Mittwoch, 7. Oktober 2020

Weil weiterhin und immer wieder...

... alte Feindbilder zu neuen kruden Mustern zurechtgebogen werden - gegenwärtig in vielfältigsten Formen, häufig in Verbindung mit Verschwörungsmythen im Zusammenhang mit der Corona-Krise - greife auch ich noch einmal das Thema auf, verweise allerdings an dieser Stelle auch noch einmal auf meine beiden Blogposts von Anfang und Ende Mai
Antisemitische Muster aus den religiösen Kulturen des Christentums oder des Islams werden doch eines Tages überwunden werden, so habe ich als junger Mensch, geprägt durch einen aufgeklärten, vernunftbetonten Unterricht in einer Nonnenschule ( ja, das war in diesem Fall kein Widerspruch ), lange Zeit gedacht. Wir werden irgendwann die alten Mythen loswerden und durch neues Wissen ersetzen, vor allem nachdem uns das WWW weltweit vernetzt und immer mehr Menschen Zugang zu Wissen & Wissenschaft bekommen. Dann werden wir ohne lästige Traditionen und Identitäten als Menschen zusammen auf unserer schönen Erde friedlicher leben. 
Welche Illusion! Denn die Wirklichkeit macht mir/ uns einen Strich durch die Rechnung: Offensichtlich können wir Menschen unsere uralte Natur- und Kulturgeschichte einfach nicht ablegen. Heutzutage können wir uns in diesen Mythenwelten sogar mehr als jede andere Generation vor uns - und zwar in bester multimedialer Qualität! - bewegen und in einem Umfang, von dem unsere nur lesenden oder zuhörenden Vorfahren nur träumen konnten! Inzwischen werden die alten Vorstellungen auch immer wieder durch neue Ergänzungen weiter belebt.



Da war zum Beispiel zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Welt des J.R.R. Tolkien. Die ist u.a. auch bevölkert von kleinen, unansehnlichen  und gierigen Zwergen, zudem frauenlos, die ganz nach dem dem damaligen Bild von Juden - nur im Kleinformat - gezeichnet sind. Allerdings dürfen sie am christlich angelegten tolkienschen Erlösungsmythos teilhaben, das relativiert.
Oder der Superman der Comics, jene Mischung aus Übermensch der Science-Fiction und dem engelhaftem Gabri-El der Bibel, der von Goebbels in Deutschland verboten wurde, weil die Figur ja Jude ist.
Dann sind da noch die nahezu mythischen James-Bond-Figuren, unter ihnen zum Beispiel "Goldfinger", der jüdisch, weltverschwörerisch, schlau und reich ist und zu echter Liebe unfähig, weshalb er seine Geliebten durch einen Goldüberzug ermorden lässt.
Selbst bei den so harmlosen Schlümpfen findet man in ihren Anfängen einen bösartigen und langnasigen (!) Magier namens Gargam-El,  und  sein Rassismus und Frauenfeindlichkeit gehören in den frühen Ausgaben der Comic - Reihe des belgischen Comiczeichners Peyo unbedingt dazu.
Das Klischee vom geldgierigen Juden wird auch in diesen Zeiten wieder bedient: Nur ein kleines Beispiel. So verbreitet der Arzt Schiffmann derzeit die Nachricht, dass der Rechtsanwalt Richard A. Rothschild (!) schon im Oktober 2015 in den Staaten ein Patent angemeldet habe für eine Test-Methode auf Covid19 ( US2020279585 ) und erklärt das zu einem Beweis für die Weltverschwörung, die im Gange ist. Mit zahlreichen Screenshots blasen andere Teilnehmer in den Social Media ins gleiche Horn.
Nur: Bei dem angegebenen Datum handelt es sich um ein Prioritätsdatum. Das besagt, dass damit ein Verfahren mit einem Gerät angemeldet worden ist, dessen späterer Nutzen noch nicht klar ist ( so eine präventive Anmeldung gibt es auch für eine - bisher nur fantasierte -  Zeitmaschine ). Auf diese Weise wird späteren Rechtsstreitigkeiten vorgebeugt. Das fragliche Verfahren mit dem Gerät, einem 
Pulsoxymeter, der Puls und Sauerstoffsättigung misst und die Daten auf das Smartphone überträgt, ist aber erst am 3. September 2020 zum Gebrauch bei Covid19 angemeldet worden, nämlich unter der Patentnummer US2020279585 (A1). Das kann man auf der Espacenet-(Patentsuche) Seite herausfinden. Klickt man nämlich auf dieser Seite auf "Originaldokument", sieht man das genaue Anmeldedatum ("Filed: May 17, 2020") und Veröffentlichungsdatum ("Pub. Date: Sep. 3, 2020").
Was nicht passt, wird also passend gemacht...

Der wohl derzeit wirkmächtigste kursierende Verschwörungsmythos aus den USA, der unter dem Begriff "QAnon" bekannt ist und der verheißt, dass Gaius Iulius Trump die große Weltverschwörung, angezettelt von Juden und Frauen wie Hilary Clinton, zerschlagen wird. QAnon-Mythen sind anschlussfähig für Demokratiefeinde, Rechtsextreme und Antisemiten. Bei uns im Land stehen der Bewegung auch radikale Reichsbürger, christliche Fundamentalisten und Esoteriker nahe. 

Juden und Frauen - Otto Weininger stellt Juden und Frauen auf dieselbe "Unterstufe" - sind übrigens immer dran, wenn eine Pandemie in der Menschheitsgeschichte auftaucht. Von den zwei Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, um mit einer solchen Naturkatastrophe zurechtzukommen, wird die eine immer die sein, Sündenböcke zu suchen, die, wie der Name schon sagt, schuld sind. Das war schon im Mittelalter so, und jetzt wird ein solcher Mythos von Leuten wie Xavier Naidoo unter dem Stichwort "Adrenochrom" bedient. ( Schade, dass solche Leute nicht kreativ sind, und immer wieder die ollen Kamellen herausholen! ) Im 15. Jahrhundert sind solche Ideen mit dem Buchdruck aufgekommen und verbreitet worden, heute geschieht das mittels YouTube und Facebook. Und ich beobachte Fälle, wo Leute innerhalb von zwei, drei Monaten in diese Richtung abdriften...



Warum "Mythos" und nicht der Begriff "Theorie" in meinen Ausführungen?

"Theorie" besagt, dass eine Aussage ergebnisoffen formuliert ist, durch Experimente oder Untersuchungen oder Befragungen noch geklärt werden muss, ob die Aussage zutrifft oder eben nicht. So arbeitet die Wissenschaft. Von Theorie kann man nicht mehr sprechen, wenn bei einem Thema von vornherein klar ist, was am Ende herauskommen und wer schuld sein soll.

Mit dem Begriff "Verschwörungstheorie" adelt man Aussagen und eine Diskussionsführung, die auf Geschichten beruhen, die die Leute glauben wollen, und durch aberwitziges Hakenschlagen in ihrer Argumentation, ganz nach der Art der russischen Gopniki, einen Endlosmonolog in Gang setzen, aus dem nur der Verschwörungsgläubige als Sieger hervorgehen kann. Den Überzeugungsgrad deines Arguments wird der der Verschwörungsgläubige beurteilen, nicht du selbst, so sehr du von dir auch überzeugt bist. Das Ziel ist ja nicht, die Wahrheit zu finden, denn die kennt der Verschwörungsgläubige ja schon...

Da kommt einem dann schon wieder ein anderer Mythos in den Sinn, der vom Kampf mit der Hydra. Aber nicht verzagen: Herakles hat es schließlich geschafft!




Kommentare:

  1. Sie sind grossartig!
    Gruß Karin

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  2. Da ich mit Kindern aus Kulturen aller Welt (auch der deutschen) arbeite, erlebe ich täglich viele alte und neue Diskriminierung und Vorurteile. Weil Kinder das, was sie von ihren Eltern gelernt haben, so direkt und unverblümt in Worte fassen, nicht, weil sie mehr diskriminieren. Im Gegenteil, aber Erwachsene haben ja gelernt, ihren Rassismus etc. weniger unverblümt zu äußern (außer im Internet), das kommt dann meistens anderweitig hervor. Ich glaube, dass wir alle Rassisten sind, und dass es gut ist, bei sich selbst und seinen eigenen Vorurteilen/Projektionen etc. anzufangen. Leider ist nicht jeder Mensch so reflektiert. Rassismus oder im speziellen Fall Antisemitismus beginnt ja schon viel früher, als wir manchmal glauben. es gibt ja auch so eine Art "positiven" Rassismus, indem ich beispielsweise einer bestimmten Menschengruppe Eigenschaften zuschreibe (Afrikaner können singen/tanzen), die aber bei genauerer Betrachtung völliger Quatsch sind (1. Afrika ist kein Land, 2. stimmt es einfach nicht). Das ist wie "Schwule können gut Haare schneiden oder Ballett tanzen..."). Es ist diskriminierend, wird aber nicht so gesehen, weil es ja "gut gemeint" ist. Eigentlich ist es schon Faschismus, zu sagen "Frauen und Kinder zuerst", wenn das Schiff untergeht. Oder "Junge, gesunde zuerst ans Beatmungsgerät". Es fängt alles viel, viel früher an. Ich kann Dir nur zustimmen, es sind besorgniserregende Entwicklungen, aber ich kann nur bei mir selbst anfangen. Wo auch sonst? Ich persönlich mag schon gar nicht mehr wissen, wo die "Wurzeln" der Kinder liegen, um nicht in dieses Vorurteils-Muster zu verfallen. Sorry, wenn das alles wirr klingt oder auch gar nichts mit Deinem Post zu tun haben mag. Aber das schießt mir dazu durch den Kopf.
    Liebe Grüße, Maren

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  3. jajajaja! gut gemacht frau kitchi!!! extrem anstrengend finde ich es da, wo menschen, die schon seit jahren bei einem kommentieren, die man meint zu "kennen" auf einmal abzudriften scheinen. und dann wird es mit der moderation der kommentare richtig haarig. da beginnt man mit der recherche auf den den mitzuverlinkenden seiten und dann wird es echt aufwändig... zum haare raufen!
    wenn der bildupload jetzt noch irgendwann vielleicht problemfrei liefe, dann könnte ich auch mal wieder... zusammen gerade stehen, für das was zählt wäre doch so wichtig...
    liebst,
    jule*

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  4. Ach, liebe Astrid, wie herrlich! Kopf ab, sag ich nur!Gut gemacht, Herakles! Und nun warte ich...Herzlich, Sunni

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  5. Liebe Astrid,
    volle Zustimmung meinerseits. Die Menschen sollten alle "media studies" in der Schule haben, damit ihnen gezeigt wird wie leicht sie manipuliert werden können, denn das ist ja schon zum Haare raufen...das sehen wir hier gerade mit jeder Formulierung der British Propaganda Corporation, denn daß die BBC "neutral" sei hat sie schon in den miner's strikes widerlegt unter Maggie Thatcher. Wenn man sich also wundert, warum dieser nutzlose Haufen um de Pfeffel nach wie vor gut abschneidet in den Umfragen - dafür hat die BBC einige Verantwortung zu tragen, eben weil sie als "neutral" gilt, es aber nicht ist. Ihre Charter wurde unter Cameron geändert, von "Neutralität" zu "Stärkung der Union". Wir wundern uns warum die meisten Briten davon gar nichts wissen...
    LG ♥nic

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    1. So was gibt es durchaus! Unsere mittlere Tochter, die auf ihre "alten Tage" weg von der Uni in die Schule gegangen ist, hat eine solche Reihe im Fach Allg. Lebenskunde mit ihren Schülern durchgeführt. Ich war stolz, dass ich sie da mit einigen Infos & Kenntnissen versorgen konnte. Sie lebt allerdings in der Schweiz...
      GLG

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  6. Wieder einmal wunderbar argumentiert. Die inneren Bilder, die wir seit der Kinderzeit in uns tragen (durch Erziehung, Erzählungen, Medien, Literatur etc.) beeinflussen unser Denken. Deshalb ist es wichtig, sich dessen mal klar zu werden und daran zu arbeiten.
    Ich liebe Mythen, Märchen, Dystopien ... in Büchern. Doch ich lasse mir keinen Verschwörungsmythos im realen Leben auftischen.
    Vermutlich verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion durch die heutigen Medien zunehmend.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Da ist sicher was dran. Wenn einer was von seinem Handwerk als Filmemacher versteht, dann schafft er oder sie eindrückliche Bilder. Noch ist da auch viel zusammengefriemelter Schrott unterwegs, z. B. wenn ich an die für Adenochrome eingesperrten Kinder denke. Aber der erste Film, denn wir zu Beginn der Krise zugespielt bekommen haben, der kannte seinen Murnau oder Fritz Lang, das war beängstigend.
      GLG

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  7. Da kann ich nur allem zustimmen. Ohne Reflexion geht gar nichts, denn solcherlei Mythen sind ja uralt und in den Ängsten von uns Menschen angelegt. Doch es gibt auch im Mythos und in den Märchen immer Lösungen - und keineswegs immer nur einfache, oft ist einiges an Kreativität gefragt! - für diese vermeintlichen Realitäten: Köpfe ab bei der Hydra und die Hälse ausgebrannt, damit keine mehr nachwachsen z.B. Auf jeden Fall muss man sich erstmal der Situation stellen und den damit verbundenen Ängsten und nicht ausweichen in die Sündenbock-Findung. Und ich muss damit bei mir anfangen und möglichst auch schon im Elternhaus und in der Schule etwas vorgelebt bekommen. Hier geht es ja auch viel um Vorleben von Eltern und Großeltern bei Kindern. Das ist ja auch unsere Chance.
    Sehr gut finde ich die Erklärung von Theorie und Mythos. Und wie man wieder einmal sehen kann, was Sprache bewirkt und wie man damit manipulieren kann.
    Ein toller Post, Astrid. Danke!
    GLG Sieglinde

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  8. sehr gut liebe Astrid

    es ist ein sehr starker antisemitischer Zug bei diesen ganzen Verschwörungsmythen zu finde(wie früher.. Juden und Frauen sind an allem Schuld .. Rechtfertigung für Progrome und Hexenverbrennungen .. die "Wahrheit" wollte schon damals niemad wissen )
    auch der Herr der Querdenken veranstaltet "verbrüdert" sich z.B. mit Ken Jebsen und hat auch Verbindungen zu den Reichsbürgern
    in diesen angeblichen Paralellwelten die da beschworen werden befinden sich diese Leute ja leider selber
    und es läßt sich viel Geld damit verdienen (es kostet auch eine Menge solche Veranstaltungen zu stemmen.. es gibt viele Projekte wo es sinvoller Für etwas ausgegeben werden könnte als GEGEN etwas.. )
    der Herr aus Stutgart sammelt z.B."Stiftungen" denn Spenden darf er ja nicht nehmen als Privatmann

    ich finde deinen Artikel hervorragend und sachlich geschrieben
    und der Vergleich mit der Hydra passt..es wachsen leider immer wieder Köpfe nach
    hoffen wir auf den Erfolg von Herakles ;)

    liebe Grüße
    Rosi

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  9. von Helga:

    Liebe Astrid,

    ein Super Post ist Dir da entschlüpft, Hydras gibt es zu Hauff, auch in der nächsten Nähe. Da ist man machtlos und vor allen Dingen sprachlos. Herakles wirds schon richten können.
    Danke mit lieben Grüßen von Helga

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  10. Was nicht passt wird passend gemacht - wie wahr.
    In der Vorbereitung zu meinem Wochenblogpost ließ ich eine Begebenheit weg: Ich las mit Schülern eine Geschichte, in der es auch um einen Museumsbesuch und Dinosaurier ging. Eins der Kinder war etwas abwesend und ich fragte, ob er denn keine Dinosaurier mag. Als Antwort erhielt ich, dass seine Religion es ihm verböte an Dinosaurier zu glauben, denn diese hätte es nie gegeben.
    Da stand ich nun, verblüfft, wie die anderen Jungs drumherum. Stille. Und der Bursche begann zu weinen, beteuernd, dass das in in einem dicken, wichtigen Buch zu lesen sei.
    Ich war nur froh wie locker sich die anderen schwierigen Jungs zu einem Themenwechsel bewegen ließen. Es bleibt das Hirnen, was noch in diesem dicken Buch an "Weisheiten" steckt, und wie ich denen begegnen kann, ohne in Konflikte für das Kind zu kommen.
    Viele liebe Grüße,
    Karin

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Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, wenn der Ton daneben ist...

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