Mittwoch, 8. Mai 2019

Vom Rhein. Von der großen Völkermühle. Von der Kelter Europas!







( Ort: Berlin,  
Zeit: Spätjahr 1941, kurz vor dem Eintritt Amerikas in den Krieg         

Erster Akt: Höllenmaschine                                                                           
Harry Harras, General der Flieger, im Gespräch mit dem Fliegeroffizier Hartmann, dessen Verlobte ihm wegen einer Unklarheit in seinem Ariernachweis gerade das Verlöbnis aufgekündigt hat )
HARRAS:
......    was kann da nicht alles vorgekommen sein in einer alten Familie. Vom Rhein – noch dazu. Vom Rhein. Von der großen Völkermühle. Von der Kelter Europas!
( Ruhiger )
Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt.
Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht.
Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. –

Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – 



das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt –
und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach.



Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum?
Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen.
Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse.

Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost.
aus: "Des Teufels General" von Carl Zuckmayer von 1946

Hier kann man den Ausschnitt aus der Verfilmung des Theaterstückes von 1955 mit Curd Jürgens hören & sehen und hier eine Fassung mit Willy Millowitsch. Leider haben unsere Landsleute in der Nachkriegszeit die antifaschistische Botschaft des Stückes oft nicht wahrgenommen, sondern sich am Abbild des hochdekorierten Fliegers Ernst Udet hochgezogen, eine durchaus schillernde, fragwürdige Person. Die aktuellen Wiedergänger der Braunen hören DIE Botschaft ja auch nicht gerne... )
Ich bin stolz, 1961 Teil dieser Völkermühle geworden zu sein. Ich bin froh, dass mir die uralte Stadt am großen Strom ein Zuhause gegeben hat, ein Zuhause in dem Sinne, wie es Daniel Schreiber im Buch gleichen Titels beschrieben hat:
"... Dass es heute für so viel mehr Menschen als früher möglich ist, Gemeinschaften zu finden, in denen sie respektiert werden und sich aufgehoben fühlen, Gemeinschaften, die in etwa dem entsprechen, was Hannah Arendt einmal in Anlehnung an die aristotelische Philosophie 'Polis' nannte, Gemeinschaften also, in denen Menschen nicht mit dem Ziel einer gemeinsamen Identität handeln, sondern dem anderen Raum für sein Anderssein geben."
Ich freue mich immer wahnsinnig, zu einem Kulturkreis zu gehören, der so viel hervorgebracht hat und der tief verankert ist - nicht in einer Nation, die mir eine Identität überstülpt, die mit mir nichts zu tun hat - sondern in Europa. Geboren bin ich ganz woanders, "zo Huus" bin ich am Rhein und von der Lebenserfahrung und dem aktuellen Gefühl her bin ich Europäerin...



... denn das Leben in der Gemeinschaft am großen Wasser hat meine Vorstellung, davon, was "Heimat" sein könnte, geprägt. Offensichtlich teilen auch viele andere Menschen in unserem Lande eine Autobiographie als "Homo Migrans" ( Klaus J. Bade ), wie sie Zuckmayer in seinem Monolog herauf beschwört. An dieser Stelle hat der Migrationsforscher seine eigene Familiengeschichte erzählt und geht dabei so konform mit meinen eigenen Erfahrungen, dass ich mich an etlichen Stellen mittendrin in seiner Geschichte wiedergefunden habe. Die Welt, in die ich hineingeboren worden bin, hat mir nämlich wegen des Migrationshintergrundes eines Teils meiner Vorfahren die Erfahrung von Ausgrenzung & Stigmatisierung nicht erspart, während ich mich am Rhein mit seinem durch und durch europäischen Charakter angekommen fühlen durfte.

Wer diese Geschichten der Menschen mit kulturell vielfältigem Hintergrund mit den unterschiedlichsten Ursachen in unserem Lande ignoriert und von einer einheitlichen Identität fantasiert, hat einfach Scheuklappen, keine Humanitas, sondern wärmt auf, was vor über 75 Jahren in diesem Land unter diesem Begriff alle Vorstellungen von Menschlichkeit pervertiert hat...




Verlinkt mit dem Monatsthema der Zitronenfalterin

Kommentare:

  1. Was für ein tolles Bekenntnis zum Land, zur Heimat und vor allem zu Europa, liebe Astrid. Ich bin auch sehr stolz, Teil von Europa zu sein udn dies mitzuprägen. So ein Reichtum. Und auch wenn der Rhein nicht mein Zuhause ist, so war es die Donau und ist es der Neckar. Prägewasser ;-) Lieben Gruß. Susanne

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  2. Ich mag den Rhein sehr und war letztes Jahr ja auch dort. Es ist ein Fluss mit Geschichte und wir suchen ja immer noch den Nibelungenschatz, den Hagen im Rhein versenkt haben soll.

    Den Film habe ich nicht nur einmal gesehen. Das Buch "Des Teufels General" in der Schule durchgenommen usw. usw.
    Ich brauche im September einen neuen Personalausweis und der ist innerhalb der EU und teiweise auch in anderen Ländern gültig. Einen Reisepass - so wie du ihn hast - brauche ich nicht.
    Bei einem Passbild muß man ja neuerdings die Brille herunternehmen, weil die Länder das verlangen, dass du sie auf dem Kopf lassen durftest,das ist toll, das lässt die Behörde bei uns nicht durch.

    Hier gibt es viele Flüsse vom Neckar bis zur Enz und ich mag sie alle.
    Mein Beitrag zum Wasser kommt morgen.

    Lieben Gruß Eva

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    1. Der Ausweis ist kein Fake, aber ein Joke, erstellt auf der Seite von Bilderbucheuropa.love.Die lassen einem die Brille auf dem Kopf.😄
      LG

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  3. Oh ja, Buch und Film mag ich sehr. Den Rhein auch. Die Mischung macht s!

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  4. Dein EU-Passport ist ja eine schöne Vision. Und zumindest in dem Medien wirkt er schon mal recht real. Ja, Du bist Europäerin.
    Ich auch.
    In meinem Blog habe ich jüngst aufgeführt, dass sogar mein Online-Shop europäisch ist. Diese europäische Vielfalt, die Du beschreibst,
    die habe ich dort seit 12 Jahren und dies ganz bewusst, das ist meine Geschäfts-Philosophie. In meinen bescheidenen Möglichkeiten möchte ich den Handels-, Arbeits- und Kulturraum in Europa unterstützen.
    Der Rhein, der angeblich deutscheste all unserer Flüsse, ausgerechnet er ist solch eine Völkermühle. Und was für eine, wie Du so treffend beschreibst. Hat er doch tolle Mischungen hervorgebracht und lässt allen ihren Raum.
    Unbedingt möchte ich ihn nächstes Jahr mal befahren.
    Gut, dass Du mich daran wieder erinnert hast, das muss in die Urlaubsplanung 2020.
    Von Europäerin zu Europäerin schicke ich herzlichste Grüße
    Sieglinde

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  5. Was für ein wunderbarer Beitrag, ausgehend vom Rhein mit seinen vielen verschiedenen Quellen! So schön, mal wieder etwas von Zuckmayer zu lesen. Das Zitat ist wirklich herrlich und auch so wahr.
    Danke für deinen begeisternden Beitrag.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. Auch ich bin froh, nicht mehr nur eine DDR-Bürgerin, sondern eine Deutsche in einem Europa zu sein. Und das (fast) ohne Grenzen. Ich bin glücklich, diese jetzige Zeit mit allem, was sie bietet, bewusst erleben zu können. Auch das, was uns nicht gefällt, lässt uns wachsen. Beste Grüße von Rela

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  7. von der Mur zum Mittelmeer... aber der Leman gefällt mir auch... als gebürtige und treugebliebene europäerin... :)))

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  8. ein weitergeleiteter Kommentar von meiner Mama:

    Liebe Astrid,

    so ein toller Post, irgendwie hab ich jetzt auch etwas begriffen. Ein kleiner Anstoß und schon ändert sich die Sichtweise, ich geh wählen. Danke, Liebgruß von der Helga an den Rhein, leider hier nur die Pegnitz, ohne Wein. (Gesoffen hab ich nicht, aber gerauft sehr gerne, auch heute noch! Schäm....🤦‍♀️

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  9. ein herrliches Zitat von Zuckmayer..
    und so wahr
    und bei mir kommen von Osten noch die Mongolen.. die Hunnen .. die Slaven und wer weiß wer noch alles dazu :D
    der Name meines Mannes geht anscheinend auf italieneische Wurzeln zurück
    und in meinen Kindern ist das jetzt alles noch mal gemischt ;)
    ganz "sortenreine " Leute gäbe es wohl nur auf einer seit Jahrtausenden abgeschiedenen Insel
    oder im tiefsten Urwald ;)

    liebe Grüße
    Rosi

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  10. Liebe Astrid,
    Du hast es mal wieder auf den Punkt gebracht, schön dass wir stolz sagen dürfen: "Ich bin ein Europäer."
    viele Grüße Margot

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