Donnerstag, 1. April 2021

Great Women #254: Johanna Tesch

Ist es euch auch schon so gegangen wie meiner Stillen Leserin Margit aus dem Hessischen, die jahrelang an einem Platz vorbeigefahren ist, der nach einer Frau benannt war, ohne so recht zu wissen, wer das eigentlich ist? Mir ist es so in meiner Jugend ergangen mit dem Bonner Bertha-von-Suttner Platz. 
Margit war so vorausschauend und hat mir gleich in ihrem Paket einen ganzseitigen Zeitungsartikel über die Namensgeberin mitgeschickt, denn ich habe sofort angebissen. Bei der Namenspatronin des Frankfurter Platzes handelt es sich um Johanna Tesch.
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Johanna Tesch wird als Johanna Friederike Carillon am 24. März 1875 in Frankfurt-Sachsenhausen in der Dreikönigstraße 28 als Tochter der Johanna Maria Pauly und des Schneidermeisters Johann Bernhard Carillon geboren. Sie ist das dritte von fünf Kindern der Familie mit hugenottischen Wurzeln. Der Vater kommt aus Wehrheim im Taunus.

Über Johannas Kindheit und Jugend ist wenig in Erfahrung zu bringen, nur so viel, dass sie von 1882 an sieben Jahre lang die Souchay-Mittelschule im Dreieck zwischen Oppenheimer Landstraße, Gutzkowstraße und Souchaystraße in Sachsenhausen besucht hat. Anschließend arbeitet sie mit im familiären Haushalt ohne eine Berufsausbildung. Das ist wohl in der Familie so üblich gewesen.

Im November 1896 bringt Johanna, gerade 21 Jahre alt, einen Sohn - Friedrich Bernhard, später immer Friedel genannt - zur Welt. Sein Vater ist der Weißbinder Philipp August Keßler, der drei Wochen nach der Geburt des Kindes an Schwindsucht stirbt.

In der Werkstatt des Vaters arbeitet seit 1892 der aus Freienwalde in Pommern stammende Schneidergeselle Richard Adolf Theodor Tesch, der auf seiner Wanderschaft in Frankfurt/Main hängen geblieben ist. Johanna heiratet den um fünf Jahre Älteren am 1. Mai 1899. Den unehelich geborenen Friedel nimmt Richard an Kindes statt an, Ende des gleichen Jahres kommt auch der erste gemeinsame Sohn Wilhelm, Busch genannt, auf die Welt, drei Jahre später Carl, der Carlemann im Familienjargon. Die junge Familie wohnt zunächst in der Nähe der Eltern Carillon in Sachsenhausen und landet schließlich über das Nordend und Bornheim 1911/12 in der neu geschaffenen Arbeitersiedlung Riederwald. Die zweite Wohnung dort werden sie bis zum Ende ihrer Tage behalten.

Richard Tesch ist Gewerkschafter und schon lange SPD - Mitglied, wahrscheinlich schon seit 1902/03, aber spätestens seit 1905 arbeitet er bei der eng mit der Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie verbundenen Union-Druckerei und Verlagsanstalt als Expedient für die dort erscheinende überregionale "Volksstimme", einer Tageszeitung mit einer Auflage von 70 000 Exemplaren. Ob er Johanna mit ermuntert hat, sich politisch zu betätigen - frau weiß es nicht.

Jedenfalls gründet die 1902 nach der Geburt des jüngsten Sohnes zusammen mit Henriette Fürth und deren Freundin Lina Deutschmann - Heiden, beide als Frauenrechtlerinnen bekannt, in Frankfurt den "Bildungsverein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse", als es Frauenspersonen, Schülern und Lehrlingen noch verboten ist, sich Vereinen anzuschließen. An der Gründungsversammlung beteiligen sich 30 Frauen. Johanna übernimmt zwei Jahre später die Funktion der Kassiererin, später die der Vorsitzenden. Ein Schwerpunkt des Vereines ist u.a. auch die Forderung nach dem Frauenwahlrecht.

Johanna Tesch mit ihrer Familie (1905)
© Historisches Museum Frankfurt, Foto: Horst Ziegenfusz

1906 ist Johanna auch dabei, als der "Verein für weibliche Hausangestellte" zusammen mit Sophie Ennenbach und Marie Bittorf aus der Taufe gehoben wird. Dort übernimmt sie die Funktion der Kassiererin. Ziel dieses Vereines ist es, die alte Gesindeordnung außer Kraft zu setzen und  zugunsten freier Arbeitsverträge im Rahmen der Lohnarbeit auszuwechseln. 1909 vertritt Johanna den Frankfurter Verein bei der Gründungsveranstaltung des "Verbands der Hausangestellten" in Berlin. Schon im Vorjahr ist sie bezahlte Geschäftsführerin für den "Zentralverband der Hausangestellten und Dienstboten" geworden und hält täglich Sprechstunden im alten Frankfurter Gewerkschaftshaus ab.

Wohnhaus in Riederwald
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Als 1909 auch Frauen in politische Parteien eintreten dürfen, wird Johanna Mitglied der SPD. Ihre Tätigkeit im Bildungsverein wird ihr rückwirkend anerkannt, so dass in ihrem Parteibuch als Eintrittsdatum der 16.10.1902 vermerkt ist. 

Die Wohnung im 1. Stock der der Max-Hirsch-Straße 32 in Riederwald fungiert als Ort der Begegnung und des Austausches für Arbeiterfrauen, Gewerkschaftsleute und SPD-Mitglieder, besonders auch als der Erste Weltkrieg erbarmungslos über die Familien, besonders aber die Frauen hereinbricht, denn die Männer fallen als Ernährer der Familien als Kriegsfreiwillige einfach aus. Bereits Ende 1914 benötigen fast 16.000 Familien Unterstützungsleistungen. Ab 1916 arbeitet Johanna vier Jahre lang im städtischen Fürsorgeamt für Kriegshinterbliebene und treibt Spenden zur Unterstützung dieser Menschen ein. 

Woher sie die Kraft nimmt für all ihr Engagement, ist mir ein Rätsel: 1916 wird ihr ältester Sohn Friedel durch ein Infanteriegeschoss bei den Kriegshandlungen in den Karpaten getötet, knapp zwanzig Jahre alt. Noch Jahre später zu ihrer Silbernen Hochzeit schreibt sie darüber an Richard: "... unser Glück ist nur getrübt worden in jenen schweren Kriegsjahren, in jenen Tagen, wo unser lieber Friedel entrissen wurde." ( Quelle hier

Johanna hingegen übernimmt nun neben ihrer bezahlten Gewerkschaftstätigkeit noch weitere sozialpolitische Verpflichtungen im kommunalen Bereich, z.B. als Mitglied des Hausfrauenausschusses beim 1916 eingerichteten Lebensmittelamt, als Beisitzerin im städtischen Mieteinigungsamt ab 1917 sowie als Mitglied in der Deputation für die städtischen Nervenheilanstalten und im Pflegamt der Anstalt für Irre und Epileptische. Und dann gehört sie noch ab 1917 der Pressekommission der "Volksstimme" an. 

Bereits Ende 1919 wird in Frankfurt am Main ein Ortsausschuss der Arbeiterwohlfahrt ( siehe auch dieser Post ) unter der Beteiligung von Johanna & Richard Tesch gegründet, um die nach dem Krieg noch ungerechteren Bedingungen zu verändern. Die Wohltätigkeit ihrer bürgerlichen Mitstreiterinnen in der Frauenbewegung während des Ersten Weltkriegs sieht sie rückblickend kritisch, weil diese die wahre Not nicht gekannt hätten.

Johanna Tesch, bei Kriegsende 43 Jahre alt, hat sich unterdessen zu einer der herausragenden Persönlichkeiten der sozialdemokratischen Frauenbewegung in Frankfurt entwickelt. Der Gewerkschaftssekretär Paul Müller begründet das einmal so:  

"Hauptgrundlage für Johannnas politisches Wirken war ihr eminenter Sinn für das Praktische, ihr enger Kontakt zu den Leidens- und Kampfgenossen, ihre  persönliche Bescheidenheit und - nicht zuletzt - ihre Güte. Das Vertrauen, das man zu ihr hatte, und ihre Popularität bei den schaffenden Menschen in Frankfurt am Main war auch der Grund, dass sie 1919 in die verfassungsgebende Nationalversammlung der Weimarer Republik [...] gewählt wurde." ( Quelle hier )

Es ist also nicht verwunderlich, dass sie am 19. Januar 1919 unter den 37 Frauen ist, die in Weimar an der Verfassung arbeiten werden. Es ist die erste Wahl gewesen, an der Frauen überhaupt teilhaben durften - 82 Prozent machen davon Gebrauch. Auf den Wahllisten sind sie aber deutlich in der Minderzahl: 308 Frauen gegenüber 1310 Männern!

Für Johanna & Richard Tesch gilt nun ein neuartiges Rollenmodell: Johanna kommt aus Weimar höchstens ein- bis zweimal im Monat kurz nach Frankfurt. Richard übernimmt dort ihre Aufgaben neben seiner Arbeit in der Druckerei, kümmert sich um die beiden jugendlichen Söhne, 20 & 17 Jahre alt, die Wäsche und den Garten, in der Familie nur "Friedhof" genannt.

Doch die beiden führen eine harmonische Ehe, davon legen über dreihundert Briefe Zeugnis ab, die heutzutage im Institut für Stadtgeschichte archiviert sind. Dass sie "die Hosen anhat", zeigt sich allerdings an der Unterzeichnung unter ihren Briefen an Richard mit "Hans". Auch ihr Mann nennt sie gelegentlich so in seinen Zeilen. Richard ist neugierig und nimmt Anteil an der neuen Tätigkeit seiner Frau, stellt also viele Fragen und erhält darauf Antwort, so zum Beispiel über die Stimmung in Weimar: "Die ist sehr gemütlich und ruhig, von den Spartakisten merkt man gar nichts." Und: "Gestern Abend waren unsere Frauen zusammen, ich stehe mich mit den meisten ganz gut..." Sie schildert ihm aber auch ihre banalen Alltagsprobleme: "[...] das Leben hier ist unheimlich teuer.“ So sucht sie sich dort für 6,50 Mark am Tag eine private Unterkunft, da ihr die vom Wohnungsamt zugewiesene mit 8,50 Mark zu teuer ist.

Auch bei der ersten Reichstagswahl 1920 wird Johanna wieder gewählt und vertritt von Juni 1920 bis Mai 1924 den Wahlkreis 21 Hessen-Nassau im Deutschen Reichstag, sie macht jetzt also politisch Karriere in Berlin. 

Die weiblichen Abgeordneten der Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) in der Weimarer Nationalversammlung am 1. Juni 1919,
Johanna Tesch ganz in der Mitte der hinteren Reihe

Die langen Nachtfahrten von dort nach Frankfurt sind anstrengend und oft eine Nerverei: "Der Zug aber blieb die ganze Nacht auf dem Bahnsteig stehen und ist des Morgens fahrplanmäßig um 7.25 abgefahren", und deshalb unternimmt sie sie eher selten. Den im Haushalt auf sich allein gestellten Gefährten versorgt sie deshalb in ihren Briefen mit ganz praktischen Haushaltstipps. So schreibt sie im November 1920: "Ich komme auf jeden Fall Montag früh zurück, und da ich erst Mittwoch Abend weiter fahre, könnte ich doch vielleicht unsere Wäsche wegwaschen. Da müßtest Du dann allerdings vorher einweichen und Dich erkundigen, ob ich in die Waschküche kann." Es gibt für Richard Hinweise zum Pökeln von Gänsefleisch und Sterilisieren von Bohnen, aber auch zum Umgang mit den Absichten der inzwischen ausgebildeten Söhne, die sich eigentlich auf die Walz begeben möchten, was Johanna nicht mehr zeitgemäß findet.

Ihre Arbeit als Parlamentarierin beurteilt Johanna sehr nüchtern. Ihre eigene Stellung innerhalb der Hierarchie der sozialdemokratischen Fraktion sieht sie so: "In der Nationalversammlung sitzen die Größen, darunter auch Quarck und Sinzheimer, ziemlich nach vorne. Die anderen sitzen alle nach dem Alphabet, so daß ich ziemlich nach hinten komme. Das hat aber auch sein Gutes, erstens wird man selbst nicht so viel beobachtet, und zweitens hat man die ganze Versammlung vor sich." Aber auch  schockierende Ereignisse kommen in ihren Briefen vor wie das Blutbad vor dem Parlament anlässlich einer Beratung über ein Betriebsrätegesetz oder der Kapp-Putsch zwei Monate später: "Den Herren Offizieren müssen die Giftzähne ausgebrochen werden. Wenn nur einmal das Proletariat daraus lernen wollte und gemeinsam kämpfen wollte", kommentiert sie da. Auch die Stimmung nach der Ermordung Walter Rathenaus am 24. Juni 1922 bekommt sie hautnah mit und berichtet es nach Hause und ihre Briefe sind damit auch ein Zeitdokument über den Politikbetrieb in Deutschlands erster Republik.

Ihre erste und einzige Rede im Reichstag hält Johanna Tesch in der 347. Sitzung am 5. Mai 1923 zur Situation der meist weiblichen Hausangestellten. In ihrem Beitrag fordert sie eine Beschränkung der täglichen Arbeitszeit auf zehn Stunden und bessere Bildungsmöglichkeiten.

Politisch vertritt Johannna Tesch die Linie der Mehrheitssozialdemokratie, die sich vor allem nach links gegen USPD und KPD abgrenzt und auf die Zusammenarbeit mit den Parteien der Mitte (DDP und Zentrum) setzt. Besonders die Frankfurter Abgeordneten Robert Dißmann und Toni Sender, die früher der SPD, jetzt der USPD angehören, sind öfter Zielscheibe der spöttischen Betrachtungen Johannas in ihren Briefen. Dißmann tituliert sie schon mal als "Hetzapostel".

"Gerade in Johanna Teschs Berliner Zeit als Reichstagsabgeordnete wird der Briefwechsel zwischen ihr und Richard Tesch nach solchen Ereignissen richtig spannend, da sich für den Ehemann immer mehr die Frage stellt, welche Bedeutung für seine Frau das Leben in Frankfurt noch hat", findet Bruni Marx an dieser Stelle.

Bei der nächsten Reichstagswahl 1924 kandidiert Johanna dann auch nicht mehr für einen Abgeordnetensitz. Was ihre Gründe sind, bleibt unklar. Die Briefe zeigen, dass Richard sich oft einsam und niedergeschlagen fühlt und seine Frau vermisst. In ihrem Brief an ihn zum 25. Hochzeitstag im April 1924 äußert sie sich so: "Aber ich freue mich doch, daß ich in künftiger Zeit wieder mehr zu Hause sein werde und mit Dir, mein lieber Pa, ein gemütliches Leben führen kann."

Hans Scheil: "Porträt Johanna Tesch"
(1920er Jahre )
© Hans Scheil, Foto HMF: Horst Ziegenfusz


So richtig gemütlich ist es sicher nicht immer geworden, denn Johanna ist weiterhin politisch aktiv und unterwegs, denn ihre Partei weiß ihr rhetorisches Talent zu schätzen. Also schickt man sie auf Vortragsreisen  im gesamten hessischen Raum, bei denen sie, u. a. auch im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt, über frauenpolitische Themen, über Wohnungsnot, zur Steuerpolitik, zu pädagogischen Fragen spricht. Ansonsten ist die gesamte Familie Tesch in der Sozialistischen Arbeiterjugend, dem sozialdemokratischen Jugendverband und in der Naturfreunde-Bewegung aktiv und nimmt an Wanderfahrten teil, von zentraler Bedeutung, um sich kulturell und politisch auszutauschen. 

1928 und 1930 stellt sich Johanna wieder zur Wahl, erreicht aber, auf die hinteren Listenplätzen gesetzt, kein Mandat mehr. Bis zur Zerschlagung der demokratischen Parteien 1933 engagiert sie sich im Parteivorstand der Frankfurter SPD. Mit der Machtübernahme der Nazis und dem Verbot der SPD verliert Johannas Mann seine Stelle bei der "Volksstimme", so dass neben allem anderen konkrete wirtschaftliche Sorgen das Alltagsleben bestimmen. 

Der jüngste Sohn kann nach dem Auffliegen seiner illegalen Widerstands - Gruppe gerade noch in die Schweiz entkommen. 1935 muss er fluchtartig die Stadt verlassen. Seine Eltern bittet er in einem Brief, ihm warme Sachen in die Schweiz zu schicken. Dort setzt er seine politische Arbeit in einer Emigrantengruppe in St. Gallen fort und heiratet im Dezember 1936 seine Freundin Margot Weyel, mit er schon in Frankfurt zusammengelebt hat und die ihm damit ein Bleiberecht in der Schweiz verschaffen kann, denn sie gilt nicht als Politische.

Johanna hält "Carlemann" über Deckadressen mit Informationen aus Hitler-Deutschland auf dem Laufenden und kann ihn gemeinsam mit ihrem Mann 1937 über einen längeren Zeitraum und 1938 für ein paar Tage in der Schweiz besuchen. Zum Jahreswechsel 1937/38 fährt sie alleine zu ihrem Sohn, ob aus Gründen politischer Aktivitäten, ist umstritten. Im Sommer 1940 wird der festgenommen und ins Gefängnis gesteckt, weil er "Schulungskurse(n), die der kommunistischen Propaganda oder Taktik dienen" abgehalten habe. Im März 1941 wird er dann in einem Arbeitslager für Migranten im Tessin interniert. 

In Frankfurt beginnen in diesem Jahr die harschen Bombardierungen, die Johanna in einem Notizbuch festhält. Aber noch ist das Leben so, dass sie spazieren gehen, Freunde besuchen und in die Innenstadt fahren kann. Im März freuen sich Johanna und Richard über ihr erstes Enkelkind, das in der Schweiz zur Welt kommt. Im Oktober des Jahres wird Frankfurt, darunter auch die Riegerwaldsiedlung von starken Bombardements getroffen. Der mittlere Sohn Wilhelm, der bei der Firma "Voigt & Haeffner" in Frankfurt arbeitet, kommt dort bei diesem schweren Luftangriff ums Leben. Der Luftkrieg bestimmt nun ihr tägliches Leben. 532 Alarme verzeichnet Richard Tesch in seinen Aufzeichnungen.

Die schwerste & folgenreiche Bombardierung kommt aber noch: Am 23. März 1944 wird die Mansarde des Hauses Max-Hirsch-Straße 32 getroffen. Dabei flattern SPD - Flugblätter auf die Straße. Für Richard der Anfang vom Unglück.

Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 ( siehe auch dieser Post ) zieht sich auch langsam eine Schlinge um Johannas Hals, die nie einen Hehl aus ihrer Meinung zu den Nazis gemacht hat. Im Rahmen der "Aktion Gitter", einem reinen Willkürakt der Nazis ( mit dem frau sich durchaus einmal auseinandersetzen sollte ), werden ehemalige Abgeordnete von SPD, KPD und des Zentrums in den Morgenstunden des 22. & 23. August in "Schutzhaft" genommen. Die 69jährige Johanna Tesch ist darunter. Sie kommt zunächst ins Gefängnis an der Klapperfeldstraße. Ihr Mann Richard kann sie dort noch besuchen. Verhört wird sie von der Gestapo in deren Hauptquartier in der Lindenstraße. Am 9. September sieht sich das Ehepaar zum letzten Mal. Briefe werden nach wie vor gewechselt.

Dann wird Johanna am 18. September in das Konzentrationslager Ravensbrück verbracht und dies ihrem Mann mitgeteilt. "Wie mich diese Nachricht traf, kann ich Dir nicht beschreiben." Lange Wochen hört er gar nichts mehr von ihr. Johanna, herz- und nierenkrank, wird als Häftling Nr. 72681 am 27. September 1944 in Ravensbrück vermerkt.

Am 10. Oktober 1944 wendet sich Richard an die Lagerleitung, um sich nach seiner Frau zu erkundigen. Der Lagerkommandant lässt ausrichten: "Ihre Frau befindet sich ganz gesund im Lager Anliegend Vorschrift". ( Diese beiliegende "Vorschrift" betrifft die "Beachtung bei Paketsendungen im Sommerhalbjahr" der Postzensurstelle im KZ - einer von unendlich vielen infamen Versuchen, mit Hilfe bürokratischer Regeln Normalität vorzuspiegeln! ) Immer wieder versucht Richard bei der Gestapo und sogar im Büro des "Führers" selbst, sich für die Freilassung seiner Frau einzusetzen,

Auch zu seinem Geburtstag am 9. November bleibt das erste Mal in ihrem gemeinsamen Leben die Post für ihn aus. Über die letzten, bitteren Lebenstage der Johanna Tesch haben wir über eine Lagerinsassin Kenntnis, die später Folgendes berichtet hat:

"Alt und gebrechlich sehe ich die Siebzigjährige in unserer Baracke 26 stehen, nur mit einem Hemd und einem alten Kleid - fast alles nur Lumpen bekleidet und mit Schuhen, die man nicht Schuhe nennen darf. Unsere Baracke hatte Platz für 300 Personen und dennoch musste sie 1300 beherbergen. Es fehlte uns fast der Platz zum Stehen. Tag und Nacht stand man vor den drei Toiletten Schlange. Um drei Uhr morgens wurde schon zum Appell gerufen, und selbst Johanna Tesch musste, ungeachtet ihres hohen Alters, mit antreten. Wir halfen ihr, wo wir nur konnten, bekleideten und entkleideten sie, richteten ihr Strohlager her, wärmten ihre steif gewordenen Hände - und versteckten sie, wenn es uns eben möglich war. Sie nahm alles geduldig hin und war nur von einem Wunsch beseelt, noch einmal ihre Lieben wiederzusehen. Von Tag zu Tag magerte sie mehr ab, und es war ihr kaum mehr möglich, ihre Arbeitsbaracke zu erreichen. Nur noch wenige alte Frauen waren bei uns, die meisten waren schon ausgesucht und auf Transport geschickt, das heißt vernichtet worden. Es gelang uns oft,-  besonders an den früh dunkelnden Wintertagen - Johanna Tesch vor den prüfenden Augen der SS-Aufseherinnen des Lagers zu verbergen. Obwohl sich viele unserer Kameradinnen für Johanna Tesch einsetzten und sorgten, war es ihr am 10. März 1945 nicht mehr möglich, das Lager zu verlassen. Sie lag auf ihrer harten und verlausten Pritsche und ließ ihre Gedanken nach Hause schweifen. Dann mussten wir ihr Papier und Feder geben, mussten einen Schemel an ihr Lager rücken, und dann begann sie, mit schönen Lettern einen Abschiedsbrief  zu schreiben." ( Quelle hier )


Am 13. März 1945 stirbt Johanna Tesch, durch Unterernährung völlig entkräftet wie 28.000 andere Opfer des KZ Ravensbrück. 

Der Abschiedsbrief erreicht Richard Tesch auf Umwegen über die nach Frankfurt zurückgekehrte Widerstandskämpferin Lore Wolf im August 1945. Er trägt ihn stets in seiner Brieftasche mit sich, bis diese ihm in den 1950er Jahren gestohlen wird. 

Richard Tesch stirbt mit 91 Jahren 1962 in Frankfurt. Carl Tesch überlebt seinen Vater nur um acht Jahre. Nach seiner Rückkehr nach Frankfurt im September 1945 hat er sich dort intensiv der Bildungsarbeit, insbesondere dem Wiederaufbau der Erwachsenenbildung, gewidmet. 

Johanna, Richard und Carl werden vom Magistrat der Stadt Frankfurt mit je einer Ehrenplakette gewürdigt. Zusätzlich wird Johanna mit der Umbenennung des Schulze-Delitzsch-Platzes in "Johanna-Tesch-Platz" geehrt. Außerhalb Frankfurts ist das Gedenken an sie ebenfalls präsent: In Berlin steht ihr Name auf einer der 96 Gedenktafeln für diejenigen Reichstagsabgeordneten, die von den Nationalsozialisten ermordet worden sind, zudem gibt es im Stadtteil Niederschöneweide eine "Johanna-Tesch-Straße". Im Frankfurter Norden ( Bockenheim ) trägt seit 2019 eine Integrierte Gesamtschule ihren Namen. Eine Vorreiterin für ein modernes Frauenbild, die politisch & sozial engagiert ist - das ist doch ein gutes Vorbild für eine Schule, finde ich.

Ein besonderer Dank geht heute an Margit, die mich auf Johanna Tesch aufmerksam gemacht hat! Deren Werdegang hat mich sofort fasziniert, ihr Ende bestürzt.

9 Kommentare:

  1. dein Artikel hat mir jetzt feuchte Augen gebracht
    wie qualvoll mußte dese Frau sterben die so viel Gutes getan hat
    und so viel für die Frauen erreicht hat
    unfassbar
    und da gibt es immer noch Vergleiche von den Coronamaßnahmen mit der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten
    der Lebenslauf dieser Frau zeigt eindrucksvoll dass man auch aus "kleinen" Verhältnissen kommend etwas Großes leisten kann wenn man daran glaubt

    danke für das Portrait

    liebe Grüße
    Rosi

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    1. Ist mir ganz ähnlich gegangen, als ich Margits Zeitungsartikel gelesen habe. Hab dann gleich meine Planung umgeworfen und Johanna Tesch gleich "aufgegriffen".
      GLG

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  2. Du bist brillant!
    Liebe Astrid, Dankeschön. Deine detaillierte, fein formulierte Biografie über Johanna Tesch hat meine Wissenslücke geschlossen. Ein wahrlich faszinierender Werdegang. Wenn ich künftig am Johanna-Tesch-Platz vorbeifahre (schöne Idee, das Foto der Haltestelle), werde ich an diese Great Women denken - und an die Frau aus Köln, die mir ihre Lebensgeschichte beschrieb.
    Kennst Du die Kinderbuchreihe „Little People, Big Dreams“? Ich bin auf der Suche nach einem Buchgeschenk darauf gestoßen und dachte, das ist „Great Women“ für Kinder.
    Herzliche Grüße und eine schöne Oster- und Frühlingszeit wünscht, Margit

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    1. Ja, die kenne ich, doch meine Enkelinnen bevorzugen die "Rebel Girls" - Reihe, sind ja schon was älter 😂
      Danke für das tolle Lob!
      GLG

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  3. Dass Dich das Ende von Johanna Tesch bestürzt hat, kann ich so gut nachempfinden. Wie entsetzlich und ungerecht war es.
    Und sie schreibt unter diesen Bedingungen noch einen Brief zum Abschied.
    Wie gut, dass es noch nicht ganz das allerletzte Ende war:
    Sie und ihre Lebensleistung werden gewürdigt durch ihren Namen auf einem Platz, einer Straße, einer Schule und dass Du sie heute so lebendig beschrieben hast. So ist sie nicht vergessen, auch weil Margit und Du sie kennenlernen wollten - und wir alle hier.
    Soviele Menschen haben durch sie Gutes erfahren und ihre politische Arbeit hat Vielem den Weg gebahnt. Es war nichts umsonst.
    Wenn ich solche Leben lese, dann weiß ich wieder, dass ich in einer goldenen Zeit gelebt habe und lebe und da schließe ich die momentane auch mich mürbemachende Coronazeit ausdrücklich mit ein.
    Danke für dieses bewegende Frauenportrait!
    Herzlichst grüßt Dich, Sieglinde

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  4. Ich habe ernsthaft überlegt, ob meine Uroma und Johanna sich gekannt haben. Als Kinder waren sie wohl Nachbarinnen.
    Eine erstaunliche Frau hat dir Margit da in die Hände gelegt. Und ihr furchtbares Ende bestürzt mich sehr.
    Ich lese deine Porträts immer sehr gerne und kann nur immer wieder staunen wieviel Arbeit du da hinein steckst.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  5. von Helga:

    Liebe Astrid,

    Wieder hast Du eine wunderbare Kämpferin im Geburtszeitraum meiner Großmutter gefunden. Das gefällt mir daran so besonders gut, weil ich noch meine Vorstellungskraft einsetzen kann, wie und warum uns deren Lebensart so anders vorkommt. Der andere Applaus gehört natürlich Dir, unglaublich, daß Du fast jede Woche diese Womens Posts aus dem Ärmel schüttelst. Wo nimmst Du nur die Zeit und Kraft her, so leidenschaftlich und intensiv zu berichten? Das Leben hat ja schließlich noch andere täglich wiederkehrende Baustellen, die es zu meistern gilt.
    Geniesse Ostern so gut die Lage es uns gestattet und sei herzlich gegrüßt von Helga und Kerstin und meiner Schwiegertochter Sandra, die gerne auf Infos von mir wartet.

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    1. Liebe Helga,

      heute habe ich mir diese Biografie durchgelesen. Nachdem es eine Genossin ist, ist mir der Name nicht unbekannt und ich kannte auch ihre Errungenschaften für Bildung und die Gewerkschaft. Schade, dass dieses Wissen viele nicht interessiert und heutzutage jeder als selbstverständlich nimmt.
      Gerade für uns Frauen.

      Liebe Grüße
      Sandra

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    2. Das ist ja klasse, dass ihr inzwischen als ganze Familie diese Posts lest! Ja, es ist wohl so, dass wir hierzulande gar nicht die Frauen kennen, die für uns Selbstverständliches erkämpft und mitunter sehr bitter bezahlt haben. Johanna Tesch hat mich sehr beeindruckt, in vielfältigster Form!
      GLG

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