Donnerstag, 7. Januar 2021

Great Women #245: Charlotte Berend - Corinth

Wieder mal so ein Fall von einer Schattenfrau! Die Bilder ihres Mannes vom Walchensee in diversen Museum gehören zu den einprägsamen Malereien des von mir so geschätzten Expressionismus. Dass seine Frau ebenfalls Malerin gewesen ist, habe ich erst durch eine Ausstellung der Berlinischen Galerie zum 125jährigen Jubiläum des Vereins der Berliner Künstlerinnen erfahren. Die Rede ist heute von Charlotte Berend - Corinth.

"Selbstbildnis mit Brille"
(1960)


"Ich bin trotz Fleißes nur sprunghaft vorangekommen, 
denn ich durfte nur einen Teil meiner Seele 
für mich klingen lassen, 
nur einen Teil meiner Kraft für mich brauchen."

Charlotte Berend wird am 25. Mai 1880 in Berlin in der Kochstraße in eine jüdische Familie hineingeboren. Ihre Mutter Hedwig Gumpertz stammt aus einem Zweig einer der ältesten und bedeutendsten jüdischen Familien Deutschlands, der seit zweihundert Jahren in Preußen als sogenannte "Schutzjuden" ansässig gewesen ist. Hedwigs Vater ist einer der Mitbegründer des Berliner Bankhauses "Gumpertz und Samuel" am Molkenmarkt. Ihr Mann, Charlottes Vater, der zwölf Jahre ältere Baumwollimporteur Ernst Berend, hingegen kommt aus einer in Hamburg & Dessau ansässigen Kaufmannsfamilie. Die Ehe der Eltern ist noch von einem Schadchen, einem jüdischen Heiratsvermittler, arrangiert worden. Die Eltern leben allerdings nicht streng nach jüdischen Regeln. Charlotte ist ihre zweite Tochter. Die fünf Jahre ältere Schwester Alice wird später eine bekannte Schriftstellerin werden.

Befindet sich das Geschäft des Vaters am Alexanderplatz, liegt das Domizil der Familie wie bei vielen erfolgreichen jüdischen Geschäftsleuten der Zeit im Viertel am Tiergarten, genauer in der Burggrafenstraße. Die Mutter, obwohl durch den wachsenden Wohlstand in der Lage, Hausangestellte einzustellen, konzentriert sich ganz auf die Führung & Pflege des Haushaltes, denn keiner kann es ihr recht machen. "Ein richtiger Hausdrache", wird Charlotte später in ihren Erinnerungen schreiben. Die Lebensführung der Mutter, beschränkt auf den engen häuslichen Kreis, erscheint ihren beiden Töchtern wenig attraktiv. "Sie verbinden es mit Langeweile, schlechter Laune, Sparsamkeit und öder Perfektion. Wie die Mutter werden - welch ein Alptraum für die beiden kleinen phantasievollen und begabten Mädchen!" ( Quelle hier )

Charlotte ist ein hübsches Kind, das gerne im Mittelpunkt steht und zur Selbstdarstellung neigt. Schon als Kleinkind beschäftigt sie sich gerne mit Stiften und Farben. Als sie eine öffentliche Schule, die Charlottenschule nahe dem Magdeburger Platz besucht, erhält sie ihren ersten Zeichenunterricht bei Eva Stort, einer Grafikerin & Landschaftsmalerin, Schülerin von Max Liebermann und Karl Stauffer-Bern. Schon als Zehnjährige äußert sie, Malerin werden zu wollen. Das soll sie ihrer Schulfreundin erklärt haben, auch, dass sie später keinen Mann und keine Kinder haben will. 

Gebäude der Secession
in der Tiergartenstraße

Charlotte ist eine eher mäßig interessierte Schülerin, begeistert sich mehr für außerschulischen Aktivitäten sportlicher Art und ihre musischen Neigungen. Sie besucht schon als 15jährige alle Ausstellungen der Berliner Secession und hält ihre Eindrücke von der ausgestellten Kunst in ihrem Mädchentagebuch fest. Die Eltern hingegen haben absolut kein Interesse & Neigung zur Kunst und nehmen auch sonst nur gelegentlich am kulturellen Leben der Stadt Anteil. 

Bis zu ihrem siebzehnten Lebensjahr kann Charlotte auf dem Lyzeum bleiben. Sie will sich nun der Malerei widmen und ihrer "Philisterfamilie" ( Alice Berend )  entkommen. 

Eine ganze Weile zögert der Kaufmann Ernst Berend, bis er seiner Lieblingstochter das Kunststudium erlaubt. Viel lieber würde er sie großbürgerlich verheiratet sehen als einer - von ihm befürchteten - Zukunft als "Blaustrumpf" und "alter Jungfer" ins Auge zu schauen. Ihr Talent überzeugt ihn schließlich, und Charlotte unterzieht sich 1898 der Aufnahmeprüfung für die Königliche Kunstschule zu Berlin in der Klosterstraße 75, die als "Vorschule" der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin gilt. Nur zwei der 85 Anwärterinnen werden angenommen, darunter Charlotte. Ein Jahr später wechselt sie in diese Unterrichtsanstalt und setzt dort ihr Studium fort.

Doch ein tragisches Ereignis zwingt sie aus finanziellen Gründen zur Aufgabe: Am 28. Februar 1900 erschießt sich ihr Vater in seinem Arbeitszimmer, nachdem er bei Börsenspekulationen sowohl sein eigenes Vermögen verloren wie auch treuhänderische Gelder veruntreut hat. Knapp zwanzig Jahre ist Charlotte da alt, als sie den sterbenden Vater in ihren Armen halten muss. Was das für sie bedeutet, ist kaum zu ermessen. Später wird in der Erinnerung an den toten Corinth auch die Erinnerung an den toten Vater wieder wach, und sie selbst phantasiert sich in die Rolle eines Todesengels. 

Die drei weiblichen Mitglieder der Berend- Familie haben wohl nicht geahnt, dass der Familienvorstand seine Firma in den Ruin getrieben und mit seinem Lebensstil über seine Verhältnisse gelebt hat. Mit der Mutter & Alice muss Charlotte nun in eine kleine Wohnung am Halensee umziehen und das Studium aufgeben.

Im November 1900 hat sie in der Kunsthandlung der Brüder Cassirer ( siehe auch dieser Post über Cassirers Ehefrau Tilla Durieux ) ein Bild von Lovis Corinth berührt, ein Porträt eines alten Mannes. Ein Jahr später wird sie Schülerin in seiner neu eröffneten "Malschule für Weiber". Dreißig Mark kostet der Unterricht pro Monat - für Charlotte viel Geld!

Lovis Corinth mit seiner Malklasse,
Charlotte direkt hinter ihm
(1902)

Als sich die 21jährige 1901 bei Corinth vorstellt, markiert dies einen Wendepunkt in beider Biographie. Schnell wird sie seine Lieblingsschülerin, nicht zuletzt wegen ihrer großen Begabung, und schließlich zur Muse des Malers, in dessen Werk sie fortan eine zentrale Rolle spielen wird. 

© Stiftung Stadtmuseum Berlin

Der am 21. Juli 1858 - und damit über zwanzig Jahre älter als Charlotte - als Franz Heinrich Louis Corinth in Tapiau ( Ostpreußen ) geborene Maler gilt um 1900 nicht nur als eines der progressivsten, sondern auch umstrittensten Talente der deutschen Kunstszene. Heftige Widerstände, Anfeindungen und Skandale haben ihm den Ruf eines "enfant terrible" eingebracht, was seiner Karriere allerdings eher förderlich ist. Seinen entscheidenden Durchbruch hat er mit dem Gemälde "Salomein Berlin , wohin er 1901 nach Aufenthalten in Paris und München gezogen ist und im Rahmen der Berliner Secession große Erfolge feiert. Zusammen mit Max Liebermann und Max Slevogt bildet er das Dreigestirn des deutschen Impressionismus, so der Galerist Paul Cassirer.

Ab 1902 steht Charlotte Corinth ihm regelmäßig als Modell zur Verfügung. Das erste Bild ist "Porträt Charlotte Berend im weißen Kleid", ein Vollporträt in einem hellen Kleid mit dunkler Schärpe. Sie begleitet ihn auch bald bei seinen Besuchen in den besten gesellschaftlichen Kreisen, zu denen auch der Berliner Geldadel gehört - ein Milieu, in dem sie sich aufgrund ihrer Herkunft angemessen zu bewegen weiß.  

Im gleichen Jahr ist sie auch dabei, als Corinth zu einer Studienreise nach Horst in Pommern aufbricht. Während des Aufenthaltes lernen sie ihre jeweiligen Lebensgeschichten kennen, kommen sich immer näher und werden schließlich ein Liebespaar, ohne dass Charlotte sich wirklich entschieden hat, sich an ihren Lehrer zu binden. Sie habe damals ein "flatterhaftes Herz" gehabt, wird sie in ihren Lebenserinnerungen später beschreiben. Während des Badeurlaubs malt Lovis Corinth das Bild "Petermannchen" ( Charlottes Spitzname ) ebenso wie das "Paddel-Petermannchen". Charlotte wiederum fertigt von ihm eine bemerkenswerte Bleistiftzeichnung an. 

Das Paar auf seiner
Reise nach München
(1902)
Doch es ist nicht alles eitel Sonnenschein und auf eine gemeinsame Zukunft ausgerichtet: Charlotte, zugleich als spröde und kokett beschrieben, lässt sich von einem "Dr.U", der ihr sein "junges, einsames Herz" zu Füßen gelegt hat, zu einer Reise nach Kopenhagen und einem Aufenthalt im luxuriösen Berliner Hotel Savoy einladen. Als Corinth ihr daraufhin die kalte Schulter zeigt, geht sie auf die Knie und erfährt anschließend in seinen Armen "Erlösung, Dankbarkeit, und eine große Bewunderung für seine Größe". Auf einer Reise zum Oktoberfest nach München im September 1902, auf der er Charlotte mit seinen Freunden bekannt machen will, stellt der Maler sie dann schon als seine Verlobte vor.

Am 23. März 1904 findet die Hochzeit zwischen Charlotte Berend und Lovis Corinth ganz unauffällig in Berlin - Wilmersdorf statt ( spätere Darstellungen nennen als Hochzeitstag oft den 23. März 1903, Grund für die Vorverlegung des Datums könnte die Geburt des gemeinsamen Sohnes Thomas am 13. Oktober 1904 - und damit nur sieben Monate nach der Hochzeit - sein ). Die junge Frau besteht auf dem Doppelnamen Berend-Corinth. 

Ihre Ehe beginnt zunächst als produktive Künstlerverbindung. Der finanzielle Rahmen, den der erfolgreiche Maler Charlotte bieten kann, ermöglicht ihr einen Lebensstil weitestgehend frei von den meisten häuslichen Verpflichtungen und mit eigenem Atelier. Corinth ermuntert sie zu eigenen Arbeiten und steht ihr für ein Porträt Modell. 1906 wird sie noch Mitglied der Berliner Secession und stellt 1908 ihre ersten Bilder aus, wobei das von ihr gezeigte Gemälde "Die schwere Stunde" zu beeindrucken weiß, sowohl Publikum, darunter eine begeisterte Else Lasker-Schüler, wie die Kritiker der Presse. ( Das Bild ist übrigens verschollen. )

In diese Zeit fällt auch eine Episode mit dem Schweizer Maler Ferdinand Hodler, vier Jahre älter als Corinth, der ihr den Kopf verdreht, auch, weil er Interesse an ihrer Malerei zeigt. Doch als er mit Charlotte ein gemeinsames Kind haben will bzw. von ihr die Einführung seines eigenen Sohnes in die Liebe, ist sie verstört, bekommt aber wohl erst wieder einen klaren Kopf, als ihr Mann völlig stoisch reagiert, nachdem er von allem erfahren hat. Doch es kriselt weiter, denn Charlotte ist lebenshungrig, der ältere Ehemann ein eher (wort)karger Ostpreuße...

Nach und nach verändert sich auch die künstlerische Paargemeinschaft und es entwickelt sich eine Beziehungsstruktur, die eher auf Disparität denn Gleichberechtigung beruht, vor allem auch, nachdem 1909 am 13. Juni die Tochter Wilhelmine "Mine" geboren wird. Charlotte, die die künstlerische Phantasie ihres Mannes sowohl als Geliebte, Ehefrau und Mutter zu erregen weiß, rutscht immer mehr in die Rolle des Modells statt der der Mal - Schülerin, als die sie ihr Mann noch eine Weile unterstützend gesehen hat. Es werden am Ende seines Malerlebens insgesamt achtzig Porträts in Öl sein, für die sie ihrem Mann Modell gestanden hat.

1907

Dieses Modellstehen kostet sie sehr viel Zeit, Zeit, die ihr für ihre eigene Malerei abgeht. Außerdem ist es enorm anstrengend, sie ist oft erkältet und posiert selbst hochschwanger bis zur Erschöpfung für ein Bild ihres Mannes: "Ich habe noch Modell gestanden zwei Tage vor meiner Niederkunft, ganze Figur, obwohl mir die Beine etwas zittrig waren." Sie steht ihm auch als verständnis- und liebevolle Partnerin zur Seite, wenn ihn Depressionen befallen, versucht ihn, durch ausgefallene Garderoben zu neuen Bildern anzuregen und tauscht sich mit ihm über seine angefangenen Bilder aus, um die Weiterarbeit zu fördern.

"Wenn man sich die Briefe zwischen Charlotte Berend und Corinth ansieht, fällt auf, wie das Interesse Corinths an den Bildern seiner Frau kontinuierlich abnimmt. In den Anfangsjahren der Ehe fragt er noch nach ihren Arbeiten und zeigt Interesse an ihren Fortschritten, später spricht er nur noch von eigenen Projekten." ( Quelle hier )
Es sieht so aus, als habe Charlotte diese Entwicklung nicht klaglos hingenommen und die Unzufriedenheit mit ihrer Arbeitssituation ausgedrückt hat. Ihr Ehemann reagiert darauf schon einmal mit dem Vorwurf des Egoismus und bezeichnet sie als "mißverstandene Nora und glaubst dich vollständig verraten." Nach und nach setzt er die Vorrangigkeit seiner Interessen durch ( symptomatisch ist die hier beschriebene Szene um eine Tube weißer Farbe ) und sie gibt immer wieder nach.

In der Nacht zum 19. Dezember 1911 erleidet Corinth einen Schlaganfall, von dem ihm die linke Hand halb gelähmt bleiben wird. Charlottes Möglichkeiten werden noch mehr einschränkt, weil sie ihn zunächst pflegt und ihn zu einem Kur-Aufenthalt an die Riviera begleitet. Einem Freund gegenüber äußert Corinth sich dazu so: "Ich weiß, daß der Verzicht für sie hart ist. Es tut mir leid. Aber ich wäre ohne sie nicht durchgekommen. Und auch jetzt noch komme ich ohne sie nicht aus. Sie ist noch jung. Sie kann das nachholen. Aber mit mir ist's was anderes." 

Charlotte arbeitet unter diesen Lebensbedingungen mit Disziplin gegen ein Nachlassen ihrer Fähigkeiten an, zeichnet sich ständig selbst, weil sie weiß, wie schnell frau ihr Handwerk verlernt. Sie schafft Illustrationen und kleinformatige lithografische Mappen, darunter solch beeindruckende wie die hier zu betrachtende des Schauspielers Max Pallenberg, bis sie wieder durch das Älterwerden ihrer Kinder die Zeit hat, in Öl zu malen. Unabhängig von ihrem Mann bewegt sie sich in der Welt des Theaters und hat mit ihren Zeichnungen und Lithographien von Fritzi Massary, später mit ihren erotischen Werken von Valeska Gert  & Anita Berber auch großen kommerziellen Erfolg.

Nach dem 1. Weltkrieg, von 1924 an ( bis 1932 ) ist sie sogar im Vorstand der nach der Abspaltung der "Neuen Secession" von Corinth geleiteten Ursprungsvereinigung aktiv und 1925 kann sie obendrein eine größere Studienreise nach Paris und Spanien unternehmen, von der sie mit einer Fülle von Bildern zurückkommt.

Charlotte Berend-Corinth
"Waldlandschaft Urfeld am Walchensee"
(ohne Jahr)
Bereits 1919 haben die Corinths ein Grundstück in Urfeld am Walchensee gekauft, auf das seine Frau ihm ein Haus - "Haus Petermann, nach ihrem Spitznamen - bauen lässt. Corinth: "Von allem, was du für mich getan hast, war deine größte Tat doch der Bau unseres Hauses am Walchensee". Charlotte selbst bekennt später, dies sei ihr der liebste Ort auf der Welt gewesen.

Das Haus ist ein echter Rückzugsort, förderlich fürs gemeinsame Familienleben, aber auch für die Kunst, denn dort ist der malende Ehemann ausgeglichen wie sonst nie. Corinth schafft seine berühmten, mehr als sechzig Walchensee-Bilder, Porträts und Stillleben, die ihm förmlich von der Staffelei gerissen werden, während Charlotte sich ganz seinen Wünschen unterordnet - er verbietet ihr beispielsweise den Walchensee als Motiv ihrer eigenen Bilder, so später die Tochter Mine - und die eigene Malerei zeitweise hintanstellt. Damit ihr Mann den uneingeschränkten Blick auf den herrlichen See behalten kann, kauft Charlotte sogar Land dazu, damit er nicht verbaut wird.

Berühmt ist das "Große Selbstporträt vor dem Walchensee" von 1924, in dem Corinth sich im rot-weiß gestreiften Hemd vor dem Hintergrund des Karwendels, eingebettet in eine scheinbar ewige Natur,  voller Lebenskraft darstellt. Es wird sein letztes Geburtstagsbild sein, denn Lovis Corinth stirbt am 17. Juli 1925 im Alter von 67 Jahren an einer Lungenentzündung auf einer Reise nach Amsterdam, wo er die Bilder von Frans Hals und Rembrandt anschauen wollte. Charlottes Entwicklung in Richtung künstlerische Unabhängigkeit wird jäh gestoppt, und das Verhaltensmuster der Identifikation mit dem Mann, nach dem sie seit dem Tod des Vaters gelebt hat, trägt nicht mehr, und sie muss sich nun selbst finden. Das dokumentieren ihre beiden späteren Erinnerungsbücher, die zeigen, wie schwer ihr das gefallen ist.

Sie ist jetzt immerhin 45 Jahre alt, also nicht mehr wirklich jung, aber jung genug, um was Eigenes anzufangen. Sie beginnt allerdings erst einmal ein Tagebuch zu führen, den Nachlass zu ordnen und eine Retrospektive in der Berliner Nationalgalerie für den Jahresbeginn 1926 vorzubereiten. In diesem Jahr hat sie einen Nervenzusammenbruch & Suizidgedanken und ist erst nach einem Sanatoriumsaufenthalt wieder in der Lage zu malen. Sie stellt schließlich fest, sie hätte "reichlich spät die Kinderschuhe ausgetreten; ich seh erst jetzt das klare kalte Erdenleben, wie es wirklich ist." ( Quelle hier )

Anfang 1927 eröffnet sie dann ihre eigene Malschule in der Berliner Klopstockstraße, stellt in der Ausstellung "Die schaffende Frau in der Bildenden Kunst" aus und unternimmt dann ab September mit ihren Kindern, inzwischen 22 und 18 Jahre alt, eine viermonatige Reise in den Vorderen Orient. "Das Leben hat ein anderes Gesicht bekommen, ich bin ehrgeizig geworden", konstatiert Charlotte 1928 in ihrem Tagebuch, konzentriert sich nun wieder völlig auf die Malerei und lässt sich dazu in den 1930er Jahren immer wieder zeitweilig in Alassio in Italien nieder. In dieser Zeit entstehen Landschaftsaquarelle in einem ganz eigenen Stil mit unverwechselbarem Bildaufbau.

Unterdessen sind in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ist Charlotte Berend-Corinth nun weder erwünscht noch sicher. Sie wird 1933 aus der Berliner Secession ausgeschlossen und der "entarteten Kunst" zugeschlagen. Ihr Sohn, schon seit 1931 in New York, bedrängt sie immer wieder, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Von Ascona aus soll sie aufbrechen, erleidet dort eine Herzattacke und lässt sich schließlich im Mai 1939 von ihrem Sohn nach New York bringen. Doch in der Stadt mag sie nicht bleiben und sie zieht weiter nach Santa Barbara in Kalifornien. Dort lebt sie bis 1943 und malt zahlreiche kalifornische Landschaften. Dann kehrt sie zurück nach New York, um sich für immer in der Stadt niederzulassen. Auch ihre Tochter stößt ab 1948 mit ihrem Mann dazu. Eine Malschule sichert ihre materielle Existenz.

New York (1962)
Digitales Porträtarchiv

Ihrer Malerei bekommt dieser Wechsel, vor allem deshalb, weil ihre Arbeit "unvoreingenommen aufgenommen" wird und sie nicht länger mit der stereotypen Frage konfrontiert wird, ob sie "die Malerei Corinths fortzusetzen suche oder einen eigenen Weg zu gehen willens sei." In ihrer alten Heimat wird sie hingegen überhaupt nicht mehr als Künstlerin wahrgenommen, daran ändern auch ihr wenigen Ausstellungen - 1956 im Kunstamt Berlin-Reinickendorf bzw. im Hamburger Künstlerclub "Die Insel", 1959 in einer Gruppenausstellung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München - und ihre Besuche 1952, 1954 & 1958 nichts.

1948 veröffentlicht sie ihr autobiografisches Buch "Mein Leben mit Lovis Corinth", 1950 ihr zweites Erinnerungsbuch "Als ich ein Kind war" und 1958 das Werkverzeichnis der Gemälde ihres Mannes, bis heute ein Standardwerk. Im Juli 1967 richtet die Nationalgalerie in Ost-Berlin eine große Sonderausstellung für sie aus, an deren Vorbereitung sie mitwirkt. Doch die Eröffnung erlebt sie nicht mehr: Charlotte Berend-Corinth stirbt am 10. Januar 1967 in New York und wird auf dem Mount Hope Cemetery in Hastings-on-Hudson beigesetzt.

Ihre eigene Lebensleistung beurteilt sie in ihrem Buch über Corinth so: 

"Ich behaupte.. , daß große Leistungen von einem Mann nur ausgeführt werden, wenn eine Frau neben ihm steht, ohne sich vordrängen zu wollen, nicht einen Schritt - eher noch hinter ihm mag sie verbleiben ... Ich behaupte ferner, daß auch eine Frau mehr Leistung von Wert hervorbringen würde, wenn ein Mann so neben ihr stünde, aber - er möge mir verzeihen - dafür ist der Mann noch nicht reif! Tatsächlich, es gibt keine Frauenemanzipation - es gibt nur eine Entwicklung beim Manne, auf die zu hoffen wäre."
2016 werden einige ihrer Gemälde im Stadtmuseum Berlin in der Gemeinschaftsausstellung "Berlin – Stadt der Frauen" gezeigt. Die Ausbeute an Veröffentlichungen über die Malerin Charlotte Berend - Corinth ist sehr gering, es existieren kleinere Ausstellungskatalogen, überwiegend mit Schwarzweiß-Reproduktionen, die wenig von der Qualität ihrer Bilder ahnen lassen. Eine Übersicht über das Gesamtwerk gibt es nicht, ebenso kein biografisches Werk. Da gäbe es also noch Einiges zu tun, um sie aus dem Schatten heraustreten zu lassen.


Kommentare:

  1. Toll geschrieben, liebe Astrid. Ich bin begeistert von ihren Bildern und hatte sie tatsächlich noch nie wahrgenommen.
    Wenn ich mal wieder in der Gegend vom Walchensee bin, werde ich nach Urfeld fahren, aber nicht wegen Lovis, sondern wegen Charlotte.
    Danke für's ins Lichtbringen von Charlotte Berend-Corinth, sagt
    Sieglinde

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  2. Von der Künstlerin habe ich noch nie gehört, Danke, dass Du sie wieder hervor geholt hast.
    Liebe Grüße
    Nina

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  3. Meistens überfliege ich die Berichte über die Great Women nur, heute habe ich mir Zeit genommen und fand es sehr interessant. Ich habe 26 Jahre recht nah bei Urfeld gewohnt und bin noch nicht einmal in dem Museum gewesen, ohne Worte ... Sobald das Museum wieder öffnen darf, werde ich ganz sicher hinfahren. Wie oft braucht es einen Anstupser von außen, das man Dinge vor der Nase wahrnimmt. Herzliche Grüße, Christine

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  4. von Helga:

    Liebe Astrid,

    danke für das Portrait der Malerin die leider nur zu wenige kennen. Meinem Sohn habe ich es gleich weitergereicht. Zu Weihnachten bekam ich das Buch: Nürnberger Frauen von Eva Maria Bast, kam neu heraus und ich finde es für eine gebürtige Nürnbergerin wie mich, sehr informativ. Ein Geschenk das Freude gemacht hat.

    Liebe Grüße von Helga

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  5. Liebe astrid,
    danke für das Porträt einer Malerin, die ich noch nie bewuszt wahrgenommen habe, obwohl mir ihr Name ganz sicher schon begegnet ist...
    Schneefrauengrüsze aus dem Harz
    Mascha

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  6. Wieder ein Beispiel, wie schwer der Schatten des malenden Mannes zu erdrücken vermag. Und freiwillig ließ auch Corinth seine Frau nicht daraus heraustreten.
    Danke für ein wieder so interessantes Frauenportrait.
    Liebe Grüße
    andrea

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  7. Liebe Astrid,
    mit diesem Porträt hast du mir eine besondere Freude gemacht. Ein Druck von "Paddel-Petermannchen" hängt seit Jahren in meiner Küche, im Blickfeld beim Frühstück. Dieses Bild hängt im Landesmuseum Hannover und hat meine beiden Schwestern und mich dort sehr beeindruckt.
    Eine Schwester wird heute 81, natürlich habe ich für sie das Porträt ausgedruckt. Außerdem bekam sie von mir den Roman über Leonora Carrington "Die Surrealistin" - ergänzt natürlich wiederum durch dein Porträt. Übergeben natürlich vor der Haustür und ohne Umarmung.
    Danke für deine vielen Anregungen, ganz herzlichen Dank.
    Ich wünsche mir ja, es erschiene ein (zwei, drei ..) Buch mit den Porträts. Ich würde es allen Freundinnen schenken!
    Herzliche Grüße aus dem grauen Südniedersachsen an einem Tag, wo wir besorgt und zornig nach Amerika blicken
    Uschi


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  8. Liebe Astrid,
    vielen Dank für dieses eindrucksvolle Lebensporträt die Malerin, die ich noch nicht kannte...da werde ich doch nach ihr Ausschau halten...
    Liebe Grüsse
    Augusta

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  9. Es ist doch immer wieder beeindruckend, wieviele dieser "Schattenfrauen" es gibt.Als wäre es ein eisernes Gesetz. Ich habe jedenfalls deine Darstellung mit großem Interesse gelesen.
    LG
    Magdalena

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  10. wieder einmal ist es so schade (aber auch typisch!)dass eine wunderbare künstlerin völlig im schatten ihres mannes stehen musste und immer noch muss. wie traurig, dass es nicht einmal heute gute veröffentlichungen und ausstellungen über sie gibt. obwohl ich immer dachte,ich kenne die meisten "malweiber" aus dieser zeit, so ist sie leider nicht in meinem kopf hängengeblieben. schade! umsomehr dank für dieses portrait!
    liebe grüße
    mano

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  11. Wieder ein Porträt einer Künstlerin, die im Schatten ihres Mannes stand...ich hab sie bisher nicht gekannt, vermutlich liegt es daran, dass ihr Leben/Schaffen nicht so publik gemacht wurde. Jedenfalls danke für diese Vorstellung.
    Lieben Gruß, Marita

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  12. der Name Corinth war irgendwie in meinem Hinterkopf
    allerdings keine Verknüpfung dazu ;)
    schade dass sie sich zunehmend hinter ihren Mann stellen mußte
    und es später nicht geschafft hat ihr Werk
    so vorzustellen wie es ihm gebührt hätte
    auch schade dass man sie anscheinend vergessen hat

    wieder ein sehr schönes Portrait

    liebe Grüße
    Rosi

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Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, wenn der Ton daneben ist...

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