Donnerstag, 7. April 2022

Great Women #295: Jutta Hipp

Dass ich Jazz liebe, klingt ja ab und an im Blog an. Frauen im Jazz habe ich in dieser Reihe ja schon öfter vorgestellt, deutsche Musikerinnen bzw. Sängerinnen stellen allerdings eine Minderheit dar. Die heutige Jazz-Pianistin - Ende der 1950er Jahre in der Versenkung verschwunden- gerät erst in den letzten Jahren wieder in den Focus der Jazzfreunde, galt einstens aber als "germany’s first lady of Jazz" und sie erhielt als erste europäische Jazzmusikerin und zweite weiße Musikerin überhaupt einen Vertrag bei den legendären Blue Note Records in den StaatenJutta Hipp, die heute vor neunzehn Jahren gestorben ist, hatte auch sonst eine interessante Lebensgeschichte...


"Aber für uns ist Jazz eine Art Religion. 
Wir mussten wirklich dafür kämpfen."

Jutta Hipp ist am 4. Februar 1925 in Leipzig geboren als erstes Kind von Hulda Elisabeth Grassmann, 31 Jahre alt, und Karl Julius Hipp, einem ehemaligen Schiffs- und nun Revisionsingenieur, sechs Jahre älter. Später bekommt sie noch einen jüngeren Bruder, Hajo, und beide wachsen in einem gediegenen, lutheranisch-protestantischen Milieu auf – Malerei und klassisches Konzertpiano stehen auf dem Bildungsprogramm. Mit neun Jahren beginnt Jutta mit dem damals für "höhere Töchter" obligatorischen Klavierunterricht bei einer eher ungewöhnlichen, motorradfahrenden Lehrerin, deren Qualitäten das Mädchen nicht anzweifelt. Aber ihr ist das alles zu schwer und sie weint so lange, bis sie nach vier Jahren aufhören kann. 

Zur Schule geht sie auf eine Mädchenoberschule in Leipzig-Connewitz, die Rudolf-Hildebrand-Schule. Mit fünfzehn macht sie über einen Freund die Bekanntschaft mit dem im Nazideutschland verfehmten Jazz. Jutta verfällt der Musik auf Anhieb. 

Mit ihr schaffen sich Jugendliche eine Nische im sonst so vereinheitlichenden NS-Staat - Mitte der Dreißiger Jahre sind z.B. fast alle Leipziger Gymnasiasten in der Hitlerjugend organisiert -, ohne mit juristischen Verboten zu kollidieren, anders als beispielsweise bei den Hamburger „Swings“, an denen die Nazis ein Exempel statuieren und 400 von ihnen verhaften und in KZs wie Moringen, Neuengamme, Ravensbrück oder Uckermark stecken. Allein im Jugendlager Moringen kommen 89 von ihnen zu Tode. Das Ende und strikte Verbot des Jazz im Nazi-Deutschland ist allerdings ein populärer Irrtum - dem war nicht so.

Über ihren Freund Ingfried Henze, ein Kunststudenten, kommt sie in Kontakt mit dem Leipziger Hot Club, einer klandestinen Vereinigung von Jazzbegeisterten, dessen Mitglieder sich privat zum Plattenhören treffen und nach und nach Instrumente spielen lernen, um selber jazzen zu können. Henze muss bald in den Krieg ziehen, und Jutta wird die Freundin von "Teddie" Frohwalt Neubert, vier Jahre älter als sie und einer, der sich als Schlagzeuger versucht. Im November 1944 verloben sie sich.

Neuberts Vater Franz, der "Goethe-Papa" ( da Herausgeber von Nachschlagewerken und Büchern über Goethe ), stellt für Jazz-Jam-Sessions gelegentlich seine Bibliothek zur Verfügung. Die jungen Leute schwärmen für Fats Waller, Teddy Wilson, Art Tatum und Count Basie, die ganze von den Nazis gebrandmarkte "undeutsche Negermusik". Jutta, so heißt es, folgt den Eltern und dem Bruder bei Bombenalarm nicht in den Luftschutzkeller, sondern bleib vor dem Radio sitzen, hört "Feindsender" und transkribiert Jazz-Melodien, die dort gespielt werden, im Schein des Röhrenradios, ohne Licht.
"Ich erinnere mich an Nächte, wo wir nicht in den Luftschutzkeller gingen, weil wir Platten hörten. Wir hatten einfach das Gefühl, dass ihr nicht unsere Feinde seid. Und obwohl die Bomben um uns herum einschlugen, fühlten wir uns sicher oder zumindest, wenn wir getötet worden wären, wären wir mit schöner Musik gestorben", wird sie nach Kriegsende an einen amerikanischen Soldaten schreiben ( Quelle hier )
Die Eltern, besonders der Vater, teilen die Jazzleidenschaft ihrer rebellischen Tochter natürlich gar nicht.

Source
Junge Frauen wie Jutta werden für den Fort­bestand des Hot Club wichtig, weil die jungen Männer nach und nach an die Front müssen. Noch während des Zweiten Weltkriegs gründet sie ihre erste Band, die auch in Leipziger Clubs auftritt. Jutta spielt dabei Klavier, an dem sie wieder Freude bekommen hat, und lässt sich von einer Kirchenorganistin in Harmonielehre unterrichten. Sie spielt immer besser vom Blatt, lernt aber auch zu improvisieren.

Ab 1942 studiert sie nach dem Notabitur auch schon an der Staatlichen Akademie der grafischen Künste und des Buchgewerbes in Leipzig, wo sie u.a. eine Meisterklasse bei Professor Walter Buhé besucht, dem Vater von Thomas Buhé, einem weiteren Mitglied des Hot Clubs, der später der "Vater der Jazzgitarrenausbildung der DDR" sein wird. Sie ist ein großes zeichnerisches Talent.

Auch äußerlich ist Jutta eine auffallende, beeindruckende Erscheinung mit ihren tollen langen Haaren, sie schminkt sich und hat auf ihren blauen Strümpfen mit roter Naht noch rote Herzen gestickt. Sie wirkt dadurch sehr selbstbewusst und strahlt eine ungeheure Präsenz aus in der Hochschule, ist aber in Wirklicht von geringem Selbstvertrauen und eher schüchtern.

Mit der sich zuspitzenden Kriegssituation wird auch Jutta zwangsverpflichtet und muss in einem Flugzeugwerk arbeiten. Ein paar Wochen vor der endgültigen Kapitulation am 8. Mai 1945 erreichen die amerikanischen Truppen Leipzig. Die Zwanzigjährige kann endlich ihre Liebe zum Jazz ausleben, ohne sich verstecken zu müssen, und spielt gelegentlich vor den amerikanischen Besatzern.  Doch diese Freiheit währt nicht lange: Am 2. Juli 1945 übernimmt die sowjetische Armee aufgrund des 1. Londoner Zonenprotokolls und der Beschlüsse der Konferenz von Jalta die Stadt und sie wird Bestandteil der sowjetischen Besatzungszone. Jutta studiert zunächst weiter, hat aber so gar keine Lust Propagandaplakate für die Rotarmisten zu malen und macht sich im März 1946 zusammen mit Teddie Neubert und Thomas Buhé auf die Flucht in die amerikanische Zone. Über Weißenfels, Saalfeld,  Propstzella schlagen sie sich bis Sonneberg in Thüringen durch und folgen in der Nacht vom 23. zum 24. März "einem struppigen Typ in Windjacke und Gummistiefeln", der jedem fünfzig Mark abverlangt und sie zu einem rutschigen Abhang bringt. Dort lässt er sie allein.

Das Grüppchen findet sich alsbald in Neustadt bei Coburg wieder, und die attraktive Jutta lässt - nachdem sie frisch geschminkt und frisiert ist - die Grenzer dahinschmelzen und sie zu den Amerikanern am Tegernsee durchwinken. Dort treffen sie allerdings nicht das reine Glück an, denn sie dürfen nun Schlager vor betrunkenen GIs und ihren "Frolleins" spielen. Die Arbeitsbedingungen sind so, so Jutta in der Erinnerung, "da ist man kein Mensch mehr" gewesen. Außerdem entpuppt sich Teddie immer mehr als Patriarch. Schließlich springt Jutta ab und verdingt sich im NCO - Club im nahen Degerndorf. Aber sie kommt vom Regen in die Traufe: "Mit Zähnen und Klauen musste sie sich gegen die plumpen, aggressiven Annäherungen ordinärer Feldwebel verteidigen, die sie als Freiwild betrachteten", berichtet später Buhé, der bald wieder nach Leipzig zurückkehrt. Teddie - "ein unangenehmer Angeber", so der ebenfalls in Leipzig aufgewachsene Klarinettist Rolf Kühn - macht sich auf nach Hamburg, wo sich seine Spuren erst einmal auf der Reeperbahn verlieren.

Mit Lionel 
Jutta geht eine Beziehung zu einem afroamerikanischen Lieutenant ein und wird damit "untouchable" für die anderen, zieht nach München und spielt in diversen Bands, u.a. der von Max Greger und Freddie Brocksieper. Sie ist völlig im Bann des amerikanischen Jazzpianisten Bud Powell, der zu dieser Zeit erstmals auf Platten zu hören ist. Auch Lennie Tristano inspiriert sie in ihrem Spiel, obwohl Jutta diese Vergleiche immer beiseite wischen wird.

1948 bringt sie ihren Sohn Lionel ( nach Lionel Hampton ) zur Welt. Schwarze GIs dürfen damals keine Vaterschaft anerkennen, wenn sie mit einer weißen Frau ein Kind haben, selbst wenn sie es gewollt hätten. Kinderaufzucht und ihr anstrengender Beruf lassen sich für Jutta nicht verbinden. So gibt sie ihren Sohn in ein Kinderheim. Vielleicht spielt aber nicht nur die Existenzangst als alleinerziehende Mutter, sondern auch die Diskriminierung der "Sugar Babies" und ihrer Mütter im Nachkriegsdeutschland eine Rolle für ihre Entscheidung. Jahre später wird sie Lionel zur Adoption frei geben. 

"New Jazz Stars"
In München lernt sie den aus Wien emigrierten Jazz-Tenorsaxophonisten Hans Koller kennen, dem sie nach Frankfurt/Main, dem Zentrum des deutschen Jazz damals, folgt. Mit ihm & seinen "New Jazz Stars" wird Jutta im deutschen Cool Jazz der frühen 50er-Jahre zusammen mit den Mangelsdorff-Brüdern zu einer der wichtigsten Protagonisten. Diese kleine Formation widmet sich dem Modern Jazz und greift Standards auf wie "Stompin' At The Savoy" oder "Honeysuckle Rose", aber in Rhythmik und Melodie komplett zerklüftet, denn es wurden immer kontrapunktische Akzente gesetzt. Jutta spielt unterkühlt und gleichzeitig hoch-emotional, wie es der legendäre Musikjournalist Siegfried Schmidt-Joos einmal formuliert. 

Im März 1953 sind die "New Jazz Stars" der "Opening Act" für Dizzy Gillespie bei seinem Konzert in Frankfurt. Es folgen Radioaufnahmen, Konzerte und weitere Einspielungen. 1953 bekommt "Hans is hip" – Wortspiele sind im Jazz seit eh und je beliebt – etwas verspätet als erste europäische Platte die Höchstwertung von fünf Sternen im amerikanischen Magazin "Downbeat". Doch Jutta passt die starre Fixierung auf den amerikanischen Cool Jazz  bei Koller nicht mehr, ihr schwebt ein swingenderer Stil vor und so lässt sie die Zusammenarbeit ausschleichen.

Schon im gleichen Jahr gründet Jutta unter ihrem eigenen Namen mit Joki Freund, Hans Kresse (Bass) und Karl Sanner (Schlagzeug) sowie Emil Mangelsdorff eine eigene Formation. Emils jüngerer Bruder, der Posaunist Albert Mangelsdorff, soll ihretwegen einen Selbstmordversuch unternommen haben, mit dem Gitarristen Attila Zoller verlobt sie sich. Beide sind gern gesehene Gäste bei ihren Auftritten. Der Jazz "Frankfurter Prägung" findet große Anerkennung in Deutschland. Die Komposition "Mon Petit" aus dieser Zeit ist höchstwahrscheinlich ihrem Sohn Lionel gewidmet:


Die Gruppe genießt einen exzellenten Ruf und wird entsprechend gebucht. Beim 2. Deutschen Jazz-Festival 1954 in Frankfurt hat sie einen Auftritt und nimmt eine Platte - "Europe's First Lady of Jazz" - für das neue Label Mod Records des Gigi Campi, der Kölner Eis- & Jazzlegende, auf. Gastspiele in Paris, Schweden und Jugoslawien folgen, Auftritte mit dem schwedischen Saxophonisten Lars Gullin und dem serbischen Trompeter Duško Goykovich inklusive.

Irgendwie, wahrscheinlich über einen befreundeten GI, ist eine Aufnahme von Juttas Sessions an den einflussreichen Jazzkritiker, Produzenten und "Downbeat"- Autor Leonard Feather in New York gelangt. Der hört  sich Jutta dann live in einem Duisburger Kellerclub an, als er  im Januar 1954 mit dem "Jazz Club USA" – mit Billie Holiday, Buddy DeFranco und anderen amerikanischen Top-Jazzmusikern – durch Deutschland tourt. "Wir waren auf den besten europäischen Jazz gestoßen, den wir bisher gehört hatten", so der Impresario. 

Im April arrangiert Feather eine Aufnahmesession in Frankfurt/Main mit dem Jutta Hipp Quintett. Aus dem Tape wird schließlich die Platte "New Faces – New Sounds from Germany", 1956 von Blue Note als erste Hipp-Platte in den Staaten veröffentlicht. Feather lädt Jutta auch nach New York ein, um sie dort als das "schöne deutsche Fräulein" zu lancieren.

Nachdem sie länger als ein Jahr auf ihr US-Visum gewartet hat, kommt sie am 18. November 1955 am Pier 88 des New Yorker Hafens von Bord des Liniendampfers "SS New York" an. Feather bringt sie in einer Wohnung in seinem Haus unter, und dann beginnt für Jutta wieder eine Wartezeit, diesmal auf ihre Arbeitserlaubnis, die "Union card", die sie mit der Arbeit im Keller eines Warenhauses überbrückt, wo sie gekaufte Artikel für die Kunden verpackt. 

Dann schließlich ein von Feather vermitteltes sechsmonatiges Engagement im "Hickory House", einem Restaurant mit Bar, in dem Live Jazz geboten wird und in dem ansonsten Marian McPartland Stammpianistin ist. "The German Jazz Frollein", als die Jutta angekündigt wird, erhält mit Peter Ind und Ed Thigpen zwei ausgezeichnete Sidemen. Am 6. März 1956 ist es so weit: Jutta Hipp kann ihr erstes Konzert geben. 

Doch sie hat das Gefühl, diese Szene nicht auszuhalten: "Oh mein Gott, jetzt bin ich hier, das halt ich nicht aus! Das ist ja Cocktail-Bar!" Ins "Hickory House" kommen die Gäste vor allem zum Essen, die Musik ist zweitrangig. Jutta bevorzugt hingegen die kleinen Klubs mit den Jazzliebhabern. Für sie bleibt jeder Auftritt als Hauptdarstellerin an einem großen Veranstaltungsort eher eine entmutigende Aufgabe als eine freudige öffentliche Feier ihres Talents. 

Ihr wird auch sehr schnell klar, welche Erwartungen auf ihr lasten, dass es ja gar nicht um den Jazz geht, sondern schlicht um die Vermarktung ihrer ungewöhnlichen Person. Sechs Monate spielt sie im "Hickory House", dort entstehen auch ihre ersten amerikanischen Aufnahmen für zwei LPs mit Live-Mitschnitten, produziert vom legendären Blue-Note-Label. Dort ist sie ebenfalls durch Fürsprache von Feather angenommen worden, als erste Europäerin, noch dazu weiß - Jutta Hipps Zukunft scheint zu jener Zeit groß und weit.  Hier ihre Fassung von "Mad about the Boy" von der zweiten "Hickory-House"- Platte.

Auch wenn sie sich nach Europa positiv äußert: Sie hasst die Scheinwerfer, die  auf ihre Augen gerichtet werden - "Ich spiele lieber im Dunkeln. Ich möchte allein gelassen werden."
"Sie war mit einem unbestechlichen Stilbewusstsein gesegnet und mit überdimensionalem Lampenfieber gestraft. Diesen Spagat Nacht für Nacht in der reinen Männerwelt der Nightclubs durchzustehen, gelang ihr auf die Dauer nur mit Alkohol", urteilt später Siegfried Schmidt-Joos, der Jutta 1960 erstmals in New York besuchen wird.
Welche Auswirkungen das hat, zeigt eine Begebenheit, welche Jutta in New York mit dem Schlagzeuger Art Blakey widerfährt: 

Mit Zoot Sims im Van Gelder Studio
Eines Abends in einem Club bittet sie Art Blakey auf die Bühne, um mit seiner Band zu spielen, aber "sie weigerte sich, sagte, sie sei betrunken, und würde sowieso nicht denken, sie sei gut genug." Blakey duldet keinen Widerspruch, zieht sie ans Klavier und beginnt selbst, sein Tempo waghalsig zu steigern. Jutta kommt bald nicht mehr mit, macht nur noch "pling, pling". Blakey wendet sich darauf ans Publikum und meint: "Jetzt seht ihr, warum wir nicht wollen, dass diese Europäer hierher kommen und unsere Jobs übernehmen!

Einige Tage später darauf angesprochen, als Jutta ihn auf der Straße trifft, kontert der: "Sie sind wirklich ein seltsamer Mensch!" Das ist alles sehr verunsichernd für Jutta. Sie selbst wird nach eigener späterer Einschätzung ihren Alkoholkonsum so charakterisieren, dass sie sich damals an der Schwelle zum Tode gefühlt habe.

Ihre letzte Einspielung für Blue Note bleibt ein Album mit dem Saxophonisten Zoot Sims, der Jutta mehr als sympathisch ist, ihre Zuneigung aber nicht erwidert. Hier ein Beispiel von der Platte.

Sie arbeitet auch noch mit Charles Mingus zusammen, eine kurze Zeit, die sie später als die wahrscheinlich glücklichste ihrer Karriere bezeichnen wird. Dann geht sie 1958 mit dem Tenorsaxophonisten Jesse Powell auf eine Tour durch die Südstaaten, anfangs mit dunkel geschminktem Gesicht. Auch die empfindet sie als beglückend. In der Folgezeit zieht sie sich aber immer weiter aus dem Business und von der Bühne zurück, ohne diesen Schritt öffentlich zu begründen. Es habe einfach nicht mehr gepasst, wird sie später sagen. Und so viel: Es sei die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen.

Es kommt zum Bruch mit Feather, der sie verklagt, sie droht ihre Wohnung zu verlieren. Entsetzt darüber, Jutta in die Obdachlosigkeit abdriften zu sehen, drängt sie ihr Anwalt, sich einen festen Job außerhalb des Musikgeschäfts zu suchen und drückt ihr Jobanzeigen in die Hand. Und das tut Jutta dann auch: Sie findet einen in einer Kleiderfabrik und bleibt vorläufig am Wochenende Teilzeitmusikerin. Ohne kommerzielle Vertretung bzw. Agenten sucht sie sich mühsam Auftrittsmöglichkeiten in Clubs und Bars in Queens, Brooklyn und auf Long Island. Doch außerhalb aller professionellen Netzwerke ist es schwer zu überleben.

Jutta Hipp: Lionel Hampton
Bald wird sie dann als Jazzmusikerin gar nicht mehr in Erscheinung treten und ihr Klavier nicht mehr anrühren, was sie als enorme Befreiung erlebt. Den Eigenarten des amerikanischen Business mag sie sich nicht anpassen, sie verlässt die Szene, aber ohne sich von ihr abzuwenden, denn sie besucht weiterhin Jazzkonzerte. 

Ab 1960 arbeitet die inzwischen 35jährige für "Wallach's Clothiers", einen gewerkschaftlich organisierten Betrieb, jenseits des East River in Stadtteil Queens, wohin Jutta auch wenig später umziehen wird. Die nächsten 35 Jahre  wird sie in der Firma bleiben. Sie sei dabei geblieben, weil der Job einfach gewesen sei, so ihr Statement, sie sei nicht gedemütigt oder sonst wie be-/verurteilt worden. 

Alles, was sie dort tun muss, ist ausgefranste oder zerrissene Herrenhosen für Änderungen vorzubereiten. In ihrer Freizeit führt sie aber weiter ein kreatives Leben, nur verlagert sie ihren künstlerischen Fokus auf ihre erste Liebe, das Zeichnen und Malen, sie schreibt zudem Gedichte ( mit viel Witz ) und fertigt Stoffpuppen ( heute im im Museum of the City of New York ) an und fotografiert. Ihrer Begeisterung für den Jazz bleibt sie bis an ihr Lebensende treu und sie erweitert ihre Schallplattensammlung stetig. Den Alkohol lässt sie ganz hinter sich.

Mit Ilona Haberkamp 1986
1960 wird sie noch von Siegfried Schmidt-Joos besucht, der sie für ein Projekt gewinnen will und über ein paar Jahre telefonisch Kontakt zu ihr hält. Sieben Jahre später gibt sie dem "Kölner Stadt-Anzeiger" noch ein Interview. Weitere knapp zwanzig Jahre später suchen die Saxofonistin Ilona Haberkamp zusammen mit der Trompeterin Iris Kramer, beide Mitbegründerinnen der ersten Frauen Big Band, sie auf. 

Die beiden Frauen bekommen bei ihrem Besuch eine Ahnung davon, welch harter Einsatz nötig ist, um als Jazzmusiker*in in New York zu überleben, vor allem, wenn man allein auf sich gestellt ist. Die Ellenbogen, die dafür notwendig wären, hat Jutta Hipp nicht. Aber Einladungen alter Kollegen wie Rolf Kühn und Albert Mangelsdorff, wieder in Deutschland aufzutreten, nimmt sie auch nicht an, ja sie reagiert gar nicht mal darauf, obwohl sie eine eifrige Briefeschreiberin ist. Sie wird überhaupt nie nach Deutschland zurückkehren, auch nicht, um dort ihren Bruder in Hannover wiederzusehen. Die amerikanische Staatsbürgerschaft nimmt sie aber erst 1999 an. Die Angst, den vorgeschriebenen Test nicht zu bestehen, hat sie davon abgehalten.

1995 zeigt die deutsche  Zeitschrift "Jazz Podium" von Jutta gezeichnet Karikaturen einiger Jazzmusiker. Sonst bleibt Jutta Hipp so gut wie verschollen. Erst 2002 macht Blue Note sie ausfindig, um ihr einen Tantiemenscheck in Höhe von 40.000 Dollar zu überreichen: In Japan sind ihre Platten neu gepresst worden, das japanische Publikum liebt die Pianistin. Doch viel hat die 77jährige, die von der Sozialhilfe & einer kleinen Gewerkschaftsrente lebt, nicht mehr davon, sie leidet an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Am 7. April 2003 stirbt Jutta Hipp in ihrer Wohnung in Queens. Kurz vor ihrem Tod ist sie aus dem Krankenhaus in die Obhut einiger Nachbarn ihres Wohnhauses entlassen worden, darunter eine Krankenschwester. Ihren Körper hat sie zuvor der Columbia University für die wissenschaftliche Forschung vermacht. Die Asche ihrer sterblichen Überreste wird ihrem Wunsch gemäß am 30. Juli 2005 über dem Long Island Sund in den Atlantischen Ozean gestreut.

Zehn Jahre später kommt bei der Plattenfirma Laika Records das musikalische Tribute "Cool is Hipp is Cool" mit dem Ilona Haberkamp Quartett heraus und wird 2013 bei den Berliner Jazztagen aufgeführt. Zuvor ist 2011 auf Beschluss des Leipziger Stadtrats ein ein Stück des Logauweges im Stadtteil Meusdorf nach Jutta Hipp benannt worden. 

Bis heute beschäftigt es die Gemüter der Jazzenthusiasten, was hinter dem plötzlichen Aufhören als Jazzpianistin steckt:

Die meisten sehen den Grund in der Person des Leonard Feather, der nicht verknusen konnte, dass Jutta seine Kompositionen nicht in ihr Repertoire aufnehmen wollte wie andere Stars wie Dinah Washington oder Mel Tormé. Sie hat ihn wohl auch als Mann abblitzen lassen und von der Anmache ihrem Verlobten Attila Zoller - ihr 1956 in die Staaten gefolgt - erzählt, der nicht dicht gehalten hat, und so ist der Tratsch Feather zu Ohren gekommen. Feather selbst sieht in Juttas traumatischen Erlebnissen rund um ihre Flucht den Grund. Dann wird auch ihr Agent genannt, der Louis-Armstrong-Manager Joe Glaser, der sie zu wählerisch in Bezug auf die von ihm angebotenen Gigs gefunden hat. Glaser habe sie da herausgeworfen. Manche mutmaßen, der Grund habe in der miesen  Beschäftigungslage für Jazzmusiker generell gelegen, denn mit dem Siegeszug des Rock 'n Roll mussten viele kleine Jazzclubs schließen, in die wenigen großen durften nur die Superstars und zu denen gehörte Jutta nicht.

Vielleicht steckte hinter der Entscheidung, der Eigenwilligkeit, die Jutta Hipp auch immer wieder attestiert wird, ein Sinn für den eigenen Wert, der in der von Männern dominierten Welt des Jazz der 1950er Jahre in Bezug auf Frauen so gar keine Rolle gespielt hat. Unbarmherzig ist da eine Einstellung praktiziert worden, die keinen Raum für ein selbstbestimmtes Künstler*innenleben zulässt. Dann alles sang- & klanglos zu kappen, weil frau nicht mehr ihr eigenes Selbst bewahren & dementsprechend leben kann, das kenne ich aus meinem eigenen Leben nur zu gut. Bewundernswert, wie Jutta Hipp sich das bewahrt hat, das souveräne Dasein ohne Glamour, bescheiden und zufrieden. Ihre Art Klavier zu spielen steht für mich sowieso außer Frage... 


9 Kommentare:

  1. Liebe Astrid,
    mir war der Name nicht vertraut, allerdings bin ich auch nicht so sehr auf der Jazzschiene unterwegs. Das ist ja eine tragische Geschichte. Am meisten rührt mich das zur Adoption freigegebene Kind....Und was für ein Lebensweg. Über Gründe für Entscheidungen kann man lange mutmaßen, kennen werden wir sie nie. Wir kennen nur die unseren. Danke. Herzliche Grüße aus dem Grauen, Sunni

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  2. Ich kannte sie nicht, nur einige der Männer, mit denen sie spielte. Das erscheint mir irgendwie typisch. Besonders nachdem ich nun gelesen habe, wie ihr Leben aussah. Jazz ist für mich eine Musik, die sehr lebensbestimmend sein kann, vielleicht ist ihr das alles zu schwer geworden, wie damals beim Klavierspielen-Lernen. Wenn es nicht mehr zu ihr passte, dann passte es eben nicht mehr.
    Auf jeden Fall ziemlich viel Tragisches in ihrem jungen Leben. Wie sie als ältere Frau damit umging, scheint es für sie friedlicher gewesen zu sein. Und das Kind, das sie zur Adoption freigab? Wie das wohl in ihrem Leben noch eine Rolle gespielt hat? Und einen Kinds-Vater gab es ja auch, wo war der?
    Danke für diese interessante Neuentdeckung für mich!
    Herzlichst, Sieglinde

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  3. Ach ja, im Jazz Frau und Europäerin zu sein, was für eine Strafe. Das irgendwann die Kraft nicht mehr da war...
    Bei Jazz und Frau denkt man iR. An Sängerinnen. Das es aber auch weibliche Jazzmusiker an Instrumenten oder als Komponistin gibt...
    Danke Dir auf diesem Wege schon mal für Deine unglaublich schöne Post!!
    Liebe Grüße
    Nina

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  4. Mal wieder hast du mir Biografisches und tolle Musik einer mir ganz unbkannten Frau beschert für ein paar ruhige Minuten Lesens und Hörens in meinem Getriebe hier im brandenburgischen Zuhause. Dankeschön... Liebe Grüße nach Köln, da war die woche mein P., leider keine Gelegenheit gehabt mitzufahren... Ghislana

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  5. Vielen Dank für dieses Porträt, liebe Astrid...heute hatte ich die Zeit deine ausführliche Vorstellung einer mir unbekannten Frau als Frühstückslektüre zu genießen.
    Hab einen gemütlichen Abend, Marita

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  6. Liebe Astrid,

    wieder ein sehr interessantes Frauenporträt von einer Musikerin, die ich nicht kannte.
    Was für ein Leben! Mit allen Widerständen und Widrigkeiten fertig zu werden, ankämpfen zu müssen, um seinen eigenen Weg als Frau bzw. Europäerin in den USA gehen zu können, kostet Kraft. Wenn die dann irgendwann wegfällt, wegen des Alters oder wegen was auch immer, was bleibt dann? Wenigstens sagen zu können, dass frau es probiert hat, weil es nicht anders ging. Aber irgendwann reibt das Kämpfen einen auf. Das Hinabgleiten in den Alkoholismus und dann aber auch darüber hinweg zu kommen, zeigt auch, wie stark diese Frau war.

    Was wäre aus ihr geworden, wenn man sie hätte sie sein lassen?

    Liebe Grüße
    Claudia

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  7. was für ein tragisches leben! mir sträuben sich mal wieder alle nackenhaare, dass frau damals so von männern abhängig war und all das ertragen musste. ob sie heutzutage ein star geworden wäre??
    liebe grüße und danke für die morgenmusik!!
    mano

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  8. Liebe Astrid,
    interessant und so schade, dass so ein Musiktalent einfach aufgehört hat,
    weil sie eine Frau war und nicht die richtigen Föderer hatte.
    So schade drum.
    LG Urte

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  9. wieder eine interessante Biografie
    mit Jazz hatte ich es nie so ;)
    und von Frauen in diesem Metier habe ich auch nichts mitbekommen
    aber wie immer war es wohl ein schwieriger Weg gegen die männliche Übermacht und Arroganz anzukämpfen

    liebe Grüße
    Rosi

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