Donnerstag, 23. Juni 2022

Great Women #304: Kay Sage

Unter all den weiblichen Künstlerinnen der männerdominierten Gruppe der Surrealisten ist sie mir immer die liebste gewesen, denn ihre Bilder sind für mich so richtig geheimnisvoll. Deshalb gibt es endlich auch einen Post über Kay Sage an dieser Stelle.
"I Saw Three Cities"
(1944)
FairUse

"Das Bild entwickelt sich vor meinen Augen 
und entfaltet im Fortschreiten seine Überraschungen. 
Das gibt mir das Gefühl völliger Freiheit, 
und aus diesem Grund bin ich nicht in der Lage, 
vorher einen Plan zu machen oder eine Skizze anzufertigen."

Kay Sage kommt als Katherine Linn Sage am 25. Juni 1898 in Albany, New York, in einer wohlhabenden, prestigeträchtigen Familie zu Welt, die ihr Geld seit mehreren Generationen in der Holzindustrie verdient hat. Ihr Vater, Henry Manning Sage, 30 Jahre alt, Präsident der Sage Improvement Company, wird im Jahr nach ihrer Geburt Abgeordneter der New York State Assembly und für fünf Amtszeiten ab 1911 bis 1920 Senator des Staates. Ihre Mutter Anne Wheeler Ward, 23 Jahre alt, ist Tochter eines Chirurgen in Albany. Sie haben bereits eine gemeinsame Tochter, Anne Erskine, 1897 geboren.

Anne Wheeler Ward Sage heiratet Henry im Alter von achtzehn Jahren unter großem finanziellen und sozialen Druck. Sie widersetzt sich den Erwartungen und erweist sich als widerspenstige Ehefrau und exzentrische Cosmopolitin. Kurz nach Kays Geburt verlässt sie ihren Mann und ihre ältere Tochter, um mit dem Baby nach Europa zu reisen und dort zu leben. Scheiden lassen sich die Sages erst 1908, und Henry unterstützt auch dann weiterhin seine Ex-Frau und seine jüngere Tochter. Kay wird ihn und seine neue Frau von Zeit zu Zeit in Albany besuchen und ihm häufig lange Briefe schreiben.

1922
Die Mutter wählt Rapallo in Italien als Hauptwohnsitz, besucht aber auch viele andere Orte, einschließlich Paris. Kay lernt so fließend Französisch und Italienisch, aber auch Spanisch und Portugiesisch sprechen, und zwar in der umgangssprachlichen Variante, denn sie erwirbt sie hauptsächlich von den Bediensteten der Mutter. Es scheint, als habe das Mädchen durchaus Gefallen an deren Bohème-Leben. In ihrer Autobiografie "China Eggs" erinnert sie sich daran, wie sie all ihre Cousins ​​New York hasst, die so anders sind als sie. Sie entwickelt dabei ein nicht verhandelbares Freiheitsgefühl - sie gilt als "quite unpredictable" - und erfährt ein breites Spektrum an Kunst und Kultur, was sich auf ihr künstlerisches Temperament auswirkt. Mit ihrem unruhigen Geist sucht sie immer wieder Zuflucht im künstlerischen Schaffen und zeichnet und schreibt schon in jungen Jahren. 

Die unsteten Lebensumstände bedingen allerdings viele Schulwechsel. Neben europäischen Einrichtungen absolviert sie eine formale Ausbildung während der Kriegsjahre in Europa, die sie in den Vereinigten Staaten verbringt, auch in amerikanischen Institutionen, darunter die der High Society vorbehaltene "Foxcroft School" in Nord-Virginia, wo sie eine sehr enge Beziehung zur Erbin Flora Payne Whitney hat, die ihr eine lebenslange Freundin sein wird

Young Girl in an Orange Dress
(1922)
Von 1919-20 besucht sie dann die "Corcoran School of Art" in Washington, D.C., an der sie ihre erste formelle Ausbildung in der Malerei erfährt. Anschließend kehrt sie zu ihrer Mutter nach Rom zurück, wo sie privaten Kunstunterricht nimmt, aber auch die "British Academy of Arts" und die "Scuola Libera delle Belle Arti" besucht. Zudem begleitet sie die Mitglieder der sogenannten "Venticinque Della Campagna Romana"-Gruppierung ihres Lehrers Onorato Carlandi bei deren regelmäßigen Exkursionen zum Malen außerhalb der Stadt. Viel später wird sie sagen, dass "dies die glücklichsten Tage meines Lebens waren", und 1961 ihrem Freund und Galeristen Julien Levy gestehen, dass ihre Campagna-Erfahrung ihre "perspektivische Vorstellung von Distanz und Weggehen" geprägt habe.

Sie lernt dabei konventionelle Techniken und Stile kennen. Nichtsdestotrotz wird sie in späteren Jahren behaupten, sie sei Autodidaktin, vielleicht, weil das meiste von dem, was sie in Rom gelernt hat, so wenig mit der Art der Malerei zu tun hat, die sie schließlich betreiben wird.

In dieser frivolen Bohème-Gruppe von Landschaftsmalern mit ihrem sorglosen Miteinander trifft sie auf den italienischen Prinzen Ranieri di San Faustino, verliebt sich in ihn und glaubt, dass er "ich in einer anderen Form" sei, wie sie einer Freundin 1924 in einem Brief mitteilt. Sie werden am 30. März 1925 in der Kirche Sant’Andrea della Valle in Rom von Michele Kardinal Lega getraut. 

Prinz & Prinzessin Ranieri di San Faustino
bei ihrer Ankunft in New York
kurz nach ihrer Eheschließung
Der Prinz, 1901 in Rom geboren, ist ein Sohn der New Yorkerin Jane Allen Campbell und des Carlo Bourbon del Monte, vierter Prinz von San Faustino, und ein Bruder von Victoria Agnelli, die in den Fiat-Clan eingeheiratet hat und nach ihrer Verwitwung mit dem Schriftsteller Curzio Malaparte liiert ist. Jane Campbell ist dafür bekannt gewesen, dass sie die Gesellschaft in Rom mehr als vierzig Jahre lang zu schockieren vermocht hat, indem sie die dort etablierten sozialen Traditionen ignoriert hat.

Anfangs ist man glücklich miteinander, und Kay lebt zehn Jahre lang das müßige Leben der italienischen Oberschicht, in der sie nur als Gastgeberin zu brillieren und die sozialen Ansprüche an eine High-Society-Lady zu erfüllen hat, welches sie später dann aber als "stagnierenden Sumpf" beschreiben wird. Auf Dauer ist Kay zu unkonventionell und unabhängig, um Kompromisse mit dem prätentiösen Umgang und den Gewohnheiten des Prinzen, der mit seinem Lebensstil zufrieden ist, einzugehen. Sie muss zu sehr ihre eigenen Lebensvorlieben und ihre Kreativität vernachlässigen. 

Ihre zufälligen Begegnungen und Freundschaften wie mit dem wegen seiner politischen & wirtschaftlichen Ansichten umstrittenen amerikanischen Dichter Ezra Pound, der ebenfalls in Rapallo wohnt, und dem aus Deutschland gebürtigen Bildhauer Heinz Henghes, einem Protegé des Dichters, der Kay als "Schwester" betrachtet, werden Katalysatoren für ihre Entscheidung, ihren Mann 1935 zu verlassen und sich ausschließlich ihrer Kunst zu widmen. ( Einige Jahre später wird die Ehe vom Papst annulliert werden. )

Vielleicht hat bei ihrem Sinneswandel auch der Tod des Vaters mit 65 Jahren im Jahr 1933 und der ihrer 37jährigen Schwester an Tuberkulose im Jahr darauf eine Rolle gespielt. Anne ist in den 1920er Jahren zu Kay und ihrer Mutter nach Italien gezogen, und die Schwestern sind sich während Annes Krankheit ziemlich nahe gekommen. Im Nachhinein wird Kay diese Phase ihres Lebens als eine betrachten, die sie einfach "den Krähen vorgeworfen hat. Kein Grund, kein Zweck, nichts." In ihrer Autobiografie "China Eggs" wird sie schreiben: "Eine Art innerer Sinn in mir reservierte meine Möglichkeiten für etwas Besseres und Konstruktiveres."

Im Dezember 1936, als sie sich darauf vorbereitet, Italien zu verlassen und nach Paris zu gehen, hat Kay Sage noch unter ihrem Ehenamen eine erste Ausstellung in der Galleria del Milione in Mailand zusammen mit Skulpturen von Heinz Henghes. Es sind sechs Ölgemälde, alles experimentelle abstrakte Kompositionen, auf Geometrie basierend und um Entfernung und Perspektive kreisend.

1937 übersiedelt sie dann mit ihrer Mutter in eine luxuriöse Wohnung in Paris, um sich ein Leben als Künstlerin aufzubauen. Anfang 1938 besucht sie die "International Surrealist Exhibit" in der Galerie Beaux-Arts. 299 Werke von sechzig Künstlern aus vierzehn Ländern sind dort ausgestellt. Sie ist zum ersten Mal mit dem Surrealismus konfrontiert und fühlt sich besonders angezogen von Giorgio de Chirico. Dieser erste Eindruck wird sie für den Rest ihrer Karriere prägen und ihren Stil bestimmen. Sie kauft sich sogar ein Werk von de Chirico. Inspiriert von dem, was sie gesehen hat, beginnt Kay nun, halbabstrakt zu malen.

"Afterwards"
(1937)
Als André Breton, "Godfather of Surrealism", und Yves Tanguy, sein Geistesverwandter par excellence, 1938 die Ausstellung im "Salon des Independants" anschauen, erregt ein Gemälde ( links ) ihre Aufmerksamkeit und Bewunderung. Es ist von Kay Sage. Diesen Namen haben sie noch nie gehört und es ist ihnen nicht einmal klar, ob das ein Mann oder eine Frau ist. Diese Ignoranz ist für Kay ein Glücksfall, denn später wird ihr Geschlecht den Wert ihrer Arbeit in den Augen der männlich dominierten Kunstkritik der damaligen Zeit minimieren.

Breton und Tanguy suchen sie alsbald in ihrem Haus auf der Île Saint-Louis auf und es beginnt eine mehr oder weniger schöne Freundschaft. Kay, Mitte 40, attraktiv, wohlhabend, unabhängig und dazu noch mit einer Prinzessinnen - Vergangenheit -  das ist eigentlich nicht akzeptabel für einen waschechten Surrealisten Bretonscher Prägung. Dessen überhebliche, ostentativ zur Schau getragene Nichtanerkennung von Künstlerinnen sowie seine sozialistische Weltanschauung - für ihn ist klar, dass der Surrealismus zu einer sozialen Revolution führt, die durch die Befreiung des Unterbewusstseins von kulturpsychologischer Unterdrückung vorangetrieben wird - machen es ihm schwer, den künstlerischen Ehrgeiz einer weiblichen Kay zu akzeptieren. Dass sie wie ein Mann malt, spielt jetzt keine Rolle mehr, und er wird sie nie als Surrealistin anerkennen, weil das eben für eine Frau der Oberklasse nicht passt. 

Sein Alter Ego Tanguy hingegen verliebt sich in die Malerin – absolut und unwiderruflich. Im Sommer 1939 hält sie sich im Chateau de Bourdeaux in der Provinz Ain nahe der Schweizer Grenze auf, in dessen Nähe viele der Surrealisten in der Sommerfrische sind, und sie die Gruppe, vor allem Tanguy, häufig sehen kann. Sie werden ab da für immer verbunden bleiben.

Kay versteht sich trotz der Vorbehalte als Surrealistin, auch wenn die meisten Gruppenmitglieder ihr gegenüber reichlich reserviert bleiben. Aber als mittellose Künstler brauchen sie dringend materielle Unterstützung,  die sie ihnen gewähren kann. Der Ärger über ihren Reichtum und ihr Ruf als hochmütige & arrogante Adlige bleiben. Ihre Beziehung zu dem von seiner Frau getrennt lebenden Tanguy treibt auf Dauer auch einen Keil in die Freundschaft zwischen ihm und Breton.

Ihre neuen surrealistischen Malereien charakterisiert Whitney Chadwick, die Kunsthistorikerin mit dem Spezialgebiet "Weibliche Surrealistinnen",  als "durchdrungen von einer Aura gereinigter Form und einem Gefühl von Bewegungslosigkeit und drohendem Untergang, das nirgendwo sonst im Surrealismus zu finden ist."

Mit dem Angriff auf Polen im September 1939 entscheiden Kay und ihre Mutter, dass es besser sei, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, wo sie ihr Erbe und den Einfluss der alten Freunde ihres Vaters nutzen will, um anderen Surrealisten zur Flucht aus dem kriegsbedrohten Europa zu verhelfen. Dazu gehört der kurz zuvor geschiedene Yves Tanguy, der von den Militärbehörden für dienstunfähig erklärt und daher zur Ausreise berechtigt ist. 1940 heiraten sie in Reno bei einem Trip an die Westküste.

Yves Tanguy (ca.1929)
Raymond Georges Yves Tanguy, im Januar 1900 in Paris als Kind britischer Eltern zur Welt gekommen, ist teilweise auch in England aufgewachsen, hat in Paris allerdings auch das renommierte Lycée Montaigne besucht, wo er seinen Freund Pierre Matisse, den Sohn von Henri, traf, der später einer seiner Kunsthändler werden wird. Nach dem 1. Weltkrieg lebt er mit dem Poeten Jacques Prévert zusammen. Tanguy gilt als anarchischer, aber auch introvertierter Mensch, der ebenfalls von de Chirico und seinem Bild "Le cerveau de l’enfant" inspiriert worden ist, Maler zu werden. Autodidaktisch wendet er sich mit 23 Jahren dem Zeichnen und Aquarellieren zu, beeinflusst vom Dadaismus. In seinen frühen Werken sind auch Einflüsse des Expressionismus, Kubismus und der neuen Sachlichkeit zu finden. Doch ab 1925 widmet er sich dann ganz dem Surrealismus. Im gleichen Jahr heiratet er und beginnt die enge Freundschaft zu André Breton. Bald hat Tanguy seine visuelle Sprache gefunden, die er für den Rest seiner Karriere als Grundlage beibehalten wird: biomorphe Elemente in verschobenen, unmöglichen, unendlichen Landschaften, die entweder im Weltraum, unter dem Meer oder in einer Wüste zu sein scheinen. Ein Beispiel ist sein frühes Meisterwerk von 1927, "Mama, Papa est blessé!". Seine mysteriösen Bildwelten entziehen sich bis heute der Entschlüsselung. Bevor er Kay trifft, hat er eine Affäre mit der Sammlerin Peggy Guggenheim ( siehe dieser Post ), die einen moderaten Skandal ausgelöst hat.

Im Juni 1940 hat Kay Sage eine erste Einzelausstellung in New York City in der Galerie von Pierre Matisse. Insgesamt wird ihre Arbeit positiv aufgenommen, und diese wohlwollende Rezeption setzt sich im folgenden Jahr mit zwei Ausstellungen in Kalifornien sowie mit einer Einzelausstellung in der Julian Levy Gallery im Jahr 1944 fort.

"Danger - construction ahead"
(1940)
FairUse

Die Kritiker loben sie für ihre Arbeit vor allem, weil sie die oft üblichen schockierenderen surrealistischen Elemente vermeidet. Diese Vorstellung findet sich in einigen Rezensionen, wie etwa einer in der "New York Times", die ihre "traumhaften" Szenen mit den "alptraumhaften" Szenen vergleicht, die von Künstlern wie Salvador Dali produziert werden. Zurückgeführt wird das auf die ausgeglichenere Art des weiblichen Geschlechts und dessen Sinn für das Dekorative - das Übliche halt. Das öffentliche Verständnis ihrer Werke ist also von Anfang an von ihrer Identität als Frau beeinflusst.

Kay Sages Einfluss beim Import & der Verbreitung des Surrealismus von Europa nach Amerika wird bis heute unterschätzt und selten beschrieben, da sie weder das öffentliche Gesicht dieser Bewegung gewesen ist noch die öffentliche Wahrnehmung des Surrealismus im gleichen Maße beeinflusst hat wie Breton oder Dali. Sie ist es, die vor allem den Künstlern ständig finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt hat, kann sie doch besonders großzügig mit den Ressourcen sein, die mit der Geburt in einer wohlhabenden Familie einhergehen. Das ist der eine Teil ihres Beitrages zur Verbreitung und zum Erfolg der surrealistischen Kunst in Amerika. Der andere Teil ist ihre Rolle bei der Motivation zum und der Unterstützung beim Umzug mehrerer Mitglieder der surrealistischen Gruppe nach Amerika. So gründet Kay mit Beistand des amerikanischen Botschafters und des französischen Bildungsministers die "Society for the Preservation of European Culture".

Die Gesellschaft bietet den französischen Malern Jean Hélion und Gordon Onslow-Ford die Möglichkeit, Anfang der 1940er Jahre nach New York zu reisen, um dort auszustellen und Vorträge über den Surrealismus zu halten. Sie macht die Migration von mehreren anderen Schlüsselfiguren des Surrealismus und ihrer Familien wie Roberto Matta, Max Ernst sowie André Breton möglich, indem sie die Reise- & Verpflegungskosten übernimmt sowie soziale und berufliche Verbindungen koordiniert. Kay zahlt z.B. auch mehrere Monatsmieten für die Bretons, nachdem diese 1941 in New York gelandet sind - und das trotz des Zerwürfnisses wegen ihrer Heirat mit Tanguy! 

Außerdem dient ihre Wohnung als Treffpunkt für die Surrealisten, folglich ist sie ständig Gastgeberin bei deren Zusammenkünften. Obwohl sie nur eine kurze Zeit in der Kunstszene New Yorks verbracht hat, scheint sie geradezu meisterhaft ihre Verbindungen in der Stadt zu nutzen und aufrechtzuerhalten. In der kurzen Zeit folgen zwei wichtige Ausstellungen, die Ausstellung "First Papers of Surrealism" von André Breton im Jahr 1942 und die Ausstellung von 31 Frauen, die im folgenden Jahr in der "Art of This Century Gallery" von Peggy Guggenheim stattfindet.

Da sie als Künstlerin mit zwar surrealistischen Neigungen, aber etwas außerhalb der surrealistischen Bewegung gesehen wird, bieten Kay Sages Werke eine bekömmliche Art, den Surrealismus zu genießen, die allgemein gut aufgenommen wird. In ihren hinterlassenen Papieren in den "Archives of American Art" werden ihre Auszeichnungen gelistet, darunter der "Watson F. Blair Purchase Prize" des "Art Institute of Chicago" im Jahr 1945, der "W.A. Clark-Preis" der Corcoran Gallery 1951 und der erste Preis für zeitgenössische Malerei in Connecticut, ebenfalls 1951, für ein Werk mit dem Titel "All Soundings are Referred to High Water"(1947). Das Komitee für diese Ausstellung dankt ihr ausgesprochen dafür, dass ihre Präsentation mit über 400.000 Besuchern so ein Erfolg geworden ist. Diese Auszeichnungen belegen, dass Kay Sage damals von namhaften Institutionen & Museen anerkannt worden ist und denen ihre Werke es wert waren, während ihrer gesamten Karriere ausgestellt, diskutiert und gekauft zu werden.

Woodbury, Connecticut

1945 hat das Paar Sage-Tanguy endgültig seinen Wohnort von New York nach Connecticut verlegt, wo es seit Beginn ihrer Ehe eine alte Farm in der Nachbarschaft von Alexander Calder erworben hat, und wo  andere Surrealisten wie André Masson, Hans Richter und Arshile Gorky und Kays Galerist Julien Levy und seine Frau regelmäßig ihre Gäste bei zahlreichen Partys sind. 

Sie bauen die Scheune in zwei separate Studios um, da sie nicht zusammenarbeiten können. Er, ein wilder, leidenschaftlicher Mann, der aber immer mit Krawatte malt und sein Atelier makellos hält, sie zurückhaltend bis hin zu dem Punkt, dass sie Mitmenschen schon mal snobistisch vorkommt, hält ihr Atelier weniger ordentlich, dafür aber das Haus in Schuss. Es gibt zweifellos einen malerischen Einfluss von Tanguy auf Kay, was die weiten Hiorizonte betrifft. Aber es gibt auch eine Art Verzweiflung in ihren Gemälden, die bei ihm nicht vorhanden ist. Ihre Bilder sind poetisch und blau wie Kulissen für Theaterstücke von Samuel Beckett oder dystopische Science-Fiction – quasi traurige Kartographien einer fremden Welt. Es gibt darin mysteriöse Gerüste und eigenartige Gebäude, und eine Faszination für architektonische Paradoxien sind nicht zu verleugnen, die ein unmerkliches Gefühl von Verwundbarkeit und Risiko auszulösen vermögen.

Die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Kay Sage und Yves Tanguy erweist sich als so rätselhaft wie ihre Kunst. Freunde des Paares erzählen im Nachhinein, es sei eine vom Alkohol bestimmte Ehe gewesen, aber dennoch eine von einer gewissen Konstanz. Obwohl von Natur aus freundlicher & zugänglicher als seine Frau, ist Tanguy ein notorischer Trinker, der manchmal seinen Kopf gegen eine Wand oder den Kopf eines anderen schlägt und seine Frau manchmal demütigt und degradiert und ihre Arbeit vor ihren Freunden schlecht macht. Kay schweigt dazu, wird aber auf wundersame Weise dadurch ermutigt, noch mehr zu malen. Es ist schon bemerkenswert, dass der Großteil ihrer Werke, darunter ihre wichtigsten Arbeiten, während ihrer Ehe entstanden sind. 

Leider kommt Kay, eine Frau, die so unabhängig und unaufhaltsam in Bezug auf ihre Leidenschaften und Neigungen gewesen ist, gegen diese verinnerlichten patriarchalischen Zumutungen nicht an. Von ihrem Prinzen hat sie sich scheiden lassen, weil ihre Kreativität während dieser Ehe darnieder gelegen hat, bei Tanguy kann sie es nicht. Sie betrachtet ihn als die Liebe ihres Lebens und ihre primäre Inspiration. Es ist anzunehmen, dass all diese Intensität, die er zwischen ihnen erzeugt hat, für sie beide verdreht inspirierend und süchtig machend gewesen ist. Aber auch bei diesem Paar, wie es in solchen Künstlerehen oft der Fall ist, ist es bei allem künstlerischen Vermögen für den weiblichen Part schwer, aus dem Schatten des bekannteren Mannes herauszutreten.

Anfang der 1950er Jahre beginnt sie, Waldmotive zu verwenden, manchmal kombiniert mit drapierten Formen, die in die kargen Räume der Gemälde einbezogen werden. Ihr Malstil zeichnet sich durch fast unsichtbare Pinselstriche aus, ein mysteriöses Licht und überraschend saubere und scharfe Kanten der Objektumrisse. 1954 hat das Künstlerpaar eine gemeinsame Ausstellung im Wadsworth Atheneum, dem ältesten öffentlichen Kunstmuseum der Vereinigten Staaten in Connecticut.

"No Passage"
FairUse

Kay macht eine Reihe erfolgloser Operationen im Zusammenhang mit einem Glaukom durch und wird zu Beginn des Jahres 1955 mit dem plötzlichen Tod ihres Mannes an einer Gehirnblutung konfrontiert. Allen Berichten von Freunden zufolge ist sie am Boden zerstört. Abgesehen von dem berührenden "No Passage" aus dem Jahr 1956 malt sie nach Tanguys Tod nur wenig. Dies ist teilweise auf ihre Depression zurückzuführen, aber auch auf die fortschreitende Sehschwäche infolge des Grauen Stars. 

Stattdessen arbeitet sie daran, das Kunsterbe ihres Mannes zu sichern und umgangssprachliche französische Gedichte zu schreiben. Ende 1958, Anfang 1959 reicht sie ihr Testament ein, beendet ihren umfangreichen catalogue raisonné für Yves Tanguy und versucht dann, sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Ihre Haushälterin findet sie und schafft es, sie wiederzubeleben.

"The Answer is No"
FairUse
Eine Zeit lang scheint sie sich von ihrer Depression zu erholen. Sie wendet sich der Drahtskulptur zu, hat eine teilweise erfolgreiche Star-Operation und wird 1960 mit einer großen Retrospektive ihrer Arbeit in der Catherine Viviano Gallery, New York, geehrt. Im August 1961 schreibt sie jedoch in ihr Tagebuch: "Ich habe alles gesagt, was ich zu sagen habe. Mir bleibt nichts anderes übrig als zu schreien.

Der Verlust des geliebten Menschen wirkt sich weiter zerstörerisch auf sie aus. Weniger als zwei Jahre später, am 8. Januar 1963, jagt sie sich eine tödliche Kugel durchs Herz. In ihrem Abschiedsbrief hat die knapp 65jährige notiert: "Das erste Gemälde von Yves, das ich sah, bevor ich ihn kannte, hieß 'Ich warte auf dich'. Ich bin gekommen. Jetzt wartet er wieder auf mich – ich bin auf dem Weg." Ihr letztes Gemälde von 1958 trägt den Titel "The Answer Is No" und zeigt leere Leinwände auf Staffeleien. 

Nach ihrem Tod verstreut der Freund Pierre Matisse die Asche von Yves und Kay an einem Strand in der Bretagne.

Als Malerin werden ihre Leinwände inzwischen umfassend studiert ( weitere Gemälde sind hier zu finden ). Als Dichterin bleibt ihr Werk weitgehend vergessen. Kay Sage schrieb Gedichte auf Französisch, Englisch und Italienisch und veröffentlichte fünf Bände mit meist surrealistischer Lyrik, die sich über gesellschaftliche und künstlerische Konventionen hinwegsetzen. Einige ihrer Gedichte sind mysteriös, dunkel und rätselhaft, andere wiederum sind verspielt, leicht und humoresk und übernehmen die schelmisch-experimentelle Stimmung der surrealistischen Literatur. Bis heute sind sie nicht konsequent wiederentdeckt worden.

Allzu lange wurden Surrealistinnen als Inspirationsquelle männlicher Genies herabgesetzt, und die Kunstgeschichtsschreibung hat nur die männlichen Aushängeschilder "hochgepreist". Eine ganze Reihe "Anfänge" wurden inzwischen gemacht, um diese antiquierte Sicht zurechtzurücken. Dieser Post soll ebenfalls dazu beitragen. Über andere Surrealistinnen habe ich schon welche verfasst: Über Meret Oppenheim, Lee Miller und Leonora Carrington.





4 Kommentare:

  1. Was für eine spannende Künstlerin mit einem so tragischen Ende. Du hast mich sehr neugierig gemacht. Jetzt schaue ich mir weitere Bilder von ihr an.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  2. Ihr Tod ist radikal. Vielleicht hat sie ihren Mann tatsächlich in diesem Moment wiedergefunden?
    Dass sie durch ihr Vermögen im Leben so vielen anderen KünstlerInnen geholfen hat, wusste ich nicht. Ihre Bilder sind wirklich eindrücklich und geheimnisvoll und es ist wunderbar, dass Du diese Malerin heute hier vorstellst und einen anderen Blick darauf betonst. Nicht immer nur abgeleitet vom männlichen Surrealismus, sondern ganz eigenständig Kay Sage.
    Künsterlinnen sind derzeit mehr im Fokus. Das freut mich sehr. In der "Zeit" gab es kürzlich darüber einen Artikel und im Lousiana Museum waren allen aktuellen Ausstellungen von Frauen. Das ist wirklich ungewöhnlich und lässt hoffen.
    Danke für die Recherche zu Kay Sage und liebste Grüße von Sieglinde

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  3. Ich bewundere es, wie du immer und immer wieder weitere interessante Frauen findest und aus der Vergessenheit oder Unbekanntheit heraushebst. Obwohl ich den surrealistichen Stil mag, hatte ich von Kay Sage noch nie zuvor etwas gehört. Bei den Bildern, die du zeigst, musste ich gleich an Dali denken - nicht unbedingt wegen der Inhalte, sondern wegen der Präzision. Wieder einmal kann man sagen: "Was für ein Leben, was für ein Talent - und was für eine spannende, letztendlich traurige Geschichte..." Aber wunderbar, dass sie das Leben anderer Surrealisten retten konnte...
    Liebe Grüße,
    Traude

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  4. wieder eine beeindruckende Frau
    aber auch eine die sich durch Männer wieder hat
    verunsichern und dominieren lassen
    die Bilder sind fantastisch im wahrsten Sinne des Wortes
    ihr Ende ist tragisch
    danke für das Portrait
    liebe Grüße
    Rosi

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