Donnerstag, 3. September 2015

Great Women # 33: Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg


Vor einem Dreivierteljahr hatte Barbara/barbarabee die Idee, Posts über großartige Frauen zu veröffentlichen. Begeistert bin ich auf diesen Zug aufgesprungen und veröffentliche heute mein 33. Porträt einer durch und durch ungewöhnlichen Frau.

"Flieger, grüß mir die Sonne, grüß mir die Sterne und grüß mir den Mond" - das habe ich als Kind für ein Volkslied gehalten, denn es gehörte zu unserem Haushalt dazu wie "Alle meine Entchen". Der Vater schwärmte für die Fliegerei ( und als er von Berufs wegen dazu gehörte, versauerte er alsbald in einem Bonner Ministeriumsbüro ) und vermochte es, mich anzustecken. Doch Stewardess, wie es ihm vorschwebte, fand ich einen doofen Beruf - ein besseres Serviermädchen in der Luft wollte ich nicht sein.

Die Zeiten, in denen ich dann erwachsen wurde, legten einem nicht gerade den Wunsch nahe, selber fliegen zu wollen. Und so endete die Träumerei, und es blieb nur eine - allerdings sehr begeisterte - Flugreisende übrig...

Von Elly Beinhorn hatte ich schon als Kind oft gehört. Dass es aber auch noch andere Fliegerinnen im Deutschland der Vorkriegszeit gab, war mir nicht geläufig. Das erfuhr ich durch das Hörspiel  "Der weiße Rabe" von Anne C. Voorhoeve im Programm von WDR 5: 
Da ging es um ein Flugingenieurin, mehrfach ausgezeichnete Flugpionierin, Sturzflugexpertin und Leiterin der "Versuchsstelle für Flugsondergerät" und Schwägerin des Hitler-Attentäters von Stauffenberg, Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg
Ich war - wie schon so oft - gefesselt von einem jener brüchigen, widersprüchlichen Lebensläufe, wie sie das extreme, schreckliche 20. Jahrhundert häufiger hervorgebracht hat...



Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg kommt als Melitta Klara Schiller am 9. Januar 1903 in Krotoschin in der Provinz Posen zur Welt.

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Der Vater, Michael Schiller, ist königlich preussischer Landesbauinspektor in dem Städtchen der damaligen preussischen Provinz und damit Mitglied der kleinen deutschen Elite in einer sonst polnischen Umgebung. Und er ist Jude, Sohn eines Pelz- & Textilhändlers aus Odessa, der sich im 19. Jahrhundert ins Deutsche Reich aufgemacht und den Namen Schiller angenommen hatte, ist aber schon in jungen Jahren zum Protestantismus konvertiert, gut assimiliert, ja, ganz und gar ein nationalkonservativer Anhänger des deutschen Kaisertums.  Die Mutter ist Margaret Eberstein, Tochter eines Schulrats aus Bromberg. Melitta - in Kurzform "Litta" genannt - teilt mit ihren vier Geschwistern zunächst ein sorgenfreies, bildungsbürgerliches Leben. Die Mutter lässt als Anhängerin der Reformbewegung ihre fünf Kinder viel turnen, achtet auf gesunde Ernährung und eine solide Beufsausbildung:
Erst ab 1908 können Mädchen in Preußen Abitur machen. Es ist also schon sehr außergewöhnlich, dass alle vier Töchter der Schillers diesen Bildungsabschluss erreichen und drei gar ein Studium absolvieren, darunter "Litta", die ihre schulische Ausbildung 1909 an der Städtischen Höheren Mädchenschule ihrer Geburtsstadt startet.

Der Erste Weltkrieg bereitet dem behüteten Leben der Schillerkinder ein Ende: Der 53jährige Vater als Landsturmhauptmann an der Front eingesetzt, die Mutter im Sanitätsdienst, lebt Melitta in dieser Zeit bei der Großmutter in Schlesien. Dorthin übersiedelt die Familie 1919, nachdem der Versailler Vertrag die Provinz Posen Polen zugesprochen hat - für die national gesinnte Familie Schiller eine Schande & ein existenzieller Einschnitt. 

Für die zu Beginn des Krieges elfjährige Melitta "war der Erste Weltkrieg ihr prägendes Jugenderlebnis, fortan am Limit zu leben dessen unauslöschbare Erbschaft", schreibt ihr Biograf Thomas Medicus in seinem Buch. Er spricht gar von einer "biografische Kehre", die das Extreme in ihrem späteren Lebenslauf erklären soll: Sie stählt ihren Körper mit Sport, reduziert ihre Nahrung bis an die Grenze zur Magersucht, um sich zu beweisen, dass ihrem Willen keine Schranken gesetzt sind - Zeichen einer "Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst", die die spätere Testfliegerin auszeichnen wird.

Schon als Schülerin im schlesischen Hirschberg absolviert Melitta Flugkurse, veranstaltet von ehemaligen Militärfliegern, und unternimmt einen ersten Segelflug über dem Hirschberger Tal, was durchaus Wellen schlägt, denn für Mädchen ist nach landläufiger Meinung beim Fliegen kein Platz.

1922 besteht sie das Abitur mit sehr guten Leistungen, geht zum Studium nach München, benötigt aber einige Zeit, um das rechte Studienfach für sich zu finden. Nach einem Semester Chemie besucht sie Kurse in Physik an der Technischen Universität. In dieser Zeit lernt sie auch Motorradfahren und absolviert einen weiteren Segelflugkurs auf der Wasserkuppe in der Rhön.

1924 wird an der Technischen Universität eine Akademische Fliegergruppe gegründet, in der sich Begeisterte im Bau motorloser Flugzeuge austoben können. ( Der Versailler Vertrag  lässt nur den Gleit- und Segelflug im damaligen Deutschland zu. ) Melitta will bald nach Gründung dort Mitglied werden. Doch auch ihre Versicherung, im Falle eines Krieges ohne Einschränkung zur Verfügung zu stehen, nutzt ihr erst einmal nichts: Sie ist eine Frau und wird abgewiesen.

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1927 schließt sie ihr Studium der  Mathematik, Physik und Flugmechanik an der Technischen Hochschule München mit Auszeichnung ab. Das Studium hat sie sich selbst mit Nachhilfestunden und Privatunterricht finanziert und währenddessen auch weiterhin Kontakte zur Welt der Fliegerei gepflegt, z. B. indem sie sich bei der Süddeutschen Luft - Hansa in den Flugzeugreparatur-Werkstätten in Schleißheim aufhält, wo die Flugzeuge ihr Nachtquartier haben. Oder bei der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) in Berlin - Adlerhorst, bei der sie sich auch vergeblich um eine Möglichkeit zum Forschen & Promovieren bemüht.
Nach ihrem Studienabschluss erhält sie aber nur eine Anstellung bei der Hamburgischen Schiffbau - Versuchsanstalt, bei der sie aerodynamische Untersuchungen an Flügeln und an der Wirkweise von Propellern anstellen kann.

Im Juni 1928 kann sie endlich an die DVL wechseln. Mit nunmehr 25 Jahren gehört sie zur Elite der deutschen Luftfahrtforschung. Durch ihre äußere Erscheinung mit dem Bubikopf, der Zigarette im Mundwinkel, sportlich, sonnengebräunt, androgyn sieht sie aus wie der zeittypische "Flapper". Doch das Äußere täuscht: Das einzige, was Melitta interessiert, sind die Stunden im Cockpit, die wissenschaftliche Arbeit als Ingenieurin.

Sie findet zwar immer wieder Förderer, unter anderem Ernst Udet ( dessen von den Nazis verheimlichten Selbstmord Carl Zuckmayer in "Des Teufels General" später thematisieren wird ), doch ihre Flugstunden ab 1929 finden auf fragwürdigen Maschinen und unter schlechten Wetterbedingungen statt. Für ihre leidenschaftliche Ambition wird sie viel kritisiert. Trotz dieser Hindernisse erwirbt sie aber alle bestehenden Flug- Zertifikate für Blindflug, Land- und Seeflugzeuge, Kunstflug und Segelkunstflug sowie Funkverkehr. Sie wird zur vielseitigst ausgebildeten deutschen Fliegerin ihrer Zeit. Die männlichen Kollegen betrachten dies teils mit Neid, teils mit Bewunderung.

In den folgenden Jahren bei der DVL in Berlin entwickelt sie eine im Flug verstellbare Luftschraube, deren Musterstück sie 1932 vorstellt ( wenige Jahre später gehört diese zur Standard-Ausstattung aller militärischen und zivilen Flugzeuge in Deutschland ). Die Untersuchungen über den Widerstand von Luftschrauben im Sturzflug führt sie durch eigene Flugversuche durch. Dazu hebt sie bis zu 15 mal am Tag mit dem Flieger ab und reißt, wenn sie hoch genug ist, die Spitze ihres Flugzeugs Richtung Boden, stürzt senkrecht hinab und schwingt sich in der letzten Sekunde wieder hinauf - ein hoch riskantes Unternehmen, was spätere Bewerter ihres Lebens als krankhaft süchtig bezeichnen.

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1931 lernt sie Alexander Schenk Graf Stauffenberg kennen, Mitglied des Kreises um Stefan George wie seine Brüder Claus und Berthold. Der Althistoriker und die fliegende Ingenieurin führen lange Zeit eine Fernbeziehung.

Mit Alexander Schenk Graf von Stauffenberg
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1936 wird Melitta Schiller wegen der jüdischen Herkunft ihrer Familie aus dem Dienst bei der DLV entlassen & wechselt zu den privaten Askania Werken, dem seinerzeit bedeutendsten deutschen Unternehmen für Luftfahrt- und Navigationsinstrumente in Berlin. Im Auftrag des Militärs arbeitet die Firma an automatisch gesteuerten Flugzeugen für Übungszwecke der Fliegerabwehr, und Melitta wird die Pilotin dieses Flugzeugtyps.

Am 11.8.1937 heiraten Melitta Schiller und Alexander Schenk Graf von Stauffenberg in Berlin- Willmersdorf. Sie gehört damit zu einer hoch angesehenen, elitären Familie des Landes. Das Paar kann bei der Hochzeit noch verhindern, dass die Rassegesetze der Nazis greifen. Als sich ihr Mann 1940 aber verbeamten lassen will, lässt sich die Tatsache nicht mehr vertuschen: Melitta Gräfin Stauffenberg ist laut ihrem nun erstellten Abstammungsbescheid «jüdischer Mischling».
Das hätte das Ende als Flugkapitänin und Testpilotin bedeuten müssen. Doch Melitta kennt die wichtigen Leute im Luftfahrtministerium, und weiß, dass NS-Deutschland angewiesen ist auf die Fortschritte in der Luftfahrt. Ihrem Antrag auf „Gleichstellung mit arischen Personen“ wird stattgegeben ( und so ihr und ihrer Familie die Deportation ins Konzentrationslager erspart ) und sie wird 1941 per Dekret für "deutschblütig" und zur "Ehrenarierin" erklärt.

1937 - nämlich am 28. 10. -  wird sie auch durch Reichsluftfahrtminister Hermann Göring zur Flugkapitänin ernannt, nach Hanna Reitsch die zweite in Deutschland.

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Als im September 1938 ein Flughafen in England eingeweiht wird, entsendet das Nationalsozialistische Fliegercorps Melitta zusammen mit der berühmten Sportfliegerin Elly Beinhorn zu dem sportlichen Treffen, auch um dort die Leistungsfähigkeit der deutschen Luftfahrt zu demonstrieren. Ein Jahr später zum Kriegsausbruch wird Melitta als Ingenieurflugzeugführerin dienstverpflichtet und setzt ihre Untersuchungen fort, obwohl sie auch einen Einsatz als Pilotin für das Rote Kreuz für sich vorstellen kann.

In der Zeit bis 1942 soll sie bis zu 900 Sturzflüge aus 5000 Metern auf 1000 Meter Höhe unternommen haben, alle gefilmt und ausgewertet. 2000 solch riskanter Stürze sollen es insgesamt in ihrem Leben gewesen sein - die einen nennen es Mut, andere Wahnsinn, Ehrgeiz oder Erkenntniswille. Doch Melitta hinterlässt kaum Spuren, kaum Notizen, Tagebucheintragungen, aus denen sich ihre Motive oder ihr persönliches Erleben ablesen lassen, denn sie ist eher ein zurückhaltender, scheuer Mensch.

Am 22.1.1943 wird ihr für ihre Leistungen Görings Villa das "Eiserne Kreuze II Klasse", und das "Militärfliegerabzeichen in Gold mit Brillianten und Rubinen" verliehen:

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Zusehends werden die "Grenzen zwischen Karrierismus, freiwilliger und erzwungener Anpassung fließend", so Medicus in seinem Buch...

Es gibt durchaus Indizien, dass sich Melitta in dieser Zeit beruflich verändern will, denn es wird über eine Professur an der Universität Straßburg verhandelt, an der auch ihr Mann tätig ist. Eine Dissertation und eine Habilitationsschrift wird vorbereitet. Anfang 1944 wird sie tatsächlich promoviert. Warum es dann anders kommt, ist für uns heute nicht rekonstruierbar: Stattdessen wird sie am 1. 5. 1944 Technische Leiterin der neuen „Versuchsstelle für Flugzeug-Sondergerät e.V.“

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Und nur zwölf Wochen später, nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli 1944, an dem ihr Schwager Claus Schenk Graf von Stauffenberg als einer der Hauptakteure beteiligt ist, werden Melitta und ihr Mann in Sippenhaft genommen.

Um die Bewertung, welche Rolle ( und ob überhaupt ) Melitta bei diesem Akt des deutschen Widerstandes gegen das Naziregime gespielt hat, wird bis heute  ( auch im Netz ) gerungen, spekuliert, gemutmaßt:

Ihre Tagebuchnotizen beweisen einen regelmäßigen Kontakt mit Claus und Berthold von Stauffenberg in dessen Wohnung in der Tristanstraße in Berlin, zuletzt am 16. Juli 1944.
Nach den Erinnerungen ihres Kollegen bei der DLV, Paul von Handel, ist Melitta auch bereit gewesen, ihren Schwager nach dem Attentat mit einem Flieger nach Berlin zurückzubringen, hat ihn aber auch dahingehend informiert, dass das ihr zur Verfügung stehende Flugzeug bei einer Zwischenlandung neu aufgetankt werden müsse, so dass dieser Plan verworfen wird.
Den Geschwistern Klara, Jutta und Otto wirft der Biograph Thomas Medicus, sie betreiben nach Kriegsende "Legendenbildung" hinsichtlich der Beteiligung Melittas am Widerstand, um auf diese Weise von ihrer eigenen Verstrickung im Nazideutschland abzulenken.

Tatsache ist, dass sich Biografen der Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg mit einer nicht allzu umfangreichen Quellenlage abfinden müssen, denn es gibt wenige Dokumente an den jeweiligen Arbeitsplätzen der Fliegerin, eher knappe Notiz- als Tagebucheintragungen. Eventuell andere in der Wohnung des Ehepaares in Würzburg vorhandene sind dem Bombenangriff zum Opfer gefallen. So muss sie zwangsläufig eine schillernde Person bleiben.


Doch zurück zu den Folgen des Hitler - Attentates im Juli 1944 für das Ehepaar: Alexander kommt letztendlich in das Konzentrationslager Buchenwald. Melitta wird vom 25. Juli bis zum 2. September festgehalten und als einziges Mitglied der Familie Stauffenberg frei gelassen, weil sie für das Regime unentbehrlich ist. Der sie verhörende Gestapobeamte setzt sich für sie ein & Heinrich Himmler gibt den Befehl dazu. Allerdings darf sie sich nur noch Gräfin Schenk nennen.

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Noch in der Haft hat sie weiter an ihren Forschungen gearbeitet und nimmt ihre beruflichen Tätigkeiten einschließlich der Flüge in Berlin- Gatow sofort wieder auf. Sie nutzt ihre Möglichkeiten & Beziehungen, um die Standorte der stetig weiter verschleppten Familienmitglieder ausfindig zu machen, Besuchsgenehmigungen zu erhalten, Hafterleichterungen zu erreichen. Sie kümmert sich vor allem um die in einem Spital festgehaltene schwangere Witwe des hingerichteten Hitler-Attentäters, Nina von Stauffenberg,  und um die in ein Kinderheim eingewiesenen Kinder der Familie. Für ihre letzten Lebensmonate bescheinigt Thomas Medicus Melitta eine "unerhörte Zivilcourage" und "tiefe Bekümmernis um das Los der anderen". Es ist, als habe die Haft sie gelehrt, welchem Regime sie dient...

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Im April 1945 wird ihre Dienststelle von Berlin-Gatow nach Weimar-Nohra in die Nähe des KZ Buchenwald, in dem ihr Mann inhaftiert ist, verlegt. Angeblich hat sie das KZ mehrfach überflogen. Als ihr Mann von dort weggebracht wird, macht sie sich auf die Suche nach ihm und folgt seiner Spur nach Bayern. Am 7. April 1945 fliegt sie nach Regensburg, um von der Staatspolizeistelle der Gestapo erneut eine Besuchserlaubnis zu erhalten. Am 8. April 1945 wird sie bei Straßkirchen in der Nähe von Straubing von einem US-amerikanischen Jagdflugzeug abgeschossen. Sie kann noch ordnungsgemäß auf einem Acker landen und die zuerst am Absturzort erschienenen Zivilpersonen um Hilfe zu bitten, sie aus dem Flugzeug zu heben. Dabei stellen die Helfer fest, dass ein Bein gebrochen ist. Die Verletzungen scheinen nicht lebensgefährlich. Als der Arzt aus Straßkirchen hinzukommt, wird ihm von den inzwischen eingetroffenen Wehrmachtspersonen bedeutet, dass die Verletzte durch einen Truppenarzt bereits versorgt und seine Hilfe nicht mehr nötig sei. Zwei Stunden später ist die Gräfin tot.

Ihr Ende lässt die Gerüchteküche kochen: Sie sei auf dem Weg gewesen wäre, ihre Familie aus dem KZ freizukaufen, und auch, sie sei den Kugeln eines SS-Kommandos erlegen und nicht den Folgen des Abschusses - belegen lässt sich davon nichts.

Melitta wird in Straubing beerdigt, nach Kriegsende von zwei Lautlinger Bürgern im Auftrag ihres Mannes exhumiert, nach Lautlingen überführt und dort im Familiengrab der Schenken von Stauffenberg beigesetzt.



Was mich an der Geschichte der Melitta Schenk Gräfin von Staufenberg so gefesselt hat, ist einmal, dass sie den Typus der Neuen Frau der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts verkörpert hat und zu einer weiblichen Elite gehörte:
1932 studierten nur 22 Frauen an einer deutschen Technischen Hochschule. Dass sie dieses Studium auch noch abschloss, im gewählten Studienfach tätig sein und auch noch fliegen konnte, stellte eine Besonderheit in der damaligen Gesellschaft dar. ( Meine eigene begabte Schwiegermutter gab ihr Mathematikstudium  auf, um, wie von den Nazis gefordert, ihrer natürlichen Bestimmung als Frau & Mutter nachzugehen. ) Bemerkenswert, dass das Nazi - Regime sie dafür belohnt, dass sie sich seinen Rollenbildern verweigert hat!

An Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg zeigt sich aber zum anderen auch die ganze Tragik des assimilierten Judentums im Deutschland der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts ( ähnlich wie z.B. bei Klara Immerwahr und ihrem Ehemann Fritz Haber, siehe dieser Post ).
Der Wunsch, ihre jüdische Herkunft geheim zu halten, dürfte bei ihr einen enormen Anpassungsdruck an die Anforderungen des Naziregimes hervorgerufen haben, wollte sie doch auch weiterhin ihre privaten Leidenschaften & Interessen ausleben und verfolgen. In ihrer Begeisterung für das Fliegen ließ sie sich quasi als Aushängeschild vereinnahmen und verdrängte den ( schrecklichen ) Sinn hinter all ihrem Tun.

Ihre Lebensgeschichte lässt Rückschlüsse zu auf die Widersprüche, die in jedem Menschen und die Schlupflöcher, die in jedem fürchterlichen System, stecken...




Kommentare:

  1. Puh..., da muss man erst mal tief durchatmen. Auch eine Frau, die ich noch gar nicht kannte. Wie sie als Frau damals ihre beruflichen Ziele durchsetzt, ist bemerkenswert. Eine spannende Geschichte mit einigen Unbekannten und voller Verstrickungen. Ideale, Wünsche, Zwänge, Besessenheit... und dann doch diese Zivilcourage. Wieder ein toller Post, liebe Astrid. Lieben Gruß Ghislana

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  2. Hallo meine Beste, ich wiederhole mich..... wie immer toll! Genau das was ich heute gebraucht habe. Manchmal ist es verhext, da ist deine Vorstellung von Melitta Schenk genau das richtige. Ich hatte einen Kaffee und konnte mich mal entspannen ;-). Übrigens danke für deine lieben Kommentare - die bringen mich immer zum Schmunzeln.
    Liebe Grüße
    Christin

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  3. Hallo. Ich lese die Porträts sehr gerne. Wow, aucv dieser lässt mich staunen. Mir so nicht bekannt. Danke dafür. Komme gerade vom Flughafen. Staunend, dass ich die Zeit überstanden habe. Wahnsinn, wie sanft so ein Flieger aufsetzt. Irre Biografie und auch mit den Fragen, die bleiben, eine sehr interessante Geschichre. Danke für das Teilen!! Mehr davon!@

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  4. Sranding Ovations für dich - hatte ich vergessen!!

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  5. Sehr interessant, unfassbar dramatisch.
    Wie gerne würde ich mich mal mit ihr unterhalten.

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  6. schier unglaublich erscheint mir die geschichte dieser frau. was du da wieder zusammengetragen hast, ist großartig, liebe astrid. ich hatte bisher noch nie von ihr gehört. ihr leben ist faszinierend und erschreckend zugleich.
    liebe grüße, mano

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  7. Du fasst es mit deinem letzten Satz hervorragend zusammen. "Ehrenarierin" - ich hatte wirklich noch keine Ahnung, dass es das gegeben hat. Lg mila

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  8. Liebe Astrid,
    ich schätze Deine Frauen-Posts sehr. Dieser ist wieder etwas ganz besonderes - eine wahrhaft interessante Persönlichkeit die Melitta.
    Den Ausdruck Flapper kannte ich bisher auch noch nicht.
    Grüße Judika

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  9. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  10. Ich bin gerade auf Umwegen auf deinen Blog gestoßen und sehr begeistert von deinen Frauen-Porträts, durch die ich mich nun nach und nach wühlen muss. Besonders gefreut habe ich mich über dieses hier, denn "Litta" ist auch mir danke Anne C. Voorhoeve begegnet, im Roman "Einundzwanzigster Juli", der das Hitler-Attentat behandelt. Dort hat sie zwar nur eine Nebenrolle, aber eine, die mich sehr beeindruckt hat - nicht zuletzt wegen der Widersprüchlichkeit ihrer Person, die du hier ja auch beschrieben hast. Jüdischer Mischling, Frau, die sich gegen Rollenerwartungen durchsetzt und doch zeitweise unverzichtbar für das Nazi-Regime. Was für eine Frau sie gewesen sein muss!

    Sie ist der Hauptgrund, warum ich im vergangenen Sommer mit Begeisterung meinen Lieblingsmenschen zum militär-historischen Museum in Berlin-Gatow begleitet habe, wissend, dass sie da ebenfalls unterwegs war. (Übrigens: tolles Museum, auch für Menschen wie mich, die von Flugzeugen keine Ahnung haben.)

    Vielen Dank für diese Reihe, vielen Dank, dass du auch unbekanntere Frauen porträtierst. Ich freue mich auf weitere.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

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