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Donnerstag, 16. Februar 2023

Great Women #327: Ida Ehre

Meine heutige "Great Women" ist mir eine alte Bekannte aus der Zeit, als das Fernsehen noch meinen unbändigen Bildungshunger als Teenager stillen konnte. Da sah ich sie in "Die Ermittlung" von Peter Weiss oder in "Herodes und Mariamne" von Friedrich Hebbel, aber auch in "Tevya und seine Töchter" nach dem Roman "Tewje, der Milchmann" von Scholem Alejchem oder Krimiproduktionen wie "Der rote Schal" oder dem "Tatort". Ida Ehre hat mich damals nachhaltig beeindruckt.
Prerau

"Die Welt hat Sonne, viel Sonne, 
man muss sie nur auch in sich selbst tragen."
.....
"Redet nicht, sprecht miteinander."

Ida Ehre erblickt am 9. Juli 1900 im damals südmährischen Prerau ( heute Přerov ) in der Region Olmütz das Licht der Welt. Ihre Mutter ist Bertha Kohn, 30 Jahre alt und aus der Slowakei, ihr Vater der aus der Ukraine stammende Oberkantor ( "Chasan" ) Samuel ( Salomon ) Ehre, 36 Jahre alt. Ida ist das zweitjüngste von insgesamt sechs Kindern, der Bruder Paul kommt anderthalb Jahre nach ihr auf die Welt, der älteste, Fritz, ist zwölf Jahre älter. Die Schwestern Ottilie, Lola und Emma sind ca. 1890, 1894 und 1896 geboren.

Als sie zwei Jahre alt ist, stirbt der Vater. Obwohl dieser Beamter gewesen ist, erhält seine Ehefrau aufgrund seines jungen Sterbealters keine Pension. Eine zweite Eheschließung - trotz vieler Angebote - lehnt Bertha Ehre ab, weil sie den Kindern einen Stiefvater ersparen will. Also muss sie sehen, wie sie die Familie alleine durchbringt. Der Mutter wird Ida später in ihrem Buch bescheinigen, dass sie ihr eine schöne Kindheit verschafft habe, weil diese sich stets von ihrer Empfindung habe leiten lassen und immer gespürt habe, was für ihr jeweiliges Kind gut gewesen ist. Sie hat die Kinder auch immer ermuntert, das auszuprobieren, was das Kind sich in den Kopf gesetzt hat.

Um besser verdienen zu können, zieht Bertha mit ihrer Kinderschar nach Wien, wo sie mit dem Nähen & Verkaufen von Hemden, Schürzen, Häubchen an Frauen der Wiener Beamtenschicht das tägliche Brot für die Familie sichern kann. Sie ist eine fähige und daher beliebte Handwerkerin. Die Wohnverhältnisse der Familie sind beengt - in vier vorhandenen Betten schlafen immer zwei Kinder zusammen -, denn außerdem lebt noch der Großvater bei ihnen. Den tricksen die Kinder gerne aus, damit er mit ihnen den Prater besucht, was Ida herrlich, geradezu königlich findet, wie sie später erzählen wird.

Wurstelprater 1905

Mit ihrem jüngsten Bruder lacht die kleine Ida viel und gerne und spielt mit ihm Rollenspiele, in denen sie sich eine eigene Welt kreieren. Auch Spielzeuge stellen sie sich ganz plastisch vor in ihrer Fantasie. Und wenn sie Fremden begeistert davon erzählen, glauben die, gut betuchte Kinder vor sich zu haben. Sie gehen auch zusammen in Kaffeehäuser und fragen dort nach, ob sie Theater spielen können.

Im Prater faszinieren sie besonders die Pantomimen. Damit sie deren - sehr pathetische - Auftritte ansehen können, sammeln die Kinder in einem Hut bei Passanten das nötige Eintrittsgeld ein:

"Wir saßen da, mein Großvater hatte ein Glas Bier vor sich, mein Bruder Paul und ich bekamen ein Kracherl, so ein buntes Sodawasser, das doll gesprudelt hat. So saßen wir vier Stunden lang und wurden nicht müde, zuzuschauen. Großvater allerdings schlief meist ein." ( Quelle hier )

Aber auch solchen Spektakeln wie den Feierlichkeiten zum 60jährigen Regierungsjubiläum des österreichischen Kaisers Franz Josef kann Ida viel abgewinnen und so drängelt sie sich mit dem Bruder durch die Absperrungen. Vor lauter Begeisterung kommen sie so spät heim, dass die Mutter aus Angst & Sorge schon die Polizei verständigt hat.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, wird der schöne große Bruder eingezogen, und der Großvater hadert im Zwiegespräch mit Gott, den Kopf dabei immer unter einem Handtuch versteckt, um sich vom übrigen Familienlärm abzuschirmen. Für Ida beginnt mit 14 Jahren die schau­spielerische Ausbildung. Ihre älteste Schwester Ottilie, eine großgewachsene Schönheit, ist bereits Schauspielerin, gibt aber aufgrund ihrer Schüchternheit bald auf und heiratet Dr. Heinrich Kanner, Chefredakteur & Mitinhaber der Wiener Tageszeitung "Die Zeit" ( für die übrigens auch Bertha von Suttner geschrieben hat ). Schwester Lola ist Tänzerin und tritt als Erste im Burgtheater nackt in Franz Werfels "Spiegelmensch" auf. Nur die dritte Schwester, Emma, fällt aus dem Rahmen und arbeitet als Modistin.

Schon in der Schule erzielt Ida Aufmerksamkeit durch ihre gekonnten Gedichtrezitationen, was sich auch außerhalb der Schule herumspricht. Um vier Ecken wird so der Burgschauspieler Heinrich Prechtler, ein Meister des zu Herzen gehenden Gefühlsausdrucks, auf ihre Fähigkeiten aufmerksam und erteilt ihr Unterricht, bis er sich nach dem Tod seiner Frau suizidiert. 

Die Hofschauspielerin Auguste Wilbrandt-Baudius nimmt sich anschließend Idas an, die bei ihr die Wiener Prominenz, darunter die Ebner - Eschenbach ( siehe dieser Post ) oder Peter Altenberg, kennenlernt und zum ersten Mal mit ihr ein Theater besucht. Die Baudius schickt den Teenager auch zur K.u.K.- Akademie für Musik und Darstellende Kunst. Dort zu studieren ist Ida nur möglich, weil sie ein Stipendium von einer Baronin Königswarter erhält. Als sie im dritten Ausbildungsjahr während der Abschlussprüfung Monologe aus "Die rote Robe" von Eugène Brieux und "Liebe" von Anton Wildgans spricht, applaudiert das Auditorium in den zweiten Monolog hinein - was für ein Erfolgserlebnis für Ida nach den drei Jahren mit der anstrengenden Lernerei und Unterrichtsinhalten wie Mythologie, Fechten Tanzen, Kunstgeschichte, Französisch, Italienisch und vieles mehr.

Theaterplatz in Bielitz
(1915)
Draußen vor der Tür der Akademie erwartet sie schon der Direktor des Stadttheaters Bielitz - Biala in den Beskiden mit einem Vertrag...

Sieben tolle Monate verbringt sie dort und startet mit der Rolle der Viola in "Was ihr wollt". Dann zieht sie weiter nach Czernowitz, der legendären Hauptstadt der Bukowina, jetzt in Rumänien liegend. Nach einem halben Jahr geht es nach Bukarest, dem damaligen Klein - Paris. Dort soll sie nackt im "Reigen" von Arthur Schnitzler auftreten. Nackt bedeutet in jenen Tagen im Hemdhöschen. Ida schämt sich sehr.

1921 zieht sie weiter nach Cottbus. Österreich erscheint ihr zu klein, Ida will in Deutschland Karriere machen. Bald macht ihr der berühmteste Impresario der Zeit das Angebot, zu ihm nach Berlin zu kommen. Dort schreibt er ihr, ohne ihr Vorsprechen bis zum Ende anzuhören, ein Empfehlungsschreiben für den Intendanten des Frankfurter Theaters, Richard Weichert. An der Frankfurter Bühne tritt sie in "Maria Stuart" auf. Als nächste Station folgt das Bonner Theater. In der Studentenstadt macht sie Bekanntschaft mit den Burschenschaften, aber auch mit dem Antisemitismus. Das ist 1922 - ein einschneidendes Erlebnis. Dennoch bleibt ihr das damalige Bonn als besonders musische Stadt in schöner Erinnerung.

Von Bonn aus gelangt sie nach Königsberg und schließlich über Stuttgart 1926 ans Mannheimer Nationaltheater.

1928

Zuvor hat sie in Stuttgart auf Vermittlung einer Freundin die Bekanntschaft mit dem Arzt Dr. Bernhard Heyde gemacht. Beim ersten Treffen liegen sie sich alsbald in den Haaren, "als würden wir uns schon viele Jahre kennen." Der ein Jahr Ältere macht ihr den Hof, dann auch einen Heiratsantrag, den Ida ablehnt. "Ich werde so lange warten, bis Sie sich das vorstellen können", so die lapidare Reaktion des jungen Mannes. 

1928 ist es so weit, dass sie heiraten. Da ist schon die gemeinsame Tochter Ruth unterwegs, die am 20. Oktober 1928 zur Welt kommt. Noch im neunten Monat steht die Schauspielerin auf der Mannheimer Bühne in einem Stück, das sinnigerweise "Die große Hebammenkunst" heißt und in dem sie die Xanthippe spielt. 

Ihr Mann ist in ihren beiden letzten Jahren am Mannheimer Theater als Schiffsarzt unterwegs, wozu ihn Ida überredet hat, damit er die Welt kennenlernt. 1931 wandert sie schließlich auch wieder weiter, von Mannheim nach Berlin ans dortige Lessing - Theater.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 ist es aber aus mit Idas Theaterkarriere, da sie als Jüdin ein Berufsverbot erhält: Man teilt ihr am Theater mit, dass man sie nicht behalten könne. Ida hingegen würde gerne bleiben, denn die Kritiken sind bislang wohlmeinend und erfolgversprechend gewesen. Auch hat sie noch einen Filmvertrag mit der Tobis, ein Drehbuch bekommen und viel für den Rundfunk gearbeitet:

"Ich packte meine sieben Sachen und ging nach Wien. Dort lebte meine Mutter, und noch hatte sich das großdeutsche Reich nicht ausgeweitet."

Dass das nur zeitlich begrenzt so ist, ist hinlänglich bekannt. Ihr Mann, Deutschnationaler durch und durch und anfangs eher beschwichtigend - "... das wird alles nicht so schlimm, und Deutschland wird groß werden"- erkennt nach dem Röhmputsch, was Sache ist, kündigt seine Oberarztstelle und bemüht sich um eine Praxis in der Provinz. Die erhält er in Böblingen, und Ida übersiedelt mit ihm ins Schwäbische, nicht ohne vorher ihre Geschwister zu warnen, Wien ebenfalls zu verlassen. Ottilie wird letztendlich 1943 von der Gestapo abgeholt werden und an einem unbekannten Ort sterben. Lola gelingt es zunächst mit Hilfe eines Freundes, sich bei einem Hausmeisterpaar hinter einem Schrank zu verstecken. Sie überlebt. Mutter Bertha wird 1942 nach Theresienstadt gebracht, wo sie umgebracht wird. 

Da Ida von der Bühnengenossenschaft ausgeschlossen worden ist, arbeitet sie nun in der Praxis ihres Mannes mit, der ihr alles Notwendige beibringt. Während der Novemberpogrome 1938 fliegt auch ein Stein durch die Fenster des Heydeschen Familienheimes, und Idas Ehemann muss sich eingestehen, dass das nicht das Deutschland ist, welches er sich erträumt hat. 

Das Paar fährt deshalb nach Hamburg und pilgert von Konsulat zu Konsulat, um eine Möglichkeit zum Auswandern inklusive Visum zu finden. Schließlich können sie mit zehn Mark in der Tasche - mehr erlauben die Nazis nicht - sich von Antwerpen auf einem kleinen Frachter namens "Roda" in Richtung Chile aufmachen. Doch kurz vor den Azoren wird das Schiff wegen Kriegsausbruchs nach Hamburg zurückbeordert: "Die Tage, in denen wir zurückfuhren, waren gespenstisch, unendlich gespenstisch.

Ida Ehre wird also jetzt sozusagen in Hamburg an Land gespült und lebt von nun an unter dem privilegierten Status "Mischehe mit einem Christen, kleines Kind". Ihr Mann wird aufgrund seiner Ehe mit einer Jüdin, von der er sich nicht scheiden lassen will, als wehruntüchtig erklärt und den ganzen Krieg über mit Praxisvertretungen beschäftigt. Wohnen können sie zunächst in einem Auswandererheim katholischer Nonnen, dem Raphaelsheim, bevor es ihnen tatsächlich nach einem Jahr gelingt, eine Wohnung im Haus einer NS-Frauenschaftsleiterin zu mieten. Ida hat immer wieder Glück, dass sie auf Menschen trifft, die sich selbst in einem inneren Konflikt mit der Naziideologie befinden und nur eine äußere Fassade aufrechterhalten, um gefährdete Angehörige zu schützen.

"Nicht die  vierzig Jahre Theater nach 1945 haben mich geprägt, sondern diese Zeit damals. Rückblickend ist alles wie ein Theaterstück gewesen."

Tatsächlich vermisst sie das Theater nicht, denn um sie herum spielt sich Ergreifenderes ab. So erfährt sie bei einer Reise nach Wien, dass ihre Mutter abgeholt und in einem Schulgebäude untergebracht worden ist. Dort kann sie sie noch kurz an einem Fenster sehen und erhält von ihr einen Zettel mit einer kleinen Nachricht. Ida ist Augenzeugin, als die Mutter auf einem Lastwagen fortgebracht wird.

Später wird auch Ida selbst von der Gestapo verhaftet und nach Hamburg-Fuhlsbüttel gebracht. Der Grund für die Verhaftung sei gewesen, so wird sie hinterher berichten, dass sie zufällig bei Filmaufnahmen anwesend gewesen sei und von einem Kameramann gebeten wurde, doch vor die Kamera zu treten und sich filmen zu lassen. Da sie Angst hatte, ihre jüdische Herkunft anzugeben, habe sie diesem Wunsch entsprochen, sei dann aber von einer anderen Frau angezeigt worden, weil sie sich nicht als Jüdin zu erkennen gegeben habe. 

Schließlich kommt sie wieder frei, weil ihr Ehemann einen Brief an Heinrich Himmler, mit dem er auf einer Schule gewesen ist, geschrieben und gemeinsame Erinnerungen geschildert hat. Himmlers Vater, Oberstudiendirektor Joseph Gebhard Himmler, ist zudem Konrektor an diesem Institut gewesen.

Noch 1944 erhält Ida Ehre einen Gestellungsbefehl der Gestapo. "Sie sollte zur Moorweide kommen für den letzten Auschwitz-Transport, ging aber nicht hin. Ihre Freundin Marianne Wichmann hat sie versteckt und unter Lebensgefahr gerettet", so die Tochter Ruth in diesem Interview.

Schließlich findet auch diese furchtbare Zeit ein Ende, es erfolgt die Kapitulation, der Einmarsch der Engländer in Hamburg. Schon am 25. Juli 1945 wendet sich die Hamburger Kulturverwaltung an die Britische Militärkommendantur mit der Bitte, das ehemalige jüdische Logenhaus in der Hartungstraße, das einzige nicht zerstörte Theater Hamburgs, für die "Kammerspiele" freizugeben. Hinter diesem Vorstoß steht eine jüdische Schauspielerin, nämlich Ida Ehre. 

Maßgeblich unterstützt wird sie von dem britischen Theateroffizier John Olden, der im Nachkriegshamburg Themen zu Wort kommen lassen will, "von denen wir 12 Jahre lang nichts wissen durften." Mit ihm hat Ida sehr schnell ein gutes Verhältnis, kommt er doch ursprünglich auch aus Wien und ist 1939 nach London emigriert. Ida selbst drängt es gar nicht mehr so sehr zum Spiel, aber viele Kollegen sind zwischenzeitlich an sie herangetreten und bringen ihr so viel Vertrauen entgegen, dass sie sich überzeugen lässt und sich die Aufgabe schließlich zutraut. 45 Jahre ist sie jetzt alt.

Das Gebäude für die "Hamburger Kammerspiele"

Bereits am 10. Dezember 1945 werden die "Hamburger Kammerspiele" mit einem Stück des Amerikaners Robert Ardreys namens "Leuchtfeuer" eröffnet. 

"Eiskalt war es, die Menschen saßen in Decken und in Mänteln eingehüllt und unser Atem ging runter, und der Atem des wenigen Publikums kam herauf zu uns, da waren so vielleicht 25, 30 Menschen da, und nach drei Wochen war das Theater voll," erinnert sich Ida 40 Jahre später. 

Auch wenn den Menschen die Steckrübe zunächst wichtiger als die Theaterkarte gewesen ist -  der Kulturhunger in der Stadt ist bemerkenswert groß. 

Ida lässt die modernsten Stücke aufführen. Ein "Theater der Menschlichkeit" soll es werden. Statt Nazi-Propaganda holt sie neue Autoren aus dem Ausland, Stücke wie "Wir sind noch einmal davongekommen", "Der Trojanische Krieg findet nicht statt", später Sartres "Die Fliegen". Das Haus füllt sich schnell: "Mein Publikum saß bei Halbfunzellampen im Zuschauerraum und hat geguckt."

Schon bald zur Legende wird eine Aufführung, kaum dass sie stattgefunden hat: Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" am 21. November 1947. Ida hat den todkranken Dichter dazu bewegen können, das zunächst als Hörspiel verfasste Drama für die Bühne umzuschreiben. Inszeniert von Wolfgang Liebeneiner ist besonders die Darstellung des Beckmann durch Hans Quest eine bis heute unübertroffene künstlerische Leistung. Borchert hat das Stück diesem Schauspieler gewidmet.

Ida selbst beeindruckt in einer Aufführung von Bert Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder" zu ihrem 50. Bühnenjubiläum und als Hekabe in den "Die Troerinnen" von Euripides. 

Mit ihrer Stückauswahl, ihrem hochkarätigen Ensemble, darunter Grete Weiser, Hilde Krahl & Wolfgang Liebeneiner, und eben auch ihrer eigenen schauspielerischen Leistung setzt sie künstlerische Maßstäbe, die weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus Geltung erlangen. "Nicht Rollen spielen, sondern Menschen", das ist Idas künstlerisches Credo.

Von links nach rechts: In "Mutter Courage", als Hekuba in "Die Troerinnen" und mit Karl John in "In jenen Tagen" 
Doch die Kammerspiele bleiben nicht ihre einzige Wirkungsstätte. Ida Ehre feiert an zahlreichen anderen Bühnen große Erfolge, an denen sie auch oft die Regie übernimmt. Aber nicht nur die Theaterwelt interessiert sich für ihre schauspielerischen Leistungen. Sie ist auch bei den Filmemachern gefragt. Das erste Mal steht sie 1947 vor der Kamera in dem Film "In jenen Tagen" von Helmut Käutner ( eine beeindruckende Liste ist hier zu finden, ebenso die ihrer Hörspielaufnahmen ).

Ihr 65-jähriges Bühnenjubiläum feiert die Schauspielerin dann mit der Darstellung einer alten Dame in der Komödie "Gigi" nach dem Roman von Colette ( siehe dieser Post ).

Philipp Jenninger & Ida Ehre im Bundestag
Außerhalb von Theater und Fernsehen gerät die inzwischen 88jährige ins Blickfeld der Öffentlichkeit, als sie am 10. November 1988 anlässlich des Gedenkens an die Pogromnacht 1938 im Bonner Bundestag aus Paul Celans berühmter "Todesfuge - Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" vorträgt. Der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger kann in seiner nachfolgenden Rede nicht mehr den richtigen Ton finden. Es kommt zum Eklat im Parlament, und Jenninger tritt danach zurück.

Ida Ehre ist auch sonst eine besondere Frau, auch in ihrem Privatleben. Sie selbst spricht in ihrem Buch "Gott hat einen größeren Kopf, mein Kind" davon, dass sie weitgehend kein einfaches Leben geführt habe, "aber in Bezug auf Männer war mein Leben nie einfach." Sie bleibt bis zu seinem Tod 1978 ehelich mit Bernhard Heyde verbunden, das Verhältnis ist allerdings ein rein platonisches, nachdem unter den Nazis die Rassegesetze wirksam geworden sind. Ida knüpft danach eine Beziehung zu einem erheblich jüngeren Mann, Bernhard Heyde selbst hatte jahrelang eine Freundin. Als Idas junger Freund aus russischer Gefangenschaft zurückkehrt, leben sie alle drei 17 Jahre in der gemeinsamen Wohnung in Hamburg in der Hallerstraße. Die Beziehung endet erst, als er ihr ein Ultimatum stellt. Ida entscheidet sich für ihren Mann, der immer zu ihr gehalten und ihre Karriere und ihre Erfolge, anders als der Freund, immer ohne Neid oder Eifersucht begleitet hat.

Am 16. Februar 1989 stirbt die große Theater-Prinzipalin in einem Krankenhaus in Hamburg, der Stadt, in der sie schon drei Jahre Ehrenbürgerin ist. Ihre letzte Ruhe findet sie auf dem Ohlsdorfer Friedhof in einem Ehrengrab am äußersten südöstlichen Rand des Althamburgischen Gedächtnisfriedhofs nahe der Theaterlegende Gustaf Gründgens. 

In seiner Trauerrede sagt Altbundeskanzler Helmut Schmidt unter anderem: 

"Ida Ehre, das war der Wille, Theater zu machen und doch zugleich in jeder Minute sie selbst zu sein". Ihr Freund, der Schriftsteller Walter Jens, schreibt in einem Nachruf: "Die Frau, die überlebte und die Bühne, die nach Jahren brutaler Abgeschlossenheit wieder Welt nach Deutschland brachte, Urbanität und Offenheit – beides gehört für die Älteren unter uns, aber nicht nur für sie, untrennbar zusammen."

Das bringt treffend zum Ausdruck, weshalb ich bis heute diese großartige Frau mit Respekt & Bewunderung im Herzen trage.

Vergessen ist sie auch sonst nicht: In Hamburg wird später ein Platz in der Innenstadt nach ihr benannt, auch eine Schule im Stadtteil Eimsbüttel trägt ihren Namen. In Böblingen wird der Platz vor der Kongresshalle in Ida-Ehre-Platz getauft, in der Kölner Nachbarstadt Brühl gibt es einen Ida-Ehre-Weg und in Bad Oldesloe eine Integrierte Gesamtschule mit ihrem Namen. 2016 wird die ehemalige Kriegerehrenallee auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Ida-Ehre-Allee umbenannt. Die "Hamburger Kammerspiele" existieren bis heute, inzwischen als privates Theater, und sie heimsen immer noch Auszeichnungen ein...





Donnerstag, 23. Juli 2020

Great Women #228: Diana Rigg

Das war ein Frauenbild, so ganz anders als das, was mir täglich in meiner Nonnenschule vermittelt wurde! Kein Wunder, dass mich der erste Auftritt von Mrs. Emma Peel im Programm des Zweiten Deutschen Fernsehens im Oktober 1966 faszinierte, ist man doch als Teenager auf der Suche nach Gegenprogrammen zum traditionellen Konzept: Eine Frau, die Kampfsport betreibt und mit Männern wie selbstverständlich auf Augenhöhe agiert - so kämpferisch und schlagfertig war ich höchstens in meinem tiefsten Innern. Und dann war sie auch noch eine Brünette! Diana Rigg hat wegen dieser Ermutigung bis heute einen Platz in meiner persönlichen Ehrenhalle.


Enid Diana Elizabeth Rigg kommt am 20. Juli 1938 in Doncaster zur Welt, einer Stadt mit einer Burg aus normannischer Zeit, die Sir Walter Scott zu seiner Romanfigur Ivanhoe inspiriert hat und die 30 km nordöstlich von Sheffield in South Yorkshire liegt. Ihre Mutter Beryl Hilda Helliwell ist zu diesem Zeitpunkt dreißig Jahre alt, der Vater Louis Rigg, genannt James, ein Eisenbahningenieur, fünf Jahre älter. Beide Elternteile stammen aus Yorkshire, doch leben sie zu dieser Zeit in Indien.

Louis "James" Riggs hat schon vor seiner Ehe dort gearbeitet und Beryl 1932 in Bombay geheiratet. 1935 ist auch der Bruder Hughes in einem Militärhospital in Indien auf die Welt gekommen. Das ist so ein traumatisches Erlebnis für die Mutter gewesen, dass sie während ihrer zweiten Schwangerschaft nach England zurückgekommen ist. Yorkshire ist ja auch eine echte Alternative zur indischen Gluthitze, um im Sommer ein Kind zur Welt zu bringen! 

Als Diana zwei Monate alt ist, kehrt ihre Mutter mit ihr zu ihrem Mann und Sohn nach Indien zurück, genauer gesagt ins heutige Rajasthan, wo ihr Vater als Eisenbahnaufseher bei der Bikaner State Railway eingesetzt ist. 

Für einen britischen Eisenbahner ist das Leben in Indien in jener Zeit noch fast königlich zu nennen: 

Die Familie lebt in einem großen Haus im Schatten der mächtigen Eisenbahnstation, mit Gärtnern und Dienern, obwohl der Vater sich noch nicht auf der höchsten Rangstufe bei der Eisenbahn befindet. Im Sommer reist man im eigenen Waggon in zur Sommerfrische in die Hügel am Fuße des Himalaya, "wie die königliche Familie nach Balmoral reist", wird Diana es später beschreiben. Dort verschwindet sie den ganzen Tag mit ihrem Bruder in der Wildnis. "Indien ermöglichte mir einen herrlichen Start ins Leben. Es gab mir eine Unabhängigkeit des Geistes. Unsere Eltern lebten ein sehr geselliges Leben und nahmen uns mit auf schöne Familienausflüge." Diana hat in der Rückschau den Eindruck, dass sie damals sehr verwöhnt worden ist.

1943
Klar, dass Diana in jungen Jahren Hindi als zweite Sprache spricht, denn so verständigt sie sich mit ihrer "Ayah", mit der sie viel Zeit verbringt. In bester edwardianischer Tradition nehmen sich die eigenen Eltern wenig Zeit  für ihre Kinder, und das kleine Mädchen ist oft von ihnen separiert. Besonders schwer fassbar ist für Diana der Vater, es sei denn "er nahm sich die Zeit, mir beizubringen wie man Fisch brät."

Später wird der Vater Superintendent der Eisenbahnen, und die Familie zieht 1943 dann ins größere Jodhpur, am Ende der Wüste Thar gelegen.

Als Diana acht Jahre alt ist, wird sie nach England zurückgeschickt und in der "Great Missenden School" in Buckinghamshire untergebracht. Dort fühlt sie sich wie eine Vertriebene. Sie erleidet einen Kulturschock und ist sehr unglücklich: 
"Meine Eltern wollten nicht grausam sein, es war eine Sache der Überzeugung. Sie dachten, sie täten das Richtige... Die Schule wollte nicht grausam sein, aber sie war es. Ich fühlte mich wie ein Fisch außerhalb des Wassers. Ich kannte niemanden. Ich musste von vorne angefangen." ( Quelle hier )
Das Wetter in England ist schrecklich, so, wie es immer beschrieben wird. Sie bekommt Ohrenentzündungen und fängt sich Läuse ein. Dass mit solchen geballten negativen Erfahrungen sich das ganze Leben verändert, wird Diana später sagen. Sie fühlt sich zurückgewiesen und verlassen und muss sich jetzt notgedrungen alleine um sich selbst kümmern. Die Folge: "Du wirst nie wieder auf deine Eltern angewiesen sein.

In dieser misslichen Lage hilft ihr ihre reiche Fantasie, die Vorstellungsgabe wird erst einmal ihre einzige Stütze. Kinder sind generell anpassungsfähig, Diana besonders, und sie wird sehr selbstgenügsam. Sie entwickelt - angeregt durch den einzigen Film, den sie bis dato gesehen hat - innere Bilder voller Glanz & Glamour, die sie aus der Trostlosigkeit ihrer schulischen Umgebung entfliehen lassen. Rein äußerlich sitzt sie dann gerne auf einen Baum auf dem Schulgelände, so weit oben, wie möglich. In den Schulferien hält sie sich dann bei der Großmutter in Doncaster auf, für die es ein Kreuz ist, die beiden Enkelkinder zu betreuen, die sich von ihren Eltern so im Stich gelassen fühlen.

Schließlich kann Diana in den zwei Jahren, in denen sie in diesem Internat verbleibt, alles zum Besseren wenden, indem sie ihre Fähigkeit als Geschichtenerzählerin und die Erlebnisse in Indien als Basis für ihre Geschichten nutzt. Sie gewinnt schließlich Freundinnen, die ihr für ihr restliches Leben verbunden bleiben werden. Unglaublich rebellische Mädchen sind das, denn die lange Trennung von den Eltern macht sie unabhängig und widerstandsfähig. 

Mit der Freiheit ist es aber erst einmal wieder vorbei, als die Eltern für immer nach England zurückkehren, und Diana wieder in einer Kleinfamilie leben soll. Das ist zudem schwierig, da der Vater erst einmal keinen Job findet und die Mutter sich sehr distanziert verhält. Eine Fluchtmöglichkeit für die Zehnjährige: die Literatur, besonders die Bühnenkunst. Sie lauscht hingebungsvoll den Stücken, die sie im Radio senden, ihrer Poesie, der Sprache. Es ist der Beginn einer Reise, "that involved feeding my mind".

Doch bald verliert sie erneut ihr emotionales Gleichgewicht, da sie wieder die Schule wechseln muss. Die Familie zieht nach Leeds, wo der Vater eine Stelle als Betriebsleiter eines Ingenieurbüros findet. "Fulneck Girl's School" heißt das von dem Mährischen Brüdern - die wir mit dem Begriff  "Herrnhut" verbinden - geführte Institut, wo die Schülerinnen "were not exactly bathed in personal freedom". Diana wäre geistig erstickt, wäre da nicht ihre Sprachlehrerin Sylvia Greenwood gewesen...

Die erkennt das Potential ihrer Stimme, merkt, dass sie schauspielern kann, Literatur liebt und Wörter. "Nicht nur ermutigte sie mich, sie spornte mich an, holte das Beste aus mir heraus. Ich lebte auf." Jeden Abend übt sie nun Verse und muss feststellen, dass es das ist, was ihr Freude macht. Außerdem erfährt Diana, dass es ihr gut tut, sich in eine andere Figur zu verwandeln, eine andere Form von Freiheit, wie sie findet. Unterstützung gewährt ihr der Großvater, der gerne Lyrik rezitiert und Shakespeare verehrt. Bald darf Diana die Titania in der Schulaufführung des "Sommernachtstraums" spielen. Mit dreizehn vermittelt ihre Lehrerin sie an eine Theaterproduktion einer anderen Schule, wo sie die Hauptrolle in "Goldilocks" übernimmt.

Wenn in Dianas Familie etwas abgelehnt wird, dann "Vanity". Und nun guckt diese Teenagertochter dauernd in den Spiegel. Doch Diana tut das, weil sie dort, wie in einer Puppe versteckt, ihr wahres Selbst sieht: Schauspielerin zu sein! Dem Berufswunsch ihrer Tochter stehen die Eltern mehr als skeptisch gegenüber. Aber die Lehrerin überzeugt sie, ihre Tochter trotz ihrer Einwände auf eine Schauspielschule zu schicken. Mit siebzehn hört Diana mit der Schule auf und bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung für die "Royal Academy of Dramatic Art" (RADA) vor. Mrs. Greenwood und ihre Mutter begleiten sie zur Aufnahmeprüfung. Sie wird angenommen, sehr zum Missfallen ihrer Eltern.

Links als Cordelia ("King Lear"), rechts zu Hause in Leeds
Der Start in London ist überwältigend, und die junge Frau stellt fest, wie wenig Ahnung sie doch vom Theater hat. Aber sie beschäftigt sich nicht über die Maßen mit ihren Selbstzweifeln, sondern "jumped into her new life with both feet". 

Erleichtert wird ihr Start auch dadurch, dass sie ein weiteres Mädchen aus Leeds kennenlernt, Valerie Pitts ( die spätere Ehefrau von George Solti ). Die findet Diana von Anfang an perfekt und bewundert, wie die in einer halben Stunde ihre Texte lernen kann. Diana findet es nach der restriktiven Schulzeit für sich wichtiger, Lebenserfahrungen zu sammeln, statt sich mit Textlernen, dem Üben im bewaffneten Kampf oder dem Aufpolieren ihres sprachlichen Ausdrucks abzuzgeben ( wie ich das nachvollziehen kann! ). Aufgrund ihrer Kindheit in Indien spricht sie ohnehin ein aristokratisches Englisch ohne den harschen Akzent des Nordens.

Der Unterricht an der RADA erscheint der Schauspielschülerin im zweiten Jahr dann viel zu abgehoben. So erhöht sie ihre Dosis an wirklichem Leben, geht aus, feiert, hat viele "boyfriends". Sie ist einfach nicht gemacht für akademisches Lernen! Dennoch kann sie 1957 nach ihrem Abschluss - ein Minimum nennt sie das, was sie an der RADA vermittelt bekommen hat -  ihr Theaterdebüt geben: Im "Kaukasischen Kreidekreis" von Bert Brecht übernimmt sie die Rolle der Natella Abashwilli in einer RADA - Produktion beim York-Festival.

Erst 1959 wird Diana Rigg Mitglied der "Shakespeare Memorial Theatre Company" ( ab 1960 "Royal Shakespeare Company" (RSC) in Stratford-on-Avon, nachdem sie im Jahr zuvor abgelehnt worden ist und sich mit diversen Jobs, auch als Model und "assistant stage manager", über Wasser halten muss. Nun wird sie als Zweitbesetzung eingesetzt in "All’s Well that Ends Well" ( deutsch: "Ende gut, alles gut" ), "Othello" ,"A Midsummer Nights Dream", "Coriolanus" und  "King Lear". Im Jahr darauf kann sie einen Drei-Jahres-Vertrag unterschreiben und findet, dass es jetzt endlich ernst wird mit dem Schauspielerinnen - Dasein.

Vor allem hat sie jetzt die Gewissheit, dass, wenn sie während der einen Spielzeit nicht viel zu tun hat, es in der nächsten besser wird. Zudem erhält sie weiteren Unterricht in Sprecherziehung und lernt andere Dramatiker wie Tschechow kennen. Unter dem legendären Peter Brook, dem Pionier des experimentellen Theaters in Großbritannien, spielt sie die Cordelia und eine der Hauptrollen in der "Komödie der Irrungen". Neben den Theaterneulingen wie sie selbst sind Vanessa Redgrave und Albert Finney, unter den lebenden "Legenden" Dame Edith Evans, Sir Laurence Olivier und Paul Robertson - "What a training!", wird sie später dazu sagen.

Von links nach rechts: Albert Finney ( als Hercule Poirot ), Vanessa Redgrave, Sir Laurence Olivier, Dame Edith Evans und Paul Robertson ( als Othello )
"While theater fed her soul, it didn't do much to put food on the table." ( Kathleen Tracey hier ) So bemüht sich Diana ums Fernsehen. Sie erhält eine Gastrolle in einer Episode von "The Sentimental Agent". Ihr übernächster Job beim Fernsehen sollte dann der Katalysator sein für eine unerwartete Wendung in Dianas Karriere:

Zu dieser Zeit ist die Serie "The Avengers" eine der beliebtesten im britischen Fernsehen. Als die Hauptdarstellerin Honor Blackman ankündigt, zugunsten einer Karriere beim Film aufzuhören, castet man die schöne Elizabeth Shepherd für einen neuen Seriencharakter namens Emma Peel. Doch nach dem Drehen der ersten Episode sind die Produzenten nicht zufrieden. Da erinnert sich die Besetzungsregisseurin des "Armchair Theatre" an Diana, die dort in einer Folge aufgetreten ist...

Diana Rigg wird jetzt also Mrs. Emma Peel. Durch sie rückt das für damalige Verhältnisse ungewöhnlich kollegiale Verhältnis zwischen einem Mann und einer Frau in dieser Serie noch stärker in den Vordergrund. Mit Noblesse und witzig-spöttischen Bemerkungen halten sich Steed, gespielt vom Schauspieler Patrick Macnee, und Mrs. Peel bei aller gut abgestimmten beruflichen Zusammenarbeit aber stets auf Distanz. Während der Emma-Peel-Ära erreicht die Serie den Höhepunkt ihrer Popularität. In Deutschland startet sie unter dem Titel "Mit Schirm, Charme und Melone" und vor allem Mrs. Emma Peel wird mit ihr verbunden. Nach dem Ausscheiden von Diana erfährt die Serie nie wieder diesen Zuspruch.
"Eine derart schräge, absurde, leichtfüßige und verdreht erotische Krimiserie hatten sie noch nie gesehen. Noch nie eine Karateschläge austeilende Frau, die mit Bösewichten um sich warf und sie mit sarkastischen Kommentaren lächelnd ins Jenseits beförderte, nie einen Mann, der ihr dabei derart nobel assistierte. Die Drecksarbeit erledigte sie mit Hand- und Fußkanten, während er die stahlverstärkte Krempe der Melone einsetzte, den klingenbewehrten Schirm oder schlicht seine Intelligenz. Mit ihrer Hilfe kombinierte er Kronleuchter, Garagentore, Fensterflügel, Wendeltreppen oder Rasenmäher zu todbringenden Fallen." ( Harald Jähner in der "Frankfurter Rundschau" )
Bekannt wird Diana zu dieser Zeit auch in einem ganz anderen Zusammenhang: Nachdem sie bei der Arbeit an "The Avengers" festgestellt hat, dass sie weniger als die Kameramänner bezahlt bekommt, wehrt sie sich:
"Ich erinnere mich, dass ich gedacht habe, hier stimmt etwas nicht. Als ich mich öffentlich beschwerte, wurde es von den Zeitungen aufgegriffen, und ich wurde als junge Söldnerin dargestellt, die aus der Reihe tanzte und Geld forderte. Ich fühlte mich auch sehr allein, weil mich niemand unterstützte. Ich bekam mehr Geld, aber danach wurde ich als hartnäckig und 'hart!' eingestuft - und das war unfair, weil ich es nicht war."
Als in jüngerer Zeit das Problem der Lohngleichheit in der Filmindustrie 2017 wieder aufs Tapet kommt durch die Entdeckung, dass Michelle Williams einen Bruchteil dessen erhalten hat, was Mark Wahlberg für die Neuaufnahme von Szenen in "All the Money in the World" bekommen hat, unterstützt Diana Rigg die junge Kollegin und ihren Einsatz für den "US Paycheck Fairness Act".

Doch zurück in die 1960er Jahrer: Damals haben Theaterschauspieler noch die Nase gerümpft, wenn einer der ihren Fernsehen gemacht hat. Diana zuckt nur mit den Achseln: "It was a perverse decision in a long line of perverse decisions."  
"They want to box me up, frame me and put a title under me, but I defy that. I'm both a commercial and classical actress. Besides, it doesn't matter what you do as an actor. We started as vagabonds, playing in churches, barns and halls. I'm only tramping the same route."
Nach ihrer ersten Staffel bei "The Avengers" kehrt Diana nach Stratford zurück und gibt die Viola in "Was ihr wollt". Die Produzenten ermöglichen es ihr, beides unter einen Hut zu bekommen. Mit strenger Disziplin bekommt sie ihr straffes Pensum hin. Was ihr nicht behagt bzw. sie nicht versteht, dass sie so berühmt ist, dass jeder sie kennt, ihr auf die Pelle rückt und dieses "carnal interest"zeigt, wie sie es nennt, welches ihr, der ehemaligen Absolventin einer frommen Schule unangenehm ist.

Mit Philip Saville in ihrem damaligen Zuhause
Während ihres ganzen Lebens wird Diana eher zurückhaltend agieren, was ihr Privatleben anbelangt. Interessanterweise sind es deutsche Zeitschriftenreportagen, die einen Einblick in ihre erste langandauernde Beziehung zum englischen Regisseur, Drehbuchautor, Produzent & Schauspieler  Philip Saville in jenen Tagen geben. Sie leben zusammen in einem alten Künstler - Studio, alles sehr ungewöhnlich, denn Saville ist gleichzeitig verheiratet und hat eine weitere Beziehung zur Pop-Art - Künstlerin Pauline Boty.

Diana fühlt sich von Savilles Intellekt angezogen und äußert sich, angesprochen auf ihr nicht legitimiertes Verhältnis,  sie habe nicht vor eine "respektable" Person zu werden oder gar zu heiraten. "I'm happy and fulfilled and that's what counts, isn't it?" Wichtig ist ihr auch, finanziell unabhängig zu sein.

1968 ist Schluss mit den "Avengers", Diana möchte zurück zu in den Schoß Thespias. Sie verkörpert die Helena in der Verfilmung des "Sommernachtstraumes" unter Peter Hall, Royal Shakespeare Company ( Judi Dench und Helen Mirren sind auch von  der Partie ). Der Film kommt aber nicht wirklich gut an, zu viel Minirock, Beatlesfrisuren, die Feen als wilde, fast nackte Wesen und die Handwerker zu authentisch -  die Mischung aus Tradition und Innovation scheint die Zuschauer damals zu überfordern. Dass die Schauspieler bei dieser Produktion nicht wie Filmstars behandelt werden, macht Diana nichts aus, sie ist keine Diva. Ob sie es bei ihrem nächsten Film wird, entzieht sich meiner Kenntnis: "The Assassination Bureau" ( deutsch: "Mörder GmbH" ) wird als "Parodistisch überzogene und zumeist amüsant alberne englische Kriminalgroteske" von der Kritik bedacht.

Dianas nächster Film ist dann wieder reiner Pop: Sie spielt die weibliche Hauptrolle in der James-Bond-Verfilmung "On Her Majesty's Secret Service" von 1969. Bis heute wird der Aspekt betont, dass Diana Rigg darin die einzige Bond- Ehefrau verkörpert, die es je gegeben hat. Ansonsten scheint noch erwähnenswert, dass der Nachfolger von Sean Connery als Bond-Darsteller - das Marlboro-Model George Lazenby - nicht überzeugt hat...

Mit Patric Macnee (1965), mit George Lazenby (1969 ) und Menachem Gueffen (1973)
Kaum hat der letzte Champagnerkorken bei der Bond- Produktion geknallt, bereitet sich Diana für ihre nächste Theaterproduktion vor: "Abelard and Heloïse", die Publikum und Kritiker wieder mit spitzen Zungen hechelnd zurücklassen wird...
Sie waren füreinander geschaffen wie der erste Mann und die erste Frau, der beeindruckende Theologe Abaelard und seine blutjunge Schülerin Heloïse, deren Liebesgeschichte sich im Paris des frühen 12. Jahrhunderts zugetragen hat. Selbst nachdem ihr Onkel, ein Kanonikus, den "Verführer" grausam entmannen ließ und die junge Frau in ein Kloster verbannt, kamen sie nicht voneinander los. Der Briefwechsel des Paares machte es berühmt.
1972
Das Stück von Ronald Millar, aufgeführt im Londoner Wyndham Theatre, verlangt von Diana und ihrem Partner Keith Mitchell in der Liebesszene vollkommene Nacktheit: "An actor does not serve himself; he serves the play" kommentiert sie ihren Auftritt. Und an anderer Stelle: "Your job then is to be truthful (to the  audience). Don't betray them. Don't cheat them. Don't be cheap." Aber die Medien benehmen sich wie "Peeping Toms".

Als sie mit diesem Stück auch am Broadway auftritt. versteigt sich ein Kritiker dazu zu monnieren, Diana sei "built like a brick mausoleum with insufficent flying buttresses". Das findet sie verletzend, hat es doch nichts mit ihrem Spiel zu tun.

Im Anschluss an die lange Theaterproduktion - das Stück wird auch noch in Los Angeles gespielt - übernimmt die inzwischen 33jährige eine Rolle in der satirischen Filmkomödie "The Hospital", ihrem ersten amerikanischen Film, und stürzt sich gleich anschließend in London wieder in eine Bühnenrolle in "Jumpers" mit dem von ihr bewunderten Sir Laurence Olivier.

Während ihre Schauspielkarriere so richtig Fahrt aufnimmt, gerät ihr Privatleben etwas außer Kontrolle. Nachdem ihr Vater 1971 an Krebs gestorben ist, beschließt sie auch ihre langjährige, in Agonie erstarrte Beziehung mit dem verheirateten Saville zu beenden und sich nur aufs Spielen zu konzentrieren, zum Beispiel in einem neuen Film: "Theatre of Blood" ( "Theater des Grauens" ) mit Vincent Price, eine intelligent inszenierte Grusel-Komödie rund um Shakespeare und das Theater bzw. einer neuen  Sitcom in den Staaten: "Diana", für die sie ein halbes Jahr in Los Angeles leben muss.

Kurz nach der Trennung von Saville hat Diana im Februar 1973 den israelischen Maler Menachem Gueffen bei einer Londoner Dinner Party kennengelernt. Auf dem Rückflug von einer gemeinsamen Reise nach Tel Aviv schlägt sie dem acht Jahre Älteren vor zu heiraten. "We're both super-strong personalities and we will have our fights. We fight all the time, but it is a marvelous, marvelous relationsship. I give the marriage a year." Tatsächlich steht die Beziehung dauerhaft unter Spannung, schon alleine, weil es dem Ehemann nicht behagt, Mr. Diana Rigg zu sein. Elf Monate beträgt das Ehejahr dann tatsächlich. Diana nimmt erst einmal alle Schuld auf sich:"... it is due to my bloody independence."

Doch schon 1975, wieder auf einer Dinner - Party, trifft sie erneut auf einen Mann, den sie äußerst anziehend findet: Archibald Hugh Stirling, ein reicher Geschäftsmann & Produzent, dazu Großgrundbesitzer in Schottland und verheiratet. Diana lässt sich 1976 von Gueffen scheiden und schenkt im Mai 1977 einer Tochter, Rachael Stirling, das Leben. Auf einmal verliert Theater & Schauspielen seinen Reiz, und Diana steckt all ihre Energie in das Leben mit Mann und Kind: Die beliebteste englische Schauspielerin jener Tage macht eine professionelle Pause.

Mit Ehemann Archie Stirling und in "Die große Muppet - Sause" (1981)


Die unterbricht sie erst wieder, als ihre Tochter vier Jahre alt ist, für "Die große Muppet-Sause". Es folgt eine Rolle in einer Agatha-Christie-Verfilmung ("Evil Under the Sun") und ein erneuter Broadway - Auftritt im Musical "Colette", dass bei der anschließenden Westcoast - Tour durch fünf Städte aus diversen Gründen aber abgebrochen wird. Gelegenheit für Diana und Archie, in der New York City Hall am 25. März 1982 zu heiraten. Die Schauspielerin überdenkt anschließend noch einmal ihr Lebenskonzept und entscheidet sich für ein konventionelles Familienleben in Schottland. Und sie schreibt ein Buch: "No Turn Unstoned: The Worst Ever Theatrical Reviews".

Doch dem britischen Fernsehen bleibt sie treu, tritt in Filmen auf wie "A Hazard of Hearts"( "Wagnis der Liebe" ) und riskiert noch einmal eine Musicalrolle in "Follies". Auffallend ist, dass sie nun, da sie lauter mütterliche Rollen zu spielen hat, dies mit einer gewissen Rachsucht zu tun bereit ist wie in der Miniserie "Mother Love", wo sie eine von ihrem Sohn besessene Mutter spielt, die mit lauter Hass ihren Exmann verfolgt und das Familienleben ihres Sohnes zu zerstören droht.

Tatsächlich passiert das mit Dianas Familienleben, als am Valentinstag 1990 Archie Stirling von der Presse bei bei einem romantischen Dinner mit der 25jährigen Tochter von Vanessa Redgrave entdeckt wird. Man versucht es noch einmal miteinander, aber im September 1990 reicht Diana endgültig die Scheidung ein und zerstört so das Bild von einer der märchenhaftesten Ehen Großbritanniens. Die Boulevardzeitungen können den Hals nicht voll bekommen und produzieren Schlagzeilen über Schlagzeilen, und Diana muss eine harte Schule durchmachen, was den Umgang mit Journalisten anbelangt. Sie schwört sich, so privat wie möglich zu bleiben und niemals eine Autobiografie zu schreiben.

Verleihung des "Tony Award" (1994)
Das nächste Kapitel in ihrem Leben ist gekennzeichnet von persönlicher wie beruflicher Wiederauferstehung. Dazu kehrt sie wieder auf die Bretter, die angeblich die Welt bedeuten, zurück, denn beim Film hat sie nie das Heft in der Hand, bestimmt sie nicht den "Take", der letztendlich veröffentlicht wird. Sie bekommt ihre Chance beim kleinen Londoner Almeida - Theater von Jonathan Kent im Stück "All for Love" von John Dryden, einem Autor des 17. Jahrhunderts, das die letzten Stunden von Antonius und  Cleopatra im Fokus hat.

Mit dem nächsten Stück erobert Diana Rigg sich dann den Ruf als eine der besten Theaterschauspielerinnen ihrer Generation zurück: mit der "Medea" des antiken griechischen Autors Euripides. Das Publikum und die Kritiker sind entweder begeistert oder von der maßlosen Wut in ihrer Darstellung der gequälten Frau abgeschreckt, aber alle sind sich später einig, dass ihre Performance legendär gewesen ist, vermittelt sie doch ein doppelbödiges Bild der sagenhaften Frauenfigur, denn sie lässt auch Respekt und Mitleid mit der Kindermörderin aufkommen. 1994 tritt sie mit dem Stück wieder am Broadway auf und erhält dafür den "Tony Award" als beste Schauspielerin. In New York findet sie sogar Zeit, eine Anthologie mit Gedichten über das englische Landleben zusammenzustellen und herauszubringen, die Anklang bei der  Kritik findet.

Zurück in ihrem Heimatland wartet auf sie die höchste Auszeichnung des Landes, der Dame Commander des "Order of the British Empire", der ihr am 8. November 1994 von der Queen verliehen wird.

Ihre erste Rolle nach dieser Ehrung ist die "Mutter Courage" von Brecht am Nationaltheater. Danach folgt im kleinen Almeida - Theater "Who's Afraid of Virginia Woolf?". Da mit diesen Aufführungen in einem Raum mit dreihundert Plätzen nicht wirklich das große Geld verdient werden kann, sichert sich Diana ihren Lebensunterhalt mit Fernsehproduktionen, so zum Beispiel in der Neuverfilmung von "Rebecca", dem Psychothriller von Alfred Hitchcock ( für ihre Darstellung von Mrs. Danvers  bekommt sie einen Emmy ) oder der Serie "The Mrs Bradley Mysteries".

Mrs Bradley und ihr  Chauffeur
In Schottland engagiert sie sich in einem Kunstzentrum, das Gelder für die Schaffung eines Kindertheaters bereitstellt, denn sie schätzt aus eigener Erfahrung "die erzieherischen Qualitäten des Theaters, die bei Kindern die Fantasie anregen. Es gibt ihnen eine Arena für Selbstdarstellung, die sie vielleicht zu Hause nicht  haben." 

Ihre eigene Tochter gibt 1996 ihr Debüt im Nationaltheater als Desdemona in "Othello". Sie selbst übernimmt zwei Jahre später die Aufgaben einer Lehrenden, als sie Vorstandsmitglied der Royal Academy of Dramatic Art wird. Die Rolle der Kanzlerin der University of Stirling, die sie zehn Jahre ab 1998 ausübt, ist eher repräsentativer Natur. 1999 wird sie auch zum "Cameron Mackintosh Visiting Professor of Contemporary Theatre" an der University of Oxford ernannt, wo sie Einblicke in ihre schauspielerische "Trickkiste" gibt, beispielsweise wie man Sprechpausen einlegt, um die Zuhörer erneut zu fesseln:
"Es kann Engagement, Leidenschaft und Interesse für das Thema vermitteln, während eine monotone Stimme ein sicherer Weg ist, um zu scheitern. Es ist keine optimistische Art, Menschen anzusprechen. Früher oder später wird man deprimieren."
Ruhm und Bekanntheit als Englands größte Bühnendarstellerin hat sie mit 61 Jahren  erreicht - kein Grund für sie, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. So übernimmt sie noch einmal die Rolle der Phèdre von Racine, die sie 23 Jahre zuvor schon einmal am Nationaltheater gegeben hat, damals selbst enttäuscht von ihrer Darstellung. "Die Pyrotechnik von Frau Rigg in ihrer großen Verärgerung ist immer ein sehenswertes Spektakel. Wie jeder, der ihre Medea vor einigen Jahren gesehen hat, bezeugen kann, können nur wenige Schauspielerinnen Wut mit solcher Intelligenz und Präzision anatomisieren," schreibt die "New York Times" anlässlich ihrer "Neufassung" im Januar 1999.

Dianas Auftritt bei der Premiere von "Humble Boy" von Charlotte Jones 2001 gerät dann zu ihrem Schwanengesang als Schauspielerin. Sie stellt für sich selbst fest, dass ihr der Biss der jungen Jahre fehlt, obwohl sie ihren Beruf nach wie vor liebt.
"Es liegt in der Natur des Berufs, dass Sie von jemand anderem verdrängt werden, egal wie großartig sie sind. Die Erinnerung an das, was Sie getan haben, wird schließlich von der folgenden Generation in den Schatten gestellt. So sollte es sein."
Wieder einmal ist Zeit für eine Veränderung: Sie kauft sich ein Haus in Landes/Frankreich und  beschäftigt sich mit der Renovierung desselben, lässt sich aber auch davon für eine Miniserie im Fernsehen abbringen und muss sich öffentlich gegen eine schlechte Presse wehren, die ihre Privatsphäre nicht respektiert.

2013 ist sie sogar zusammen mit ihrer Tochter in einer Folge der Science - Fiction - Serie "Doctor Who" zu sehen.
Diana Rigg als Olenna ( links ) und als Herzogin von Buccleuch
Dann wieder etwas komplett Neues: Ihr Agent wird angerufen und gefragt, ob sie an einer Rolle in "Game of Thrones" interessiert sei. Diana, die damals sich nicht mal die "Avengers" im Fernsehen angesehen hat, ist auch abstinent bei "Games of Thrones" gewesen und hat absolut keine Ahnung vom Kultstatus der Serie.
"Es war ein Job, sie haben mir ein Drehbuch geschickt, und ich dachte, ich kann das schaffen." Die Entscheidung, die Rolle der der scharfzüngigen Matriarchin Lady Olenna Tyrell zu übernehmen, entpuppt sich als Glücksgriff. "Ich liebe es, schlechte (Charaktere) zu spielen", sagt sie. "Sie sind so viel interessanter als gute. Es gibt Schauspieler, die nicht gerne die Bösen spielen, sie mögen es, gemocht zu werden. Ich mag es, nicht gemocht zu werden. Olenna hatte den besten Text..."
Bis 2017 spielt sie in 18 Episoden ihre Rolle und wird nun auch den ganz Jungen ein Begriff. In dem Jahr übernimmt sie auch eine Rolle in der englischen Serie "Victoria", in der sie die Herzogin von Buccleuch mimt, die "Mistress of the Robes" der Königin Victoria.

Kein Wunder also, dass Diana Rigg bei der Eröffnungsfeier des "Canneseries International Series Festival" ( Canneseries ) im April 2019 mit dem "Variety Icon Award" für ihre Serienrollen ausgezeichnet wird - ein Preis, der zuvor nur einmal vergeben worden ist.

Im Jahr zuvor hat sie ihren 80. Geburtstag gefeiert, als sie als Mrs. Higgins in "My Fair Lady" am Broadway auf der Bühne gestanden hat. "Ich gab eine große Party und erfand meinen eigenen Cocktail namens Dianas Dynamit - Prosecco mit Cointreau." Auch diese Rolle bringt ihr wieder einen "Tony Award" ein. 
                                                        
Es ist nicht ihr Stil, der Vergangenheit nachzuhängen, sondern sie zieht es vor weiterzumachen. Als Rentnerin mag sie sich nicht sehen:
"The older you get, I have to say, the funnier you find life. That's the only way to go. If you get serious about yourself as you get old, you are pathetic."





In diesem Sinne ein weiteres gutes Leben !


Samstag, 16. Februar 2019

In memoriam


an den wunderbaren Schauspieler


Bruno Ganz

der heute Nacht im Alter von 77 Jahren 
in seinem Haus in Zürich gestorben ist.


Danke für all die 
beeindruckenden Auftritte 
in so unterschiedlichen Rollen,
angefangen mit dem Grafen in
"Die Marquise von O."
über den Hoffmann im
"Messer im Kopf",
Damiel im
"Himmel über Berlin",
den Fernando in
"Brot und Tulpen"
bis
zum Hitler im
"Untergang"
und
dem Almöhi
in "Heidi"!

Ich bin traurig.


Aber:
Ganz andere Flügel werden dir wachsen...



Donnerstag, 11. Oktober 2018

Great Women # 157: Liselotte Pulver

Liselotte Pulver - ich glaube, keine Schauspielerin habe ich damals in den 1960er Jahren, als ich mich als Jung - Cineastin sah und jede Woche in staubigen Schulräumen mit Gleichgesinnten Filme guckte, in so vielen verschiedenen Rollen gesehen wie sie ( hier habe ich darüber geschrieben ). Welch eine Komödiantin! Welch frischfreches Gegenbild zum damaligen Frauenideal! Manche ihrer Filmsätze kommen mir noch heute amüsiert über die Lippen. Ja, sie war ein "Heiterkeitsimport" aus der Schweiz damals, ins kriegsversehrte Nachbarland, das so aufs Vergessen versessen war...

Liselotte Pulver, geboren am 11. Oktober 1929 in Bern, also heute vor 89 Jahren, ist das jüngste von drei Kindern von Germaine Pulver, einer Sängerin, und ihrem Ehemann Fritz Eugen Pulver, eines Tiefbauingenieurs aus einer alteingesessenen Berner Familie. Vor allem mit der zwei Jahre älteren Schwester Corinne wird sie lebenslang verbunden bleiben. Mit der und einem vier Jahre älteren Bruder wächst sie im idyllischen Berner Malerweg unweit der Universität auf. Beide Elternteile sind musisch - künstlerisch begabt und interessiert, geben ihre Ambitionen in dieser Hinsicht aus familiär - wirtschaftlichen Erwägungen aber dann auf.

Ihre Kindheit und Jugend hat sie in bester Erinnerung, besonders gern die Zeit im Marzili, dem Freibad an der Aare, wo sie auf die Gymnasiasten trifft, in die sie immer wieder verliebt ist. An den Krieg im Nachbarland hat sie gar keine Erinnerungen, nur dass der Vater immer am Radio gesessen hat: "Wir waren wohl viel zu sehr damit beschäftigt zu lernen und verliebt zu sein."

Schon als zwölfjährige Schülerin äußert "Lilo" in einem Schulaufsatz den Wunsch, Schauspielerin zu werden, erlebt auch durchaus Unterstützung durch die Mutter, von der sie das heitere Naturell und das ansteckende Lachen hat. Doch der Vater besteht auf einem soliden Beruf - Fremdsprachensekretärin - der zu der sprachbegabten und im Umgang mit Menschen gewandten Tochter gut passen könnte. Von 1945 bis 1948 besucht sie also erst einmal die Töchterhandelsschule, die sie mit dem Diplom abschließt, arbeitet anschließend als Mannequin und bewirbt sich am Berner Konservatorium mit einer Rolle aus dem Faust. 

Ihre Lehrerin dort, Margarethe Noé von Nordberg, Mutter der berühmten Geschwister Schell, meint: "Du bist komisch. Du musst Buben spielen." Darüber ist sie mehr als enttäuscht, hält sie sich doch selbst für eine große Tragödin, weil sie "fast jeden Abend vor Liebeskummer die Kissen nass" weint ( Anlass ist eine damals unerwiderte Liebe zu einem verheirateten Arzt...).

Privat nimmt sie auch Unterricht bei Paul Kalbeck, dem damaligen Oberspielleiter des "Stadttheaters Bern". Dort erhält sie auch ihre ersten Rollen. Mit der Hauptrolle der Marie in Goethes Trauerspiel "Clavigo" wird man auf die junge Schauspielerin aufmerksam. 1949 trauen ihr die drei Schweizer "Theatergötter" Oskar Wälterlin, Leonard Steckel und Kurt Hirschfeld mehr zu und holen sie an die "Pfauenbühne", der größten Bühne des Zürcher Schauspielhauses.

Ohne diese Förderung wird Liselotte Pulver später sagen, wäre sie wohl immer noch eine kleine Sekretärin. Sie spielt dort die Luise in Schillers "Kabale und Liebe", die Lucy in der "Dreigroschenoper" und die Titelrolle in Kleists "Käthchen von Heilbronn" und viele Rollen mehr aus dem klassischen & modernen Repertoire. Weil sie sich als sehr fotogen erweist, zeigt der Film Interesse. Ihr Debüt gibt Liselotte Pulver 1949 mit einer kleineren Rolle in Leopold Lindtbergs "Swiss Tour" ( in Deutschland unter "Ein Seemann ist kein Schneemann" im Verleih ), einer Liebeskomödie mit mehrheitlich guten Kritiken & ansehnlichen Zuschauerzahlen.

Mit Adrian Hoven in "Föhn- Sturm in der Ostwand" (1950)
1950 nimmt sie der Hamburger Filmproduzent Friedrich A. Mainz unter Vertrag und besetzt sie mit Hans Albers im Bergdrama "Föhn - Sturm in der Ostwand" unter der Regie von Rolf Hansen. 

Im März 1950 kommt sie ins völlig zerstörte München, in das Nachbarland, das immer noch in der übrigen Welt als "Reich des Bösen" betrachtet wird:
"Ich hatte überhaupt keine Beziehung dazu. Das hat mich manchmal sogar geärgert, dass Freunde gesagt haben: "Warum gehst du nach Deutschland? Warum gehst du nicht nach Frankreich?" Für mich war das zu Ende. Das ist meine Sprache! Und das ist deutsche Kultur. Und das sind deutsche Stücke, die ich spiele. Fertig. Außerdem waren die Leute in Deutschland irrsinnig nett, die haben mich behandelt wie eine Königin." ( Quelle hier ) 
Es folgen weitere Filme in Deutschland wie "Heidelberger Romanze" (1951), "Klettermaxe" (1952) unter Kurt Hoffmann und "Der letzte Sommer" ( 1954, u.a. mit Nadja Tiller ) sowie sechs weiteren, weniger erfolgreichen Streifen. Richtig berühmt wird sie dann durch ihre Rolle als Vreneli in den Verfilmungen der Romane von Jeremias Gotthelf in "Uli der Knecht" (1954) und "Uli der Pächter" (1955). 

Als Vreneli (1955)
Source


Sie gastiert aber auch nach wie vor auf weiteren renommierten deutschsprachigen Bühnen in Wien, München, Berlin. 1957 tritt sie gar bei den Salzburger Festspielen in "Emilia Gallotti" auf, 1959 an Freien Volksbühne Berlin als "Undine".

Ihren internationalen Durchbruch schafft Liselotte 1955 mit der deutschen Produktion "Ich denke oft an Piroschka" ihres Förderers Kurt Hoffmann mit Gunnar Möller als deutscher Student an ihrer Seite, für den sie auch ihre erste Auszeichnung, den "Ostende Prix Femina" 1956 bekommt:


Lange hat sie sich gegen die Rolle des naiven Pusztamädchen gesträubt, eine Rolle, in der sie die ganze Zeit mit starkem ungarischen Akzent sprechen muss - eine Zumutung. Schließlich gelingt es Hoffmann, sie zu überreden und damit einem der erfolgreichsten Filme Nachkriegsdeutschlands den Weg zu bahnen. Dieses Film - Ungarn kommt den eskapistischen Bedürfnissen der gebeutelten Deutschen einfach völlig entgegen. 

"Hódmezovásárhelykutasipuszta" heißt das Kaff, in dem der Film spielt, ein Wort, das Liselotte nicht vergessen wird, da es ihr Leben dauerhaft verändern wird. In dieser tragisch-schönen Herzschmerzgeschichte kann sie endlich zeigen, was sie schauspielerisch "drauf" hat: übermütige Lustigkeit, traurige Verzweiflung, wilde Temperamentsausbrüche und zärtliche Verliebtheit. Es ist sie, die verhindert, dass die rührselige Geschichte nach einem Roman von Hugo Hartung im Sentimentalen versinkt.

Mit O.W.Fischer in "Helden" (1958)
Mir persönlich besser gefallen hat ein zweiter "Balkanfilm" der Pulver ( mit O.W. Fischer als Hauptmann Bluntschli ): 

"Helden" von 1958, nach dem Theaterstück "Arms and the Man" von George Bernard Shaw gedreht und 1959 nominiert für den Oscar als "Bester fremdsprachiger Film". 

Doch vorher hat sie noch in einem französischen Film mitgespielt (  "Arsène Lupin, der Millionendieb" mit Robert Lamoureux in der Titelrolle ) und an zwei Literaturverfilmungen ( beide 1957 ) mitgewirkt: 

"Die Zürcher Verlobungvon Helmut Käutner nach einer Romanvorlage von Barbara Noack - eine lebensnahe Komödie, denn auch im wirklichen Leben wird die Schauspielerin, damals fest liiert, von ihrem Partner Bernhard Wicki umgirrt. 
Die zweite ist "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" nach dem Schelmenroman Thomas Manns, von Kurt Hoffmann in Szene gesetzt, dieses Mal die bis dato als unerotisch verschrieene Schauspielerin in der Rolle eines "leichten Mädchens" neben dem schönen Horst Buchholz

Ein Hollywood-Aufenthalt endet 1958 zunächst ohne Engagement, sie erhält danach zwar Angebote für "Ben Hur" und "El Cid", muss diese aber wegen anderer Verpflichtungen ausschlagen.

1958 beginnt sie mit einer Reihe von Kurt - Hoffmann - Filmkomödien, die richtige Kassenschlager in Deutschland werden: "Das Wirtshaus im Spessart" ist die erste davon ( für den Bele Bachem den Vorspann gezeichnet hat - siehe hier ), für die sie den Bundesfilmpreis mit dem Filmband in Silber verliehen bekommt. "Das Spukschloss im Spessart" die zweite (1960) und - aufgrund des enormen Erfolgs - 1967 "Herrliche Zeiten im Spessart":

Plakatentwürfe links & rechts von Bele Bachem




1959 lässt sie sich auf die Rolle der Tony Buddenbrook in der Verfilmung von Thomas Manns "Buddenbrooks" 1. und 2. Teil ein - nicht der Welterfolg, der es hätte werden können, findet sie im Nachhinein, denn man dreht aus Ersparnisgründen in Schwarz - Weiß und lässt Elisabeth Mann den Filmschnitt besorgen. 

1960 folgt - mein Lieblingsfilm mit der Schauspielerin übrigens - das Filmmusical "Das Glas Wasser" unter Helmut Käutner nach dem gleichnamigen Bühnenstück des französischen Dramatikers Eugène Scribe. An der Seite von Gustaf Gründgens und Hilde Krahl ist ihr Verwandlungstalent gefordert, spielt sie doch hoheitsvoll - seriös ( und mit Pulverschem Augenzwinkern ) die Königin Anna von England:


1959 hat sie bei den Dreharbeiten zu "Gustav Adolfs Page" ihren Kollegen Helmut Schmid kennen gelernt und steht "gleich in Flammen". Bei ihm dauert es etwas länger, bis er feststellt: "Du bist eine Frau zum Heiraten." Am 9. September 1961 passiert das, standesamtlich in Zürich, kirchlich im Kirchlein von Luins am Genfer See in den Weinbergen, wo ihre Großmutter lebt, und das Paar selbst ein Haus in Perroy hat. Diese Beziehung zeigt einen anderen wesentlichen Wesenszug der Liselotte Pulver: Mit ihrem Mann wird sie bis zu seinem Tod 1992 zusammen bleiben und dieses Haus viele, viele Jahrzehnte bewohnen...

Im Jahr darauf bringt sie ihren gemeinsamen Sohn Marc - Tell auf die Welt, 1968 kommt eine Tochter, Melisande, dazu. Wie sie das alles unter einen Hut bekommt - sie ist außerdem eine begeisterte Reiterin, und ihr Hengst Mariello gewinnt neun Rennen - bleibt mir ein Rätsel. Im Alter meint sie lapidar:
"Klar, ich hatte immer sehr viel um die Ohren - aber wenn man jung ist, kann man nicht genug kriegen. Manchmal beendete ich einen Film und begann eine Woche später einen neuen. Zudem spielte ich Theater und war beim Fernsehen engagiert." ( Quelle hier )
"Kohlhiesels Töchter" mit ihrem Ehemann im realen Leben
1962 steht sie gemeinsam mit ihrem Mann vor der Kamera in "Kohlhiesels Töchter", der erfolgreichsten Verfilmung des gleichnamigen Bauernschwanks unter der Regie von Axel von Ambesser, die 1964 die "Goldene Leinwand" gewinnt. 1967 geht sie mit ihm auf eine erste gemeinsame Theatertournee mit dem Stück "Der Regenmacher", später sind die Beiden erfolgreich mit der Komödie "Die Dame vom Maxim" in Hamburg. Die Kinder sind dann in der Obhut eines Kindermädchens; Aufenthalte in Internaten lehnt Liselotte ab.

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Auch Mitte der 1960er Jahre schwimmt die Schauspielerin in Deutschland weiter auf der Erfolgswelle, einmal mit der Verfilmung von "Dr.  med. Hiob Prätorius" (1965) und "Hokuspokus oder: Wie lasse ich meinen Mann verschwinden…?" (1966), wieder unter Kurt Hoffmann.

Seit ihrem ersten internationalen Film 1957 hat Liselotte Pulver immer wieder auch in französischen oder amerikanischen Produktionen mitgewirkt: 

Aufsehen erregt 1966 ihre Darstellung als lesbische Äbtissin Madame de Chelles in Jacques Rivettes Film "Die Nonne (Suzanne Simonin, la religieuse de Diderot)" an der Seite von Anna Karenina, einem Film, dessen Vorführung zweitweise sogar verboten wird.

Sie selbst bezeichnet die Billy-Wilder-US-Screwball-Komödie "Eins, zwei, drei" vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts als "einer meiner besten Filme. Obwohl ich nur eine Nebenrolle gespielt habe. Aber ich bin drin gewesen!" Sie verkörpert darin die hinreißende Karikatur einer blonden Sekretärin. Der Film wird eine Pleite, weil während der Dreharbeiten vor Ort die reale Berliner Mauer gebaut wird und keiner mehr über das Thema lachen mag.

Mit Samson & Tiffy
Bis 1979 kann sie auf die Mitwirkung in einundfünfzig Filmen zurückblicken. Daneben tritt sie immer wieder im Fernsehen auf, darunter auch von 1978 - 85 in der "Sesamstraße". Für die damalige Kindergeneration wird ihr Gesicht für immer verbunden sein mit Samson, dem gutmütigen Zottelbären.

Inzwischen mag sie nicht mehr ein Leben aus dem Koffer führen und, ständig neue Rollen lernen. Sie will mehr Zeit für ihr privates Leben haben. Und schon bald wird sie in diesem Privatleben extrem gefordert: 1988 erleidet ihr Mann einen Hirnschlag und ist monatelang halbseitig gelähmt. 

Nach einem Jahr - er scheint fast wieder arbeitsfähig zu sein - der nächste furchtbare Schlag: Der Suizid der gemeinsamen Tochter Melisande im Alter von 21 Jahren. Der lässt die Kräfte des Vaters wieder schwinden, Liselotte als Mutter bleibt wie versteinert zurück: 
"Wie genau meine Tochter ums Leben kam, weiß man nicht. Mit diesem Verlust kann ich nach wie vor nicht umgehen, weil er mir unbegreiflich ist. Ich versuche nicht daran zu denken."( Quelle hier )
Sie umsorgt nun hauptsächlich ihren Mann zu Hause. Helmut Schmid stirbt schließlich am 18. Juli 1992 im Alter von 67 Jahren an den Folgen eines Herzanfalls. Zu ihrem 75. Geburtstag wird sie später im Fernsehen sagen, dass, wer gerne und herzhaft lache, nicht vom Schicksal verschont werde. Die Verluste ihres Lebens wird sie nun an "als ein schweres Gepäck" mit sich herum tragen.

Bei der Filmpremiere für "Das Superweib"
Noch einmal lässt sie sich aber auf eine ganz neue Filmrolle ein: 

In Sönke Wortmanns nach dem gleichnamigen Roman von Hera Lind 1995 gedrehten Film "Das Superweib" übernimmt sie die Rolle der Schwiegermutter der Titelfigur, verkörpert von Veronica Ferres. Doch ihr wird klar, dass sie die Älteste im Filmteam ist und sie sich auf solche Altersrollen nicht einlassen mag. "Ich mag das ganze Drumherum nicht mehr", wird sie nun verlautbaren.

Sie ist ja auch schon hoch prämiert mit dem Bundesfilmpreis, mehrere Male mit dem Bambi und mit dem Bundesverdienstkreuz I. Klasse. Im Februar 2007 wird ihr anlässlich der Gala-Veranstaltung zur Verleihung der "Goldenen Kamera" in Berlin auch noch der "Ehrenpreis für das Lebenswerk" überreicht - ihr erster öffentlicher Auftritt nach fast zehn Jahren Abstinenz.  ( 2011 und 2013 erhält sie zwei weitere Preise für ihr Lebenswerk. )

Beim signieren ihrer Biografie (2017)
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2007 hat sie sich auch in eine betreute Drei-Zimmer-Wohnung in der Seniorenresidenz Burgerheim in Bern zurückgezogen, verlässt diese vier Jahre später jedoch wieder, weil sie sich noch aktiv genug fühlt, und kehrt nach Perroy zurück. Dort richtet sie sich mit einer Haushälterin wieder in ihrer Villa, die eigentlich ein umgebautes Wochenendhaus ist, ein, um aber später festzustellen, dass ihr die Gesellschaft anderer Menschen fehlt.

Deshalb kehrt sie zurück nach Bern, zieht ins Burgerspittel, einer Einrichtung der Stadt Bern für SeniorInnen, aber nicht, weil sie verarmt oder pflegebedürftig ist, sondern weil dort auch ihr Bruder Emanuel untergekommen ist. Zwischendurch zieht es sie aber auch immer wieder an den Genfer See, wo inzwischen ihr Sohn mit seiner Familie ihr Haus bewohnt.

Mitte September 2016 publiziert sie eine neuerlichen Biografie "Liselotte Pulver. Dem Leben ins Gesicht gelacht", entstanden im Gespräch mit Olaf Köhne & Peter Käfferlein über ihr Leben nach ihrer fulminanten Karriere und über das Alter:
"Ich musste immer in Aktion sein, immer unterwegs. Arbeiten, Reisen, Veranstaltungen besuchen, Freunde treffen, reiten, sportlich aktiv sein – all so etwas brauche ich heute nicht mehr."
Alls Gueti au fürs nächsti Jahr!