die bunter und wilder ist als die, die sie gerne hätten,
verlieben sich politische und
mediale Führungskräfte dieser Tage
wieder in die Idee eines gehärteten Kerns
einer idealen Kultur."
Carsten Brosda, Präsident/Deutscher Bühnenverein
Boah, was für eine Nacht mit tropenanalogen 25°C als Tiefsttemperatur! Da brachte auch das Lüften so gut wie nichts mehr. Ich hab dann auch mein Vorhaben aufgegeben, an der Eröffnung der Ausstellung im Kolumbamuseum teilzunehmen, bei der die Schülerarbeiten gezeigt werden, an denen ich vor zwei Wochen beteiligt gewesen bin. Stattdessen: Lesen in Räumen ( die auch nicht mehr unter 25°C herunter gekühlt werden können ). Das bringt Unterhaltung & Freude, denn ich mag nicht rumnöhlen über das Wetter, ist eh sinnlos und frau schwitzt unnötig mehr. Ich sorge gut für mich, mental wie physisch ( Eiskaffee, Salat, Aprikosen & Tomaten! ). That's it!
Übrigens wurde der am27. Juni 1947 in Köln-Stammheim gemessene Wert von 37,9°C klar überboten. Allerdings nur inoffiziell, denn die DWD-Klimastation Köln-Stammheim ist nicht mehr in Betrieb, es gibt nur noch ein Provisorium. Das hat am 26. Juni 202639,5°C erfasst. Die Wetterstation am Flughafen registrierte ein Maximum von 37,5°C, womit der bisherige Juni-Rekord in Köln/Bonn von 36,8°C vom 18. Juni 2002 deutlich übertroffen wurde. Selbst drinnen im Dom hatte es 26°C. Die Polizei registrierte von Freitag bis Sonntag 120 ungeklärte Todesfälle – fast viermal so viele wie an einem durchschnittlichen Wochenende. Man machte zunächst keine Angaben zu den Todesursachen, doch liegt ein Zusammenhang mit den Extremtemperaturen nahe, meint auch der Leiter des städtischen Rettungsdienstes. Krankenhäuser, die Rechtsmedizin und Vertragsbestatter stießen an die Grenzen ihrer Kapazität zur Aufbewahrung von Leichen. Die Stadt richtete am Samstagabend in der Messe ein Notlazarett und eine Kälteinsel ein. KVB-Busse brachten Patienten dorthin, die keine Versorgung während der Fahrt im Krankenwagen benötigten. Und noch ein anderes: Eine Omega-Blockade kann die Wetterlage der letzten Tage erklären, aber sie widerlegt den Klimawandel nicht. Da vertauschen die Leugner mal wieder was, nämlich den Auslöser der Hitze mit dem Verstärker im Hintergrund.
Montagvormittag musste ich unbedingt en d'r Sity. Trotz ( nur ) 23°C fand ich es schlimmer als an den beiden Tagen zuvor, weil ich Schwüle einfach nicht ab kann. Selbst ein Eis sorgte nicht für den erfrischenden Genuss wie sonst üblich.
Aber ich hab erledigt bekommen, was dringend erledigt werden musste. La vie en rose war mir dann anschließend zu Hause lieber, denn...
...dort ließ ich mir zur Abwechslung mal Kirschen schmecken, die ich unterwegs gekauft hatte. Abends hatte es so frische Luft, dass ich im Wintergarten gelesen habe. Später habe ich noch Stings Konzert im Amsterdamer Riijksmuseum vom Januar dieses Jahres gehört bzw. gesehen. So schön! Auch dass er im Video die Leistungen der großartigen Malerin Judith Leyster hervorgehoben hat, deren Gemälde lange Frans Hals zugeordnet wurden.
Stings "Fragile"ist so ein Song, der schon mal meine Lebensgefühle ausdrücken kann, besonders dann zum letzten Tag des Monats Juni - immer einer mit den gemischtesten Gefühlen. Die Hitze der letzten Tage führte dazu, dass ich mich eher an den Tag vor 23 Jahren erinnere, als ich neben allem Kummer auch drei Wochen im Krankenhaus geschwitzt habe. Es war der erste üble Hitzesommer des neuen Jahrhunderts. Die beiden Bäume in meinem Garten sind etwas, das mich täglich an meinen "kleinen Bruder" erinnert, der sie vor fast vierzig Jahren mit meinem Mann ausgesucht und gepflanzt hat. Auch an ihn, meinen Lebensmenschen, habe ich wieder einmal mit großer Wehmut gedacht.
Es sind die kleinen Dinge des Lebens, die einem über solche Stimmungen weiterhelfen: das wunderbare Gemälde von Dagmar Schmidt über meiner Couch, die Gespräche mit der Frau, die mir hilft, mein Haus in Ordnung zu halten, ein weiteres bewegendes, kluges Buch, das Grün der Bäume, der Himmel, der über uns gespannt scheint.
Von links oben im Uhrzeigersinn: Brokkolisalat mit Granatapfelkernen, Kartoffelsalat mit Trauben, Romanasalat mit pochiertem Ei, Brezensalat mit Fenchel & Pfifferlingen, Nudelsalat mit Ananas & Edamame, Reissalat mit Thunfisch & Paprika
Der Mensch lebt aber nicht nur von Gefühlen allein; an den heißen Sommertagen erfreue ich mich täglich an Salatkreationen, wie ich es schon letzte Woche beschrieben hatte. Und da ich die fotografiere und die Bilder mit dem Schwesterherz & Sunni teile, kam mir die Idee, eine Collage aus den Fotos zu machen & hier einzustellen.
Im Juni hat Nicole/niwibo "Beige" als Farbe des Monats propagiert. Wo finde ich die am besten? Jetzt aber endlich auf ins Kolumba - Museum!😆
Na ja, in Wirklichkeit wollte ich die Arbeiten der Schüler*innen des Veedelsgymnasiums anschauen, u.a. auch "meinen" Beitrag für die Fotoreihe meiner Nachbarin "Menschen und ihre Dinge", zu der sie das "Musée sentimental de Kolumba" angeregt hat. ( Leider habe ich nicht ohne Lichtreflexe fotografieren können. )
Außerdem habe ich die diesjährige Dauerausstellung noch nicht gesehen. Thema: "Kunst in Zeiten der Unvernunft". Spannende Gegenüberstellungen wurden wieder gefunden wie die Bilder von Anna & Bernhard Blume "Transzendentaler Konstruktivismus" undein "Christus in der Rast" eines oberrheinischen Meisters (links) oder "Ohne Titel" von Jürgen Paatz neben einer Vitrine mit Tongefäßen div. Künstler (rechts).
Victoria Bells"Fliegende Lokomotive" habe ich einem Text gegenübergestellt von Terry Fox "Left Sided Sleeper's Dream".
Der große zentrale Raum im 2. Stock wird u.a. bespielt von einer Skulptur von Erich Bödeker"Cowboy mit Pferd" und den Fotos von den Mitstreiter*innen des Roncalli - Programms "Die Reise zum Regenbogen" von 1981 durch Walter Schels. Die Elfenbeinfigur am Kruzifix ist aus dem 12. Jahrhundert, wahrscheinlich aus dem Rheinland.
Links eine Gemeinschaftsarbeit einer Schülergruppe zum Thema "Identität", links eine Figurengruppe des Dombaumeisters Konrad Kuyn aus dem "Epitaph des Nikolaus von Bueren" aus dem 15. Jahrhundert. Es sind Steinmetze, die da dargestellt sind.
Eine "Ecce Homo"-Darstellung aus Lindenholz (15. Jahrhundert) vor einem Bild, das ich nicht näher identifizieren konnte. Ein Besuch im Kolumba ist für mich immer ein Erlebnis. Es ist mir das liebste Museum in der Stadt.
Seit dem 1. Juli bin ich übrigens Mitglied im Dombau- Verein, damit ich auch weiter kostenlos in den Dom kann, wenn mir danach ist. Die Kölnerinnen, die im Exil leben (müssen), habe ich auch gleich im Verein angemeldet. Das wär doch gelacht, wenn sie bei ihren Besuchen draußen bleiben müssten!
Mein Web-Fundstück der Woche - ganz lustig & informativ:
Zum Schluss möchte ich euch noch eine kleine Geschichte erzählen, die zum heutigen Tag passt. Die Geschichte von Dennis Baum, gerade 82 geworden, wohnhaft im Hudson Valley, etwa eine Zugstunde nördlich von New York, mit seiner Frau und seinen drei Corgis. Aber was hat dieser introvertierte alte Mann mit dem 4. Juli zu tun? Nein, es ist nichts mit dem amerikanischen Nationalfeiertag oder der Hochzeit von Taylor Swift & Travis Kelce, es hängt mit dem 4. Juli 1926 in Weimar zusammen. Und dem 4. Juli 2026 in Erfurt. Merkt ihr was?
Aber zurück zu dem alten Mann, der seit Wochen die Rede seines Lebens einübt. Und die hat ihren Grund in diesem Logo:
Das kennen sicher alle, die in Deutschlands Osten groß geworden sind. Und die Zweiräder gleichen Namens, besonders der berühmten "Schwalbe". Mopeds von Simson werden inzwischen nämlich von den Blaunen für ihren Kulturkampf missbraucht. Besonders der Bernd lässt sich gerne damit fotografieren. Der thüringische Landesverband, als rechtsextrem eingestuft, produziert heute Videoclips, Banner und T-Shirts mit dem Namen Simson.
Und das ist für Dennis Baum unerträglich.
Also reist er jetzt aus New York nach Deutschland, um das Erbe seiner jüdischen Familie zu beschützen. Ja, richtig gelesen: Die Firma ist eine jüdische Firma gewesen, die "Waffen- und Fahrzeug-Fabrik Simson Suhl".
Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten startete der thüringische Gauleiter Fritz Sauckel ein Untersuchungsverfahren mit der Behauptung, das Deutsche Reich sei durch das jüdische Unternehmen bei der Abrechnung der staatlichen Aufträge übervorteilt worden. Der Reichsrechnungshof konnte keine übermäßigen Gewinne feststellen; trotzdem kam es 1934 auf Initiative von Sauckel in Meiningen zu einem Schauprozess gegen Arthur Simson und einige leitende Angestellte wegen 'Übervorteilung des Reiches'. Die inhaftierten Angeklagten wurden ein Jahr später aus Mangel an Beweisen in allen Punkten freigesprochen.... Im August 1935 erwirkte Sauckel ein Revisionsverfahren vor dem Oberlandesgericht Jena unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Verfahren endete mit einem Schuldspruch und einer Geldbuße von 9,75 Millionen Reichsmark gegen die Inhaber.( Quelle Wikipedia )
Die Familie Simson konnte 1936 in die Schweiz fliehen. Minna Simson, die damals Thüringen verlassen musste, ist die Großmutter von Dennis Baum gewesen.
"Dass ich mich erhebe und kämpfe in der öffentlichen Arena, das ist etwas, was ich noch nie getan habe. Ich habe noch nie in meinem Leben vor mehr als zwanzig Menschen geredet", bekennt Dennis Baum.
Er muss aber etwas klar stellen, denn seine Familie lehnt diese Vereinnahmung ab. Auch die Volte mit der deutschen Geschichte. Aber das gehört ja zum Werkzeugkasten für Tatsachenverdreher & Manipulateure. Mit den Simson - Zweirädern wird der Ost - Joker von westdeutschen Akteuren gezogen. Wem gehört das Freiheitsgefühl der Ostdeutschen wirklich?
Wer mit Eltern aufgewachsen ist, die den Krieg mitgemacht haben, der ist um "Lili Marleen" und seine Interpretin nicht herumgekommen, erfreute sie sich doch auch noch großer Beliebtheit im Fernsehen der Wirtschaftswunderjahre: Lale Andersen, die vor 53 Jahren im August gestorben ist.
"Was geht Euch denn mein Leben an?
Da hängt viel Freud und Tränen dran."
Lale Andersen kommt am 23. März 1905 als Liese-Lotte Helene Berta Bunnenberg in Lehe zur Welt, damals ein Marktflecken der Provinz Hannover, heute zu Bremerhaven gehörig. Unübertroffen bleibt das Durcheinander, das sie später durch ihre diversen Altersangaben verursachen wird: Da ist von 1900 bis 1915 alles dabei. Per Geburtseintrag in Lehe ist das Jahr 1905 amtlich verbrieft, dank auch der Anzeige der Hebamme Luise Olthaver fünf Tage nach der Geburt des Mädchens.
Ihre Mutter ist Berta Adelheid Czerwinski, 32 Jahre alt und aus dem preußischen Kreis Marienwerder stammend, ihr Vater der Schiffssteward Adolf Georg Bunnenberg, vier Jahre älter als seine Frau, Sohn eines Glasermeisters im nahen Kreis Geestemünde. Lale ist ihre zweite Tochter: Thekla Berta Auguste ist schon 1897 geboren.
Der Vater fährt für den Norddeutschen Lloyd zur See, während seine Frau mit den beiden Mädchen in der Lutherstraße 3 in einem durchaus stattlichen Gründerzeithaus, gleich um die Ecke zur Hafenstraße, in einer Wohnung mit Stube, zwei Kammern, Küche und Toilette wohnt. Die Mutter muss also weitgehend alleine Haushaltsführung & Kindererziehung verantworten. Mit 35 Jahren bekommt sie schließlich noch einen Sohn namens Helmuth Hinrich Adolf Georg.
Wenig ist über das Aufwachsen des Mädchens im kleinbürgerlichen Milieu bekannt. Sie selbst wird sich später als "friedliches, fröhliches kleines Mädchen und meiner Umgebung in keiner Weise verdächtig" beschreiben ( Quelle hier ).
In ihrem späteren Selbstporträt wird sie auch berichten, dass sie ab ihrem 13. Lebensjahr die Lektüre von Schiller & Shakespeare der der Bücher Johanna Spyris vorgezogen und sie sich vom Bremerhavener Buchhändler Lyrikbändchen von Reclam zu Rilke, Goethe und Edgar Allen Poe gewünscht habe. Musikliebend wie sie ist, bedingt sie sich zu einem späteren Weihnachtsfest eine Kirchenorgel aus, erhält allerdings sein altes Schifferklavier, mit dem sich der Vater zu Volksliedern & Shanties selbst begleitet hat.
Eingeschult wird Lale 1911 in die Kaiserin-Auguste-Victoria-Schule in unmittelbarer Nachbarschaft zur elterlichen Wohnung, eine höhere Töchterschule. Das Klassenfoto aus jenen Tagen zeigt ein anmutiges Kind, schlicht gekleidet, ganz ohne Rüschen & Schleifen.
In ihrem ersten Schuljahr zieht die Familie um in die Uferstraße 1 in Bremerhaven, direkt an der Geeste, 1913 geht es wieder zurück nach Lehe in eine Seitenstraße der Hafenstraße - jedes Mal wird eine politische Grenze überschritten, von Preußen ins bremische Bremerhaven und zurück. Für Lale ist das auch immer mit einem Schulwechsel verbunden. In Bremerhaven ist das das Wode - Lyzeum, an dem 1913 die ersten Mädchen in Deutschland das Abitur ablegen können, also ein fortschrittliches Institut.
Lale verlässt die Schule allerdings schon mit fünfzehn Jahren vorzeitig. In der Meldekartei von Lehe ist sie ab da als Kunstgewerbe-Schülerin verzeichnet, findet sich aber nicht in der Kartei der Kunstgewerbeschule Bremen. Wahrscheinlich hat sie Privatunterricht genommen.
Im 1921 lernt sie beim "Bürgern" auf der Bremerhavener Hauptstraße den Kunstmaler Paul Ernst Wilke, elf Jahre älter als der Teenager, kennen, den sie im März 1922 heiratet, höchstwahrscheinlich auch, um dem gestrengen Regime der Mutter zu entfliehen.
Wilke hingegen kommt aus einer ihr unbekannten, faszinierenden Welt, geprägt durch Wander- & Studienjahre, die ihn bis nach Düsseldorf an die Kunstakademie geführt haben. Dem Ersten Weltkrieg verdankt er einen gelähmten linken Arm, aber auch Studienmöglichkeiten in Berlin und eine Studienreise nach Italien. In Bremerhaven verdient er seinen Lebensunterhalt vor allem mit impressionistischen Landschaften. Gleichzeitig umgibt ihn ein Hauch von Weltgewandtheit, und Lale sieht in ihm die Chance, ihre Kleinbürgerwelt hinter sich lassen und in die Bohème aufsteigen zu können.
Der Vater unterstützt die Heiratsabsichten seiner 17jährigen Tochter und finanziert die Hochzeitsreise nach Mainfranken & den Taubergrund. Später kann das junge Paar in das Haus des verstorbenen Künstlerkollegen Wilhelm Wittland in der Poststraße in Bremerhaven einziehen.
Für ihn beginnt eine produktive Zeit, sie wird erst einmal Mutter: Im März 1924 kommt der Sohn Björn zur Welt. Lale begleitet ihren Mann jedoch auch auf seinen Studienreisen, sekundiert von ihrer Schwester Thekla. 1927 im August bringt sie die Tochter Carmen - Litta, fast genau zwei Jahre später den Sohn Michael zur Welt. Die kinderlose Thekla wohnt in Bremen, wohin es alsbald auch Lale zieht, denn sie sucht deren Unterstützung, die Großstadtatmosphäre und die Welt des Theaters, während ihr Mann lieber Licht & Landschaft am Meer schätzt. Durch seine vielen Studienreisen hat er ohnehin viel mehr Abwechslung, Lale hingegen teilt das Schicksal ihrer Mutter Berta, muss sie doch auch immer wieder auf die Heimkehr ihres Künstlergatten warten. Theaterbesuche können sie nur bedingt über diese Ehesituation hinwegtrösten, denn sie will eigentlich selber auf der Bühne stehen.
Ihr jüngstes Kind ist gerade sechs Wochen alt, da bricht die 24jährige auf nach Berlin. Ihre Motive liegen im Dunkeln. Ihr Mann wird ihr in einem späteren Brief zugestehen, dass man sich mit einer Berufung zum Künstler halt abfinden müsse. Die Kinder wachsen ab da getrennt voneinander auf, Björn zunächst beim Vater, Litta bei Tante Thekla und Michael kommt zu Großmutter Berta und später, ab 1931, in ein Schweizer Kinderheim.
Lale geht mit durchaus gemischten Gefühlen in die damals drittgrößte Stadt der Welt, glücklicherweise ist sie wohl zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Berlin wird für sie wie für viele andere junge Frauen das Sprungbrett aus der Anonymität. Sie studiert Rollen aus Texten von Ringelnatz, Tucholsky und Bert Brecht, besucht Kabaretts, Varietés, Kinos & Theater und das Romanische Café, holt im Sommer aber auch ihre Kinder zu sich und verbringt mit diesen die Zeit an den Berliner Seen.
Willi Schaeffers, u.a. Kabarettist, bietet ihr die Möglichkeit im Studio des "Kabaretts der Komiker" aufzutreten, wo er als Conférencier agiert. Das Studio ist quasi ein Talentschuppen, doch Schaeffers findet Lale zunächst nicht wirklich begabt, im Gegensatz zu den Rezensenten, die die Anfängerin als besonders - "mit eigener Note"-, eigenwillig, "norddeutsch-vernünftig" beschreiben. Auch als Interpretin "Brechtscher Stilart" erheischt sie Anerkennung. 1931 tritt sie im Kabarett "Ping-Pong", gerne im Matrosenanzug, auf, wo man sie sogar als "mitreißend" erlebt. Einmal wird ihr sogar Reinhardtsche Bühnen-Schulung unterstellt ( was wohl nicht Fakt ist ).
An ihrem 26. Geburtstag wird ihr das Scheidungsurteil zugestellt, noch heißt sie Lieselott Wilke, verdient ihr Geld mit Chansons im Radio, macht aber auch tolle Bekanntschaften, z.B. mit Lotte Lenya & Kurt Weill, Friedrich Hollaender, Blandine Ebinger,Ernst Toller, Erich Kästner, Walter Mehring, Hans Albers und Heinz Rühmann.
Sie geht mit einem explizit politischen Programm auf Gastspielreise, und ihre "schlichte, durch stereotype Gesten proletarisch betonte Vortragsweise" wird selbst in Zürich gerühmt, wo sie im "Cabaret Mascotte" auftritt. Auch als Schauspielerin reüssiert sie in der Hauptrolle in der Komödie "Der Strich durchs Zimmer". Drei Monate bleibt sie in der Schweiz, tritt in einem weiteren Schwank auf und kehrt erst nach einem Urlaub an der Côte d'Azur nach Berlin zurück, wo sie u.a. für "Mahagonny" engagiert wird - immer noch als Lieselott Wilke, immer noch "Nachwuchs, wie er gebraucht und gesucht wird." ( so ein Artikel in "Das Organ" ) Die Rolle ist recht bescheiden, aber sie singt mit ihren fünf Mitspielerinnen und Lotte Lenya den bis heute berühmten "Alabama-Song".
Während sie immer erfolgreicher wird, wird der Vater ihrer Kinder gepfändet, kann keine Alimente mehr zahlen und der älteste Sohn kommt ebenfalls in ein Kinderheim. Litta ist mit der inzwischen in der Schweiz verheirateten Tante Thekla zu deren gut situiertem Ehemann gezogen. Michael, vorübergehend bei seiner Mutter in Berlin lebend, wird ebenfalls wieder in einem Heim untergebracht. Nun liegt die ganze Last, für den Lebensunterhalt aufzukommen, auf der jungen Künstlerin.
Von links nach rechts: Norbert Schultze, Hans Leip, Rolf Liebermann (1957)
In Berlin lernt Lale den Pianisten Frank Norbert kennen - bürgerlicher Name: Norbert Schultze - der später als Komponist der erfolgreichen musikalischen Variante von "Lili Marleen" in die Geschichte eingehen wird. Er verehrt Lale ein kleines Chanson zu Walter Mehrings "Die kleine Stadt". Sie ist wohl seine erste Liebe, die ihn aber "sehr enttäuscht".
Meist tourt das "schmalhüftige Friesenmädchen" mit einer Mischung aus Großstadtlyrik und Matrosenliedern über Kleinkunstbühnen und findet damit großen Anklang.
Noch 1933 erhält sie ein Engagement am Schauspielhaus Zürich in der Revue "Höchste Eisenbahn" von Friedrich Hollaender, anschließend gastiert sie mit ihrem ersten eigenen Programm "Chansons 1933". Sie lernt in der Schweiz den Komponisten und späteren Hamburger Intendanten Rolf Liebermann, Schweizer Bürger, Neffe des berühmten Berliner Malers, Jude, fünf Jahre älter als sie, kennen. Liebermann vertont für sie Texte von Brecht, Ringelnatz, Kästner und anderen Autoren. Gemeinsam touren die beiden durch Schweizer Städte, Liebermann begleitet ihren Gesang am Klavier.
Erste Hälfte der 1930er Jahre
Er wird ihre große Liebe, aber sie kann sich nicht zu einer Entscheidung für ein Leben als Ehefrau an seiner Seite durchringen. An die Aufgabe ihres Berufes kann sie schon allein aus finanziellen Gründen nicht denken, Geldnot hat sie genug erfahren. Und einzig mit Auftritten auf Schweizer Bühnen kann sie die materiellen Bedürfnisse ihrer Familie nicht stemmen.
Inzwischen haben die Nationalsozialisten ja ihr judenfeindliches, undemokratisches Regime in Deutschland errichtet. Eine Entscheidung für eine Ehe & ein Bleiben in der Schweizerischen Eidgenossenschaft wird ihr schließlich die Schweizer Fremdenpolizei 1935 abnehmen, die sie als "zügellose Person" einstufen, die "in sittlicher Hinsicht kein einwandfreies Leben führt", und eine erneute Einreise ablehnen, auch, weil sie Mietschulden für ihre Wohnung in Zürich angesammelt hat.
Bis dahin können Lale & Liebermann, wie Liebespaare der Weltliteratur, nicht immer einfach zueinander finden. Im Sommer 1933 taucht Lale erst einmal ab, da keine Bühnenverpflichtungen: Mit Liebermann geht sie auf eine Reise nach Spanien, bevor sie im November wieder auf Schweizer Bühnen gefragt ist. Nach dem späteren Einreiseverbot können sie sich nur noch Briefe schreiben und stehen sich erst 1945 an der Grenze am Bodensee wieder gegenüber. Doch die Zeit kann man nicht ungeschehen machen.
Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten muss Lale, dem Frauenbild der Nazis entsprechend, den Matrosenanzug öfter mit einer Art Norwegerkleid vertauschen und ihre Haare "fraulich" ondulieren sowie ihre Textauswahl entschärfen.
Die "Maid von der Waterkant", so einer ihrer Kosenamen, nennt sich ab 1934 Lale Andersen und wird immer mehr auf das Fach der Seemannsbraut festgelegt. Veranstalter kündigen sie sogar als "Die Nordsee persönlich" an. Zunächst ergattert sie aber noch kleinere Rollen als Schauspielerin am Züricher Schauspielhaus und in den Münchner Kammerspielen ( "Ihr erster Mann", ein Schwank mit Heinz Rühmann ).
Zweite Hälfte der 1930er Jahre
Mit dem Singen hat sie allerdings mehr Erfolg: 1935 beginnt die "glückliche Simpl-Zeit" im Münchner Kabarett "Simplicissimus" des Theo Prosel in der Türkenstraße.
Die Auftritte der Dreißigjährigen bleiben aber weniger zahlreich als in den Jahren zuvor. Im Berliner Wintergarten kann sie noch mal im Matrosenanzug das Publikum als "Nordseekrabbe" begeistern. Immer häufiger ist sie im Radio zu hören. Doch optisch wird aus der kessen jungen Künstlerin eine brave, weiblich - mütterliche Sängerin, ganz im Geiste der herrschenden Ideologie.
Im "Simplicissmus" trägt sie auch zum ersten Mal 1937/38 die "Lili Marleen" vor, noch in der Vertonung von Rudolf Zink.
Ob sie der Nazi-Ideologie anhängt oder nur dem Druck des Geldverdienens nachgibt, ist schwer herauszubekommen. Sie selbst wird über sich später urteilen, dass sie "eine erschreckende Beziehungslosigkeit zum Zeitgeschehen" gehabt habe. Antisemitin ist sie sicher nicht, ist sie doch befreundet mit vielen jüdischen Menschen in Deutschland wie der Schweiz und hat vor der Machtergreifung eine Vorliebe für linke, oftmals jüdische Schriftsteller & Komponisten an den Tag gelegt. Über ihren Umgang mit der täglichen Ausgrenzung & Verfolgung wissen wir nichts. Aufgrund ihrer eigenen Lebensumstände kann sie dem nazistischen Frauenideal eigentlich nicht gerecht werden.
1938 CC BY 3.0 DE
Sie singt also weiter vom "Jungen an der Reeling", "Liebeslied am Hafen", "Backbord ist links", "Der kleine Seemann", aber auch "Einmal noch nach Bombay" und weitere Songs des Duos Leip/ Schultze, außerdem isländische, schwedische oder dänische Volksweisen, alles "fades Zeug", so Lale. Mit einem solchen Programm bestreitet sie Veranstaltungen der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der NSG "Kraft durch Freude", auch bei einem Empfang des Reichsorganisationsleiters der NSDAP bzw. NSG & der Arbeitsfront, Robert Ley. 1939 kommt bei Electrola das "Lied eines jungen Wachpostens/ Lili Marleen" in der Vertonung von Schultze als Schallplatte heraus - ohne große Resonanz! Lale selbst kann keinen rechten Gefallen an der ihr ungewohnten und ihrer Meinung nach unpassenden Melodie finden.
Bei ihren Auftritten wie im alltäglichen Leben begleitet sie zu dieser Zeit der gleichaltrige Pianist Carl Friedrich "Fritz" Pasche, mit dem sie mit ihren Kindern einen letzten kriegsfreien Sommer auf Norderney verbringt.
Für Lale wie Pasche beginnt 1940 die Zeit der sogenannten Fronttourneen, in ihrem Falle in Dänemark. Nach einer kleinen Unterbrechung im Berliner "Kabarett der Komiker" tritt sie 1941 dann auch vor deutschen Besatzungssoldaten in Bordeaux auf. Die kennen sie bereits aus dem Radio: Lale ist nämlich bekannt als eine Frau, die ein sehr sentimentales Liebeslied singt:
Am 19. April des Jahres, nach der Kapitulation der jugoslawischen Armee, ist der Soldatensender Belgrad auf Sendung gegangen. Ab August spielt er immer um 22 Uhr das "Lied eines jungen Wachtpostens/Lili Marleen". Bis dahin sind von diesem Titel lediglich 700 Platten verkauft gewesen - ein Ladenhüter! Eine davon befindet sich unter den ausgemusterten Platten aus Wien, mit denen der nur sechzig Platten umfassende Grundbestand des Radiosenders Belgrad aufgefrischt worden ist. Als dessen Leiter, ein junger Oberleutnant aus Wilhelmshaven namens Reintgen, den Titel absetzt, erntet er so was, was wir heute Shitstorm nennen. Daraufhin nimmt man den Titel wieder auf. Am Ende der Sendung "Wir grüßen unsere Hörer" erklingt jetzt immer die "Lili Marleen" und wird DAS Verbindungsglied zwischen Heimat & Front.
Der Sender wird überflutet mit bis zu zwölfeinhalbtausend Zuschriften pro Tag von Soldaten an allen Fronten, die ihre Liebsten zu Hause grüßen lassen wollen. Angeblich verstummen die Waffen, wenn Lales Stimme erklingt. Und das nicht nur bei den deutschen, sondern auch britischen Soldaten. Jeder singt das Lied in seiner Heimatsprache:
"Eine makabre Verbrüderung" wird der Sohn von Norbert Schultze später schreiben. "Hier zerschießen, verbrennen und vernichten sich gegenseitig und singen gleichzeitig dasselbe Lied."
Lale selbst bekommt erst einmal nicht mit, wie das Lied zur "Internationale" der Soldaten des Zweiten Weltkrieges wird, denn sie ist im Einsatz in Norwegen & Frankreich. Zurück in Berlin meint sie nur: "Kann der Wind erklären, warum er zum Sturm wird?" Der Preis für sie: Nun ein Weltstar, rückt sie gleichzeitig allerdings ganz in die Nähe des verbrecherischen Regimes in Deutschland.
John Steinbeck, amerikanischer Kriegsberichterstatter & späterer Nobelpreisträger, erklärt den Erfolg des Liedes so:
"Die Wirkung der Lili Marleen liegt in der Dreieinigkeit von Stimme, Text und Musik, sie ruft - wie ein modernes Mysterium - diese weltweite Massenpsychose hervor." (Quelle hier)
1942
"Lili Marleen" wird der erste deutsche Millionenseller und erscheint in über fünfzig Sprachen auf Platte. Bloß mit den Tantiemen für Leip und Schultze wird es nicht so dolle: Als "Feindvermögen" sind sie im Ausland eingefroren. Lale selbst kann sich eine großzügige Wohnung am Kurfürstendamm 92 leisten und mit ihren Söhnen zusammen wohnen, von Fotografen & Journalisten belagert, mit Auftrittsanfragen aus ganz Europa überschüttet.
Doch dann verstummt Lale Andersens Stimme:
Im April 1942 ist sie zur "Berliner Künstlerfahrt" in die "Ostdeutschen Protektorate", auch zum Besuch des Warschauer Ghettos, abkommandiert, vom Vizepräsidenten der Reichskulturkammer Hans Hinkel organisiert. Der drangsaliert wohl die Sängerin, die ihn ohrfeigt und sich in den Zug nach Hause setzt ( "Entfernung von der Truppe"! ).
Dort kann sie noch einen "Lazarett-Einsatz" in Italien bei der zuständigen Behörde durchsetzen. Im Oktober 1942 wird sie am Brenner, aus Italien heimkehrend, festgenommen. Sie darf, so Anweisung von Hinkel, nicht mehr künstlerisch tätig sein. Vorgeworfen werden ihr ihre brieflichen Kontakte zu jüdischen Emigranten in der Schweiz, die "politisch unwürdig & pornographischen Inhalts" sind. Gleichzeitig wird eine Pass- & Ausreisesperre verhängt. Die Presse wird angewiesen, sie nicht mehr zu erwähnen und keine Fotos mehr von ihr zu zeigen. Goebbels, eben noch hingerissen von dem Lied, verunglimpft "Lili Marleen" nun als "Schnulze mit Totentanzgeruch".
Ihrer Lebensgrundlage beraubt und voller Angst vor der Gestapo und dem Konzentrationslager, versucht sie sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Ihre Wirtschafterin findet sie, Pasche bringt sie ins Krankenhaus und ihr wird dort der Magen ausgepumpt. Nichts geht mehr, da strahlt die BBC einen Beitrag aus, unterlegt mit "Lili Marleen":
"Ist es ihnen aufgefallen, dass sie dieses Lied schon lange nicht mehr gehört haben? Warum wohl? Vielleicht deshalb, weil Lale Andersen im Konzentrationslager ist?"
Das Propagandaministerium dementiert prompt und beschuldigt die BBC der "Fakenews". Am 15. Mai 1943 genehmigt selbiger Herr Hinkel Lales künstlerische Betätigung unter bestimmten Bedingungen, darunter das Singen des Liedes und den Kontakt zu Radio Belgrad zu unterlassen sowie Auftritte im Rundfunk oder vor Soldaten & staatlichen Veranstaltungen.
Langeoog - Luftbild der Briten
Schon einen Monat später steht Lale in Dresden wieder auf der Bühne. Mit Pasche tourt sie durch Deutschland - Hamburg, Jena, Baden-Baden Frankfurt/Main und mehr. 1944 kommt es zum Zerwürfnis mit Pasche. Auch sonst wird es schwer aufzutreten; der Krieg fordert Opfer unter den Musikern & den Veranstaltungsräumen, Bahnhöfe & Eisenbahnlinien sind nicht mehr nutzbar. Schließlich bringt die Sängerin sich mit ihrem jüngsten Sohn auf Langeoog in Sicherheit, wo sie in einer Wehrmachtsbaracke in den Dünen wohnt.
Die englischen Eroberer finden es aufregend, "the Original Singer of Lili Marleen" auf der Insel anzutreffen. Im Juni gibt es dort dann auch schon ein Konzert für deutsche & kanadische Verwundete. Dann kommt Lale in Hamburg bei einer Freundin unter und nimmt ihre Bühnenauftritte zunächst in der britischen Besatzungszone wieder auf. 1947 darf sie ihre Tätigkeit auch auf die amerikanische Zone ausweiten.
Zollikon 1949
Der Schlager als Stimmungsaufheller & Verdrängungsinstrument ist gefragter denn je. Aber es gibt keine funktionierenden Produktionsstätten für Schallplatten mehr. Deshalb reist Lale wieder in die Schweiz, um für die Decca zwei Titel aufzunehmen. Dort lernt sie 1948 den zehn Jahre jüngeren Schweizer Komponisten Artur "Turi" Beul kennen. Während der Plattensession darf sie "das mittlere Zimmer im oberen Stock" seines Hauses in Zollikon bewohnen.
Schon am 15. Juni 1949 heiraten sie. Für den in der Schweiz als Komponist für lokale Musikgrößen bekannten Musiker ergibt sich die Möglichkeit, als solcher über sein Heimatland hinaus bekannt zu werden, indem er auch Lieder für Lale schreibt, darunter "In unserem Garten blühen Rosen" oder "Wenn Kornblumen blühn".
Diese Ehe "schließt eine Aufwertung für beide Seiten mit ein", so Gisela Lehrke, und sie wird auf dem Papier bis zu ihrem Lebensende bestehen bleiben. Lale erhält die Schweizer Staatsbürgerschaft und wirtschaftliche Sicherheit dank günstiger Steuerbedingungen. Die Musikaufnahmen findet Gisela Lehrke eher "peinlich", wenn man sie mit Lales Vorkriegsauftritten vergleicht.
Sie ist ja eine Ausnahmeerscheinung unter den Schlagerstars des Wirtschaftswunders, da mit "Lili Marleen" international bekannt, allerdings auch unwiederbringlich festgelegt. Auch ist sie schon recht alt ( 47 ), als sie mit "Blaue Nacht am Hafen" ein Comeback feiern kann. Ihre Kolleginnen sind hingegen um die Zwanzig, Conny Froboess gar keine zehn Jahre alt
1958 versucht Lale an der deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix Eurovision de la Chanson ( ESC ) teilzunehmen - ohne Erfolg. Das ändert sich erst 1961, nachdem sie mit der deutschen Coverversion des Schlagers "Ta pedia tou Pirea/ Ein Schiff wird kommen" - von Manos Hadjidakis aus dem Kinofilm "Sonntags… nie!" mit Melina Mercouri -in der deutschen Hitparade bis auf Platz 1 vorrücken kann und mit dem "Silbernen Löwen" von Radio Luxemburgausgezeichnet wird. Sie nimmt abermals - nun mit dem Lied "Einmal sehen wir uns wieder" - in der deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix teil, gewinnt und vertritt Deutschland im Wettbewerb in Cannes. Dort bleibt ihr Platz 13 unter 16 Teilnehmern...
Neben Tourneen & Reisen, auch über den großen Teich, hat sie inzwischen mit ihren Liedern und Schlagerneine feste Heimat in zahlreichen Fernsehsendungen und -shows, darunter in der beliebten "Haifischbar", der Unterhaltungssendung des NDR bis 1979, in der Lale neun Mal zu Gast ist. Ein allerletzter Auftritt ist hier ab Minute 3:45 zu sehen.
Der Regisseur Truck Branss dreht mit ihr 1964 ein Porträt in Musik. 1970 wird er ein weiteres musikalisches Porträt ihrer Wahlheimat Langeoog mit ihr aufnehmen, in dem sie plattdeutsche Lieder vorträgt. 1968 spielt die Sängerin im Fernsehkrimi "Einer fehlt beim Kurkonzert" ( Regie: Jürgen Roland) die mutmaßliche Täterin. 1971 wirkt Lale in Peter Zadeks "Der Pott" nach dem Theaterstück "Der Preispokal" von Sean O'Casey mit, indem sie ein eigenwilliges Antikriegslied singt: "Tragt sie sanft (Die Kugel)".
Sie scheint fast hyperaktiv, auch noch bei ihrer Abschiedstournee 1966/67 durch alle Großstädte und viele kleine Städte Deutschlands. Was keiner weiß: Dass sie schwer krank ist. Nicht einmal der Tochter oder guten Freunden gegenüber gibt sie es zu: Sie schreibt von Leberentzündung und einer der Gallenwege. Strengste Diäten sowie zahlreiche Klinik- & Kuraufenthalte und Blutübertragungen sind notwendig. Und obwohl die Abstände zwischen den lebensrettenden Infusionen immer kürzer werden, schont Lale sich wenig und bewältigt weiter ein großes Pensum: Bühnengastspiele, Schallplattenaufnahmen, Fernsehauftritte. Dafür wird sie stark geschminkt, damit die gelbe Gesichtsfarbe nicht durchscheint, oder die Kameras bleiben dezent auf Abstand, um ihr schlimmes Aussehen nicht zu offenbaren.
Buchvorstellung (1972)
Sie selbst macht sich keine Illusionen. Sie macht sich ans Schreiben ihrer Erinnerungen - das beschäftigt sie mehr als alles andere, denn sie will das Buch "Der Himmel hat viele Farben" um jeden Preis abschließen. Als sich ihr Leben dem Ende zuneigt, sagt sie gegenüber ihrer Freundin Ilse Werner: "Ich komme mir wie ein Schwimmer vor, der das andere Ufer vor sich sieht. Ich muß es noch schaffen, ich muß es erreichen."
Das Buch erscheint 1972 und wird in Bremerhaven vorgestellt – nur ein paar Wochen vor ihrem Tod. Am 29. August 1972 stirbt Lale Andersen im Alter von 67 Jahren während einer Lesereise in einer Privatklinik in Wien an den Folgen ihrer Leberkrebserkrankung.
Vorher hat Rolf Liebermann der Schwerkranken noch nach Wien geschrieben: "Ich hab Dich schon wahnsinnig geliebt. Ich spür's jetzt wieder." Zwei Jahre zuvor, zu seinem 60. Geburtstag, hat sie ihn und ihre gemeinsame Zeit in einer Festschrift der Hamburger Staatsoper noch einmal gewürdigt.
In Wien wird sie kremiert, ihre Asche Ende September 1972 nach Langeoog überführt mit dem Schiff "Lili Marlen", das sie noch im Mai getauft hat. Sie hat verfügt, dass das Lied, welches Millionen von Menschen Trost verschafft hat, nicht gespielt wird. Dem wird freilich nicht entsprochen: "Die Kirche war voll und dann fing der Organist an und spielte: Lili Marleen", erinnert sich ihr Sohn Michael.
1981 verfilmt Rainer Werner Fassbinder Lales Biografie recht frei unter dem Titel "Lili Marleen" mit Hanna Schygulla in der Hauptrolle und Giancarlo Giannini als "Mendelsson" ( Liebermann ). Der Spiegel schreibt: "ein Film, der aussieht, als hätte ihn Zarah Leander erdacht und Hermann Göring ausgestattet."
Heute erinnert eine Straßenlaterne an der Lutherstraße in Bremerhaven, die von der Bundesmarine in Eigenarbeit restauriert worden ist, an Lale Andersen und ihren Welterfolg, in dem es heißt: "Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, steht eine Laterne...". Wer kann diese Zeilen und diese Bremerhavenerin vergessen?
Sie faszinieren mich ja schon, solche Abenteurerinnen wie Clärenore Stinnes, Nellie Bly, Gertrude Bell oder Isabelle Eberhardt. Doch in meinem jetzigen Alter macht mir das alles eher Angst. Dafür muss frau wohl so jung sein wie meine heutige Protagonistin mit dem klingenden Namen Aloha Wanderwell...
"I don’t know which was worse,
the angry elephants or the snakes."
Aloha Wanderwell erblickt das Licht der Welt, die sie später "erobern" wird, am 13. Oktober 1906 in Winnipeg, Manitoba, Kanada. Da heißt sie noch Idris Galcia Welsh und ist das Kind von Margaret Jane Hedley, die einige Jahre zuvor aus Durham in England nach Kanada gekommen ist, und Robert Welsh. Sie wächst zunächst auf in der Stadt Salmon Arm in British Columbia.
Der Vater stirbt schon zwei Jahre nach ihrer Geburt und ihre 31jährige Mutter heiratet 1909 ein weiteres Mal und zwar den britischen Armeereservisten Herbert Cecil Victor Hall, neun Jahre jünger als sie, der mit einem nicht unerheblichen Erbe aufgrund seiner Zugehörigkeit zum englischen Landadel in Yorkshire ebenfalls nach Kanada gekommen und nun als Rancher, Bauunternehmer & Grundstücksspekulant in North Vancouver sein Glück gemacht hat. Den wird das Mädchen lange für seinen leiblichen Vater halten.
Als Achtjährige mit Schwester und Stiefvater in Qualicum Beach (1914)
Aloha verbringt ihre Kinderzeit in Qualicum Beach an der Ostküste von Vancouver Island, wo der Vater vierzig Hektar Uferland gekauft hat. Später wird sie in einem Internat in Victoria untergebracht.
Es wird erzählt, die Reisegeschichtensammlung ihres Vaters habe wohl das Interesse des Mädchens an unbekannten Winkeln der Erde geweckt. Idris, ein sogenannter tomboy, liebt es auch, zu Schallplattenaufnahmen Hula zu tanzen und die Aufmerksamkeit der Erwachsenen auf sich zu ziehen. Das bringt ihr den Spitznamen "Aloha" ein.
Der Erste Weltkrieg macht jeglichen Gedanken an ein normales Familienleben an der Westküste von British Columbia zunichte. Herbert Hall, der unbedingt seinen Teil zum Kriegserfolg beitragen will, schließt sich der "Canadian Overseas Expeditionary Force" an und reist im Sommer 1915 auf einem Truppenschiff nach England. Dort wird er der "Durham Light Infantry" zugeteilt.
Wie es mit Aloha, ihrer Mutter & Schwester weitergegangen ist - darüber gibt es unterschiedliche Versionen: Es heißt, dass Margaret mit ihren Töchtern nach London zieht, um dort auf das Kriegsende zu warten. Es heißt auch, dass sie Aloha auf eine Mädchenschule auf Vancouver Island zurückschickt, als klar ist, dass aus der kurzen Übung, "den Bosch zu besiegen", nichts werden würde. Es wird ebenso erzählt, dass die Mutter die Zwölfjährige alleine ohne Begleitung mit der Bahn und einem Ozeandampfer aus ihrem Internat in Kanada nach England habe kommen lassen, nachdem Herbert Hall seit der letzten Schlacht bei Ypern in Belgien 1917 vermisst wird. Was Fakt zu sein scheint:
(ohne Jahr )
Die untröstliche Margaret Hall kann nicht glauben, dass ihr Mann wirklich gestorben ist. Und so nimmt sie ihre Töchter nach Kriegsende mit nach Belgien, wo sie Militärakten studiert und Schlachtfelder nach Hinweisen auf sein Schicksal durchforstet. Die beiden bringt sie derweil bei den Benediktinerinnen in der Klosterschule "Soeurs du Saint-Sacrement" in Kortrijk unter.
Aloha geht der streng religiösen Obrigkeit dort ziemlich auf die Nerven. ( Heute hätte man einen wohlwollenderen Blick auf ein Kind, dessen Vater gerade gefallen ist. ) Das Mädchen hat einfach auch andere Vorstellungen, als sich zu einer bürgerlichen Debütantin mit guten Manieren schulen zu lassen. Wahrscheinlich brodelt da schon in ihr auch der unstillbare Durst nach Abenteuern, besonders angeregt durch ihren Lieblingsautor Jack London, aber auch von W. H. G. Kingston, Rudyard Kipling, Edgar Rice Burroughs. Sie sehnt sich "mit den Winden des Himmels um den Kopf zu schlafen und zieht das Sternenzelt und den Mond des Mittelmeers den staubfangenden, luftabweisenden Vorhängen der Schulmöblierung vor". Das schreibt sie in Ihr Tagebuch in Nizza, ihrer nächsten Station.
Ihr ruheloser Geist wird dafür verantwortlich gemacht, dass sie auch dort mit ihren Erzieherinnen im Chateau Neuf ständig im Clinch liegt. Das ist eine Privatschule, die von zwei älteren Damen mit, wie Aloha sie später beschreiben wird, "glühenden royalistischen Ansichten" geleitet wird. Das mittlerweile 1,82 Meter große Mädchen, das sich später selbst als „Wildfang" beschreiben wird, erträgt die harte, charakterbildende Disziplin dort kaum.
Immerhin lernt sie in Nizza bei einem schneidigen alten Kriegshelden das Autofahren. In ihren Memoiren "The Driving Passion" erinnert sie sich später an diese Zeit in seinem kirschroten Peugeot und an das Gefühl, "wie die Enge eines Autos, sein beruhigendes Schnurren und seine Bewegung ein außergewöhnliches Gefühl der Isolation und Intimität erzeugen."
Im Jahr 1922, als sie 16 Jahre alt ist, fällt ihr die Riviera-Ausgabe des "Paris Herald" in die Hände und darin eine Anzeige ins Auge, die maßgeschneidert für sie zu sein scheint:
"Brains, Beauty & Breeches – World Tour Offer For Lucky Young Woman… Wanted to join an expedition… Asia, Africa…"
Aufgegeben hat diese Annonce ein gewisser Walter "Cap" Wanderwell.
Walter Wanderwell selbst ist das Produkt einer Autopoiesis (Selbstschöpfung): Ursprünglich als Valerian Johannes Piecynski am 27.11.1897 in Toruń ( Polen ) geboren, hat er einen neuen Namen angenommen und eine passende, gekaufte Militäruniform angezogen, nachdem er seinen Liegeplatz auf einem Dampfschiff bei der Ankunft in Baltimore verlassen hat, um sich auf eine Wanderreise durch die Vereinigten Staaten zu begeben. Während des Ersten Weltkriegs ist er als mutmaßlicher deutscher Spion in einem US-Bundesgefängnis inhaftiert.
1918 gründen er und seine Frau den "Work Around the World Educational Club" (WAWEC), der als hehrer Versuch angepriesen wird, den Weltfrieden, den neu gegründeten Völkerbund zu fördern und den Militarismus unter Kontrolle zu bringen - immer unter Ausnutzung des neuen Mediums "Film".Anfang der 20er Jahre macht er mit einer Million-Dollar-Wette Schlagzeilen – einem von Ford gesponserten Autorennen rund um die Welt. 1922, nach der Scheidung von seiner Frau, kommt der Glücksspieler & außergewöhnliche Promoter mit missionarischen Ambitionen zur Vorführung seines neuesten Reisefilms nach Nizza. Dort sucht er sowohl ein weibliches Gesicht für seine neueste Expedition als auch jemanden, der fließend Französisch sprechen kann, dazu Autofahren, Sekretärsarbeiten sowie das Filmen übernimmt.
1922
Mit ihren blonden Locken, den Lippen einer Kewpie Doll und ihrer stattlichen Größe könnte Aloha selbst ein Geschöpf Hollywoods sein ( sie ist eine begeisterte Leserin von "Screenland", einem seit 1920 monatlich erscheinenden amerikanischen Filmmagazin ). Besonders ihr Publicity-Foto, auf dem sie frech und selbstbewusst an einem Ford Model T lehnt, scheint ihren Träumen vom Berühmtwerden entsprungen zu sein. Natürlich beißt sie sofort an, als sie die Anzeige liest. Doch sie ist gerade mal sechzehn Jahre alt, und ihre Mutter noch ihr Vormund. Mit einem Anflug jugendlicher Rebellion, vor allem ihrer immer schon virulenten Abenteuerlust, setzt sie diese schachmatt.
Als Wanderwell, auch ein Meister der Manipulation und des Spektakels, sich bereit erklärt, gesetzlicher Vormund des Mädchens zu werden und ihr ein Rückflugticket nach Hause zu besorgen, falls sie eines braucht, willigt Margaret Hall ein, ihre Tochter an der Expedition teilnehmen zu lassen. Wanderwell macht aus Idris Hall auch Aloha Wanderwell, und sie wird bald - eingekleidet in eine Militärjacke, Reithosen mit Sam Browne-Ledergürteln und Reitstiefel, um Professionalität zu vermitteln - zum optischen Aufhänger, zum Star seiner neuen Unternehmung.
1922 führt auch Walter Wanderwells Ex-Frau Nell Miller ein konkurrierendes 4-köpfiges Team zwecks weltumspannender Expedition in einem Ford Modell T an. Solche Expeditionen werden durch den Verkauf von Flugblättern und Souvenirkarten, bezahlte Vorträge und die Vorführung von Filmen finanziert, die unterwegs gedreht und entwickelt werden. Die noch erhaltene Korrespondenz deutet darauf hin, dass das Team erhebliche finanzielle und logistische Unterstützung durch Henry Ford, die Vacuum Oil Company ( später Mobil Oil, Teil der Standard Oil-Gruppe ) und anderen Agenturen erhalten hat, die das Werbepotenzial der Expeditionen ausnutzen.
Von "Cap" lernt Aloha alsbald, was zu tun ist, wie es zu tun ist, was zu sagen ist und wie es zu sagen ist: Sie wird also in den Bereichen Sponsoring und Verkauf von ihm geschult, sie erhält Schulungen in Bühnenpräsenz und im Vortragen von Kommentaren für die Filme, die zunächst er unterwegs dreht und der Öffentlichkeit vorführt. Und schließlich lernt auch sie, wie man eine Filmkamera bedient inklusive Schnitttechnik und mit der Mechanik eines Autos umgeht. So wird der Teenager bald auch ein wichtiges Rädchen in der Maschinerie des Wanderwell-Zirkus.
Unter ihrem neuen Namen und in der offiziellen Uniform der Expedition bricht Aloha am 29. Dezember 1922 von Frankreich aus zu ihrer ersten Autoreise auf, die erst im Januar 1927 enden wird. Vorher hat schon eine andere Frau, Harriet White Fisher, in den Jahren 1909–1910 eine solche Reise unternommen, aber sie hat einen Chauffeur gehabt und ist nicht selbst gefahren. Bis Dezember 1923 wird die Wanderwell Expedition in ihren, den eigenen Bedürfnissen angepassten Automobilen vom Typ "Modell T" Europa, speziell Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland, Polen durchqueren.
Eine grobe Karte der Wanderwell-Expedition, 1922-1927
Die Ford-Parade reist anschließend 1924 durch den Nahen Osten, Ägypten, Pakistan, Indien - Aloha ist die erste Frau, die Indien mit dem Auto durchquert -, Kambodscha, wo sie Ankor Wat bestaunen, und weiter nach Singapur, Hongkong und Shanghai. Sie fahren durch Tientsin ( heute Tianjin ), Peiping ( Peking ) und Mukden ( Shenyang ) in China, bevor sie Visa für die Reise nach Sibirien bekommen, wo Aloha als "erste Demoiselle, die ein Auto nach Sibirien steuerte" bezeichnet und Ehrenoberst der Sowjetarmee wird. Nach Russland besuchen sie Japan, und dann segelt die Wanderwell-Expedition nach Nordamerika.
1924 kreuzen sich ihre Wege sogar mit fünf amerikanischen Fliegern, die versuchen, als erste die Welt zu umrunden, und Aloha filmt ihr Treffen. 1926 reisen die Wanderwells durch Kuba, Kanada und den Nordosten der Vereinigten Staaten, bevor sie nach Südafrika segeln, wo Aloha ihre Mutter und ihre Schwester trifft.
43 Länder werden es zum Schluss sein, und Aloha die erste Frau, die, selbst am Steuer, die Welt in einem Automobil umrundet hat, ein Status, der von der Organisation "Guinness-Buch der Rekorde" unterstützt wird.
Alohas Mut und Entschlossenheit stehen außer Zweifel. Sie trotzt nicht nur den Elementen, sondern auch den gesellschaftlichen Erwartungen: Hier ist eine junge Frau, die sich den Zwängen ihrer Zeit widersetzt und die Geschichte der Entdeckungsreise neu schreibt.
Doch die Kehrseite gibt es auch. Technische Schwierigkeiten sind da wohl das geringere Übel: Aloha muss zerdrückte Bananen einsetzen, um das Differential zu schmieren, Elefantenfett als Motoröl und Kerosin als Benzin zum Beispiel. 1923 leidet die psychische Gesundheit Walter Wanderwells, und es erfolgt eine Einweisung in eine Anstalt in Genf. Während der Durchquerung der Sahara ist Aloha und ihr Team mindestens in ein Feuergefecht mit arabischen Freischärlern verwickelt.
Links: mit Schauspieler Maurice Chevalier 1924 in Ägypten, rechts: 1927
Die US-Behörden treten wegen möglicher Verstöße gegen den "Mann Act" ( der Transport von Frauen über Staatsgrenzen zu unmoralischen Zwecken) in Erscheinung, und Walter droht eine Inhaftierung. Dem entgeht er, indem sie am 7. April 1925 Aloha in Los Angeles heiraten. Tochter Valri wird schon im gleichen Jahr in Miami, dem Zentrum der WAWEC, geboren. Und 1926 verschwindet Aloha aus der Expedition während der Tour durch Massachusetts. Sie taucht einige Tage später in Miami wieder auf und behauptet, sie habe Walter eine Nachricht hinterlassen, um ihr Verschwinden zu erklären. Es könnte mit einer weiteren Schwangerschaft zusammenhängen, denn Sohn Nile kommt 1927 in Kapstadt zur Welt. Den übernimmt Alohas Mutter im Alter von drei Wochen, damit seine Eltern durch Simbabwe, Mosambik, Tansania, Uganda und Kenia reisen können, wo Aloha am 13. Oktober 1927 in Nairobi ihren 21. Geburtstag feiert. Das Cross-Dressing mit einer Militäruniform wird durch die Schwangerschaften offensichtlich zum Problem: Aloha trägt bei ihren Auftritten Korsetts, um "ihren Zustand" zu verbergen.
Die junge Frau ist eine meisterhafte Geschichtenerzählerin. Das gilt nicht nur für ihre Expeditionsberichte, sondern auch für die Schilderung ihres Lebens. Sie wird ihre eigene Geschichte überarbeiten, Fakten über ihr Privatleben manipulieren und Tagebucheinträge, z.B. über die Genf-Episode, später verschwinden lassen.
Der Film, der all diese Reisen dokumentiert - "Mit Auto und Kamera um die Welt" - hat 1929 Premiere. Auf der Leinwand strahlt Aloha Starqualitäten aus und begeistert ihr Publikum mit ihren Geschichten von unterwegs.
Im Jahr 1930 reisen "Cap" und Aloha nach Brasilien - Aloha hat inzwischen gelernt, ein Wasserflugzeug der Marke "Junker" zu fliegen - und besuchen die Region Mato Grosso, um nach dem verschollenen britischen Entdecker Percy Fawcett zu suchen. Auf einem Flug von ihrem Standquartier ins Innere des Amazonas-Regenwalds muss ihr Flugzeug wegen Treibstoffmangels eine Notlandung auf dem Paraguay-Fluss machen. Das Paar muss sich trennen. Aloha bleibt im Gebiet des Bororo-Stammes.
Im Laufe der nächsten sechs Wochen, die sie festsitzt, freundet sie sich mit den Menschen an und filmt deren Kultur und ihr tägliches Leben. Es werden die ersten Filmaufnahmen von diesem Stamm. Das Filmmaterial zeigt Bororo, die Kanus bauen, jagen, kochen, tanzen und sogar von bösen Geistern besessen sind und in Raserei verfallen. Alohas "Erzählung" mag für heutige Zuhörer unsensibel klingen, aber sie schlägt sich auch auf ihre Seite, als die Bororo ins Landesinnere fliehen, um der Sklaverei auf den Kautschukplantagen zu entkommen.
Nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten schneidet sie aus ihrem Material einen 32-minütigen Stummfilm "The Last of the Bororos", der bis heute Teil der anthropologischen Filmbibliothek der "Smithsonian Institution" ist. Ein weiterer Film über diese Reise - "The River of Death" wird in der "Library of Congress" aufbewahrt. Spuren der vermissten Expedition findet sie nicht, aber die Filme begründen Aloha Wanderwells Ruf als eigenständige Dokumentarfilmerin.
Nach der Brasilien-Expedition kehrt das Paar nach Los Angeles zurück, hat sich jedoch ehemäßig einander entfremdet. Aloha lebt und arbeitet in der Stadt an ihrem Film, "Cap", ein lebenslanger philanderer (Schürzenjäger) und während der Prohibition mutmaßlicher Alkoholschmuggler, auf einem Schoner namens Carma, 28 Meilen südlich in Long Beach. Er hofft, das ersteigerte Schiff reparieren und anschließend mit Aloha nach Tahiti segeln zu können.
"Man sollte meinen, dass jemand, der 380.000 Meilen zurückgelegt, sechs Kontinente durchquert und über 50 Länder bereist hat, genug Drama in seinem Leben erlebt hätte", meint Sandy Levins an dieser Stelle. Doch es geht immer noch mehr:
In der Nacht des 5. Dezember 1932, als die "Carma" im Hafen von Long Beach vor Anker liegt mit den beiden Kindern an Bord, während Aloha in Hollywood in letzter Minute noch Filmverträge abschließt, schleicht sich jemand in grauem Mantel auf den Schoner und schießt dem Karten studierenden Walter Wanderwell in den Rücken. "Globe-Girdling Husband of Winnipeg Woman Found Dead" lautet die Schlagzeile in den Medien von Alohas Heimatstadt.
"Die Liste möglicher Mörder mit einem Motiv hätte Agatha Christie den Kopf verdreht", meint Randolph Eustace-Walden, der später einen Dokumentarfilm & ein Buch über Aloha veröffentlichen wird. "Dazu hätten Ehemänner, Freunde, sitzengelassene Frauen, sitzengelassene Geschäftspartner, ein Agent einer ausländischen Macht, Schurkenpolizisten und Aloha selbst gehören können."
Bei Gericht (1933)
Zwei Personen werden festgenommen: Edward Eugene Fernando Montagu, Geldtransferunternehmer und zweiter Sohn des Herzogs von Manchester, und William James Guy, ein walisischer Glücksritter, der später für Kaiser Haile Selassie gegen die Italiener in den Krieg ziehen wird. Der ist Teilnehmer an der letzten Expedition der Wanderwells gewesen, angeblich um sein Geld betrogen worden und ein Techtelmechtel mit Aloha betrieben haben und damit die Ehe ruiniert.
Die soll während des Prozesses etwas zu freundlich ihm gegenüber aufgetreten sein, ist er doch des Mordes an ihrem Ehemann angeklagt. Gerüchte - in dieser Szene sowieso reichlich blühend - werden dadurch weiter befeuert. Der Prozess löst also einen Medienrummel aus.
Schließlich wird Guy von der Jury freigesprochen. Beide verdächtigten Männer geraten unter die genaue Beobachtung von J. Edgar Hoover und seinem FBI, und Guy wird später abgeschoben. Der Ruf von Walter Wanderwell als zwielichtiger Betrüger bleibt nachhaltig erhalten.
Aber auch Alohas in den Zwanziger Jahren aufgebautes Star - Renommee ist hin, zumal sie alsbald, am 26. Dezember 1933, in einer einfachen Zeremonie in Gretna ( Louisiana ) Walter Baker heiratet, einen ehemaligen Tankwart, acht Jahre jünger als sie, den sie bei einem ihrer Vorträge in Laramie ( Wyoming ) kennengelernt hat.
Heirat mit Walter Baker (1933)
Ihrem Film "The River of Death" verschafft das alles die nötige Publicity. Das hat die gerade mal 27jährige von ihrem Meister gelernt, diese sensationelle Publizität rund um seine Ermordung umgehend für die Veröffentlichung und Werbung zu nutzen. Geld hat sie nötig, hat er ihr doch nur 1.500 Dollar hinterlassen – nicht annähernd das, was eine frisch verwitwete Mutter von zwei Kindern braucht, um eine Familie zu ernähren.
Mit Walter Baker wird sie ab da im Verlaufe ihrer über 60 Jahre dauernden Ehe u.a. Neuseeland, Australien, Hawaii, die Philipinen, Indien, Kambodscha und Indochina bereisen und weitere Filme produzieren, zunächst "To See the World by Car" (1937), ein stilistisch ausgefeilter Film, der jedoch einige Aufnahmen, die während Alohas früherer Expedition gemacht worden sind, recycelt. Ihre Kinder bleiben währenddessen bei ihrer Mutter, in Foster-Heimen bzw. später bei ihrer Tante Miki.
Aber die Politik im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs entwickelt sich mehr und mehr zu einem ernsthaften Abschreckungsmittel für filmerische Expeditionen. Aloha verfasst deshalb 1939 erst einmal ihre Memoiren "Call to Adventure!" und lässt sich mit ihrer Familie in Cincinnati ( Ohio ) nieder, wo sie im Radio- und Printjournalismus Fuß fasst. Sie hält weiter Vorträge, immer in voller Expeditionsausrüstung, einen ledernen Fliegerhelm lässig über eine zusammengerollte Decke geworfen. Und sie weiß ihre Zuhörer zu faszinieren, während hinter ihr körnige, stumme Reiseberichte in Schwarzweiß laufen.
"Australia Now" ( 1940-44) und "India Now" ( 1942-44 ) entstehen dann in Zusammenarbeit mit lokalen Regierungen und Unternehmen und nutzen das Filmmaterial dieser Institutionen. "Victory in the Pacific" (1945), "My Hawaii" (1949) und "Magic of Mexico" (1950) werden unter ähnlichen Bedingungen produziert.
Auf Lido Isle (1949)
In der Nachkriegszeit drehen Aloha und Walter Baker "Explorers of the Purple Sage" (1945), der die Flora und Fauna von Wyoming mit Szenen von Rancharbeit, Reiten und einem Wildpferdeauftrieb zeigt. Der Technicolor-Film nutzt die neueste Technologie und enthält das einzig bekannte Filmmaterial von "Desert Dust", einem legendären wilden Palomino-Hengst, der bis dahin nicht gefangen werden kann.
1947 ziehen sich Aloha und ihr zweiter Ehemann in die Gemeinde Lido Isle in Newport Beach, Kalifornien, zurück, wo sie den Rest ihres Lebens verbringen werden. Sie konzentriert sich nun nach dem Abschluss ihrer letzten Filmarbeiten auf die Bewahrung und Förderung ihres Erbes. Bereits 1931 haben Aloha und Walter Wanderwell ihre persönliche Geschichte in Hollywood präsentiert, in der Hoffnung, dass sie als Spielfilm aufgegriffen würde - leider ein Flop.
Aloha rechts (1983)
Aloha weiß dennoch um die Bedeutung ihres Platzes in der Geschichte, vor allem aber auch um die historische Bedeutung dessen, was sie auf Film festgehalten hat, bevor der Tourismus kommerzialisiert worden ist. Der Anblick der Automobile ihrer Expeditionen, die Dschungelstraßen entlang rasen oder an den Pyramiden Ägyptens vorbei oder sich langsam eine Rampe zur Chinesischen Mauer hinaufarbeiten, wirken geheimnisvoll & faszinierend. Aloha sorgt dafür, dass diese, ihre umfangreiche Sammlung von Filmen, Fotografien, Tagebüchern, Briefen und Artefakten in einer Reihe von Museen und Archiven in den Vereinigten Staaten verteilt wird.
1982 tritt sie ein letztes Mal im Natural History Museum in Los Angeles vor ein Publikum, bestehend insgesamt 150 Familienmitgliedern, Gästen und Kuratoren. Sie fragt die Zuschauer, wie sie reisen. Nachdem die geantwortet haben "Mit dem Auto und mit dem Flugzeug", reagiert sie mit "Oh, dann seht euch das an!“ und präsentiert die Aufnahmen ihrer Autoreisen, bevor es Autobahnen gegeben hat und kommerzielle Fluggesellschaften noch in den Kinderschuhen gesteckt haben.
Am 3. Juni 1996, nur ein Jahr nach ihrem Ehemann, stirbt Aloha Wanderwell, "das meistgereiste Mädchen der Welt", fast 90jährig, in ihrem Zuhause in Newport Beach, am Ende in relativer Unbekanntheit.
"Wenn man 'erste Frau, die um die Welt fuhr' googelte, fand man ihren Namen nicht", sagt Christian Fink-Jensen aus Victoria, der mit Randolph Eustace-Walden aus Vancouver 2016 das Buch "Aloha Wanderwell: The Border-Smashing, Record-Setting Life of the World’s Youngest Explorer" veröffentlicht.
Eustace-Walden hat die bizarre Geschichte der Aloha Wanderwell im Oktober 1998 zufällig für sich entdeckt, als er für einen Dokumentarfilm recherchiert, den er über eine Autoreise um die Welt drehen möchte. Als er für die letzte Etappe dieser Reise verschiedene Fluggesellschaften mit Sitz in Hawaii sucht, liefern die Google-Suchbegriffe "Aloha Airlines" und "round the world“ unzählige Ergebnisse, darunter auch "Aloha Wanderwell"
Unterdessen hat auch Richard Diamond, Alohas Enkel, eine umfassende Website über seine Großmutter zusammengestellt und ihre Autobiografie 2013 neu auflegen lassen und bereitet nun ihre gesamte Sammlung von Fotos, Drehbüchern, Tagebüchern, Sammelalben und Texterinnerungsstücken auf, um sie der "Margaret Herrick Library", der umfangreichsten Filmbibliothek in Beverly Hills, zur Verfügung zu stellen zu können.
Alohas Leben und ihre Karriere bleiben also sichtbar als bemerkenswertes, komplexes Beispiel für die Kraft einer Frau, die sich den Beschränkungen ihrer Zeit widersetzt hat. Inzwischen ist von ihr gar von der "Amelia Earhart der offenen Straße" oder dem weiblichen "Indiana Jones" die Rede. Ein Fall für Netflix? Egal! Für mich ein erneutes Bespiel dafür, wie das Licht der Frauen gerne unter den Scheffel gestellt worden ist...
Ein neunminütiger Film mit vielen Impressionen ihrer Reisen ist bei YouTube zu finden.