Donnerstag, 8. Januar 2026

Great Women #442: Elisabeth Schiemann

Heute möchte ich euch eine "Stille Heldin" vorstellen, deren Todestag sich zu Beginn dieses Jahres zum 54. Male gejährt hat. Elisabeth Schiemann ist erst in den letzten Jahren in diversen Forschungszusammenhängen wieder in den Blick geraten, gehörte aber zu ihrer Zeit zu den bedeutendsten Wissenschaftlerinnen der ersten Genetikergeneration - eine Wegbereiterin quasi.

Agnes Marie Elisabeth Schiemann erblickt am 15. August 1881 in der Hansestadt Fellin im Gouvernement Livland des Russischen Reiches das Licht der Welt. Heute ist die Stadt unter dem Namen Viljandi zu Estland gehörig. 

Elisabeth wird in eine deutsch-baltische Familie, fest verwurzelt im christlich-protestantischem Glauben, hineingeboren. Ihre Mutter ist Caroline "Lina" von Mulert, Arzttochter aus dem kurländischen Mitau, 31 Jahre alt, seit 1875 verheiratet mit dem in Grobin ( ebenfalls Kurland ) geborenen Theodor Heinrich Christian Karl Schiemann, 33 Jahre alt. Elisabeth ist das vierte Kind ihrer Eltern und die dritte Tochter der Familie: Elisabeth Nadene Anna Edith (*1876), Wilhelmine Marie Agnes (*1878), Wilhelm Theodor "Thor" (*1880) sind vorher geboren, Henriette Johanna Gertrud zwei Jahre nach Elisabeth. 

Nach Studium und Promotion in Dorpat und Göttingen und diversen anderen Tätigkeiten hat der Vater 1875 nach seiner Heirat die Stelle eines Oberlehrers am Landesgymnasium in Fellin angenommen und macht sich als politischer Publizist in den deutsch-baltischen Diskussionen einen Namen. 1883 wird er dann Stadtarchivar in Reval und findet dadurch mehr Zeit, seine historischen Forschungen zur baltischen Geschichte zu betreiben. 

Im Jahr darauf wird das Russische zur alleinigen Amtssprache erklärt und die orthodoxe Kirche zuungunsten der lutherischen gefördert. Wegen dieser Russifizierungspolitik unter Zar Alexander III. übersiedelt die Familie Schiemann wie viele andere Deutschbalten 1887 nach Berlin, wo Heinrich von Treitschke, der bekannteste Historiker seiner Zeit, der Mentor des Vaters wird. 1892 bekommt Theodor Schiemann so eine außerordentliche Professor für osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Friedrich-Wilhelms-Universität und begründet später dort das Seminar für osteuropäische Geschichte und Landeskunde, institutionalisiert damit die deutsche Osteuropaforschung. Theodor Schiemann wird auch Berater von Kaiser Wilhelm II. werden.

Elisabeth wächst also in einem reinen Akademikermilieu in einer Wohnung in der Steglitzer Straße im Ortsteil Tiergarten, später in der Tauentzienstraße in Charlottenburg auf. In der Familie herrscht ein tolerantes Klima gegenüber den deutschen Juden, trotz der Beziehung des Vaters zum antisemitischen Treitschke. Dem bürgerlichen Lebensstil jener Zeit entsprechend gibt es viele Einladungen und Feste mit der Familie und dem großen Kreis von Freunden. 

Ab Oktober 1888 besucht Elisabeth eine Volksschule, dann eine Höhere Töchterschule, die Charlottenschule in der Steglitzer Straße, eine relativ große Schule in öffentlicher Hand. Der Abschluss dort erlaubt den Eintritt in ein Lehrerinnenseminar, was auch Elisabeth für sich erst einmal vorsieht, eine andere Möglichkeit bietet sich ja damals jungen Frauen nicht. 1902 legt sie die Prüfung ab. Sie unterrichtet nun an Mädchenschulen, bevor sie 1903/04 nach Paris geht, um ihre Französischkenntnisse zu verbessern.

Vorher hat sie noch eine Verlobung aufgelöst mit einem Hauptmann aus dem Großen Generalstab, den sie bei einer gesellschaftlichen Veranstaltung kennengelernt hat. Sie begründet das damit, dass sie ja ihre Arbeit habe und er sich schon trösten werde, "weil eine Liebe ohne Gegenliebe nicht bestehen kann."

Aus bis heute unergründlichen Motiven beginnt die mittlerweile 22jährige sich für Botanik zu interessieren und wird, zurück in Berlin, ab 1906 als Gasthörerin für Naturwissenschaften, insbesondere Biologie (Botanik und Zoologie) an der Berliner Universität geführt. Eine ordnungsgemäße Immatrikulation ist Frauen in Preußen noch bis 1908 verwehrt.

Gleichzeitig kann sie sich auf diesem Wege auf das Abitur vorbereiten - ganz entgegen den politisch konservativen Vorstellungen ihres Vaters, der sich offen gegen die akademische Ausbildung von Frauen ausgesprochen hat und der ihren Plan zunächst ablehnt. Studentinnen benötigen zu Beginn ihrer Zulassung an der Universität noch die Erlaubnis des Professors, um an den Lehrveranstaltungen teilnehmen zu dürfen.

Die Naturwissenschaften gehören in jenen Tagen noch zur Philosophischen Fakultät. Und so muss die junge Frau auch Philosophie hören und wird bei einem künftigen Doktorexamen in diesem Fach geprüft werden. In ihren Lebenserinnerungen hebt sie die Bedeutungen der Philosophie-Vorlesungen für ihre Persönlichkeitsbildung hervor. Naturphilosophie bei Benno Erdmann und Psychologie bei Carl Stumpf haben Einfluss auf Elisabeths Anschauungen. 

Elisabeth mit Lise Meitner, rechts Erwin Baur

Während dieser Studienzeit, zwischen 1907 und 1909, lernt Elisabeth Schiemann auf dem Weg mit der S-Bahn zur Arbeit in Berlin-Dahlem die drei Jahre ältere Lise Meitner ( siehe auch dieser Post ) kennen, die aus Wien gekommen ist, um in Berlin die Vorlesungen von Max Planck zu hören. 

Bald darauf schließen sie Freundschaft, die sechzig Jahre dauern wird. Die beiden Frauen haben übereinstimmende Interessen: Sie besuchen gemeinsam Konferenzen wie Konzerte und unternehmen miteinander Wanderungen. Sie gehören zur jungen wissenschaftlichen community in Berlin und forschen an den neu gegründeten Instituten in Berlin-Dahlem.

Lise Meitner wird regelmäßiger Gast bei den Schiemanns, während Elisabeth sie zu den Besuchen bei den Plancks begleitet. Beide fühlen sich der Frauenbewegung verbunden (obwohl sie keine Aktivistinnen sind ) und teilen die Überzeugung, dass der Zugang zu Bildung ein wichtiges Ziel sei, das die Befreiung der Frauen fördern würde. Angesichts der Frauenfeindlichkeit im akademischen Leben erfahren sie gemeinsam die Fragilität ihrer eigenen Karrieren und die Notwendigkeit von Netzwerken unter Wissenschaftlerinnen. Beide, schon um die dreißig, müssen um ihre Positionen in der Wissenschaft kämpfen und stehen in der Universitätshierarchie noch sehr weit unten, während viele männliche Kollegen gleichen Alters bereits Lehrstühle innehaben oder sich um Professuren bewerben können.  Aber sie wissen auch zu schätzen, was sie als Frauen bisher erreicht haben.
Aspergillus niger

Elisabeth promoviert im Jahre 1912 zum Dr. phil. Ihre Doktorarbeit befasst sich mit der Untersuchung verschiedener Mutationen des Pilzes Aspergillus niger.

Ihr Doktorvater ist der Botaniker Erwin Baur, der heute als Vater der Pflanzenvirologie gilt. Dieser wird in den Anfangsjahren der beruflichen Laufbahn seiner Doktorandin zu einer der prägendsten Personen werden. 

Die Botaniker müssen sich damals mit zwei Theorien auseinandersetzen, der Wiederentdeckung der von Gregor Mendel gefundenen Gesetze der Vererbung bei Pflanzen sowie der Vorstellung von Charles Darwin über die natürliche Selektion der Arten. Elisabeth wendet sich der Mendel - Genetik zu. Im von Baur gegründeten Institut für Vererbungswissenschaften der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin - dem ersten seiner Art in Deutschland - arbeiten fast ausschließlich Frauen, darunter neben Elisabeth Schiemann auch Luise von Graevenitz, Emmy Stein, ( auch eine Entdeckerin, der quasi der Nobelpreis "gestohlen" wird ), Gerta von Ubisch und Paula Hertwig. 1914 bekommt sie in diesem Institut ihre erste Stelle als Assistentin von Erwin Baur. Ihre erste wissenschaftliche Veröffentlichung 1915 lautet "Neuere Arbeiten über Bildung der Blütenfarbstoffe. Sammelreferat vom Standpunkte der Mendelspaltung". Damit liegt sie auf der Linie Mendels, der u. a. wegen der Deutlichkeit der Merkmalsausprägungen mit Zierpflanzen experimentiert hatte.

1919, nach dem 1. Weltkrieg, fällt das Habilitationsverbot für Frauen, und Elisabeth kann sich endlich dieser Qualifikation unterziehen, und zwar 1924 an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin mit der Schrift "Zur Genetik des Sommer- und Wintertypus bei Gerste". Sie erhält so die aka­de­mi­sche Lehr­erlaub­nis und ar­bei­tet jetzt als Privat­do­zen­tin. 

Mit Studentin im Bot. Museum (1925)

Ihr wichtigstes Forschungsgebiet wird die Kulturerdbeere Fragaria L., wobei sich die Wissenschaft vor allem mit der Frage beschäftigt, inwiefern sich deren Unterarten miteinander kreuzen lassen.

Daneben interessiert sie  die Geschichte der Getreidearten und deren Entwicklung aus Wildformen. Ihre Vorlesungen beschäftigen sich mit Samenkunde und Fortpflanzungsbiologie. Ein Meilenstein in ihrem Leben wird der Internationale Genetikkongress 1927 in Berlin, bei dessen Organisation sie eine bedeutende Rolle spielt.

1928/9 kommt es zum Bruch mit Erwin Baur im Zusammenhang mit der Eröffnung seines Kaiser-Wilhelm-Instituts für Züchtungsforschung in Müncheberg. ( Die  Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ist die Vorgängerinstitution der Max-Planck-Gesellschaft unserer Zeit. )

Allen Beteiligten sind bis dahin davon ausgegangen, dass Elisabeth im neuen Institut eine eigenständige Abteilung leiten wird, die sich der Herkunft und Geschichte der Kulturpflanzen widmen soll. Doch es kommt anders: Elisabeth wird später in ihren Erinnerungen schreiben - nicht ohne Groll-, dass Baur ihr diese Position versprochen, es aber nicht gehalten habe. Während die Versetzung der Forscherin mehrmals verschoben wird, nehmen neu eingestellte junge Wissenschaftler ihren Platz im neuen Institut auf und machen damit deutlich, dass es dort für sie keine Zukunft geben wird. So ergeht es übrigens auch allen anderen Wissenschaftlerinnen. Elisabeth charakterisiert Baur einmal als einen, der wenig an seinen eigenen Denkweisen festhält, "dass er, wenn er bessere Wege sah, ohne innere Hemmungen bereit war, sie zu ändern. Doch er vergaß dabei, dass das Schicksal anderer Menschen durch seine Arbeit bestimmt worden war."

1925
Die Spannungen münden schließlich in einer offenen Konfrontation. 1930 trennen sich ihre Wege endgültig. Für Elisabeth ist diese Trennung beruflich wie privat eine Katastrophe:

Sie betreut danach nur noch die Getreidesammlungen im Botanischen Museum in Berlin-Dahlem, zwölfeinhalb Jahre lang als unbezahlte Wissenschaftlerin. Mit verschiedenen Stipendien und der erwähnten - nur teilweise bezahlten - Lehrtätigkeit an der Berliner Universität hält sie sich über Wasser, oft unterstützt von ihrer jüngsten Schwester Gertrud, einer Geigerin, mit der sie zusammenlebt. Die arbeitet zwischen ihren Engagements auch als Masseurin.

Trotz der prekären Beschäftigungssituation wird diese Zeit die produktivste Phase ihres wissenschaftlichen Lebens. Hier kann sie frei, selbstbestimmt und unabhängig ihre Arbeiten in die eigene Richtung entwickeln, auch wenn sie nicht an botanischen Sammelexpeditionen teilnehmen darf und mehr und mehr theoretisch arbeiten muss.
Die deutsche Professorin für Wissenschaftsgeschichte Elvira Scheich, die sich für diesen Konflikt interessiert hat, betont, dass man zum Verständnis der unterschiedlichen Persönlichkeiten berücksichtigen müsse, dass Baur einer aufstrebenden technokratischen Klasse angehört habe, während Elisabeth Schiemann der traditionellen Elite entstammte. Von daher hätten sie sehr unterschiedliche Ansichten über die moderne Gesellschaft, die Massenkultur und die Demokratie gepflegt. Diese neue, aufstrebende Klasse sei Anfang der 1930er Jahre dem Nationalsozialismus und seinen vermeintlichen Neuerungen bemerkenswert aufgeschlossen gegenübergestanden. ( Quelle hier )
Der neue Abteilungsleiter, den Baur statt Elisabeth einstellt, ist sein Schwiegersohn Klaus von Rosenstiel, der enge Verbindungen zum entstehenden Nazi-Regime unterhält und schon 1932 in die NSDAP eingetreten und Mitglied der SS geworden ist...

Elisabeth bewirbt sich nun an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der renommierten Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin ( später Humboldt-Universität zu Berlin) und wird angenommen. Von 1931 an arbeitet sie an deren Botanischen Institut in Berlin, muss aber immer wieder um die Finanzierung  ihrer Forschungen kämpfen, die sich nun vor allem mit Getreidearten wie Weizen und Gerste befassen.

1932 veröffentlicht sie ihr Buch "Entstehung der Kulturpflanzen", was zu einem Standardwerk werden wird.
"Mit ihrer Arbeit über den Ursprung der Kulturpflanzen hat sie eine Forschungsrichtung definiert, die heute aktueller ist denn je. Denn Grundlagenforscher:innen und Züchter:innen gehen heute wieder zurück an den Ursprungsort einer Pflanzenart. In alten Sorten und Wildpflanzen ist die genetische Vielfalt noch am größten und es finden sich in solchen Pflanzen beispielsweise Resistenzgene, die im Laufe der Anpassung an neue Standorte und im Züchtungsprozess verloren gegangen waren. Auch Dank ihrer Arbeit werden diese "genetischen Schätze" heute wieder genutzt." ( Quelle hier )
Während Elisabeth sich wissenschaftlich profiliert, engagiert sie sich als Privatperson auch in der evangelischen Kirche. 1934 tritt sie der Bekennenden Kirche bei. Sie lehnt die Rassenpolitik der Nationalsozialisten sowie deren Pseudo-Darwinismus entschieden ab. Schon früh versucht sie, Kirchenleitungen, kirchliche Angestellte, Religionslehrer und theologische Laien über den schon im Ansatz falschen Rassebegriff der Nazis aufzuklären, denn biologische Vererbungsgesetze seien auf Menschen nicht zu übertragen, so Elisabeth. Auch bekundet sie ihren Widerstand gegen die Judenverfolgung und die Abschaffung des Mehrparteiensystems. Sie verlangt von der Kirche Schutz für diejenigen, die aufgrund ihrer Herkunft als "nichtarische" Christen der NS-Verfolgung unterliegen.

Infolgedessen gerät sie selbst in zahlreiche Konflikte, die schließlich 1940 zum Entzug ihrer Lehrbefugnis wegen "po­li­ti­scher Un­zu­ver­läs­sig­keit" führen.
Mit ihrer Schwester 
(1940er Jahre)

Glücklicherweise verschafft ihr Fritz von Wettstein, der neue Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biologie - Erwin Baur ist 1933 gestorben -, an dem sie Seminare für ihre Studierenden halten kann, ein Forschungsstipendium, das es ihr ermöglichte, ihre Arbeit fortzusetzen. 1943 wird das Botanische Museum allerdings bei einem Bombenangriff zerstört. Obwohl ihr Büro und ihre Unterlagen gerettet werden können, kann Elisabeth dort nicht mehr arbeiten. Ihre Situation verbessert sich jedoch deutlich, als sie im gleichen Jahr einen Vertrag als Direktorin der unabhängigen Abteilung für Geschichte der Kulturpflanzen am Kaiser-Wilhelm-Institut bekommt.

An ihre Freundin Lise Meitner im Stockholmer Exil berichtet sie in einem Brief, dass ihr Wunsch endlich Wirklichkeit geworden ist, "ein wahres Glück in meinem Alter, für das ich dankbar bin und das ich als solches annehme." 62 Jahre ist sie da bereits! 

Ihr ist nicht klar, dass sie bereits 1939 in den ursprünglichen Planungen als Direktorin des gesamten Instituts, da einzige Spezialistin unter allen anderen in diesem Bereich, vorgesehen gewesen ist, ihr diese Aufgabe als Frau allerdings nicht zugetraut worden ist. 

Während zehntausende Berlinerinnen und Berliner als Juden verfolgt und aus der Stadt in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert werden, gehört das Schwesternpaar Schiemann zu einem Netz rund um Elisabeth Schmitz, die Verfolgte in ihrer Wohnung verstecken, Lebensmittelkarten für sie besorgen und Fluchtrouten in die Schweiz auskundschaften. Das Schwesternpaar Andrea und Valerie Wolffenstein ist unter denen, die zunächst bei den Schiemanns in Berlin-Wilmersdorf, Binger Straße 11, und einem befreundeten Paar unterkommen können, bevor sie nach Bayern bzw. Hinterpommern fliehen können und die NS-Zeit überleben, auch dank weiterer Unterstützung durch die Schiemanns. Um diese Solidarität macht Elisabeth auch nach dem Krieg kein Aufhebens. Ihre Schwester stellt allerdings an ihr Veränderungen aufgrund dieser Aktionen fest und schreibt an Lise Meitner nach dem Krieg:
"Elisabeth speziell ist in den letzten Jahren innerlich ausserordentlich gereift und über sich herausgewachsen. Ihr ganzes Denken war in den Dienst für die Sache der Verfolgten und in Hilfsaktionen gestellt, und das hat ihr viel Lebensklugheit und den inneren Halt gegeben, der ihr früher oft gefehlt hat. Wir sind uns im gemeinsamen Erleben sehr nahe gekommen!" ( Quelle hier )
1946 erhält die angesehene Forscherin einen Vertrag als Teilzeitprofessorin an der Humboldt-Universität - sie wird damit die erste Professorin der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät. In einem Brief an Lise Meitner schreibt sie: "Frauen sind noch immer nicht für Vollzeitprofessuren qualifiziert (…). Es ist für Frauen sehr schwierig geworden, diese Position in der Lehre zu erreichen, nach 1918 wie in jeder anderen Epoche."
1956

1948 erscheint bei Fischer in Jena ihr Werk "Weizen, Roggen, Gerste. Systematik, Geschichte und Verwendung". Es ist 1943 bereits fertig gewesen, beim Bombenangriff allerdings verbrannt und basiert auf einem Durchschlag, der an anderer Stelle aufbewahrt worden ist.

1956 geht die Pionierin der deutschen Wissenschaft in einem männerdominierten Fachgebiet im Alter von 75 Jahren in den Ruhestand, und das Forschungsinstitut für die Geschichte der Kulturpflanzen - eine weltweit einzigartige Einrichtung - die sie ab 1952 als Forschungsstelle der Max-Planck-Gesellschaft geleitet hat, wird geschlossen. Was das mit Elisabeth Schiemann gemacht hat, können ihre Schüler nur ahnen. Immerhin bekommt sie in der Bundesrepublik noch einige Anerkennung:

1954 ist das die Verleihung des Verdienstkreuzes  des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und die Ehrenmitgliedschaft der Botanischen Gesellschaft Frankreichs, 1956 die der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina zu Halle/Saale. 1959 wird sie mit der Darwin-Plakette der Leopoldina als einzige Frau unter 18 Wissenschaftlern ausgezeichnet. 1962 verleiht ihr die Landwirtschaftliche Fakultät der Technischen Universität Berlin die Ehrendoktorwürde, als erstes Mal überhaupt einer Frau. 

Elisabeth Schiemann stirbt am 3. Januar 1972 in Berlin im Alter von 90 Jahren. Bestattet wird sie auf dem St-Annen-Kirchhof in Berlin-Dahlem, seit 2018 Ehrengrab der Stadt Berlin. 

In der Max-Planck-Gesellschaft unterstützt das Elisabeth-Schiemann-Kolleg seit 2013 besonders begabte junge Wissenschaftlerinnen nach der Postdoc-Phase. Und schon am 16. Dezember 2014 hat die Gedenkstätte Yad Vashem Elisabeth Schiemann mit dem Titel "Gerechte unter den Völkern" geehrt.

2019 wird sie dann Namenspatin des größten Hörsaales im Gebäude der Pflanzenphysiologie am Institut für Biologie der Freien Universität.

Was mir an dieser Frau imponiert hat, ist die Tatsache, dass zu den populistischen Bewegungen ihrer Zeit auf Abstand gegangen ist und ihre Überzeugungen beibehalten hat. Das brauchen wir inzwischen wieder mehr denn je.

                                                     


Auch im Neuen Jahr gebe ich an diese Stelle 
Hinweise auf Porträts von Frauen, die ich bereits publiziert habe 
und die in dieser Woche einen Gedenktag haben:


2 Kommentare:

  1. Eine Wissenschaftlerin, die unbeirrt ihren Weg gegangen ist, trotz der vielen Hindernisse, Gefahren und gesellschaftlicher Einschränkungen. Wie tröstlich, dass sie noch zu Lebzeiten Wertschätzung erfahren konnte.
    Danke, dass du diese wunderbare, so sorgsam recherchierte und spannend erzählte Reihe fortsetzt.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  2. So eine kluge und mutige Frau. Was sie alles erreicht hat, sozusagen: dennoch!
    Ich bin immer davon beeindruckt, wie Frauen sowohl im Beruf als auch im Privaten in diesen Zeiten mutig waren und ihren guten Überzeugungen gefolgt sind.
    Wenn ich mal wieder in Dahlem in dem Hotel mitten im Universitätsgelände und im Botanischen Garten bin, werde ich besonders an sie denken.
    Danke, dass Du sie hier so profunde vorgestellt hast.
    Herzlichst,
    Sieglinde

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