreichen Düsseldorfer Malerschule präsentiert.
Das Kriegsende und die Revolution verändern auch in Düsseldorf die Kunstszene: Frühere Studenten kehren aus dem Krieg zurück, darunter auch Otto Pankok aus Mülheim an der Ruhr, der Johanna noch aus der Kaffeestubenzeit kennt. Im Gefolge hat er den aus Dresden stammenden Gert H. Wollheim. Beide sind entschieden dem neuen Stil des Expressionismus verpflichtet.
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| Von links nach rechts: Otto Pankok, Gert H. Wollheim, Otto Dix, Max Ernst |
So kommt neuer Schwung in die Düsseldorfer Szene: 1919 wird die Künstlervereinigung „Das Junge Rheinland“ gegründet, die sich als Plattform für moderne Kunst versteht und westdeutschen Künstlern eine größere Beachtung verschaffen will. Die erste Ausstellung der Gruppe findet in der Düsseldorfer Kunsthalle statt, die nur einen Steinwurf von Johanna Eys Galerie entfernt ist.
Pankok & Wollheim bringen ihre eigenen Werke zu Johanna mit, und die stellt ihnen eines ihrer zwei Schaufenster zur Verfügung. Im Nu bildet sich eine Menschentraube vor ihrem Laden, und des Volkes Stimme ertönt & missbilligt die ungewohnten Bilder: "Morgens erwachte ich von Johlen und Schimpfen."
Johanna reagiert trotzig - selbstbewusst und beschließt, von nun an nur noch moderne Künstler auszustellen. Ab 1920 firmiert ihre Galerie unter dem stolzen Namen „Neue Kunst Frau Ey“ und ist gleichzeitig die Geschäftsstelle des „Jungen Rheinlands", gegründet am 24. Februar 1919 von Adolf Uzarski, einem kommunistischen Maler & Schriftsteller, zusammen mit Arthur Kaufmann und Herbert Eulenberg. Pankok & Wollheim unterhalten auch kurzzeitig eine Zeitschrift mit dem Titel „Das Ey“. 1921 zeigt „das Ey“ in ihrer Galerie die erste Einzelausstellung des Brühler Malers Max Ernst. Ihm finanziert sie 1924 sogar eine Reise nach Saigon. Er überlässt ihr dafür freilich sämtliche Werke aus seiner Pariser Zeit. Mit beharrlicher Akquise gelingt es Johanna, den Dresdner Maler Otto Dix aus seiner Heimatstadt nach Düsseldorf zu locken: "Ich bat Dix er möchte mir sein Foto schicken und da er mir auch gefiel, ein offenes, freches Gesicht hatte, lud ich ihn ein zu uns 14 Tage zu besuchen und unser Gast zu sein."
Zu einer Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle, an der die von ihr geförderten Künstler auch beteiligt sind, schreiben die "Düsseldorfer Nachrichten" 1921:
"In dem Hause Ey, in dem sie bisher ihre Werke zur Schau stellten, hätten die Wollheim, Schwesig und Pankok, um einige der peinlichsten Vertreter dieser jüngsten Manier zu nennen, bleiben sollen. Sie gehören nicht in die Gemeinschaft von Künstlern, die Verantwortungsgefühl haben."
In kürzester Zeit ist Düsseldorf zur Speerspitze der Avantgarde in der deutschen Nachkriegsmalerei geworden, und Johanna bietet den Stürmern & Drängern einen Zirkel, dessen kurioser Mittelpunkt sie, die wenig formal Gebildete, aber Mutige, Eigensinnige ist. Auf unzähligen Fotos, Zeichnungen und Skizzen wird diese Gemeinschaft der Künstler rund um die Galeristin festgehalten. Johanna selbst wird viele Male porträtiert, und das bringt ihr den Ruf ein, die meist gemalte Frau Deutschlands zu sein, wie es die "Berliner Illustrirte Zeitung" 1930 verkünden wird. Allein hundert Porträts befinden sich heute in der Sammlung des Düsseldorfer Stadtmuseums. Das "Staatsporträt" von Otto Dix hängt heute allerdings in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, mitten in Düsseldorf.  |
Mit dem Kölner Sammler Josef Haubrich (1928) |
Künstlerinnen, die in den 1920er Jahre auch im Rheinland vermehrt zu finden sind ( Marta Worringer, Marta Hegemann, Lotte B. Prechner z.B. habe ich schon im Blog porträtiert ), finden sich so gut wie gar nicht im Kreis Johannas - Ausnahme ist die Lebensgefährtin Wollheims, die Tänzerin Tatjana Barbakoff. Es heißt, "Mutter Ey" ist nur den Söhnen Mutter gewesen. Die Fünfzigjährige fühlt sich halt nur wohl inmitten adretter junger Männer. Schon ganz am Anfang ihres Geschäftes sorgt sie dafür, dass die auf Pump an die jungen Künstler ausgegebenen Esswaren nicht an die jungen Modelle der Studenten gelangen.
Ob sie nun tatsächlich die "armen hungernden" Künstler selbstlos oder aus alltagstauglichem, robustem Geschäftssinn, um den eigenen Unterhalt zu sichern, fördert oder ob die Künstler sie aus ebensolchem Kalkül zu einer Art Heiligenfigur der Düsseldorfer Kunstszene aufbauen - das ist die offene Frage. Der Kunstbetrieb ist ja schon damals wie auch heute ein berechnendes Metier...
1923 kommt es unter der Führung Uzarskis, der sich gegenüber Max Ernst und Gert Wollheim zurückgesetzt fühlt, zu Auseinandersetzungen unter den Künstlern und zu einer Spaltung der Gruppe. Otto Dix ist im Vorjahr Meisterschüler von Heinrich Nauen - ebenfalls ein Niederrheiner - geworden und zieht der Mitgliedschaft im "Jungen Rheinland" nun eine Akademieprofessur vor, was im Kreis um Johanna Ey zumindest vorübergehend als Verrat ausgelegt wird, obwohl ein gemäßigter Expressionist an der Kunstakademie eigentlich ein Beleg für deren Erneuerung ist.
Fünf Jahre später werden sie sich alle wieder unter dem Dach der "Rheinische Sezession" zusammenfinden, ausgestellt wird aber weiterhin getrennt. Wollheim und Dix, die Vertrauten Johannas verlassen 1925 Düsseldorf. Doch mit dem neuen Direktor der Düsseldorfer Akademie, Walter Kaesbach, erlangen die modernen Künstler - und damit auch Johannas Galerie - eine größere gesellschaftliche Akzeptanz.
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Vor ihrer Galerie (1929) |
1926 lernt die inzwischen 62jährige Johanna den mallorquinischen Maler und Dichter Jacobo Sureda ( hier ein gemeinsames Foto ) kennen, der ihr seinen ersten Gedichtband widmet. Sie besucht ihn im folgenden Jahr mit Gert H. Wollheim und anderen. Diese Reise wird sie in späteren Jahren mehrfach als schönste Zeit ihres Lebens bezeichnen. Nach dieser Reise schmückt Johanna sich mit einem Schleier, der Mantilla, oder dem spanischen Kamm und tanzt auf unterschiedlichen Festen mit Kastagnetten. Das hat Otto Dix in seinem oben erwähnten Gemälde aufgegriffen. 1933 reist sie ein zweites Mal, nun alleine, zu dem unterdessen schwer lungenkranken Freund.Als sie 1929 ihren 65. Geburtstag feiern kann, telegrafiert ihr ihr "Mäxchen" ( Max Ernst ) aus Paris humorvolle Verse, animiert von dem allseits bekannten Kirchenlied:
Großes Ey, wir loben dich!
Ey, wir preisen deine Stärke!
Vor dir neigt das Rheinland sich
und kauft gern und billig deine Werke!