"Den roten Rosenstock werde ich nicht an einer Wand kreuzigen, nicht an den steinernen Rand der Zisterne fesseln. Er soll, wenn mein gutes Geschick es will, dicht bei dem Schlafzimmer im Freien wachsen, dem Zimmer, das drei statt vier Wände haben wird und nach Osten offen ist. Ich will nicht schwören, daß ein solches Zimmer eine Decke bekommt, es sei denn aus Rohrgeflecht. Letzten Sommer ließ ich sogar das. Wie viele Menschen, die die Natur lieben, lieben sie so sehr, daß sie die Nacht ganz nah bei ihr verbringen wollen..." - diese Textpassage aus der Beschreibung ihres Hauses in der Provence hat sich mir bis heute unvergesslich in mein Gedächtnis eingebrannt, beschrieb es doch eine Idee, eine Sehnsucht, die mich in jenen Sommern dort immer befiel ( und die ich mich leider nicht zu stillen traute ). Darüber habe ich alle Claudine - Bücher vergessen, die ich in jungen Jahren gelesen hatte. Geschrieben hat das alles die französische Schriftstellerin Colette, deren 63. Todestag wir heute begehen und die mir inzwischen ziemlich vergessen scheint.
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| Als Fünfjährige |
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| 1893 |
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| Colette mit Mann & Hund |
Obwohl Willy nicht einen einzigen Roman selbst geschrieben hat, gilt er in der Stadt als erfolgreicher Musikkritiker und Schriftsteller. Nur: Die mühselige Arbeit des Schreibens lässt er von einer Schar anonymer Mitarbeiter erledigen, gibt das Werk als sein eigenes aus und an seinen Verleger-Vater weiter. Vom Honorar erhalten die Mitarbeiter nur einen Bruchteil, während Willy auf großem Fuß lebt. Das Ganze nennt er "literarische Werkstatt". Und als Ergänzung dazu unterhält er noch einen "geselligen Zirkel": Das sind seine Mätressen, die er zu Hause ohne Scham gegenüber seiner jungen Ehefrau empfängt.
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| Source |
Es vergeht einige Zeit, bis ihm der Text wieder in die Hände fällt, und er den Eindruck hat, es gewinnbringend vermarkten zu können.
"Er rannte zu einem Verleger - na ja, und so bin ich Schriftstellerin geworden", kommentiert sie selbst später das Ereignis. 1900 - Colette ist jetzt 27 Jahre alt - kommt dieses, ihr erstes Buch heraus und liegt als Bestseller des Jahres in allen Pariser Buchläden. Doch als Autor ist Willy genannt. Colette schweigt dazu.
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| ca. 1900 Source |
Dieser neue, "erfrischende" Frauentyp wird sogleich begeistert von der Werbung adaptiert: Zigaretten werden damit beworben, Parfums ( "taufrisch wie der junge Morgen" ), Gesichtswasser tragen nun den Markennamen "Claudine". Im Theater werden Claudine- Stücke aufgeführt, für die sich der Ehemann feiern lässt. Als besonderen Reklametrick lässt er Colette und die Schauspielerin, die im Theater die "Claudine" spielt, als brave Schulmädchen mit weißen Kragen gemeinsam auftreten, und dem Gerücht, die beiden jungen Frauen hätten ein Verhältnis miteinander, setzt er nichts entgegen. Gerade wegen ihrer frivolen Natur ist ja das Interesse an den Claudine - Romanen so groß, denn der leicht anzügliche Unterton trifft exakt den Nerv der Belle Époque.
"Ich habe es satt. Ich will... ich will machen, was ich will... Meinetwegen nackt tanzen... Ich will traurige und keusche Bücher schreiben, in denen es nur Landschaften gibt, Blumen, Kummer, Stolz und die Unbefangenheit der Tiere...", schreibt sie.Doch was letztendlich der Auslöser dafür ist, dass sie Willy 1906 verlässt, habe ich nicht herausgefunden:
Fakt ist, dass Colette ab 1902 eine Affäre mit der drei Jahre jüngeren Natalie Clifford-Barney beginnt, eine aus den Staaten stammenden Salonnière, die seit 1898 in Paris lebt. 1905 folgt eine Beziehung mit Sophie-Mathilde-Adèle-Denise de Morny, Marquise de Belbœuf, "Missy" genannt. In dem Jahr unterschreibt sie auch ein Papier, dass eine Scheidung vom nahezu bankrotten Willy einleiten soll, lebt & arbeitet aber weiterhin mit ihm. Nach dem Tod ihres Vaters im September 1905 beginnt sie mit Pantomimen - Unterricht und tritt im Februar 1906 dann zum ersten Mal als Tänzerin auf. Die Familie ihres Ehemannes ist entsetzt. Oder nimmt sie die Aussage ihrer Mutter - "Das schlimmste, was einer Frau passieren kann, ist ihr erster Mann" - endlich ernst?
| "Le rêve d’Egypte" Source |
Colette ist nun dreiunddreißig und muss ihr Geld selbst verdienen. Das disziplinierte Schreiben hat sie gelernt. Und nebenbei verdient sie sich Geld in music-halls.
1907 veröffentlicht sie "La Retraite sentimentale" als Fortsetzung der Claudine - Reihe und provoziert einen Skandal, als sie zusammen mit Missy im berüchtigten Moulin Rouge auftritt: Während der Aufführung von "Le rêve d’Egypte" küssen sie sich, die Show wird verboten, und die beiden Frauen können nicht mehr ohne Weiteres zusammenleben ( die Beziehung wird 1912 enden ).
Ihre Zeit als Tänzerin inspiriert sie zu dem 1910 erscheinenden Roman "La Vagabonde" und "L’Envers du music-hall" von 1913. "La Vagabonde" markiert ihren Durchbruch als eigenständige Autorin. Sie erzählt darin von einer geschiedenen Varietékünstlerin, die sich in einen reichen Erben verliebt. 1910 wird sie für den Prix Goncourt, den größten französischen Literaturpreis, nominiert.
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| Mit ihrer Tochter |
Ein ruhigeres Leben führt sie nicht als Mutter, und das Kind - untergebracht bei einer Kinderfrau auf dem Landgut der Jouvenels - wird sie manchmal ein halbes Jahr nicht wiedersehen. Sie schreibt weiterhin Romane, tritt in Varietés auf, arbeitet als Journalistin - im 1. Weltkrieg ist sie gar Kriegsberichtserstatterin - , verfasst Tiergeschichten, ist dabei, als 1917 in Rom ihr Buch "La Vagabonde" verfilmt wird. Und immer wieder gibt es neue Liebesgeschichten mit anderen Frauen, mit denen sie den Krieg über zusammen lebt.
1919 erscheint ihr nächster Roman "Mitsou, ou Comment l'esprit vient aux filles". Es folgt ihr bekanntester Roman "Chéri", die Geschichte einer Liebe zwischen einem jungen Mann und einer älteren Frau. Die Idee zum Buch hat sie schon 1912, doch erst als sie selbst ein Verhältnis mit ihrem Stiefsohn Bertrand de Jouvenel angefangen hat, verarbeitet sie den Stoff. "Chéri" trifft wieder einmal den Nerv der Zeit und ist so erfolgreich, dass es bald zu einem beliebten Theaterstück umgeschrieben wird, in dem Colette ab 1926 selbst die weibliche Hauptrolle spielen wird.
"Kannst du nicht einmal ein Buch schreiben, das nicht von Liebe handelt?", soll ihr zweiter Ehemann einmal gefragt haben. Colette liebt die Liebe, kennt ihre Abgründe und ist bekannt für ihre sinnlichen Beschreibungen und eindringlichen Szenarien. Nein, darauf verzichten wird sie nie. "Mitsou", "Chéri", und später "Gigi" - selbst wer unter uns Älteren wenig über Colette weiß, kennt die Namen ihrer Romanfiguren, die stets ein Hauch von unbekümmerter Lebenslust umweht.
"Wer sich in letzter Zeit jener weiblichen Exhibitionsliteratur ausgesetzt hat, die gegenwärtig nicht nur in Frankreich Furore macht, mag mit einer gewissen Wehmut an die Belle-Epoque-Schriftstellerin Colette gedacht haben, mit der diese Strömung einst ihren Anfang nahm. Doch wie dezent und delikat ist die Schilderung weiblichen Begehrens, weiblicher Sexualität und weiblichen Rechts auf erotische Selbstverwirklichung bei der großen Colette im Gegensatz zu ihren alles gebenden und alles aussprechenden späten Nachfahrinnen à la Catherine Millet oder Charlotte Roche!", schreibt Tilman Krause anlässlich der Wiederveröffentlichung des Romans "Erwachende Herzen" 2008 ( Quelle hier ).
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Da hat Colette schon über ihre alte Freundin Marguerite Moreno bei einem Diner den Geschäftsmann Maurice Goudeket, Sohn einer französischen Mutter und eines holländischen Diamantenhändlers, getroffen und man ist sich näher gekommen. Mit dem sechzehn Jahre Jüngeren geht sie zunächst häufig längere Reisen.
1925 erwirbt Colette auch das provençalische Bauernhaus "Tamaris les Pins" bei Saint-Tropez, das sie in "La Treille Muscate" umbenennt und welches in meiner einleitenden Beschreibung gemeint ist.
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| Sido |
Als Maurice Goudeket im Winter 1930/31 pleite geht und sein Anwesen verkaufen muss, quartieren sich die Beiden im Hotel Claridge an den Champs Elysées ein. Für den gemeinsamen Unterhalt ist jetzt sie zuständig. Dazu eröffnet sie einen Schönheitssalon in Paris, später auch in St. Tropez und verkauft Schönheitsprodukte unter ihrem Namen - mit geringem Erfolg. Da kommt es sehr gelegen, dass Colette mit der Zeitung "La République" einen Vertrag über einen täglichen Artikel abschließen kann und Haupttheaterkritikerin bei "Le Journal" wird...
Sie heiratet Maurice 1935, und das Ehepaar bezieht zwei benachbarte Wohnungen in Paris. Maurice hat sich als ein Mann herausgestellt, mit dem sie zusammen leben kann, weil er nicht das Bedürfnis hatte, sie in irgendeiner Form einzuengen. ( Sie werden bis zu ihrem Tod zusammen bleiben. )
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| Colette & Maurice Goudeket Source |
Im zweiten Weltkrieg während der Besetzung der Stadt Paris durch die Deutschen müssen sich Colette und Maurice erst einmal verstecken, da er aus einer jüdischen Familie stammt. Sie fahren zu ihrer Tochter in die Corrèze, dann weiter nach Lyon, wo sie Passierscheine erhalten, die die Rückkehr nach Paris wieder ermöglichen. 1941 wird Maurice von der Gestapo abgeholt, kommt aber ein Jahr später wieder frei. Colette zeigt eine nicht ganz eindeutige politische Haltung während jener Tage, lehnt auch eine Einladung zum Tee beim deutschen Botschafter nicht ab. Als 1942 die Massendeportationen von Juden aus dem besetzten Teil Frankreichs beginnt, setzt Maurice sich mit gefälschen Papieren in den Süden ab und findet Unterschlupf bei Freunden in Saint-Tropez. Im Dezember kommt er wieder zurück.
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Colette verbringt jetzt die meiste Zeit auf dem Sofa und verlässt ihre Wohnung kaum noch, denn sie leidet seit 1939 unter einer fortschreitenden Arthrose der Hüftgelenke, die ihr das Leben erschwert, sie schließlich in den Rollstuhl zwingt und zunehmend an ihre Wohnung fesselt - ein autobiografischer Text aus jener Zeit lautet entsprechend "De ma fenêtre".
Nach Kriegsende kommen Schulterschmerzen dazu, die die Schriftstellerin nun auch am Schreiben hindern. Von 1948 an besorgt ihr Ehemann eine fünfzehnbändige Gesamtausgabe ihrer Werke.
1945 ist sie als zweite Frau in das zehn Mitglieder umfassende Gremium der Académie Goncourt ( 1949 deren Vorsitzende ) berufen worden. Die Académie française hingegen kann sich nicht zu ihrer Aufnahme entschließen.
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Im Jahr darauf verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand zusehends.
Colette stirbt schließlich am 3. August 1954 in Paris und erhält als erste Frau in Frankreich ein Staatsbegräbnis auf dem Père Lachaise vier Tage später. Der Erzbischof von Paris lehnt die gewünschte religiöse Zeremonie allerdings ab - nicht weiter verwunderlich, finde ich:
Sidonie-Gabrielle Colette als wichtige Wegbereiterin auf dem Weg zur sexuellen Befreiung der Frau entsprach in ihrem Auftreten und ihrem Lebensstil so gar nicht den Vorstellungen der katholischen Kirche. Als provokant wurde sicher auch ihre offen gelebte Sexualität empfunden. Nach unseren Standards ist sie bisexuell gewesen. Dass sie ihre Beziehungen zu Frauen nicht vertuschte, ist in der Belle Époque ein mehr als mutiger Schritt gewesen.
Viele ihrer Werke sind bis heute lesbare, nachdenklich stimmende Romane, die uns einen Blick zurück auf die Normen und Konventionen der Belle Époque werfen lassen und die weiblichen Realitäten zeigen, wie es kaum ein Schriftsteller ihrer Zeit getan hat. Und: "Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass wir es in großen Teilen Colette zu verdanken haben, dass weibliche Sexualität in den ersten Dekaden des zwanzigsten Jahrhunderts ein Stück weit enttabuisiert wurde", schreibt Charlotte Oskar an dieser Stelle.
Wen interessiert, was dann ein amerikanisches Musical aus Colettes "Gigi" macht, für den ist der Ausschnitt mit Leslie Caron aus der Verfilmung von 1958 in diesem Video gedacht. Für mich ist das das Colette - Bild, das ich in mir trage:













obwohl ich diesmal den lebenslauf kenne , habe ich mit freude dein billet gelesen..liebe grüsse
AntwortenLöschenwas für ein wildes, abenteuerliches leben - und so viel kreativität. grandios! xxxx
AntwortenLöschenIhren Lebenslauf kannte ich in dieser Ausführlichkeit nicht. Gelesen habe ich vor vielen Jahren mal Chéri, aber damals konnte ich nicht viel damit anfangen als junge Frau. Wir fühlten uns doch nach 1968 schon so befreit - auch von solcherart Normen. Dass sie es war, die einen großen Teil dazu beigetragen hat, habe ich erst viel später realisiert.
AntwortenLöschenDanke, dass Du wieder an sie erinnerst.
Herzlichste Grüße und weiterhin gute Genesungswünsche schickt Dir Sieglinde.
Liebe Astrid,
AntwortenLöschenwas für ein interessantes Leben. Ich lese diese Artikel immer gerne, denn ich finde es gut, dass das Leben und Werk dieser großen Frauen nicht in Vergessenheit gerät.
Ich wünsche Dir noch eine schöne Woche.
Viele liebe Grüße
Wolfgang
Ein bisschen wusste ich ja schon von ihr, aber Du hast es wieder wunderbar komplettiert! Mir tut nur ihre Tochter leid...
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Andrea
Oh was für ein interessantes Portrait liebe Astrid! Das Musical kannte ich ;))
AntwortenLöschenLiebste Grüße
Christel
Ein sehr schönes Portrait. Ich erinnere mich dunkel, etwas von ihr gelesen zu haben.
AntwortenLöschenLG und schönen Abend noch
Susa
Manchmal denke ich bei solchen Llebensbeschreibungen, extrem, was in so ein Leben passt.Mit welcher Selbstverständlichkeit die Arbeit von Frauen vereinnahmt wurde, ist nach wie vor für mich erschreckend.
AntwortenLöschenDanke, dass ich jetzt mehr weiß, "Gigi" kannte ich, als Musical.Nun werde ich mal etwas lesen von ihr.
viele Grüße Karen
boah! was ist das wieder mal ein frauenleben!! ichliebe allein schon ihre vornamen - wie klingt das schön!! gigi hab ich irgendwann mal gelesen, mehr weiß ich nicht. zeit, sich mal ein buch von ihr zu besorgen!
AntwortenLöschenliebe grüße
mano
Ja, welch ein Gesicht, und was für eine Frau! Jetzt möchte ich auch unbedingt etwas von ihr lesen!
AntwortenLöschenLiebe Grüße Ulrike
Juhuu ein Artikel über Colette! Hurra, danke. Kenne und liebe ihre Bücher schon lange, Sido ist wundervoll. Meine Lieblingsszene ist die der Geschwister, die sich an das Gartentürchen erinnern und gemeinsam den Quietscher des Tores beim Öffnen singen können - "und weisst Du was sie gemacht haben?" - fragt der Bruder seine Geschwister - "sie haben es geölt!" Die geschwisterliche Empörung! Ach Astrid, danke für den Text! Ich muss doch mal wieder ihre Biographie lesen, sagt die Eva und verschwindet kopfüber im Bücherregal....
AntwortenLöschenUnd nun wird sich wieder an sie erinnert. Wir waren gestern im Kinofilm. Hie und da hatte ich schon mal über sie gelesen und mich heute erinnert, dass hier auch. Dankeschön!
AntwortenLöschenLieber Gruß
dörte