Donnerstag, 21. November 2019

Great Women # 201: Lucia Moholy

Bevor das Bauhaus - Jubiläumsjahr zu Ende ist, möchte ich doch noch einmal auf eine der vielen Frauen aufmerksam machen, die diese Idee zu der gemacht haben, wie sie bis heute wirkt, eine, die unser Bild vom Bauhaus und seinem Stil geprägt hat wie keine zweite, nämlich weil sie alles auf ihre ganz eigene Art fotografisch dokumentiert hat. Ohne ihre Fotos kommt bis heute keine Veröffentlichung über die weltberühmte Kunst-, Design- und Architekturschule aus. Es ist Lucia Moholy, die ich heute aus dem unverdienten Schatten holen möchte, so, wie es zur Zeit eine Ausstellung im Museum Ludwig in meiner Stadt tut.

"Kein Unterschied zwischen dem schönen 
und starken Geschlecht. 
Absolute Gleichberechtigung, 
aber auch absolut gleiche Pflichten."
Walter Gropius 
in seiner Eröffnungsansprache am Bauhaus 1919


Lucia Moholy erblickt am 18. Januar 1894 als Lucia Schulz in der Prager Vorstadt Karolinenthal das Licht der Welt. Ihre Eltern sind die 22jährige aus Dresden stammende Musikerin Waleska Barsach und der zwölf Jahre ältere Rechtsanwalt Dr. jur. Gottlieb Bohumil Schulz, Studienfreund des Schriftstellers Friedrich Adler, damals führender Kopf der Prager Literaturszene. 

Karolinenthal (Karlin) zum Ende des 19. Jahrhunderts
Ein Jahr später wird sie eine Schwester, Gisela, bekommen, drei Jahre später noch einen Bruder, Franz Georg, der später auch u.a. unter dem Pseudonym Francis George Spencer ein erfolgreicher Drehbuchautor sein wird ( "Die drei von der Tankstelle", "Zwei Herzen im Dreivierteltakt" ).

Lucy, so wird das Mädchen genannt, wächst auf in den letzten Jahren der österreichisch-ungarischen Monarchie in einer ihren Glauben nicht praktizierenden jüdischen Familie. Im Gegenteil: Ihr großbürgerliches Elternhaus ist atheistisch und eher liberal eingestellt & kulturell sehr aufgeschlossen. Sie wird zweisprachig erzogen ( die Muttersprache ist Deutsch ) und lernt zusätzlich noch Französisch.

Das Mädchen wächst also mit allem bürgerlichem Komfort & intellektuell höchst gefördert auf ( ihr Bruder hat als Gymnasiast Zugang zu den literarischen Kreisen im legendären Prager Café Arco - siehe auch dieser Post ). Davon zeugt jedenfalls ihr erstes Jungmädchen - Tagebuch, in dem all das vorkommt, was in jenen Tagen der großbürgerlichen weiblichen Jugend in solchen Verhältnissen wichtig ist: 

Geschenke ( so zeichnet sie 1907 akribisch einen Tisch mit all den Mitbringseln, die der Vater von einer Reise mitgebracht hat, für sie eine Handtasche & eine Halskette ), Brieffreundschaften, Kostümbälle ( mit eingeklebter, voller Tanzkarte ). Melancholie, die sie gelegentlich befällt, ebenso Sehnsüchte, die sie in Gedichtform notiert. Und sie zeigt, dass sie literarisch bewandert ist, indem sie Zitate von Thomas Mann & Leo Tolstoi einfügt und eine transkribierte Beethoven-Sonate. Klar, dass sie das Klavierspiel erlernt hat und Tennis, wie es in vielen Biografien junger Mädchen jener Zeit üblich ist.

Erst 1914 wenden sich ihre Einträge der Realität ( des 1. Weltkrieges  ) zu. Eine Quittung über eine Spende in Höhe von fünf Kronen - "für die Familien des österreichischen Krieges" - wird von einer handschriftlichen Notiz der inzwischen zwanzigjährigen Lucia begleitet: "Wie schön, dass ich etwas von Geld spenden kann, das ich mir verdient habe!" - vermutlich durch die Arbeit in der Kanzlei ihres Vaters in Prag.

Selbstporträt 1920er Jahre
Source
1910 hat sie bereits die Matura mit Auszeichnung abgelegt und anschließend bis 1912  Deutsch und Englisch auf Lehramt studiert. Nach diesem Abschluss belegt sie Kurse in Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Prag.

Ihrem Tagebuch vertraut die mittlerweile 21jährige "ein Interesse für die Photographie" an: "Ich bin eine passive Künstlerin, ich kann Eindrücke aufnehmen und wäre sicherlich befähigt, alle von der schönsten Seite aufzunehmen…

Das bürgerliche Leben ihrer Familie langweilt sie: "Immer dieselben 20 Gesichter", notiert sie, "und ich wollte doch so furchtbar gerne fort." Das Verhältnis zum Vater ist angespannt. Dann 1915, endlich volljährig, begeht Lucia einen Fauxpas: Sie verlässt ihr Elternhaus unverheiratet - für die damalige Zeit und für bürgerliche Verhältnisse ein ungeheuerlicher Schritt! 

Vorher hat sie auf ein Zeitungsinserat einen ersten Job als Redaktionssekretärin bei der Wiesbadener Verlagsanstalt bekommen.  Gelegentlich verfasst sie auch Kunstrezensionen & Theaterkritiken für die "Wiesbadener Zeitung". Sie plant zwar auch eine Fotografinnenausbildung, findet dafür aber keine Zeit.

1917 zieht sie weiter in die damalige Hauptstadt des Buches, Leipzig, wo sie die Geschäftsstelle des Berliner Hyperion-Verlags führt, verlässt auch diese Stadt wieder, arbeitet als Buchhändlerin in Hamburg, bevor es sie 1920 nach Berlin zieht, wo sie als Lektorin und Pressereferentin für den Rowohlt-Verlag arbeitet. Sie verfasst weiterhin Kritiken und schreibt unter dem Pseudonym Ulrich Steffen expressionistische Texte und proletarische Gedichte.

Der Revolution in Deutschland steht sie aufgeschlossen gegenüber, ebenso neuen Lebensformen. So besucht sie von Hamburg aus 1918 & 1919 zusammen mit dem Bremer Kommunisten Adolf Danath den Barkenhoff Heinrich Vogelers in Worpswede, wo auch erste Fotografien entstehen und sie sich dem Sozialismus zuwendet.

László  und Lucia in der Mitte
mit ungarischen Freunden in Berlin
(1920)
Im April 1920 lernt Lucia in Berlin den jungen Ungarn László Moholy-Nagy kennen. Kaum ein Jahr später, an ihrem 27. Geburtstag heiratet sie ihn, vermutlich um eine Bleibe- Erlaubnis für László zu erhalten, wohin er nach dem Krieg über Wien aus Budapest gekommen ist.

Ein ungleiches Paar, nicht nur weil die 1.80 Meter große Lucia ihn um zwanzig Zentimeter überragt: Schon seit fünf Jahren im Berufsleben sorgt sie für ihren eigenen Lebensunterhalt und wird es jetzt auch weiterhin für Beide tun, während ihr Gefährte nach wie vor ein mittelloser, abgebrochener Jurastudent ist und künstlerisch ein völlig unbeschriebenes Blatt. Dennoch wird Lucia ganz traditionell seinen Nachnamen annehmen ( und seine Staatsangehörigkeit gleich mit ).
László Moholy-Nagy ist am 20. Juli 1895 in dem kleinen ungarischen Dorf Bárcbarsód als mittleres von drei Kindern geboren worden. Sein Vater verspielte das Familiengut und wanderte nach Amerika aus. Aus Armut war seine Mutter gezwungen, den ältesten Sohn zu reichen Verwandten ins Ausland zu schicken, László wuchs mit seinem jüngeren Bruder bei einem Onkel in Mohol auf ( der Ort, nach dem er sich später benannte ). Da er ohne Vater aufwuchs, war er in Ungarn dem ständigen Spott der traditionell denkenden Dorfbewohner ausgesetzt. Nach der Schule begann er in Budapest ein Jurastudium und wurde 1914 zum Kriegsdienst für Ungarn-Österreich eingezogen, eine Zeit, die ihn bis an sein Lebensende prägte. Nachdem er sein Jurastudium abgebrochen hat, beschäftigte sich László Moholy-Nagy mit nichtgegenständlicher, konstruktivistischer Malerei. 1920 kommt er nach Berlin.
Ihre Partnerschaft scheint von Anfang auch künstlerisch - praktischer Natur gewesen zu sein. In ihrem Lebensrückblick wird sie später schreiben: "Die Arbeitsvereinbarungen zwischen Moholy-Nagy und mir waren ungewöhnlich eng, der Reichtum und der Wert der Ideen des Künstlers gewannen sozusagen an Dynamik. Aus der Symbiose zweier unterschiedlicher Temperamente." Ulrike Müller bezeichnet sie hier als "geistige Mentorin eines jungen Künstlers", jener Rolle, die sonst traditionell Männer zukommt.

Gemeinsam experimentieren sie mit der Erstellung von Fotogrammen ( einschließlich des berühmten Doppelselbstporträts, das beider Silhouetten untrennbar synthetisiert ). Es ist Lucia, die sie in der Dunkelkammer entwickelt. Später werden sie unter seinem Namen berühmt werden.

Sie hilft ihm auch, seine Aufsätze aus dieser Zeit zu verfassen, denn sein Deutsch mit deutlich ungarischem Akzent hört sich charmant an, reicht aber keineswegs, um solche Publikationen zu formulieren, wie er sie nun herausgibt : "Ich war über mehrere Jahre für den Wortlaut und die Redaktion der Texte verantwortlich, die in Büchern, Aufsätzen, Artikeln, Rezensionen und Manifesten erschienen." Nachträglich ist die Rekonstruktion des jeweiligen Anteils dann aber kaum mehr möglich.

Im Binnenverhältnis bezeichnet László seine Ehefrau als "Leuchtfeuer", das sein "emotionales Chaos" erhellt und ihn das Denken lehrt. Das hält ihn aber nicht davon ab, Koproduktionen wie den fotohistorisch bedeutsamen Aufsatz "Produktion – Reproduktion" von 1922 einzig unter seinem Namen in den Druck zu geben. Das "Weglassen" wird symptomatisch werden für die gesamte Zusammenarbeit des Paares. Später wird die Geschichtsschreibung ihn deswegen auch ganz alleine zum Vorreiter des "Neuen Sehens" in Deutschland erheben.

1923 wird der ungarische Künstler eingeladen, am Bauhaus zu unterrichten ( Walter Gropius hat die Schule in Weimar 1919 mit dem Ziel gegründet, "alle schöpferischen Anstrengungen in einem Ganzen zu vereinen, um alle Disziplinen der praktischen Kunst zusammenzuführen" - siehe auch dieser Post ). Lucia gibt ihre Arbeit auf, um ihn zu begleiten - sicherlich kein leichter Schritt für sie, die nie nur Anhang ihres Mannes gewesen ist.

Dort in Weimar kann Lucia aber endlich ihr Vorhaben umsetzen und eine Fotolehre bei Herrmann (Otto) Eckner machen. Sie belegt ab 1925 auch Kurse für Reproduktionsfotografie in Leipzig und beginnt zeitgleich, die Arbeiten der Bauhausschüler am Bauhaus zu fotografieren. 1924 lektoriert sie zunächst Lászlós Buch "Malerei Photographie Film", danach aber auch alle weiteren Bauhausbücher, insgesamt vierzehn Stück. In keinem wird ihr Name verzeichnet sein. Eine offizielle Stelle am Bauhaus erhält sie auch nicht: "... man hat das allgemein so ein bisschen verstanden, fast so ein bisschen kommunenmäßig: die Frauen, die einheirateten ins Bauhaus, die tragen Ihrs halt auch dazu bei. Aber so extra Besoldung oder extra Lorbeeren, Ruhm und Ehre gab's halt nicht so", so die Kunsthistorikerin Adriana Kapsreiter im Deutschlandfunk Kultur.

Source


Mit dem Umzug des Bauhauses 1926 nach Dessau, wo sie mit ihrem Mann ein Doppelhaus bewohnt, Tür an Tür mit Lyonel Feininger, seiner zweiten Frau und drei Söhnen, und in direkter Nachbarschaft zum Direktorenhaus, in dem Ise und Walter Gropius residieren, wird sie von Walter Gropius mit der photographischen Dokumentation der von ihm entworfenen Schulgebäude und Meisterhäuser beschäftigt. 

Gern lebt sie aber nicht in Dessau: 
"Dessau ist wie ein Ort, an dem jemand auf Reisen seine Verbindung verpasst und auf den nächsten Zug warten muss. nichts weiter als ein Platz zum Warten auf den nächsten Zug. Es wäre besser, wenn man in dieser Stadt überhaupt nicht aussteigen würde", steht es in ihrem Tagebuch. Und an anderer Stelle zum vielbeschworenen "Leben am Bauhaus": "Ich brauche etwas, das ich hier nicht finde. . . andere Leute und ein anderer Kreis um mich herum. Es passt einfach nicht zu mir, wenn jede Woche 20 neue Freunde kommen. Hier sind sie unsere Gefangenen und bringen nichts als ihre Organe mit, die sie vollgestopft haben wollen. Ich muss von hier weg, wo andere ihre Stärken teilen und mich ab und zu auch aufwärmen."
Doch zunächst macht sie sich daran, mit ihren sachlichen wie detailreichen Fotografien - immer bei natürlichem Licht ohne Hilfsmittel wie Blitz und zusätzlichen Blenden oder Lampen mit ihrer Laufbodenkamera aus Holz & Glasplatten im Format 18x24 Zentimetern aufgenommen - die Häuser und ihr Interieur festzuhalten. Ihr Stil weist sie als Protagonistin einer neuen Sachlichkeit aus, eines neuen Sehens im damals noch jungen Medium. Ihre Fotos werden unser Bild vom Bauhaus und seinen Bauten für immer & ewig  bestimmen. ( Für ihre Fotos von Menschen, die nicht der Bauhausdokumentation dienen, benutzt sie übrigens eine Leica. ) Neben dem Fotografieren ist sie auch für die gesamte Laborarbeit zuständig. 

Eine Krise kann auf Dauer nicht ausbleiben. Im Mai 1927 schreibt sie ihrem Mann:
"Lieber Laci, warum kannst du mir nicht glauben, dass es die große Stadt ist, die zu mir passt? [. . .] Ich kann es einfach nicht mehr ertragen, obwohl ich einiges in dieser Zeit gereist bin [. . .] Es ist nicht dasselbe, wie wenn man nur ab und zu ein bisschen Fleisch braucht, weil man nicht nur jeden Tag Spinat essen möchte. Glaube mir - ich brauche eine veränderte Umgebung. Das Ziel ist nicht, dass ich dich verlasse, sondern dich wiederzufinden."
Am Ende verlässt sie László nicht, nicht bevor sie 1928 gemeinsam Dessau hinter sich lassen, nachdem Gropius als Direktor des Bauhauses zurückgetreten ist. Aber die Rückkehr nach Berlin rettet die Beziehung nicht mehr: Ein Jahr später trennen sie sich. László beginnt ein Verhältnis mit der Schauspielerin Ellen Frank, der Schwester von Ise Gropius, Lucia verliebt sich in Theodor Neubauer, den politisch ebenbürtigeren KPD-Reichstagsabgeordneten.

Theodor Neubauer im Gespräch mit Clara Zetkin,
fotografiert von Lucia Moholy Anfang der 1930er Jahre
Der wird ihre große Liebe, und die Verbindung offensichtlich so eng und wichtig, dass sie in jener Zeit Abzüge mit Lucia Moholy - Neubauer signiert. Allerdings wird die spätere offizielle Geschichtsschreibung der DDR diese Beziehung negieren, passt sie doch nicht zum Bild eines verheirateten Familienvaters. Auch hier wieder das für Lucias Biografie so wesentliche "Weglassen"...

Ihren Weg als Fotografin mit eigenem Atelier und der Zusammenarbeit mit der Fotoagentur "Mauritius" sichert ihre Existenz, auch eine Tätigkeit als Leiterin der Fotoklasse an der privaten Kunstschule des Ex - Bauhäuslers Johannes Itten. Sie unternimmt 1930 bis 1932 Reisen durch Jugoslawien, auf denen faszinierende, einfühlsame Fotos entstehen wie von der Zigeunerin aus Skopje mit ihrem Hochzeitsschmuck ( hier zu sehen ) oder der alte Mann in Sarajevo. In dieser Zeit beginnt sie eine Geschichte der Fotografie zu planen aus einem Blickwinkel, der die Fotografie als "demokratische Kunst par excellence" ansieht.

Als Theodor Neubauer am 3. August 1933 in Lucias Wohnung von der Gestapo festgenommen wird, sind alle Pläne zunichte: Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft muss sie damit rechnen, ebenfalls verfolgt zu werden. Sie bittet ihren Noch - Ehemann ( erst 1934 werden sie geschieden ), sich um ihre fast  600 Glas - Negative und ihr gesamtes Œuvre zu kümmern. Dann flieht sie mit Hilfe der Sonderpädagogin Hilde Wulff über Prag, Wien und Paris nach London.

Nach ihrer Scheidung erhält sie wieder die tschechische Staatsbürgerschaft, weshalb es kein Problem ist, einen Antrag auf Einbürgerung in Großbritannien zu stellen. Auch die Sprache stellt für die ausgebildete Englischlehrerin kein Hindernis dar. Im Londoner Stadtteil Bloomsbury, rund um die Intellektuellenkreise um Virginia Woolf ( siehe auch dieser Post ), etabliert sie sich als Porträtfotografin, und es entstehen viele Porträts von englischen Adligen, Akademikern, Autoren, Verlegern und Politikern. 1938 wird Lucia auch in die Royal Photographic Society aufgenommen. In ihrer neuen Umgebung macht sie stilisierte Schwarzweißbilder von Gebäuden und Einwohnern. Dennoch hinterlässt das Exil beträchtliche Spuren, seelischer und körperlicher Art und sie muss laut eigener Aussage hart daran arbeiten, "sich normal zu verhalten".

Von London aus bemüht sie sich auch - vergeblich - um die Freilassung Theodor Neubauers, der bis 1939 in mehren Konzentrationslagern und Zuchthäusern interniert ist. Anschließend geht er in den Untergrund.

Währenddessen hält Lucia Vorlesungen an Londoner Kunstschulen zur Fotografiegeschichte, und es gelingt ihr 1939 endlich die geplante Publikation "A Hundred Years of Photography" umzusetzen - ein Erfolg mit 40 000 verkauften Exemplaren in einem halben Jahr.

Ihr ehemaliger Ehemann ist inzwischen mit seiner zweiten Frau in die Vereinigten Staaten emigriert, um 1937 an die Harvard Graduate School of Design zu gehen, ebenso Walter Gropius, und beide mit Lucias Nachlass. Im selben Jahr zieht László Moholy-Nagy weiter nach Chicago, wo er das sogenannte Neue Bauhaus gründet. Beide verwenden Lucias Material, um dem Vermächtnis des von den Nazis geschlossenen Bauhauses in den Staaten neues Leben einzuhauchen. Ihre frühere Bescheidenheit im Hinblick auf die eigene Fotos wird Lucia zum Verhängnis:

1938 widmet das Museum of Modern Art in New York dem Bauhaus eine Ausstellung. Als sie den dazugehörigen Katalog in  Händen hält, entdeckt sie darin ihre ikonischen Fotografien, ohne dass ihr Namen irgendwie und irgendwo erwähnt wird. In den folgenden Jahren erscheinen immer mehr Publikationen mit den Fotos, reproduziert dank der Negative, die sie doch in Deutschland zurückgelassen geglaubt hat.

Im Bauhaus - Archiv findet sich eine Kartei, in der sie festhält, wann und wo welches ihrer Fotos verwendet worden ist. "Man ahnt, wie sie die permanente Kränkung - hinzu kamen handfeste Einnahmeeinbußen - durch wissenschaftliche Objektivierungsarbeit in den Griff zu bekommen versuchte", schreibt Ulrike Müller hier.

Als im September 1940 ihr Haus am Mecklenburgh Square von Fliegerbomben getroffen wird, verliert sie erneut fast ihr gesamtes Hab und Gut. László bietet ihr eine Stelle an seiner Schule als Lehrerin für Fotografie mit einem Gehalt von zweihundert Dollar pro Monat, und sie stellt deshalb einen Ausreise-Antrag für die USA. Trotz dieses Angebots sowie der Hilfe ihres Bruders Franz wird der Antrag von der Einwanderungsbehörde abgelehnt. Über Wasser kann sich Lucia in London halten, weil sie ab 1942 Leiterin eines staatlichen Mikro-Verfilmungsprojektes wird, das geheimdienstlich relevante Schriften sowie unersetzliche Kulturdokumente der Universitätsbibliothek von Cambridge mittels Mikrofotografie archiviert. Am Ende des Krieges erhält sie auch die britische Staatsangehörigkeit.

Der Tod des von den Nazis am 5. Februar 1945 hingerichteten Theodor Neubauers trifft Lucia schwer. Auch László Moholy-Nagy stirbt bald, am 24. November 1946. 

Lucias Beziehung zu seiner Witwe wird zunehmend problematisch aufgrund ihrer wiederholten Nachforschungen über den Verbleib ihrer Negative. Gerade in der Nachkriegszeit, als sie sich um beruflichen Anschluss bemühen muss, verfügt sie über kein eigenes Portfolio ihrer frühen Arbeiten und wird von Gropius so um ihre Einnahmen, Autorenrechte und ihr Renommee betrogen. "Richtig gelitten hat sie nach dem Zweiten Weltkrieg, als alle alten Bauhäusler mit Gropius‘ Hilfe zu Ruhm und Ehre kamen und sie sich mit kleinen Jobs über Wasser halten musste", wird sich ihr späterer Wegbegleiter, der Fotografieprofessor Rolf Sachsse erinnern.

Zum Glück erhält sie die Möglichkeit, als Beauftragte für die Verfilmung von Kulturgut im mittleren und nahen Osten für die Unesco zu arbeiten. Während dieser Auslandstätigkeit in der Türkei reist sie auch nach Zypern, Jordanien, Israel, Griechenland, Syrien und in den Libanon und macht dort zahlreiche Fotos, überwiegend für private Zwecke, die Einblicke in die jeweiligen Kulturen geben. Sie selbst misst diesen Fotos keinen eigenen künstlerischen Wert bei – das widerspricht im Grunde ihrem immerwährenden Verständnis vom Auftrag der Fotografie. Zum Wesen der Dokumentation durch Fotografie veröffentlicht sie auch mehrere theoretische Schriften in der Nachkriegszeit.

Ganz lange wird alles getan- aus Bewunderung für die hehren Bauhausmeister - damit Lucias Kampf um ihre Negative und ihre Bildrechte nicht ans Licht der Öffentlichkeit gelangt. Walter Gropius macht lange keine Anstalten, sie Lucia zurückzugeben, und immer wieder tauchen bis 1968 neue Abbildungen ohne ihr Einverständnis & ohne ihren Namen zu nennen auf. Lucia, die genau weiß, dass sie Gropius ihre Negative nicht gegeben hat, äußert den Verdacht - allerdings erst 1983 im britischen "Journal of Photography"! -, dass die Bauhausmeister ihr Lebenswerk schon kurz nach der Übergabe an ihren ehemaligen Gefährten zu eigenen Zwecken untereinander aufgeteilt haben. Als ob die mangelnde Anerkennung für ihre Arbeit am Bauhaus nicht schon genug gewesen wäre, wird ihr jetzt auch noch ihr eigenes Werk vorenthalten!

Drei Jahre lang versucht sie, es zurückzubekommen, und schaltet sogar einen Anwalt ein. Gropius kennt den Wert ihrer Bilder gut: Während des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges ist Dessau für den Westen unzugänglich und von 1950 bis 1980 ist es illegal, das Bauhaus zu fotografieren. 1957 erhält sie nach einem Vergleich schließlich fünfzig ihrer Negative zurück. Für den Rest ihres Lebens sammelt sie weitere aus verschiedenen Privathänden und spendet letztendlich 230 davon an das Bauhaus-Archiv. 

1987


1958 kehrt sie nach Berlin zurück und lässt sich im Jahr darauf endgültig in Zürich nieder, wo sie als Herausgeberin, Lektorin und freie Korrespondentin arbeitet und ihre Stimme in der Kulturwelt erhebt. Sie wird endlich "eines der Grundprobleme der ersten Hälfte ihres Lebens los: die Abhängigkeit von männlichen Partnern", schreibt Rolf Sachsse in seiner Biografie.

Sachsse betont auch, dass Lucia Moholy mit zunehmendem Alter ihre Benachteiligungen als Auswirkung der allgemeinen gesellschaftlichen Benachteiligung von Frauen wahrnimmt. In ihrem biografischen Fragment "Frau des 20. Jahrhunderts" kritisiert sie den "Meisterkult" und die daraus entstandene Minderbewertung der Leistungen der Frauen am Bauhaus:
"Es wäre nicht abwegig, wenn jemand sich entschlösse, etwas über die Rolle der Meisterfrauen zu schreiben, der Frauen der Bauhausmeister nämlich, die keinen offiziellen Status hatten und doch maßgeblich an der Geschichte und Nachgeschichte des Bauhauses beteiligt gewesen sind. Über die Meister selbst ist zu viel geschrieben worden, als dass hier von ihnen die Rede sein müsste."
Im hohen Alter erlebt sie, dass sie immer mehr "raus aus der Fußnote" ( Gürsoy Doğtaş in der Süddeutschen Zeitung ) gerät und ihr die verdiente Anerkennung zukommt. Aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen kann sie das immer weniger genießen. Am 17. Mai 1989 verstirbt Lucia Moholy in Zürich - Zollikon, dem letzten Ort an dem sie sich niedergelassen hat, und ihre Urne findet ihren Platz auf dem Friedhof Zollikerberg.

Zu ihrem Tod veröffentlicht "Der Spiegel" einen Nachruf, in dem er sie noch als "bescheidene Dienerin zweier Herren" bezeichnet. Inzwischen wissen wir um ihre Unabhängigkeit und Lucia Moholy zählt nun endlich in Insider - Kreisen zu den bedeutendsten Fotografinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.


Kommentare:

  1. Diese Frau hat ein solch selbstbestimmtes Leben geführt, das dennoch gleichermaßen extrem fremdbestimmt war, dass man es kaum fassen kann.
    Die Schäbigkeit ihr gegenüber - und das Frauenbild - von Gropius und Moholy-Nagy, beide "Leuchttürme" des Bauhauses haben mich schon immer empört. Und das, obwohl Lucia die Prinzipien des Bauhauses in ihrem Werk ganz besonders gut verwirklicht hat und eine Pionierin auf dem Gebiet der Architektur-Fotografie war. Oder vielleicht gerade deshalb...
    Dass sie es in dem provinziellen Dessau mit diesen Männern und ihrem Tross kaum ausgehalten hat, kann ich sehr gut nachfühlen.
    Lucia Moholy ist wirklich eine der ganz großen Frauen. Mit dem "Fehler", dass sie es lange nicht wirklich wusste.
    Danke für ihr Portrait und den Hinweis auf Ulrikes Müllers Buch.
    Auch sie ist eine Frau, die von ihrer selbstbestimmten Arbeit und ihren (Buch-)Einkünften leben muss.
    GlG Sieglinde

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  2. Sehr frustrierend ist es zu lesen, wie Lucia Moholy um ihr Werk betrogen wurde. Das Frauenbild und die daraus resultierenden Taten schmälern in meinen Augen das Ansehen der Bauhaus-Männer enorm.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  3. das macht mich wieder mal verdammt wütend!! ich habe schon einige ihrer fotos bei ausstellungen gesehen und war immer begeistert. ihre geschichte kannte ich nicht, bin aber froh, dass du sie hier schilderst. diese bauhausmänner werden mir immer mehr unsympathischer. dazu passt auch, dass sie sich in den meisterhäusern in dessau riesige ateliers gebaut haben, während ihren frauen ein ca 9 qm großer raum "geschenkt" wurde.
    liebe grüße
    mano

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  4. Da kann man doch nur wütend werden, wenn man das liest!
    Was für eine tolle Frau! Naja, es geht ja auch oft heute noch so.
    Das Frauen sich einfach zu oft hintenan stellen.
    Super geschrieben wieder!
    LG Urte

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  5. das muss man erst mal sacken lassen
    wieder eine Frau die geschafft und getan hat ohne die Anerkennung dafür zu bekommen die ihr gebührte
    und dann noch um einen großen Teil ihres Lebenswerkes betrogen wurde
    das kann einen wirklich wütend machen
    denn was sind Männer denn schon alleine
    es steht immer eine Frau hinter ihnen die ihnen den Rücken frei hält
    auch heute noch
    da sollte man doch auch erwarten können dass das anerkannt wird
    und wer selber seinen Weg geht ohne Mann
    sollte nicht gewungen werden dann quasi zurück zu treten HINTer den Mann
    das haben die Frauen nicht verdient
    danke für das Portrait

    liebe Grüße
    Rosi

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  6. Oh, ich bin so froh, dass ich mir die Zeit zum Lesen genommen habe! Die Schamlosigkeit vermeintlich 'großer' Männer macht mich mehr als wütend, und ich versetze mich in die Gefühle dieser viel zu bescheidenen Frau.
    Danke für diesen wieder so informativen, tollen Bericht, liebe Astrid.
    Beste Grüße Ulrike

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  7. Es ist ja schon verrückt, wie sehr all diese Frauen kämpfen mussten. Ich frage mich auch, ob sich wirklich so viel Grundsätzliches geändert hat. Meine jüngste selbstständige Tochter gönnt sich ein Babyjahr..... Mein lieber Herr Gesangverein!
    LG
    Magdalena

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