Donnerstag, 22. Oktober 2020

Great Women #238: Sibylle Mertens-Schaaffhausen

Schon die zweite Kölnerin in diesem Monat! Ob das an der kölschen Selbstverliebtheit liegt?Na ja, meist hangle ich mich bei Planung und Entscheidung am Kalender entlang, denn sonst käme ich nie zu Potte, weil inzwischen immer mehr Fraunslück auf meiner Liste stehen, ob kölsch oder nitt. Und die heute zu Porträtierende hat an diesem Tag vor 163 Jahren den Abgang gemacht, allerdings in Rom. Der Abgesang gilt heute Sibylle Mertens -  Schaafhausen, der Rheingräfin.
Campo Santo Teutonico

Sibylle Mertens-Schaaffhausen ist allerdings nicht mit diesem wahnwitzigen Doppelnamen am 29. Januar 1797 in Köln zur Welt gekommen, wo doch Schaaffhausen alleine schon reicht, von der Länge wie mit diesen unüblichen Doppelbuchstaben mittendrin!

Abraham Schaaffhausen
1824
Das ist nämlich der Nachname ihres Vaters, des Kölners Abraham Schaaffhausen, zweiter Sohn der Maria Sibilla Schaaffhausen, ihres Zeichens Händlerin u.a. von Wildhäuten, versiert und angesehen in der Stadt. Zunächst macht Abraham der Mutter auf eben diesem Gebiet Konkurrenz, steigt aber schließlich zum Bankier der Leder- & Textil- sowie der Zucker- & Papierindustrie von der Eifel bis zum Niederrhein auf und kann seine Position als Kölner Ratsherr absichern. Nicht zimperlich in seinen Geschäftspraktiken, Schmuggel & korrupten Praktiken nicht abgeneigt, hat er dennoch einen Posten als Präsident des Kölner Handelsgerichts halten können.

Maria Anna Schaaffhausen,
geborene Giesen
Ähnlich unkonventionell ist er auch in Liebesdingen: Im Sommer 1794 heiratet er gegen den Widerstand seiner Mutter deren 33jährige Magd Maria Anna Giesen, eine Rheinschiffersstochter ohne Mitgift, nicht mehr jung, aber recht ansehnlich. Sibylle, die ihr einziges Kind bleiben wird, wird später von der Liebe sprechen, die den "freireichsstädtischen Vater" einzig dazu gebracht habe, die Mutter heimzuführen, "ohne sich von Rats- und noch anderen Verwandten hindern zu lassen".

Vor der Eheschließung hat Abraham den Salmschen Hof in der Trankgasse 25, heute direkt neben der Domplatte und beim Kölner Hauptbahnhof gelegen, als Firmen- & Familiensitz erworben und nach und nach gründlich umbauen lassen. Dort bringt Maria Anna zweieinhalb Jahre später also das Mädchen zur Welt, das noch am gleichen Tag auf die Namen der Großmutter Maria Sibilla Josepha getauft wird, bevor die junge Mutter eine Woche später, vermutlich an Kindbettfieber, stirbt. Das "Weckelditzche" verliert alsbald auch den Vater, der sich - nachdem er seiner Nichte Catharina Gallo Kind & Hausstand anvertraut hat - monatelang auf eine Reise begibt.

Domhof um 1806
( die Trankgasse liegt auf der anderen Seite des Doms )
Es ist die Zeit, in der die inzwischen recht rückständige & vernachlässigte Freie Reichsstadt, einst im Mittelalter die größte Stadt nördlich der Alpen, von den französischen Besatzern (seit Oktober 1794) ordentlich auf Vordermann gebracht wird: Erst erhalten die Protestanten im katholischen "hillije Kölle" mit seinen Kirchen, so viel wie das Jahr Tage hat, das bis dahin vorenthaltene Bürgerrecht, dann die Juden, die bislang auf der anderen Rheinseite bleiben mussten. Und als dann auch noch die alte Zunftordnung fällt, ist zumindest auf dem Papier der Schritt in die Moderne getan. Auch die alte, ehrwürdige Universität, die drittälteste in Europa, wird in jenen Zeiten der Aufklärung geschlossen. Sibylle wird allerdings noch im altkölschen Aberglauben und mit katholischen Riten und Gebräuchen aufwachsen.

Drei Jahre nach dem Tod der Mutter heiratet der Vater erneut, eine 23jährige aus Roermond, Therese de Maes, die rasch sechs Kinder zur Welt bringen wird und Sibylle wohl stiefmütterlich im wahrsten Sinne des Wortes behandelt, denn diese wird später klagen: "Es ist etwas unbeschreiblich hartes, mutter und geschwisterlos zu sein." Dagegen setzt sie die unbedingte Verehrung der unbekannten Mutter als Frau niederer Herkunft - und damit von "republicaner Blut" - und wird sich später in diese Tradition als erklärte Republikanerin stellen.

Doch zurück zur Kindheit Sibylles: Dem Vater verdankt sie das Interesse an Kultur, Geschichte und Wissenschaft. Abraham ist Mitglied in der "Olympischen Gesellschaft" Kölns, einem Gelehrtenclub mit samstäglichen Treffs. Schon in jungen Jahren nimmt er sie mit zu seinen Besuchen beim Mit-Olympier Ferdinand Franz Wallraff, Kanonikus von St. Maria im Kapitol, Universitäts- und Gymnasialprofessor, in der Nachbarschaft wohnend, der nach der Säkularisation unter größeren persönlichen Opfern, unterstützt von seinem Freund, alles sammelt, was aus den aufgelösten Kirchen an Kunst und Kunsthandwerk noch zu bekommen ist ( vieles ist schon von den Brüdern Boisserée über Heidelberg nach München verschoben worden, wo es die Sammlung der alten Pinakothek ziert ). So spannend es für das junge Mädchen ist, im unüberschaubaren Wallraffschen Tohuwabohu der Kunst zu begegnen, wird sie selbst später für ihre eigenen Sammlungen das goethesche Ordnungsprinzip vorziehen.

Wallraff führt Sibylle in die Kölner Stadtgeschichte ein, ebenso in die römische Münzkunde - er schenkt ihr immer wieder Münzen und lässt sie wie die Stadtgründerin Agrippina auf einer der Münzen frisieren - und stachelt sie an, zu sammeln und zu verstehen, was sie da tut.

Sie ist noch nicht ganz siebzehn, als preußische Truppen in der Neujahrsnacht 1813/14 den Rhein überqueren und die Franzosenherrschaft in Köln nach fast zwanzig Jahren beenden, und befindet sich in einem Mädchenpensionat in Belgien, um den letzten Schliff als "zukünftige Herrin repräsentativer Häuser" (Angela Steidele) wie für Kölner Bürgertöchter üblich zu erhalten. Französisch lernt sie, feine Handarbeiten anzufertigen und Klavier zu spielen. Musikalisch scheint sie außerordentlich begabt, spielt stundenlang, komponiert. Zu Hause erfährt sie von der "dreifachen Bestimmung des Weibes" und gewinnt so viele Kenntnisse, dass sie später zumindest in der Haushaltsführung nicht zu  kritisieren ist.

Dann ist es auch schon an der Zeit, sie angemessen zu verheiraten. Nicht mit den damals geschätzten äußeren Reizen versehen - ihre Augen, ihre Haare sind zu dunkel "wie eine Burgundertraube, die in einen Pfirsichkorb gerathen ist" ( Annette von Droste - Hülshoff ) - werden die Bewerber vor allem angezogen von der guten Partie, die mit ihr zu machen ist. Da wird schnell übersehen, dass die junge Dame ausgesprochen intelligent, frei von weiblichen Unterwerfungsgesten und Demut & Bescheidenheit ist - Fanny Lewald wird sie später mit dem Dom, in dessen Schatten Sibylle aufgewachsen ist, vergleichen:
"... eigenartig und fremd in ihrer Umgebung, harmonisch trotz ihrer Wunderlichkeiten, sanft trotz ihrer Herbigkeit, in meinen Erinnerungen so unvergleichlich und so gesondert ... wie der  Riesenbau..." ( Quelle hier )
1816
Vor allem auf ihre altertumskundliche Ambitionen reagiert man mit Unverständnis. Aber an eine berufliche Tätigkeit ist mit ihrem familiären Hintergrund nicht zu denken: Sibylle hat dynastische Aufgaben zu erfüllen. Und das ist in ihrem Falle: einen Unterstützer bzw. einen passenden Nachfolger ihres Vaters ans Bankhaus zu binden. Der Bonner Kaufmann Johann Ludwig Joseph Mertens, genannt Louis, 16 Jahre älter, scheint dem Vater der Geeignete für einen solchen Tauschhandel. Sibylle wird nach den Gepflogenheiten der Zeit nicht gefragt und zweifelt den Beschluss des verehrten Vaters auch nicht an.

Am 12. Juni 1816 findet die standesamtliche Trauung statt, einen Tag später die kirchliche in St. Maria Himmelfahrt. Beide tragen fortan den Doppelnamen Mertens - Schaaffhausen und machen sich noch am gleichen Tag auf in die Flitterwochen nach Italien.
"Inmitten der Herrlichkeiten Italiens musste Sibylle feststellen, dass sie ihrem so viel älteren Mann intellektuell und an  Kenntnissen in Kunst und Geschichte überlegen war - was ihn nicht scherte... Der Gattin hingegen verging das Lachen bald", so Angela Steidele an dieser Stelle.
Louis teilt keine ihrer Interessen. Was sie gemeinsam haben: Sie sind beide temperamentvoll und willensstark – Annette von Droste-Hülshoff, die spätere Freundin, wird ihre Beziehung eine "wahre Höllenehe" nennen und den Ehemann "en Ochs und en Esel in eine Person und en Elephant dazu". Geführt wird diese Ehe zunächst in der Nachbarschaft zum Vater, im Haus Trankgasse 21, wo sie auch die bedeutendste westdeutsche Bank repräsentieren und zum Beispiel den preußischen König Friedrich Wilhelm III. und seinen Kronprinzen, den österreichischen Kaiser Franz oder den russischen Zaren Alexander empfangen.

Kurz vor dem ersten Hochzeitstag wird Sibylle von ihrem ersten Kind, der Tochter Maria Marghareta Theresia Antonetta, entbunden. Acht Monate später ist Sibylle wieder schwanger. Tochter Maria Theresia Carolina Theodora kommt im November 1818 zur Welt, im Juli 1820 ihr erster Sohn Julius Emanuel Walter Heinrich Ludwig. Dem Vater bringt das die Beförderung zum leitenden Teilhaber des Bankhauses, Sibylle eine erneute Schwangerschaft mit Tochter Maria Elisabeth Jacobina Antonia ( Betty ), die im November 1822 geboren wird. Zwar wird sie unterstützt von Kindermädchen, wickelt und stillt nach damaliger Kölner Sitte die Säuglinge aber selbst.

Johanna Goullet:
Der Zehnthof in Unkel
Die Tuschzeichnung lässt Adele Schopenhauer
ca.1830 für ihren "gütigen Vater" Goethe anfertigen
 
Damit die Kinder nicht nur im muffigen, noch immer mittelalterlichen Köln aufwachsen müssen, kauft man gemeinsam im rechtsrheinischen Unkel den ehemaligen Zehnthof. 42 Kilometer von Köln entfernt, ist das wohl der größte Vorzug des Anwesens, denn so kann der Ehemann abends nicht bei der Familie sein. Stattdessen leistet Sibylle die Freundin Maria Christina Schmitz, Lehrerin an der Mädchenschule der Dompfarre, Gesellschaft und unterrichtet auch die Kinder. Denn auch in Erziehungsfragen ist sich das Elternpaar nie einig. Und die unglückliche Ehe führt dazu, so Sibylle, dass man "hart (wird ) gegen andere, weil man gezwungen ist,  hart gegen sich selbst zu sein."

Als Abraham Schaaffhausen im Januar 1824 stirbt, trauert Sibylle lange. Aber jetzt ist sie auch sehr vermögend: Nicht nur die Häuser in der Trankgasse  gehören zum Immobilienbesitz der Familie ( für Rheinländerinnen vielleicht interessant: auch die Kitschburg in Köln, das Rittergut Morsbroich, Schloss Falkenlust bei Brühl ) sowie der Auerhof in Plittersdorf südlich von Bonn am Rhein gelegen. Diesen letztgenannten Hof tauscht Sibylle ein gegen Teile des Barvermögens, das ihr zugestanden worden ist. Um die Bewirtschaftung der fünfhundert Morgen großen Ländereien rund um den Hof wird sich erst einmal der Ehemann kümmern, denn Sibylle bringt im August erst einmal ihren zweiten Sohn Friedrich Wilhelm Carl Gustav zur Welt. Der Auerhof - Sibylles "Bijoux & Herzblatt"- wird ihr aber in späteren Jahren die Möglichkeit geben, ihrer Neigung zu praktischer Betätigung nachzugehen. Sie wird den Park & Garten gestalten, Obst & Gemüse kultivieren und an Einsatz & Ausdauer ihren Angestellten in nichts nachstehen.

Trotz erneuter Mutterschaft zieht sich die 27jährige nicht zurück, sondern macht sich auch daran, den Auerhof auch zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt des Rheinlands zu machen, indem sie einen Salon initiiert. Neben der gastfreundlichen Atmosphäre wirkt natürlich auch die landschaftlich reizvolle Lage des Gutes direkt gegenüber des Siebengebirges am Rhein anziehend auf die romantischen Gemüter in der Biedermeierzeit. Aber sie bereitet ihren Gästen auch wirklich unvergessliche Abende: hier ein Gespräch über Demokratie, dort Fachsimpeleien über archäologische Ausgrabungen, nebenan Planspiele, wie der Kölner Dom fertig zu bauen ist. Den Höhepunkt bilden dann hinreißende musikalische Darbietungen, zu denen sie berühmte Instrumentalisten & Sängerinnen bittet, um sie in der Gesellschaft bekannt zu machen.

Dabei kommt ihr zugute, dass die neu gegründete preußische Universität in Bonn zahlreiche anerkannte Gelehrte angezogen hat wie z.B. Eduard d'AltonAugust Wilhelm Schlegel ( siehe auch dieser Post ) oder Karl Dietrich von Münchow, die nun bei ihr verkehren neben den langjährigen Kölner Freunden wie Wallraff, Sulpiz Boisserée oder der Düsseldorfer Akademiedirektor Wilhelm Schadow. Auch der Bonner Lehrer Beethovens, Franz Anton Ries, und sein Sohn, der Komponist und Pianist Ferdinand Ries, gehören zu ihren Besuchern und stehen für den zweiten Interessenschwerpunkt der Gastgeberin, der Musik. Mit letzterem spielt sie vierhändig und begleitet am Klavier auch den Auftritt der beiden Primadonnen ihrer Zeit, Angelica Catalani & Henriette Sontag. Schon seit 1821 ist sie an der Organisation der Niederrheinischen Musikfeste beteiligt ( und wird es bis 1842 bleiben ).

Von links nach rechts: Ferdinand Ries, Annette von Droste-Hülshoff, Adele Schopenhauer












Ansonsten bleibt ihr wichtigster Interessenschwerpunkt die Bildung einer antiken Sammlung. Sie ergänzt die in Kindertagen begonnene Münzsammlung um Gemmen, Edel- und Halbedelsteine, römischen Schmuck, alte Alltagsgegenstände und Kleinbronzen. Sie zählt stets zu den ersten, die an zufällig gefundenen antiken Stätten - die Archäologie steckt noch in den Kinderschuhen - die Funde in Augenschein nimmt und oft aufkauft. Auch lebt sie - wie es Wallraff mit ihr schon als kleines Mädchen praktiziert hat - antikes Leben nach und lädt zum Beispiel zum römischen Diskurswurf oder zum griechischen Kottabos in ihren Garten ein.

1825 lernt Sibylle Annette von Droste-Hülshoff kennen, die ihrer Tante Betty von Haxhausen in Köln Gesellschaft leisten soll ( die ist Patin von Sibylles Tochter Betty ). Es ist anzunehmen, dass da zwei ihre Brillen zücken müssen, um sich überhaupt erkennen zu können, denn beide jungen Frauen sind kurzsichtig. Doch herrscht in dieser Zeit der Zwang, in der Öffentlichkeit glamourös aufzutreten, und das bedeutet für Frauen immer ohne Brille, was Sibylle ein stetes Ärgernis ist, denn sie mag nichts weniger ,,als das Gewirre eines überfüllten Salons, wenn ich keine Brille auf meine lange Nase setzen darf". Die Droste muss noch mehr unter solchen Konventionen leiden, denn sie ist mit -13 Dioptrien ohne Lorgnette so gut wie blind.

Sie fühlen sich sofort in geistiger Hinsicht voneinander angezogen, und Sibylle wird durch die Späßen nicht abgeneigte Annette sehr aufgeheitert in ihrer "Ehehölle". Auch sonst haben sie vieles gemeinsam: Beide komponieren und musizieren gerne zusammen ( wobei nach Sibylles Ansicht Annette besser singt als die Catalani ), beide lieben die Natur, beide sind Sammlerinnen, beide teilen parapsychologische Erfahrungen - die Spökenkiekerei wird in der Schriftstellerei der Droste später zur  Bebilderung seelischer Abgründe eine Rolle spielen. Und beide erfahren die Ablehnung, die Frauen entgegenschlägt, die sich gründlich mit geistigen Dingen befassen:

" Zu männlich ist dein Geist strebt viel zu hoch
Hinauf wo dir kein Weiberauge folgt"

lässt Annette ihre Titelheldin im Trauerspiel  "Bertha oder die Alpen" zu Ohr kommen... Sibylle gibt ihrer Freundin die Möglichkeit, ihre Gedichte in ihrem Salon vorzutragen- erfolgreich! - und bringt damit die heranreifende Dichterin einen wichtigen Schritt weiter.

Im Februar 1826 stürzen sich die beiden Frauen auch gemeinsam in den Kölner Karneval, eine Herzensangelegenheit für die echte Kölnerin, hat sich doch gerade drei Jahre zuvor unter dem Freund Matthias Josef de Noël das erste Festkomitee begründet und begonnen, einen Rosenmontagszug zu organisieren. Sibylle unterstützt die Wiederbelebung des kölschen Fasteleer mit Leidenschaft und agiert als "Marie Zibill" bei den das Preußentum parodierenden Possen mit und publiziert ihre Späße in der "Offiziellen Carnevals-Zeitung". "Es geht mir hier übrigens sehr gut, Cöln ist im Winter äußerst angenehm", schreibt  die Droste nach Hause.

Ball  des Parfümeurs Farina im  Kölner Gürzenich
Source


Aber wie das hier in Köln nach dem Karneval ist: Hinterher ist man krank. Annette eilt an Sibylles Krankenbett und pflegt sie, statt der Tante Gesellschaft zu leisten. "Ich habe mich unbeschreiblich schwer von Cöln getrennt", schreibt sie, nachdem sie nach Hause zurückbeordert worden ist, und dass sie sich zurückhalten musste, um nicht den ganzen Tag auf der Rückfahrt nach diesem intensiven halben Jahr zu weinen. Die Freundschaft mit Sibylle hat sie inspiriert & rundum glücklich gemacht.

Mitte September 1827 bringt Sibylle ihre letzte Tochter, Augusta Henrietta Ludovica, zur Welt. Da weilt in Köln schon Adele Schopenhauer ( siehe auch dieser Post ), ausgestattet mit einer Empfehlung an "F. von Mertens" und deren Salon. Doch erst im Januar 1828 taucht sie zum ersten Mal dort auf. "Zu erzählen wäre viel", schreibt sie an die Freundin Ottilie von Goethe in Weimar nach der ersten Begegnung.

Adele ist so anders als die blassen Bonner Professorengattinnen, die einzige wichtige Freundin Annette so fern. Nicht verwunderlich also, dass Sibylle schnell anbeißt, denn es gibt viele Anzeichen für eine einzigartige Beziehung. Als sie im Frühjahr mit ihrer Kinderschar auf den Auerhof ziehen will, lädt sie denn auch Adele ein, zu ihnen zu stoßen.

Diese mietet sich in einer benachbarten Pension ein, verbringt den ganzen Tag mit Sibylle arbeitend im Garten oder sich gemeinsam um die Kinder im Alter von einem halben bis zu zehn Jahren kümmernd. Den ungeliebten Ehemann halten die Bankgeschäfte in Köln fest. Als Adele erkrankt, stellt sich Sibylle in die Küche, um das Richtige für sie zuzubereiten und lässt alles stehen und liegen, wenn Adele sie braucht. Sie sei in ihrem Leben noch nie so geliebt worden, schreibt letztere. Schon im Sommer desselben Jahres vergleicht Adele sich und Sibylle mit "ein Paar Leuten die sich spät finden und dann einander heirathen. Stürbe sie, so spräng ich jetzt in den Rhein, denn ich könnte nicht ohne sie bestehen."

Adele verdanken wir eine weitere Charakterzeichnung Sibylles:
"Sie ist so gut, so wohltätig, so himmlisch mitleidig... Sie hat die Gabe des Auffassens, des leisen Verstehens, die Zartheit der feinsten Erziehung, u. die höhere des allerreinsten Gefühls." Aber auch: "Ihre Fehler sind Stolz, Eigensinn, Heftigkeit - mitunter Launen, deren sie nur theilweiß Herr ist. Ein zweiter Fehler ist Nichtbeachten einzelner kleiner Gesellschafts formen, u ein oft zu sehr hervortretendes Ungewöhnlichseyn des Geistes."

Diese differenzierte Blick aufeinander macht die Qualität dieser Beziehung aus, die Adele von ihrer tiefen Depression und ihrer unbefriedigenden Beziehung zu Ottilie von Goethe befreit. Sibylle möchte die Freundin am liebsten Tag & Nacht um sich haben und bittet Adele schließlich, ganz bei ihr auf dem Auerhof zu bleiben. Das ist es, was sich Adele insgeheim wünscht, aber da ist noch ihre Mutter Johanna in Weimar. Und so macht sie sich auf, um diese von einem Umzug an den Rhein zu überzeugen.

Sibylle, die "Märtens", weiß sehr wohl, was auf dem Spiel steht, wenn sie die Mutter nicht für sich einnehmen kann und lässt ihren ganzen Charme spielen, als Johanna Schopenhauer in Godesberg eintrifft - und tatsächlich bleibt. Nach einem halben Jahr treibt die Reiseschriftstellerin allerdings ihr "Gewerbe", wieder in die Welt hinaus, die Tochter muss selbstverständlich mit. Unterdessen macht sich Sibylle auf die  Suche nach einer Wohnung für die beiden Frauen. Als ihr klar ist, dass es auch eine Geldfrage ist, denn der Wohlstand der Schopenhauers geht zur Neige, verfällt sie auf die Idee, den Unkeler Zehnthof als Quartier anzubieten. 

Anfang Mai 1829 kehrt Adele alleine an den Rhein zurück, um das künftige Domizil einzurichten. Und Sibylle, die Praktikerin, bringt all ihre Fähigkeiten ein, damit bei der Ankunft der anspruchsvollen Johanna ein komfortables Zuhause zur Verfügung steht. "Die Bodenständigkeit ihrer Beziehung zu Sibylle... bewährte sich nun in ihrer verlässlichen Alltagstauglichkeit", so Angela Steidele. Im August zieht auch Sibylle mit ihrer kleinsten Tochter, der zweijährigen Auguste, zu den Schopenhauerinnen auf den Zehnthof. Die gesundheitlich Angeschlagene lässt sich dort von der Freundin aufpäppeln. Fast zwei Monate bleibt sie fern der übrigen Kinderschar und dem Gatten, der wohl richtig deutet, was ihm das zu sagen hat. Bei Sibylles Rückkehr an den heimischen Herd wird dann auch der Ehekrieg aufs Neue aufgenommen. Sibylle ist aber nicht eine, die sich anpasst, "knien (ist) nicht eben mein Forte."

1833/34
Im Herbst des Jahres bittet Adele die Freundin, sich scheiden zu lassen. Doch für eine Beziehung wie die ihre gibt es es kein legales, kein gesellschaftlich anerkanntes Arrangement. Für Frauen ist eine Scheidung nach dem im Rheinland wirksamen Code Napoléon nicht möglich, es sei denn der Ehemann lässt seine Geliebte im ehelichen Haushalt wohnen. Er kann sich bei Untreue scheiden lassen, aber die Liebe zu einer Frau ist nach damaligem Verständnis kein Ehebruch, da nicht existent, denn die beiden Frauen leben noch in der Ära der gesellschaftlich akzeptierten "romantischen Freundschaft" zwischen Frauen. "Im unverdorbenen Weibe äußert sich kein Geschlechtstrieb", so Johann Gottlieb Fichte 1796. Und was es nicht gibt, existiert auch nicht.

"Ich kann über all meine Empfindungen in dieser Beziehung gegen Niemanden sprechen; denn wer würde mich begreifen? Ist es mir selbst doch mitunter wie ein Räthsel, zu dem meinem Verstande jeder Schlüssel fehlet, und dessen Lösung nur mein Herz denkt", wird Sibylle Jahre später in ihr Tagebuch über ihre Liebe zu Frauen schreiben.

Die Moderne und ihre anders geartete Vorstellung von der Liebe zwischen Frauen wird sich erst mit der Erfindung des Kunstworts "Homosexualität" 1869 ankündigen ... 

Zum Jahresbeginn 1830 entlässt Sibylles Stiefmutter Louis Mertens als Bankdirektor, da er in ihren Augen mit dieser Aufgabe überfordert sei. Ab da kümmert er sich um die Ländereien rund um den Auerhof sowie zwei Weingüter auf der anderen Rheinseite und wird Unternehmer in Andernach, wo er Schuhsohlen in einer Gerberei produzieren lässt. Der Lebensmittelpunkt der Familie verlagert sich nun aus Köln in das Residenzstädtchen Bonn, wo sich das Ehepaar eine neue Stadtvilla in der außerhalb des alten Stadtkerns gelegenen Wilhelmstraße bauen lässt, das auch genug Ausstellungsfläche für Sibylles (Antiken-) Sammlungen bieten soll. Zu diesem Zeitpunkt hat sie sich bereits einen guten Ruf als Archäologin erworben. Die beiden Frauen sehen sich aus diesen Gründen seltener, und auch das Schreiben von Billetten wird "durch den mir höchst widerwärtigen Mann gehemmt", so Adele.

In diese angespannte Situation kommt im September des Jahres die Droste auf einen dritten Besuch ins Rheinland, mit dem festen Wunsch, sich dort von den hinter ihr liegenden Schicksalsschlägen zu erholen. Wohnen tut sie bei ihrem Onkel, einem Kirchenrechtler der Bonner Universität. Die junge Dichterin bringt frischen Wind in den Freundinnenkreis, indem sie sich ins Kulturleben stürzt - so macht sie Sibylle mit der blutjungen Bonnerin Johanna Mockel bekannt ( die als die Pianistin, Komponistin, Musikpädagogin unter dem Ehenamen Johanna Kinkel populär werden wird - siehe auch dieser Post ) -, fertigt für Johanna Schopenhauer eine Beschreibung der Kirche St. Columba, die diese fast wortwörtlich in eine ihrer Novellen einfügt, lässt sich aber auch von Sibylle zu einem eigenen Text anregen über eine "kluge, rasche, tüchtige Hausregentin", die Hosen trägt und "Blut wie ihre Reben" hat, also sehr heftig reagieren kann. 

Das bekommen auch Sibylles Kinder zu spüren, die Annette schon mal vor der Strenge der Mutter bewahrt. Die beiden Ältesten Sibylles sind inzwischen schon in einem Pensionat für höhere Töchter und entwickeln ihre musikalischen Anlagen - Marie wird Pianistin, Therese Sängerin werden. Die übrigen Kinder werden von der Mutter, gelegentlich auch von Adele, unterrichtet. Unbotmäßiges wird, ganz nach Gepflogenheit jener Zeit, hart bestraft, auch körperlich. Doch die größten Schwierigkeiten bereitet den Kindern wohl die Ambivalenz ihrer Mutter, die in ihnen eben immer die Kinder des ungeliebten Ehemannes sieht. Zu groß ist Sibylles innere Unzufriedenheit über die ihr aufgezwungene Rolle als Ehefrau und Mutter. Es scheint sie regelrecht aufzufressen, wie die Freundin Annette meint.

Als Sibylle sich Ende Januar 1831 eine Gehirnerschütterung zuzieht, und Adele selbst viel krank ist, springt die Droste ein, übernimmt die wochenlange Pflege, und zwar so intensiv, dass sie fast alle ihre abonnierten Theater- & Konzertabende, die Ballsaison und gar den kölschen Karneval sausen lassen muss. Adele kann nur wenig Einsatz zeigen, doch es missfällt ihr, dass die Beziehung zwischen Sibylle & Annette dadurch so eng geworden ist. 

Völlig in Panik gerät sie, nachdem Sibylle die Droste für den desaströsen Rheinlandaufenthalt entschädigen will und sie zu einer gemeinsamen Reise an den Genfer See einlädt. Hinzu kommt, dass der Ehemann Annette nicht als Bedrohung empfindet, wie es bei Adele der Fall ist. Die tobt nun vor Eifersucht, allerdings nur in den Briefen an Ottilie nach Weimar. Da kommt Adele das mütterliche Machtwort, mit dem Therese von Droste - Hülshoff ihrer Tochter die Reise untersagt, wie ein Geschenk des Himmels vor. Weil weder Johanna noch Louis einer Reise mit Adele als Begleitung zugestimmt hätten, muss Sibylle ihr Vorhaben ganz aufgeben.

Die Wilhelmstraße in Bonn

Die Beziehung der beiden Frauen hat ab da einen Knacks, obwohl sich Sibylle immer wieder bemüht und die Freundin, in der Herbst-Wintersaison in Bonn lebend, von der Bonner Baustelle aus täglich besucht. Adele fühlt sich "nicht mehr bei Sibylle geborgen und resignierte angesichts der Aussichtslosigkeit ihrer Beziehung", so sieht es Angela Steidele.

1832 bezieht Sibylle Mertens-Schaaffhausen dann bereits ihre halbfertige große Villa in Bonn, und Ehemann Louis unterbindet ihre Übernachtungen in Unkel bei Adele. Schließlich kommt auch Johanna zu dem Schluss, dass ihr das Landleben dort sowieso nicht behagt, und die Schopenhauer-Damen ziehen um in eine Wohnung  in der  Bonner Wenzelgasse, die jetzt ihr Ganzjahreswohnsitz wird.

Weitere Komplikationen in diese romantisch-erotische Frauenbeziehung bringt ein Flirt Adeles mit Sibylles Arzt, der Besuch der von dieser lange begehrten Ottilie von Goethe mitsamt Familie in Bonn und schließlich & endlich das Eintreffen der schottischen Erfolgsschriftstellerin und frauenliebenden Frühfeministin Anna Jameson, die 1833 auf der Suche nach Stoff für ein neues Buch Deutschland bereist und in Weimar Ottilie kennengelernt und sich in sie verliebt hat. Anna ist dieser nach Frankfurt gefolgt und kommt auf Ottilies Empfehlung hin jetzt auch nach Bonn zu Sibylle & Adele. In Adele bewundert sie die gebildetste Frau, die ihr je begegnet ist, und Sibylle nennt sie "a rare creature".

Da Anna in ihrem Buch auch zum Rheinland schreiben will, gibt Sibylle die kompetente Stadtführerin in Köln und Umgebung. Und schon nach drei Wochen zieht Anna Jameson von ihrer Pension zu Sibylle ins Stadthaus, welches diese ungestört von ihrem Gatten noch weiter einrichtet. Im August reist Anna wieder zu Ottilie nach Weimar, um im November nach Bonn zurückzukommen. "Was bei diesem Wiedersehen zwischen ihr und Sibylle geschah, lässt sich aus Adeles rasender Eifersucht erahnen", meint Angela Steidele.  Sie ist auf jeden Fall enttäuscht, weil Sibylle so wenig treu ist.

Anna Jameson (o.J.), Ottilie von Goethe (1820)

Im Juli 1834 kommt Anna erneut nach Bonn, trifft dort allerdings nur Adele an, weil Sibylle in Frankfurt weilt, um dort Ottilie von Goethe in Kalamitäten beizustehen. Die 37jährige, verwitwete Goethe-Schwiegertochter ist nämlich schwanger. Da sitzt die Frau mit dem berühmtesten Namen Deutschlands ganz schön in der Patsche! 

Sibylle, die  Ottilie  ob ihrer Verachtung gesellschaftlicher Konventionen bewundert, bildet alsbald mit der eintreffenden Anna Jameson eine Verschwörerzelle,  die das weitere Vorgehen  plant und finanziell absichert, damit Ottilie den drohenden Peinlichkeiten entkommen kann. Ottilie kehrt dann vorübergehend nach Weimar heim.

Sibylle aber verbringt noch einige Zeit mit Anna in Frankfurt. Ein von Anna Jameson in diesen Tagen gezeichnetes erotisches Porträt von Sibylle lässt kaum eine Frage offen, ebenso die Tatsache, dass die Kölnerin der Schriftstellerin einen Ring schenkt, den diese noch viele Jahre tragen wird. Adele fängt derweil in Bonn eine Liebelei mit dem jungen Juristen Martius an. "Die Mertens wird wüthend seyn, und ich werde mich nicht darum kehren." Die Hoffnung, durch eine eheliche Beziehung der Abhängigkeit von Johanna zu entkommen, zerschlägt sich aber aufgrund von Stadtklatsch und seinen Folgen.

Zu Hause in Bonn, in ihrem inzwischen mit viel Liebe, Arbeit und Kunstverstand gestalteten Haus, bestückt wie ein Museum durch ihre wertvollen Sammlungen, geht es der mittlerweile 37jährigen Sibylle gesundheitlich nicht gut, was immer noch auf ihren Sturz zurückgeführt wird. Ein langer Aufenthalt im warmen Süden wird schließlich als einzige Therapie angesehen. Sibylle wehrt sich standhaft gegen einen solchen Kuraufenthalt, bis schließlich ihr Ehemann ein Machtwort spricht. Da es ihr immer gut getan hat, von ihm getrennt zu sein, macht sie sich schließlich doch mit ihren zwei jüngsten Kindern und der 18jährigen Marie auf nach Genua. 

Am 4. Juli 1835 trifft die Reisegesellschaft nach allerlei Unannehmlichkeiten an den vielen Grenzen dort ein, bezieht eine großzügige Wohnung mit Blick auf Hafen, Meer und die Stadt. Während sie in ihren Briefen an Adele einen geregelten Kuraufenthalt beschreibt, nutzt Sibylle ihre Empfehlungsschreiben und verbringt interessante Abende bis zum Morgengrauen in der genuesischen Aristokratie. Die bedeutendste neue Bekanntschaft Sibylles ist Laurina Spinola, die Tochter ihres wichtigsten Genueser Freundes, des Poeten Gian Carlo di Negro.

Die beiden Frauen teilen in vielerlei Hinsicht ein ähnliches Schicksal: Laurina ist ohne Mutter aufgewachsen, mit siebzehn an einen ungeliebten Mann, Agostino Spinola, verheiratet worden, mit dem sie drei Söhne und der sie schon nach sechs Jahren Ehe zur Witwe gemacht hat. Nun unabhängig, ist sie im Untergrund politisch tätig, denn sie ist eine Freundin des Guiseppe Mazzini, des italienischen Freiheitskämpfers, und steht daher unter geheimer Beobachtung. Doch als Angehörige der städtischen Hocharistokratie genießt sie auch einen gewissen Schutz. Dennoch ist Laurina vor dem ersten Treffen unsicher, sieht sie sich doch als "einfaches edles Wesen", und die Kölnerin wird ihr als besonders geistreich beschriebent.

Laurina Spinola
Sibylle besucht die neue Bekannte ziemlich bald in ihrem Palazzo unterhalb der Villetta ihres Vaters, einer zwei Hektar grünen Oase mitten im Stadtzentrum. Und dort, in Laurinas kühlem, mit Fensterläden verschlossenen Schlafzimmer, erkennt sie in der Antwort der Italienerin auf die Frage, ob sie noch einmal heiraten wolle, die Zwillingsseele: "Ich liebe zu sehr die Freiheit und meine Kinder, um das eine wie das andre aufs Spiel zu setzen, indem ich mich ein zweites Mal verheirate!"

Doch schon bald nach diesem Treffen gerät Sibylle in die Wirren einer Cholera - Epidemie, die sich der Stadt von Südfrankreich aus nähert. Die neue Freundin verzieht sich mit ihren Söhnen in ihr Landhaus, Sibylle folgt ihr zunächst mit ihrem Sohn und lässt die beiden Mädchen bei anderen Freunden, kehrt aber nach einer Woche in die Stadt zurück. Da hallen in den leeren Straßen schon die Schritte der zahlreichen Leichenträger. Dem Kölner Freund de Noël berichtet sie in einem Brief von 2137 Kranken und 818 Toten. Alle übrigen Briefadressaten lässt sie darüber im Unklaren, auch Adele. 

Sie selbst bleibt in der Stadt, hält sie die Krankheit doch für nicht ansteckend, und unterstützt ihren Arzt, Dr. Solari, um Krankenhäuser zu improvisieren und um vor allem die von allen verlassenen Kinder zusammen mit dessen Bruder, einem Advokaten, zu versorgen. Das Pflegegeld für siebzig Waisen bezahlt sie aus ihrer eigenen Tasche. ( Das inspiriert sie dann auch zu einem Plan, wie das inzwischen in Wien geborene Kind der Freundin Ottilie in Genua in Pflege gebracht werden könne - Ottilie reagiert auf das Angebot aber nicht. )

Schließlich erkrankt Sibylle doch, wenn auch leicht, an der Cholera. Ihr Mitstreiter, der Advokat Solari, übernimmt ihre Pflege, stirbt aber selbst nach sechs Tagen, während Sibylle sich wieder erholt. Zum Glück sind ihre Kinder auf dem Land sicher untergebracht. Am Ende hat die Epidemie vier- bis fünftausend Einwohner der Stadt das Leben gekostet. Sibylle aber wird vom König von Sardinien - Piemont mit einer Münze für ihre Verdienste um die Waisen geehrt.

Ab November des Jahres 1835 beginnen Laurina und Sibylle ihre ganze Tageszeit miteinander zu verbringen, gemeinsam Spanisch zu lernen, Altertümer zu besichtigen, Bücher zu lesen. "Kein Mensch auf dieser Erde hat mich mehr geliebt, wie diese Laurine, und keiner hat mich so verstanden; Keiner!- Auch Adele nicht", wird Sibylle gegenüber Ottilie verlautbaren. Vor allem bewundert sie auch die republikanische Gesinnung der Freundin. Man kann davon ausgehen, dass Sibylle auch Guiseppe Mazzini finanziell unterstützt (  später in Rom wird sie unter seinem speziellen Schutz stehen ).

Die Atmosphäre in der ligurischen Stadt, die große Distanz zu Heimat und Ehemann, lässt die inzwischen fast Vierzigjährige auch erotisch aufleben, fühlt sich von weiblicher Schönheit immer wieder angezogen, schwelgt im Gleichklang mit Laurina und genießt ihre Freiheit und weiß dennoch, dass sie eine Utopie lebt, denn der Aufenthalt soll ja auf ein halbes Jahr befristet bleiben.


Sibilla-Mertens-Straße in Genua
Im April 1836 ist der unwillige Ton des Ehemannes in seinen Briefen nicht mehr zu ignorieren: Mitte Juni heißt  es Abschiednehmen. Laurina schenkt Sibylle ein Medaillon mit ihren schwarzen Haaren, diese ihr wiederum einen Ring. In der Nacht zum 13. Juni finden sich fünfzehn ihrer wichtigsten Freunde ein, um die Kutsche auf den ersten Metern lauthals zu begleiten. Alle vier Mertens weinen.

Doch schon in Turin kommen Sibylle ihre übrigen Kinder und Adele wieder in den Sinn, der sie zuletzt gar fast keine Briefe mehr geschrieben hat. Der einzige, überhaupt von Sibylle an Adele erhaltene Liebesbrief stammt allerdings vom 8. März 1838, in dem sie ihr mehrmals ihre Liebe erklärt ( während sie mit Laurina den Himmel auf Erden erlebt ). Laurina ist "eine Auszeit", ein "flüchtiger Traum", wie Angela Steidele meint, Adele hingegen "Heimat, Normalität und Alltag". Die Beziehung bleibt schwierig. Auch die zur Droste; dafür nähern sich Adele & Annette einander an, denn erstere ist eine von Goethe geschulte gute, belesene und erfahrene Kritikerin, deren Hinweise die Dichterin gerne annimmt.

Sibylle dagegen ist wieder mit ihrem Ehekrieg beschäftigt und findet die Gesellschaft ihres Mannes immer unerträglicher. Um dieser Misere zu entkommen, stürzt sie sich in gesellschaftliche Aktivitäten und macht ihr neues Stadthaus zu einem neuen geistig - musikalischen Mittelpunkt der Stadt Bonn. Adele fühlt sich ausgeschlossen, da sie zum einen finanziell nicht in der Lage ist, an all den rauschenden Festen im Rheinstädtchen teilzunehmen, zum anderen daran aber auch von ihrer alternden, kränklichen Mutter gehindert wird. Im Frühjahr 1837 beginnt sie den schopenhauerschen Haushalt aufzulösen und kehrt mit der Mutter nach Thüringen zurück. Sibylle verlässt sie ohne Bedauern.

Die kann nur brieflich mit ihrer großen Liebe in Genua in Kontakt bleiben. Doch schon bald erkrankt Laurina ernsthaft, ist ab 1837 bettlägrig und stirbt ein Jahr später im März. Als sie zehn Tage später davon erfährt, weint Sibylle tagelang. "Das Andenken an dich sei mir ein Schutz gegen mich selbsten", schreibt sie zu ihren Suizidgedanken. Schließlich bewältigt sie ihre Krise durch schriftliche Reflexionen über die Frauenliebe und gibt bis heute damit einen authentischen Einblick in dieselbe im frühen 19. Jahrhundert. 

Auf Dauer wird Sibylle durch  ihr wissenschaftliches, gesellschaftliches, kulturelles und mäzenatisches Tun stabilisiert und sie befindet sich auf einem Höhepunkt ihres Lebens, denn im Rheinland geht nichts ohne die "Rheingräfin", wie sie Wilhelm Wach tituliert. Sie verfügt einfach über die materiellen wie intellektuellen Möglichkeiten, die Begabungen und Interessen, um sich gestaltend einzubringen. "Kaum wird in jener Zeit irgendeine auf dem Gebiet der Kunst oder Wissenschaft bedeutende Persönlichkeit oder überhaupt ein ausgezeichneter Fremder Bonn besucht haben, der die Gelegenheit unbenutzt gelassen hätte bei ihr eingeführt zu werden", wird es später in einem Nachruf auf sie heißen.

Röm. Gemmen aus der Sammlung Mertens-Schaaffhausen

Für das Niederrheinische Musikfest wandelt sie ihr Haus in einen Kammermusiksaal. Sie forscht in ihrem eigenen Museum und leitet den jungen Ernst aus'm Weerth an, der später der erste Direktor des Rheinischen Landesmuseums werden wird, baut die bedeutendste private Gemmensammlung des 19. Jahrhunderts auf ( insgesamt 1876 Stück ) und bearbeitet sie systematisch. Sie fährt zu Ausgrabungen, taxiert  und ordnet Funde zu, rettet sie und wird Mitbegründerin des "Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinland". Den Weiterbau des Kölner Domes, in dessen Schatten sie aufgewachsen ist, fördert sie durch private Mittel, aber auch indem sie in ihrem großen Bekanntenkreis Gelder bei jeder Gelegenheit sammelt. Sie ist mit dem Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner an der Erstellung einer Liste der Denkmalpflege beteiligt und löst mit diplomatischem Geschick eine verzwickte Situation um den eingestürzten Rolandsbogen, einem elementaren Bestandteil der Rheinromantik jener Tage.

Rolandsbogen um 1837

Auch der Kontakt zu Adele kommt wieder zustande, als diese im März 1840 für acht Wochen in Bonn weilt. Die weiteren Entwicklungen in ihrem Leben seit dem Tod Johanna Schopenhauers haben auch einen Wandel in Adeles Empfindungen gegenüber Sibylle bewirkt. Ein Bonner Arzt diagnostiziert bei dieser Gelegenheit bei Adele eine Drüsenerkrankung.

Auch Sibylle muss sich eingestehen, dass sie sich inmitten ihres lebhaften Salons immer einsamer & allein fühlt. Als ihre Ehemann auch noch erkrankt, ist ihr klar, was ihr blüht: "... aber es wird Pflicht sein, nein, es ist Pflicht, ihm dieses Leiden zu  erleichtern, ihn zu erheitern, ihn nicht nur zu pflegen, sondern so zu pflegen, als liebte ich ihn." Als die Droste sie im August 1842 besucht, wirkt Sibylle sehr kühl. Die Dichterin wird die Entfremdung in einem Gedicht verarbeiten.

Am 10. August 1842 ist dann Louis Mertens schon tot, gestorben in Andernach, wo er mit seinem Schwiegersohn eine Fabrik betrieben hat. Dort wird er auch bestattet, und bald danach schreibt seine Witwe an Adele, dass sie bitte kommen möge. Die Freundin sieht die Chance auf ein neues Leben für und mit der "Märtens", kennt aber auch die Kinder Sibylles zu gut, als das sie sich Illusionen über sich anbahnende Konflikte macht. Bis auf den jüngeren Sohn haben alle Kinder mehr am Vater als an der Mutter gehangen. Die ältesten Töchter haben inzwischen Ehemänner, die sich in alle Familienangelegenheiten einmischen. Für die minderjährigen Kinder wird ein alter Freund & Trauzeuge Sibylles als Vormund bestellt, der ihr aber nicht die Sorgen um die beiden Söhne abnehmen kann: Julius, saturiert und an wenig interessiert, Gustav, Sibylles Liebling, ein Spieler, für dessen Schulden sie immer wieder aufkommen muss. Adele, die um all dies weiß, findet in der Kur in Karlsbad keine Ruhe und ist dann doch Mitte November am Rhein.

Sie leben wieder, wie vor vierzehn Jahren, zusammen auf dem Auerhof und gewinnen alsbald die alte Vertrautheit zurück. Sibylle unterstützt Adele bei ihren literarischen Arbeiten und umgekehrt diese Sibylle bei der Regelung  des Nachlasses ihres Mannes, die sie hofft, nach einem halben Jahr abgewickelt zu haben, damit sie beide nach Genua reisen können - für Adele ein Traum. Die  kleinstädtische Bonner Gesellschaft kommt immer weniger mit der selbstbewussten Sibylle und ihrem Anderssein zurecht und hackt vielfältigst auf ihr herum. 

Doch Adele wird nach einem Vierteljahr von ihrem Arzt wieder nach Karlsbad geschickt, bis Frankfurt von Sibylle begleitet. Diese macht sich anschließend daran, ihre "desolate Beziehung" zu Annette von Droste - Hülshoff zu verbessern - mit nur kurzzeitigem Erfolg! "... was die so zärtlich wiederbelebte Freundschaft endgültig zerschellen ließ", so Angela Steidele, lässt sich nicht nachvollziehen, denn alle Briefe hat die Droste verbrannt.

Zu Hause machen Sibylles Kinder, vor allem der bigotte Schwiegersohn Franz Karl Haßlacher, Landrat im Kreis Aachen, ihr das Leben in puncto Erbe schwer, denn es gibt kein Testament und die Vermögensverhältnisse sind aufgrund ihrer Struktur sehr unübersichtlich. Es entsteht immer wieder der Eindruck, die Nachkommen wollen sich an Sibylle für ihren unabhängigen Lebenswandel und ihre "exzentrischen Freundschaften" rächen. In endlosen Prozessen werden sie ab da um das Erbe streiten. Doch erst einmal erreicht die "Rheingräfin" einen Burgfrieden, indem sie auf ein Viertel ihrer Einnahmen aus Pacht & Unternehmen verzichtet und jedem Kind als Vorgriff aufs Erbe zehntausend Taler auszahlt. So kann sie sich mit der 16jährigen Auguste im September 1843 nach Italien aufmachen, im Gepäck ein eigenhändig erstellter archäologischer Reiseführer. Adele soll nach dem Ende ihrer Kur folgen.

In Genua trauert sie noch einmal intensiv um die verlorene Geliebte, stürzt sich aber auch ins Gesellschaftsleben, lässt sich von einem Experten aus Pisa von ihrem Hämorrhoidalleiden befreien und genießt Sonne & Meer, letzteres mit Hilfe einer Assistentin, da sie nicht schwimmen kann. Adeles Kur ist weniger erfolgreich und sie wird für reiseunfähig erklärt. Erst im Herbst 1844 wird sie nun nach Genua kommen.

Spanische Treppe
Obwohl mit dieser Reise ein Lebenstraum Adeles in Erfüllung geht, gestaltet sich das Zusammensein in Italien nicht reibungslos. Zwar kann sie plötzlich das Interesse Sibylles an antiker Kunst nachvollziehen, lehnt aber deren frivolen Lebensstil ab. Nach drei Wochen geht es weiter über Pisa und Florenz nach Rom, Auguste bleibt in einem Pensionat zurück. Sibylles Großzügigkeit, mit der sie die Freundin doch nur verwöhnen möchte, stürzt Adele in Verlegenheit. 

Erst der gemeinsame römische Hausstand in einer Wohnung in der Nähe der Spanischen Treppe ermöglicht dem Paar die glücklichsten anderthalb Jahre in beider Leben. Während Sibylle archäologischen Abenteuern nachgeht, widmet sich Adele eher journalistisch der Kunst. Der Beziehung tut gut, dass die beiden Frauen ab 1845/46 getrennte Wohnungen beziehen, denn Adele braucht das Gefühl von Unabhängigkeit. Auch Ottilie von Goethe stößt zu ihnen und wirkt mit, den Salon der beiden Freundinnen zu einem glanzvollen Mittelpunkt der römischen Gesellschaft zu machen. Eine liberale Insel, basierend auf den Idealen der Aufklärung und des Vormärz - das zeichnet diesen Salon vor allen anderen in der Stadt aus. Der römische Korrespondent der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" bemerkt, dass dieser Salon einzigartig ist in seiner Gleichrangigkeit der Geschlechter auf geistigem Gebiet.

Sibylle muss das alles - vorübergehend, wie sie meint - im Juli 1846 zurücklassen, weil ihre Kinder sie auf Auszahlung ihres Erbes verklagt haben. Vor allem den Schwiegersöhnen - auch Friedrich Heimsoeth mischt sich nun ein - behagt der aufwändige Lebensstil in Rom nicht. Vor Gericht setzen sie durch, dass der gesamte Mertens'sche Besitz bis zur Blumenvase aufgeteilt & verkauft wird. Im Dezember muss sie sich ein eigenes Zuhause ersteigern. Adele stößt im April im Jahr darauf in Bonn zu ihr, um sie in den Streitigkeiten zu unterstützen. Selbst Sibylles persönliche Sammlungen und ihre Bibliothek kommen unter den Hammer. Sie muss sie anschließend wieder zurück ersteigern.

Es ist ein Drama, dass sich da abspielt zwischen einer Mutter, die ihre Kinder von einem ungeliebten Mann bekommen hat, und eben diesem Nachwuchs, der ihr nie wirklich nahe gewesen ist. Die Jüngste richtet ihre Mutter explizit, weil die Frauen liebt und deren Gesellschaft der ihren vorgezogen hat - es wird also ordentlich heimgezahlt! Den Verlust des geliebten Auerhofes wird Sibylle ihren Kindern nie verzeihen. Die Schwiegersöhne setzen noch einen drauf und erreichen, dass bis zur endgültigen Klärung Sibylle nicht einmal über ihren Anteil am Erbe verfügen darf, sondern der einem Vormundschaftsgericht unterstellt ist.

Adele, im Oktober alleine nach Italien gereist, erleidet im Januar 1848 einen weiteren Schub ihres Krebsleiden, ist zeitweilig in beiden Beinen gelähmt, als in Italien wie im übrigen Europa revolutionäre Aufstände auflodern. Erst am 18. Mai kann sie bei der Freundin an die Tür von deren neuem Domizil klopfen. Sibylle hilft der Freundin zwar wieder auf die Beine, so dass sie heimlich eine endgültige Übersiedlung nach Rom planen können. Doch nach weiteren politischen Unruhen in Deutschland und weiteren Streitereien ums Geld in der Familie gibt es neue Probleme, als Sibylle Adele helfen will, ihre Finanzen auch gegenüber dem störrischen Bruder Arthur Schopenhauer zu ordnen. Politische Entwicklungen in Italien bzw. dem Kirchenstaat machen anschließend den beiden Frauen einen Strich durch die Rechnung. Erst einmal kehrt nur Sibylle in die ewige Stadt zurück, um nach dem Rechten in ihrer Wohnung zu sehen. Sie lässt sich aber alsbald vom revolutionären Treiben fesseln und beteiligt sich als anerkannte Altertumswissenschaftlerin an der Sichtung neuer Ausgrabungsfunde, bis sie aus Deutschland neue Hiobsbotschaften  erreichen.

Grab der Adele Schopenhauer
Ein neuer Prozess ist von ihren Nachkommen angezettelt worden, aber vor allem schreitet Adeles Krebserkrankung weiter fort. Sibylle muss eine furchtbare, lange Reise durch das von Unruhen gebeutelte Europa antreten, um Adele schließlich und endlich in erbärmlichen Zustand in Weimar anzutreffen. Es gelingt ihr noch, die todkranke Freundin nach Bonn zu bringen. Sibylle ist sich mit  ihrem Bonner Arzt einig, dass man ihr nur noch das Sterben erleichtern könne. 

Am 25. August 1849 wird Adele Schopenhauer in den Armen Sibylles von ihren Leiden erlöst. Die lässt die Gefährtin ganz in der Nähe ihrer Wohnung auf dem Alten Friedhof bestatten, begeht auf dem Auerhof ein antikes Totenritual und findet monatelang ihre Fassung nicht mehr wieder.

Einzig die Aufträge Adeles, "die ich gerne noch erfüllen möchte", halten sie aufrecht. Den familiären Prozesshanseln hat sich mittlerweile auch der dritte Schwiegersohn angeschlossen. Die Erben fahren alle prozessualen, publizistischen und psychologischen Mittel der Kriegsführung auf, auch die, Sibylle unter Curatel stellen zu lassen, sei sie doch verrückt. Nach zehn Jahren der Auseinandersetzung kommt schließlich 1852 ein Vergleich zustande, weil Sibylle auf 14.000 Taler verzichtet. Anschließend sucht sie ihren Frieden und Trost in Rom. Doch den bekommt sie nicht: Im September 1853 droht ihr nun Adeles Bruder Arthur mit einer Klage.

Anerkennung und Ablenkung findet die "Rheingräfin" nun nur noch in ihrer wissenschaftlichen Forschung und ihren Sammlungen. Da sie diese Sammlungen zusammenhalten will, bietet sie sie gegen eine schmale Leibrente in Weimar und Berlin an. Doch man lehnt ab. So nimmt sie also ihre Schätze mit, als sie ihre rheinische Heimat im Oktober 1856 endgültig in Richtung Rom verlässt. "Ich  bin kaum jemals in meinem Leben so froh gestimmt gewesen, als auf dieser Fahrt, die mich zum Ziele eines Jahrelangen Strebens führte", hält sie fest, nachdem sie am 19. Dezember dort eingetroffen ist. 

Sie nimmt eine kleine Wohnung mit schöner Aussicht auf den Palatin. Da sie kränkelt, lebt sie aber zurückgezogen, auch sind schon viele ihrer Freunde verstorben. Nur Anna Jameson lebt jetzt in ihrer Nähe. Am 2. Mai 1857 verkauft sie auch noch das ihr gehörende "Gut Sülz" ( das ehemalige Weingut der Zisterzienserabtei Heisterbach) mit den dazugehörigen Ländereien und Weingärten. 

Im August 1857 ahnt Sibylle Mertens - Schaaffhausen, dass ihre Lebenszeit bald zu Ende ist, sie leidet an einer schlimmen Unterleibsentzündung. Noch schreibt sie an Ottilie von Goethe, setzt ein neues Testament zugunsten all ihrer Kinder auf, stirbt aber zwanzig Stunden später, am Morgen des 22. Oktobers, noch bevor dieses endgültig unterschrieben ist. Sechzig Jahre alt ist sie geworden. Sie wird auf dem Campo Santo Teutonico im Schatten des Petersdomes beerdigt 

Nach ihrem Tod verstreuen die Kinder ihre wertvollen Sammlungen durch Versteigerung in alle Winde und löschen die Erinnerung an die einzigartige Lebensleistung ihrer Mutter als Gelehrte und Archäologin praktisch aus. Einzig ihre aus rund 2000 Stücken bestehende Autographensammlung - Zeugnisse ihrer Gefährtinnen und Besucher von meist kulturellem Rang - bleibt geschlossen erhalten und bildet den Kern der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Bonn. Ein bleibender Verdienst ist, dass sie als eine der Gründerinnen des immer noch existierenden Kölner Dombauvereins bis heute die Vollendung & Erhaltung des Kölner Doms ermöglicht.

Die Erinnerung an diese Kölnerin, eine der gebildetsten Frauen ihrer Zeit, bleibt dennoch lange rudimentär. 1935 erscheint eine Lebensdarstellung anhand ihres Tagebuchs und ihrer Briefe. Erst 2007 zu ihrem 150. Todestag richtet das Stadtmuseum Bonn im Ernst-Moritz-Arndt-Haus eine Ausstellung zu ihr aus. In ihrer Geburtsstadt selbst ist mir kein Ort, keine Straße ( in Plittersdorf gibt es immerhin die Sibyllenstraße ), kein Denkmal bekannt, an dem an sie erinnert wird. Unglaublich, hat sie doch zu so vielem beigetragen, was den Ruf der Stadt ausmacht!




 


Kommentare:

  1. Himmel, was eine Biographie! Das gäbe Stoff für viele Staffeln, wenn man es verfilmen würde. Danke für die immer wieder tollen Einblicke in das Leben dieser (oft) vergessenen Frauen!

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  2. Was in ein Leben von 60 Jahren so alles reinpasst!
    Und dann noch solche ausgedehnten Reisen, wo doch an der Stadtgrenze eine Zollkontrolle war. Das muss ja alles ewig gedauert haben und bequem wars sicher auch nicht. Und dann noch endloses Prozessieren mit den eigenen Kindern, also die Frau muss ja eine Wahnsinns-Konstitution gehabt haben.
    Heute habe ich in drei Teilen gelesen, weil es so viel war!
    Ich kannte die Rheingräfin nicht, nur ihre berühmten Freundinnen.
    Da hast Du wirklich unglaublich viel recherchiert. Danke!
    Bin schwer beeindruckt von Dir und ihr!
    Herzlichst, Sieglinde

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    1. Ist mir bewusst gewesen, ich hätte noch mehr auf die anderen Frauen eingehen mögen, habe aber dann doch mit Blick auf die Leserinnen gekürzt.
      LG

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  3. Ein ganz schön bewegtes Leben mit Licht und Schatten und vielen Emotionen hat diese Frau hinter sich gebracht. Aber was für eine tragische Verbindung mit ihrem Mann. Die Kinder scheinen sehr darunter gelitten zu haben, mit wiederrum fatalen Folgen.
    Letztendlich sollte man gerade im Rheinland dieser Biographie wieder mehr Aufmerksamkeit schenken.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. von Helga:

    Liebe Astrid,

    wiedermal wurde mein Kaffee kalt. Was hast Du nur für eine Ausdauer bei der Länge dieser Recherche bewiesen, Du bist ja selbst eine Great Women, was Du da leistest, bis alles paßt. Unglaublich und unglaublich interessant, so ein ganzes Leben von Dir auf meinem kleinen iPad hier ausgebreitet zu bekommen. Laß Dich drücken, dank Corona geht das virtuell ganz prima. Die vielen Geburten, ach ich lag dauernd in den Wehen, da mußte der Kaffee ja kalt werden. Ob die 238 te nun rechts oder links Rheinisch war ist egal, Hauptsache Du bist zu Potte gekommen, schade daß es mit dem Abgesang zu Ende war, ich hätte immer noch weiter lesen mögen.

    Herzlichste Grüße von Helga

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  5. Liebe Astrid,
    woher beziehst du nur immer all die vielen Informationen - über Frauen, die zwar Wichtiges geleistet, aber doch kaum Würdigung erfahren haben und daher wohl auch Biographien über sie nicht soo leicht aufzustöbern sind. Findest du all das dann doch im Internet? In einem einzelnen Buch (wohl kaum) oder eher doch in vielen?

    Was mich an den von dir beschriebenen Frauen jener Zeit besonders beeindruckt ist, dass sie trotz der Ehemänner, die ihnen aufgezwungen wurden, trotz der zahlreichen Geburten und der Kinder, die dann ja (auch wenn es Kindermädchen gab) zumindest eine Weile ihre Energie in Anspruch nahmen und trotzdem sie nie auch nur annähernd angemessene Anerkennung für ihre Intelligenz bekamen, so vieles schafften und ein wohl zumeist nicht glückliches, aber doch so intensives, produktives Leben führten...

    Herzliche Grüße und alles Liebe,
    Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2020/10/ausflug-nach-bad-ischl-und-besuch-der.html

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  6. Liebe Astrid,
    welch ein ausführliches Frauenporträt und wieder mal zeigt sich eine starke Frau, die trotz aller Widrigkeiten ihren Weg gegangen ist. Beeindruckend auch zur damaligen Zeit, trotz Ehe die Beziehungen zu anderen Frauen gelebt zu haben.
    Lieben Gruß und danke dir für all deine Recherchezeit, diese Informationen zusammenzutragen. Deine Great-Women in gebundener Form würde mich sehr interessieren. ;-)

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  7. ui Astrid
    da hast du aber viel Material zusammen gesucht
    was für ein bewegtes Leben
    und immer wieder erstaunt es mich mit wie vielen (heute würde man sagen.. prominenten )Persönlichkeiten diese Frauen meist bekannt waren und auch regen Austausch pflegten
    wieder eine Frau die recht selbstbewußt ihren Weg ging trotz der Hemmnisse die ihr in den Weg gelegt wurden
    ein tolles Portrait

    liebe Grüße
    Rosi

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  8. Köstlich zu lesen... obwohl ich kein Fan von der Droste-Hülshoff bin, ist die Kombination mit der vorgestellten Sybille aufregend und spannend zu erfassen.

    Liebe Grüße aus dem Süden zu Dir, Heidrun

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  9. Jetzt musste ich doch nochmal aufmerksam Deinen Post lesen, liebe Astrid. Warum ich dabei die ganze Zeit "Mem Müllemer Böötche fahre mer su jän!" summe, weiß ich auch nicht.. lach! Eine spannende Lebensreise! Danke für die Vorstellung. Besonders das Leben der Mutter wäre für mich noch interessant, denn in der Kindheit meiner Oma wurden Mädchen nicht mit auf's Schiff genommen. Sie kamen in ein Heim für Schiffer-Kinder und hatten nie genug zu essen. Aber das ist wohl eine andere Geschichte. Alles Liebe Dir! Nicole

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Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, wenn der Ton daneben ist...

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