Donnerstag, 15. Februar 2018

Great Women # 131: Gabriele Münter


Meinen diesjährigen Aufenthalt zu Weihnachten in München habe ich genutzt, um endlich einmal ihre Bilder im Original betrachten zu können, ist sie mir doch als Vertreterin des "Blauen Reiters" schon lange vertraut und einzelne ihrer Bilder ( in Reproduktionen ) habe ich immer wieder eingesetzt, um meine Schülerinnen & Schüler zu eigenen Malereien anzuregen: Gabriele Münter.




Gabriele Münter kommt am 19. Februar 1877 als jüngstes von vier Kindern des Zahnarztes Carl Friedrich Münter und seiner Frau Wilhelmine Scheubler in Berlin zur Welt. Ihre deutsch-amerikanischen Eltern haben sich in den Vereinigten Staaten kennen gelernt, wohin der liberale Vater aus politischen Gründen zu Zeiten des Vormärz ausgewandert ist und dann erfolgreich als Zahnarzt reüssiert hat, während die Mutter schon seit ihrer Kindheit im Land gelebt hat. 1857 hat er "Minna" in zweiter Ehe in Tennessee geheiratet.

1864 erfolgt die Rückkehr nach Deutschland, nachdem der freiheitsliebende Vater im Bürgerkrieg als Südstaatler zwischen die Fronten geraten ist. Mitgebracht haben sie damals ein beträchtliches Vermögen. In Deutschland kommen dann die Kinder August (1865), Carl Theodor (1866) und Emmy (1869) zur Welt. Im Jahr auf Gabrieles Geburt übersiedelt die Familie nach Herford in Westfalen, der Heimatstadt des Vaters, sechs Jahre später nach Koblenz.

Die Familie Münter, Gabriele in der Mitte ( o.Jahr)
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Die Münterkinder genießen eine vom Freiheitswillen ihrer Eltern geprägte Erziehung. Diese fördern auch früh das künstlerische Talent ihrer "Ella", wie Gabriele genannt wird. Die besucht in Koblenz die Evangelische Höhere Mädchenschule am Altlöhrtor, das älteste, nicht-altsprachliche Gymnasium der Stadt. Als 1886 der Vater an einem Gehirnschlag stirbt, muss Gabriele, ohnehin keine begeisterte Schülerin, ein Schuljahr wiederholen. Viel mehr als der Lehrstoff interessiert sie das Zeichnen, insbesondere von Porträts ihrer Mitschülerinnen.

Die Mutter gewährt ihren Kindern auch sonst viele Freiräume, auch den Töchtern, lässt sie sich doch selbst nicht ins Korsett der damaligen wilhelminischen Gesellschaft pressen. Schwimmen, reiten, Rad fahren, Schlittschuh laufen - für all das begeistert sich Gabriele, die als sehr eigenwillig und dickköpfig gilt. Der Tod des ältesten, lungenkranken Bruders mit 22 Jahren dürfte diesen Charakterzug verstärkt haben.

Die Mutter, finanziell unabhängig, erlaubt schließlich der Zwanzigjährigen in Düsseldorf in der Damenkunstschule des Willy Spatz zu studieren ( wie schon so oft in diesen Posts erwähnt, ist "Malweibern" ein Studium an Kunstakademien damals nicht möglich, Ausstellungen nur in privaten Räumen erlaubt ). Doch als auch die Mutter im Oktober des gleichen Jahres 62jährig stirbt, gibt Gabriele die Ausbildung, die sie wohl nicht zufrieden gestellt hat, auf und reist zwei Jahre mit ihrer Schwester Emmy durch Amerika, wo sie Verwandte in Missouri, Arkansas und Texas besuchen.

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Gabriele, sich ihrer Unbeholfenheit im Umgang mit anderen Menschen bewusst und entsprechend schüchtern, ist froh, bei den amerikanischen Verwandten in Ruhe gelassen zu werden. Dort vertieft sie sich in Bücher, spielt Klavier, so eines vorhanden, und füllt Skizzenbuch um Skizzenbuch mit Porträts von Menschen, Pflanzen und Landschaften, denen sie auf ihrer beeindruckenden Reise begegnet.

1899 bekommt sie eine Kodak Bull's Eye No. 2 geschenkt, die leicht zu bedienen ist, und mit der ihr Fotos von beeindruckender ästhetischer Qualität gelingen. Ihre Sichtweise ist originell und weit entfernt von durchschnittlicher Amateurfotografie ( Kenner sind gar der Meinung, mit ihnen weist sie motivisch auf den späteren Walker Evans hin ). Bis zur Rückkehr nach Deutschland im Herbst 1900 entstehen rund 400 Fotos.

Nach ihrer Rückkehr geht Gabriele 1901 zum weiteren Studium nach München, das mit der Gründung der Kunstakademie, des Kunstvereins, der Pinakothek und der pulsierenden Schwabinger Szene zum Kunstmekka des Kaiserreiches geworden ist. "Mein eigentliches Kunststudium begann erst mit 24 Jahren in München, Ostern 1901", schreibt sie in ihren Erinnerungen.

Da ihr als Frau ja die Kunstakademie verwehrt ist, nimmt sie dieses an der Malschule des Künstlerinnen-Vereins auf. Doch die junge Kunststudentin stört alsbald der "damenhafte Zug" in der Gestaltung, so dass sie an die kleine, fortschrittliche Kunstschule "Phalanx" von Wilhelm Hüsgen und Waldemar Hecker wechselt.  Die Ausbildung dort ergänzt Gabriele um einen Akt-Kursus, den sogenannten "Abendakt", ebenfalls an der Phalanx-Schule. Den leitet Wassily Kandinsky - eine Begegnung mit schicksalhafter Tragweite...

Kandinsky ist rund elf Jahre älter, promovierter Jurist, verheiratet mit einer Cousine, mit der er von Russland nach München gezogen ist, um dort Kunst zu studieren, als er auf Gabriele als Lehrer trifft. Er lobt alsbald ihr Talent und ist beeindruckt von ihrer expressiven Linienführung, die die begabte Zeichnerin in ihre Malerei übernimmt:
"Du bist hoffnungslos als Schüler. Man kann Dir nichts beibringen. Alles was ich für Dich tun kann, ist Dein Talent zu hüten und zu pflegen, als guter Gärtner, nichts Falsches dazu kommen zu lassen - Du kannst nur das machen, was in Dir gewachsen ist."
Auch ihr ist schnell klar, dass sie in ihm den richtigen Lehrer gefunden hat, der ihr spezifisches Talent erkannt hat und es fördert, ohne sie dirigistisch einzuengen.
"Das war dann ein neues künstlerisches Erlebnis, wie Kandinsky ganz anders als die anderen Lehrer eingehend gründlich erklärte und mich ansah wie einen bewusst strebenden Menschen, der sich Aufgaben und Ziele stellen kann. Das war mir neu und machte Eindruck."
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Unter seiner Anleitung malt sie ihre ersten Ölbilder.

Kandinsky verliebt sich in seine junge Schü­le­rin, umwirbt sie, und während eines Aufenthalts in Kochel am See, als sie zusammen mit anderen Studenten in der bayerischen Landschaft Freilichtmalerei betreiben, werden sie ein Paar.

Die Beziehung dieses Paares gestaltet sich von Anfang an problematisch: Schon die äußeren Bedingungen sind ausgesprochen konfliktträchtig, denn nach seinem Wunsch muss die Beziehung wegen seiner Ehefrau geheim bleiben. Die Liaison ist von steter Unruhe geprägt, einem ständigen Auf und Ab unterworfen, und Gabriele lässt sich immer wieder vertrösten.

Zwar soll Gabrieles Mutter dereinst gesagt haben, der Ring übergäbe die Bestimmung der Frau an den Mann, doch die sei zur Freiheit geboren, aber ihre Tochter muss schließlich die bürgerliche Ächtung einer "wilden Ehe" in jener Zeit auf sich nehmen und sehnt sich doch nach einer ehelichen Beziehung. Immerhin verlobt man sich 1903 während der Kallmünzer Sommerakademie und schwört sich ewige Treue. Dennoch mag Gabriele nicht voll und ganz Kandinskys Wünschen nachgeben ( "... wenn Du immer ordentlich und brav tust, was ich will, ohne Ermahnung" ), denn bis zur völligen Selbstaufgabe sich einem Mann unterzuordnen, das ist auch nicht ihr Ding.

"Landschaft bei Rapallo" (1905)
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Um vielen Konflikten zu entgehen, unternimmt das Paar ausgedehnte Reisen nach Holland (1904), Tunesien (1904/05), Dresden, Mailand und Paris (1906). 

1905 verbringt das Paar ganze vier Monate in Rapallo, mit Ateliers und Köchin, den Traum von mediterranem Leben und ungestörter Malerei lebend. Es ist die unbeschwerteste Zeit in ihren gemeinsamen Jahren. Dort malt die Künstlerin etwa zwanzig Bilder, die die Küste, den Strand mit Booten und die Häfen von Rapallo sowie von benachbarten Dörfern zeigen.

1908 kauft Gabriele auf Drängen ihres Lebensgefährten von ihrem Erbe ein Haus in Murnau:
"Im Juni 1908 betrat ich auf einem Dreitage-Ausflug von München nach dem Starnberger See und dem Staffelsee zum ersten Mal den Ort, und ich war entzückt. Nirgends hatte ich eine solche Fülle von Ansichten vereint gesehen, wie hier in Murnau, zwischen See und Hochgebirge, zwischen Hügelland und Moos."  
Ab 1909 werden sie dort gemeinsam in den Sommermonaten bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges leben ( den Winter verbringen sie in München, wo Gabriele alsbald auch in Kandinskys Wohnung einziehen kann ).

Murnau gibt den Ausschlag für einen radikalen Umbruch in Gabriele Münters Kunst:
"1908 fand ich hier am Staffelsee in kurzer Spätsommerzeit bei höchstem Arbeitsschwung zu der mir gemäßen Weise von MalereiVon nun an bemühte ich mich nicht mehr um nachrechenbare, 'richtige' Form der Dinge, und doch habe ich nie die Natur überwunden, zerschlagen oder gar verhöhnen wollen. Ich stellte die Welt dar, wie sie mir wesentlich schien, wie sie mich packte."
"Landschaft mit Hütte im Abendrot" (1908)
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Sie vollzieht einen Stilwandel von der impressionistischen Auflösung und Farbzerlegung, angelehnt an die Natur, hin zu einer ausdrucksstarken Farbfeldmalerei, bei der die Farben und Formen der Komposition untergeordnet und die Gegenstände abstrahiert werden. Statt eines schnellen, pastosen Farbauftrages bevorzugt sie jetzt einen trockenen Pinsel und verzichtet völlig auf die Illusion räumlicher Tiefe. Vorbild ist ihr dabei Henri Matisse, mit dem sich die Malerin zuvor intensiv auseinandergesetzt hat. Doch auch schon 1906 in Paris hat sie in den Bildern der Fauves vom Verzicht der beschreibenden Funktion der Farbe erfahren. Immer schon ausdrucksstark in der Linie, verwendet sie nun auch die Farbe als Ausdrucksträger.

Bemerkenswert an ihren Selbstporträts ist hingegen ihre eigenartige Passivität, die der aufregenden Aktivität ihrer Farben gegenüber steht. So radikal Gabriele Münter in ihrer Malerei ist, so unaufdringlich, zurückhaltend und bisweilen unsicher tritt sie als Person auf - da zieht sie sich gerne hinter ihre Bilder zurück ( "Ich habe an vielen Selbstbildnissen zur Genüge erfahren, dass ich ein scheußliches Modell bin." )

"Selbstporträt mit Hut" (um 1909)
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Aus der ober­baye­ri­schen Gemeinde heraus verän­dert die Malerin aber nicht nur ihren eigenen Malstil, sondern auch die Kunst ihrer Zeit nach­hal­tig: Mit Kandinsky an ihrer Seite arbeiten in Murnau außerdem Alexej Jawlensky und Mari­anne von Weref­kin ( von der sie das berühmt gewordene Porträt malt ). Hier entsteht die "Neue Künst­ler­ver­ei­ni­gung München" (N.K.V.M.).  Hier, im "Russenhaus", empfängt das Paar viele weitere Besu­cher, darunter Samm­ler, Kriti­ker und Maler­freunde wie Franz Marc, August Macke oder den Kompo­nis­ten Arnold Schön­berg. Das Haus wird so zum Mittelpunkt der Münchner Avantgarde.

Berühmt ist die "Kahnfahrt" von 1910, die einen Sommertag am Staffelsee zum Thema hat:

Im Bildmittelpunkt steht Kandinsky aufrecht im Heck des Bootes. Hinter ihm ein Gebirge, unter ihm der See. Er dominiert die kleine, im Boot sitzende Gruppe aus Marianne von Werefkin und Andreas Jawlensky, Sohn von Alexej. Mit dem Rücken zum Betrachter sitzt Gabriele Münter, die Ruder in der Hand.

"Stilleben in der Trambahn
(Nach dem Einkauf )"
(1912)
Nach Unstim­mig­kei­ten zwischen Kandinsky und der N.K.V.M. gründet er mit Gabriele zusammen und Franz Marc 1911 die avantgardistische Expressionistengruppe "Der Blaue Reiter". Innerhalb dieser variieren die künstlerischen Ansätze, aber alle Beteiligten eint der Wunsch, spirituelle Wahrheiten in ihrer Kunst auszudrücken. Der "Blaue Reiter"- allerdings mehr Bezie­hungs­netz denn echte Gruppe - orga­ni­sie­rt auch Ausstel­lun­gen und publi­zie­rt unter ande­rem den gleichnamigen Alma­nach.

Obwohl sie offi­zi­ell nicht zu den Mitbe­grün­de­rin­nen der Künst­ler­ver­ei­ni­gung gezählt wird ( sie unter­schreibt "aus Beschei­den­heit", wie sie selbst sagt, nicht das Mani­fest),  ist Gabriele dennoch maßgeblich in die Arbeit des Blauen Reiters involviert, denn sie arbei­tet an der Konzep­tion für den Alma­nach & der Organisation der Ausstel­lun­gen. Ihr ist bewusst, dass sie in den Augen der anderen als das Anhängsel des charismatischen Russen angesehen wird, was ihr durchaus zu schaffen macht:
"Ich war in vieler Augen doch nur eine unnötige Beigabe zu Kandinsky. Daß eine Frau ein ursprüngliches, echtes Talent haben und ein schöpferischer Mensch sein kann, wird gern vergessen", schreibt sie dann 1926. 
Wie bei so vielen Künst­ler­grup­pen und Paare jener Tage beendet der Erste Welt­krieg auch diese fruchtbare Syner­gie:

"Stillleben mit Kerzenleuchter"  (1917)
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Als der Krieg ausbricht, muss Kandinsky als Russe nämlich Deutschland verlassen. Er und Gabriele emigrieren zunächst gemeinsam in die Schweiz. Schließlich kehrt Kandinsky im November nach Russland zurück. Der spätere Lebensgefährte & Münter-Biograph Johannes Eichner schreibt dazu: "Die Eheschließung versprach er ihr hoch und heilig."

Die Malerin selbst zieht über Dänemark nach Schweden, um im neutralen Ausland auf Kandinsky und die versprochene Eheschließung zu warten. Man bleibt in regem Briefkontakt und trifft sich sogar Weihnachten 1915 in Stockholm, wo der Maler bis zum 16. März 1916 verbleibt.

Das Paar in Stockholm
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Sie werden sich danach nie wieder sehen. Kandinsky reagiert auch nicht mehr auf die Briefe seiner Verlobten, die sogar eine Suchmeldung nach ihm aufgibt. 1917 heiratet er in Russland stattdessen Nina Andrejewski.

Gabriele ist am Boden zerstört, als sie das 1920 über Dritte erfährt, und gerät in eine jahrelange Lebens- und Schaffenskrise.

Während der Kriegsjahre ist auch ihr Erbe empfindlich geschrumpft, sie muss ein Grundstück in Berlin verkaufen und in Murnau Sommergäste aufnehmen. Für Gabriele beginnt eine unstete Zeit voller Selbstzweifel, ohne festen (Wohn-) Bezugspunkt, ohne eigenes Atelier, ohne Künstlerfreunde und später dann der Auseinandersetzungen mit Kandinsky um seine in München verbliebenen Werke. Dieser ist inzwischen übrigens nach Deutschland zurückgekehrt und hat 1922 eine Tätigkeit am Weimarer Bauhaus aufgenommen.

Kandinsky "Murnau - Schloss und Kirche"
(1910) - mein Lieblingsbild des Malers
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Die gemeinsamen letzten fünf Jahre ihrer Beziehung stellt er nun als Leidenszeit dar und gibt Gabrieles Schwächen die Mitschuld am Scheitern ihrer Beziehung. Sie revanchiert sich und schreibt ihm 1922 einen vierzigseitigen Brief voller Wut: "Deine Entwicklung hast du an meiner Seite durchgemacht und die Höhe der Werke Deiner 'Unglücksjahre' 1909 bis 1914 erreichst Du nicht mehr."

In seinem Selbstverständnis ist er, Kandinsky, der Erfinder der Abstrakten Kunst und ihm ist bewusst, dass ihm damals in Murnau etwas epochal Neues gelungen ist, was nicht mehr reproduzierbar ist. ( Auch ich halte seine ersten expressionistisch abstrakten Bilder für seine besten und finde sie emotional am ergreifendsten und farblich einfach grandios. ) Deshalb kämpft er um die Rückgabe. Und die Münter weigert sich beharrlich. Schließlich muss er ihr 1926 nach einer Gerichtsentscheidung einen Großteil der zurückgelassenen Werke lassen.

Gabriele Münter hat 1925 auch erstmals nach sechs Jahren wieder ausgestellt, eine Wanderausstellung, beginnend in Köln mit sechs weiteren Stationen in Deutschland. 1926 belegt sie auch wieder einen Kurs in der Berliner Malschule von Arthur Segal in Berlin ( vergleiche auch mit diesem Post ). Doch noch 1927 notiert sie in ihr Tagebuch, dass sie sich immer noch bei lebendigem Leibe begraben fühlt:
"Ohne Hilfe kann ich nicht diese schwere Schicht durchbrechen und blühen. Jemand muss kommen und aufkratzen und wegschaufeln, dass es wieder wachsen und leben kann."
Da ahnt sie noch nicht, das alsbald jemand zum Aufkratzen kommen wird:
"Am Silvesterabend 1927, auf einer heiteren Gesellschaft bei dem Maler und Kunstwissenschaftler Dr. Hermann Konnerth, bahnte sich für Gabriele Münter ein Wandel des Schicksals an. Vorausgeahnt und bestimmt erwartet, wie das Tagebuch verrät, begegnet sie hier einem Manne, an dem sie alles fand, was sie brauchte, und mit dem sie bis zum heutigen Tage in glücklicher Symbiose verbunden ist."
Porträt von Johannes Eichner
(ca. 1930)
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So beschreibt der neun Jahre jüngere Dr. Johannes Eichner, Philosoph & Kunsthistoriker, konservativer Einzelgänger, der sein Geld als Journalist verdient, seine Erinnerung, der sich nun anschickt, die Malerin zu retten.

Er animiert sie zum Weitermalen, nachdem er ihre Gemälde in einer Ausstellung des "Blauen Reiters" gesehen hat ( "Der Mörder des Erfolgs ist der Zweifel" ), kritisiert ihren Stil aber auch unerbittlich, kümmert sich um alles Geschäftliche, da bewandert im Kunsthandel, und sorgt letztendlich dafür, obwohl dort alles emotional belastet ist, dass das Murnauer Haus nicht verkauft wird. Sie entwickeln eine eigne Lebensform des selbständigen Miteinanders, streng ritualisiert, mit genügend räumlicher wie emotionaler Distanz, um ihre platonische Beziehung zu wahren.

Nach gemeinsamen Reisen 1930 nach Paris, Savoyen, in die Provence, nach Marseille und Sanary, die Gabriele wieder zum Malen motivieren, beziehen sie im Jahr 1931 darauf gemeinsam das "Russenhaus", werden aber zeitlebens beim "Sie" bleiben. ( Ein Gemälde des Hauses aus jenen Tagen ist hier zu sehen. )

Doch die Zeiten sind nicht günstig für die Malerei der Gabriele Münter: Auf einer weiteren Wanderausstellung ab 1933 mit sieben Stationen in Deutschland ist sie mit ihrer Kunst noch vertreten, doch mit dem Nationalsozialismus beginnt eine Ära, in der die einst so gefeierte Moderne als "entartet" abgestempelt wird. Sie wird trotzdem Mitglied der "Reichskammer der bildenden Künste" und bemüht sie sich um Anpassung an das Stildiktat. Eichner versucht auch,  die Rezeption ihrer Werke dahingehend zu steuern, dass er sie zur naiven, volksnahen Malerin stilisiert, was ihm aber misslingt. Der Mann an Gabrieles Seite stellt sich nicht gerade als ihr Seelenverwandter heraus, ist keine Künstlerseele, weiß eben nicht, wie gute Bilder zustande kommen, sondern ist einer, der auch kapitalistisch denkt und gegen das Vergessen der Münter in der Kunstwelt an arbeitet.

In jener Zeit entsteht eines meiner liebsten Bilder der Gabriele Münter ( welches ich nun endlich im Original betrachten konnte ), ein Werk der inneren Emigration, in dem sie der Welt den Rücken kehrt:

"Frühstück der Vögel" (1934)
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Trotz allem gelingt also der Malerin ( mit dem dienstbaren Eichner im Gefolge ) mit neuem Schwung neue Malerei! Schließlich und endlich produziert sie mehr als hundert Gemälde jährlich, Landschaften und Blumenstillleben, Bauernkinder. Doch der Verkaufserfolg bleibt, trotz größerem Realismus, aus, und sie muss sehr bescheiden leben. Es kommt zu einer Krise in der Beziehung, denn Gabriele rechnet sich in München bessere Chancen aus.

Daraufhin ergreift Eichner die Initiative, lässt das Haus renovieren und komfortabler machen: Ein Badezimmer wird angefügt und installiert, eine Veranda gebaut und das ganze Haus heizbar gemacht. Als Ausgleich für die gesamten Umbaukosten geht es im Juli 1936 in sein Eigentum über mit Nießbrauchrecht für Gabriele Münter. Die Malerin gibt nun alle Umzugspläne auf und kehrt - wie er es formuliert - "von allen Reisen hierhin zurück."

Eichner ist es dann auch, der 1936 das in München verbliebene Kandinsky-Depot vor dem Zugriff der Nationalsozialisten rettet und die mehr als neunzig Bilder und Blätter im sicheren Keller des Murnauer Hauses unterbringt & verwahrt ( und vermag sie dann auch bei Kriegsende vor den amerikanischen Besatzern zu verbergen ).

"Der blaue Bagger
(Baustelle an der Olympiastraße nach Garmisch)"
(1935–37)
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Zu ihrem 60. Geburtstag hat Gabriele Münter noch eine Ausstellung in Herford, eine im Münchner Kunstverein und eine in Stuttgart. Dann erhält sie von den Nationalsozialisten Ausstellungsverbot, auch ihre Kunst wird als entartet gebrandmarkt. 1938 zieht sich das Paar ganz aus der Kunstwelt zurück. Ihr letzter öffentlicher Auftritt ist eine kleine Präsentation in einer Murnauer Buchhandlung.

Zuvor hat sich die Malerin noch mit zwei Bildern für die Ausstellung "Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst" beworben. Doch schließlich hat auch Eichner begriffen, wohin die Reise geht, und seine Gefährtin nicht mehr weiter zur Anpassung gedrängt, im Gegenteil: Jeder Wirbel um ihre Person wird nun vermieden, auch in Anbetracht des Kunstschatzes im Keller. Sie bleibt eine stille Außenseiterin im Ort, in dem der Nationalsozialismus großen Einfluss hat. Und die kargen finanziellen Mittel, die dem Paar zur Verfügung stehen, lassen sie die harten Kriegs- und Nachkriegszeiten schwer überstehen.

Gabriele malt aber weiter, oft auch nach Vorschlägen "des kleinen Opa, der an alles denkt", um bei vielen so entstandenen Werken dann zu denken: "Kein Münter, eher ein Eichner".

"Stilleben mit Ostereiern" (1955)
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1949, nach der Ausstellung "Der Blaue Reiter und die Kunst des 20. Jahrhunderts" im Haus der Kunst in München, kann sie nach einer Durststrecke von dreißig Jahren wieder Bilder verkaufen. Ihre künstlerische Bedeutung ist ihr dennoch nicht bewusst, obwohl sie Deutschland 1950 auf der Biennale in Venedig vertritt.

Eichner erreicht auch eine Retrospektive ihres Werkes mit 22 Stationen in Deutschland, so dass ihre Rolle als eine der Vorreiterinnen der Moderne wieder einem breiteren Publikum hätte deutlich werden können. Der nun 73jährigen verschafft dieses Ereignis einen letzten Schaffensimpuls. Fünf Jahre später ist sie auf der ersten Documenta in Kassel, die deutsche Kunst der Jahre 1905 -55 dokumentiert, mit einigen Werken vertreten.

Zu ihrem 80. Geburtstag 1957 überlässt Gabriele Münter schließlich eigene Bilder sowie 88 Ölbilder und weitere Werke von Kandinsky und anderen Mitgliedern des "Blauen Reiters" der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München. Der Malerin verleiht man das Große Bundesverdienstkreuz, die Goldene Ehrenmünze der Stadt München und die Ehrenmedaille der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Im gleichen Jahr wird Eichners Buch "Kandinsky und Gabriele Münter. Von Ursprüngen moderner Kunst" veröffentlicht, welches das Münter - Bild nachhaltig prägen wird. Kurz darauf stirbt Johannes Eichner im Januar 1958 an einem Hirnschlag. Die Künstlerin fertigt ab da nur noch kleine Arbeiten auf Papier und lebt sehr zurückgezogen. 

1957
Source: dpa
Die erste Präsentation ihrer Kunst in den USA im Jahr 1960 erlebt die Malerin noch. Am 19. Mai 1962 stirbt sie, 85jährig, in ihrem Haus in Murnau. Sie wird neben ihrem Lebensgefährten in Murnau bestattet.

Die von ihr verfügte "Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung", die ihren gesamten künstlerischen Nachlass und Briefwechsel enthält, geht ebenfalls an das Münchner Lenbachhaus. Der Anerkennung ihrer eigenen künstlerischen Leistung schadet sie damit mehr, als ihr lieb sein kann, denn dadurch wird die verbreitete Wahrnehmung der Gabriele Münter als bloße Gefährtin eines großen Mannes weiter zementiert ( auch Eichners Buch hat ja schon Münters Abhängigkeit von Kandinsky über Gebühr betont ). Ihre Briefe und Tagebücher werfen hingegen ein ganz anderes Licht auf ihren Charakter, denn sie zeigen wie ernsthaft & selbstkritisch sie stets die eigene Arbeit reflektiert hat.
"Ich habe Fehler begangen gegen mich selbst und meine Natur ... weil ich den anderen und seine Wünsche höher stellte als mich selbst und meine inneren und äußeren Notwendigkeiten!
Selbst im Ausstellungskatalog zu ihrem 75. Geburtstag tut sie ihre Minderwertigkeitsgefühle öffentlich kund: "Ich gab mir keinen Wert neben ihm."

Erst seit den 1990er Jahren wird das Werk der Gabriele Münter einer grundlegenden Neubewertung unterzogen, nachdem Kunsthistorikerinnen erkannt haben, dass die Festlegung auf den Gegenpart zum berühmten Wassily Kandinsky den eigentlichen Blick auf eine eigenständige Künstlerpersönlichkeit gründlich verstellt hat.

Wer sich selbst ein Bild machen will: Die Ausstellung in München ist noch bis zum 8. April 2018 zu sehen, dann zieht sie weiter nach Humblebaek bei Kopenhagen ( 3.5. - 19.8.2018 ) und nach Köln ( 15.9. 2018 - 13.1.2019 ). Ich kann es nur empfehlen...





Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen ausführlichen Beitrag. Ich hoffe, ich schaffe es noch in die Ausstellung nach München. Im Münterhaus in Murnau bin ich öfter (u.a. hier https://junischnee64.blogspot.de/2017/07/sommerzeit-urlaubszeit.html), ich liebe es. Herzliche Grüße, Christine

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  2. Und wenn man schon in München ist, lohnt der kleine Abstecher nach Murnau, ich finde es auch etwas Besonderes durch das Russenhaus zu wandeln. Lg Anja

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  3. Hach, wieder wunderbar! Du bist und bleibst mein liebstes Blog- Bildungsinstitut!!
    Danke und schönen Tag!
    lieben Lisagruß!

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  4. Liebe Astrid,
    ein Post ganz nach meinem Geschmack. Mit Gabi Münter bin ich vor so vielen Jahren schon bekannt geworden und schon immer hat mich diese Frau fasziniert.
    Ihre ganze Geschichte und auch ihre Liebe und Enttäuschung zu Kandinsky.

    Das Blaue Haus in Murnau, war schon zweimal mein Ziel und sollte ich wieder einmal Urlaub im "Blauen Land" machen, werde ich mir ihr Haus wieder ansehen.

    http://rundumludwigsburg.blogspot.de/2016/07/der-blaue-reiter.html

    Es gab ein Zusammentreffen mit Nina Kandinsky, die 1970 in ihrem Haus in der Schweiz Opfer eines Raubmordes wurde, mit Gabriele Münter.

    Welch ein Zusammentreffen, hier die wunderbare "einfach" Frau, die mit Würde hier agierte und daneben eine ganz andere Frau Kandinskiy. Darüber gibt es auch ein Buch.
    Ich muß jetzt aber erst mal suchen.

    Mit ganz lieben Grüßen Eva,
    die deinen Theaterpost sucht

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  5. PS. das frühstück der vögel habe ich als kleines Bild bei mir hängen.
    wäre auch etwas für adreas eye poetry gewesen.

    LG Eva

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  6. Zu gerne haben die Batikfrauen damals in meinen Kursen Münter-Motive als Vorlagen genommen! Zum Lesen werde ich nach der Renovierung noch einmal zurück kommen... LG Ulrike

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  7. ich hab ja schon auf sie gewartet!!
    seit ich mitte der 1980er jahre ihre werke kennengelernt und mich auch mit ihrer biographie beschäftigt hatte*, war ich höchst verärgert und bin sogar heute noch sauer auf kandinsky... aber so ist es halt mit den meisten herren künstlern damals gewesen. heute vielleicht des öfteren auch noch.
    ich bin sehr froh, dass ich schon zweimal im lenbachhaus war und auch im "russenhaus" auf ihren spuren wandeln konnte. damals wäre ich am liebsten dort sofort eingezogen!!
    das wunderbare "frühstück der vögel" habe ich leider noch nicht im original gesehen, ich mag es auch total gerne.
    liebe grüße
    mano
    *ich hätte gern meinen damaligen vortrag über sie nochmal gelesen, aber leider ist er verschollen.

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  8. Hach, da ist er ja endlich, der Münter-Post!
    Wunderbar hast Du es zusammengefasst das lange und komplizierte Leben von Gabriele Münter. Immer wieder sich selbst in den Schatten stellend oder in den Schatten gestellt werdend... das hat viel Platz darin.
    Umso begeisternder ihre ausdrucksstarken und aussagestarken Bilder. Sie im Original zu sehen, hat mich sehr beindruckt. Mich hat es in der Ausstellung richtig stolz gemacht, dass eine Frau dieser Zeit "so" malen kann!
    Eine sehr lesenswerte Biografie über ihr Leben und Werk möchte ich noch empfehlen:
    Dumont Verlag, Karoline Hille
    "Gabriele Münter Die Künstlerin mit der Zauberhand"
    Sehr achtsam geschrieben und voll Sachverstand. Ich habe es verschlungen...
    Herzlichst, Sieglinde

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  9. Aus heutiger Sicht ist es ja eine der wenigen Frauen/Malerinnen, die "es geschafft haben", anerkannt und bekannt sind. Aber für sie selbst war es auch kein leichter Weg. Persönlich kann ich mit Kandinsky nichts anfangen, da berührt mich gar nichts, bei Gabriele Münter schon.
    Liebe Grüße und wie immer ein Dankeschön.

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    1. Schade, Kandinsky ist für mich der größte Colorist, und der Einzige unter all den Künstlerpaaren, die ich kenne, dem ich in Bezug auf seine Malerei während der Blauen-Reiter-Phase den Vorzug gegenüber der Partnerin gebe.
      LG

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    2. Bei allem, was er vor 1910 gemalt hat, schließe ich mich dir an. Aber aus heutiger Sicht sind ja erst die späteren Werke so "berühmt" und machen auch die große Mehrzahl seiner Bilder aus.

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  10. Wie gut, dass in Münters Fall eine Neubewertung ihres Werkes und ein anderer Blick auf die Kunstgeschichte eingeläutet wurde.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  11. Ein großartiges Portrait, Astrid, danke dafür! Die Ausstellung in München werde ich mir sicher anschauen.
    Liebe Grüße
    Sabine

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  12. Das war jetzt wieder eine schöne Lesezeit bei dir. Und ich hoffe dann mal auf Köln, um mehr von ihr zu sehen. Im Oktober bin ich wieder in Goslar, von da aus ist's ja nicht weit. Vor Jahren gab es eine Ausstellung in Berlin zum.Blauen Reiter, da habe ich was von ihr gesehen. In meiner Kunstbibliothek habe ich auch was... Aber du hast sie mir jetzt noch viel näher gebracht... Danke. LG Ghislana

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  13. Ich habe mich schon gefreuet auf die Münter, die ich sehr mag. München schaffe ich nicht mehr, aber Köln wird drin sein.
    was mich bei der Müntere erstaunt, ist schon, dass sie obwohl so freiheitsliebend erzogen und mit mehr Möglichkeiten ausgestattet als andere Frauen ihrer Zeit, doch sich oft so weit im Selbstwertgefühl tief angesiedelt hat. Allein das Nichtunterzeichnen des Manifestes?! Warum?
    Auf der anderen Seite ist es wohl nur mit solcher Empfindsamkeit möglich diese Bilder zu schaffen.Und oft überlege ich bei Biografien dieser Zeit, wie hätte ich mich verhalten?
    Danke für diesen Beitrag.
    Viele Grüße, Karen

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  14. DANKE für dieses wunderbare Portrait!
    Liebe Grüße
    Christine

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  15. Vor 30? Jahren im Lenbachhaus war ich geplättet und verknallt in Münter und Jawlenskys Bilder. Und nun Dein wie immer ausführlichster Bericht, ach danke! Lieben Gruß, Eva

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  16. wieder eine starke Frau
    die den "Rücken" ihres Partners stärkt und dafür (fast) keine Anerkennung erfährt ..
    aber irgendwie schon beeindruckend was in der damaligen Zeit für Künstler hervor gebracht wurden (Maler.. Poeten ..ect.) in beeindruckender Zahl
    so was kann man doch heute suchen ..
    danke für deinen Bericht

    liebe Grüße
    Rosi

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