Donnerstag, 20. Mai 2021

Great Women #260: Barbara Hepworth

Ich hatte in meiner Zeit als Schülerin auf einer Nonnenschule eine sehr unkonventionelle, aufgeschlossene und kreative Kunstlehrerin, eine Nonne, die nach den Jahren mit einem unsäglichen Kunstverständnis sich allen künstlerischen Strömungen der klassischen Moderne, auch der Abstraktion, geöffnet hatte und ihre Begeisterung an ihre Schülerinnen weitergab. Ihr verdanke ich viel, auch, dass ich die Bildhauerin, die ich heute hier porträtieren werden, kennengelernt und die Erfahrung gemacht habe, dass mir dreidimensionales künstlerisches Schaffen nicht so wirklich liegt. Aber eine durchaus sinnliche Specksteinskulptur mit dem berühmten Loch ist damals dennoch entstanden, ganz in der Formensprache der Barbara Hepworth...

"Pierced Form"
(1932, zerstört 1940)

"All my early memories are of forms and shapes and textures"
.....
"... die Hammerschläge auf den Meißel 
müssen mit ihrem Herzschlag oder Puls übereinstimmen."

Jocelyn Barbara Hepworth erblickt am 10. Januar 1903 in Wakefield, West Riding of Yorkshire, als ältestes Kind von Gertrude Johnson und Herbert Hepworth das Licht der Welt. Zwei Schwestern - Joan und Elizabeth - und der Bruder Tom werden in den nächsten Jahren noch folgen. Der Vater ist als Bauingenieur beim Bezirksrat des Verwaltungsbezirks West Riding of Yorkshire angestellt, wo er später die Aufgabe eines Landvermessers innehat. Als Mädchen begleitet sie ihn auf den langen Autofahrten, wenn er die Topographie der heimischen Hügel und Senken kartographiert, durch raue, windgepeitschte Graslandschaften, die ab und an vom Drama steiler Klippen unterbrochen werden. Barbara schult an der einsamen, hügeligen Landschaft ihren Sinn für Formen, Konturen und Texturen, indem sie ihre Umgebung als plastische Gebilde erfährt:

"Moving through and over the West Riding landscape with my father in his car, the hills were like sculptures; the roads defined the forms. Above all, there was the sensation of moving physically over the contours of fulnesses and concavities, through hollows and over peaks – feeling, touching, seeing, through mind and hand and eye. This sensation has never left me." ( Quelle hier )

Wichtig ist für Barbaras Entwicklung aber auch die Überzeugung der eher sozialistischen Mutter und des Vaters, dass Mädchen ein Recht auf die gleiche Bildung wie Jungen haben sollen, damals nicht der Standard in Englands Norden. Ab 1909 besucht sie die Wakefield Girls 'High School, absolviert sie mit Leichtigkeit, erhält als 12jährige ein Musikstipendium, zwei Jahre später ein weiteres, offenes Stipendium. 

Die Sommer verbringt die Familie Hepworth in Robin Hoods Bay, einem einstigen Schmugglernest in der Nähe von Whitby/North Yorkshire. Dort gibt es eine kleine Gemeinschaft praktizierender Künstler - für das Mädchen sehr inspirierend: "Bei Flut schlugen die Wellen auf das Haus und Sprühnebel fiel um uns herum ... Ich war immer in einem Zustand großer Aufregung", wird sie später erzählen. "Ich schlich mich im Morgengrauen hinaus, um Steine ​​und Algen zu sammeln und vorher selbst zu malen und zu zeichnen, von niemand angeordnet. 

B. Hepworth rechts mit Henry Moore
An der Wakefield Girls 'High School inspirieren sie wiederum Bilder ägyptischer Skulpturen, die sie in einem Film dort gesehen hat, zum Berufswunsch "Bildhauer". Von der Schulleiterin Miss McCroben wird sie schließlich darin bestärkt, sich für ein Stipendium an der Leeds School of Art zu bewerben. Barbara Hepworth, immer eine Überfliegerin, bekommt es tatsächlich und darf ab 1920 mit gerade 17 Jahren dort studieren, zunächst Kunstwissenschaften. Selbstzweifel werden sie nie plagen. Was sie auszeichnet ist außerdem Talent und ihr Ehrgeiz.

In Leeds lernt sie Henry Moore kennen, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft und eine sanfte berufliche Rivalität verbinden wird, denn Moore wird einen großen Einfluss auf ihre Arbeit haben, der aber immer auch auf einem wechselseitigen Prozess beruhen wird. Von Leeds aus erhält Barbara ein weiteres Stipendium für das Royal College of Art, wo sie ihr Studium 1923 mit einem ein Diplom abschließt.

Die junge Bildhauerin entwickelt eine spezifische Methode der bildhauerischen Arbeit, das "direct carving", eine Methode der Stein- und Holzbildhauerei, bei der der Künstler die Formen in Stein oder Holz unmittelbar, also ohne künstlerische Vorlage, herausarbeitet im Unterschied zu der bis dahin üblichen akademischen Methode mit Bozzetto oder vorbereitendem Ton- oder Gipsmodell. Von der Royal Academy aus besucht Barbara gemeinsam mit Moore immer wieder Paris.

Im Jahr nach ihrem Abschluss nimmt Barbara  Hepworth am Wettbewerb um den "Prix de Rome" teil. Sie wird Zweite. Den ersten Platz macht ein gewisser John Rattenbury Skeaping, zwei Jahre älter als sie und aus South Woodford/ Essex stammend, ebenfalls Absolvent der Royal Academy. Beiden reisen nach Italien, Barbara wird dafür von ihrem local council finanziell unterstützt. Sie bleibt erst einmal in Florenz, wo sie römische und Renaissance-Skulpturen studieren will. Im Februar/März 1925 ist sie dann in Siena. Skeaping hingegen reist weiter nach Rom, wo sie ihn besucht. 

Barbara Hepworth (zweite von rechts ) und John Skeaping ( links außen  )
mit weiteren Stipendiaten des "Prix de Rome"
( 1924 )

Die beiden beginnen eine atemberaubende Romanze, die am 13. Mai 1925 in einer Eheschließung im Palazzo Vecchio in Florenz endet. Nach drei Monaten ziehen sie gemeinsam nach Rom, wo sie bis November 1926 in der British School in Rom leben. Barbara lernt bei Giovanni Ardini, einem Meister des traditionellen Marmorschnitzens, und besucht die Carrara- Marmorsteinbrüche. 

Wegen einer Erkrankung des jungen Ehemannes kehren sie im November 1926 heim nach London. 1927 veranstalten sie eine gemeinsame Studioausstellung in ihrer Wohnung in St. Ann's Terrace - Barbaras erste  überhaupt -, und die Arbeiten der jungen Bildhauerin erregen die Aufmerksamkeit des Kunstsammlers George Eumorfopoulos. Er kauft mehrere ihrer Stücke, darunter eine sitzende Figur und "Mother and Child". Eumorfopoulos stellt das Paar auch anderen einflussreichen Persönlichkeiten der Kunstwelt vor, darunter Sammlern und Kuratoren des British Museums und des Victoria & Albert Museums. In dieser Zeit ist "the talented but lazy sculptor" Skeaping zwar noch der bekanntere Künstler - er arbeitet für Wedgewood und nimmt an einigen Gruppenausstellungen teil - die Stärke und die Arbeitsfähigkeit seiner Frau ist ihm nicht geheuer. 

Barbaras zwar noch gegenständlichen, aber schon deutlich antinaturalistischen Arbeiten – Darstellungen von Mensch und Tier – lassen bereits den Weg zur Abstraktion erkennen, in die sie sich bewegen wird. Ihr Mann hingegen wandelt auf konservativeren Pfaden und wird sich schließlich als Tier- Skulpteur einen Namen machen, während sie unterwegs ist, eine der bekanntesten Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts zu werden.

1928 verlassen sie ihre Kellerwohnung in der St Ann's Terrace mit dem Billardraum auf der Rückseite als Studio und der Voliere im Garten, die sie mit lauter bunten Vögeln, mitgebracht aus Italien, bestückt haben, um in die Mall Studios, Haus Nr. 2 am Belsize Park in Hampstead umzuziehen - eine Idylle mit acht cottages, die in den nächsten Jahren zu einer Brutstätte der Künste werden wird. Im August 1929 bringt Barbara den gemeinsamen Sohn Paul zur Welt. Die Skulptur aus poliertem birmanischem Holz "Infant" gibt ihr inneres Gefühl von Intimität und Liebe wieder.

Nun, da sie eine Familie haben und ihre Karrieren Fahrt aufgenommen haben, kriselt es in der Ehe, und John möchte eigentlich wieder seine Freiheit haben. 

Just in diesem Moment lernen sie das Ehepaar Nicholson näher kennen. Barbara hat zwar die Arbeiten Ben Nicholsons schon bei einer Einzelausstellung in der Lefevre Gallery gesehen, aber erst durch die Ausstellung in der Bloomsbury Gallery im April 1931, in der sie beide vertreten sind,  kommen sie auch physisch in Kontakt. Die beiden Ehepaare verstehen sich gut, so gut, dass Barbara das Gefühl hat, dass "etwas Bedeutendes passiert ist". Es ist zwar Winifred Nicholson, ebenfalls Mutter, die sie bei ihren Problemen mit dem Kleinkind unterstützt und hofft, dass Barbara wieder eine Art "Ruhe und Gelassenheit" zurückgewinnen würde anstatt ihres albtraumhaften Gefühls, einem Expresszug nachzulaufen. 

Die Nicholsons mit ihrem ersten Kind Jake

Aber den Halt und die Ruhe, die Barbara sucht, findet sie bei Ben. Sie fangen die bedeutendste Beziehung ihres Lebens miteinander an, sowohl romantisch als auch künstlerisch, und Barbara trennt sich endgültig von John Skeaping ( die Scheidung erfolgt 1933 ). Das neue Paar wird in der folgenden Zeit ein wesentlicher Bestandteil der modernistischen Bewegung in Kontinentaleuropa. Gemeinsam befassen sie sich mit abstrakter Kunst, die damals, noch "weit am Rande der Dinge" und für die meisten Menschen völlig unverständlich ist.

1931 ändert Barbara also nicht nur die Richtung in ihrem Leben, sondern auch in ihrer Kunst. Sie "erfindet" ihr "Markenzeichen": das Loch, der ""negative Raum" ( "Pierced Forms", s.o., aus rosafarbenem Alabaster ist das erste derartige Werk ), mit dem sie ab jetzt das Gleichgewicht in den Formen "erforscht". 

"Als ich zum ersten Mal eine Form durchbohrte, dachte ich, es sei ein Wunder", sagt Barbara später in ihrem Leben. "Eine neue Vision wurde mir eröffnet."

Sie bringt damit also auch ihre spirituellen Überzeugungen als Angehörige der Christian Science zum Ausdruck und entdeckt für sich einen Weg, das Innenleben ihrer Skulpturen über ihre physischen Grenzen hinaus zu erweitern und das Numinöse mit dem Realen zu verbinden. 

1933, nach einer Reise quer durch Frankreich und Besuchen in den Ateliers von Pablo Picasso, Constantin Brâncusi und Jean Arp, ist Barbara Hepworth dabei, zusammen mit Ben Nicholson, der inzwischen mit ihr in ihrem Studio lebt, Paul Nash, dem Architekten Wells Coates und dem Kritiker Herbert Read die "Unit One"- Bewegung ins Leben zu rufen, die sich der Vereinigung von Abstraktion und Surrealismus in der britischen Kunst verschreibt. Die Gruppe kündigt ihre Gründung in einem Brief an die "Times" an und stellt in der Mayor Gallery in London aus, gleichzeitig erscheint das Buch von Herbert Read über die Bewegung. Die Ausstellung bleibt zwei Jahre lang in der Galerie, bevor sie 1935 in Belfast geschlossen wird, im selben Jahr, in dem sich die Gruppe auflöst.

Am 3. Oktober 1934 bringt Barbara völlig unvorhersehbar Drillinge zur Welt: Simon, Rachel und Sarah. Sie weint "tagelang" nach der Geburt, ihre Freundin & Unterstützerin Margaret Gardiner, eine ehemalige Grundschullehrerin, erinnert sich später: "Sie konnte nicht aufhören." Wer kann sich nicht eine postnatale Krise vorstellen nach einer Drillingsgeburt, zudem als Alleinerziehende eines Kleinkindes von fünf Jahren, mit einem Gefährten, der sich zur Noch-Ehefrau nach Paris verdünnisiert hat ( mit der er ebenfalls inzwischen drei Kinder hat )...

1935





Barbara sitzt in ihrem räumlich begrenzten, feuchten Studio den Winter über mit den Kindern fest. Die Drillinge haben ein nur geringes Gewicht, es ist fraglich, ob sie es überhaupt schaffen werden. In den Briefen an Nicholson schreibt sie über die desolaten Wohnverhältnisse - "Das Gas leckt, der Boiler leckt und das Fenster fällt nach innen" - und wie schwach sie sich fühlt. 

"Drei Formen", Marmor
(1935)

Die Freunde unterstützen finanziell wie praktisch. Herbert Read, gleichzeitig Nachbar & Freund, ermutigt sie, die Kinder nach Golders Green in eine "helle, luftige, sehr grüne und geräumige" nursery zu geben, wie die im letzten Jahr veröffentlichten Briefe bezeugen. Nachdem sie sich wochenlang mit der Entscheidung gequält hat, kommt Barbara mit Nicholson überein, Reads Rat zu befolgen. Die Babys sind ungefähr vier Monate alt, als sie in die Obhut der Einrichtung mit professionellen Kinderpflegerinnen gegeben werden. Ihre Briefe belegen, dass die Künstlerin ihre Kinder liebt - ihre Beschreibungen an Ben sind außergewöhnlich individuell - und sie besucht sie häufig. Doch ihr hängt lange der Vorwurf nach, dass sie eine kalte und ehrgeizige Künstlerin sei, die ihre Kinder als Säuglinge wegschickt habe, um sich ausschließlich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Allerdings bekennt sie, dass sie ohne ihre Arbeit nicht leben kann: Wenigstens eine Stunde pro Tag braucht sie für ihr inneres Gleichgewicht. Das gelingt ihr, nachdem sie die Drillinge wieder zu sich geholt und ihr Studio so organisiert hat, dass sie u.a. auch mittels Musik & Poesie die Kinder beschäftigen und sich immer wieder ihrer schöpferischen Arbeit zuwenden kann:

"Eine Künstlerin", argumentiert sie, "wird weder durch Kochen und Kinderwunsch noch durch das Stillen von Kindern mit Masern (auch in dreifacher Ausfertigung) benachteiligt - man wird tatsächlich von diesem reichen Leben genährt, vorausgesetzt, man erledigt jeden Tag etwas Arbeit; sogar eine einzige halbe Stunde, damit die Bilder im Kopf wachsen."

"Project: Monument to the Spanish Civil War"
(1938–39)

Dieses Chaos aus Kindern, Steinen, Skulpturen, Holz, Wäsche wird zu einem Treffpunkt für Künstler*innen aus aller Welt, darunter u.a. der emigrierte Russe Naum Gabo, der Amerikaner Alexander Calder, der Niederländer Piet Mondrian, die sich über die Grundlagen der modernen Kunst auseinandersetzen. 

Aus ihren Arbeiten verschwinden nun alle naturalistischen Züge, und sie gestaltet ihre erste völlig abstrakte Skulptur. Eine stark reduzierte Formenwelt, bei der auf alles narrative Beiwerk verzichtet wird, wird ihre Kunst der nächsten Jahre prägen. Gleichzeitig beginnt sie mit ihrer Kunst auch ihre republikanische, antifaschistische Haltung kund zu tun, indem sie entsprechende Ausstellungen bestückt bzw. ein Denkmal für den Spanischen Bürgerkrieg schafft ( bei Bombenangriffen später zerstört ). Barbara Hepworth glaubt fest daran, dass Abstraktion eine spirituelle, intellektuelle und utopische Freiheit von den Zwängen des europäischen Faschismus bieten könne. 

Am 17. November 1938 heiratet Barbara in Hampstead  Ben Nicholson nach seiner Scheidung von seiner Frau Winifred. Rechtzeitig vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kommen sie mit den Kindern auf Einladung  des wohlhabenden Kritikers Adrian Stokes nach St. Ives in Cornwall. Nach Weihnachten zieht die Familie in ein kleines Haus im Ortsteil Carbis Bay, eine Meile von St. Ives entfernt. Zum ersten Mal in ihrem Erwachsenenleben ist Barbara nicht in der Lage, große Skulpturen herzustellen, sondern muss sich auf Zeichnungen und Gips- Skulpturen beschränken. Nur nachts kommt sie dazu, denn tagsüber jongliert sie zwischen Kinderbetreuung, Kochen und Gemüseanbau, bis ihre Kinder im folgenden Jahr ein Internatsstipendium bekommen. 

Im November 1940 wird das Mall Studio Opfer der deutschen Bomben auf London, und die dort zurückgelassenen Werke werden zerstört. Erst 1943 wird in St. Ives wieder größere Arbeiten ausführen können: Der Umzug in ein geräumigeres Haus in Carbis Bay bietet der Bildhauerin dann endlich wieder ein Studio und die Möglichkeit, im Garten zu arbeiten. 1949 wird sie dann die Trewyn Studios in St. Ives kaufen, wo sie bis an ihr Lebensende leben und arbeiten wird. Schon 1943 hat Barbara Hepworth eine erste Retrospektive in Leeds, im Februar des darauf folgenden Jahres eine Ausstellung in einer Galerie ihres Geburtsortes. 

1944 muss ihre Tochter Sarah wegen einer Knochenerkrankung behandelt werden. Im örtlichen Krankenhaus freundet sie sich mit dem Chirurgen Norman Capener an, ein Amateurmaler und interessiert an moderner Kunst. Capener bringt Sarah nach Exeter, wo eine bessere orthopädische Behandlung möglich ist. Als die Kosten für die sich dahinziehende Therapie des Mädchens steigen - eine finanzielle Herausforderung für das Künstlerpaar in Zeiten, in denen es noch keinen British National Health Service gibt - kauft er Barbaras Werke. Später lädt er sie ein, ihm bei Operationen in London und Exeter zuzusehen. Dabei entstehen ab 1947 achtzig eindrückliche Zeichnungen, weitab vom sonstigen abstrakten Schaffen der Künstlerin.

Nach dem Krieg wächst Hepworths Ruf auf beispiellose Weise und sie wird zu einem internationalen Kunstphänomen. Obwohl sie lange Zeit im Schatten ihrer männlichen Zeitgenossen, insbesondere Henry Moores, gestanden hat, verzehnfacht sich nun ihre öffentliche Sichtbarkeit in den 1950er Jahren, als ihre Arbeiten 1950 auf der Biennale von Venedig, 1951 beim Festival of Britain, 1955 auf der Documenta I und und vier Jahre später bei der Documenta II gezeigt werden. "Viele haben von der Sinnlichkeit gesprochen, die in meinen Skulpturen enthalten ist, trotz des äußerlich klassischen und disziplinierten Äußeren", bemerkte sie in diesen Jahren. "Alle wollen berühren, und das ist so, wie es sein sollte."

Nachdem sie als Bildhauerin stabile Wurzeln geschlagen hat, gerät ihr persönliches Leben ins Wanken: Ihre zunehmende Prominenz und Jahre anwachsender Entfremdung führen dazu, dass Ben Nicholson sich 1951 von ihr trennt, aber bis 1955 nicht wirklich aus St. Ives fortgeht. Zu unterschiedlich sind ihre Persönlichkeiten - sie konsequent und vorhersehbar, er launisch und boshaft - als dass das vor Außenstehenden zu verbergen gewesen ist. 

Barbara Hepworth wird dennoch für den Rest ihres Lebens stets in der Hoffnung leben, dass Ben zurückkehren würde, selbst nachdem er wieder geheiratet und in die Schweiz gezogen ist. Ein weiterer Schicksalsschlag folgt zwei Jahre später, als ihr ältester Sohn Paul am 13. Februar 1953 bei einem Flugzeugabsturz der Royal Air Force über Thailand ums Leben kommt. Sie schafft "Monolith (Empyrean)" als Denkmal für Paul und seinen Navigator. "Madonna und Kind", ebenfalls in Erinnerung an ihren Sohn, wird im Jahr darauf in der Pfarrkirche von St. Ives enthüllt. 

Von rechts nach links: Barbara Hepworth mit ihren Töchtern Sarah und Rachel
bei der Verleihung des "Order of the British Empire" an sie im Buckingham Palace 1965

Es scheint, dass es ihre Arbeit ist, die als Heilmittel für ihr wenig erfreuliches Privatleben fungiert. Sie arbeitet härter und ehrgeiziger denn je und produziert für eine Reihe internationaler Kunden. Arbeiten aus dieser Periode gehören zu den begehrtesten ihrer Werke. In ihrem Atelier in Trewyn bzw. einem hinzugekauften Kino-& Tanzsaal entstehen solch monumentale wie das "Meridian" (1958-60) für das State House im Zentrum von London und die fünf Tonnen schwere "Single Form" (1961-64) für das Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York, letzteres zum Andenken an Dag Hammarskjöld, dem zweiten Generalsekretär der Vereinten Nationen, der 1961 auf dem Weg zu Waffenstillstandsverhandlungen in Sambia getötet worden ist, und mit dem Barbara Hepworth befreundet gewesen ist. Hammarskjöld hat einige ihrer Skulpturen besessen, darunter "Single Form" aus Sandelholz von 1937-38. Die Skulptur vor den Vereinten Nationen selbst wird in sieben Teilen gegossen und in der Gießerei Morris Singer in London zusammengebaut.

Unter Barbara Hepworth und Ben Nicholson hat sich die Elftausend-Einwohner-Stadt St. Ives in den Nachkriegszeiten erneut zu einem Mekka für Künstler entwickelt, sie treten quasi eine "zweite Welle" nach den Landschaftsmalern des 19. Jahrhunderts los. Barbara zieht eine Vielzahl jüngerer Bewunderer an, die nicht nur von der Küste beeindruckt werden, sondern auch von ihren abstrahierten, natürlichen Formen in der Bildhauerei. Schon 1949 gründen sie gemeinsam die "Penwith Society of Artists". Barbara sammelt Spenden und setzt sich dafür ein, aus Fischerlofts und einer alten Fabrik Künstlerateliers werden zu lassen. Auch internationale Größen wie Mark Rothko, Piet Mondrian oder Francis Bacon schauen in St Ives vorbei, das sich nach London zu Großbritanniens wichtigstem Kunstzentrum  entwickelt. 1968 wird sie für ihre Verdienste um die Küstenstadt mit dem "Freedom of  St. Ives"  ausgezeichnet. Sie nimmt den kornischen Bardennamen "Gravyor" ( = Bildhauer ) an in einer weiteren Zeremonie in St Just-in-Penwith.

1965 wird bei der Künstlerin, einer starken Raucherin, Zungenkrebs festgestellt, der behandelt wird. Zwei Jahre später bricht sie sich im Juni auf den Scilly-Inseln den Oberschenkelknochen, was zu dauerhaften Mobilitätsproblemen führ.

1968 richtet ihr die Tate Gallery in  London im April/Mai eine große retrospektive Ausstellung aus. 1970 gibt sie ein bemerkenswertes Album "Barbara Hepworth: A Pictorial Autobiography" heraus, ein Sammelalbum ihres Lebens als Bildhauerin, voller Bilder mit einer zierlichen Person, die auf Skulpturen blickt, die sie überragen. Ihr Schwiegersohn Alan Bowness veröffentlicht "The Complete Sculpture of Barbara Hepworth 1960–69". Sie selbst konzentriert sich in ihrer künstlerischen Tätigkeit jetzt auf Lithographien und gibt drei Mappen heraus, deren Höhepunkt "The Aegean Suite" 1971 darstellt. 

"Fallen Images" (1974-5) ist Barbara Hepworths letzte große Bildhauerarbeit und wird kurz vor ihrem Tod fertiggestellt. Unmittelbar vor ihrem Tod lässt sie 15 Tonnen Carrara-Marmor nach Trewyn liefern und auf dem Hof ​​platzieren, wo sie darauf warten, "wie eine Herde geduldiger Schafe" bearbeitet zu werden, wie sie es in ihrem letzten Interview formuliert. Eine Gruppe ist schon zurechtgelegt, in Vorbereitung für eine neue mehrteilige Arbeit.

1970
Jede Nacht nimmt die inzwischen 72 Jahre alte Künstlerin eine Schlaftablette und raucht ihre letzte Zigarette des Tages, während sie darauf wartet, dass diese wirkt. Am 20. Mai 1975 wird dieses Ritual zur Falle: Ein Feuer bricht aus, und Barbara Hepworth findet darin den Tod.

"Ich stelle mir immer 'perfekte Schauplätze' für meine Skulpturen vor und sie sind natürlich meistens außerhalb und in Beziehung zur die Landschaft vorgesehen", hat sie zu Lebzeiten gesagt. Nun hinterlässt sie ihren Garten voller Skulpturen. Das idyllische Anwesen wird schon im Jahr nach ihrem Tod von ihrer Familie, ihr Testament befolgend, als "Barbara Hepworth Museum" eröffnet. Der Nachlass geht an die Tate Britain, die 1980 alles unter ihre Fittiche nimmt. Der damalige Direktor der Tate Gallery, Alan Bowness, der Schwiegersohn von Barbara Hepworth & Ben Nicholson, treibt eine weitere Expansion enthusiastisch voran, unterstützt von einer Bürgerinitiative vor Ort. 1991 erfolgt die Grundsteinlegung, 1993 wird das Museum "Tate St Ives" eröffnet.

2011 wird in Barbaras Geburtsort "The Hepworth Wakefield", ein neu gebautes Kunstmuseum, eröffnet, das 44 ihrer Arbeiten neben denen ihres Freundes Henry Moore, von Ben Nicholson, aber auch David Hockney zeigt. Im Juni 2015 gibt es nach fast fünfzig Jahren in der Tate Britain eine neue Ausstellung für Englands bedeutendste Künstlerin der Moderne: "Sculpture for a Modern World".
"Es gibt ein tiefes Vorurteil gegen Frauen in der Kunst. Viele Menschen - die meisten Menschen, wie ich mir vorstellen kann - sind der Meinung, dass Frauen sich nur am trivialeren Rand des Schöpfungsakts beteiligen sollten. Sie betrachten Skulptur immer noch als eine männliche Beschäftigung: Ich nehme an, sie haben eine falsche Vorstellung davon, was Skulptur beinhaltet. Es gibt dieses Klischee, sehen Sie, ein Bildhauer ist ein muskulöser Schläger, der auf einen trägen Steinklumpen schlägt, aber Skulptur ist keine Vergewaltigung. Keine gute Form wird gehackt. Stein ergibt sich niemals der Gewalt", resümiert sie in einem Interview von 1966 mit Robert Hughes.

Die elegante Schönheit und ruhige Kraft so vieler ihrer Skulpturen sindd auf auf dieser Seite  gelistet. Nur anklicken und auf sich wirken lassen und sich des Ranges Barbaras Hepworths in der ersten Reihe der langen Geschichte der Bildhauerei bewusst werden!




 

 

13 Kommentare:

  1. Liebe Astrid, ich bin begeistert! Und ich kann kaum glauben, dass ich bisher nichts über diese großartige Künstlerin wusste.
    Ich weiß gar nicht, wie ich dir richtig danken soll für dieses bereichernde Porträt - und für alle anderen. Vorerst mit einer herzlichen virtuellen Umarmung und vielen guten Wünschen für sonnige Tage in Köln mit endlich frühsommerlichen Temperaturen
    Uschi aus Südniedersachsen

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  2. Liebe Astrid,
    es ist immer wieder bewundernswert, welche großartigen Frauen du uns vorstellst.
    Ich lese diese Beträge sehr gerne und lerne verschiedene bemerkenswerte Menschen kennen, die ihre Spuren für die Nachwelt hinterlassen haben.
    Beste Grüße
    Agnes

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  3. Eine wahrlich außergewöhnliche Frau. So eine faszinierende Künstlerin und dann stemmt sie noch dieses unstete Leben mit Drillingen. Der Name war mir bekannt, aber nicht mehr. Wie schön, dieses Frauenleben nun dahinter zu kennen.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. von Helga:

    Liebe Astrid,

    schön, daß Du wieder eine Dame hervorheben konntest. Letztendlich hat sie sich doch einen Namen gemacht und konnte mit ihren Verbündeten gegen den Mainstream schwimmen, trotz der Kinder, die ja auch nicht zu kurz kommen durften. Sicherlich nicht einfach gewesen. Bildhauerin gegen die Männer, Malerin wäre evtl. einfacher gewesen. Danke für das Portrait, ich werde es weiterreichen, morgen ist erstmal Kunstabitur und entsprechend belastet ist Jan Eric heute.

    Herzlichst Helga

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  5. Eine grandiose Frau. Ich finde immer, ihre Skulpturen rufen danach gestreichelt zu werden. Egal, von welcher Seite betrachtet, ist die Form perfekt.
    Das war mal wieder eine gute Wahl.
    LG
    Magdalena

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  6. Ein beeindruckendes Porträt einer bedeutenden Künstlerin, die mir noch nicht bekannt war. Herzlichen Dank für diesen Erkenntnisgewinn. Die Skulpturen auf der verlinkten Seite strahlen wahrlich eine ruhige Kraft aus. Mir kam beim betrachten ein Zitat von Picasso in den Sinn: „Art washes away from the soul the dust of everyday Life“. Schöne Pfingstfeiertage wünscht, Margit aus N.

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  7. Ich kannte Barbara Hepworth vorher nicht, aber allein das Leben dieser Frau finde ich sehr interessant und spannend beschrieben. Jetzt weiß ich wenigstens auch, wer St. Yves so bekannt gemacht hat! Bin ja eher eine Kunstbanausin, aber die Skulpturen "Project: Monument to the Spanish Civil War" finde ich toll!
    Liebe Grüße Maren

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  8. Liebe Astrid,
    den Namen habe ich schon mal gehört, allerdings nicht in Zusammenhang mit Bildhauerei bzw. Skulpturen gebracht. Schön, dass du ihr Leben hier vorgestellt hast und wie sie selbst als Mutter von vier Kindern und dazu Drillingen zu Berühmtheit gelangen konnte...alle Achtung.
    Lieben Gruß und nun gehe ich rüber zu den Freitagsblümchen, Marita

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  9. Ihre Kunst kannte ich, aber nicht ihr Leben. Und was war das für eines! Ich bin immer wieder baff erstaunt, wieviel Energie diese Frauen in ihr Leben einbringen mussten und dann noch solche Kunst schaffen konnten. Und das in einer Männerdomäne, das ist wirklich beeindruckend.
    Danke, dass Du sie hier vorgestellt hast.

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  10. Nein... auch mir war diese Künstlerin bisher fremd, die Du hier vorstellst. Nun hast Du, liebe Astrid, sie mir näher gebracht in Deinem Post. Wie immer in einer interessanten Vertiefung.

    Unwillkürlich denke ich ans Lenbach, an die Ausstellung der Weltempfänger.

    ...die Weltempfänger, die mich begeisterten und nachhaltig beeindruckt hatte.

    Liebe Grüßle aus Augsburg von Heidrun

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  11. Liebe Astrid,
    welch eine interessante Frau.
    Ich bewundere wirklich Deine Fähigkeit so packende Portraits zu verfassen. Nach und nach werde die während meiner fast einjährigen Blogpause entstandenen Portraits nachlesen.
    herzlich Margot
    P.S. Ich bin ein Dorfkind und mit dem Schlachten von Tieren groß geworden, das war Alltag, allerdings haben meine Eltern, Großeltern und auch Schwiegereltern im Gegensatz zur Tauben-Tante die Tiere sehr respektvoll behandelt.
    wünsche Euch frohe Pfingsten,
    Margot

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  12. danke für diese biografie sehr interessant zu lesen und vieles gelernt !
    bonne soirée
    mo

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  13. ich hatte das große glück bei einem cornwall-urlaub 1996 die tate und ihr atelier und den skulpturengarten in st ives besuchen zu können. noch heute - und jetzt besonders nach deinem bericht - bin ich sehr glücklich, dass ich dort war. es war eine sehr prägende und einmalig schöne erfahrung. ich weiß noch, dass ich damals dort nicht wegwollte! über ihre biographie hingegen habe ich erste jetzt durch dich ganz vieles erfahren. vielen dank dafür!
    liebe grüße
    mano

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Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, auch, wenn im Kommentar das Thema verfehlt wird...

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