Freitag, 20. Juli 2018

Vierundsiebzig Jahre später


"Wir wollen die Moral wiederherstellen, 
und zwar auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens. 
(... ) 
Zur Sicherung des Rechts und des Anstandes 
gehört die anständige Behandlung aller Menschen."

Aus der "Regierungserklärung" 
der Widerstandskämpfer des 20. Julis


Alle Menschen - das sei noch einmal all denjenigen in die Agenda geschrieben, die die Männer des fehlgeschlagenen Widerstandes gegen das verbrecherische Hitler - Regime für ihre Zwecke annektieren! Mit diesen Aussagen in der vorbereiteten Regierungserklärung lassen sich Fremdenfeindlichkeit, Hetze gegen Flüchtlinge und nationalistische Töne in unseren Tagen nicht vereinbaren.

Das im Grundgesetz, Artikel 20, Absatz 4, verbriefte Recht auf Widerstand, "wenn andere Abhilfe nicht möglich ist", setzt den Artikel 1 nicht außer Kraft: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Das ist der Kern unseres Rechts.

Ich wehre mich gegen die feindliche Übernahme des Gedenkens an die Männer des 20. Juli durch solche, die nichts anderes im Sinn haben, als ständig Grenzen zu übertreten, sich daneben zu benehmen, un - anständig zu sein und unsere Menschlichkeit und Zivilisiertheit auf Dauer zu zerstören.





Es fängt ja immer mit vielen, vielen Kleinigkeiten an, die wir empört wahrnehmen, aber auch hinnehmen und ertragen, ohne Widerstand ( so wie die Mitglieder der "Grand Old Party" des Abraham Lincoln ). Anstand & Respekt  im Umgang mit den Mitmenschen geht als Erstes flöten, wie man in den vergangenen Tagen wieder an den Alphamännchen dieser Welt beobachten konnte:

Da lässt der eine eine 92jährige alte Dame, seit 66 Jahren (!!!) im Geschäft, eine Viertelstunde in der Sommerhitze warten und anschließend hinter sich her trippeln bei der Parade. Und der andere lässt eine Kollegin, eine Staatspräsidentin, im strömenden Regen stehen, über sich den einzigen Schirm, der scheinbar zur Verfügung steht. Aber klar: Sind doch bloß Frauen! Und tout le monde darf dabei zuschauen - welche Botschaft!

Ja, man trifft auch immer wieder auf Leute, die sich nicht schämen, diese Rüpel als Vorbild zu nehmen und sie zu bewundern ( und das auch noch im Radio oder auf der Straße zu äußern ). Begründung: weil die sich doch für so die "kleinen Leute" einsetzen.

Diese Herren sind die Aushängeschilder einer anderen Art von Politik, sie gehören einer anderen Art von Politikern an, die sie nicht neu erfunden haben, die aber von etlichen Mitbürgern neu entdeckt & geschätzt wird. Die Spezies wird sich über Jahrzehnte festsetzen und weiter ausbreiten, auch in Europa...



*What does it mean, douche-nozzle? Wortwörtlich: Duschdüse. Die Aufenthalte in einer Autowerkstatt jedes Wochenende vor 47 Jahren in Birmingham haben meinen in der Nonnenschule erworbenen Englischwortschatz um den Begriff "Oberar..." erweitert.

Friday - Flowerday # 29/18


Es gibt inzwischen so viele, viele wundervolle Neuzüchtungen 
der Bauernhortensie, 
dass ich immer wieder schwach werde. 

Und dieses Mal war es dieses einmalige Karminrot, 
was mich magisch angezogen hat.
So kongenial harmonierend mit diesen Lilienblüten! 

Denen zu Füßen liegt ein dunkelpurpurner, fast schwarzer Klee. 

Und dazu dieser Duft! 


Last not least:
die Gesamtschau für Helga Holunderbluetchen®!

Bon week - end!


Donnerstag, 19. Juli 2018

Great Women # 148: Mathilde Vollmoeller - Purrmann


Welche Entdeckung, als mir Ghislana/Jahreszeitenbriefe Anfang Juni von ihrem Aufenthalt in Speyer zwei Flyer schickte ( und auf der beigelegten Karte noch ihren persönlichen Bezug erklärte ): Ein Prospekt war vom Purrmann - Haus in Speyer, der zweite war eine Ankündigung einer Ausstellung in Heilbronn mit Werken von Mathilde Vollmoeller - Purrmann. Der geschätzte deutsche Kolorist, auf dessen Spuren wir in Langenargen gewandelt sind, hatte tatsächlich eine malende Frau an seiner Seite? Dem musste ich auf den Grund gehen...

Mathilde Vollmoeller kommt am 18. Oktober 1876 als drittes von zehn Kindern der Emilie Behr und des Kommerzienrats Robert Vollmöller in Stuttgart zur Welt.

Der Vater, 1849 geboren, hat sich in den Gründerjahren vom einfachen Kaufmann zu einem der größten deutschen und europäischen Trikotagenhersteller seiner Zeit hochgearbeitet. In Stuttgart - Vaihingen besitzt er eine Fabrik und unterhält drei weitere Niederlassungen. Bei allen wirtschaftlichen Erfolgen stellt er die Interessen der Arbeitnehmer gleichberechtigt neben seine eigenen und gilt so als ein Pionier einer sozialen Marktwirtschaft. 
Auch ihre Mutter, aus einer alten Balinger Kaufmannsfamilie gebürtig, ist eine engagierte Vertreterin der christlichen Sozialethik, gründet soziale Einrichtungen wie das Emilienheim und den Filderhof in Stuttgart-Vaihingen und sorgt - erschüttert durch den Tod ihres Sohnes Hugo mit knapp vier Jahren - für das geistig - seelische wie körperliche Wohl der Mitarbeiter in den Fabriken ihres Mannes.

1898
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Dieses Umfeld prägt das Mädchen Mathilde, aber noch mehr die Persönlichkeit der Mutter, die für sie ein großes Vorbild gewesen ist, hat die sich doch nicht nur ihren sozialen Aufgaben gewidmet, sondern auch einen bedeutenden Salon geführt, in dem sich Literaten, Schauspieler, Maler und Politiker getroffen haben, und sich um die angemessene Förderung ihrer vielen Kinder bemüht. 

Mathilde selbst gilt als lebenslustig, voller Energie, intelligent, gewandt, gewohnt, souverän auf dem gesellschaftlichen Parkett aufzutreten: "… und ich habe in meiner Jugend bei Rathenaus, Deutschs und Fürstenbergs in hausgemachten Kleidern getanzt." 

Auch ist sie mit kaufmännischem Geschick begabt, außerdem für Sprachen: Englisch, Französisch, Italienisch lernt sie in ihrer Jugend und wird diese Kenntnisse später nutzbringend einsetzen. Ihr "württembergisches Zünglein" ( Sabine Lepsius ), mit dem sie treffsichere, mitunter scharfe Urteile verkündet, ist beeindruckend.

Zudem ist sie auch noch musisch veranlagt, literarisch interessiert ( so wird sie, 21jährig, an einer Sitzung des George - Kreises teilnehmen ), schreibt selbst Gedichte und Erzählungen, tanzt gerne und malt. Aus ihrer Schulzeit sind Blumenmalereien bekannt, die aber noch nicht auf ein herausragendes Talent schließen lassen. Sie selbst wird sich später als lausige Schülerin bezeichnen, und ihre Ausbildung wird sich wohl auf die damals für eine "höhere Tochter" übliche beschränkt haben, anders als bei ihrer Schwester Martha, die als erste Frau Württembergs Medizin studiert.

Als junge Malerin
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Die Mutter stirbt früh mit 42 Jahren, Mathilde ist zu diesem Zeitpunkt achtzehn Jahre alt. Sie muss die Mutterrolle für ihre jüngeren Geschwister übernehmen. In dieser Zeit kommt es auch zu familiären Auseinandersetzungen mit dem Vater, in denen Mathilde die Rolle der Vermittlerin innehat.

21jährig verlässt sie das Elternhaus, um zu ihrem schillernden, ebenso vielseitig begabten & interessierten Bruder Karl nach Berlin zu ziehen, der sie dort in Künstlerkreise einführt. So lernt sie also nicht nur Stephan George kennen, sondern auch Rainer Maria Rilke, Hugo von Hoffmannsthal, Walther Rathenau. Über das Maler - Ehepaar Sabine & Reinhold Lepsius kommt sie in Kontakt mit Max Liebermann, Lovis Corinth und Leo von König. Der meint zu ihr: "Sie haben ein famoses Talent und aus Ihnen muss etwas werden", und wird einer ihrer Lehrer, ebenso Sabine Lepsius. 

Der Kontakt zur Familie bleibt nach wie vor eng und sie verbringt den Sommer und die Weihnachtszeit in Württemberg und zeigt sich in allerlei familiären Veränderungen & Schwierigkeiten engagiert. Wegen einer Liebesbeziehung, auf die sie sich letztendlich nicht einlassen mag, weil das den Verzicht auf ihr Künstlertum bedeutet hätte, geht Mathilde 1906 nach Paris.

Stillleben mit Paprika (1907)
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Anfangs beschränkt sie sich dort nur auf die Malerei und ihren Unterricht und leidet unter Einsamkeit. Sie besucht diverse Malschulen, stellt mit den "Indepéndants" aus, nimmt am "Salon d'Automne" teil, was ihr die Anerkennung der Berliner Freunde und des Vaters einbringt. Anerkennung findet sie alsbald aber auch unter den anderen deutschsprachigen Künstlern und wird in den Vorstand ihrer Vereinigung gewählt.

"Sie beweist, dass man, ohne Radau zu machen, mit wilden oder toten Farben doch eine starke sensible Künstlerin sein kann. Ihre Stillleben zeugen von großer Selbstschulung, Geschmack und Begabung", kann man in der "Pariser Zeitung" 1911 anlässlich ihrer Teilnahme am  "Salon des Indépendants" lesen.

In Paris trifft sie auch Rilke wieder, der als Sekretär von Auguste Rodin tätig ist. Mit ihm besucht sie die große Paul - Cezanne - Ausstellung und lehrt ihn "Sehen", wie er seiner Frau Clara Westhoff in Briefen mitteilt. Auch bringt sie ihm den Maler Vincent van Gogh näher.

1908 verbringt sie bei ihrem Bruder Karl und seiner italienisch- schweizerischen Frau Norina  ( als Schauspielerin Maria Carmi ) in der Florenzer Salonkultur mit deren Protagonisten Felix Salten ( "Bambi" ), Lepsius und Rilke.

1908 lernt sie auch im deutschen Konsulat in Paris Hans Purrmann kennen, der sie in die "Académie Matisse" einführt.
Johannes Marsilius Purrmann, 1880 in Speyer geboren, hat nach der Volksschule im väterlichen Betrieb das Malerhandwerk erlernt, alsbald aber die Kunstgewerbeschule in Karlsruhe, ab 1897 die Akademie der Bildenden Künste München besucht. Sein Lehrer ist Franz von Stuck1905 geht er für etwa ein halbes Jahr nach Berlin, wird in die Berliner Secession aufgenommen und von der Galerie Paul Cassirer vertreten. 1906 wechselt er nach Paris, wo er im Haus der Gertrude Stein die Bekanntschaft Pablo Picassos und Henri Matisses macht. Mit diesem zusammen baut er die „Académie Matisse“ auf, Matisse als Lehrer, Purrmann als „massier“ (Obmann), zuständig für Organisation und Verwaltung. Durch Matisse, aber auch Cezanne und Renoir findet Purrmann endgültig seinen malerischen Stil.
Hans Purrmann (1909 )
"Der Weg zueinander war sehr viel schwieriger und langwieriger, als es die(..) Legende ausweist", schreibt Adolf Leisen hier. Die bis dato doch so anerkannte junge Frau & Malerin scheint gegenüber Purrmann von Selbstzweifeln angekränkelt zu sein und kämpft mit dem ihr vermittelten Rollenbild von männlicher Überlegenheit,  dabei ist sie doch eigentlich selbst ein beachtetes Talent. Zwischen der Jahreswende und dem Frühjahr 1911 kommt es dann doch zu einer Verlobung.

Eine schwierige Zeit für Mathilde: Dem Vater haben mehrere Schlaganfälle und eine Brandstiftung in seinem Beilsteiner Besitz am Burgberg so zugesetzt, dass er Pflege benötigt. Diese Aufgabe fällt nun Mathilde zu, auch, weil der Vater nur sie um sich duldet. Im Oktober 1911 stirbt Robert Vollmöller, einen Tag vor seinem 62. Geburtstag.

Im Januar darauf heiraten Mathilde und Hans Purrmann in kleinem Kreis in Stuttgart. Ihre Hochzeitsreise führt sie über Florenz nach Ajaccio auf Korsika, wo sie Frühjahr und Sommer verbringen.

Beilstein mit Burg, Schloss und Weingut
Mathilde, inzwischen 36 Jahre alt, geht in diesen neuen Lebensabschnitt mit ganz genauen Vorstellungen & Erwartungen: Sie will unbedingt eine Familie mit Kindern, eine Partnerschaft in der Kunst mit Freiheiten für ihren Mann, aber auch geistiger & geschäftlicher Partizipation ihrerseits, eine weiterhin andauernde Verbindung zu ihrer Ursprungsfamilie und den Erhalt des Beilsteiner Gutes und die Möglichkeit zu eigenem künstlerischen Schaffen. Ein stolzes Programm will sie da unter einen Hut bringen! Mitunter beschleicht einen auch der Gedanke, dass auch eine gewisse Torschlusspanik mit im Spiel gewesen ist, denn die berühmte biologische Uhr hat auch bei ihr zu ticken begonnen. Auf jeden Fall ist die Konsequenz dieser Übereinkunft, dass sie sehr häufig von ihrem malenden Ehemann getrennt sein wird...

Schnell wird Mathilde schwanger, und sie verlässt Ajaccio Ende August, um in Beilstein Ende November ihr erstes Kind, Louisa Christine, genannt Dinnie, auf die Welt zu bringen. Nachdem Hans Purrmann in Paris eine Wohnung mit Raum für ein Atelier gefunden hat, kehrt auch Mathilde im Februar 1913 nach Frankreich zurück, wo sie auch die Malerei wieder aufnimmt - allerdings widmet sie sich nun der weniger aufwändigen Technik der Aquarellmalerei ( vergleiche dazu auch Berthe Morisot ).

Stillleben mit Kamelie (1913 )
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Im selben Jahr, zum zweiten Mal schwanger, kommt Mathilde wieder nach Beilstein, wo ihr Sohn Robert, im Januar 1914 geboren wird. Die Geburt des zweiten Kindes zwingt sie, die Malerei einzustellen, um Familie, Haushalt und die Bedürfnisse ihres Mannes vereinbaren zu können.

Den Ausbruch des ersten Weltkrieges erlebt das Malerehepaar dann in Beilstein. Die Pariser Wohnung, Purrmanns Atelier und fast seine gesamte frühe Produktion sowie viele Gemälde von Renoir, Cézanne, Picasso, Matisse u.a. werden sequestriert ( und trotz weiterer pünktlicher Mietzahlungen 1918 versteigert werden ).

Im Eingangsturm des Beilsteiner Schlosses wird nun ein Atelier eingerichtet, in dem auch Druckgrafik hergestellt werden kann. Auch Mathilde befasst sich mit der Radierung. Die gewohnten Reisen in den Süden, an die Mittelmeerküste mit ihrem gleichmäßigen Licht, die der begnadete Kolorist Purrmann für seine Bilder gewohnt ist, müssen entfallen. Vom Kriegsdienst bleibt er wegen einer angeborenen Nervenkrankheit allerdings freigestellt.

Ostseestrand Bansin (1916)
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Es kommt immer wieder zu Spannungen mit Mathildes Familie, in deren Folge der Maler im Herbst 1915 Beilstein verlässt und nach Berlin zieht. Nachdem im Grunewald eine Wohnung und ein Atelier gefunden worden ist ( die die Familie bis zur Zerstörung 1943 als Wohnsitz beibehalten wird ), kommt Mathilde mit den Kindern 1916 nach.

Aus dem Sommer dieses Jahres, den sie, wieder schwanger, mit ihren Kindern sowie einer Freundin mit Kind im Ostseebad Bansin verbringt, sind zahlreiche zauberhafte kleine Aquarelle erhalten. Sie beherrscht die Technik perfekt, und ihr schneller Pinsel verleiht allem den Ausdruck des Unmittelbaren. Die Bilder versprühen oft den Reiz des Fragmentarischen - und doch würde jeder weitere Pinselstrich die Komposition zerstören. Im Oktober bringt sie dann in Berlin ihr drittes Kind, Regina, auf die Welt. Die Verbindung zu Beilstein reißt allerdings auch nie ab: So verbringt sie die Sommer 1917 und 1918 mit den Kindern im Schloss, Herbst und Winter dann wieder in Berlin.

Nach Kriegsende wird 1919 in Langenargen am Bodensee ein Fischerhaus erworben, das ein dauerhafter Wohnsitz der Familie von Frühjahr bis Herbst sein wird. Die Kinder gehen dort auch zur Schule, bis sie alt genug für ein Internat sind. Für den malenden Ehemann bleibt Mathilde lange die einzige Ansprechpartnerin vor Ort - eine Zeit, in der sie für alles ihre Kräfte einsetzen muss, denn zudem zehrt die Inflation an ihrem finanziellen Vermögen ( "das Geld fliegt nur so", schreibt sie an ihren Mann in Rom ). Trotzdem gibt es auch aus der Langenargener Zeit Aquarelle vom Haus und dem Schloss Montfort.

1922 hat Purrmann eine Schaffenskrise, aus der ihn eine Reise nach Rom, später Neapel  erlösen soll. Bald äußert er den Wunsch, Mathilde möge ihm nachkommen. Aus dieser Zeit existiert ein Brief, in dem sie seine "tyrannischen Ansprüche" beklagt:
"... die ewige Hetze, ich weiß nicht, wie ich es schaffen soll u. dazu noch einen Pass besorgen, alles allein, kein Mensch hilft mir, ich kann es einfach nicht; (...) ich komme zu keiner Ruhe u. nicht zu mir selber mehr." ( Quelle hier )
Quirinalsplatz Rom (1924 )
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Und doch sucht sie einen Weg, um ihrem Mann entgegen zu kommen, indem sie die Hilfe ihrer Schwester Liesel in Anspruch nimmt. 1924 setzt Purrmann es sogar durch, dass die ganze Familie nach Rom zieht. Mathilde scheint sogar davon zu profitieren, denn es gibt viele wunderbare Aquarelle von Neapel & Ischia von ihr.

1929 reist sie mit ihm nach Spanien ( mit einem längeren Aufenthalt in Biarritz ), 1930 ist Sanary sur Mer das gemeinsame Ziel.

Es kommt aber immer wieder zu Auseinandersetzungen um den gemeinsamen Lebensentwurf, denn Mathilde entwickelt sich mit den Jahren zu einer großen Kümmerin, nicht nur bezüglich ihres Mannes und der Kinder, auch der Bruder gehört dazu und ein immer größer werdender Kreis an Personen. Purrmann erkennt ihre Überforderung, wettert gegen ihre "Beilsteiner Sippschaft" und meint: "Einer kann nicht Weinbauer, Familientante, Mutter und Malerin und weiß der Teufel alles in einer Person sein. Ich leide auch darunter unter dem halb zufriedenen und unentschlossenen Leben." Mathildes innere Zerreißproben kommen in ihren Briefen an ihren Mann zum Ausdruck, während die Außenwelt sie ganz anders wahrnimmt.

Hans Purrmann: Porträt Mathilde Vollmoeller
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Purrmann ermahnt sie auch immer wieder zu tun, "was du ohne Schaden mit Vergnügen machen kannst", aber man gewinnt aus seinen Briefen auch den Eindruck, dass er seinen "Vergnügen" unbelastet nachgeht, indem er die Erschöpfung seiner Frau einfach verdrängt.

Man hat sich längst mit den jeweiligen Rollen in dieser Ehe eingerichtet. Das Problem wird so aber nicht aus der Welt geschafft, denn auch in dieser Beziehung gibt es Aufgaben, die einerseits notwendig sind, andererseits aber unsichtbar gehalten werden. Sie sind für das gute Zusammenleben essentiell, werden aber nicht gewürdigt, im Gegenteil, sie verstellen die Chancen auf eine eigene Karriere: Die Zeit und Energie für das Zwischenmenschliche und die alltäglichen Kleinigkeiten fehlt Mathilde einfach für ihre eigenen Projekte. Mathildes Leben und Werk steht so exemplarisch für eine ganze Generation kunstschaffender Frauen des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Durch die sich in Deutschland anbahnende politische Entwicklung kommt bei ihr auch bald die Angst auf, was wird:
"Das Leben hier ist eine permanente Peitsche und wird immer aufreibender. Der Pessimismus von Berlin ist schwer zu ertragen; man wird von allen Seiten angesteckt (....). Und die Zukunftsangst ist groß, in jüdischen Kreisen besonders. Aber die bildende Kunst hat am wenigsten zu lachen. Und ob ein verarmtes Deutschland sich noch den Luxus von Künstlern wird gestatten können, ist fraglich", schreibt sie 1931 an ihre Schwester Anna ( Quelle hier )
Purrmanns Kunst gilt 1933 als "entartet", seine Bilder in den Museen werden abgehängt ( und verschwinden in den Wirren des späteren Kriegsendes ).  Das Paar zieht sich in die innere Emigration zurück, hilft aber, wo es kann. So kann der Herausgeber des "Simplicissimus", Thomas Theodor Heine mit ihrer Hilfe den Nazis entkommen. Als Purrmann allerdings 1935 an der Beerdigung von Max Liebermann teilnimmt, gerät auch er in den Focus der Nazis. Freunde vermitteln ihm schnell noch die Leitung der der "Villa Romana" in Florenz ( siehe auch den Post zur Malerin Maria Caspar - Filser ).

In Florenz
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Dieses Haus für deutsche Künstler in Italien, 1905 gegründet, ist zu diesem Zeitpunkt in schlechtem Zustand. Dank der Unterstützung des damaligen Chefsyndikus der Deutschen Bank, Hans-Alfons Simon, der die Übergriffe der Nationalsozialisten verhindern kann, und des Einsatzes von Mathilde, gelingt es mit dem zutiefst deprimierten Purrmann, das Haus zu einem Zufluchtsort & anerkannten Kulturinstitut zu machen. Ihr ist die wohltuende Atmosphäre zu verdanken, die viele Besucher hervorheben. "An tausend Stellen in acht Jahren muss die Vollmoeller präsent gewesen sein und alle ihre Zweifel und ihr Bangsein", meint Joachim Burmeister in seinem Beitrag zum Speyerer Ausstellungskatalog.

Aus jener Zeit gibt es große, aquarellierte Stillleben, die davon Zeugnis ablegen, dass Mathildes künstlerische Schaffenskraft fast bis zuletzt ungebrochen war. Mit Beginn der 1940er Jahre erkrankt sie nämlich an Brustkrebs. Über diese ihre letzten Lebensjahre, die nun von der Krankheit dominiert werden, ist wenig bekannt. Sie schreibt dazu in einem Brief im Mai 1943 an ihren Schwager:
"Ich muß nun meinen oft recht dunklen Kreuzweg gehen. Aber alle sind gut und hilfreich und ich habe zwei gute Ärzte und es war ein himmlischer Frühling. (...) bin froh, daß ihr mich nicht seht in dem hilflosen Zustand.
Verbrieft ist eine gewisse Verbundenheit zwischen den Ehepartnern in ihrer letzten gemeinsamen Zeit, bedingt auch durch das gemeinsam Durchstehen der unsägliche Nazizeit in Italien. Doch vom Anblick ihres Sterbens möchte Mathilde ihren Mann in Florenz verschonen: Zehn Tage vorher lässt sie sich von ihrer jüngsten Tochter und einer Krankenschwester im Auto nach München bringen, wo sie in der Wohnung ihres Sohnes Robert von Regina und Schwester Liesel gepflegt wird.

Am 17. Juli 1943, also vor 75 Jahren, stirbt sie, 64 jährig. Sie wird in Langenargen beigesetzt. Ihr Grabstein trägt den Spruch:
"Was ich behalten, habe ich verloren. Was ich verschenkte, habe ich noch. Was ich versagte, daran trage ich Leid."
Hans Purrmann gerät über den Tod seiner Frau in eine tiefe Krise.

Lange Zeit hat man angenommen, dass Mathilde Vollmoeller - Purmann seit ihrer Eheschließung nicht mehr gemalt hat. Es gab auch das Gerücht, sie habe ihre vor 1911 gemalten Bilder 1940 verbrannt, ein künstlerischer Nachlass sei nicht vorhanden. Erst als ihre jüngste Tochter 1997 stirbt, finden sich 360 Gemälde Aquarelle, Drucke und Zeichnungen. Man nimmt an, dass Regina diese aus der Berliner Wohnung geborgen und sowie aus Beilstein wie Langenargen zusammengetragen hat.

Warum sie nicht einmal ihre Geschwister davon unterrichtet hat, bleibt ein Rätsel. Mancher sieht den Grund darin, dass Regina in der Familie eine untergeordnete Rolle gespielt hat ( die Schwester war eine erfolgreiche Pianistin, der Bruder ein ebensolcher Chemiker ) und ohne Schulausbildung für die Stoffentwürfe in der Firma Vollmoeller zuständig gewesen ist. Sie war eine Kümmerin wie ihre Mutter, hat diese gepflegt, dann den Vater bis zu seinem Tod 1966 in Basel. Sie selbst hat 1947 einen Vetter geheiratet und mit diesem in Zürich gelebt. Auch die auffällige Identifizierung mit der Mutter und ihre große Verehrung wird als Motiv angenommen.

Gleichgültig, was dahinter steckt, Regina Vollmoeller ist zu verdanken, dass die Malerin Mathilde Vollmoeller - Purrmann 1999 wieder das Licht der Welt erblickt hat und die Rolle als bloße "Malergattin" ablegen kann. Und ich muss sagen, dass ihre Bilder mich begeistern und sie in meinen Augen dem Vergleich mit denen ihres viel berühmteren Ehemannes standhalten. Das Purrmann-Haus in Speyer zeigt in einer Dauerausstellung einen repräsentativen Ausschnitt ihres Werkes, wie ich dem Prospekt, den mir Ghislana geschickt hat, entnehmen konnte.

Inzwischen hat es immer wieder auch andernorts Ausstellungen mit den Werken der Malerin gegeben, in Berlin, Bremen, Neu - Ulm und jetzt in Heilbronn. Eine Tafel an Station 14 des württembergischen Wein-Lese-Wegs ( der Parkplatz der Burg Hohenbeilstein ) erinnert heute wieder an die schwäbische Malerin und ihre enge Beziehung zu diesem Ort.