Ich bleibe auch heute bei meinem Porträt wie in den Vorwochen in dieser unsäglichen Phase deutscher Geschichte hängen und stelle euch eine weitere tolle Fotografin der roaring twenties in Berlin vor. Käthe Augenstein, Lotte Jacobi, Lucia Moholy und Ré Soupault kennt ihr ja schon durch meine Porträts. Heute ist nun Yva dran, die Ende Januar Geburtstag gehabt hätte.
Yva heißt natürlich nicht ursprünglich Yva, sondern Else Ernestine Neuländer, als sie am 26. Januar 1900 in Berlin zur Welt kommt. Sie ist das jüngste von neun Kindern - Lucie, (*1884), Käte (*1886), Fritz (*1887), Gertrud, (*1888), Robert (*1889), Ernst (*1891), Charlotte (*1893) & Willi (*1897) - der Jenny Koch, 39 Jahre alt, und des Siegfried Neuländer, 50 Jahre alt, beide jüdisch-preußische Kaufleute bzw. Unternehmer, wohnhaft in der Tempelhofer Vorstadt. Der Vater kommt ursprünglich aus Oberschlesien und hat, bevor er sich in Berlin niedergelassen hat, das preußische Staatsbürgerrecht erworben. In der Metropole erhofft er sich wirtschaftlichen & sozialen Aufstieg.
In der Tempelhofer Vorstadt, erst 1920 als Kreuzberg in das Stadtgebiet integriert, führt er ein Taschenuhren - Geschäft in der Luckauer Straße und verlobt sich mit 32 Jahren mit der Tochter des Huthändlers Otto Hermann Eduard Koch, der mit seiner Frau an der Spandauer Brücke ein "Pariser Putz- und Modegeschäft" führt. Dort ist Yvas Mutter mit ihren beiden Schwestern aufgewachsen und ergreift den Beruf einer Modistin, eine der raren Möglichkeiten für bürgerliche Frauen ihrer Zeit, selbständig zu arbeiten. Sie und ihre Schwestern bauen ihre Unternehmen durch weitere Eheschließungen und Fusionen zielstrebig aus. Das Hutgeschäft von Yvas Großvater darf sich auch "Königlich Preußischer Hoflieferant" schimpfen.
Nähsaal des Kaufhauses N. Israel Konfektionsmode eine der revolutionären Ideen des 19. Jahrhunderts: Mode für alle nach Schnittmustern in standardisierten Größen herzustellen in Anlehnung und Abwandlung der für die Allgemeinheit unerreichbaren und unerschwinglichen Pariser Couture-Modellen wird in Berlin zur Meisterschaft entwickelt. Ein Geflecht aus Konfektionshäusern und Zwischenmeistern mit über die Stadt verteilten kleinen Werkstätten schafft es innerhalb kürzester Fristen tausende hochwertige Kleidungsstücke in unterschiedlichsten Qualitäten an weitere große Kaufhäuser und Modehandlungen in Deutschland, ganz Europa und bis nach Amerika zu liefern. Heute ist es unvorstellbar, aber im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert war die deutsche Textilindustrie mit der Berliner Damenkonfektion eine Exportmacht, deren Ausfuhr schon vor dem Kriege viele Millionen eintrug. Als eine der wenigen Zukunftsindustrien stand diese auch Juden offen. 1671 hatte der Große Kurfürst im "Judenedikt" den Kaufleuten bereits das Recht zugesprochen, mit neuer Kleidung zu handeln. Jüdische Schneider fertigten Kleidung in Standardgrößen. 50.000 Menschen finden um die Jahrhundertwende in Handel und Produktion der Berliner Bekleidungswirtschaft eine Arbeit. Vernichtet wird die Berliner Textilwirtschaft durch den Nationalsozialismus, der 1933 auf "Arisierung" oder Stilllegung der Betriebe pocht.
Als Yva geboren wird, sind die Eltern im Adressbuch unter der Großbeerenstraße 36, II. Etage, als "mosaisch-jüdisch" aufgeführt. Wahrscheinlich erziehen sie ihre Kinder entsprechend. Doch ist auch anzunehmen, dass sie, wie viele assimilierte Juden, ihre Zugehörigkeit zur preußisch-deutschen Gesellschaft als wesentlicher einschätzen.
Der Vater nach langer schwerer Krankheit stirbt, da ist Yva sieben Jahre alt. Normalerweise gerät eine Witwe, auch gerade mit solch großer Kinderschar, in jenen Zeiten in große Not. Doch Jenny Neuländer steht ihre gesamte Familie zur Seite. Sie alle kooperieren und führen die Geschäfte mit ungeheurem Einsatz weiter. Yva wird wie ihre Geschwister auch weiterhin beschult, wobei unklar ist, ob es die Jüdische Gemeindeschule oder eine städtische Volksschule ist. Der Bruder Robert besucht, so viel ist bekannt, das Askanische Gymnasium. Yva hat zu ihm wie dem neun Jahre älteren Ernst, der später Modezeichner werden wird, ein besonderes Verhältnis.
Als 1910 der Großvater Koch stirbt - die Großmutter ist zwei Jahre zuvor verstorben - ist klar, dass die Familientradition fortgeführt wird. Im Sommer 1913 fusionieren die drei Koch - Schwestern ihre Unternehmen und gründen zusammen mit Johanna Marbach die "Vereinigten Modehäuser Marbach-Gerson-Prager-Hausdorff" mit Sitz in der Lennéstraße, später Bellevuestraße im angesagten Tiergartenviertel. Johanna Marbach steigt mit Kriegsausbruch aus und gründet ein eigenes Modehaus für eine gut situierte Kundschaft, darunter zahlreiche Film-, Bühnen- und Opernikonen wie z.B. Tilla Durieux ( siehe dieser Post ). Das nun unter "Gerson-Prager-Hausdorff" weiter existierende Modehaus bleibt ein spannendes, bis heute wesentlich unerforschtes Netzwerk von Firma und Inhaberfamilien und kann sogar sogar eine Dependance in Westerland auf Sylt einrichten, wo die Familie Neuländer gerne urlaubt.
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| Links in Gersons Salon, rechts das "Grand Hotel Esplanade" |
Als kluger Schachzug stellt sich der Umzug in die Bellevuestraße heraus, denn direkt daneben liegt das "Grand Hotel Esplanade". Die Kundschaft des Modesalons setzt sich also aus internationale Besucher Berlins und Angehörigen der gehobenen Gesellschaft zusammen. Man veranstaltet hochkarätige Modenschauen für die Hotelgäste und die Berliner "Haute Volaute" und kann exklusive Modelle in Modemagazinen unterbringen. ( Heute erinnert nichts mehr an die Eleganz des ehemaligen Tiergartenviertels rund um das Hotel. )
Der 1. Weltkrieg fordert auch von der Familie Neuländer Opfer: Der jüngste Sohn Willi kehrt zunächst noch schwer verletzt nach Hause zurück, stirbt dann aber mit 24 Jahren. Yvas Mutter und die große Geschwisterschar halten das florierende Modegeschäfte am Laufen. Den Pragmatismus, die Resilienz, ja, die gewisse Härte der späteren Fotografin Yva scheint auf die Widerstandskraft der Familie zurückzugehen. Der älteste Bruder Robert, mittlerweile ein promovierter Jurist von dreißig Jahren, gründet mit einem Freund die Zeitschrift "Der Kritiker", ist überzeugter Republikaner und setzt sich mit ästhetischen Fragen auseinander. Er verschafft der Schwester Zugang zum aktuellen literarisch-politischen Diskurs.
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| Links Marie Böhm, rechts Tilla Durieux in Johanna Marbach, fotografiert von ihr |
Bei diesem Umfeld verwundert es nicht, dass Yva um 1922 die Entscheidung fällt, selbst Fotografin zu werden und eine Ausbildung aufnimmt. Auffallend ist, dass damals überall in der Stadt Fotostudios von Frauen gegründet werden - hundert Fotografinnen werden in einem entsprechenden Adressbuch 1931 in Berlin geführt, darunter viele Jüdinnen. Besonders erfolgreich sind diese, wenn die von ihnen fotografierten Persönlichkeiten auf Postkarten in hohen Auflagen verbreitet werden können.
Schon 1923 ( wahrscheinlicher ist 1925 ) eröffnet Yva ihr erstes eigenes Atelier zwischen Lützowplatz und Tiergartenviertel. Die Entscheidung zur Selbstständigkeit dürfte auch ein familiäres Projekt gewesen sein, denn Voraussetzung ist ein erhebliches Startkapital von mehreren tausend Reichsmark. Das Haus, in dem sie unterkommt, ist bereits von ihrem Bruder Fritz angemietet worden.
In manchen Veröffentlichungen heißt es, sie habe im Atelier der Meisterfotografin Suse Byk am Kurfürstendamm 230 ihre Ausbildung unternommen. Suse Byk, ebenfalls Jüdin, ist bekannt durch ihre Aufnahmen von Valeska Gert. An anderer Stelle wird vermutet, Yva habe eine solche an der Photographischen Lehranstalt des Berliner Lette - Vereins in Schöneberg absolviert - das ist nicht zu verifizieren, denn die Schülerlisten sind durch einen Bombenangriff zerstört. Nicht ganz unwahrscheinlich ist auch eine Lehrlingszeit im Atelier von Anny Eberth-Heimann und/oder Marie Boehm, die einen besonders guten Ruf als Ausbilderin gehabt hat.
Ein Vergleich mit anderen Lichtbildnern & -bildnerinen der roaring twenties lassen eine Verengung auf den Einfluß von Suse Byk nicht zu. Verblüffende Ähnlichkeiten in Yvas Frühwerk ergeben sich eher mit der zehn Jahre älteren Frieda Riess und mit Karol Schenker, einem österreichischen Juden aus der Bukowina, seinerzeit Beherrscher der Modeszene & Lehrer beim Lette-Verein. Dass sie Autodidaktin ist, ist unwahrscheinlich, dazu geht sie zu virtuos mit der Mehrfachbelichtung um. Mit Sicherheit ist sie einer Flut an Bildern & Inspirationen aus Kino, Mode Malerei und Fotografie ausgesetzt gewesen, die die Weimarer Zeit prägen.
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| © Schloß Wernigerode GmbH & Yva |
Gleichzeitig ist die Leica auf den Markt gekommen, die die Sehgewohnheiten und die Erwartungen an das Medium entscheidend verändert. Frieda Riess kann jetzt sogar beim Kunsthändler für moderne Malerei, Alfred Flechtheim, eine Ausstellung mit Fotos präsentieren.
Eine belangvolle Rolle für Yvas Hinwendung zur Avantgarde spielt ihr Bruder Robert, der eine zentrale Schnittstelle aus Recht, Wirtschaft und Kultur im voll integrierten jüdischen Bürgertum innehat. Als Cineast, Verleger & Herausgeber einer expressionistischen Zeitschrift hat er Verbindung zur Kunstszene des "Sturm" eines Herwarth Walden mit Künstlern wie George Grosz & Otto Dix. Bereits in ihrer frühesten öffentlich sichtbaren Werbung bezeichnet sich seine jüngste Schwester als Inhaberin eines "Ateliers für künstlerische Photographie". Aus dieser Zeit der Verbindung mit den Waldens und dem "Sturm" existieren heute freilich kaum noch Arbeiten. Eine andere wichtige Person ist der zwei Jahre ältere Maler Heinz Richard Paul Halke - "Heinz Hajek-Halke".
"Welcher Natur die Beziehung zwischen Yva und Hajek-Halke auf privater Ebene war, ist unbekannt. Fest steht, dass sie für fast zwei Jahre unzertrennlich waren und in diesem Zeitraum eng zusammen arbeiteten", meint Kirstin Buchinger in ihrem Buch.
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| "John Gottowt" (1926) |
Die "kreative Allianz" endet abrupt und einem Streit vor Gericht, den Yva gewinnt. Im Sommer 1927 hat sie jetzt einen Namen als expressionistische Fotografin. Doch anders als ihre surrealistischen Kollegen in Paris, verbindet Yva weiterhin Kunst und Kommerz.
Bei einer Ausstellung in der Galerie Neumann - Nierendorf sind ihre Fotos zwischen Malereien ausgestellt. Ihr Beitrag im kleinen Ausstellungskatalog ist ihre einzige schriftliche Äußerung zu ihrem fotografischen Ansatz. Doch die Kritiker tun sich schwer mit der Akzeptanz der jungen Fotografin als Künstlerin. Ihre Innovationskraft wird wahrgenommen, Fotografie bleibt dennoch in ihren Augen ein zweitrangiges künstlerisches Ausdrucksmittel.
Sie selbst wendet sich von der rein experimentellen Porträtfotografie ab, schafft eine neue Bildsprache in Verbindung mit einer neuartigen Lichtregie und symbolisch aufgeladenen Requisiten, besonders im Zusammenhang mit ihrer Freundin Nell Walden als Modell & Sammlerin ethnografischer Objekte, besonders Masken - ein generelles Thema in der Kunst in diesen Jahren.
Bis Mitte der 1930er Jahre wird Yva die fotografische Präsentation der Mode des Salons Kuhnen übernehmen. Inzwischen beginnen nämlich Fotos die bis dahin üblichen Illustrationen in Magazinen wie "Vogue" oder "Die Dame" mehr und mehr zu verdrängen. Yva wird unter die Fittiche der kosmopolitischen Modekritikerin Elsa Herzog genommen, die Kuhnen zum "schicksten Modehaus der Reichshauptstadt" befördert und Redakteurin bei "Die Dame" gewesen ist.
Eine -"Lieschen Neumann will Karriere machen", eine Geschichte in 12 Bildern - ist noch heute bekannt, weil den Text ein gewisser Erich Kästner beigesteuert hat:
"Es gibt da eine Sorte junger Damen,die haben nichts, als etwas anzuziehen.Sie tragen reichlich parfümierte Namenund sind aus, oder wollen nach Berlin. (...)Sie melden sich bei einer Fotografin namens Yvaund halten dort in 20 Lagen still.Und fühlen sich dabei bereits als Diva..."
Ihre künstlerischen Ambitionen hat Yva immer noch nicht zu den Akten gelegt. Spätestens 1927 ist sie mit der Kunsthistorikerin Dr. Charlotte Weidler befreundet, eine Vermittlerin moderner deutscher Kunst in den Vereinigten Staaten, die dort besonders Max Liebermann forciert hat. Mit ihr bewegt sich die junge Frau im Umfeld des Kunstkritikers und Herausgebers des Sprachrohrs des Expressionismus, Paul Westheim. Das verschafft ihr auch die Teilnahme im Rahmen der "FiFo" an der Internationalen Werkbundausstellung 1929.
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| "Max Liebermann" (aus der Serie"Prominente von hinten", 1920er Jahre) |
Erstaunlich, dass sich die Lichtbildnerin leisten kann, ihr Atelier zu vergrößern und in die Bleibtreustraße 17 in unmittelbarer Nähe zum Kurfürstendamm im Herbst 1930 einzurichten. Es sieht so aus, als ob die repräsentative Sechszimmerwohnung nur beruflichen Zwecken dient, denn als Yvas Wohnsitz ist die Wohnung ihrer Mutter in Schmargendorf verzeichnet. Immerhin hat die Dreißigjährige jetzt eine ganze Reihe von Mitarbeiter*innen unterzubringen und ein großes Archiv. Außerdem reihen sich in der Nachbarschaft andere namhafte Fotoateliers wie Perlen an einer Schnur aneinander, darunter auch Lotte Jacobi ( siehe dieser Post ). In dem Fotoband "Unsere Zeit in 77 Frauenbildnissen" sind Fotos vieler der dort ansässigen Fotografen enthalten, von Yva das der Vicki Baum.
In den späteren Entschädigungsakten wird für Yva ein Jahreseinkommen von 20.000 - 30.000 Reichsmark ( etwa 120.000-180.000 € ) aufgeführt. Sie hat eine Sekretärin eingestellt, die Retuscheurin Emmy Löwenthal, als PR- Frau Elisabeth Röttgers, zuvor Vertriebs- und Archivleiterin im Atelier Jacobi gewesen ist, und weitere Mitarbeiterinnen u.a. in der Dunkelkammer, insgesamt zehn. Sie führt ihr Atelier mit Disziplin und eiserner Strenge. Jedes Detail bei ihren Inszenierungen muss stimmen.
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| Links im Atelier des Bildhauers Hugo Lederer, rechts ein Porträt von unbekannt (1930) |
Elisabeth Röttgers bringt noch einen anderen Aspekt ein:
"Das Atelier Yva musste arbeiten wie ein Mädchenhändler (...) Gesicht, Augen, Hände, Beine und Figur - alles wurde begutachtet und am Ende je Stück vorgeführter Garderobe mit zwei bis fünf Mark bezahlt." ( Quelle hier )
Ab 1934 erhalten alle Modelle ein festes Honorar. Yva hat auch auf dem Kurfürstendamm Karin Stilke entdeckt, die eines der bekanntesten Modelle der nächsten drei Jahrzehnte werden wird - "Deutschlands erstes Topmodel" sozusagen.
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| Von links nach rechts: Vicki Baum, Karin Stilke, Unbekannte für Creme Mouson (1930er Jahre) |
Yva versucht sich auch in der Reisefotografie und unternimmt mit der Freundin Charlotte Weidler eine Expedition zu den Tuareg in der Sahara. Auffällig ist, dass sie später als Urheberin der dabei entstandenen Fotos nicht genannt wird, sondern Charlotte Weidler als "erste deutsche Frau, die allein durch die Sahara reiste" gefeiert wird. Nach und nach wird sie die politische Entwicklung im Land immer unsichtbarer machen. Charlotte Weidlers Name taucht z.B. ab 1936 auf dem Stempel, der auf den Fotoabzügen erscheint, nun alleine auf.
In der Ullstein-Chronik heißt es schon 1933: "Die jüdischen Redakteure verlassen das Haus." Unter dieses Verdikt fällt auch Yva wie eine ganze Reihe namhafter Fotografen wie Erich Salomon oder Madame d'Ora. Ihr Bildpostkarten- Verlag wird arisiert, womit eine weitere wichtige Einnahmequelle versiegt.
Nachdem ihre Mutter im November 1933 gestorben ist, leistet Yva sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten noch 1934 einen weiteren Umzug in eine 14 Zimmer umfassende Atelier-Wohnung über zwei Etagen in die Schlüterstraße 45, Ecke Kurfürstendamm. Das spricht für Zuversicht!
Drei Monate nach dem Tod ihrer Mutter hat sie am 16. Februar 1943 den elf Jahre älteren Kaufmann Alfred Simon, ein Bekannter ihres Bruders Robert, geheiratet, welcher aus einer angesehenen jüdischen Familie in Euskirchen stammt, die eine Monopolstellung für die Belieferung der Modeindustrie mit Tüll & Spitze innehält.
Eine Vernunftehe? Eine Kameradschaftsehe? Das muss offen bleiben.
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| "Die Schwalben ziehen fort" |
Nach den Nürnberger Gesetzen vom 15. September 1935 ist Ariern die Arbeit in jüdischen Betrieben nur noch eingeschränkt erlaubt. Charlotte Weidler hält mit dem Credit "Presse-Foto Yva" nominell das Atelier. Fotos können aber nur noch in Österreich vertrieben werden.
"Welch ein Jammer, dass auch Kuhnen zumacht. Wir wissen doch alle, mit den Juden verschwindet die Eleganz aus Berlin", kommentiert Magda Goebbels zynisch das Niedermachen der Modeszene der Stadt.
Yvas Bruder Ernst, als wohlhabender, homosexueller, jüdischer Inhaber des Modehauses kehrt im Herbst 1936 dann auch nicht mehr von einer Reise nach London zurück.
Mit dem endgültigen Berufsverbot von 1938 ist das Ehepaar Simon gezwungen, die gemeinsame Wohnung in der Schlüterstraße 45 aufzugeben, der jüdische Besitzer des Hauses wird enteignet. Ab 1942 wird eine wichtige Abteilung der Reichskulturkammer dort untergebracht werden: die Filmkammer.
Der inzwischen achtzehnjährige Helmut Neustädter verlässt wenige Wochen nach der Reichspogromnacht Deutschland via Triest Richtung Singapur.
Die Simons ziehen zunächst zu Bruder Fritz in die Wohnung. Ernst, noch in London, ermöglicht der Schwester Lucie mit Familie finanziell die Ausreise nach Südafrika. Schwester Charlotte weicht zunächst aus in die Schweiz, später in die USA. Yva beauftragt eine Speditionsfirma vom Fach in Hamburg, ein "Fotoatelier in 34 Kisten" einzulagern. Bruder Robert gelingt es vor Mai 1939 nach Brüssel zu entweichen, wo er am 11. November völlig unerwartet stirbt. Fritz verlässt Berlin am 10. Juni 1939 in Richtung Paris. In Frankreich wird er mutmaßlich nach der deutschen Besetzung gefoltert und daran sterben.
Yva kommt zunächst bei ihrer Schwester Gertrud unter, dann ab Mai 1940 in einem möblierten Zimmer in der Bamberger Straße. Ernst, der das Ziel Kuba vor Augen gehabt hat, verlässt das sichere London in Richtung Marseille, auch um Bruder Fritz zu suchen. Er wird in Loriol-sur-Drôme interniert, dort aber später freigelassen. Was weiter mit ihm bis zu seinem Tod am 15. März 1941 geschieht, bleibt im Verborgenen.
"Nach dem unnatürlichen Tod ihrer Brüder ist anzunehmen, dass Yva kaum noch über seelische Reserven verfügt", schreibt Kirstin Buchinger. Sie muss jetzt eine Arbeit als Röntgenassistentin im Jüdischen Krankenhaus in der Exerzierstraße ( heute Heinz-Galinski-Straße ) im Wedding aufnehmen, ihr Mann als Zwangsarbeiter in Zehlendorf Straßen fegen. Am 15. Januar 1942 werden Yvas Schwestern Gertrud und Käte aus ihren Wohnungen geholt und nach Riga deportiert. Sie gelten als dort ermordet.
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| © REUTERS |
Nach drei Tagen im überfüllten Waggon, bei Hitze und fehlendem Wasser kommen sie in Lublin an. Ob sie in Majdanek oder Sobibor ermordet worden sind, ist nicht rekonstruierbar. In der gerichtlichen Todeserklärung wird als Sterbedatum der 31. Dezember 1944 festgesetzt.
Die wenigen Einrichtungsgegenstände, die das Ehepaar in seinem Zimmer zurückgelassen hat, werden mit Ausnahme der Schallplatten einem Berliner Einzelhändler übergeben. Das in Hamburg eingelagerte Fotoatelier fällt bis auf 13 Kisten dem Feuersturm auf die Stadt im Juli 1943 zum Opfer. Die restlichen werden versteigert und erzielen einen Erlös von 583 Reichsmark. Yvas noch existierendes Konto bei der Deutschen Bank wird geschlossen und die noch vorhanden zehn Mark ordnungsgemäß an die Oberfinanzdirektion überwiesen.
Der einzige Zeitzeuge, der an Yva im Rahmen einer Veröffentlichung erinnern können wird, ist Helmut Newton. In seiner Biografie von 2002 schreibt er über sie. Erst in den 1960er Jahren wird die Schlüterstraße 45 durch die Betreiberfamilie des Hotel Bogota zu einem Erinnerungsort. Allerdings ist diese mythische Überhöhung ahistorisch, klammert sie doch die Gewalt aus, die Yva und ihr Werk vernichtet hat. Dass es nicht reicht, dass sie als Fotografin in unserem ästhetischen Gedächtnis überlebt, ist mir anhand der Geschehnisse in den Tagen, als ich diesen Post verfasst habe, wieder einmal deutlich geworden.
Auch ist mir durch die Beschäftigung mit Yva & ihren Fotos nochmals in den Blick geraten, welche kulturelle wie wirtschaftliche Vielfalt & Potenz durch den Antisemitismus der Nationalsozialisten für immer für unser Land zerstört worden ist. Der Wunsch, in einem Post das zum wiederholten Male zu dokumentieren, diese Verluste, die Faschisten in einer Kultur anrichten, wurde dadurch übergroß. Der Yva-Bogen am Bahnhof Zoo in Berlin ist für mich ein niederschmetterndes Symbol für den Niedergang dieser einst so bedeutenden Stadt.
Weitere bewegende Frauenleben könnt ihr hier finden:














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