Donnerstag, 19. September 2019

Great Women # 194: Cass Elliott

Was habe ich dieLieder mit ihrer damaligen Gesangsgruppe geliebt, vor allem auch ihre Altstimme,  und kann sie bis heute mitsingen. Damals, als das Leben noch jung war und alle Möglichkeiten, es besser zu machen, vorhanden. Beim Schreiben dieses Posts, begleitet von der Musik, kam diese positive Energie der Jugend wieder auf und die Gewissheit, dass sich einiges geändert hat, einiges nicht. So ist es - zum Glück - schwerer geworden, Menschen, die vom Schema abweichen, zu diskriminieren und/oder lächerlich zu machen. Ich hätte ihr gewünscht, das erleben zu können, aber auch, dass sie bis heute unvergessen ist: Cass Elliot.



"Ich werde die 
berühmteste Dicke der Welt"

Cass Elliot kommt am 19. September 1941, also heute vor 78 Jahren, in Baltimore, Maryland als Ellen Naomi Cohen zur Welt. Ihre Mutter Bess Levine, eine ausgebildete Krankenschwester, und ihr Vater Philip Cohen, haben bereits einen Sohn, Joseph. Alle vier Großeltern sind einige Jahrzehnte zuvor aus einem russischen Schtetl in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Die Gefühlslage in der Familie hat Pénélope Bagieu in ihrem Comic über Cass treffend so wiedergegeben: "Opa Joseph hatte ständig Angst um seine Arbeit, weil die Familie links war oder jüdisch oder Gewerkschaftler oder was weiß ichVater hatte Angst davor, in den Krieg zu müssen, weil er kränkelte. Und Angst vor Waffen hatte. Und vor Höhe. Und vor Menschenmengen." Und die Mutter? "Die hatte Angst, weil sie meine Großeltern am Hals hatte."

Cass, damals noch Ellen, mit ihrer Mutter
Ihre Familie ist während ihrer Kindheit tatsächlich erheblichen Unsicherheiten & finanziellen Belastungen ausgesetzt. Ihr Vater führt einen koscheren Lebensmittelladen in einem Vorort von Baltimore, was kein großer Erfolg ist, denn dort gibt es kaum andere Juden. So arbeitet die Mutter in ihrem Beruf, um den Lebensunterhalt zu sichern. Die Familie zieht schließlich nach Alexandria, Virginia, wo Cass dann einen Großteil ihrer Kindheit verbringt, bis die Familie nach verschiedenen Geschäftsvorhaben des Vaters wieder nach Baltimore zurückkehrt, wo es ihm gelingt, ein Geschäft mit Imbisswagen aufzubauen, an denen Arbeiter sich mit Essen versorgen können.

Eigentlich wäre der Vater auch viel lieber Tenor geworden und singt ständig Arien. Cass, ein klassisches Papa‐Kind, eifert ihm darin nach. Als 1948 ihre Schwester Leah geboren wird, verliert sie die elterliche Aufmerksamkeit & Zuwendung, und sie reagiert darauf mit übermäßigem Essen. 

Jahrbuchsfoto
(1960)
Während der Zeit in Alexandria besucht sie bereits die Highschool und wechselt bei der Rückkehr nach Baltimore auf die Forest Park High School, wo sie sich für die Schauspielerei zu interessieren beginnt. Da ist sie gerade fünfzehn. Obwohl sie nicht dem Schönheitsideal vieler Menschen entspricht, ist sie bei ihren Mitschülern außerordentlich beliebt. Entscheidend ist, dass sie über einen umwerfenden Humor verfügt.

In ihrem letzten Highschool-Jahr spielt sie in einer Sommerproduktion des Musicals "The Boy Friend" eine französische Krankenschwester und singt in dieser Rolle "It's Nicer, Much Nicer in Nice". Nach dieser Erfahrung gibt es für Cass kein Halten mehr: Sie bricht die Highschool vorzeitig ab - sehr zum Leidwesen der Familie, die eine College-Ausbildung mit entsprechender Karriere erhofft hat -, gibt sich den Namen Cass, entlehnt bei der Schauspielerin Peggy Cass, und den Nachnamen Elliot in Erinnerung an einen verstorbenen Freund und geht nach New York City.

"The Big Three"
in "Hootenanny" (1963)
Dort schafft sie es tatsächlich, 1962 eine Rolle in den Musicals "The Music Man" und "I Can Get It For You Wholesale" zu ergattern, letztere nimmt ihr allerdings bald eine andere junge jüdische Sängerin ab, die ihren Teil dazu beiträgt, im Showbiz durchzusetzen, dass man nicht unbedingt klassisch schön sein muss, um ein Star zu sein: Barbra Streisand.

Singen kann Cass jetzt höchstens noch während ihrer Arbeit als Garderobiere in einem Club, bis sie Anfang 1963 Tim Rose und John Brown kennenlernt und mit ihnen ein Folk-Trio namens "The Triumvirate" gründet. Auf einer Tournee durch die Staaten geht John Brown unterwegs verloren, wird durch Jim Hendricks ersetzt und das Trio in "The Big Three" umgetauft. Mit dem feiert Cass endlich erste Erfolge. Mit Hendricks geht sie 1963 sogar eine Ehe ein, angeblich aber eine rein platonische Angelegenheit, um zu verhindern, dass er nach Vietnam in den Krieg muss. ( Fünf Jahre später wird die Ehe annulliert. )

Immerhin erzielt die Gruppe so viel Aufmerksamkeit, dass sie zu Auftritten in Fernsehproduktionen wie "The Tonight Show" mit Johnny Carson, einer ganz neuen Show namens "Hootenanny" oder "The Danny Kaye Show" eingeladen werden, immerhin insgesamt sechsundzwanzig Fernsehauftritte!

Aber schon nach zwei Alben und zwei Singles ist Schluss mit lustig, und persönliche und musikalische Differenzen führen zur Trennung der Gruppe. Cass Elliot und Jim Hendricks verwandeln sich zunächst mit Denny Doherty und Zal Yanovsky in "Cass Elliot and The Big Three", später die "Mugwumps", veröffentlichen eine Single und bleiben bis Ende 1964 zusammen. Cass tritt anschließend eine Weile als Solistin auf, Zal Yanovsky bildet zusammen mit John Sebastian "Lovin 'Spoonful", während Denny Doherty sich den "New Journeymen" anschließt, zu denen auch ein gewisser John Phillips und seine Frau Michelle gehören.

1965 überredet Doherty John Phillips, Cass in der Gruppe eine Chance einzuräumen. Cass, in Doherty verknallt, folgt ihm auf die Virgin Islands, wo die Gruppe urlaubt, und überzeugt die anderen mit ihrer Präsenz, ihrem Talent, ihrer Ausdauer, dass sie diese Chance schließlich bekommt. John Phillips hat nämlich eine ganz andere Vorstellung davon, wie seine Gruppe auszusehen hat, nämlich wie "Peter, Paul an Mary". Cass passt da nicht ins Klischee vom schlanken weiblichen Look in der Popmusik.
"Gewichtszunahme war etwas, mit dem sie sich ihr ganzes Leben lang beschäftigt hat. Sie wurde ständig von Menschen beleidigt und verletzt, die sie fett nannten oder so über sie dachten. Aber sie sprach nie über ihren Schmerz und als sie auftrat, versteckte sie diesen Schmerz. Aber ich weiß,(... ) dass es sie störte", so wird ihre Tochter Owen später berichten.
Es ist also nicht leicht, als "fettes Mädchen" in einer Band zu sein, zumal die ätherische Michelle Phillips, ein Modeltyp, und ihr Mann John, der sich als Anführer versteht mit seinem militärischen Hintergrund und seinem unternehmerischen Impetus, eigentlich den Ton angeben. Ironie des Schicksals ist es, dass es ausgerechnet das "fette Mädchen" ist, das die blitzartige Karriere der Gruppe befördert, das die Pop-Kultur jener Tage rockt, indem ihr Gesang zur Musik der vorpsychedelischen Gegenkultur wird, und nicht der von sich so überzeugte John, nicht der Tenor Denny und schon gar nicht die schmollende Schönheit Michelle.

Es gibt übrigens auch ein ganz anderes Narrativ, jahrzehntelang gehätschelt, warum Phillips so lange gezögert hat, und welches die wahren Gründe seiner Ablehnung der Sängerin kaschieren soll: Ihre (Alt-) Stimme sei einfach zu tief gewesen, als dass sie im Zusammenklang mit der von Michelle gut gewirkt hätte. Erst ein Unfall - Arbeiter in einem Club lassen ein Kupferrohr auf Cass Kopf fallen, sie habe zwei Wochen lang Kopfschmerzen gehabt und habe dann auf wundersame Weise höher singen können - habe ihre Stimme mit den Stimmen der anderen harmonisiert. Nur dass alle alten Freunde Cass beeindruckende Stimme auch hinterher unverändert finden...

Von links nach rechts: John Phillips, Cass, Michelle Phillips, Denny Doherty
Cass durchbricht also das "gewichtsbeschämende Stigma" (Owen Elliot) und beweist, wie fantastisch die Songs der Gruppe mit ihrer Stimme klingen. Und dann ist sie auch noch maßgeblich an der Namensänderung in "The Mamas and The Papas" beteiligt: Von ihr kommt der Vorschlag, sich wie die Rockerbräute der Hell's Angels - nämlich "Mama" - zu nennen. Unter dem neuen Namen werden sie zum Hauptbestandteil der südkalifornischen Popszene von Mitte bis Ende der sechziger Jahre.

"If You Can Believe Your Eyes & Ears", ihr erstes Album, am 28. Februar 1966 herausgekommen, ist ein Höhepunkt im neuartigen Sound der Westküste. Es enthält "California Dreamin", den Titel, der den Zug der jungen Leuten während der Hippie-Ära in Richtung Westen so richtig auslöst.

Die Vokalmischung der "Mamas and Papas" mit ihren komplizierten Harmonien und Verflechtungen veranlasst das "Life Magazine", sie als "erfinderischste Popgruppe und erste, wirklich neue Vokalmusik seit den Beatles" zu titulieren. Übrigens ist "California Dreamin" nicht auf dem Mist von Cass gewachsen,  wie man es auch immer wieder lesen kann, sondern eine Co - Produktion von John & Michelle, als die noch im grauen New York gelebt haben.

"The Mamas and the Papas" sind also die Antwort auf das Eindringen britischer Musiker wie den Beatles in die amerikanische Pop- Kultur. Doch optisch sind sie so ganz anders mit ihren farbenfrohen Hippie-Gewändern, ihren unterschiedlichen Looks und Persönlichkeiten. Mitten drin immer Cass Elliot, wie die Mutter der Kommune als charismatischste Person der Truppe. Und sie scheinen zusammen ein einziges Sommerpicknick zu veranstalten, ewig im Gras sitzend, eine Flasche Wein neben sich. Ihre musikalischen Harmonien, getragen von Cass Stimmen klingen zudem wie ein fernes Echo aus  dem Goldenen Zeitalter.

Eine Reihe von Singles erscheinen dann 1966, allen voran dieses "California Dreamin" und der US-Number-One - Hit "Monday Monday", "I Saw Her Again", "Look Through My Window" & "Words of Love", alle aus der Feder von John Phillips bzw. von ihm arrangiert. Außerdem wählt die Gruppe geschickt Material aus dem goldenen Zeitalter der Vokalgruppen aus, wie "Dedicated to the One I Love","Dancing in the Street" und "Spanish Harlem".

"Creeque Alley" - so hat die Adresse beim gemeinsamen Aufenthalt damals auf den Virgin Islands gelautet - ist ein durch und durch biografisches Lied und beweist u.a. die ironische Distanz, die Cass in Bezug auf ihren Körperumfang an den Tag legt. In ihrem öffentlichen Leben, in der Rolle, die sie spielt, scheint ihr Gewicht eben keine Rolle zu spielen. Doch "behind the scene" weiß man, dass sie sich zeitlebens mit Diäten abplagt.

Ihr Übergewicht hilft aber auch, ihre Schwangerschaft mit ihrer Tochter Owen Vanessa erfolgreich geheim zu halten, so geheim, wie den Namen des Vaters ihres Babys ( in vielen biografischen Texten wird fälschlich der Name des Noch-Ehemannes genannt, Jahrzehnte später kommt heraus, dass es ein ehemaliger Sessionmusiker der Gruppe ist ).

Owen Elliot mit Joni Mitchell, David Crosby & Eric Clapton
Am 26. April 1967 kommt das kleine Mädchen zur Welt. In "Lady Love" (1969) besingt Cass, was die Mutterschaft bei ihr bewirkt hat. Den Status als Alleinerziehende empfindet sie, besonders während der Tourneezeiten, als sehr stressig.

Gemeinsam bewohnen sie ein Haus im Laurel Canyon, das einst Natalie Wood gehört hat. Es ist eine Art Zuflucht, in der sich Cass Freunde, meistens Musiker, versammeln, um zu essen, zu trinken, Ideen, Texte, Joints zu tauschen  und vielleicht ein oder zwei Lieder zu schreiben, darunter so berühmte oder bald berühmte wie David Crosby, Stephen Stills, Graham Nash und Joni Mitchell, die eigentlich in der Nachbarschaft wohnen. Es ist aber auch Anlaufstelle für europäische Musiker wie Eric Clapton, die Beatles, Donovan und Jimmy Page, die die Staaten besuchen. Cass wird zur "Mutter Erde des Laurel Canyon", von Graham Nash als "Gertrude Stein des Laurel Canyon" beschrieben oder vom "Rolling Stone" zur "Königin der LA Pop-Gesellschaft" erhoben. Auf jeden Fall ist sie ein "Social Networker" erster Güte. Statt ein Adressbuch zu führen, bittet sie die Besucher, Namen und Telefonnummern auf ihre "Graffiti-Wand" im Wohnzimmer zu schreiben.

Spannungen zwischen den Mitgliedern - Michelle hat ein Verhältnis mit Doherty, Cass unterstützt und ermutigt sie, so dass John weniger Kontrolle über Michelle ausüben kann - untergräbt den Zusammenhalt von innen. Im Juli 1968 löst sich die doch so erfolgreiche Gruppe im Streit auf, kurz nachdem sie das Album "The Papas & the Mamas" aufgenommen haben. Cass Solokarriere beginnt dann mit der Veröffentlichung des Songs "Dream a Little Dream of Me", die sie noch mit den "Mamas & Papas" produziert hat. Sie kommt damit auf Platz 12 der US- und Platz 11 der britischen Charts und kann 7 Millionen Singles verkaufen. In der US-Presse und auf Werbetafeln wird die Single mit dem Foto einer diskret mit Daisies verhüllten, aber offensichtlich nackten Cass beworben:

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Es folgt 1969 eine Solo-LP mit dem Titel "Bubblegum, Lemonade and ... Something for Mama" mit einem Titelfoto von Cass im weißen Lingerie - Kleid auf einem Korbstuhl sitzend - auch hier sieht sie wieder  im positiven Sinne "great" aus. Zuvor hat sie für einen dreiwöchigen Live - Auftritt mit zwei Shows pro Nacht in Las Vegas mit einer sechsmonatigen Crash-Diät ein Drittel ihres Gewichts reduziert. Musikalisch ist übrigens das Album wie der Showauftritt in Las Vegas ein Misserfolg, und anschließend kommen Gerüchte auf, Cass habe Heroin konsumiert. Das Debakel stürzt die Sängerin in eine Depression.

"Make Your Own Kind of Music", eine Single, kommt hingegen beim Publikum besser an, und so wird das Album noch ein zweites Mal, ergänzt um diese Nummer und um das in den englischen Charts erfolgreiche "It's Getting Better" Ende Dezember herausgebracht. Diese Titel gehören bis heute zu den beliebtesten aus Cass Solokarriere.

Im selben Jahr erscheint Cass im Abspann des Spielfilms "Pufnstuf", der auf einer gleichnamigen Fernsehserie beruht. 1970 tritt sie auch in TV-Shows zusammen mit Johnny Cash und Julie Andrews auf und wirkt bei verschiedenen Filmsoundtracks mit.

1971 rauft sich die Gruppe noch einmal zusammen, um einen Vertrag mit ihrer Plattenfirma zu erfüllen, und nimmt noch ( ein letztes ) gemeinsames Album auf: "People Like Us" - ein Enttäuschung für Fans & Kritiker. Da Cass während der Studiozeit viel krank ist und unter einer Barbituratvergiftung leidet, kann sie die Hauptstimme nicht übernehmen. Das gesamte Werk "klang, wie es ist, wenn vier Leute versuchen, eine Klage zu vermeiden",  so urteilt Michelle später.

Zuvor hat Cass in in einer privaten Zeremonie in ihrem Haus den Journalisten & Schriftsteller Donald von Wiedenman, einen jungen Baron mit österreichischen Wurzeln, geheiratet. Doch die Ehe dauert nur ein paar Monate, es ist eine einvernehmliche Entscheidung, denn keiner ist wirklich glücklich, Donald wohl vor allem wegen Cass Konsum harter Drogen.

Nach der endgültigen Trennung von "The Mamas und Papas" und ihrem Ehemann soll 1972 für den Neubeginn ihrer Karriere stehen. Also folgen weitere Soloalben:

Das nach ihr selbst benannte Album "Cass Elliot" und "The Road is no Place for a Lady". Eigentlich will sie ihr "Mama Cass"-Image hinter sich lassen, denn der klebrige Spitzname ist eben nichts anderes als ein ständiger Kommentar zu ihrem Körperformat. Aber die Auftritte in den Fernsehshows ermöglichen ihr, gutes Geld zu verdienen, ohne Los Angeles bzw. ihre Tochter verlassen zu müssen, allerdings verbunden mit dem Nachteil, dass sie auf die warmherzige Interaktion mit ihrem Publikum verzichten muss und die vorgeplanten Sketche sich immer wieder auf ihre Figur beziehen. Sie wird stets gebucht als "the butt of the joke".  

"Don't Call Me Mama Anymore" (1973)
Erfolge in den Single- oder Albumcharts bleiben aus, denn zunehmend kommen die sogenannten Singer/Songwriter wie Carly Simon, Carole King, Joni Mitchell oder Judy Collins in Mode. "Ich glaube nicht,  dass ich in zehn Jahren noch im Geschäft sein werde", gesteht Cass in einem Interview mit dem "Guardian" 1972. "Vielleicht arbeite ich dann hinter der Wolltheke bei Harrods."

Ein neuer Manager rät ihr, den Pop- und Rock- Sektor zu verlassen und sich in Richtung Kabarett zu entwickeln. So kommt die Show "Don't Call Me Mama Anymore" zustande, mit der sie im Februar 1973 in Pittsburgh startet und sich dann nach Las Vegas traut. Im Gegensatz zu ihrem ersten Scheitern dort erhält sie nun beste Kritiken und auch das Publikum geht mit.

Infolge einer erneuten Crash-Diät und eines intensiven Zeitplans bricht Cass im April 1974 am Set von Johnny Carsons "The Tonight Show" vor dem geplanten Auftritt zusammen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. In Interviews wird dieser Zwischenfall von ihr als reine Erschöpfung abgetan. Im Juli des Jahres reist sie nach London, wo sie ein zweiwöchiges Engagement im Londoner Palladium als Headliner mit zwei Shows pro Nacht hat. Nach mehreren Aufführungen vor ausverkauftem Publikum und wiederholten Ovationen findet das Abschlusskonzert am 28. Juli statt. Nach der Vorstellung schreibt sie einen Brief an ihre siebenjährige Tochter und telefoniert mit Michelle Phillips, um anschließend eine von Mick Jagger organisierte Party zu besuchen.

Am nächsten Tag, dem 29. Juli 1974, findet man Cass Elliot tot in der Wohnung in Mayfair, in der sie gewohnt hat, vor. Laut Befund des Pathologen ist sie an einem Herzversagen gestorben

Dass sofort Gerüchte die Runde machen, Cass sei an einem Schinken-Sandwich erstickt, zeigt, wie respektlos auch nach ihrem Tode mit "Dicken" umgegangen wird ( kurze Zeit später organisierten Fat Aktivisten in Los Angeles denn auch eine Gedenkveranstaltung ).

Aufnahme für die "Vogue" in London 1970
Cass Elliot landete zu einer Zeit in der Musikindustrie, in der ausschließlich nach Männerregeln gespielt wurde. Und da hatte man keine fette oder weniger schöne Popsängerin zu sein. Um so bemerkenswerter, dass Cass trotzdem, alleine wegen ihres Charismas und ihrer Stimme, die männliche Hauptperson ihrer Gruppe so an die Wand gespielt hat und zum Liebling der Fans avancierte. Damit ist sie eine Wegbereiterin für heutige Stars wie Adele oder Beth Ditto in der Popmusik, Aidy Bryant als Comedian oder Chrissy Metz ( als Kate Pearson in einer amerikanischen Dramaserie ) geworden, die sich über das nach wie vor übliche fat shaming hinwegsetzen und subversiv ein Fragezeichen hinter der Weltherrschaft der Heidi Klums setzen.


Ich hätte mir gewünscht, diesen Post mit Musikvideos zu bestücken - leider geht das nicht, weil alle Titel bei uns nicht zur Verfügung stehen. So musst du dich, liebe Leserin, weiter klicken, um den Soundtrack zu dieser Geschichte eines kurzen, intensiven Lebens zu hören...




Mittwoch, 18. September 2019

Auf meinem Stehpult VII { Buch des Monats }

"Die Angst saß uns immer 
in den Knochen."
Peggy Parnass

 "Denn immer wieder überfielen sie diese Ängste,
etwas falsch zu machen, Unpassendes zu sagen
und dafür ausgelacht zu werden."
Seemann/Müller


Mal wieder zwei Monate Pause bei meinen Buchvorstellungen...

Da ich immer sehr gezielt für meine Frauenposts lese und keine fiktionale Literatur, habe ich nicht oft für die Allgemeinheit wirklich Interessantes an dieser Stelle zu bieten - wer liest schon so wie ich gerne dauernd Biografien?

Die beiden heutigen Bücher sind dann eher auch ein "Abfallprodukt" meiner Recherchen zu den tollen Frauen, die ich donnerstags so in meinem Blog vorstelle. Und weil meine Enkelin so einen Gefallen an den beiden Bänden von "Good Night Stories for Rebel Girls: 100 außergewöhnliche Frauen" ( hier eines davon vorgestellt ) gefunden und sie sogar als Lesemepfehlung in ihrer  Klasse vorgestellt hat, schaue ich so nebenbei auch immer nach Lektüre über besondere Frauen, die für Kinder & Jugendliche geeignet ist.

Das erste Buch "Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete" von Peggy Parnass,  erstmals in einem kleinen Hamburger Kunstverlag erschienen und damals von der Stiftung Buchkunst als eines der "schönsten Bücher" 2013 ausgezeichnet, hat der Fischer Verlag dankenswerter Weise neu aufgelegt und damit dauerhaft einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Dankenswerterweise, weil das ein Buch ist "Gegen das Vergessen", welches ohne erhobenen Zeigefinger über die Opfer des Holocausts erzählt. Es ist die Geschichte der Peggy Parnass selbst, die sie erzählt, so, wie ich es von ihr durch ihre Gerichtsreportagen gewohnt bin, unverfälscht, dass es schmerzt. Und dennoch schreibt sie auch so, dass das elfjährige Mädchen zu einem spricht, das Peggy gewesen ist, als sie mit ihrem vierjährigen Bruder von der geliebten Mutter in letzter Minute zum Bahnhof gebracht und in einen Zug nach Schweden gesetzt wird, um sie vor der Judenverfolgung im Dritten Reich zu retten.



Die Mutter trennt sich von ihren Liebsten, und es ist ein Abschied für immer. Für die Kinder beginnt eine Odyssee. Auf die Mutter und den Vater, einen leidenschaftlichen polnisch-jüdischen Spieler, wartet das unweigerliche Todesurteil im Nazi-Deutschland: Simon & Hertha Parnass kommen über einen Aufenthalt im Warschauer Ghetto nach Treblinka, wo sie ermordet werden.

Peggy Parnass Buch  handelt von der Liebe, der Eifersucht, der Angst und den vielen, vielen schönen Momenten, die ihre Familie ausgemacht haben. Eine Familie, die am Ende zerstört und so gut wie ausgelöscht ist.

Ganz besonders sind die Illustrationen der Brasilianerin Tita do Rego Silva, die in der Nachbarschaft von Peggy Parnass im Hamburger Stadtteil St. Georg wohnt, insofern besonders, als sie mit ihren Farben so gar nicht zum sonst gemalten Bild des Holocausts im Nazi-Deutschland passen. Außerdem ist die Technik -  Holzschnitt, der mit der verlorenen Form arbeitet - eine, die aus Vergänglichem ein bleibendes Bild schafft.

Eine eindringliche Erzählung, eine Hommage an ihre Eltern, die mich aufgewühlt zurückgelassen hat. Für Kinder in Sprache und Bild sicher geeignet, und dennoch wäre es schön, wenn Erwachsene mitlesen, um zu erklären und aufzufangen.

Das zweite Buch "Das Mädchen im Schloss - Anna Amalia I: Lebensgeschichten der Herzogin Anna Amalia (1739-1807)" von Annette Seemann & Ulrike Müller ist im Knabe Verlag Weimar erschienen und erzählt vom Leben der noch jungen Prinzessin Anna Amalia ( ja die mit der wunderbaren Bibliothek! ) am Hof ihrer Familie, der Herzogsfamilie von Braunschweig - Wolfenbüttel - Lüneburg, vor mehr als 250 Jahren. 

Das Leben des intelligenten Mädchens ist so gar nicht märchenhaft, denn selbst die bewunderte Mutter hält es für einen "Ausschuss der Natur". Wie Anna Amalia mit dieser Zurücksetzung umgeht - dass dazu eine Fantasiefigur wie die Nixe Amalunde eingeführt wird, hat mich persönlich eher gestört - und sich selber findet und behauptet, wird in detailverliebten Episoden beschrieben, die einen Einblick ins höfische Leben im 18. Jahrhundert geben und auch mit sprachlichen Besonderheiten - in einem Glossar erklärt - bekannt macht.

Das Buch beginnt mit der siebenjährigen Amélie und endet, als sie 16-jährig nach Weimar verheiratet wird ( zur Zeit danach soll  ein zweiter Band folgen ). Die Quellenlage zu Anna Amalias Kindheit und Jugend ist dünn, so dass vieles der Fantasie und Fabulierfreude der Autorinnen überlassen blieb. Die Illustratorin Brigitte Geyersbach hatte es da einfacher, in aufwendigen und detailreichen Illustrationen ein Bild der Zeit wiederzugeben.

Wie hat eine Prinzessin im 18. Jahrhundert eigentlich wirklich gelebt? Auf diese Frage antwortet das Buch umfassend und gleichzeitig kindgerecht, ob es kindliche oder jugendliche Leser wirklich zu faszinieren vermag, mag ich selbst nicht zu beurteilen, denn ich tue mich bei historischen Stoffen schwer, wenn man sich zu sehr in Einzelheiten verliert und neige dazu, solche Stellen zu überfliegen. Also werde ich demnächst das Buch an die junge Leserin weitergeben...

Verlinkt mit Andrea Karminrots Lesezimmer

Dienstag, 17. September 2019

Nähen banal

Heute mal was ganz Banales, was ich gestern innerhalb einer halben Stunde fabriziert habe: einen Bezug für mein Bügelbrett:

Jedes Mal, wenn ich bügeln musste, war ich schockiert vom löchrigen Bezug meines Brettes und sagte mir: Den müsste ich jetzt endlich mal ersetzen!

Textiles Material habe ich ja mehr als genug zur Verfügung, und der schöne Blumenjersey war schon länger freigegeben: Eigentlich wollte ich mir daraus ein Kleid nähen, aber der weiße Untergrund ist nicht so weiß, wie es scheint. Und Woll- oder Naturweiß hat an mir mit meiner Schneewittchenhaut eher nen Leichentuch - Effekt. Gut, dass ich mir schon vor dem Nähen den Frust erspart habe!


So hatte ich ein entsprechend großes Stück zur Verfügung. Auf das habe ich mein Brett gelegt und die Umrisse mit einem Textilstift aufgezeichnet. Dann habe ich eine Nahtzugabe von 8 Zentimetern an den Seiten bzw. 6 Zentimetern an der Spitze bzw. am entgegengesetzten Ende angeschnitten.


Mit einem Dreifach-Zickzackstich habe ich dann ein ganz normales schmales Gummiband möglichst dicht am Stoffrand auf der Unterseite aufgenäht (siehe Detail oben). Beim Aufnähen ist wichtig, dass man das Gummiband mehr als ordentlich dehnt, damit sich der Rand kräftig kräuselt.

Auf einen umgelegten Saum habe ich verzichtet, denn a) wer guckt schon auf die Unterseite eines Bügelbretts? Und b) ist die Halbwertzeit von Bügelbrettbezügen in meinem Haushalt eine recht geringe. Wenn das Nähen so schnell geht, sollte ich es doch schaffen, bei Verschleiß wieder einen neuen zu nähen. 

Hebt außerdem die Bügellaune, wenn man auf so was Hübsches sieht, oder?
Verlinkt mit dem Creadienstag