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Donnerstag, 13. März 2025

Great Women #410: Ré Soupault

Heute also wieder mal so eine "Schattenfrau", eine, die gestern vor 29 Jahren gestorben ist und deren Nachlass sie als ein Multitalent der Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausweist:  Ré Soupault. 
"Man fragt mich oft, 
was ich bei Itten gelernt habe; 
dann kann ich nur antworten: 
Keine Vorurteile zu haben."
.....
"Die Habsucht ist die Ursache allen Übels."

Ré Soupault kommt als Meta Erna Niemeyer am 29. Oktober 1901 in Bublitz, einer sogenannten Ackerbürgerstadt von fünftausend Einwohnern in der preußischen Provinz Pommern, zur Welt. Sie ist das letzte von acht Kindern der Bertha Marie Auguste Hensel, Tochter eines Fleischermeisters, und des Metzgers & Viehhändlers Friedrich Carl Richard Niemeyer. Nach der Eheschließung 1886 sind dem Paar zuvor 1887 der Sohn Paul, dann Margaretha (*1890), Betty Marie (*1891), Helene (*1893), Carl Wilhelm (*1895), Werner Karl (*1896;  Rés Lieblingsbruder ) und Karl Fritz (*1897) geboren worden.

Es ist eine wohlsituierte, sehr konservative Familie, die dem Mädchen dennoch ab 1912 den Besuch des Lyzeums in Kolberg, 70 Kilometer vom Heimatort entfernt, ermöglicht, wo sie in einer Pension lebt.

Vor der bornierten Enge der Familie & der hinterpommerschen Gesellschaft während des Weltkrieges mit all seinen Schrecken - der Lieblingsbruder fällt 1917 - findet die Jugendliche Zuflucht im Schach- & Klavierspiel und der Wandervogel-Bewegung. 

Gedankliche Freiheit ist ihr wichtig. Die findet sie bei ihrer Zeichenlehrerin, Fräulein Wimmer, "die einzig vernünftige Person", ein Lichtblick. Von dieser Zeichenlehrerin erfährt sie vom Bauhaus-Manifest des Walter Gropius. Die Lehrerin mit sozialistischer Weltanschauung möchte das zeichnerisch hochbegabte Mädchen davor bewahren, den typischen und aussichtslosen Lebensweg einer Lehrerin einzuschlagen, der bürgerlichen jungen Frauen damals nur offen steht. Der Begriff "sozialistisch" wird für Ré immer gleichbedeutend mit "emanzipiert" sein und lebenslang eine große Attraktivität auf sie ausüben. 

Ré weiß also, was sie nicht will: dem Weg überkommener Vorstellungen folgen, denen die Erfahrung des Ersten Weltkrieges endgültig den Sinn geraubt hat. Die Aussage im Manifest - "Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker"- spricht sie an. "Alle zusammen, in einer neuen Gemeinschaft, sollten wir die 'Kathedrale' der Zukunft bauen. Da wollte ich mitmachen."

Den Einschränkungen, die sie als Mädchen in der bodenständigen Kultur erfahren hat, entflieht sie gegen den Widerstand der Familie 1921 nach Weimar, das für sie für Aufbruch & Freiheit steht. Sie absolviert mit Erfolg die Aufnahmeprüfung am Bauhaus. Die Eltern werden in Sicherheit gewiegt, die Mädchen würden vor Ort schön malen lernen, und sie sind auch beruhigt, dass die Tochter Unterkunft in einer protestantischen Pension ( heute das Hotel "Amalienhof" ) findet. Ré ernährt sich täglich von Mehlsuppe und empfindet es als Fest, als ihr in der Mensa des Bauhauses durch Josef Albers ( siehe dieser Post ) gebratene Kartoffelschalen mit Quark angeboten werden. "Man hatte nichts und war dankbar für die kleinsten Reste. Auch an Unterkünften für die Studenten mangelte es, manchem blieb lediglich der Park zum Übernachten", erinnert sie sich. Die Essensreste kommen vom berühmten Weimarer Hotel zum Elephanten.

Diese spartanische Lebensweise entspricht den Idealen des Johannes Itten, einem bedeutenden Bauhausmeister, der den sogenannten Vorkurs leitet, den jede(r) Anfänger*in zu absolvieren hat. Ré schätzt ihn sehr, prägt der Lehrer doch ihre lebenslangen Wertvorstellungen:
"Bei Itten geschah etwas, das uns befreite. Wir lernten nicht malen, sondern lernten neu sehen, neu denken und zugleich lernten wir uns selbst kennen. Nur das Geistige zählt."
Itten bewegt sie auch zu einem Sanskrit-Zusatzstudium in Jena. Aus diesem Studium stammt Rés Lebensdevise: "Die Habsucht ist die Ursache allen Übels."

Das bohèmehafte Leben und Lernen zwischen materieller Armut und künstlerischem Reichtum beeindruckt Ré also, noch stärker aber - und bis an ihr Lebensende - berührt sie die Solidarität unter den Studierenden &  Lehrenden. Als die Eltern herausfinden, dass es sich beim Bauhaus nicht um die Malschule für höhere Töchter handelt, sondern um eine "Revoluzzerschule", eine "Ausgeburt kommunistischer Perversion", lockt man die ahnungslose Tochter mit einer Täuschung nach Hause und hält sie mit Gewalt fest. Man will sie zeitweise sogar entmündigen und in die Psychiatrie einweisen lassen. Nach Wochen gelingt ihr die Flucht. 

Der Bruch mit der Familie scheint erst einmal endgültig, sie nennt sich jetzt Renate, die Wiedergeborene. Die Unterstützung, die sie in Weimar erfährt, ist beeindruckend: Sie braucht ihr Essen nicht mehr zu bezahlen und bekommt eine Atelierwohnung zugewiesen, deren Besitzer für Jahre ins Ausland gegangen ist. So schafft sie sich endgültig ihre "geistige" Familie. Damit meint sie auch die Vorrangigkeit künstlerisch-intellektueller Interessen, die Widerstandskraft freizusetzen vermag gegenüber den Widrigkeiten und materiellen Schwierigkeiten des Alltags.

Von links nach rechts:
Johannes Itten, Viking Eggeling, Kurt Schwitters, Hans Richter
1923 - am Bauhaus eingeschrieben bleibt sie bis 1925 - lernt sie in Berlin den schwedischen Experimentalfilmer Viking Eggeling kennen, der an einer neuen Art von Film, den er "Sinfonie Diagonal" nennt, arbeitet. Ré übernimmt die technische Assistenz bei der Herstellung seines Films, denn Eggeling kann einen Profitechniker nicht mehr bezahlen, und sie ist von seinem Genie überzeugt. Ein Jahr lang setzt Ré für den bereits schwer Erkrankten seine Visionen von "optischer Musik" am Tricktisch um. Mehr oder weniger schafft sie also diesen berühmten Avantgardefilm und erwirbt sich kinomatografische Fertigkeiten, die sie später anwenden kann.

Als der Film fertig ist, fährt Eggeling im Winter 1924 nach Paris, um ihn Fernand Léger vorzuführen. Ré lässt er im ungeheizten Berliner Dachatelier zurück. Dort trifft Kurt Schwitters, Freund Eggelings, bei einem Besuch auf die hungernde & frierende junge Frau und nimmt sie mit nach Hannover. Schwitters bringt sie nicht nur in seiner geheizten Wohnung unter, er tauft sie auch "": "... und das ist dann so an mir hängen geblieben. Seitdem heiße ich Ré." Rés Mutter ermöglicht anschließend mit etwas Geld der völlig erschöpften, von Krankheiten gezeichneten jungen Frau einen Erholungsurlaub in Positano.

Als der Film 1925 endlich uraufgeführt wird, liegt Eggeling schon im Sterben. Auf der Beerdigung trifft Ré den Dadaisten und Filmkünstler Hans Richter wieder, einen Weggefährten aus Weimar. Dort hat das Bauhaus unterdessen einschneidende Veränderungen hinnehmen müssen:
© Nomination File
Nachdem sich die Machtverhältnisse nach der Landtagswahl in Thüringen im Februar 1924 geändert hatten, kürzte die Regierung unter Richard Leutheußer (DVP) den Etat um 50 Prozent. Daraufhin boten sich andere Städte den Lehrern und Schülern als neue Standorte an (... ). Finanziell und politisch von der Thüringer Regierung unter Druck gesetzt, beschloss der Meisterrat 1925 den Umzug nach Dessau. ( Quelle: Wikipedia )

Ré bleibt in Berlin, weil sie die Veränderungen in Dessau hin zum Funktionalismus "schrecklich" findet. Ihr persönlich hat die ganzheitliche Erziehung zur Generalistin in Weimar eher zugesagt. In Berlin zieht sie 1926 mit Hans Richter zusammen:

"Das Wohnungsamt hatte ihn schon seit Jahren als Künstler auf der Liste, der ein Atelier suchte. Und eines Tages bot man ihm ein Atelier im Grunewald mit einem Wohnzimmer und Küche an. Und er meinte, er würde es nur akzeptieren, wenn ich mit ihm dort wohnen würde. Das war nun deutlich. Und schließlich (... ) hatte ich auch genug vom primitiven Leben. Es läßt sich heute im Rückblick nicht mehr so einfach erklären, aber es hat auch nicht lange gedauert bis ich merkte, dass er leider ein Betrüger war. Ich habe immer gearbeitet, damals in einem Verlag. Es war nicht so, dass Richter für mich bezahlte, im Gegenteil. Er kassierte immer alles, was ich verdiente. Dabei hat er mir natürlich am Anfang geholfen. Er hat mir eine Arbeit in einer Textilzeitung verschafft, wo ich Zeichnungen machte. Die wurden schlecht bezahlt, aber sie wurden eben bezahlt." ( Quelle hier )

Unter dem Pseudonym Renate Green bzw. Ré Richter arbeitet sie also ab 1926 nämlich als Modejournalistin und Illustratorin für die Zeitschrift "Sport im Bild" des Scherl - Verlages, der Konkurrenz von Ullstein des späteren Nazi-Unterstützers im Stile von Musk, Alfred Hugenberg

Sie und Richter haben auch 1926 geheiratet, trennen sich im Jahr darauf aber wieder ( scheiden lassen sie sich 1931 ). 1927 meint Ré, sie müsse aus persönlichen Gründen weg, nach Paris, und bietet mit frechem Selbstvertrauen dem Verlag an, dort als Modejournalistin für ihn zu arbeiten. 1929 darf sie endlich an die Seine und beginnt, in den künstlerischen Kreisen zu verkehren. Über ihren Mann hat sie bereits die Bekanntschaft mit Man Ray ( siehe auch dieser, dieser und dieser Post ) gemacht, Fernand Léger wird ein guter Freund, Alberto Giacometti, Kiki de Montparnasse und viele mehr. Mit den Angehörigen der Pariser Avantgarde trifft sie sich täglich im Café Dôme in Montparnasse.

Modefoto von  Man Ray
Während sie  als Modezeichnerin unter dem Namen Renate Green weiter für die angesagten Magazine "Sport im Bild", später "Silberspiegel", zeichnet, entwirft sie Mode, ab 1931 in ihrem eigenen Modeatelier "Ré Sport" "rationale Kleidung für die berufstätige Frau". Finanziell ausgestattet wird sie vom Millionär Arthur Wheeler, eingerichtet von Mies van der Rohe ( siehe auch diesen Post ), dessen Bauhaus - Design in Paris noch völlig unbekannt ist.

Sie entwickelt das "Transformationskleid" ( hier zu sehen ) von schlichtem Schnitt, welches mittels einer Vielzahl von Accessoires – Pullover, Jackett, Schals, knöpfbare Kragen etc. – bis hin zum bodenlangen Abendkleid mit Cape verwandelt werden kann. Man Ray fotografiert die erste Kollektion Rés von zwanzig Modellen. Über ihre Mode berichtet nach Berlin übrigens Helen Hessel

Um ihre Entwürfe bezahlbar zu machen, verwendet Ré die Stoffe der Couturiers des Vorjahres. Mit dieser Besonderheit, gepaart mit ihrem spielerischen Umgang mit der Farb- und Formenlehre des Bauhauses, mischt sie die damalige Pariser Modeszene auf, wohl auch deshalb, wie die Designerin selbst sagt, "weil Kultur dazu gehört, um das Einfache zu lieben". Als Wheeler bei einem Autounfall stirbt, muss Ré das Atelier aufgeben. Sie hält sich noch mit Haute Couture für die Frauen der Bohème über Wasser, verkauft den Schmuck der Elsa Triolet. Zum Glück hat sie noch ihren Korrespondentinnen - Job für Scherl. Nach Deutschland zurück mag sie nach der Machtübernahme der Nazis nicht mehr gehen.

Auf einem Empfang der Pariser Botschaft der Sowjetunion, "die damals unsere große Hoffnung gegen Hitler war", ist sie am 7. November 1933 mit Philippe Soupault  bekannt geworden. 
Soupault, 1897 bei Paris geboren, mit maßgeblichen Intellektuellen der Zeit wie
Marcel Proust und Apollinaire bekannt, hat zusammen mit André Breton und Louis Aragon die Zeitschrift "Littérature" begründet, die zunächst dem Dadaismus verpflichtet ist. Nach dem Zerfall  dieser Bewegung zählt er zu der ab 1924 agierenden Surrealismus-Bewegung, entfernt sich aber von dieser durch seine zunehmend journalistische Tätigkeit und seiner Weigerung, die politische Wende der Gruppe zum Kommunismus mitzuvollziehen.  Zudem schreibt er Romane, was bei seinen Freunden verpönt ist. 1927 wird er von der Gruppe ausgeschlossen. Zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens gilt er als der renommierteste Journalist Frankreichs, ist Chefredakteur von großen Tageszeitungen. Vor allem aber ist er ein Mann der großen Reportage für die antifaschistische Publikumszeitschrift "Vu" in der noblen Avenue des Champs-Élysées und die Tageszeitung "Excelsior".

Das Paar 1934
Da Rés Karriere als Modemacherin und Soupaults zweite Ehe gescheitert sind und beide wohnungslos, fährt sie ihn mit ihrem alten Renault zu seinen Reportagereisen durch Europa, darunter später auch Spanien und Skandinavien. Und weil beiden der von den Zeitschriften zur Seite gestellte Fotograf in ihrer frischverliebten Zweisamkeit lästig ist, kauft Ré einen guten Fotoapparat, eine Standard Rolleiflex 6x6 ( später eine 4x4 Leica ) und lernt diese zu bedienen, auch die Laborarbeit übernimmt sie. Sie dokumentiert die gemeinsamen Reisen nun also fotografisch und manches fließt ein in die Reportagen ihres Gefährten. 

Es entstehen allerdings auch zahlreiche Fotos, die sie auf eigenen Streifzügen aufnimmt. Sie entwickelt einen Blick für die "magische Sekunde", der ihr Werk prägen wird. Ein Beispiel für ihr Gespür für den richtigen Augenblick ist das Foto eines Mädchens in Madrid vor Beginn des Bürgerkriegs aus dem Jahr 1936, das mit erhobener Faust die Erwachsenen nachahmt. ( Heute gehören diese Arbeiten von Ré Soupault zu den bedeutendsten Beiträgen der Geschichte der Fotografie des 20. Jahrhunderts. ) Ein Fotograf ist für sie nicht Künstler, sondern Übersetzer, der das Gesehene unverfälscht und mit Genauigkeit wiedergibt. Dabei kommen ihr ihre im Bauhaus erworbenen optischen Fähigkeiten für Räume und Strukturen der Großstadt, Proportionen und Perspektiven zugute.

1937 heiraten sie. 1938 wird Soupault vom französischen Premier Léon Blum in das französische Protektorat Tunesien geschickt, um dort die antifaschistische Radiostation "Radio Tunis" aufzubauen, dem Gegenstück zu Mussolinis faschistischem Sender "Radio Bari". Ré reist zum Fotografieren mit dem Fahrrad durch das Land. Aufgrund ihrer Bekanntschaft mit dem Scheik al Islam kann sie von den Frauen im tabuisierten "Quartier réservé" von Tunis Aufnahmen machen.

Das "Quartier réservé" ist, wie der Name sagt, ein abgeschlossenes Viertel, in dem alleinstehende Frauen, verwaist, verwitwet aber auch oft verstoßen, weil sie nur Mädchen geboren haben, von Prostitution & Bettelei leben müssen, weil ihre Familien sie nicht mehr aufnehmen. Ihr begrenzter Lebensraum wird hinter Türschwellen und vergitterten Fenstern durch Rés Fotos sichtbar. Spuren verwüsteter Schönheit sind in den Gesichtern der Frauen abzulesen, und immer scheinen sie nichts zu tun, als zu warten. 1988 werden die Bilder ihrer Reportage erstmals in einem Buch - Titel: "Eine Frau allein gehört allen" - veröffentlicht werden.

Zunächst lebt das Paar in einem kleinen andalusischen Palast aus dem 14. Jahrhundert „glücklich & zufrieden", bis die französische Marionetten-Regierung in Vichy Philippe Soupault im März 1942 wegen angeblichen Hochverrats sechs Monate lang ohne Gerichtsverfahren inhaftiert. Ré verbleibt lange im Ungewissen über sein Schicksal. Sie ist völlig isoliert, pflegt nur noch ihr Tagebuch. Sie weint so viel, "dass ich danach keine einzige Träne mehr hatte."

Am 13. November 1942, kurz nach der Haftentlassung, müssen sie, da aktenkundig als Gegner des Vichy - Regimes, vor der deutschen Nordafrika-Armee unter Erwin Rommel flüchten. Ré muss ihre gesamte fotografische Ausrüstung einschließlich ihres Archivs zurücklassen. Das Haus wird verwüstet und geplündert. Ré Soupault wird zwangsläufig zur Nomadin.

Fast ein Jahr lang bleiben sie in Algerien, dann bekommt Soupault im August 1943 von General Charles de Gaulle den Auftrag, in Nord-, Mittel- und Südamerika eine neue französische Nachrichtenagentur aufzubauen. Er kann ausreisen, Ré gibt sich als seine Sekretärin aus und darf deshalb mit. Mit Diplomatenpässen & Passwort kommen sie auf dem Schiff nach New York, wo sie auf viele Freunde im Exil, darunter Kurt Weill, Fernand Léger, André Masson, Herbert Bayer, Hans Richter und Marcel Breuer, treffen. Von New York aus unternehmen sie gemeinsam Reisen nach Kanada, Mexiko, Peru, ganz Südamerika, um die "Agence France Press" (AFP) zu organisieren. 

Das Nomadenleben geht weiter mit atemberaubender Geschwindigkeit. Ré wird bewusst, dass sie eine Fremde ist und bleibt. "Früher begeisterte mich alles Neue. Heute macht es mir beinah Angst." Soupault ist wie so oft der Star, gibt Interviews, wird überall eingeladen.

Erst als Rés Mann in Swarthmore, Pennsylvania als Dozent für französische Literatur unterkommt, werden sie kurzzeitig sesshafter, und Ré zimmert sich die Wohnungseinrichtung zurecht, darunter ein großer Tisch, weil es in Amerika üblich ist, dass die Gattinnen der Professoren die Studierenden zum Kaffee einladen... Der Krieg neigt sich dem Ende zu, Ré schöpft neue Kräfte, da bahnt sich die neue Katastrophe an: Sie heißt Muriel Reed , 21 Jahre alt, und ist eine Studentin ihres Ehemannes.

"Für mich war es, als hätte man mich über Bord geworfen und ich musste versuchen, zu schwimmen. Denn eine Frau allein, besonders unter diesen Umständen, ist noch immer weit gefährdeter als ein Mann allein, denn unsere Gesellschaft - in Europa und Amerika - ist von Männern für Männer geschaffen worden. " ( Quelle hier )

Sie geht allein nach New York, während Soupault mit der Geliebten nach Kriegsende nach Europa ausreist. Sie übernachtet im Wartesaal der Grand Central Station, auf der Gästecouch von Lotte Lenya ( siehe dieser Post ) oder bei anderen Freunden aus der Bauhaus - Gemeinschaft. Für US-Zeitschriften zeichnete Ré nun arabische Motive, fünf Dollar das Stück. Schließlich gibt Max Ernst ( siehe dieser und dieser Post ) sein Atelier auf, und Ré kann es übernehmen. Es ist ungeheizt, kostet aber nur ein Drittel von dem, was sie vorher für ein Zimmer gezahlt hat. Ein Suizidversuch misslingt.

Ihr Mann drängt sie, nach Paris zurückzukommen. Im Januar 1946 hört sie auf ihn. Man lebt ein paar Wochen zusammen, doch eine Versöhnung glückt nicht. Da in Paris der Hass gegen die Deutschen grassiert, versucht Ré es noch einmal in New York. Freunde vermitteln ihr 1948 dann eine Möglichkeit im schweizerischen Basel zu leben.

1950er Jahre
Über Lisa Tetzner ( siehe dieser Post ), die sie noch aus Berlin kennt, macht sie die Bekanntschaft mit Hans Oprecht, dem legendären Leiter der Büchergilde Gutenberg, und  beginnt abermals eine ganz neue Karriere, nun als Übersetzerin. Es sind die postum veröffentlichten Tagebücher von Romain Rolland ( siehe auch dieser und dieser Post ), die sie sich vorknöpft. Vier Franken bekommt sie pro Seite, hundert Seiten muss sie im Monat alleine für ihre Miete schaffen. Ihre berühmteste Übersetzung wird allerdings die von Lautréamonts Gesamtwerk, die bis heute gedruckt wird. 

1951 fährt sie mit ihrer Vélosolex - dabei wieder eine Rolleiflex vom Schwarzmarkt -  durch Deutschland für ihr Buch "Katakomben der Seele". Sie reist
"...nach Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, um sich einen Überblick über die Situation von Flüchtlingen und Vertriebenen zu verschaffen. Sie besuchte u.a. die Flüchtlingslager Friedland, Dachau und Geretsried und führte Gespräche mit den Verantwortlichen der Lager, mit Politikern und mit vielen Flüchtlingen und Vertriebenen. Sie beschreibt die erschütternden Zustände in Massenunterkünften, berichtet über neue Flüchtlingssiedlungen, schreibt über Verlust der Heimat und die Hoffnungen für einen Neuanfang." ( Quelle hier )
Am 16. Oktober 1951 ist Ré nach 1500 Kilometern Reiseweg zurück in Basel. Ihr Reisetagebuch "Überall Verwüstung. Abends Kino" wird erst 2022 erscheinen.

In Basel beginnt sie auch für den Rundfunk zu arbeiten und verfasst im Laufe der Jahre 1955-86  für viele deutsche Sender wie das Abendstudio des Hessischen Rundfunks - allein für diesen Sender sechzehn Stück -  und das schweizerische Radio, u.a. über den Surrealismus, über Antoine de St. Exupéry ( siehe dieser Post ), den sie in Algerien getroffen und mit dem sie Schach gespielt hat, die Bartholomäusnacht und ihre eigene Adaptation von Voltairs "Candide" für Radio. Neben ihrer Arbeit studiert sie Philosophie bei Karl Jaspers und freundet sich mit dem Ehepaar an. 

1955, nachdem ihre kleine Basler Dachwohnung gebrannt hat, zieht Ré erneut nach Paris auf die Île Saint-Louis. Wieder über Lisa Tetzner hat sie Kontakt zum Verleger Ulf Diederichs bekommen. Für dessen Verlag schafft sie für die Reihe "Märchen der Welt" Anthologien, auch zusammen mit ihrem Ehemann, darunter "Märchen aus fünf Kontinenten". Diese Sammlungen sind bis heute zu erwerben.

Der Umgang mit ihm ist nie wirklich abgerissen: Er hilft ihr, wenn sie Kontakte knüpfen muss für ihre Radioessays, bei Übersetzungsgeschichten usw. Ihre Verletztheit ist & bleibt aber groß. So groß, dass sie sich schreibend damit auseinandersetzen muss: Es entsteht das Hörspiel "Der Besuch", vom SFB Ende 1964 gesendet. Dennoch liegt ihr diese Arbeit nicht besonders am Herzen. Sie wird auch nie zugeben, dass es ihre eigene Erfahrung ist.

Als Muriel Reed, inzwischen anerkannte Journalistin, dann 1965 aus einem Fenster im 5. Stock springt und nicht überlebt, ist der fast siebzigjährigen Philippe Soupault völlig verstört, so dass er nicht mehr in seiner Wohnung leben kann und sich in ein Zimmer des Hotels "Quai Voltaire" verkriecht. Es ist Ré, so sagt er selber, die ihm damals zum zweiten Mal das Leben rettet ( nach der Episode in Tunis ).

Über ein Filmprojekt 1967 zum Maler Wassily Kandinsky ( siehe dieser Post ), den sie noch am Bauhaus als Lehrer erlebt hat, kommen sie sich wieder näher. Ein letztes Mal richtet Ré 1973, wie sie es immer getan hat, für sich und Soupault ein Heim ein, regelt wieder den Alltag wie gewohnt. Allerdings wohnen sie jetzt in zwei kleinen, durch einen Flur getrennten Appartements in einer Altersresidenz nahe der Porte d'Auteuil. 

Schon 1946 bei ihrem damaligen Paris-Aufenthalt ist durch einen Zufall & eine glückliche Fügung ihr verschollenes fotografisches Werk, bestehend aus etwa 1500 Negativen und etwa 150 Vintage-Abzügen, wieder in ihre Hände gelangt. Sie hat die Negative in metallenen Zigarettendosen und die wenigen erhaltenen Abzüge damals in einen Schuhkarton gepackt. Es ist Vergangenheit gewesen, mit der sie sich nicht weiter mehr beschäftigen wollte. 

Seit 1981 unterhält Manfred Metzner, der eine zehnbändige Werkausgabe von Philippe Soupault für seinen Verlag "Das Wunderhorn" plant, Kontakt zu den Soupaults. 1987 fragt er Ré nach einem brauchbaren Foto ihres Mannes aus der Zeit in Tunesien. Sie erwähnt, dass sie Negative der Fotografien besäße, die sie in Tunis hat zurücklassen müssen, und drückt Metzner den hellgrauen Karton, mit einem weißen Schnürsenkel verschlossen, in die Hand. 

Der spontanen Begeisterung und dem beruflichen Interesse und Geschick des Verlegers ist es zu verdanken, dass von 1988 an diese Fotografien der Ré Soupault in mehr als 14 Ausstellungen und inzwischen acht Fotobänden des Verlags in verschiedenen thematischen Zusammenstellungen und biografischen Übersichten bekanntgemacht werden, und die Fotografin Ré Soupault neu entdeckt und in ihrer ganzen Bedeutung für die Künstler- und Intellektuellenszene der 20er und 30er Jahre gewürdigt wird. Die Reaktionen der Medien lässt sie endlich aus dem Schatten Philippe Soupaults heraustreten.

Ré Soupault ist fast 90 Jahre alt, als ihr Mann am 12. März 1990 in ihrem Beisein zu Hause stirbt. Sie zieht um in eine Zwei-Zimmer-Wohnung am Bois de Boulogne, erblindet allmählich, korrespondiert daher per Audiokassette. Mit drei übereinander gelegten Lupen liest & arbeitet sie weiter an der Veröffentlichung ihres Tagebuchs. 1994 wird sie zum "Mois de la Photo" in Paris eingeladen und eine Ausstellung im Pariser Goethe - Institut findet statt. 

Ré Soupault, müde vom Leben, stirbt am gleichen Tag wie ihr Mann, am 12. März im Alter von 95 Jahren 1996 in einem Krankenhaus in Versailles. Sie findet ihre letzte Ruhe in seinem Grab auf dem Cimetière de Montmartre. 

Kurz vorher ist noch ihr letzter Fotoband "Tunesien 1936–1940" erschienen. "Dass ich mit meinen paar Bildern noch so berühmt werde, kann ich nicht glauben", soll sie gegen Ende noch gesagt haben. Heute wird sie in eine Reihe gestellt mit den Fotografinnen Germaine Krull, Ilse Bing, Marianne Breslauer oder Gisèle Freund. 

Das Verborgene Museum in Berlin - Charlottenburg eröffnet zwei Monate nach ihrem Tod die Ausstellung "Ré Soupault – Photographien aus Paris 1934-1938", zu der Ré eigentlich noch anreisen wollte.

2007 dann gibt es im Berliner Martin-Gropius-Bau eine Retrospektive, die ab Februar 2011 unter dem Titel "Ré Soupault – Künstlerin im Zentrum der Avantgarde" in der Kunsthalle Mannheim, ergänzt um Briefe, Übersetzungen und Textmanuskripte, wieder aufgegriffen wird. Das bewegte Leben der Ré Soupault - sie hat in ihrem Leben alleine mehr als vierzig verschiedene Wohnsitze gehabt - und ihre vielfältigen Berufungen gerät dadurch immer mehr in den Blickwinkel der Nachwelt.
"Es hat sich immer das eine, fast gezwungenermaßen, aus Notsituationen heraus, zum anderen entwickelt, aber das Bemerkenswerte an diesem ganzen künstlerischen Leben für mich ist einfach, dass es immer von allerhöchstem Niveau war, egal, was sie gemacht hat", wird ihr Verleger & Nachlassverwalter über Ré Soupault sagen ( Quelle hier )
Für sie hat die Befreiung der Frau darin bestanden, sich kreativ zu verwirklichen, sei es als Zeichnerin & Modemacherin, Fotografin, Journalistin, Übersetzerin, Schriftstellerin - ihr umfang- & facettenreiches Lebenswerk zeugt davon, wie gebildet, präzise und von hoher ästhetischer Urteilskraft diese Frau gewesen ist.

Wer Fotos von Ré Soupault hier im Post vermisst: Die Urheberrechte verhindern dies. Hier sind welche zu finden.

                                                               

Zum Schluss wieder die Sammlung  der von mir porträtierten Frauen,
die in dieser Kalenderwoche und darüberhinaus
einen Gedenktag hatten:

Donnerstag, 10. März 2022

Great Women #292: Nancy Cunard

Als 1998 Andrea Weiss Buch "Paris ist eine Frau. Die Frauen von der Left Bank" heraus kam, musste ich das als Parisliebhaberin unbedingt haben. Die heutige "Great Women" hatte auch ihren Platz darin und anschließend in meinem Kopf. Heute lasse ich mal all mein Wissen raus, denn heute wäre ihr 126. Geburtstag: Nancy Cunard.

"Mehr als alle anderen müssen 
Autoren und Intellektuelle Partei ergreifen. 
Ihr Platz ist bei den Menschen, 
die gegen den Faschismus sind, ihre Pflicht, 
gegen den derzeitigen Verfall der Demokratien zu protestieren."

Lady Nancy Clare Cunard  erblickt also am 10. März 1896 im aus dem 13. Jahrhundert stammenden Schloss der Cunards "Nevill Holt" in Leicestershire, England das Licht der Welt. Ihr Vater Sir Bache Cunard ist der Enkel des Gründers der Cunard-Schifffahrtslinie, Samuel Cunard. Die Familie stammt ursprünglich aus Deutschland, Samuel Cunard ist aber in Halifax, Nova Scotia, Kanada, geboren und 1859 von Queen Victoria zum Baronet erhoben worden.

Samuels Bruder Edward hat 1876 "Nevill Holt" gekauft und nach seinem Tod Nancys Vater vererbt. Als der sich 1886 in einer angespannten finanziellen Situation befunden hat, hat er das Anwesen verpfändet, kann sich durch seine Heirat mit Maud Burke, Tochter aus sehr wohlhabenden Hause, aber wieder konsolidieren und das Schloss auslösen. 

Nevill Holt
Source

Nancys Mutter Maud Alice Burke - später nennt sie sich Lady Emerald - stammt also aus einer vermögenden kalifornischen Familie mit teils amerikanisch-irischem, teils französischen Hintergrund. Sie  erreicht durch ihre Heirat 1895 mit dem um über zwanzig Jahre älteren Baronet den von hier heiß ersehnten Aufstieg in die englische Aristokratie. Allerdings hat sie schon vorher gehofft, diesen Schritt durch eine Eheschließung mit Prinz André Poniatowski, dem Enkel des letzten Königs von Polen, zu schaffen. Aber der hat sie sitzen gelassen. 

Die Eheleute haben wenig gemeinsam. Sir Bache Cunard zieht es vor, seine Zeit in seinem Landhaus als begeisterter Jäger, Golfer und Hersteller von Objekten aus Gold, Silber und Schmiedeeisen zu verbringen. Seine Frau möchte lieber ihren Traum umsetzen, sich als Gastgeberin mit Geschmack für Kunst & Künstler, insbesondere für Musiker, einen Namen zu machen. 

Die ein Jahr nach der Heirat geborene Nancy bleibt also nach der Geburt Kinderschwestern, Gouvernanten und einem Stab von vierzig Bediensteten überlassen. Ihre Eltern sieht das kleine Mädchen wenig, und wenn, dann wird sie ihnen in Kleidern, die sie hasst, präsentiert ( vergleiche auch dieser Post zu Umgang mit Kindern in der englischen Oberschicht ). Kinder zum Spielen findet sie nur in ihren Cousins Edward und Gordon, die auch ihre Freunde fürs Leben bleiben werden. Ihre wichtigste erwachsene Bezugsperson, ihre erste Gouvernante, eine Französin aus Toulon, verschwindet plötzlich nach zwei Jahren und hinterlässt in dem Kind für lange Zeit Verlustängste ( die sie in ihrem Gedicht "Sublunary" später verarbeiten wird ). 

Die zweite Gouvernante, Miss Scarth, ist die ehemalige Lehrerin von Vita Sackville-West ( siehe dieser Post ), und die erwartet strengste Disziplin und bestraft jegliches Vergehen. Nancys Mutter interessiert sich nur für die exzellente Reputation der Erzieherin, sonst für gar nichts. Sie glaubt, damit das Richtige für ihre Tochter zu tun. 

In dieser Welt ohne Wärme und Erbarmen gibt es einen einzigen Erwachsenen, der Nancy zu verstehen scheint und sich für sie interessiert: George Moore. Sie erinnert sich später an ihn, dass der ihr seit ihrem 4. Lebensjahr ein Freund ist und gilt ihr als Hauptperson ihrer Kindheit. Moore hält sich viel in "Nevill Holt" auf, was kein Wunder ist, ist der irische Dichter doch ein enger Freund von Nancys Mutter ( es wird auch immer das Gerücht umgehen, er sei auch ihr richtiger Vater. Doch ist nicht klar, ob die Beziehung nicht doch rein platonisch gewesen ist ).

Von links nach rechts:
Der Vater Sir Bache, die Mutter Lady Maud, George Moore

Was Nancy fasziniert an dem so viel älteren Mann, "war sein Aussehen, seine Art zu sprechen, so anders als bei den anderen. Er hatte so einen Klang in seiner Stimme und diese Art, mit seinen Händen zu spielen. Es war alles außergewöhnlich. Ich liebte es, ihn zu sehen, ihn zu hören."

Von Moore wird ihr die Welt der Literatur eröffnet: Bereits als Vierzehnjährige stehen u. a. Corneille, Daudet, Dickens, Moliere, Schiller, Scott, Shakespeare und Shelley auf ihrer Leseliste. Ihr intellektueller Mentor wird ihre eigene, spätere Schreibkarriere inspirieren. Mit zwölf beginnt sie, ein Tagebuch zu führen.

Dennoch überwiegt die Isolation in der Kindheit und bewirkt bei Nancy unauslöschliche Wunden und Traumata und eventuell auch ihre Unfähigkeit, Liebesbeziehungen aufrechtzuerhalten. Ihr Verhältnis zu ihren Eltern ist jedenfalls sehr schwierig. Sie "wuchs [...] auf, um alles zu verachten, was ihre Eltern und ihre Klasse repräsentierten". Die wenigen Reisen mit ihren Eltern in die Hauptstädte Europas erwecken in Nancy allerdings ein lebenslanges Interesse für Kunst. 

1911 trennt sich Maud Cunard von ihrem Mann und zieht mit ihrer Tochter nach London. Die Mutter führt dort einen Salon, der durchaus mit den anderen, zu dieser Zeit gerühmten Salons konkurrieren kann und unterhält eine Beziehung mit dem Komponisten Thomas Beecham. Ihren Mann bringt die Entscheidung seiner Frau, Nevill Holt zu verlassen, erneut in finanzielle Schwierigkeiten, und die Hypothek wird 1912 zwangsvollstreckt.

1915
Nancy besucht in London Miss Woolf’s Nobelschule für Mädchen, wird auch von ihren Lehrerinnen wegen ihrer Intelligenz und Freundlichkeit gelobt & erhält Preise, ist aber vom Unterricht so gar nicht angetan. Nach wie vor besucht sie, wann sie kann, George Moore. Ab ihrem 17. Lebensjahr wird sie dann durch Schulen in Deutschland und Frankreich geschleust: So geht sie 1913 mit ihrer Gouvernante nach München, wo sie erstmals so etwas wie Freiheit erlebt. Im Jahr darauf steht Paris auf dem Plan. Die Schule der Demoiselles Ozanne empfindet sie aber als kindisch, nur die Stunden in skandinavischer und russischer Literatur interessieren sie. 

Schließlich befindet ihre Mutter, es sei angebracht, die Tochter in die Gesellschaft einzuführen und standesgemäß zu verheiraten. Am liebsten wäre Lady Maud der Prinz von Wales, den Nancy, oft seine Tanzpartnerin, aber "boring" findet.

Das junge Mädchen ist auffallend schön: Groß und schlank und blond, mit langen Beinen, weißer Haut und großen, durchscheinenden blaugrünen Augen, funkelnd wie das Meer, so werden sie immer wieder beschrieben. Frühe Fotografien von ihr als Mädchen und sogar als Braut – sie geht 1916, zum Ärger ihrer Mutter, im Alter von 20 Jahren eine kurze konventionelle Ehe mit dem australischen Offizier Sydney Fairbairn ein, die nach zwei Jahren schon wieder "aus" ist und die Nancy als die "verabscheuungswürdigste" Zeit ihres Lebens erinnern wird – zeigen ein süßes, rundes Gesicht, weiche Haarranken und hübsche, knöchellange Kleider.

Aber da sie keine klassische Schönheit wie ihre Freundin Lady Diana Manners ( "Queen of Beauty" ) ist, beginnt Nancy, ihr Aussehen bald zu dramatisieren mit schwarz umrandeten Augen und ihren eigenen High-Bohème-Stil zu kreieren mit den breiten Armreifen aus Horn und Elfenbein, die ihr Markenzeichen werden. Vor allem unter dem Einfluss ihrer Freundin Iris Tree, einer Kunststudentin, mit der sie sich eine gemeinsame Wohnung nimmt, vollzieht sich dieser Prozess. Nancy hat sich zu diesem Zeitpunkt auch der Clique der um drei Jahre älteren Lady Diana angeschlossen, die sich "Corrupt Coterie" nennt und aus englischen Aristokraten und Intellektuellen besteht, die in Zeitschriften und Zeitungen dieser Zeit weithin zitiert und profiliert werden. Sie verstehen sich als höfliche Rebellen, die sich gegen Konventionen auflehnen, nächtelang feiern, im Mondlicht nackt baden, Stücke schreiben und sie aufführen. Mit dem 1. Weltkrieg löst sich diese modische Gruppe auf, da ihre männlichen Mitglieder an die Front müssen. Auch Nancy ist der Oberflächlichkeit ihres Kreises bald überdrüssig und nimmt ein äußerst anspruchsvolles Bohème-Leben auf. 

1919 infiziert sich die junge Frau mit der Spanischen Grippe, die nach dem Krieg durch Europa fegt. Sie wird danach jahrelang unter den Auswirkungen der Influenza leiden. Im Jahr darauf muss sie sich einer Notfall-Hysterektomie und Appendektomie unterziehen mit anschließendem Wundbrand - ein Eingriff, der sie fast das Leben kostet und zur Unfruchtbarkeit führt. Das traumatische Erlebnis, so wird später spekuliert werden, habe zur Nancys lebenslangen Drogen- und Alkoholmissbrauch  geführt. Michael Arlen, mit dem sie eine Affäre hat, verarbeitet in seinem Roman "The Green Hat" schamlos diese, ihre ganz private Tragödie. (  1929 mit Greta Garbo in der Hauptrolle verfilmt. )

Wyndham Lewis:Nancy Cunard, Venice
(1922)
Einem weiterer Liebhaber, Aldous Huxley, ist sie Vorbild einmal für die Myra Viveash in "Antic Hay" ( auf deutsch "Narrenreigen"), einer Satire über die 1920er Jahre, und zum anderen für die reiche, unabhängige und sexuell freizügige Lucy Tantamount in "Point Counter Point" ( auf deutsch "Kontrapunkt des Lebens"). Mit dem Maler und Schriftsteller Wyndham Lewis verbindet sie zunächst ihr gemeinsames Interesse an zeitgenössischer Philosophie. Nancy bewundert seine Intelligenz, aber auch sein Aussehen und seine Exzentrik. Doch während ihrer Beziehung muss sie seinen manipulativen Charakter erkennen und seine Verhältnisse mit zwei ihrer besten Freundinnen. Vorher hat sie eine romantische Beziehung mit Ezra Pound gehabt ( die über fünf Jahre andauern wird ). Nach Wyndham Lewis verliebt sie sich in T.S. Eliot - eine kurze Affäre, denn der Rassismus und politische Konservatismus des Dichters stößt Nancy ab.

Nancy lebt zu dieser Zeit bereits in Paris auf der Ile St. Louis ( Rue Regrattier 2 ) und verfasst Gedichte, die von der berühmten Hogarth Press des Ehepaares Woolf veröffentlicht werden. Ihre wichtigste Bezugsperson in Paris wird die amerikanischen Journalistin & Schriftstellerin Janet Flanner, die mit ihrer Lebensgefährtin Solita Solano seit 1921 an der Seine lebt und Nancy den Zugang zu den intellektuell - lesbischen Kreisen, den "Frauen von der Left Bank", verschafft. Diese beiden Frauen werden für den Rest ihres Lebens Cunards Wahlfamilie bleiben.

Nancy beginnt, was sie immer als ihr wirkliches Leben als unabhängige Frau ansehen wird. Sie lässt ihr Haar zu einem schicken Bob schneiden, streicht es sich flach über die Stirn, klebt Kusslocken auf ihre Wangen und schafft so das Aussehen, das frau bis heute von ihr kennt und das sie zur Ikone des Jazz-Zeitalters macht. Sie inspiriert den rumänischen Bildhauer Constantin Brâncuși zu einer goldenen Skulptur, ( 2018 für 71.000.000 US-Dollar verkauft! ), Oskar Kokoschka zu einer rätselhaften Studie, Wyndham Lewis & John Banting zu Zeichnungen und Alvaro Guevara zu einem großen Porträt, das heute in Melbourne aufbewahrt wird. Darüberhinaus inspiriert Nancy die Hälfte der Dichter und Romanschreiber der Zwanziger Jahre. "Für sie war sie die Gioconda ihrer Zeit", so Harold Acton, ein britischer Autor.

Man Ray: Nancy Cunard & Tristan Tzara
(1924)
1924 verliebt sie sich in Paris in den Dadaisten Tristan Tzara. Das Paar geht in die Fotogeschichte ein, dank eines Fotos von Man Ray ( siehe auch dieser Post ) von den beiden auf dem Ball des Grafen Etienne de Beaumont. Curtis Moffat, der Ehemann ihrer Freundin Iris Tree, erwischt sie mit dem Fotoapparat neben ihrem surrealistischen Liebhaber Louis Aragon, der Tzara ersetzt und mit dem Nancy eine besonders stürmische Beziehung haben wird. Gemeinsam bereisen sie Europa, und seine Surrealistenfreunde zeihen ihn der Untreue ihnen gegenüber. Letztendlich führen Nancys Unbeständigkeit und ihre zahllosen Affären, aber vor allem auch ihre finanziellen Diskrepanzen dazu, dass sie ihn 1928 in Venedig verlässt und er einen Suizidversuch unternimmt. Freunde werden sie fürs Leben bleiben.

1925 stirbt Nancys Vater, und sie wird seine Haupterbin. Reich und unabhängig geworden, will sie jetzt, inspiriert von Leonard und Virginia Woolf, sich einen langgehegten Traum erfüllen: die Herstellung von Büchern. 

1927 kaufte sie ein Haus in La Chapelle - Réanville - "Le Puits Carré"-  in der der Normandie, wo sie ihren kleinen,  erlesenen Verlag "The Hours Press" installiert. Vorher erlernt sie das Druckerhandwerk, erwirbt eine alte Handpresse und publiziert in kleinen, zum Teil in Handarbeit hergestellten Auflagen erste Texte ihrer ehemaligen Liebhaber T.S. Eliot und Ezra Pound sowie das erste Buch Samuel Becketts ( das Gedicht "Whoroscope"). Auch ihr väterlicher Freund George Moore übergibt ihr Texte, und Louis Aragon übersetzt ein Gedicht von Lewis Carroll, "The Hunting of the Snark"

Mit Crowder
Zu dieser Zeit verliebt sie sich in Henry Crowder, einen schwarzamerikanischen Jazzmusiker, sechs Jahre älter als sie. Sie hat ihn, der aus einer Arbeiterfamilie in Georgia stammte, 1928 in Venedig kennengelernt, wo er als Pianist in einer Jazz-Band gespielt hat. Eine intime Beziehung nehmen sie allerdings erst auf, als Crowder mit seiner Band in Paris auftritt. Als Skandal wird empfunden, als sie in aller Öffentlichkeit mit ihm eine gemeinsame Reise nach London und New York macht.

Die nächsten acht Jahre wird sie dann mit ihm zusammenleben und mit ihm gemeinsam die Druckerei betreiben. 

Nancy will vor allem experimentelle Poesie unterstützen und jungen Schriftstellern einen besser bezahlten Markt bieten. Ihr ererbter Reichtum ermöglicht es ihr, finanzielle Risiken einzugehen, die andere Verleger sich nicht leisten können. "Hours Press" wird bald bekannt für seine schöne Buchgestaltung und seine hochwertige Produktion. Künstler wie Man Ray und Yves Tanguy entwerfen zum Beispiel die Einbände.

Im Januar 1930 verlegt das Paar Cunard - Crowder wieder sein Zuhause wie die Druckerei/Verlag zurück nach Paris, damit Crowder auch mit seiner Jazzband auftreten kann. Sie finden dafür ein Lokal in der Rue Guénégaud 15, in unmittelbarer Nähe ihrer Freundinnen Adrienne Monnier und Sylvia Beach ( siehe dieser Post ), denen die bekannten Buchhandlungen "La Maison des Amis des Livres" und "Shakespeare and Company" gehören. Unter Crowders Anleitung arbeiten sie jetzt an einer Anthologie afroamerikanischer Literatur namens "Negro", die für Cunard bald zu einer Obsession wird. 

Nancy entwickelt sich regelrecht zu einer Aktivistin in Sachen Rassenpolitik und Bürgerrechte in den USA und besucht Harlem. 1931 veröffentlicht sie die Broschüre "Black Man and White Ladyship", einen Angriff auf rassistische Einstellungen. Damit reagiert sie auch auf ihre Mutter, die sie mit den Worten zitiert: "Ist es wahr, dass meine Tochter einen Neger kennt?"  Die Mutter versucht, Crowder zwingen zu lassen, in die USA zurückzukehren, was aber aufgrund der fehlenden Rechtsgrundlage nicht kklappt. Sie lässt die beiden von einem Detektiv beschatten und droht ihrer Tochter, sie zu enterben. 

Es kommt zum endgültigen Bruch einer schon länger brüchigen Beziehung zur Mutter. Zwischen den beiden Frauen - Lady Cunard stirbt 1948 - wird es es zu keiner Versöhnung mehr kommen. Nancy nimmt nicht einmal an ihrem Begräbnis teil.

Für ihre Anthologie - ein tausend Seiten starkes Werk - sammelt sie Gedichte, Belletristik und Sachbücher hauptsächlich von afroamerikanischen Schriftstellern, darunter Langston Hughes und Zora Neale Hurston. Es soll auch das Schreiben von George Padmore und Nancys eigenen Bericht über den Fall der Scottsboro Boys ( siehe auch dieser Post ) enthalten. Die Aufmerksamkeit der Presse für dieses Projekt im Mai 1932, zwei Jahre vor seiner Veröffentlichung, führt dazu, dass Nancy anonyme Drohungen und Hassmails bekommt, die sie wiederum im Buch veröffentlicht. Das Werk, das nicht nur die Kultur von Schwarzen auf allen Kontinenten dokumentiert, sondern auch die sozialen Missverhältnisse anprangert, bleibt nach seinem Erscheinen 1934 eher erfolglos, erreicht aber später in zahlreichen Neuauflagen Kult-Status.

Nancy Cunard fängt außerdem an, für die Associated Negro Press (ANP) als Journalistin zu arbeiten.

Nach einer Reise in die Sowjetunion im Jahr 1935, bei der sie alle Illusionen verliert, tritt die reiche Erbin aber in den Kampf gegen den Faschismus ein, schreibt über Mussolinis Annexion Äthiopiens und den Spanischen Bürgerkrieg. Sie sagt zutreffend voraus, dass die "Ereignisse in Spanien ein Vorspiel zu einem weiteren Weltkrieg" seien. Ihre Geschichten über das Leid spanischer Flüchtlinge werden zur Grundlage für einen Spendenaufruf im "Manchester Guardian". Nancy selbst beteiligt sich an der Lieferung von Hilfsgütern und der Organisation von Hilfsmaßnahmen, aber ihre schlechte Gesundheit – teilweise verursacht durch Erschöpfung und die Bedingungen in den Lagern – zwingt sie, nach Paris zurückzukehren, wo sie auf der Straße weiter Spenden für die Flüchtlinge sammelt.

Heimgekehrt & angeregt von Pablo Neruda, reaktiviert sie 1937 in Réanville  ihre alte Handpresse und stellt eine Reihe von Broschüren mit Kriegslyrik her, darunter Werke von W. H. Auden, Tristan Tzara und Pablo Neruda. Später im selben Jahr verteilt sie zusammen mit Auden und Stephen Spender einen Fragebogen über den Krieg an Schriftsteller in Europa. Die Ergebnisse werden von der "Left Review" unter dem Titel  "Authors Take Sides on the Spanish War" publiziert. Der Beitrag von George Orwell, inzwischen der berühmteste von allen, wird nicht zitiert:

"Will you please stop sending me this bloody rubbish. This is the second or third time I have had it. I am not one of your fashionable pansies like Auden or Spender, I was six months in Spain, most of the time fighting, I have a bullet hole in me at present and I am not going to write blah about defending democracy or gallant little anybody... ."

Der Erlös aus den Gedichten und den Statements kommt der Not leidenden spanischen Bevölkerung zugute.

Zusammen mit Sylvia Townsend Warner und Mary Valentine Ackland wird Nancy Teil der britischen Delegation zum zweiten Kongress der "International Association of Writers for the Defense of Culture" in Madrid im Jahr 1937.

Als nach Francos Sieg 1939 schätzungsweise eine halbe  Million  Spanier die französische Grenze in der Hoffnung auf politisches Asyl überquert, werden sie in sogenannten "Flüchtlingslagern", die in Wirklichkeit Internierungslager mit unmenschlichen Bedingungen sind, untergebracht. Nancys Hilfe ist zu dieser Zeit besonders effektiv, denn sie rettet viele Republikaner, indem sie ihnen zur Flucht nach Mittelamerika verhilft,  damals ein sicherer Ort, der viele antifaschistische Schriftsteller und Künstler willkommen geheißen hat ( siehe auch dieser Post ).

Nach dem Hitler-Stalin Pakt verlässt Nancy, die fest an den Kommunismus als antifaschistisches Bollwerk geglaubt hat, Europa und reist nach Santiago de Chile zu ihrem Freund Pablo Neruda und anschließend in die Karibik, wo sie als die Herausgeberin von "Negro" herzlich aufgenommen wird. Doch sie sehnt sich zurück nach Europa und kommt schließlich - nach einem längeren Zwangsaufenthalt in Ellis Island, da sie mit ihrem britischen Pass nicht in die USA einreisen darf - im August 1941 wieder in England an. In London arbeitet sie als Übersetzerin für die französische Résistance. Die Gesundheit der inzwischen 45jährigen verschlechtert sich infolge des hektischen Arbeitstempos, das sie sich selbst auferlegt. Ihre Erschöpfung ertränkt sie im Alkohol. 

(1956)
Nach Kriegsende zurück in Frankreich findet sie ihr Haus in Réanville ausgeplündert vor, nicht nur durch die deutschen Besatzer, sondern auch durch die Dörfler, deren kollaborativer Bürgermeister den Menschen erlaubt hat, sich zu nehmen, was sie gebrauchen konnten. Sie findet ihr De-Chirico-Gemälde von elf Einschusslöchern durchbohrt, ihre beiden Gemälde von Miro und Picabia in zwei Hälften zerrissen und ihre Armreifen im Garten verstreut. Resigniert verkauft sie "Le Puits Carré" und siedelt sich schließlich in der Dordogne an, wo sie in La Mothe-Fénélon ein einfaches Haus kauft. 

Weiterhin will sie gegen die Ungerechtigkeiten in der Welt kämpfen, stößt aber in den Zeiten des Wiederaufbaus auf wenig Interesse und Verständnis. Sie schreibt nach wie vor, reist viel, weiß aber nichts mehr mit ihrem Leben anzufangen, seit sie nichts mehr zu bekämpfen hat. Nancy fühlt sich einsam, trinkt übermäßig und hat auch nicht mehr genug Geld zum Leben. 

1960 hat sie einen Anfall von angeblichem Wahnsinn und wird in die Londoner Holloway Clinic eingeliefert. Freunde, die sie besuchen, können aber an ihr nichts Verrücktes feststellen: "Ihre Freundlichkeit ist grenzenlos, wenn sie gut behandelt wird." Psychisch erholt sie sich wieder, aber ihr körperlicher Zustand verschlechtert sich: Sie kämpft mit Asthma, Bronchitis und Gleichgewichtsstörungen, die sie daran hindern, Spaziergänge zu unternehmen, eine ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen. In ihrem Haus kann sie nur leben, wenn Besucher da sind. Allein kann sie sich nicht mehr versorgen, also lebt sie meist bei Freunden und Freundinnen. Während eines Aufenthalts bei einem befreundeten Maler in Antibes bricht sie sich Weihnachten 1963 den Oberschenkel und muss operiert werden. Doch vorzeitig kehrt sie wieder nach Paris zurück, gerät mit anderen Freunden in Streit deswegen, landet in einer Pension.

Nach einer weiteren "verrückten" Episode flüchtet Nancy aus ihrer Pension mit dem Ziel "London". Zwei Tage irrt sie alleine durch Paris, wo sie die Polizei bewusstlos und verletzt auf der Straße liegend findet und in ein Krankenhaus verbringt. Dort, im Hôpital Cochin, stirbt Nancy Cunard am 17. März 1965, eine Woche nach ihrem 69. Geburtstag. Sie hat zu diese Zeitpunkt ein Gewicht von nur noch 26 kg. Die einzigen Personen bei ihrer Beerdigung sind Janet Flanner & Solita Solano, der Kunstkritiker Douglas Cooper und ihr einstiger Liebhaber Raymond Michelet. Ihre Urne wird später im Kolombarium des Père Lachaise beigesetzt.

Vielleicht kommt das passende Epitaph von Nancy Cunard selbst: "Alles, was bleibt, ist eine wütende Empörung." Mit ihrem leidenschaftlichen Einsatz für Minderheiten und Menschenrechte war sie also nicht nur eine optisch beeindruckende Lichtgestalt der Avantgarde, sondern auch eine Vorreiterin von Black Lives Matter, das sehen wir heutzutage erst wieder.


  


Donnerstag, 16. September 2021

Great Women #273: Simone Signoret

Jetzt kommt sie mal wieder mit ihrem Filmclub der 1960er Jahre ( war ja schon lange nicht mehr dran ), so oder ähnlich habe ich vor zehn Monaten schon einmal einen Great-Women-Post zu einer Ikone des französischen Films eingeleitet. Heute geht es um eine weitere Bekannte aus jenen Jahren, denn damals habe ich in "Goldhelm" Bekanntschaft mit der heutigen Great Woman, der Filmschauspielerin Simone Signoret, gemacht, deren Schönheit mich umgehauen hat. Ende September vor 36 Jahren ist diese beeindruckende Frau schon mit 64 Jahren gestorben...

"..so ist doch das Leben, das Leben der Frauen, 
erst ist man ein hübsches Mädchen
 und dann eine schöne Frau. 
Dann ist man eine Frau, die einmal schön war, 
und dann ist man eben häßlich."


Simone Signoret erblickt als Simone Henriette Charlotte Kaminker am 25. März 1921 in Wiesbaden das Licht der Welt. Sie ist das erste Kind der 25jährigen Georgette Signoret und ihres neun Jahre älteren Ehemannes, einem französischen Militär mit polnisch-jüdischen Wurzeln im alten Österreich-Ungarn, André Kaminker. André, Sohn eines Antwerpener Diamanthändlers und einer österreichischen Jüdin, hat, da in Frankreich geboren, mit seiner Volljährigkeit die französische Staatsangehörigkeit angenommen und einen entsprechenden Wehrdienst als Ballonfahrer abgeleistet. Nach dem Ersten Weltkrieg, an dem er teilgenommen hat, bleibt er als Beamter in der Armee, wird den Besatzungstruppen im Rheinland zugeteilt und ist mit den Problemen der Rückgabe des von Deutschen in Elsaß-Lothringen beschlagnahmtem Eigentums befasst.

Im Juni 1920 hat er in Paris die Tochter eines Marseiller Malers und seiner nordfranzösischen Ehefrau geheiratet, was Andrés Mutter ihm nie verziehen hat, denn Georgette ist katholisch. Simone wird ihren Vater später beschreiben als "den Archetypen des assimilierten Juden", der auch nie über seine Ursprünge bzw. sein Jüdischsein in der Familie geredet hat. Erst aus den Erzählungen der Mutter über die armen jüdischen Kinder während des Naziregimes wird sie damit konfrontiert werden.

Nach der Rückkehr aus Deutschland 1923 lebt Simone weitgehend allein mit der Mutter im Pariser Vorort Neuilly-Sur-Seine, wo sie zur Schule, u.a. auf das Lycée Pasteur geht. 1930 vergrößert der Bruder Alain die Familie, 1932 Jean- Pierre. 1934 kehrt der Vater - als Dolmetscher inzwischen ein Meister seines Faches - völlig erschöpft heim, nachdem er eine Rede Adolf Hitlers auf dem Reichsparteitag in Nürnberg simultan gedolmetscht hat.

Bei Kriegsausbruch zieht sich die Familie zunächst nach Saint-Gildas-de-Rhuy im Département Morbihan in der Region Bretagne, ihrem Sommerferienort, zurück, und Simone besucht das Lycée de Vannes bis 1940, wo für einige Monate Lucie Aubrac ihre Geschichtslehrerin ist, ein späteres Mitglied der Résistance, die nach dem Krieg jede Heldenverehrung und eine politische Karriere ablehnen und von der Simone in "La nostalgie n'est plus ce qu'elle était", ihren Memoiren, berichten wird. 

Mit 19 Jahren legt Simone im Frühjahr 1940 das Abitur ab, noch bevor Saint-Gildas-de-Rhuys im Juni von deutschen Soldaten besetzt wird. Nachdem jemand verraten hat, dass die Kaminker-Kinder einen jüdischen Vater haben, muss die Familie binnen 24 Stunden den Ort verlassen und kehrt nach Paris zurück. Danach fliehen sie weiter nach London. Der Vater schließt sich dort den freifranzösischen Streitkräften an. Doch Simone kommt bald mit ihrer Mutter und ihren beiden Brüdern nach Paris zurück.

Eigentlich möchte sie Jura studieren, doch sie muss den Lebensunterhalt für die Mutter und die kleinen Brüder sichern. Über eine Schulkameradin, die spätere Schauspielerin Corinne Luchaire, kommt sie 1940 ( bis Juni 1941) auf einer Stelle als Sekretärin bei deren Vater Jean Luchaire unter, der mit seiner Zeitschrift "Nouveaux Temps" auf Seiten der Vichy-Regierung steht und mit ihr eine bedeutende Rolle in der Medienpolitik der Kollaboration spielt. ( Dafür wird er 1946 hingerichtet werden.) Simone selber wird ihn später als "weichlich, schwach, korrupt, schön und großzügig" beschreiben. 

Dank Corinne kann sie beim Film kleine Statistenrollen übernehmen. Sie figuriert unter dem Nachnamen ihrer Mutter, auch um mit ihrem eher jüdisch klingenden Namen nicht aufzufallen. Simone wird in späterer Zeit Gespräche über die im Nachkriegs-Frankreich verfemte Corinne Luchaire lieber vermeiden, diese aber noch vor ihrem Tod an Tuberkulose 1950 aufsuchen.

1947
Ihre Mutter verlässt Paris schließlich und geht mit den zwei Söhnen, die mittlerweile aus Schutz vor Verfolgung durch die Deutschen den protestantischen Glauben erhalten haben, in das unbesetzte Südfrankreich nach Valréas im Departement Vaucluse. Dort verdient sie während der Besatzungszeit als Wäscherin ihren Lebensunterhalt. André Kaminker ist unterdessen in London für den französischen Rundfunksender "France Libre" tätig und einige Male als Dolmetscher für General Charles de Gaulle, der von London aus die Fortsetzung des französischen Widerstandes organisiert. 

Simone selbst betritt im März 1941 zum ersten Mal das Café de Flore, und trifft dort auf Menschen,  die der französischen "Kommunistischen Partei" und der Widerstandsbewegung "Résistance" nahe stehen, darunter Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, Alberto Giacometti, Jacques Prévert, Boris Vian. "Ich hatte keine Ahnung, dass ich mit dem Durchschreiten dieser Tür in eine Welt eintrat, die für mein weiteres Leben entscheidend sein sollte", erinnert sie sich später, denn sie findet dort Freunde, die sie ihr Leben lang begleiten werden. In einer Atmosphäre des politischen Diskurses und der engagierten Kameradschaft startet die Filmkarriere der Simone Signoret, Spitzname damals: "Kiki".

Mittlerweile bessert sie nämlich ihre bescheidenen Finanzen mit ersten kleine Nebenrollen auf, so in "Boléro" (1942; wo sie noch nicht im Abspann erwähnt wird ) und in "Le prince charmant" und "L’ange de la nuit" ( beide 1942). Simone findet Gefallen an der Schauspielerei und nimmt entsprechenden Unterricht, bestärkt von ihrem damaligen Geliebten Daniel Gélin. Es folgt noch im gleichen Jahr eine größere Nebenrolle in "Les visiteurs du soir" ( "Die Nacht mit dem Teufel" ).  



Ihre atemberaubende Schönheit erregt die Aufmerksamkeit des Regisseurs Yves Allégret, mit dem sie die nächsten sechs Jahre zusammenleben wird. Von ihm erhält Simone ein erstes ernsthaftes Rollenangebot für den Film "Les Démons de L’Aube" (1946). Für den Streifen "Macadam" ( 1946; "Zur roten Laterne" ), in dem sie eine Prostituierte spielt, verleiht man der inzwischen 26jährigen 1947 den "Suzanne-Bianchetti-Preis" für die beste Nachwuchsdarstellerin.

Mit Tochter Catherine und Yves Allégret ( rechts )

Den vierzehn Jahre älteren Allégret, einst Sekretär von Leo Trotzki, heiratet Simone schließlich nach seiner Scheidung von seiner ersten Ehefrau 1948. Zuvor hat sie ihr einziges Kind mit ihm, Catherine, am 16. April 1946 auf die Welt gebracht.

In einem von Allégrets Filmen, "Dédée d'Anvers" (1948; "Schenke zum Vollmond", bei YouTube zu sehen ), spielt Simone wieder eine Prostituierte mit einem Herzen aus Gold und verleiht dieser Rolle eine Subtilität und Tiefe, die das Klischee zu einer Ikone von dauerhaftem Wirkungsgrad werden lässt. Der Film ist gleichzeitig der Auftakt zu Allégrets Neuinterpretation eines Poetischen Realismus à la Carné-Prevert ( "Kinder des Olymp" ).

Zwei Jahre nach der Dédée spielt Simone eine bösartigere Version der Rolle als intrigante Spitzmaus in Allégrets "Manèges" (1950; "Eine Frau im Sattel"), aber da hat sie sich schon von ihm scheiden lassen, denn im August 1949, - Simone sitzt auf der Terrasse des Hotels "Colombe d’Or" im südfranzösischen Saint-Paul-de-Vence - kreuzt sich ihr Blick "mit denen eines schlaksigen Mannes mit abstehenden Ohren und jungenhaftem Grinsen. Er ist Sänger, und sein Name ist Yves Montand. Die Begegnung ist der Beginn einer Leidenschaft, einer tiefen Liebe und einer französischen Institution". ( Quelle hier ) Montand wird später erzählen, ihr Anblick habe ihn bis ins Mark getroffen und er habe sofort gewusst: "Das ist die Frau meines Lebens!" Da er ihren Namen kennt, spricht er sie an...

1949
Yves Montand, eigentlich als Yvo Livi am 13. Oktober 1921 in Monsummano Terme in der Toskana geboren, Sohn eines italienischen Kommunisten, der 1922 vor den Faschisten nach Marseille geflohen ist, ist seit seinem 17. Lebensjahr als Sänger unter dem Namen Yves Montand aufgetreten. Beide, Simone wie Yves, kommen also sehr früh für ihre von den Zeitläuften zerrissenen Familien auf. Montand ist in der Besatzungszeit nur knapp einer Deportation nach Deutschland entgangen und kommt nach dem Ende der Vichy-Regierung nach Paris, wo er in Music Halls auftritt, von Edith Piaf entdeckt, für ihre Konzerte engagiert und ihr Liebhaber wird. Seinen ersten Film, "Chanson der Liebe" ( "Étoile sans lumière"), ist 1946 in den Kinos angelaufen. 

Geheiratet wird nach der Scheidung von Allégret am 22. Dezember 1951 in Saint-Paul-de-Vence, und Montand adoptiert Simones Tochter. Beide teilen sie ihre politischen Sympathien und ein geradezu selbstverständliches Engagement für Ziele, die eher auf der linken Agenda stehen. Bereits 1950 unterschreiben sie die Stockholmer Erklärung  zum Verbot aller Kernwaffen. Simone erhält prompt darauf ein Einreiseverbot für die USA.

Vor dem "Chateau Blanc"
1954 kauft das Paar - vor allem von den Schallplatten- & Konzerteinnahmen Montands - in Autheuil-Authouillet im Tal der Eure in der Normandie,  89 Kilometer von Paris entfernt, das Anwesen "Le Chateau Blanc", wo sie ihre illustren Freunde oft zu Gast haben werden und was sich zu einem Ort der künstlerischen und intellektuellen Begegnungen entwickeln wird. Neben Beauvoir & Sartre werden andere Intellektuelle wie die Schauspielkollegen Serge Reggiani - ihr Partner in "Goldhelm" - und Pierre Brasseur, die Filmemacher Luis Buñuel und Costa-Gravas oder der Schriftsteller Jorge Semprún dort regelmäßig Gäste sein. In dieses "gemütliche Nest", mit Antiquitäten liebevoll von Simone ausgestattet, kommen sie, um Kraft zu tanken, sich zu finden, weit weg vom Wirbel ihrer Karrieren und ihrer aktivistischen Verpflichtungen. Das Anwesen "steht für Luxus. Ein gewisser Luxus, der darin besteht, sich mit den Früchten der Arbeit etwas kaufen zu können", wird Simone in ihren Memoiren später schreiben.

Ab 1950 spielt Simone fünf Jahre lang die Rollen, mit denen sie bis heute am meisten identifiziert wird. Sie hat eine so stimmungsvolle, sinnliche, schillernde Präsenz, die sie zuerst zu einem nationalen, dann zu einem internationalen Star macht und zu Frankreichs Sexsymbol der 1950er Jahre: "La Ronde" von Max Ophüls ( 1950; "Der Reigen" - ein Film der in den  USA als unmoralisch verboten wird ), "Thérèse Raquin" von Marcel Carné (1953; "Thérèse Raquin – Du sollst nicht ehebrechen" ), "Diabolique" von Henri-Georges Clouzot ( 1955; "Die Teuflischen" ) und schließlich - als Höhepunkt - "Casque d'Ôr" von Jacques Becker (1952; "Goldhelm" ). Letzterer etabliert Simone Signoret nicht nur als Schauspielerin von beträchtlichem Können und Komplexität in der Rollendarstellung, sondern bedeutet ihren endgültigen Durchbruch als Star, ein Label, das sie nie mögen wird und stets hinterfragt, aber auch ausfüllen wird wie selten eine Schauspielerin. 

"Dass sie in ihren Anfangsjahren, aber auch später in ikonischen und zauberhaften Rollen als etwas verruchte Femme Fatale und oftmals Sexarbeiterin festgelegt schien, hatte neben dem äußerst engen Frauenbild des französischen Nachkriegskinos auch mit der aus allen Gesten und Blicken ihres Körpers sprechenden Unabhängigkeit zu tun, die sich besonders tragisch entfaltete, wenn sie abhängige Frauen spielte. Oft kann man Signoret rauchend auf und ab tigern sehen in zu kleinen Hinterzimmern, umgarnt von Dandys oder Streunern, und in einsamen Nachtclubs, auf ein letztes Getränk oder eine letzte Chance wartend. Eigentlich haben alle Männer Angst vor den von ihr verkörperten Frauen, aber genau deshalb sind sie bedroht. Der Trotz ist ihr Markenzeichen, die Hände liegen in der Hüfte, das Funkeln springt aus ihren traurigen Augen." So erklärt der Filmwissenschaftler Patrick Holzapfel das Phänomen in einem Beitrag für den "Filmdienst" zum hundertsten Geburtstag der Schauspielerin.

Noch einmal zurück zu "Casque d'Ôr"/"Goldhelm", dem Film, in dem mich Simone Signoret in den Bann geschlagen hat. Patrick Holzapfels Ausführungen dazu finde ich kongenial:

"Möchte man begreifen, warum Signoret zu Beginn der 1950er-Jahre der größte Star im französischen Kino war, muss man sich nur die Anfangssequenz von Jacques Beckers „Goldhelm“ ansehen. Vor der virtuos, federleicht durch die Szenerie eines vorstädtischen Gaststättenidylls fahrenden Kamera Robert Le Febvre verliebt sich die von Signoret gespielte Marie in den ihr eigentlich nie gewachsenen Manda (Serge Reggiani). Während sie mit einem anderen Mann tanzt und sich beständig um ihn windet, findet ihr Blick diesen streunenden Beobachter und der Blick der Kamera findet sie. Der beginnende Belle Époque-Reigen von Becker ist ein einziger Coup de foudre, erst auf narrativer Ebene und dann für das Kino und Signoret selbst. Der meist etwas geneigte Kopf drückt einen kecken Widerstand aus, aus den Augen spricht die Angst dahinter und der Stolz darüber."

1956 spielt das Ehepaar Signoret/ Montand zum ersten Mal zusammen in einem Film von Yannick Bellon, "Un matin comme les autres", einem Kurzfilm über das Problem unhygienischer Wohnverhältnisse in den Vororten französischer Städte, ein Beispiel dafür, dass sich beide für linke Ideen einsetzen. Bald werden sie dann als "Reisebegleiter" der französischen Kommunistischen Partei denunziert. 

1957 geht Yves Montand auf eine Tournee durch alle damaligen "Ostblockländer", Simone begleitet ihn und erlebt seinen Triumph. In Moskau treffen sie Nikita Chruschtschow zum Frühstück. Simone protestiert bei dieser Gelegenheit gegen den Einmarsch der Sowjets in Ungarn, doch der sowjetische Ministerpräsident lacht nur über sie. Zutiefst desillusioniert von der konkreten Realität der Länder des "realen Sozialismus" kommen sie nach Frankreich zurück und distanzieren sich von der Partei, geben jedoch ihre politischen Überzeugungen nicht auf. Mitglied der KP, was ihr immer unterstellt wird, ist Simone allerdings nie gewesen. 

1958 dreht sie mit dem britischen Regisseurs Jack Clayton "Room at the Top" ( "Der Weg nach oben" ), laut Wikipedia "der erste britische Film, in dem Sexualität realistisch und lustvoll dargestellt wird und nicht nur als Quelle der Sünde". Simone spielt darin eine ältere, unglücklich verheiratete Französin, Alice Aisgil, mit der der Protagonist Joe, ein kleiner Finanzangestellter,  reichlich sexuelle Erfahrungen sammelt und sich in sie verliebt, aber eine andere heiratet, mit der er in die Oberschicht aufsteigt. Joes Stolz bleibt dabei auf der Strecke wie seine Liebe zu Alice, die sich das Leben nimmt.

"In Signorets Darstellung trägt Alice den Panzer einer Lebenserfahrung, der sie dennoch nicht davor schützen kann, sich unsterblich zu verlieben. Kaum auszuhalten ist ihr von Trauer verschleierter Blick. Dann wieder blitzen ihre Augen, wenn sie ihrem Geliebten den Kopf wäscht, nachdem er ihr eifersüchtig Vorwürfe gemacht hat wegen eines lange zurückliegenden Jobs als Aktmodell: Mit welchem Recht verfügt er über den Blick auf ihren Körper? Wieso glaubt er, ihre Vergangenheit beurteilen zu können? Was weiß er schon von den Möglichkeiten einer Frau, sich durchzuschlagen? Der Stolz der Alice Aisgill ist der gelebte Feminismus von Simone Signoret ." So gibt Katja Nicodemus in der "Zeit" ihren Eindruck von Simones Spiel wieder. 

Mit Laurence Harvey als Joe Lampton


Die Jury der Filmfestspiele in Cannes honoriert die darstellerische Leistung Simones mit einer "Goldenen Palme", und  die British Film Academy verleiht ihr den Preis als beste ausländische Schauspielerin. 1960 wird ihr dann auch der Oscar für die beste Hauptdarstellerin zuerkannt, als erster Französin überhaupt vom legendären Rock Hudson überreicht.

Simone nutzt die Gelegenheit, um in einem Interview im Fernsehen den Krieg Frankreichs gegen Algerien anzuprangern. Eine Nation sollte wissen, wann sie von ihrer Regierung betrogen werde, erklärt sie. Die Klatsche kommt bald zurück: "Und eine Frau sollte wissen, wann sie von ihrem Mann betrogen wird", so die französischen Gazetten wenige Monate später. 

Nach den Dreharbeiten zu "Room at the Top" in England hat Simone Yves Montand zu Dreharbeiten in die USA begleitet. Dort dreht er mit Marilyn Monroe, seit drei Jahren verheiratet mit dem Schriftsteller Arthur Miller, zu dem das französische Paar freundschaftliche Beziehungen unterhält, unter George Cukor "Let's make love" ( "Machen wir's in Liebe" ). Bald sind Montand/ Monroe viel mehr füreinander als Filmpartner und ihre kurze Affäre füttert die Presse. Das Ehepaar Miller/Monroe zerbricht darüber, während das Ehepaar Montand/Signoret trotz der Differenzen standhält.

"Ketten halten keine Ehe zusammen. Es sind Fäden, Hunderte von Fäden, die Menschen über die Jahre zusammennähen. Das macht eine Ehe haltbar – mehr als Leidenschaft oder gar Sex!", wird sie in ihren Memoiren dereinst dazu schreiben.

Doch die größte französische Schauspielerin des vorhergehenden Jahrzehnts, die erste Oscar-Gewinnerin der Nation, muss sich eingestehen, dass der Zahn der Zeit an Männern anders nagt als an Frauen oder wie sie es auf ihre Weise ausdrückt: "Ich bin zehn Jahre älter als Montand, obwohl wir gleich alt sind, ich aber eine Frau bin ..." Traurige, dumme und anonyme Briefe erreichen sie, zugleich pornographisch, skatologisch und patriotisch, und viele mit dem Tenor, Simones Mann habe doch recht, wenn er ihr eine so frische Blondine vorzieht.

Von links nach rechts: "L'Armée des Ombres", "Das Geständnis", "Die Katze"


Ein paar Jahre zieht sie sich jetzt weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, dreht aber weiterhin Filme, darunter "Ship of Fools" (1965; "Das Narrenschiff", zusammen mit Oskar Werner und Heinz Rühmann in seiner einzigen Hollywood-Rolle; erneute Oscar-Nominierung ), "Compartiment tueurs" unter Costa-Gavras ( 1965; "Mord im Fahrpreis inbegriffen", zusammen mit Mann & Tochter ), "Paris brûle-t-il ?" ( 1966; "Brennt Paris?) oder "The Deadly Affair" (1967; "Anruf für einen Toten"). Am bedeutendsten ist wohl in jenen Jahren die Rolle, die sie 1969 in "L'Armée des Ombres" von Jean-Pierre Melville spielt.

Im Film hat Simone als Mathilde, die einzige Frau in einer Widerstandsgruppe, eine Stärke, Intelligenz und Überzeugung, die der des Anführers der Gruppe, Philippe Gerbier, gleichkommt. Im Alleingang entwirft sie einen Plan, um diesen aus einer "Schießbude" der Gestapo zu retten, und es ist ihre Darstellung, von Melvilles Kameramann in intensiven Nahaufnahmen festgehalten, die eine Stimmung tiefster Spannung und größter Tragödie vermittelt.

Doch das Leben ist wichtiger als das Kino, so Simones Lebensphilosophie, und so ordnet sie nicht alles ihrer Filmkarriere unter. Dazu gehört auch, dass sie sich nicht verbissen in ihrer Lebensweise diszipliniert oder Schönheitsoperationen unterzieht. Sie altert sichtbar, sichtbarer als viele ihrer Kolleginnen, was ihr dafür auch aufregendere Rollen verschafft. "Der wahre Luxus", sagt Simone, "besteht für mich darin, Rollen, die mir nicht zusagen, abzulehnen." Ihre Falten, die über den Menschen und seine Geschichten erzählen, ihr körperlicher Verfall machen es ihr möglich, auch im Film glaubhaft menschliche Schicksale darzustellen. 

Mit ihrer Darstellung von Madame Rosa in dem gleichnamigen Film von Moshé Mizrahi nach dem Roman von Romain Gary/Emile Ajar ( siehe auch dieser Post ) schafft sie in der altersschwachen, aber mitfühlenden Madame, die sich um Kinder von Prostituierten kümmert, auch ein Bild ihres Verständnisses des menschlichen Seins. Im Film ist sie eine Auschwitz-Überlebende, die am Ende ihres Lebens steht und immer noch von der Erinnerung verfolgt wird, die sie für immer verändert hat. Während es in dem Roman mehr um den Zerfall einer Person und eine unwahrscheinliche Liebe geht, gibt uns der Film eine überzeugende und doch eindringliche Darstellung einer Frau, deren unbezwingbare Stärke sowohl in ihren traumatischen Erinnerungen als auch in ihrem Mitgefühl liegt. Die Bedeutung des Films für das jüdische Selbstverständnis beruht auf Simones darstellerischen Kräften. Sie trägt übrigens im Film als Tattoo die Häftlingsnummer ihrer jüdischen Maskenbildnerin, obwohl die auf den Aufnahmen nie zu sehen ist.


Abgesehen von diesem Film manifestiert sich Simones Verbundenheit mit dem Judentum in ihrem Schreiben und ihren Aktivitäten, z.B. auch in ihrer Arbeit in Verbindung mit Mosco Boucaults Dokumentarfilm "Terrorists in Retirement", 1985 publiziert. Dieser Film über eine Gruppe jüdischer Einwanderer aus Osteuropa, die während des Zweiten Weltkriegs einen aktiven Flügel des kommunistischen Widerstands in Paris und anderen Orten gebildet haben, wird fast nicht gezeigt, vielleicht auch, weil er darauf hindeutet, dass das französische Establishment Widerstandskämpfer mit französischer klingenden Namen bevorzugt hat.

Simone hat diese Zusammenarbeit inspiriert, ihren Roman "Adieu Wolodja" über das Leben von jüdischen Emigranten aus Polen und der Ukraine in Paris zu verfassen, der bei seinem Erscheinen 1985 deutlich macht, dass in ihr auch eine beachtenswerte Literatin versteckt ist. Schon ihre Memoiren "La nostalgie n'est plus ce qu'elle était" ( "Ungeteilte Erinnerungen" ) von 1976 sind ein großer Erfolg gewesen, haben eine Auflage von einer Million erreicht und werden in 16 Sprachen übersetzt. Die Plaudereien aus ihrem an Ereignissen reichen Leben vertreiben sogar das Erstlingswerk des damaligen Staatspräsidenten d’Estaing von der Spitze der Bestsellerlisten. 1979 folgt ein weiteres autobiografisches Buch "Le lendemain elle était souriante".

Als Madame Baron in "Stern des Nordens"
Zudem startet sie fast 60-jährig, übergewichtig und mit deutlichen Falten ein Comeback als Schauspielerin. Neben Partnern wie Jean Gabin oder Alain Delon überzeugt sie in Fernseh-Thrillern, in Deutschland vor allem durch die Maigret-Verfilmung "Die Katze" 1971. 1973 spielt sie in "Die Löwin und ihr Jäger" (Originaltitel: "Les granges brûlées" ). Simone Signorets letzter Film ist dann "Stern des Nordens" von Pierre Granier-Deferre aus dem Jahr 1982. Er beruht auf dem Roman "Der Untermieter" ("Le locataire") von Georges Simenon. 

Ab 1981 verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand und Simone Signoret erblindet allmählich. Schließlich erkrankt sie an Bauchspeicheldrüsenkrebs und stirbt am  30. September 1985 in Autheuil-Anthouillet. Sie wird unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris beigesetzt. Yves Montand folgt ihr sechs Jahre später. 

Ein Jahr nach ihrem Tod bringt Chris Marker, gleichaltriger französischer Schriftsteller aus Neuilly-sur-Seine, Simone durch das tragische Schicksal ihres Bruders Alain verbunden, der während der Dreharbeiten des gemeinsamen Filmes "La mer et les jours" vor der Küste der Île de Sein ertrunken ist, seinen wirklich sehenswerten Film "Mémoires pour Simone" ( "Erinnerungen an Simone" ) heraus, der eine "zärtliche Annäherung eines Freundes und Bewunderers und gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit den feinen Linien zwischen Leben und Fiktion, Erinnerung und Gegenwärtigkeit, Star-Dasein und Aufrichtigkeit, die Signorets Karriere prägten" ist, so noch einmal Patrick Holzapfel.

Simone Signorets Karriere beim Film dauerte lang, länger als für die meisten Schauspielerinnen. "Als ich anfing", hat sie in einem Interview wenige Wochen vor ihrem Tod gesagt, "da war Michèle Morgan da. Dann kam Martine Carol, ein enormer Star. Und dann war es plötzlich die Bardot, die alle jungen Mädchen hinwegfegte, während ich langsam älter wurde. Danach war Jeanne Moreau der Superstar, und ich war immer noch da. Plötzlich wollten sie Jeanne nicht mehr..." Simone Signoret blieb fast vierzig Jahre lang, erst auf der Kinoleinwand, dann in den Serien des Fernsehens. Sie ist das "monstre sacré" des französischen Films gewesen, ein "Star as Cultural Sign", wie der Titel eine Buches über sie lautet. Für mich ist sie eine einmalige Verbindung von Schönheit und einem Ernst, der wohl nicht zu trennen ist von der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges.