Donnerstag, 9. Mai 2019

Great Women # 180: Anni Albers

"Schon wieder Bauhaus? Schon wieder eine Berliner Jüdin?", mag jetzt manche Leserin stöhnen. Aber wie ich schon öfter schrieb, konnte einem Mädchen in wilhelminischer Zeit nichts Besseres passieren, als ins bürgerlich-jüdische Milieu hineingeboren zu werden, denn dort sind viele, viele Mädchen in ihren Begabungen gefördert und nicht einzig auf die Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet worden, konnten also die Chance nutzen, eigene Ziele zu verfolgen. Und dann provoziert mich der diesjährige Hype ums Bauhaus immer wieder, den Blick zu erweitern, der doch manchmal arg auf das männliche Personal eingeengt ist. Anni Albers hat nun lange genug im Schatten ihres berühmten Mannes gestanden, finde ich.

"Wenn ein Werk aus Fäden gemacht ist, 
hält man es für Handwerk; 
wenn es auf Papier ist, 
gilt es als Kunst"


Anni Albers kommt als Anneliese Elsa Frieda Fleischmann am 12. Juni 1899 in Berlin zur Welt. Sie ist das erste Kind der 22jährigen Antonia "Toni" Ullstein, jüngste Tochter des Begründers der deutsch - jüdischen Verlags-Dynastie gleichen Namens, Leopold Ullstein. Annis Vater ist der drei Jahre ältere Siegfried Fleischmann, seines Zeichens Möbelfabrikant. Das Kind wird protestantisch getauft. Da das Mädchen mit einer genetisch bedingten Missbildung der Füße geboren wird ( Morbus Charcot-Marie-Tooth ), ist sie in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt und bleibt von anderen Kindern eher isoliert. Ein Jahr nach ihr kommt die Schwester Lotte Maria geboren, neun Jahre später noch ein Bruder, Hans, zur Familie dazu.

Meineckestr. 7 heute
CC0 1.0
Die Kinder wachsen in einer luxuriösen Berliner Wohnung  in der Meineckestraße 7, in der Nähe des Ku'damms gelegen, auf. Die Wohnung hat neun Zimmer, und eines davon bleibt der sensiblen und eigenwilligen Anni für ihre Malereien reserviert. Der Vater liebt die Kunst und und nimmt sie zu den Ausstellungen der Berliner Secession mit, wo Anni das einzige Kind ist. So entwickelt sie schon in sehr jungen Jahren  eine Offenheit für visuelle Eindrücke und zeigt sich empfänglich für Schönheit aller Art. Als sie entsprechende Ambitionen entwickelt, nimmt der Vater das ernst, und Anni bekommt privaten Kunstunterricht, auch noch, als sie ein öffentliches Lyzeum besucht. Von einer irischen Gouvernante lernt sie zudem gut Englisch.

Ab 1916 erhält sie Unterricht durch Martin Brandenburg,  einem Maler des Impressionismus und des Symbolismus ( und Schöpfer der fantastischen Stollwerck-Schokoladenbilder ). Anni selbst fühlt sich aber eher vom expressionistischen Stil angezogen.

1919 reist sie sogar mit ihrer Mutter nach Dresden, um dort Oskar Kokoschka ein Porträt in seiner Manier gemalt vorzustellen und eine Zulassung an der Dresdner Akademie für Malerei zu erhalten. Doch Kokoschka fragt nur: "Warum malen Sie?" "Das war's dann", wird sie später diese demütigende Situation kommentieren.

Einige Wochen später erlebt das junge Mädchen ein weiteres Desaster, als sie sich in der Hamburger Kunstschule vorstellt, denn dort landet sie nur in einem Kurs für Stickerei. Sie harrt dennoch aus, bis ihr eine Broschüre über das Weimarer Bauhaus, gerade erst gegründet, eine neue Perspektive eröffnet: Auf dem Titel ist ein Holzschnitt von Lyonel Feininger, eine Kathedrale im Stil des deutschen Expressionismus, abgebildet. Das wäre eher etwas, findet Anni.

Unter Protest ihrer Eltern zieht sie ab nach Weimar, um dort den "den verführerischen Luxus ihrer Jugend gegen ein karges gemietetes Zimmer mit auf einmal pro Woche begrenztem Badezimmerzugang einzutauschen" ( Nicholas Fox Weber hier ). Dort will sie ihre Ausbildung abschließen und bildende Künstlerin werden.

Doch auch hier wird sie erst einmal abgelehnt - kein Wunder, dass Anni manchmal als schwierig beschrieben wird! So viel Gegenwind muss frau erst mal verkraften! Nicholas Fox Weber, der sie in den Staaten kennenlernt, schreibt in "The Bauhaus Group": "The Anni I knew saw her life as a series of hard challenges in which she was perpetually butting her head against disapproval." Und diese Sichtweise auf sich selbst wird bis in ihr hohes Alter so bleiben...

Obwohl Anni sich am Bauhaus auf sich allein gestellt fühlt, findet sie Halt & Unterstützung bei Ise Bienert, Tochter der Dresdener Mäzenin Ida Bienert, die einen ähnlichen sozialen Hintergrund hat und die Anni mit einem der ältesten Studierenden am Bauhaus bekannt macht, der ihr beim zweiten Anlauf zur Aufnahme verhilft: Josef Albers.

1923
Im April 1922 beginnt die nunmehr fast 23jährige Anni mit der Grundlehre, anschließend mit dem Vorkurs bei Johannes Itten. Dann probiert sie sich aus in der Metallwerkstatt, der Malerei und schließlich in der Textilwerkstatt. Obwohl Gründungsdirektor Walter Gropius einstmals die Gleichbehandlung der Geschlechter als Maxime ausgegeben hat - trotz all dieser Rhetorik ist das Bauhaus keineswegs ein Paradies der Gleichberechtigung: Frauen werden gerne der Textilwerkstatt zugeteilt, wo die Arbeitsbedingungen zu diesem Zeitpunkt auch noch alles andere als ideal sind:
"Weben? Weben hielt ich für zu weibisch", wird Anni später über ihre Lehrjahre am Bauhaus sagen. "Ich war auf der Suche nach einem richtigen Beruf. Und so fing ich ohne Begeisterung mit dem Weben an, da ich mit dieser Wahl nun einmal am wenigsten Anstoß erregte... Es gab keinen richtigen Lehrer für Textilarbeit. Zu Beginn lernten wir überhaupt nichts. Wir saßen einfach da und haben probiert. Nach und nach begannen die Fäden meine Fantasie zu wecken.“ ( Quelle hier )
Einen Grund, warum sich Anni der Weberei zuwendet, sieht Nicholas Fox Weber allerdings auch in der durchaus gebrechlichen Konstitution der jungen Frau, ihrer Muskelatrophie, hervorgerufen durch  ihre genetisch bedingte Beeinträchtigung. Beim Weben kann sie schließlich sitzen.

Trotz aller Unzulänglichkeiten an der Schule gefällt Anni der radikal innovative Unterricht am Bauhaus, dieses Tasten und Probieren, dieses Experimentieren, dieses Aufgreifen von Chancen, wie sie es später beschreiben wird, und es entstehen nach kleinen "Farbfeldern" erst Kissenbezüge und dann Wandbehänge mit den für sie so typischen Motiven, die strikt auf geometrische Grundformen zurückgeführt werden. Sie arbeitet auch in der Färberei und veröffentlich erste Aufsätze zu ihrem Metier. Die Beschränkung durch das Handwerk eröffnen ihr neue Möglichkeiten, die ihr einen Durchbruch in ihrer künstlerischen Entwicklung bringen..

Das gemeinsame Gefühl von Außenseitertum am Bauhaus verbindet die junge Frau mit dem großbürgerlichen Hintergrund alsbald immer mehr mit dem elf Jahre älteren, als Volksschullehrer ausgebildeten Josef Albers, der am Bauhaus auch unterrichtet, und der von Gropius ebenfalls nicht immer einfühlsam behandelt worden ist.
Josef, einziger Sohn eines katholischen  Anstreichers, am 19. März 1888 in Bottrop geboren, hat eine Lehrerausbildung gemacht und von 1908-13 als Volksschullehrer in dieser Stadt  u.a. Orten gearbeitet. Aber er interessiert sich auch für Kunst, malt 1913 sein erstes abstraktes Bild à la Mondrian, und verlässt den Schuldienst, um an der Königlichen Kunstschule in Berlin sowie der Kunstgewerbeschule in Essen zu studieren.  1919/ 20 bildet er sich dann an der Kunstakademie in München bei Franz von Stuck weiter, um anschließend den obligatorischen Vorkurs am Weimarer Bauhaus bei Johannes Itten, dem Begründer der Farbtypenlehre, zu besuchen. Nach Abschluss desselben bewirbt er sich für das Studium der Glasmalerei. Da diese Werkstatt aber gerade mangels Studenten geschlossen worden ist, will ihn Gropius in die Werkstatt für Wandmalerei stecken. Das passt Josef Albers gar nicht und als rebellischer Autodidakt fertigt er Probestücke an, die so ganz anders sind als die übliche Glasmalerei. Zudem macht ihm die westfälischen Schulbehörde Ärger, denn einstmals hat er versprochen, dass er nach einem Jahr auf seine Lehramtsstelle zurückkehren würde, um  überhaupt eine Freistellung und ein Stipendium für sein Jahr am Bauhaus zu bekommen... 
Als Josef Albers seiner jungen Kommilitonin auf der Weihnachtsfeier des Bauhauses einen Druck von Giottos "Flucht nach Ägypten" schenkt, verliebt sich Anni endgültig in den "hageren, halb verhungerten, asketischen Westfalen mit unwiderstehlichen blonden Haaren", wie sie später erzählen wird.

Anfang 1925 muss das Bauhaus nach Dessau umziehen ( siehe auch dieser Post ), und Josef wird nach abgeschlossener Ausbildung Bauhausmeister und Leiter des Vorkurses - eine solide Basis, um sich zu verehelichen.

Anni, die ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter hat, deren großbürgerlichen Werte sie zumindest uninteressant findet, wenn sie nicht gar abgestoßen bis verärgert ist über die Extravaganzen der Ullstein - Sippe ( und was ihr ganzes Leben so bleiben wird ), muss bei ihrem ersten gemeinsamen Besuch mit Josef in ihrem Elternhaus feststellen, dass a) die Eltern ihn von Anfang an ins Herz schließen und ihm sogar antragen, er könne zu ihnen kommen, wenn er mit ihrer komplizierten Tochter nicht klar käme und b) Josef selbst mit der Familie gut zurechtkommt, die so einen ganz anderen Geschmack hat als er. Ja, er ist geradezu begeistert und beeindruckt von dieser neuen Welt der Großbourgeoisie, die ihm, dem Kind der Unterschicht, so neu ist, wie es das Bauhaus zu Anfang auch war. Die Fleischmanns stört die Herkunft aus einer anderen gesellschaftlichen Schicht überhaupt nicht, ist ihr künftiger Schwiegersohn doch hochintelligent, dennoch erdverbunden und handfest, gut gelaunt und präsentabel.

Anni selbst zeigt sich gegenüber Josefs Familie weniger tolerant ( die sie im Übrigen wohl nur einmal kennengelernt hat ), eher nimmt sie eine herablassende, ja geradezu verächtliche Haltung ein, weil diese so gar nichts von Josefs Stilgefühl und seinen obersten ästhetischen Prinzipien an sich haben, die sie so begeistert mit ihm teilt.

So angespannt Annis Verhältnis zu ihren Eltern auch ist, das junge Paar, welches im Mai 1925 dann katholisch getraut wird und von den entzückten Eltern eine Feier im Berliner Adlon spendiert bekommt, ist auf sie finanziell angewiesen, vor allem in den Zeiten der Inflation, denn das Salär, das Josef nun beim Bauhaus erhält, ist knapp bemessen. Auch die Hochzeitsreise nach Italien, zu den gestreiften Kathedralen von Florenz & Siena, die Anni so inspirieren werden, wird von den Fleischmanns "gesponsert".

Im Prellerhaus (1928)
"Das Weben wurde für mich zu einer Art Geländer", wird sie später ihre eigene weitere Entwicklung beschreiben, die sie zu einer Pionierin auf diesem Gebiet werden lassen. Sie entwickelt eine Haltung, aus allem das Beste zu machen. So scheint bis heute ihre Idee, aus Baumwolle, Chenille und Zellophan einen silbrigen Stoff zu weben für die Wandbespannung der Bundesschule des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau - ihre Diplomarbeit 1930 - Erstaunen und Bewunderung hervorzurufen.

In Dessau schafft Anni auch die Wandbehänge für das neue Meisterhaus von Gropius, bevor sie sich dem Gobelin zuwendet und unter Anleitung Gunta Stölzls an den Jaquard - Webstuhl traut, der ihre geometrischen Entwürfe noch besser im gewebten Textil hervorbringt.

Anni verehrt sehr Paul Klee, bei dem sie 1927/28 Gestaltungslehre belegt, nachdem sie vorher Schülerin bei Wassily Kandinsky gewesen ist. Von Klee übernimmt sie die Anschauung,  Zeichnen sei eine "aktive Linie, die sich frei ergeht, ein Spaziergang um seiner selbst willen, ohne Ziel". Unbekümmert gestaltet sie jetzt sowohl Kunst wie ambitionierte, eher funktionale Werke, die in der Architektur zum Einsatz kommen. Der Erfolg lässt nicht mehr auf sich warten: Reproduktionen ihrer Arbeit werden in deutschen Design-Magazinen veröffentlicht und in einem Portfolio, das die Künstlerin Sonia Delaunay in Frankreich zusammenstellt.

1929 übernimmt Anni dann auch selbst zweimal kurzzeitig die Leitung der Textilwerkstatt und im Februar 1930 erhält sie als erste Studentin ihres Fachbereichs das Diplom. Anschließend betätigt sie sich als nebenamtliche Lehrkraft, bis sie 1931 die Leitung der Weberei des Bauhauses übertragen bekommt, bevor Lilly Reich sie ablöst. Auf der Bauhaus - Ausstellung in Berlin erhält Anni Albers einen Ehrenpreis.

Ankunft in New York (1933)
Im Herbst 1932 hat die nationalsozialistische Regierung des Freistaats Anhalt dem Bauhaus die Gelder gestrichen, und Mies van der Rohe gründet in Berlin ein solches neu, diesmal privat finanziert. Es hat aber nur sechs Monate Bestand, denn nach der Machtergreifung schließen die Nazis das Bauhaus im April 1933 endgültig.

Obwohl Anni, wie sie es selbst ausdrückt, "Jüdin im Hitlerschen Sinn" ist, sitzt das Ehepaar Albers in seiner Charlottenburger Wohnung nicht auf gepackten Koffern, denn die üblen Rassegesetze werden ja erst später erlassen.

Durch einen Besuch 1927 im Dessauer Bauhaus sind Philip Johnson, Architekturkurator des Museums of Modern Art in New York, und sein Direktor Alfred H. Barr, beide einflussreich, auf Josef Albers aufmerksam geworden und empfehlen ihn, von seiner Lehrtätigkeit beeindruckt, dem gerade eröffneten "Black Mountain College" in North Carolina als Lehrer. So wird es den Albers durch ein Lehrangebot des Colleges möglich, Deutschland 1933 zu verlassen.

Am 17. November gehen sie an Bord der "SS Europa", um dem Land für immer den Rücken zu kehren. Sieben Tage später erreichen sie New York, von wo aus sie sich aufmachen in eine Gegend, die sie überhaupt nicht kennen. Vier Tage später kommen sie am "Black Mountain College"an, einer experimentellen Kunstchule ganz neuer Art. Josef wird "professor of fine arts", unterrichtet Materialstudien und Zeichnen und später das Fach "Einführung in die Farbkunde".
College Hauptgebäude
Das "Black Mountain College" liegt am Ufer eines Sees und praktiziert dort in quasi klösterlicher Abgeschiedenheit die Einheit von Leben und Arbeit und entwickelt sich so bis zum Ende der 1940er Jahre zur führenden Institution in Amerika in der interdisziplinären Ausbildung in vorwiegend ( aber nicht nur ) künstlerischen Fachrichtungen. Neben dem Ehepaar Albers lehren dort im Laufe der Zeit andere Bauhäusler wie Feininger oder Gropius, aber auch solch amerikanische Größen wie John CageMerce Cunningham oder Richard Buckminster Fuller. Die Schule als als "Immigrationsbauhaus" zu sehen, wäre allerdings ein Fehler. Eine bedeutende Schülerin ist übrigens Ruth Asawa gewesen, die ich hier porträtiert habe.
"This Hitler business worked out rather well for us", kommentiert Anni diesen einschneidenden Schritt in ihrem Leben im Alter. Und: "At least once in life, it's good to start at zero." Es kommt ihr zugute, dass sie in den Staaten vorwärts schaut, statt zu lamentieren, ja, sie blüht in der neuen Umgebung richtig auf. Sie übernimmt 1934 die Aufgabe einer Ausbilderin im Weben, 1938 wird sie Assistenzprofessorin und entwickelt das Curriculum, das den Aspekt der industriellen Produktion bei der Weberei betont, denn sie weiß, der Unterschied zwischen der Handarbeit und der industriellen Weberei liegt einzig in der unterschiedlichen Geschwindigkeit.

Im Dezember 1935 kann sie erstmals mit Josef in "das gelobte Land der abstrakten Kunst" ( Kandinsky ), nach Mexiko, reisen. In den Pyramiden wie den Lehmhäusern dort, aber auch in den antiken Textilien ist sie mit einer sehr ursprünglichen Abstraktion konfrontiert, die sie begeistert. Für Anni öffnet sich in diesem Land auch die Tür zum Reich der Alltagsobjekte.

1938
Im Juni 1937 unternehmen sie eine solche Reise nach Mexiko auch gemeinsam mit Annis Eltern, die zu diesem Zeitpunkt noch ganz luxuriös in der 1. Klasse des Dampfers "Orinoco" über den Atlantik reisen können, mit Kaviar, Kostümbällen und Stewards in fleckenlosem Weiß.

Auch zwei Jahre später nehmen die Fleischmanns wieder dieses Schiff, landen wieder in Veracruz. Aber statt der Schrankkoffer haben sie jetzt nur zwei kleine Koffer bei sich, die ein paar Kleidungsstücke, ein bisschen Familiensilber, eine begrenzte Summe Bargeld beinhalten. Mehr haben sie nicht mitnehmen dürfen, als sie am 28. Mai 1939 nach London flüchten, um sich von ihrer Tochter Lotte zu verabschieden und mexikanische Visa zu beantragen. Nach etlichen bürokratischen und sonstigen Hürden können Anni & Josef sie in Veracruz in Empfang nehmen. Letztendlich erhalten die Eltern auch eine Erlaubnis, in die USA einzureisen. Ihre Tochter hat zu diesem Zeitpunkt schon längst die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Während des Krieges schafft Anni aus profanen Alltagsgegenständen Schmuckstücke. Auch bei Josef sind Veränderungen zu beobachten, denn er verlässt die Reduktion auf die drei Farben Rot-Schwarz-Weiß, die er als urban empfunden hat, zugunsten der feinen Farbabstufungen, die ihm die Natur in North Carolina so beeindruckend anbietet.

"Red and Blue Layers" (1954)
Source
Mit dem Kriegsende können die Beiden jeden Sommer wieder nach Mexiko reisen - insgesamt dreizehn Mal werden sie sich dort aufhalten -  und eine beeindruckende Sammlung an Textilien und präkolumbischer Miniaturen aufbauen.

Das "Black Mountain College" verlassen sie nach Richtungsstreitereien um den Kunst - Lehrplan 1949. Zu dieser Zeit erhält Anni Albers als erste Textil-Künstlerin überhaupt eine Einzelausstellung im New Yorker Museum of Modern Art. Trotz ihres atemberaubenden Erfolgs in den Vereinigten Staaten hat sie aber nach wie vor den Eindruck, dass ihr Medium weniger ernst genommen wird als die von Maler bemalten Leinwände.

1950 wird Josef Albers zum Dekan des Fachbereichs Design der Yale-Universität berufen, man zieht um nach Connecticut, und Anni kann die nächsten Dekaden, frei von jeglicher Lehrtätigkeit, sich ganz dem Weben und dem Verfassen von Fachbüchern verschreiben. In den 1950er Jahren entstehen die wichtigsten ihrer "pictorial weavings", abstrakte Webbilder mit einer verblüffenden Vielzahl an Formaten, Motiven, Texturen und Techniken.

Obwohl ihre Kunst durch die Technik des Webens - vertikal die gespannten Kettfäden und  horizontal der Schussfaden - eigentlich nur zwei Richtungen kennt, entwickelt Anni neue Möglichkeiten, Wellen- und Schlangenlinien in ihren Arbeiten einzubauen. 1962 kann sie in "Scroll" sogar  Handschriften nachgestalten, was sie in "Six Prayers", ihrem wichtigsten Webbild in Vollkommenheit umsetzt.

"Six Prayers" (1965)
Source

Die "Six Prayers" sind eine  Auftragsarbeit des Jüdischen Museums New York, welches ein Denkmal für die sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden haben möchte. Anni lässt auf sechs grau-beigen Stoffbahnen schwarz-weiße Schriftzüge verlaufen, die immer wieder abbrechen und neu beginnen und auf verschiedenen Höhen enden, gleichsam wie die unterschiedlichen Lebenslinien der Ermordeten.

1972
1965 trägt sie auch ihr gesamtes Wissen in einer Publikation - "On Weaving" - zusammen. Zuvor hat sie aber schon begonnen, Experimente mit druckgrafischen Techniken zu machen und wechselt im Alter von über 60 Jahren ihr künstlerisches Medium total. Wie zuvor in ihrer Textilkunst sind ihre Lithografien und Siebdrucke der geometrischen Abstraktion verpflichtet, der für Anni einzig denkbaren künstlerischen Ausdrucksweise. Manche dieser kleinteiligen Papierarbeiten wirken nahezu psychedelisch auf den Betrachter, andere lösen meditative Ruhe aus. Das Weben muss sie schließlich aus gesundheitlichen Gründen ganz aufgegeben.

1975 erhält Anni Albers im Kunstmuseum Düsseldorf und im Bauhaus-Archiv Berlin ihre ersten großen Einzelausstellung in ihrem Geburtsland.

Als in den 1980er Jahren die Schwäche in ihren Armen und das Zittern zunehmen, setzt sie sich zusammen mit ihrem behandelnden Arzt zum ersten Mal mit ihrer vererbten neurologischen Störung auseinander. Und wieder macht sie das Beste aus der Situation: Sie entscheidet, statt gerader Linien zu zeichnen, dem Zittern ihre Linienführung zu überlassen, ganz ähnlich den Mustern der typischen Connecticut - Steine...

Annis Ehemann ist schon 1976, kurz nach seinem 88. Geburtstag, in New Haven, wohin sie 1970 gemeinsam umgezogen waren, gestorben. Damit ist eine über ein halbes Jahrhundert bestehende Lebensgemeinschaft zu Ende gegangen, in deren Mittelpunkt stets die Arbeit gestanden hat. Ungetrübt ist diese Gemeinsamkeit nicht gewesen, da sollte man nicht idealisieren:
"In der Beziehung dagegen gab es auch Turbulenzen, Machtgerangel. Beide konkurrierten immer wieder miteinander, und eine handfeste Beleidigung war eher an der Tagesordnung als gegenseitige Bewunderung. Annis Rivalitätsgefühle wurden zusätzlich dadurch genährt, dass sie lange Zeit von der Öffentlichkeit in erster Linie als Gattin des Künstlers und erst in zweiter Linie als Künstlerin wahrgenommen wurde. Das war für sie umso ärgerlicher, als sie de facto mehr Kräfte in den 'Alltagskram' investierte, der das eheliche Zusammenleben ermöglichte", schreibt Ulrike Müller dazu in ihrem Buch.
Anni Albers im Rollstuhl geschoben von Maximilian Schell,
begrüßt von August Everding bei der Eröffnung 1983
Als im Juni 1983 in Bottrop das "Josef Albers Museum Quadrat"  eröffnet wird, ist Anni Albers dabei, hat sie doch schon vorher der damals noch als Heimatmuseum konzipierten Institution über 300 Werke ihres Mannes als Schenkung übereignet. Begleitet wird sie auf dieser Reise von Maximilian Schell, dem österreichischen Schauspieler, seit Anfang der 1970er - Jahre in enger Freundschaft mit dem Ehepaar Albers verbunden. Für Schell spielt sie auch ihre erste & einzige Filmrolle in seinem ( unveröffentlichten ) Film "Marlene" von 1984.

Über 65 Jahre ist Anni Albers als Künstlerin aktiv gewesen, als sie am 9. Mai 1994, also heute vor 25 Jahren in ihrem Haus in Orange/New Haven an Altersschwäche stirbt. Sie ist bis zu diesem Zeitpunkt die letzte Überlebende des Bauhaus - Kollegiums gewesen.

Ein Vierteljahrhundert vergeht nach ihrem Tod, bis man sich der Bedeutung der Anni Albers nicht nur als als herausragende Handwerkerin und wichtigste Künstlerin des Bauhauses besinnt, sondern erkennt, dass sie allgemein eine der ganz großen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts gewesen ist. Im Spätsommer des letzten Jahres macht das eine Ausstellung in der Kunstsammlung NRW deutlich, die Anfang dieses Jahres dann auch in der Tate Modern in London zu sehen gewesen ist - eine Wiederentdeckung für viele, eine Neuentdeckung für die meisten:



Modemacher wie Paul Smith oder Mary Katrantzou zeigen sich von Anni Albers, obwohl sie nie Textilien für die Mode geschaffen hat, in aktuellen Kollektionen inspiriert. Es scheint so, dass der weibliche Beitrag zur Kunst in unseren Tagen eine rasante Neubewertung erfährt. Gut so!


Wer jetzt noch Leselust verspürt: Maria vom Unruhewerk hat heute einen Beitrag über mich und mein Blog veröffentlicht...

Kommentare:

  1. Ach, das hast Du so schön geschrieben. Anni Albers ist wirklich würdigenswert und Du wirst ihr so gerecht.
    Immer das "die Frau von... sein" wieviele begabte Frauen kennen das und wie oft hast Du das schon vorgestellt!? Dieses im Schattenstehen.
    Du holst sie hervor und rückst sie mal wieder ins Licht.
    Trotz Krankheit war sie so innovativ und schaffensfreudig und hat so lange gelebt.
    Ja, wieder mal beim Punkt Null zu beginnen, das kann eine Herausforderung sein, die erst das Beste aus einem Menschen herausholt.
    Ich liebe ja Biografien und solche Erfahrungen finde ich besonders bemerkenswert - auch für das eigene Leben.
    Danke an Anni Albers und Dich,
    sagt Sieglinde
    P.S. Ulrike Müllers überarbeitetes Bauhausfrauen-Buch habe ich bei mir im Blog kürzlich vorgestellt. Es ist soeben erschienen.

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  2. Liebe Astrid,
    das ist wieder ein sehr schöner Post un dich habe ihn gerne gelesen. Bisher war mir Anni Albers unbekannt.
    Ich möchte Danke sagen für diese tolle Reihe, mit der Du viele große Frauen vor dem Vergessen bewahrst.
    Und wünsche Dir noch eine schöne Restwoche.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

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  3. Die textile Kunst wird immer wieder gern übersehen und eher als Handwerk betrachtet. So interessant ist deine heutige Biographie wieder.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Nachtrag:
    Jetzt erst habe ich das feine Interview gesehen, das Du beim Unruhewerk gegeben hast. Sehr interessant und klug - ganz Astrid eben!

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  5. Das war eine interessante Recherche. Über A. Albers habe ich schon gehört, aber so detailliert noch nicht. In der letzten Zeit beschäftige ich mich der öfteren mit den Bauhaus Weberinnen. Zur Zeit läuft im Angermuseum in unserer Landeshauptstadt eine Ausstellung zu Bauhaus und den Frauen. Habe sie auch noch nicht angeschaut, werde es aber demnächst tun. Wer sich für die Weberei interessiert und nach Erfurt kommt, der kann auch das Margarete Reinhardt Haus in Erfurt Bischleben besichtigen.
    L.G

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  6. ein weitergeleiteter Kommentar von meiner Mama:

    Hallo liebe Astrid,

    ich hab sie schon erwartet, die Fleischmanns Anneliese. Ich wußte daß Du sie finden würdest wie auch die anderen Great Womens alle. Nein, kennen tat ich sie bis heute nicht und im ersten Augenblick dachte ich natürlich an Hans Albers. Vielleicht eine Tochter o.ä. Nun weiß ich wer sie ist und werde es auch nicht mehr vergeßen, denn ich schau dann bei den 179 anderen vorbei und so finde ich sie. Dich allerdings muß ich sehr bewundern, was Du alles findest und es hier im Blog vorstellst als wäre es ein Buch. Sehr verständlich vorgetragen und es liest sich sehr spannend bis zum Schluß. Es gab schon früher eigenwillige Menschen, die sich nicht gerne ordneten, noch dazu in einer Zeit als Frauen nur die Küchenschürze tragen sollten. Erschwerend noch, man erst mit 21 volljährig. Dieses Liedchen trällerten wir ja auch noch, es war schon verdammt lange immer mit dem Einverständnis der Eltern leben zu müßen.
    Viele Frauen würden es zu etwas gebracht haben, das sie gar nicht wußten und es wieder mit aus ihrem Leben nahmen.
    Oh Gott, vielleicht wäre ich ja eine Pianistin geworden, wenn Mama mir den Klavierwunsch hätte erfüllen können. Leider gaben diese Jahrzehnte das nicht her und so freue ich mich jetzt an meinem Sohn wenn er mit der Enkelin vierhändig spielt.
    Die Frauen haben sich ihren Status erkämpft und sind fast in allen Belangen besser, da das weibliche Gen ihnen mehr Empfindsamkeit und Gefühl geben kann.
    Danke daß Du keine Mühen gescheut hast und Herr K. Dir die Zeit dazu läßt Deinen Blog so sorgfältig und gewißenhaft zu führen.
    Mit den besten Grüßen nach Kölle am Rhin, die Helga

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  7. Danke, wieder ein kreatives Leben, welches Du so interessant erzählst. Eine Künstlerin, auf Die mich meine Mutter vor Jahren aufmerksam gemacht hatte, ich sie aber schon wieder vergessen habe. Dabei sind ihre Webarbeiten z. B. So wunderschön! Wer nur Mal mit dem Schulwebrahmen gearbeitet hat, weiss, was es an Sorgfalt, Geschick und HandwerksKUNST bedarf. Und ich glaube nicht, dass sich jemand fragt, warum schon wieder ein Mädchen aus Berlin und obendrein jüdisch... Es zeigt nur, wie wichtig Bildung vor allen Dingen für Frauen war und ist. Wärend man bei einem Mann eher erwarten kann, dass er sich gesellschaftlich und beruflich sowieso weiterentwickelt. Also mir ist es egal, aus welchem Hause oder Ort Deine wunderbaren Frauen (Portraits) sind, sie sind immer sehr interessant und anspornen!
    Liebe Grüße
    Nina

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  8. Danke für das Portrait, eine so interssante Frau mit so spannenden Arbeiten (ich guck mich grad durch alles mögliche an Bildern ihrer Webereien, toll) ich bin fasziniert von den pictorial weavings. Danke, bisher kannte ich eigentlich nur den Namen aber kaum mehr. Nachtgrüße den Rhein runter! Eva

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  9. wieder so interessant
    schön dass du sie vorstellt
    so eine lange Lebenszeit künstlerisch aktiv zu sein ..trotz Behinderungen
    ist eine große Leistung
    ja textile Handarbeit wird selten als Kunst gewürdigt
    dabei heißt es ja eigentlich.. textile Kunst ;)
    danke für das Portrait
    Rosi

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  10. Liebe Astrid,
    wieder ein sehr interessanter Bericht über eine interessante Frau. Ich lese gerne auf deinem Blog die Frauenbiografien, sehr informativ und spannend geschrieben, wie im Übrigen dein kompletter Blog.
    Auch das Interview mit dem Unruhewerk hat mir gefallen. So eröffnen sich im "Alter" doch noch ganz andere Möglichkeiten, die man vorher nie erwartet hätte. Ich gehöre zu der Gruppe 65+ und in den letzten fast 4 Jahren hat sich mir per Zufall auch eine neue Welt erschlossen.
    Liebe Grüße
    Agnes

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  11. Ja! Bauhaus! Super! Ich hab im letzter Zeit viel darüber gelesen - fein, dass ich bei dir verlässlich die frauenseiten bekommen, die sind ja in den vielen Berichten immer noch stark unterrepräsentiert.

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  12. Ach nö - das wird nicht langweilig. So eine spannende Zeit, so viele interessante und begabte Menschen und außerdem in diesem Jahr besonders aktuell.
    Liebe Grüße

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  13. So, liebe Astrid, jetzt bin ich wieder auf dem aktuellen Stand. Meine Güte, Du hast in letzter Zeit so viele Posts rausgehauen, da bin ich gar nicht mehr hinterher gekommen (irgendwie zeigt mir Bloglovin auch noch einen Post an, den ich auf deinem Blog nicht mehr finden kann). Deine Great-Women-Posts hebe ich mir immer für die Tage auf, an denen ich Ruhe und Zeit zum Lesen habe - so wie heute. Und dann war da ja noch das Interview. Ich verfluche meinen Alltag, weil ich mir einfach zu wenig Zeit für die wichtigen Dinge im Leben nehme.
    Ich freu mich schon auf die nächsten interessanten und informativen Posts.
    Drück Dich
    Astrid rechtsrheinisch

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