Donnerstag, 2. Februar 2017

Great Women # 89: Marieluise Fleißer


Wer seine Jugend in den späten Sechzigern durchlebt hat, kam an zahlreichen Theaterskandalen und an Filmen von Rainer Werner Fassbinder nicht vorbei. Und so erfuhr ich in jenen Tagen von der großartigen Frau, der ich mein heutiges Porträt widme, als in einem kleinen Theater der Bundeshauptstadt die "Pioniere von Ingolstadt" aufgeführt wurden: Marieluise Fleißer. Gestern jährte sich ihr Todestag zum 43. Male. Drei Jahre vor ihrem Tod war die Fassbinder - Verfilmung des Stückes dann im ZDF zu sehen und brachte auch die Dramatikerin auch auf breitester Ebene ins Gespräch.




Am 23. November 1901 Luise Marie Fleißer in der Kupferstraße 18 in Ingolstadt als Tochter des Werkzeugschmieds Heinrich Fleißer und dessen Ehefrau Anna auf die Welt ( irrtümlich steht in der Geburtsurkunde der 22. November ). Marieluise hat zwei ältere Zwillingsgeschwister, von denen der Junge aber schon zum Zeitpunkt ihrer Geburt tot ist, und bekommt in den nächsten Jahren noch zwei Schwestern und einen Bruder.

Das Elternhaus hat der Vater selbst von seinem Vater geerbt, und es beherbergt auch seine Schmiedewerkstatt und die Eisenwarenhandlung. Der Vater ist nicht nur ein gut ausgebildeter, selbstbewusster Handwerker, sondern auch durchaus gebildet & kulturell interessiert.

Links das Haus der Familie, rechts die Familie ( Marieluise ganz links sitzend )

1907 kommt Marieluise in die Schule, wechselt 1911 auf die Töchterschule des Klosters "St. Johann im Gnadenthal" in der Ingolstädter Johannesstraße, wo sie als Klassenbeste & Musterschülerin auffällt. 1914 dann schickt sie der Vater in ein Internat der Englischen Fräulein mit angeschlossenem Mädchenrealgymnasium in Regensburg, denn zu diesem Zeitpunkt gibt es in Ingolstadt noch keine Schule, an der auch Mädchen das Abitur ablegen können.

Eigenwillig & selbstbewusst:
Marieluise in Regensburg
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Wegen des gerade begonnenen Krieges wird ein Teil des Schulgebäudes zum Lazarett. Die Nonnen achten streng darauf, dass die Schülerinnen nicht vom Pausenhof aus zu den Fenstern der Soldaten hinaufsehen und unterbinden jede Möglichkeit der Kontaktaufnahme ( fünfzig Jahre später darf ich Ähnliches in meiner Nonnenschule auch noch erleben: Da werden männliche Abgesandte der Nachbarschulen während des Pausenbetriebs in eine Kammer seitlich des Eingangstores eingesperrt und erst nach Pausenschluss herausgelassen ). Später wird sie die repressive katholischen Erziehung beschreiben, die sie am eigenen Leib in ihrer Zeit in Regensburg erfahren hat.

Im November 1918, zu Marieluises 17. Geburtstag, erkrankt die Mutter an einer Lungenentzündung, an der sie Mitte Dezember 1918 im Alter von 44 Jahren verstirbt.

Im Sommer 1920 legt Marieluise schließlich das Abitur ab und schreibt sich zum Oktober als Aloysia Fleißer an der Philosophischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München ein, mit der Absicht, Literatur & Theaterwissenschaft zu studieren. Der Vater hingegen glaubt, sie wolle Lehrerin werden.

Marieluise nennt sich von nun an Lu, gibt sich sehr verwegen, läuft in einem großen Herrenjackett herum und bricht aus der Pension, in die ihr Vater sie bei den Englischen Fräulein einquartiert hat, aus, fühlt sie sich doch zur Künstlerbohème in Schwabing hingezogen, und zieht ein möbliertes Zimmer in der Ainmillerstraße vor. Im Winter des gleichen Jahres lernt sie den acht Jahre älteren Alexander Weicker kennen, der in München Staatswissenschaften studiert, sich aber als Dichter versteht. Sie wird seine Geliebte. 

Bei einem Faschingsball 1922 trifft sie auf den Schriftsteller Lion Feuchtwanger, damals schon ein Literaturpromi & großer Schürzenjäger. Der, obwohl seit zehn Jahren verheiratet, wird für die angehende Schriftstellerin aus Ingolstadt mehr als ein Freund und Förderer. Dem zeigt sie auch ihre ersten Prosaversuche.
"Er hat es aber alles verworfen, das war expressionistisch. Und er hat gesagt, man schreibt heute anders, man schreibt heute Neue Sachlichkeit. Und dann habe ich mich bemüht, das zu schreiben, was ich mir unter Neuer Sachlichkeit vorstellte." ( Quelle hier , es gibt aber auch Zweifel an dieser Aussage, denn der Begriff "Neue Sachlichkeit" kommt erst später auf )
Mitte der 1920er Jahre
Auf Feuchtwanger geht auch eine erneute Namensänderung zurück: Nun nennt sie sich Marieluise. Er vermittelt ihre Erzählung "Meine Zwillingsschwester Olga" an die Berliner Wochenschrift "Das Tage-Buch"  und macht sie mit den Dramen seines Freundes Bertolt Brecht bekannt. Von der Aufführung des Stückes "Trommeln in der Nacht" in den Münchner Kammerspielen im Herbst des Jahres 1922 ist sie mehr als begeistert und drängt darauf, dieses "Genie" kennen zu lernen.

Das ist dann 1924 der Fall, das Jahr, in dem Marieluise ihr Studium aufgibt, um am Ende des Jahres wieder nach Ingolstadt zu übersiedeln. Brecht ist zuvor nach Berlin weitergezogen.

1924 schreibt sie auch ihr erstes Stück, "Die Fußwaschung" ( ( späterer Titel "Fegefeuer in Ingolstadt"- Inhalt hier nachzulesen ) und zeigt sich als "Meisterin der Unbeholfenheit" ( Hiltrud Häntzschel ). Später wird sie sich so zu diesem Stück äußern:

" 'Fegefeuer in Ingolstadt' ist aus dem Zusammenprall zwischen meiner klösterlichen Erziehung und meiner Begegnung mit Lion Feuchtwanger und den frühen Werken Brechts entstanden. Das hat sich nämlich nicht miteinander vertragen."
Im Verlaufe des Jahres 1925 gelingt es ihr, einige Erzählungen im "Berliner Börsen-Courier" zu veröffentlichen, der auch ein Porträt der  Schriftstellerin & Dramatikerin folgt. Feuchtwanger setzt sich bei zwei renommierten Verlagen für sie ein und der Berliner Regisseur Moriz Seeler von der "Junge Bühne" annonciert ihr, dass er ihr Stück aufführen werde.  Schließlich wird es am 25. April 1926 unter dem Titel "Fegefeuer in Ingolstadt" in einer Matinee im Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt, vermittelt durch Bertolt Brecht.

Im Publikum sitzen bei dieser Matinee die beiden Kritikerpäpste Berlins Alfred Kerr ( „Diese Frau ist ein Besitz“ ) und Herbert Ihering. Und in seltener Eintracht kommen sie zu einem übereinstimmenden Urteil. Alfred Kerr schreibt:
"Die ersten zwei Akte so gehalten-stark, wie Brecht mit seiner hübschen Luftstimmungsfabrik sie bisher nicht gekonnt hat. Wenn somit eine Anneluise Fleißer existiert, scheint sie eine Beobachterin, eine kostbare Abschreiberin kleinmenschlicher Raubtierschaft im hiesig-heutigen Mittelalter."
Das bedeutet den Durchbruch!

Marieluise ist zur Uraufführung nach Berlin gekommen und wohnt in der Wohnung Helene Weigels, die zu einem Gastspiel unterwegs ist. In dieser Zeit mag sich eine Affäre mit Bertolt Brecht angebahnt haben, denn der betreibt gerade die Scheidung von seiner Frau Marianne.

Brecht in den Zwanziger Jahren
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Im Mai 1926 nimmt sie der Ullstein-Verlag unter Vertrag und sie beginnt, heimgekehrt nach Ingolstadt, mit dem Schreiben an den "Pionieren von Ingolstadt", Monat für Monat bezahlt vom Verlag mit 200 Mark.

Bertolt Brecht hält sich im Sommer in Augsburg auf und sie treffen sich wieder. Später spricht die "Fleißerin" von "ihrer schönsten Zeit mit Brecht". Für sie scheint es die große Liebe, für den berüchtigten Womanizer und Egomanen eine Affäre unter vielen...

Im Januar 1927 geht sie wieder nach Berlin und mietet sich in Wilmersdorf ein Zimmer in der Nähe der Mansarde, die Brecht inzwischen von Helene Weigel übernommen hat. Sie veröffentlicht im "Berliner Tageblatt" und "überlässt" dem Schauspieler und Schriftsteller Hannes Küpper, mit dem sie sich in der Zwischenzeit befreundet hat, ihr neues Stück ( der es im Februar 1928 in Essen auf die Bühne bringen will ).

Weil sie Brechts "Harem" nicht ertragen kann, flüchtet sie immer wieder aus Berlin, nach Kolberg an der Ostsee z.B., aber auch in ihre Heimatstadt. Dort beginnt sie ein Verhältnis mit ihrem Jugendfreund Josef (»Bepp«) Haindl. Auch eine Freundschaft mit Bodo Uhse, einem - damals rechten - politischen Aktivisten beginnt zu dieser Zeit.

Mit "Bepp" Haindl
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Nachdem sich die Aufführung ihres zweiten Stückes sowohl in München wie in Essen zerschlagen hat, kommt es im März 1928 in Dresden zur Uraufführung, wird dort aber nach wenigen Vorstellungen abgesetzt.

Sie verlobt sich mit Haindl, der inzwischen einen Tabakladen in Ingolstadt betreibt. Eine eigenartige Verbindung: Haindl, ein Leistungsschwimmer und ein ganz und gar unliterarischer Mensch, legt in seinen Briefen an Marieluise neben mangelhafter Orthografie aber eine übergroße Zärtlichkeit & Liebe für sie an den Tag.

Im März 1929 bekommt Marieluises Stück "Die Pioniere von Ingolstadt" erneut eine Chance zur Aufführung: Weil im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin die Satire "Giftgas über Berlin" nach der Uraufführung sofort verboten wird, empfiehlt es Brecht als Ersatz.

Er sorgt auch für deutliche Veränderungen des Stücks, die Marieluise kurz vor der Uraufführung in Berlin umschreiben und zuspitzen muss. Sie bricht unter der Anspannung zusammen, und Brecht fügt ohne ihre Zustimmung eine provozierende Sexszene auf einem Friedhof hinzu und inszeniert eine Entjungferung ( die man in Dresden hinter den Kulissen angedeutet hat ) in einer wackelnden Kiste auf der Bühne.

Schon einen Tag nach der Aufführung fordert der Berliner Polizeipräsident Änderungen, sonst drohe ein Aufführungsverbot. Am nächsten Tag geht das Theater mit einer entschärften Fassung weiter. Sechzehn Vorhänge gibt es im Anschluss daran. Die Aufführung löst also den Skandal aus, den sich Brecht erhofft hat, denn das Stück findet große Beachtung. Marieluise wird dadurch berühmt, aber auch von Militaristen angefeindet, von den Konservativen geschmäht und in ihrer Heimatstadt als Nestbeschmutzerin beschimpft. Der Ingolstädter Bürgermeister protestiert beim Deutschen Städtetag gegen das "gemeine Machwerk". ( Sie verklagt ihn daraufhin wegen Beleidigung, bekommt aber erst 1931 Recht. Darüber empört man sich in Ingolstadt aufs Neue. )

Marieluise gerät in eine tiefe Krise, überwirft sich mit Brecht, lässt ihren Verlobten nach Berlin kommen, der sie in Ingolstadt immer verteidigt hat, und macht mit ihm auf Anraten Feuchtwangers Schluss, weil sie ihn zu besitzergreifend findet. Ihre Entscheidungen erscheinen im Nachhinein seltsam & schwer verständlich, "kopflos" nennt Hiltrud Häntzschel "ihre Überläufe in die entgegengesetzte Richtung". ( Im Nachhinein, im Alter, wird Marieluise das als eine Kette von Misshandlungen beschreiben. )

Mit Draws - Tychsen
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Nach dem Bruch mit Brecht sucht sie Sicherheit in der Beziehung mit dem drei Jahre jüngeren konservativen Journalisten Hellmut Draws-Tychsen, der sie seit der Berliner Premiere der "Pioniere von Ingolstadt" umwirbt. Auf einer Schwedenreise im Sommer 1929 verloben sie sich.

Der überspannte, hochstapelnde, erfolglose Publizist mit deutlich sadistischen Zügen hält sich selbst für ein Genie und krankt an chronischer Selbstüberschätzung. Er drängt sie, ganz andere Sachen zu schreiben als bisher, isoliert sie und zieht sie ins Lager ihrer Feinde, macht ihre Arbeiten schlecht, behält ihre Honorare ein, zwingt sie, seine Texte abzuschreiben und zerstört schließlich ihr Selbstvertrauen als Schriftstellerin. Marieluise lässt das alles mit sich geschehen.

Geschrieben & veröffentlicht hat sie durchaus während jener Jahre ( sogar ein Theaterstück, „Karl Stuart“ ). Unter Draws Einfluss bekommen ihre Texte unüberhörbar einen nationalistischen Ton. Sie bleibt eine feste Größe in der literarischen Welt und wird oft als einzige Frau gefragt, wenn Zeitschriften und Zeitungen die damals beliebten Umfragen machen. Aber wirklich gelingen will ihr nichts mehr.
Das ist die kaum zu fassende Tragödie in Fleißers Leben, dass sie sich diesem Mann in abgöttischer Liebe ausgeliefert hat, sich ökonomisch ausbeuten ließ, bis rein nichts mehr da war, und zugleich – und das ist noch ungleich katastrophaler –, dass sie ihre Begabung, ihren Verstand, ihre Kunst für ihn prostituiert hat“, konstatiert Hiltrud Häntzschel ( und kann es in ihrem Buch gut belegen ).
Nach einem Selbstmordversuch Ende September 1932 kehrt sie allein & mittellos ins Elternhaus in Ingolstadt zurück, hält aber an der sie zerstörenden Beziehung weiter fest. Aus Berlin schreibt Draws ihr:
"Merk dir: Eine Frau ist ohne den formenden Willen des Mannes nichts. Ohne mich wird dein Werk keine Existenzberechtigung mehr haben. Jaja, mit deinem ungeheuerlichen Vampirismus hast du alle deine Männer verwüstet und obendrein literarisch gefleddert. Es soll daher fortan nach dem Führerprinzip ausschließlich mein Wille gelten."
In den 1930er Jahren
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Erst Anfang 1935 schafft sie es endlich, sich aus dieser unsäglichen Beziehung zu befreien und die Verlobung zu lösen.

In Ingolstadt hat sie sich zwischenzeitlich wieder mit "Bepp" Haindl versöhnt und eine Affäre mit dem zwei Jahre jüngeren fränkischen Maler Georg Hetzelein angefangen, der ihr Briefe mit erotischen Zeichnungen sendet, obwohl er mit ihrer Freundin verlobt ist.

Am 25. April 1935 werden ihr Stück "Pioniere in Ingolstadt" sowie der Roman »Mehlreisende Frieda Geier« von den Nazis auf die offizielle "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt. Ein generelles Schreibverbot erhält sie aber nicht: Die Nazis gestatten ihr an Publikationen sechs Feuilletons pro Jahr. Ihre Schwierigkeiten in Ingolstadt sind aber nicht primär politischer Natur. Doch wie Erich Kästner laviert sie sich durchs nationalsozialistische Deutschland und nimmt Abstand zur Avantgarde der Weimarer Jahre.

Im September des Jahres flüchtet sie  - trotz anhaltender Skepsis ihrerseits - in die Ehe mit Haindl, muss nun den gemeinsamen Haushalt führen und im Tabakladen mithelfen. Ihr Schreiben kommt darüber zu kurz. Das große Eheglück sieht für sie anders aus & sie fühlt sich lebendig begraben. So verwundert es nicht, dass sie sich im August 1938 von ihrem Ehemann für drei Monate in eine Heil- und Pflegeanstalt für Gemütskranke in München bringen lässt, denn sie leidet an Halluzinationen.

Während des Krieges wird sie in einer Munitionsfabrik dienstverpflichtet, ihr Mann eingezogen. Infolge der Überlastung treten bei ihr wieder nervöse Störungen auf. Ihrem Mann gelingt es schließlich, sie von diesem Einsatz zu befreien.

Nach Kriegende publiziert der Verlag Kurt Desch ihr Theaterstück "Karl Stuart", von dem sie seit 1938 sechs Fassungen angefertigt hat. Sie wendet sich auch wieder an Bertolt Brecht in Zürich und sucht um eine Versöhnung nach. Später schickt sie ihm auch zwei ihrer Stücke und trifft ihn 1950 anlässlich einer Aufführung der "Mutter Courage und ihre Kinder" ( mit der großartigen Therese Giehse ) in den Münchner Kammerspielen.

Und wiederum ist es Brecht, der sich für sie einsetzt und die Aufführung ihres Stückes "Der starke Stamm" bei den Kammerspielen lanciert ( hier der Bericht über eine Aufführung am gleichen Ort 2002 ). Dem Stück ist kein Erfolg beschieden, auch nicht in Ingolstadt, wo es 1951 gespielt wird.

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Weil sie über kein eigenes Einkommen verfügt, sich aber von ihrem Ehemann trennen will, bittet sie Brecht & Feuchtwanger, sich für sie einzusetzen. Brecht bietet ihr gar Anfang 1956 eine Zusammenarbeit in Ostberlin an. Doch sie zieht es vor, in ihrer Heimatstadt zu bleiben, und kann erst einmal für den Bayerischen Rundfunk gegen Honorar Hörspielmanuskripte prüfen.

Am 15. Januar 1958 stirbt ihr Mann, und sie selbst erleidet noch in der Nacht einen Herzinfarkt. Es folgt ein dreimonatiger Krankenhausaufenthalt. Später verkauft sie das Tabakgeschäft und kommt beim Carl Hanser Verlag als Autorin unter. 1961 wird ihr der neu eingerichtete Kunstförderpreis der Stadt Ingolstadt zuerkannt.

Der Hanser Verlag bringt 1963 dann unter dem Titel "Avantgarde" einen Band mit ihren Erzählungen heraus. Neu darin ist nur die Titel - Erzählung, die von einer Studentin ( Cilly Ostermeier ) handelt, die in den Zwanzigerjahren aus der Provinz nach Berlin kommt und als Dichterin zur Avantgarde gehören möchte, sich jedoch von einem Genie verbiegen lässt und dadurch beinahe zugrunde geht.

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Die Leserschaft fasst Cillys Geschichte als Marieluises eigene auf, obwohl sie doch sehr viel mehr von der unglücklichen, masochistischen Beziehung zu Draws enthält als von der kurzen Affäre mit Brecht. Doch nun nun ist sie in aller Munde, sie wird gefeiert, ihre Stücke gespielt: Endlich ist sie dort angelangt, wohin sie immer hat kommen wollen: im Zentrum der Literatur ihrer Zeit.

Mit der Neu-Inszenierung des Volksstücks "Der starke Stamm" an der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer kommt eine regelrechte Fleißer-Renaissance in Gang: Autoren wie Rainer Werner Fassbinder, Martin Sperr und Franz Xaver Kroetz nehmen sich jetzt ihrer Stücke an. Sie selbst bezeichnet die neuen Vertreter des kritisch-realistischen Volkstheaters als ihre "Söhne". Sie gilt nun als eine der stärksten Autorinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bekommt Literaturpreise und sogar eine Gesamtausgabe ihrer Werke beim renommierten Suhrkamp Verlag. Die deutschen Bühnen reißen sich um ihre Stücke.

1973 wird sie in die Berliner Akademie der Künste als ordentliches Mitglied gewählt und bekommt den Bayerischen Verdienstorden verliehen.

Doch viel Zeit bleibt ihr nicht mehr ihren Ruhm zu genießen:  Am 2. Februar 1974  stirbt sie, nach einer Schweiz - Reise, im Alter von zweiundsiebzig Jahren in einem Ingolstädter Krankenhaus.

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Was bleibt: Die Legende von der "Fleißerin" und dem berühmt- berüchtigten Dichter Brecht in einer unrühmlichen Rolle, die seitdem, kaum hinterfragt, als autobiografische Wahrheit gilt. An dieser Legende haben sich viele beteiligt: Kritiker, Herausgeber und die Autorin selbst mit ihren späteren autobiografischen Äußerungen. „Für die alt gewordene Frau ist die Fiktion ebenso wahr, wie es die Fakten sind“, so Häntzschel.

An der Bedeutung ihres Werks ändert das nichts - im Gegenteil! Sie sei „für das Unbedingte geboren“, hat sie geschrieben. "Ich lege Verletzungen bloß, die geheilt werden müssten." Das schmerzfreie Leben gibt es nicht, so die von ihr vermittelte Botschaft.


1981 stiftet die Stadt Ingolstadt den Marieluise- Fleißer - Preis für Literatur. Seit November 2001 wird das Geburtshaus von Marieluise Fleißer von der Stadt als Dokumentationsstätte betrieben ( wegen Sanierung allerdings bis 2018 geschlossen ). 2011 wird eine Statue von Marieluise Fleißer in der Ingolstädter Fußgängerzone aufgestellt - die Stadt hat sich mehr als ausgesöhnt mit ihrer einst unbequemen Tochter, die heute "als die einzige bayerische Schriftstellerin, deren Literatur Weltniveau erreichte" zu gelten hat, so der Bayrische Rundfunk.



Kommentare:

  1. da ist alles neu für mich...habe wieder was gelernt...bises

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  2. guten morgen astrid,

    wer stuttgarts kleines haus auch in den 60ern kennt und auch fassbinder, kommt an ihr kaum vorbei.

    danke für das portrait.

    lieben gruß eva
    der heute noch etwas komisch vom gestrigen fliegenden Holländer ist.


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  3. Wieder so ein vertracktes Frauenleben einer hochbegabten Frau. Danke für's Vorstellen liebe Astrid.
    Mir sind natürlich die Skandale wohlbekannt. Eine Frau aus Ingolstadt! Mehr Spießigkeit ging ja fast gar nicht damals. Wer sie genau war und was sie genau geschrieben hatte, wusste ich damals nicht, aber irgendwie war ihr Name das Synonym dafür, dass alles aufgedeckt werden konnte. Von einer Frau. Sehr beeindruckend fand ich das.
    Finde ich immer noch.
    Herzlichst, Sieglinde

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  4. Von ihr hatte ich noch nie gelesen oder gehört. Was für ein chaotisches unglückliches Leben!

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  5. Liebe Astrid,
    das war wieder ein sehr interessanter Artikel. Ich kannte Marieluise Fleißer noch gar nicht nur Bertold Brecht, den ich immer gerne gelesen habe und dessen gesammelte Werke mein Regal zieren. Und Fassbinder sagt mir auch was, ein paar seiner Filme habe ich gesehen, kann mich aber nicht an die Filme erinnern.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

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  6. Ich bin auch in einer Theaterstadt aufgewachsen... Natürlich kenne ich die "Fleißerin", doch wie schädlich (mal wieder) die Männerwelt da gewirkt hat, wusste ich nicht. (Wobei der "Womanizer" Brecht sich wenigstens immer wieder eingesetzt hat!).
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Bonn als Theaterstadt zu bezeichnen ist sehr charmant. Das war es seinerzeit wirklich nicht. Aber Katinka Hofmann und das Contrakreistheater waren damals eine echte Alternative.
      LG

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    2. Bei mir war es Bochum ;-)
      Liebe Grüße
      Andrea

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    3. Tief im Wehestehen...
      Wusstest du, dass Grönemeyer mit Anna Henkel in meiner besten Theaterzeit am Kölner Schauspielhaus waren? Und die waren guuut...
      LG

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  7. Liebe Astrid,
    wieder ein sehr interessantes Frauenbildnis.
    Ich war ein Fan von Fassbinder und versuchte,
    soviel wie möglich zu sehen, ob im theather oder
    auf der Leinwand.
    Einen schönen Tag wünscht dir
    Irmi

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    1. Das teilst du dann mit meinem verstorbenen Bruder. Ich habe gerade alle VHS - Videos mit Fassbinder - Filmen entsorgt, die bei mir untergekommen sind, denn keiner wollte sie haben bzw. hat noch VHS...
      LG

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  8. ... eine sehr interessante Frau hast Du hier vorgestellt!
    Immer wieder spannend Deine Beiträge! Vielen Dank dafür!

    Bis bald wieder und viele Grüße von Renate

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  9. Ich habe dieses Frauenportrait mit großem Interesse gelesen...wie übrigens auch all die anderen...Eine wunderbare Sammlung...LG Lotta.

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  10. Wieder ein sehr interessantes Portrait liebe Astrid, danke für diese große Mühe, die du dir immer machst! ♥
    Liebste Grüße
    Christel

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  11. was hast du da wieder alles über diese interessante frau herausgefunden! aber ich bin doch ziemlich erschüttert, was die herren der geschichte da mal wieder "geleistet" haben. aus einer freiheitsliebenden jungen frau, die sich nicht an konventionen halten wollte, wurde eine abhängige, in sich zerrissene person. versöhnlich aber, dass sie im alter dann doch noch die ihr zustehende anerkennung bekam. wieder mal ein fettes dankeschön an dich! ich kannte ihren namen und habe auch mal vor langer zeit etwas von ihr gelesen, aber von ihrer entwicklung hatte ich null ahnung!
    liebe grüße
    mano

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  12. Liebe Astrid,
    danke für das aufwändige Portrait einer mir bislang unbekannten Frau.
    herzlich Margot

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  13. Schön, dass Du an sie erinnerst. Brecht hat nicht nur bei ihr eine sehr -nennen wir es mal komplizierte - Rolle gespielt. Ich bin immer wieder fasziniert, wie viele Frauen das mitmachen. Nun ja, trotzdem ein beeindruckendes und auch tragisches Leben.
    LG
    Magdalena

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  14. Aufregend zu lesen... eine sonntägliche Matinee vom Feinsten. Gerade auch die Pecanterie: Hat sie! oder hat sie nicht? Denn Brecht war ja kein Kostverächter.

    Liebe Grüßle von Heidrun

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