Donnerstag, 2. August 2018

Great Women # 149: Liesl Karlstadt

Sie ist mir immer als die Genialere vorgekommen, die auf ihren zu seinen Lebzeiten, aber auch lange danach viel berühmteren Partner, der nichts anderes spielte als sich selbst, in so vielen Rollen, so vielen Nuancen reagiert hat, dass ihre Stückerl dem wirklichen Leben nahe kamen und allzu menschliche Erfahrungen widerspiegelten und bis ins Dadaistische überzeichneten. Immer, wenn ich in München auf dem Viktualienmarkt bin, muss ich sie besuchen, und ich freu mich, dass sie bis heute unvergessen und mit Blumen geschmückt ist, 58 Jahre nach ihrem Tod am 27. Juli. Meine Porträtierte heute ist also Liesl Karlstadt.


Liesl Karlstadt kommt als Elisabeth Wellano, fünftes von neun Kindern des Ehepaares Ignaz und Agathe Wellano, am 12. Dezember 1892 in Schwabing zur Welt. Ihr Vater, ein Bäcker, stammt aus Osterhofen in Niederbayern und ist mit seiner Familie 1889 nach München übergesiedelt. Ihre Mutter ist Tochter eines durchaus namhaften Orgelbaumeisters, Ludwig Edenhofer aus Regen. Zum Zeitpunkt von Liesls Geburt sind bereits zwei ihrer Geschwister verstorben. Auch von den vier Nachgeborenen wird nur das jüngste, die zehn Jahre jüngere Schwester Amalie, überleben.

Die Vorfahren der Wellanos sind ursprünglich aus Oberitalien zugewandert. Elisabeth wird auch immer wieder von den Nachbarskinder gehänselt mit "Wellano, Wellano – Italiano, lebst aa no?", was sie in zweierlei Hinsicht trifft, hat sie doch miterlebt, wie ihre Geschwister gestorben sind...

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Trotz harter Arbeit kommt das Bäckerpaar nicht zu wirtschaftlichem Erfolg, und für die Mutter, die mit einem winzigen Milchladen etwas dazuverdient, trägt das Mädchen in der Morgendämmerung die Milch aus. Obwohl Liesl eine begabte Schülerin ist, muss sie nach sieben Jahren schließlich die Volksschule verlassen und als Dreizehnjährige als Lehrling im Textilgeschäft Eder am Alten Peter/Viktualienmarkt zum Lebensunterhalt beitragen. Anschließend arbeitet sie in der Kurzwarenabteilung des Warenhauses Hermann Tietz. Viel lieber möchte sie Lehrerin sein. Doch für ein Mädchen aus der Unterschicht ist das damals ein völlig unerreichbares Ziel. 

So sucht sie nach anderen Möglichkeiten, dem für ihre Schicht vorgegebenen Lebensziel ( Dienstmädchen/Ehefrau ) zu entwischen. Mehrere Monate tritt sie ab 1910 neben ihrer Arbeit als Jodlerin, Chorsängerin, Soubrette oder Komödiantin im "Bamberger Hof" mit einer Dachauer Volkskapelle auf - ihre künstlerische Lehrzeit quasi.

Schließlich will sie sich als Volkssängerin selbständig machen. Der Vater, der den Beruf einer "Brettlhupferin" indiskutabel, da unanständig, findet, leistet Widerstand. Die Tochter setzt dem entgegen: "Man kann in jedem Beruf anständig bleiben", und kündigt ihre Stelle bei Tietz. 

Mit neunzehn hat sie ihren ersten Bühnenvertrag als Sängerin für ein ganzes Jahr, monatliche Gage: neunzig Mark. Das ist doppelt so viel, wie sie als Verkäuferin verdient hat. Die Herausforderung im neuen Beruf besteht darin, auf ständig wechselnden Bühnen unterschiedlicher Größe und Auftrittsfläche zu improvisieren, also aus dem Stegreif zu spielen ohne aufwändige Requisite oder Kulisse. Liesl wagt sich sogar an die berühmte "Kameliendame", die allerdings volkstümlich aufbereitet - Augenzeugenberichten zufolge sehr überzeugend! Musikalisch begabt ist sie dazu auch noch: Sie kann Zugharmonika, Klarinette, Piston, Bombardon und selbstverständlich auch Gitarre spielen.

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1911 lernt sie Karl Valentin kennen, der auch im "Frankfurter Hof" auftritt und zu dieser Zeit schon eine Berühmtheit ist. Der erklärt ihr in der Künstlergarderobe: "Sie, des is nix!" Für eine Soubrette sei sie viel zu mager und habe einen viel zu kleinen Busen. Außerdem sei sie zu brav und zu schüchtern. Komisches Talent habe sie aber, und er schreibt für sie eine Parodie auf eine Soubrette. Liesl ist zuerst beleidigt, hat aber mit dieser Nummer großen Erfolg. Noch 1911 treten sie in einer ersten gemeinsamen Szene auf: "Alpenveilchen oder das Tiroler Terzett", ebenfalls eine Parodie, nämlich auf eine bayerische Gebirgssängergruppe.

Bevor sie aber zu Valentins Dauerpartnerin wird, spielt Liesl noch eine Zeitlang ernste Rollen in dramatischen Singspielen. Erst 1913 startet die langjährigen Bühnenpartnerschaft und alsbald entwickelt sich auch eine Liebesbeziehung zu dem beliebten, zehn Jahre älteren Kleinkünstler. Der ist zu diesem Zeitpunkt allerdings schon zwei Jahre verheiratet mit Gisela Royes, dem ehemaligen Dienstmädchen seiner Eltern, mit der er seit 1905 eine erste, fünf Jahre später eine zweite Tochter hat.

Es ist Valentin, der Liesl den Namen "Karlstadt" verpasst, weil er Wellano eher für eine Trapezkünstlerin passend findet. Der Künstlername ist angelehnt an den des Münchner Volkssängers Karl Maxstadt, den Valentin sehr verehrt.

Durch gemeinsame Auftritte im "Charivari", im "Serenissimus", im "Kammerbrettl" und im "Annenhof", also in sämtlichen illustren Kabaretts der Altmünchner Szene, werden sie alsbald zur Legende und erreichen über den bayerischen Raum hinaus einen großen Beliebtheits- und Bekanntheitsgrad: "Hier haben sich Zwei gefunden, die sich perfekt ergänzen. Auf der Bühne gibt ein Wort das andere und an guten Tagen glänzen die beiden Darsteller durch Improvisationstalent und spontane Situationskomik. Das Publikum ist begeistert."  ( Quelle hier )

Als Schusterbub
Hat Valentin meistens die Rolle des mürrischen Eigenbrötlers inne, der mit den Tücken des Alltags kämpft, gibt Liesl den Widerpart mit gesundem Menschenverstand bis hinein "in den Sog der Demontage" ( Ria Endres ).

Anfangs führt der Ältere die Regie, doch alsbald ist sie mehr als Stichwortgeberin Valentins. Tatsächlich stammen viele Ideen von ihr. Neben und auf der Bühne gibt sie alles, was ihr möglich ist, um das Bild des "langweiligen Frauenzimmers" zu widerlegen. Dabei helfen ihr die zahlreichen Männerrollen als Jockey, Firmling, Lehrbub, als verzärteltes Geheimratssöhnchen oder Kapellmeister sich Freiräume zu erobern, die ihr die damalige Gesellschaft nicht gewährt. In der Rolle der Passiven, die ihr als Frau auferlegt wird, fühlt sie sich einfach zu sehr gefangen. Als Komikerin reizt sie das Hässliche und Dämonische und ihr Stilmittel wird die Übertreibung. Liesl spielt alles, nur nicht die Geliebte oder feine Dame.

1918 tritt sie zum ersten Mal in der Rolle des Kapellmeisters in "Tingeltangel" auf - ihr berühmtester Charakter! In dem Jahr wird ihr auch das König-Ludwig-Kreuz für Heimatverdienste verliehen.

Liesl bleibt trotzdem immer die Nummer Zwei auf den Plakaten. Auch bei den Theaterkritikern steht sie im Schatten Valentins, obwohl sie bereits ab 1915 gleichberechtigte Direktorin des kleinen Ensembles ist und mancher Sketch aus ihrer Feder stammt. Er bezeichnet sie als "meine Mitarbeiterin und Mitverfasserin meiner Stücke".

Darüberhinaus ist Liesl Karlstadt diejenige, die den Alltag des weltfremden, hypochondrischen und ängstlichen Querdenkers organisiert, ihn zu Auftritten und Tourneen motiviert und Kontakte zu Theaterchefs und Agenten herstellt. Sie ist seine Souffleuse, wenn ihn die Angst plagt, seine Texte zu vergessen. Sie zeigt Verständnis für seine wechselhaften Stimmungen, verbreitet gute Laune und Zuversicht und schafft die Atmosphäre, die er braucht, um überhaupt auftreten zu können, beruhigt ihn im Zug und auf den Autofahrten, bei denen sie am Steuer sitzt und nicht schneller als 40 Stundenkilometer fahren darf.  Das "Fräulein" ist immer zur Stelle, wenn er sie braucht und geht auf seine schwierige Psyche ein.

Auf Dauer wird ihr das Valentin nicht danken und tyrannische Allüren an den Tag legen, ihre Verehrer bespitzeln, ihre karge Freizeit überwachen und ihr das Bergsteigen verbieten.

1923 drehen die Beiden mit Erich Engel und Bertolt Brecht in Berlin den fünfundzwanzig Minuten langen Stummfilm "Mysterien eines Frisiersalons" ( in dem auch die von mir bereits porträtierte Carola Neher eine Rolle hat ):

 

Das Komikerduo geht auf Gastspielreisen nach Berlin ( allein sechs Tourneen ), Wien und Zürich und hat 1924 in den Münchner Kammerspielen mit dem gemeinsam verfassten Stück "Die Raubritter vor München" Premiere:

"Die Raubritter von München"
"Wie die Raubritter entstanden sind, das muss ich Ihnen auch noch erzählen. Wissens, wir ham nämlich gar kein Manuskript gschriebn, sondern wir ham monatelang probt und wieder probt und endlich war das Stück so, wie wir’s wollten. Das Manuskript ham wir dann erst viel später gschriebn. Ja und draufkomma auf des Ganze simma eigentlich so: Amoi hat sich der Karl Valentin bei einem Dandler an oiden bayerischen Helm kafft. Und den hat er so sauber putzt, dass er blitzt hat wia nei. Und dann hat der Valentin zu mir gsagt: Du Liesl, da mach ma jetzt a Stück, wo der Helm drin vorkommt. Mogst? Der gfallt ma so guat." ( Quelle hier )
Das Stück wird 284 Mal aufgeführt.

Zusehends leidet Liesl allerdings unter der Rücksichtslosigkeit und den Ängsten Valentins und unter der Reduzierung durch Publikum & Kritik auf die "feinfühlige Stichwortgeberin". Im Alter von nunmehr fast vierzig Jahren ( und mehr als zwei Jahrzehnten Bühnenerfahrung ) nimmt sie Schauspielunterricht, versucht einen künstlerischen Alleingang und bekommt gute Kritiken als Vertretung von Therese Giehse an den Kammerspielen.

1931 hat sie ihr erstes Einzel-Engagement als Frau Vogel in Bruno Franks "Sturm im Wasserglas". Endgültig kann sie sich aber nicht für einem Wechsel zum Theater entscheiden und sie tritt im Anschluss an die Aufführungen immer noch mit ihrem Partner im "Kolosseum" auf.

"Im Photoatelier" (1932)
Die schwierigen Beziehungsverhältnisse & die Überlastung, weil sie Valentin überstrapaziert als Alltagskumpelfrau und als heimliche Geliebte, so sehr, dass sie ihre eigenen Wünsche vergessen muss, führen zu depressiven Verstimmungen: "Da sie nicht böse sein kann wie ihr Partner, wird sie immer trauriger." ( Ria Endres )

Liesl bleibt aber immer noch an seiner Seite, gibt 1933 das Theaterspielen wieder ganz auf und regelt weiterhin sein Leben. Privat nimmt sie allerdings eine neue Beziehung ( zu Josef Kolb ) auf, da Karl Valentin nach wie vor an seiner Ehefrau festhält.

Als er im Oktober 1934 im Hotel Wagner in der Sonnenstraße seinen Gruselkeller eröffnet, hat sie ihr gesamtes Vermögen in das "Panoptikum" gesteckt. Doch bei den Besuchern kommt das Kabinett nicht an, so dass Valentin ein Jahr später wegen Unrentabilität schließt. Auch hat er sich mal wieder eine jüngere Geliebte zugelegt und verbringt wieder mehr Zeit mit seiner Familie.

Die ständigen Reibereien, die Belastung durch die Betreuung Valentins als Künstler, der finanzielle Ruin und die mangelnde Anerkennung als eigenständige Künstlerin machen der unter ihrer derb-robusten Fassade sensiblen und verletzlichen Frau immer mehr zu schaffen:
"Am 6. April 1935 war sie in die Isar gesprungen, ihre heiß geliebte Katze an sich gepresst. Das Tier ertrank, die Schauspielerin wurde an der Prinzregentenbrücke aus dem Wasser gefischt. "Kummer" gibt die Polizeichronik lapidar als Grund für den Suizidversuch an", schreibt Sabine Reithmaier hier.
Von da an verbringt sie bis 1937 immer wieder längere Zeit in der psychiatrischen Klinik in der Nussbaumstraße, Diagnose: bipolare Störung. Doch schon im September 1935 steht sie, noch als Psychiatriepatientin, dem Partner für den Film "Kirschen in Nachbars Garten" zur Verfügung und kehrt nach den Dreharbeiten allabendlich in die Klinik zurück. Auch ein Gastspiel im "Kabarett der Komiker" in Berlin macht sie mit: Zwei Vorstellungen pro Tag schafft sie, bis sie mit einem Weinkrampf auf der Bühne zusammenbricht, und ihr Psychiater sie Anfang 1936 in Berlin abholt...

Die Auftrittsmöglichkeiten in München schwinden in der Nazizeit, weil viele Kabarettbühnen schließen müssen. Auch eine erneute Krankheit beendet zwischenzeitlich wieder die Kooperation mit dem alten Bühnenpartner: Nach einer schweren Mandelentzündung kehrt Liesl zu schnell auf die Bühne zurück und handelt sich eine massive Blutvergiftung ein, die sie fast das rechte Bein kostet. Fast eineinhalb Jahre braucht sie, um wieder ganz auf die Beine zu kommen.
"Im Gegensatz zu Karlstadt, die auf vielen Bühnen spielt, ist Valentin für "normale" Theater nicht kompatibel. Daher eröffnet er am 17. Juli 1939 sein eigenes, die "Ritterspelunke", entwickelt den "Ritter Unkenstein" und verpflichtet als Burgfräulein Annemarie Fischer. Bleibt ihm auch nichts anderes übrig, die kranke Karlstadt steht nicht zur Verfügung, auch das eine neue Erkenntnis, die die bisherige Lesart, Valentin hätte Annemarie Fischer Karlstadt als neue Partnerin vorgezogen, als falsch entlarvt", schreibt Reithmaier zu einer Ausstellung im im "Valentin-Karlstadt-Musäum" zu Karlstadts 125. Geburtstag 2017.
Im Herbst 1940 endet die Zusammenarbeit des bekannten Künstlerduos im Deutschen Theater München dann aber endgültig:
"Fast 25 Jahre standen sie zusammen auf der Bühne, die ja auch eine Bühne des Lebens war. Etwa 400 Sketche und Komödien entstanden. Und so wuchs allmählich eine Art Textamalgam, das gar nicht mehr die Frage zuließ: Was ist von dir und was ist von mir. In der Flut von Valentin-Kommentaren tauchte sie jahrzehntelang allerdings nur wie ein Appendix auf", so  Ria Endres an dieser Stelle.
Karl Valentin erklimmt danach keine Bühne mehr, Liesl spielt 1941 noch in der Revue "Münchner Bilderbogen" in Adolf Gondrells "Bonbonniere" mit, auch als sie längst schlimme Magenschmerzen hat. Erst als sie dem Zusammenbruch nahe ist, beschließt sie, eine Auszeit zu nehmen.

Mit Jakob & Anastasia Ostler (rechts) und  der Schwester Amalie in Wegscheid
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Schon nach ihren Psychiatrieaufenthalten hat sie sich zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Amalie immer wieder im Elternhaus des damaligen Tölzer Krankenhausseelsorgers Jakob Ostler in Wegscheid eine Auszeit gegönnt. Nun quartiert sie sich bei den Gebirgsjägern in Ehrwald in Tirol ein und pflegt dort über zwei Jahre die Maultiere - ein illegales Refugium, weshalb sie dort zum "Stabsgefreiten Gustav" ernannt wird, um der Angelegenheit einen legitimeren Anstrich zu geben. Von ihrer Sportlichkeit kündet ihr Bergsteigerbuch, in dem sie jede Tour, jeden Gipfel festhält. In der Abgeschiedenheit der Berge und dem Kontakt mit den Tieren findet sie wieder zu sich selbst und sie betrachtet im Nachhinein jene Jahre als die besten ihres Lebens.

Nach dem Krieg zahlt sich ihre Popularität aus, und sie wird vom Theater wie vom Rundfunk mit offenen Armen empfangen, der ihre ausdrucksstarke, kaum gealterte Stimme mit hohen Wiedererkennungswert zu schätzen weiß. Auch mit Karl Valentin steht sie 1947/48 wieder im "Alten Simpl" und im "Bunten Würfel" in München auf den Brettern, das allerletzte Mal neun Tage vor seinem Tod.

1951
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Ihr großartiges Verwandlungstalent wird nun aber nicht mehr herausgefordert, und das mag den Blick auf die großartige Komikerin mit dem anarchischen Potential und der situativen Kreativität über Jahrzehnte nach dem Krieg verstellen.

Sie spielt auf der Bühne und in etlichen Filmen ( u.a. "Das doppelte Lottchen", "Die Trapp - Familie" oder "Wir Wunderkinder" ) nur noch humorvolle, volkstümlich-mütterliche Frauen mit Herz, so auch ab 1952 die Meisterhausfrau, Mutter der "Familie Brandl" in der damals so beliebten BR-Hörspielreihe. Wegen eines "kriegsbedingten Nachholbedarfs in der Haushaltsführung" hat man eine solche Ratgebersendung damals  ins Leben gerufen!

"In ihrer letzten Rolle trieft sie vor Edelmut und Biederkeit. Liesl Karlstadt hört auf, eine Verwandlungskünstlerin zu sein." ( Ria Endres )

Selbstverständlich sind für sie solche Rollen nicht: "Zuerst hab ich direkt Hemmungen gehabt, eine Bluse und einen Rock anzuziehen, weil ich so an Hosen und die männlichen Perücken gewöhnt war."

An ihrem 60. Geburtstag 1952 veranstalten die Kammerspiele ihr zu Ehren eine Matinee. Der schönste Tag seit ihrer Firmung sei das gewesen, meint sie dazu. ( Zu ihrem 65. Geburtstag erhält sie gar 1200 Glückwunschkarten! )

Mit Beppo Brem dreht sie 1956 den ersten Fernseh-Werbespot für ein Waschmittel. In diesem Medium ist sie auch immer wieder im "Komödienstadel" zu sehen, zuletzt 1959 in "Späte Entdeckung" und "Das Taufessen".

Grab in Bogenhausen
Am 27. Juli 1960 stirbt Liesl Karlstadt während eines Urlaubs in der Garmisch-Partenkirchener "Pension Leiner" in den Armen ihrer Schwester Amalie an einer Gehirnblutung. Sie wird auf dem kleinen Friedhof der Bogenhausener Kirche St. Georg in München beerdigt. Zu ihrer Beerdigung erscheinen Freunde, Familie und Verehrer, darunter der damalige Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel.

Schon ein Jahr später wird auf dem Viktualienmarkt die Brunnenfigur zu ihrer Erinnerung aufgestellt.

Doch lange steht sie noch im Schatten ihres einstigen Bühnenpartners, und ihre originären Erfindungen in den gemeinsamen Auftritten in einer Zeit, in der es für Frauen nahezu unmöglich war, sich selbst zu verwirklichen, und selbstbewusst und mutig als Frau und Künstlerin einen eigenen Weg zu beschreiten, werden erst nach und nach wahr genommen. Ihre Fantasie und ihre Ausdruckskraft als Verwandlungskünstlerin werden erst in unseren Tagen gewürdigt, auch ihre Fähigkeiten als Autorin ( so stammt aus ihrer alleinigen Feder die Parodie auf Hitler - Reden "Die deutsche Laugenbrezel" ).

Erst im Jahre 2001 wird das "Karl-Valentin-Musäum" am Isartor in "Valentin-Karlstadt-Musäum" umbenannt. Ein Schicksal, welches die große Komikerin & Volksschauspielerin mit so vielen weiblichen Partnern eines Duos teilt!

Jungen Künstlerinnen heutzutage fällt der Blick auf Karlstadts Leistung leichter: "Sie hat sich nicht zurückgelehnt und auf einen Kerl gewartet, der sie heiratet und ihr seinen Namen schenkt. Sie hat für sich selbst gesorgt und sich einen Ruf erarbeitet, in einer Zeit, in der das alles andere als üblich war", so die  Landshuter Kabarettistin Andrea Limmer. "Ihr Wesen, ihre Kraft, ihr Fleiß sind inspirierend. Nicht nur bei der Arbeit, sondern als Frau. Liesl Karlstadt wollte immer auf Augenhöhe ernst genommen werden."


Kommentare:

  1. Ach wie schön! Die Liesl Karlstadt von Dir wunderbar portraitiert. Danke!
    Ich bewundere sie so sehr und war erst auf ihren Spuren wandelnd in München. Wie lange ihr die hoch verdiente Anerkennung vorenthalten wurde zeigt ja auch die viel zu späte Umbenennung des Musäums! Der Raum über sie dort ist so sehenswert und man kann viel von dem erfühlen, was diese vielseitige Künstlerin ausgemacht hat:
    Soviel Können, Komik und soviel Tragik in einem Leben!

    GLG Sieglinde

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  2. immer wieder was lernen von dir.. für mich sind diese 'zwei' noch in 'lauer' erinnerung... sehr intéressant! bises

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  3. Ich kenne ein ganz paar Dinge filmisch und die besten waren immer die im Dou.Ihre Stimme ist einfach einmalig. Wieviel Kraft es damals gekostet haben muß auf diese Weise seinen Weg zu gehen, können wir heute wohl kaum noch wirklich ermessen.Ein Glück, dass sie es geschafft hat mit der Auszeit in den Bergen, sich nicht ganz zu verlieren.Ich habe mich sehr gefreut so ausführlich von ihr zu lesen.
    VG Karen

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  4. Ach, die Karlstadt. Ich liebte es als Kind, die beiden (auch den Valentin mag ich)im Fernsehen anzusehen. Auch wenn ich nicht alles verstand, wir durften das als Kinder gucken. Auch heute sehe ich mir gerne Sketche an. Sie sind immer noch sehr aktuell. Wenn ich da nur an die Buchbinderei Wanninger denke. Aber was wäre der Karl ohne die starke Liesel gewesen??? Grüße von Rela

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  5. Da sind mir gleich die Filmszenen in die Erinnerung gekommen, die ich als Kind angeschaut und sehr gemocht habe. Wenigstens ist sie nie aus der Erinnerung der Münchner gelangt und hat endlich auch in der breiteren Öffentlichkeit die fällige Anerkennung bekommen. Dass sie eigentlich Wellano ist, wusste ich nicht. Wieder so spannend, deine Biographie!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. ui..
    eine die ich kenne ;)
    wieder so eine starke und beeindruckende Frau
    und sehr interessant was sie alles geleistet hat
    denn man sie sie ja wirklich eher als Partnerin als als eine eigenständige Künstlerin wahr genommen
    danke für die Biographie

    liebe Grüße
    von Rosi die schon wieder schwitzt ;)

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  7. Wieder ein tolles und liebevolles Frauenporträt von dir und ich habe dabei viel gelernt.
    Liebe Grüsse
    Barbara

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  8. wieder einmal zeigt mir das neue Porträt einer Künstlerin , diesmal die Liesl Karlstadt,das Eigenständigeit& Unabhängigkeit das eigene Leben prägt. Sie ist ein großes Beispiel. Danke fürs Zeigen.
    Gruß von heiDE

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  9. eine faszinierende und starke frau mit grossem talent - und doch macht sie sich in der liebe klein....
    xxx

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  10. eine sehr spannende und fast schon typische geschichte aus dieser zeit über eine person, die ich vorher so gut wie gar nicht kannte. das bayrische liegt mir nicht so, immerhin habe ich die knödelknödeln schon mal gesehen...
    liebe grüße
    mano

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  11. Erst heute komme ich zu Liesl, aber dieses Portrait wollte ich mir doch nicht entgehen lassen und so viel erfahren, was ich nicht wusste. Berührt hat mich 'da sie nicht bös werden kann wie er, wird sie immer trauriger'...
    Auch den uralten Stummfilm musste ich mir ansehen, dabei Gedanken an meinen Opi, der sich als junger Mann durch Klavieruntermalung von Stummfilmen etwas Geld verdient hat.
    Beste Grüße - Ulrike

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  12. Ich kann mich daran erinnern, dass ich die beiden als Kind auch gesehen und über sie gelacht habe. Karl Valentin war wohl wie viele Komiker privat alles andere als witzig.
    LG
    Sigi

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