Donnerstag, 8. Oktober 2020

Great Women #236: Dorothy Burlingham

Schon wieder: zwei Mal hintereinander ein ganz ähnlicher Vorname! Und wieder nur Zufall! Eigentlich will ich hier in meiner Reihe ja nicht übermäßig berühmte Frauen vorstellen, die brauchen so eine "Werbung" ja nicht. Aber dann tat ich mich so schwer, für diesen Monat jemanden zu finden und wollte meinen Prinzipien schon untreu werden. Doch als ich mich in das Leben meiner Kandidatin vertieft habe, bin ich auf eine ganz andere Frau gestoßen, die ich nicht minder interessant fand. Und dann habe ich mich für Dorothy Burlingham für mein heutiges Porträt entschieden.
Von links  nach rechts:
Dorothy mit ihren Schwestern Julia and Louise,
(1898)
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Dorothy Burlingham wird am 11. Oktober 1891 in New York City als Dorothy Trimble Tiffany geboren, fünfte Tochter und jüngstes Kind des berühmten Glaskünstlers Louis Comfort Tiffany - und damit Enkelin des legendären Juweliers Charles Lewis Tiffany, dem Gründer von Tiffany & Co - und seiner zweiten Ehefrau Louise Wakeman Knox, die bei der Geburt schon vierzig Jahre alt ist. 

Zuvor hat die Mutter 1887 die Zwillinge Louise Comfort und Julia Deforest und im Jahr darauf Annie Olivia bekommen, die aber an Scharlach stirbt, da ist Dorothy gerade ein halbes Jahr alt. Die Mutter wird darüber depressiv, so dass die achtzehn Jahre ältere Halbschwester Mary "May-May" sich des kleinen Mädchens annimmt, das auch immer wieder vom Kindermädchen mit der verstorbenen Schwester verglichen wird. Mit deren Bild kann Dorothy nie mithalten, auch nicht mit den extrovertierten, künstlerisch begabten Zwillingsschwestern, von denen sie sich immer ausgeschlossen fühlt.

Das Aufwachsen im  goldenen Käfig - die Tiffanys besitzen mehrere luxuriöse Wohnsitze mit riesigen tropischen Gärten, Tennisplätzen, Bowlinghallen und Pferdeställen - ist nur attraktiv,  wenn man es nicht kennt, das habe ich jetzt schon bei diversen Porträts von Frauen aus der Oberschicht erfahren. Dorothys Vater hat seine Töchter gerne um sich, steckt sie in malerische Kostüme - und macht sie zu Statisten in seinen malerischen Inszenierungen für Fotos oder extravagante Feste. Das widerstrebt dem Mädchen. Und sie geht dem hochbegabten, aber exzentrischen und selbstherrlichen Künstler, dem Schönheit über alles geht, meist aus dem Weg.

Bildung hingegen ist ihm unwichtig, seine Töchter müssen darum betteln. Viel lieber ist ihm die Vorstellung, dass sie den Sinn ihres Daseins als Gesellschaftsdamen an der Seite einflussreicher Ehemänner sehen. Louis Comfort Tiffany ist ein durch und durch patriarchaler Vater, daran vermag wohl die Ehe mit einer intellektuellen Frau, die mit ihrer besten Freundin, der Schriftstellerin Julia de Forest, schon damals begonnen hat, Sigmund Freuds Texte zu lesen, nichts zu ändern. Louise Wakeman Knox kämpft allerdings auch mit einer physischen Erkrankung und stirbt schließlich an ihrem Darmkrebs, da ist Dorothy gerade dreizehn Jahre alt. Immerhin erreicht die Freundin der Mutter, die selbst mit einer Ärztin zusammenlebt, dass der Teenager - bisher nur zu Hause unterrichtet -, das Brearley College bzw. die prestigereiche, bischöfliche Mädchenschule St. Timothy’s, ein Internat in Maryland, besuchen darf, wo sich Dorothy allerdings nicht wohl fühlt.

1910 lernt sie den drei Jahre älteren Robert Burlingham kennen, Sohn von Charles Culp Burlingham, einer führenden politischen Persönlichkeit New Yorks, später Anwalt der Cunard Line nach dem Untergang der "Titanic". Robert selbst ist Harvard-Absolvent und Chirurg. Im September 1914 heiratet Dorothy in Cold Spring Harbor auf Long Island in diese Familie der New Yorker Plutokratie ein. 

Dorothy mit Robert Jr. "Bob"
(1915)
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Eine Reihe von Familienmitgliedern - allerdings auch auf Seiten der Tiffanys - hat schon unter verschiedenen Graden einer sogenannten bipolaren Störung gelitten. Bei Robert treten alsbald Ausbrüche irrationalen Verhaltens auf, die zunächst auf Überarbeitung zurückgeführt werden. Seine Zornesattacken führen bei der jungen Ehefrau und Mutter - schon im Jahr nach der Eheschließung wird Robert Junior geboren, 1917 Mary Tiffany, 1919 Katrina Ely und 1921 Michael - zu Magenleiden & Hilflosigkeit. 

Der älteste Sohn lässt sich nach seiner Geburt nicht stillen, magert ab und ist ein besonders kränkliches Kind, asthmatisch und hyperallergisch. Bereits vor der Geburt ihres letzten Kindes kommt Dorothy zu dem Schluss, dass sie das oberflächliche Leben wohlhabender junger Frauen ihrer Zeit nicht führen will und schon gar nicht an der Seite eines psychisch kranken Mannes und trennt sich. 

Doch sie ist mit ihrer Weisheit erst einmal am Ende, will sie zwar einerseits die Kinder dem Einfluss ihres Vater mit seinen diversen episodischen Attacken & Klinikeinweisungen entziehen, andererseits möchte sie den Kindern gut tun und zu einem inneren Gleichgewicht führen, aber auch eine eigene Lebensperspektive gewinnen.

Da kommen der nun 33jährigen Alleinerziehenden die Vorlesungen von Otto Rank an der "New York Academy of Medicine" zupass, und sie kommt zu dem Schluss, die Psychoanalyse könnte ihr in ihrer hoffnungslos verwickelten Situation eine Hilfe sein, vor allem bei den Schwierigkeiten mit ihrem ältesten Sohn. Also verlässt sie ohne Wissen ihres Mannes 1925 mit ihrer Kinderschar - der älteste ist jetzt zehn, der jüngste drei - New York in Richtung Europa, um sich nach einem Zwischenaufenthalt in Genf, wo ihre amerikanischen Freunde, die Sweeters, leben, auf eine Odyssee durch die Welt der Psychoanalyse zu begeben, und zwar mit Wien als Ausgangspunkt, dort, wo der Gründer und die führende Persönlichkeit in Theorie & Methode, Sigmund Freud, lebt & praktiziert. Dorothys Mut ist zu bewundern, sich einer Therapieform anzuvertrauen, die damals praktisch nicht anerkannt ist und sehr kontrovers diskutiert wird.

Anna Freud, die Tochter Sigmund Freuds, scheint die Tiefe der Isolation und Verzweiflung dieser jungen Mutter erfasst zu haben, die sie dazu gebracht haben, ein solch riskantes Unterfangen zu wagen. Sie entschließt sich schnell, Dorothy mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen.

Nachdem Dorothy die Zusage hat, dass Anna - eigentlich seit 1913 Lehrerin, nach ihrer Antrittsrede 1922 vor der "Wiener Psychoanalytischen Vereinigung" ab 1923 aber mit einer eigenen psychoanalytischen Praxis neben den Räumlichkeiten ihres Vaters in der Berggasse 19 vertreten - die Analyse des Jungen übernehmen wird, mietet die vermögende New Yorkerin die Vorstadtvilla eines ungarischen Fürsten im 18. Bezirk und lässt sich dort nieder, auch weil ihr jetzt klar ist, dass eine Psychotherapie dauert. Bald taucht auch schon ihr Ehemann auf, um sie zur Rückkehr zu bewegen. Doch Dorothy macht ihm deutlich, was sie vorhat. Robert Burlingham gibt die Hoffnung nicht auf, die Kinder wieder zurückzuholen, und sein Vater wird mit seinen anwaltlichen Möglichkeiten versuchen, diese Dorothy, dem Einfluss der Psychoanalyse und der jüdischen Familie Freud zu entreißen.

Nachdem "Bob" im September mit seiner Analyse bei Anna begonnen hat, übernimmt diese auch die der übrigen Kinder Dorothys. Auch privat kommen sich Dorothy und Anna immer näher: Sie treten wie Zwillinge auf und fühlen sich "tief miteinander verbunden". 
Anna schreibt, kurz nachdem sie die Analyse der Burlingham-Kinder übernommen hat, an Max Eitingon"Ich glaube manchmal, ich will sie gar nicht gesund machen, ich will sie gleichzeitig auch haben, wenigstens etwas von ihnen für mich haben... Auch der Mutter der Kinder gegenüber geht es mir nicht anders." ( Quelle hier )
Schon im Frühjahr unternehmen die beiden Frauen gemeinsame Ausflüge in den Wienerwald, an denen ab und an auch Vater Sigmund teilnimmt, der Dorothy gegenüber seiner Vertrauten Lou Andreas - Salomé als "eine recht sympathische Amerikanerin, unglückliche Jungfrau" beschreibt. Er schenkt ihr sogar eine wunderschöne, blaugrüne, in Gold gefasste Opalbrosche, die Dorothy dann prompt im Wienerwald verliert ( aber Eva Rosenfeld, eine weitere aus New York stammende, in Berlin aufgewachsene Freundin Annas, ein paar Wochen später wiederfindet ). Ein Dreivierteljahr nach ihrer Ankunft in Wien laden die Freuds Dorothy ein, mit ihnen gemeinsam die Sommerfrische am Semmering zu verbringen, in einer Unterkunft neben der ihren. 

Links Dorothy, rechts Anna
(ohne Jahr)
1927 verreisen die beiden Frauen zusammen nach Italien, und ein Jahr später mietet Dorothy die Wohnung über der der Freuds in der Berggasse. Mit ihrem luxuriösen & unkonventionellem Lebensstil und ihrer ganz und gar amerikanischen Art irritiert wie fasziniert sie die Freuds, die eher bürgerlich-sparsam leben. Aber da sie nicht oberflächlich und ungebildet ist, dazu tatkräftig, wird sie von Freud akzeptiert. Und sie bewundert ihn und beginnt alsbald bei ihm zunächst eine therapeutische Analyse, nachdem ihr Analytiker Theodor Reik nach Berlin übersiedelt ist, aus der eine Lehranalyse wird, als Dorothy selbst Analytikerin werden will - fragwürdig, da sie selbst inzwischen Anna so nahe steht, dass man von einer "intimate relation that closely resembled those of lesbians" sprechen kann. 

Anna hat endlich die Möglichkeit gefunden - auch als "analytische Stiefmutter" -  zu lieben, geliebt zu werden, ohne dass sie die Eifersucht des Vaters befürchten muss, denn mit dieser Verbindung ist er einverstanden. Er schreibt nach dem Italienurlaub der beiden Frauen an Lou Andreas - Salomé:  "Ein dreiwöchiger Osterurlaub an den italienischen Seen, mit dieser Freundin zugebracht, hat ihr jedenfalls sehr wohl getan." Und etwas später: "Anna ist prächtig, gut und geistig selbständig, aber kein Sexualleben.

So  sehr er anderen Ratschläge geben kann, wie mit der Homosexualität ihres Kindes umzugehen ist - "Homosexualität ist gewiß kein Vorzug, aber es ist nicht etwas, dessen man sich schämen muß, kein Laster, keine Entwürdigung" - so gar nicht selbstverständlich kann er sich zur Homosexualität seiner Tochter äußern, die ihm schon frühzeitig bekannt gewesen sein muss. Die Phalanx an Verteidigern des wie ein Gral gehüteten Bildes der Familie Freud wird bis Ende der 1990er Jahre halten, als dahingehende Gerüchte geäußert werden. Robert Burlingham Jr. -  wie sein Vater Robert Burlingham Sr., der 1938 in New York Suizid begehen wird - haben Notizen hinterlassen, die das streng gehütete Familiengeheimnis enthüllen, dass nämlich die beiden Mütter, die Robert Jr. großgezogen haben, im wahrsten Sinne des Wortes liebevolle Ehepartner gewesen sind.

Von links nach rechts: Eva Rosenfeld, Sigmund Freud (1926), Anna Freud (1930), Erik Erikson


Anna kommt jedenfalls zur Ruhe und kann sich jetzt ganz auf ihre Arbeit konzentrieren. Und Dorothy lebt endlich in einer zwar einzigartigen und geschichtsträchtigen, aber eher warmen Großfamilie, die aufgrund ihrer Komplexität bis heute für uns faszinierend bleibt. Ihr Streben nach Erfüllung durch ein reiches Innenleben gepaart mit nützlichem Gebrauchtwerden nimmt nun endlich Gestalt an: 

Zunächst aus der Not heraus gründet Dorothy eine eigene Schule für ihre und eine Handvoll anderer, teilweise ausgewanderter Kinder wie die der Sweeters aus Genf, die einer Analyse unterzogen werden, die "Burlingham-Rosenfeld- Schule" in der Wattmanngasse in Hietzing in einem Haus, das Eva Rosenfeld gehört, relativ unkompliziert zu jener Zeit in Österreich möglich.
Anna Freud später zu den Gründen für diese Schule: "Als Amerikaner und schlimmer noch, als analysierte Jugendliche, paßten ihre Kinder nicht an die gewöhnlichen Schulen Wiens. Das Unbehagen, dem sie dort ausgesetzt gewesen wären, hätte ihre intellektuelle Neugier und ihre Freude am  Lernen gefährdet. Die naheliegende Lösung dieses Problems war für sie (Dorothy Burlingham, R. G.) die Gründung einer eigenen modernen Schule." ( Quelle hier )
In einem Brief an die andere Initiatorin der Schule, Eva Rosenfeld, formuliert sie aber auch das Bedürfnis, eine den psychoanalytischen Ideen angemessene Lern- & Lebensform zu finden. Peter Blos, bis dahin Privatlehrer der Burlingham - Kinder in Deutsch und Naturwissenschaften und Untermieter bei Dorothy, wird zum ersten Lehrer berufen, der andere Lehrer ist der junge Erik Erikson, der sich damals eigentlich noch als Künstler empfunden hat. Erikson entfaltet aber schnell ein ausgeprägtes Interesse an der Psychoanalyse, wird als Stipendiat zur psychoanalytischen Ausbildung angenommen und zur persönlichen Analyse von Anna selbst, veröffentlicht bald erste Abhandlungen in der "Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik" und wird letzten Endes zu DEM Entwicklungspsychologen, der jedem Pädagogikstudenten begegnen wird.

Die Schule ist eine relativ kleine Einrichtung mit 20-35 Schülern im Alter zwischen acht und fünfzehn Jahren, zu denen neben den vier Burlingham-Kindern u.a. der Freud-Enkel Ernstl Halberstadt gehört, der nach dem Tod seiner Mutter von Dorothy quasi adoptiert wird, und Peter Heller, Analysand von Anna und später Ehemann von Dorothys Tochter Katrina Ely sowie zwei weitere Söhne von an der Schule Beteiligten.

Der pädagogische Ansatz besteht aus einer beispiellosen Mischung aus österreichischen und amerikanischen Innovationen: dem neuen Feld der psychoanalytischen Pädagogik, die sich gerade in Anna Freuds Kreis entwickelt, Dorothys eigener Kunstunterrichtserfahrung im Tiffany - Wohnsitz "Laurelton Hall", John Deweys "Projektmethode" der progressiven Bildungsbewegung und den Bildungsvorstellungen der österreichischen Sozialdemokratie der Zeit nach dem 1. Weltkrieg. 

Dorothy ist "Mädchen für alles", finanziert ein notwendiges neues Gebäude im Garten, unterrichtet Englisch, unterstützt die Lehrkräfte und schafft das stabile Gleichgewicht zwischen Pädagogik und Psychoanalyse.

Dorothy in der "Jackson-Krippe"
(1937)
In den frühen 1930er Jahren beginnt die aufkommende militante austrofaschistische Bewegung jede schulische Innovation Stück für Stück zu bekämpfen, bis die Schule 1932/33 geschlossen werden muss und die Lehrer teilweise ins Exil gehen. In den letzten Jahren vor der Emigration führen Dorothy und Anna gemeinsam einen Kindergarten im "Haus der Kinder", dem Wiener Montessori - Zentrum, dessen Gründerin Lili Roubiczek sich mehr der Psychoanalyse zugewandt hat, nachdem ihr Maria Montessori eine Verschmelzung ihres pädagogischen Ansatzes mit dem der Psychoanalyse untersagt hat. Diese "Jackson-Krippe" für 20 Kleinkinder zwischen ein und zwei Jahren aus den ärmsten Familien der Stadt wird finanziert durch die amerikanische Kinderärztin und Psychoanalytikerin Edith B. Jackson und durch Dorothy selbst. Schon 1929 hat diese auch damit begonnen, blinde Kinder aus einem Wiener jüdischen Blindenheim zu beobachten und zu analysieren.  

Die Tagesbetreuung von so kleinen Kindern kommt in jenen Tagen einem Experiment gleich, und gibt den beiden Psychoanalytikerinnen die Möglichkeit, die psychische Entwicklung von Kindern in ihrem zweiten Lebensjahr sorgfältig zu studieren und mit ihnen selbständiges Ess- und Spielverhalten zu erproben.

1932 wird Dorothy außerordentliches Mitglied der "Wiener Psychoanalytischen Vereinigung", 1934 beginnt sie dann in ihrer eigenen psychoanalytischen Praxis zu arbeiten und wird ordentliches Mitglied. Gemeinsam mit Anna richtet sie ein psychoanalytisches Seminar für Kindergärtnerinnen der Stadt Wien ein und gibt psychoanalytischen Kurse für Pädagogen anderer Einrichtungen.

1937 dann erkrankt Dorothy Burlingham an den "Motten", wie die Tuberkulose in Wien heißt, und kann nicht mehr aktiv an der gemeinsamen Arbeit teilnehmen. Die Krippe wird mit dem "Anschluss" Österreichs 1938 ohnehin geschlossen. 

Anna & Sigmund Freud auf dem Weg ins Exil
(1938)
Dorothy flüchtet dann schon am 1. April in die Schweiz, nachdem Anna am 22. März von der Gestapo verhaftet und 24 Stunden verhört worden ist. Von Zürich aus verfolgt sie die Vorgänge und bleibt in täglichem telefonischen Kontakt mit Anna. Trotz ihrer noch nicht ausgeheilten Tuberkulose-Erkrankung schafft sie es, jüdischen Kollegen zur Flucht zu verhelfen, indem sie ihnen Affidavits zur Ausreise in die USA verschafft. 

Ihre Verbindungen zur amerikanischen Botschaft hat sie schon vor dem Einmarsch zum Schutz der Freuds aktiviert. Der Botschafter spielt zusammen mit der Prinzessin Bonaparte, die ihnen die "Reichsfluchtsteuer" in Höhe von 31.329 Reichsmark vorstreckt, eine zentrale Rolle bei der Sicherung und der Flucht der Familie Freud über Paris nach London ab dem 4. Juni 1938.  

Sie selbst stößt zu den Freuds in London, auch ihre Tochter Mary, die während der Emigration den sozialistischen österreichischen Architekten Simon Schmiderer heiratet. Dorothy begibt sich aber dann aus familiären Gründen - Ehemann Robert hat schon am 28. Mai Suizid begangen - in die USA. Durch den Kriegsausbruch wird sie zunächst an einer Rückreise nach Europa gehindert und so setzt sie ihre Studien zu blinden Kindern am "Perkins Institute of Watertown", einer Blindeneinrichtung in Connecticut, fort. Hin und her gerissen zwischen ihren eigenen Kindern, die jetzt größtenteils in den Staaten sind, und Anna, entscheidet sich Dorothy dann doch im April 1940 nach London zurückzukehren und bei ihr zu bleiben. Sie lässt sich zunächst in einem eigenen Haus unweit  dem der Freuds nieder. Sigmund Freud selbst ist bereits im Monat des Kriegsausbruchs, am 23. September 1939, nach jahrzehntelangem Krebsleiden gestorben.

Von der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft wird Dorothy als Mitglied aufgenommen, und sie steigt, trotz ihrer sonst so zurückgenommenen, stillen Art, schnell in die in der Gesellschaft geführte Diskussion über den richtigen therapeutischen Ansatz in der Kinderanalyse ein. Die Mehrheit in der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft neigt nämlich den Anschauungen von Melanie Klein zu. Diese, ebenfalls aus Wien stammend, aber schon seit 1926 in London, hat eine Theorie des kindlichen Seelenlebens entwickelt, die sich von Freuds Auffassungen unterscheidet. Dorothy findet das Klima in der Gesellschaft sehr  bedrückend und trauert intensiv über den Verlust Wiens.

Dennoch hat die inzwischen fast Fünfzigjährige genug Elan, um mit Anna die "Hampstead War Nurseries" zu schaffen: Während ihre Väter an der Front und ihre Mütter dienstverpflichtet sind, schaffen sie mit Hilfe eines psychoanalytisch ausgebildeten Personals für die Kinder Ersatzfamilien. Hier können sie die Trennungsreaktionen der Kinder "hautnah" erleben und durch ein pädagogisch-therapeutisches Programm auszugleichen versuchen. Ihre gemeinsame Arbeit findet Niederschlag in der Veröffentlichung von "Infants Without Families" ( dt.: "Familienlose Kleinkinder" ) von 1943.  Ihnen gelingt eine bahnbrechende Beschreibung der kindlichen Depression, die einen wichtigen Fortschritt in der psychoanalytischen Psychopathologie erbringt.

Aus pädagogischer Sicht bilden die "War Nurseries" die Fortsetzung der "Jackson-Krippe", und die dort entwickelten Ansätze werden tatsächlich weiterverfolgt. Das lebendige Anschauungsmaterial bringt die beiden Analytikerinnen durchaus in Konflikt mit der Freudschen Theorie. Anna: "Es war schwer, sich des Verdachts zu erwehren, daß die meisten Analytiker das Bild der rekonstruierten Kindheit bei weitem den wirklichen Kindern vorzogen, an denen sie uninteressiert blieben."

Das  "Freud"-Haus in London, das Ferienhaus in Walberswick und Dorothy &  Anna dort an der Küste


Beide Frauen leiden während des Krieges an Tuberkulose, die sie zu unterschiedlichen Zeiten zur Bettruhe zwingt. Nach mehreren Operationen hat Dorothy nur noch ein Drittel der Lunge übrig. Als Erbin des Tiffany-Vermögens hat sie aber genug Geld, um sich und Anna ein bequemeres Leben in 20 Maresfield Gardens zu ermöglichen, unterstützt von Paula Fichtl, die einst als Mädchen vom Lande 1926 in Wien zu Dorothy als Kindermädchen gekommen ist, von ihr 1929 den Freuds weiterempfohlen und schließlich gemeinsam mit diesen ins Exil gelangt ist.

Man kann sogar behaupten, dass zwischen Dorothy und Anna, den geistigen Zwillingen, in London ein Rollenwechsel stattgefunden hat, wie ihn Dorothy in ihren Studien über identische Zwillinge beobachtet hat: Jetzt ist es Dorothy, die Anna die von ihr dringend benötigte pflegende, schützende Umgebung in ihrem gemeinsamen Haus verschafft.

Das gilt auch für das Ferienhaus in Walberswick, einem Dorf an der Suffolk-Küste, das später erworben wird. Dieses und ein anderes Haus in der Grafschaft Cork, Irland, wird den beiden alternden Damen den dringend benötigten Rückzug aus der Hektik Londons, der hohen Arbeitsbelastung der Klinik, den Veröffentlichungen und den Vortragsreisen bieten, aber auch für Dorothy eine Möglichkeit schaffen, dorthin ihre Kinder & Kindeskinder einzuladen und mit ihnen zusammen zu sein.

1947 schaffen die beiden Frauen im nördlichen Londoner Vorort Hampstead die Möglichkeit für einen Lehrgang zur kinderanalytischen Ausbildung, den "Hampstead Child-Therapy Course", 1951 dann gemeinsam mit Helen Ross, die "Hampstead Clinic", ein Zentrum, das "sich aufmachte, Therapie und Unterstützung für Familien bereitzustellen, geistig gestörte und behinderte Kinder zu behandeln, unabhängig von ihren Problemen, ihrem sozialen Hintergrund oder Vergangenheit, und gleichzeitig angehenden Analytikern eine möglichst ausgewogene und vielfältige Ausbildung anzubieten.

Ein erstes Projekt dort beschäftigt sich mit der gleichzeitigen Analyse durch zwei Analytiker ( sog. Simultananalyse ) von Mutter & Kind, mit deren Hilfe geklärt werden soll, wie die Neurose der Mutter sich auf das Kind auswirkt. Dorothys Veröffentlichung dazu erscheint 1955.

Ihre Studien zur Entwicklung und Behandlung von blinden Kindern - Dorothy  schafft dazu einen eigenen kleinen Kindergarten für blinde Kinder im Garten des Hauses Maresfield Garden 21- und die von ihr auf diesem Gebiet angestoßenen Projekte an der "Hampstead Clinic" sind bahnbrechend und von bleibendem Einfluss auf die Erziehung und Betreuung blinder Kinder. Ihr 1979 im Jahresbericht der "Psychoanalytic Study of the Child" veröffentlichter Artikel "To be blind in a sighted world" (dt.: "Über das Blindsein in einer sehenden Welt" ) gilt als Meilenstein der empathischen wissenschaftlichen Beobachtung.

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Studien gilt der frühen Entwicklung eineiiger Zwillinge.   Darüberhinaus entwickelt sie den "Hampstead Index", ein Kartei-System, das ermöglicht, stichwortartig den Verlauf von Analysen darstellen zu können, sie damit vergleichbar und vielen Forschern zugänglich zu machen.

Obwohl Dorothy Burlingham sich leidenschaftlich ihrer Arbeit gewidmet hat, erhalten ihre Veröffentlichungen und der Beitrag, den sie zur Psychoanalyse geleistet hat, nicht die Anerkennung, die sie verdient hat. Mit Ende achtzig sieht sie immer noch jeden Tag Patienten im dritten Stock ihres Hauses, wo sie einen Büro- / Beratungsraum mit Sofas, einem großen Arbeitstisch und vielen Pflanzen unterhält. Sie wird als zutiefst intuitive Person beschrieben, eine aufnahmebereite Zuhörerin, die auf eine Art und Weise aufmerksam ist, die auf ihre persönliche Veranlagung, aber nicht auf ihre psychoanalytische Ausbildung zurückzuführen ist. Dabei zeigt sie auch die Gabe, Stille auszuhalten und niemandem zum Sprechen zu nötigen.

Jede Familie pflegt so ihre Mythen. Die Burlinghams erzählen gerne, dass die Schäden der Burlingham-Kinder - "Bob" Burlingham stirbt 1970 an seinem Alkoholmissbrauch, Mary nimmt Schlafmittel und stirbt 1973 in Anna Freuds Bett  - durch die strikte Einhaltung psychoanalytischer Prinzipien hervorgerufen worden seien, anstatt die Probleme pharmazeutisch anzugehen. Auch die Umstände, die Dorothy angetrieben haben, ihre Kinder zu entwurzeln und über viertausend Kilometer von ihrem Vater und ihrem Hause wegzubringen, werden gerne in Frage gestellt. Rose, die erste Ehefrau von Dorothys Enkel Michael schreibt dazu: "Später, als ich mich am Ende jeder Möglichkeit befand und keine Hoffnung auf Verbesserung oder Veränderung in meiner eigenen Ehe hatte, verstand ich, dass sie keine Wahl hatte. Sich um jeden Preis zu retten, ist manchmal alles, was man schaffen kann." ( Quelle hier )

Am Ende ihres Lebens, das Dorothy & Anna bis dahin vital, aktiv und in engster Verbundenheit verbringen, kann man konstatieren, dass die beiden Frauen sowohl zur Gesellschaft wie zu ihrem persönlichen Glück viel beigetragen haben. In ihrer absoluten Überzeugung für die Sache, der sie ihr Leben gewidmet haben, sind sie unerschütterlich und letztendlich bewundernswert. "In einer Welt der halben Sachen und relativen Standards war ihr Glaube an die Anwendung der Vernunft auf die Irrationalität absolut", so der Enkel Michael hier. 54 Jahre halten sie auch sich die Treue, die zwei jüngsten Töchter zweier großer Männer...
Anna "...ist eine erstaunliche Person. . . . Sie hat ein Talent wie das ihres Vaters, Dinge klar zu sehen, weiter zu sehen als andere und dem, woran sie glaubt, vorbehaltlos zu folgen. Sie kann auch so viel genießen, sowohl die Schönheit des Intellekts als auch der Seele. Ich habe sehr viel Glück gehabt", schreibt Dorothy 1975 an ihren Enkel über ihre Gefährtin.
Dorothy Tiffany Burlingham stirbt am 19. November 1979 in ihrem 89. Lebensjahr in ihrem gemeinsamen Haus in London. Die Musik, die bei ihrer Beerdigung gespielt wird, wird drei Jahre später bei Annas Trauerfeier wieder aufgegriffen: "Abschied" aus Gustav Mahlers "Das Lied der Erde". Diese letzte Fußnote zu einem über fünfzig Jahre währenden Zusammenleben stellt noch einmal eine andere Verbindung her zwischen der Familie Tiffany und der Familie Freud, die beide den Komponisten gekannt & geschätzt haben.










Kommentare:

  1. Erst gestern haben wir den Film: "Frühstück bei Tiffany" im Video angesehen und heute begegnet mir Tiffany ganz anders. Wie ungewöhnlich.
    So viel Schatten ist oft hinter viel Licht, der nicht gesehen wird. Dorothy kannte ihn gut. Eine echte Leistung, sich diesem Leben zu entziehen und einen ganz anderen Lebensinhalt zu finden. Allerdings so ganz ohne das Geld von Tiffany wäre das nicht gegangen. So ist der Schatten sehr gut integriert worden...
    Ein beeindruckendes Portrait einer beeindruckenden Frau - na, eigentlich von 2 Frauen. Anna Freud kannte ich, aber Dorothy Burlingham nicht. Nun schon.
    Danke für diese Vorstellung sagt herzlich Sieglinde

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  2. Die Psychoanalyse war Dorothy Burlingham ja nicht in die Wiege gelegt worden. Man hat das Gefühl, der Sturm des Lebens hat sie in die Richtung gepustet und sie hat zugegriffen. Ein spannendes Paar - Dorothy und Anna.
    Danke für diese spannende Biographie!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  3. Liebe Astrid,
    kurz mal Zeit zwischen zwei Terminen ... habe soeben dein heutiges Porträt mit Genuss gelesen und ich bin immer ganz angetan, welchen starken Frauen mit ihren Lebensgeschichten du hier eine "Bühne" gibst. Danke dir für diese - wie immer - ausführliche Vorstellung, sie war mir völlig unbekannt.
    Hab einen gemütlichen Abend - lieben Gruß, Marita

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  4. von Helga:

    Liebe Astrid,

    schön, daß Du wieder für uns tätig warst. Einen langen Weg und nicht immer mit Rosen bedeckt, muß man oft gehen um im Leben etwas erreichen zu können. Man muß nur wollen und stark sein. Diese Frauen findest nur Du. Ich bewundere Dich sehr für diese Gabe. Leider erging es ihren Kindern dabei nicht so gut.
    Eine ganz neue Erkenntnis für mich, denn bei Tiffany dachte ich immer nur an Schmuck und Glitzer und England.

    Herzliche Grüße zum Womens Abend von Helga

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  5. Guten Morgen liebe Astrid,

    diese Morgenlektüre war spannend und traurig zugleich. Zwei Lebensgeschichten die so zusammengefunden haben. Das war sicher nicht leicht in dieser Zeit.

    Liebe Grüße
    Kerstin

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  6. Liebe Astrid,
    das liest sich ausgesprochen spannend. Und ich bewundere dich für die Mühe und Akribie, mit der du uns diese Frauen nahebringst. Herzlichen Dank dafür. Ich staune auch immer wieder, dass es doch ein ganze Reihe willensstarker Frauen in einer Zeit gab, in der es nicht einfach war, sich überhaupt als Frau zu behaupten. Geld mag ihnen die Wege geebnet haben, aber dennoch - bewundersnwert.
    Herzliche Grüße - Elke (Mainzauber)

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  7. Was für eine Geschichte. Was für tolle Frauen!
    Viele Grüße,
    Karin

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  8. danke für die hochinteressante Geschichte einer bemerkenswerten Frau! Der Wien Aspekt und Details aus dem Leben von Anna Freud waren mir ebenfalls bisher unbekannt, lg aus Wien

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  9. endlich geschafft, deinen beitrag zu ende zu lesen. er hat mir eine mir völlig fremde welt geöffnet und es hat mich beeindruckt, wie diese beiden frauen ihren gemeinsamen weg gegangen sind.
    liebe grüße
    mano

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Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, wenn der Ton daneben ist...

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