"Wer die Nachtigall stört" - diesen griffigen Romantitel kennt wahrscheinlich jeder. Ob es anderen auch so gegangen ist wie mir, dass ich das Buch bisher nicht gelesen hatte?Ich suche ja immer nach Frauen wie nach Lektüre. Und dieses Mal passte das gut zusammen. Das Buch ist inzwischen gelesen. Heute kommt die Frau Harper Lee zu ihrer Vorstellung.
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| Southern Street in Monroeville, Alabama |
"Die Wahrheit ist immer die bessere Geschichte."
Nelle Harper Lee erblickt am 28. April 1926 in Monroeville, Alabama, das Licht der Welt in einer Familie mit bereits drei um einiges älteren Kindern - Alice (*1911), Louise (*1916) und Edwin (*1920). Ihre Eltern, Frances Cunningham Finch, 36 Jahre alt, und Amasa Coleman Lee, fast 46 Jahre alt, sind seit 1910 verheiratet.
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| Links A.C. Lee, rechts Atticus Finch alias Gregory Peck |
Im September 1919 wird der im Strafrecht unerfahrene junge Anwalt mit der Verteidigung von Frank und Brown Ezell, Vater und Sohn, betraut, denen die Ermordung eines älteren weißen Ladenbesitzers vorgeworfen wird. Vor dem Bezirksgefängnis in Monroeville, versammelt sich der übliche Lynchmob und fordert, die beiden schwarzen Männer zu hängen. Das sei die einzige Möglichkeit, Gerechtigkeit walten zu lassen, so ihre Überzeugung. Die Jury, in der einer der Söhne des ermordeten Ladenbesitzers sitzt, schließt sich dem Mob an, und die Ezells werden zum Tode durch den Strang verurteilt. Eine große Menschenmenge trotzt dem kalten Dezemberregen, um ihrer Hinrichtung beizuwohnen. Später gerät A.C.Lee als Anwalt mindestens noch einmal in eine heftige Auseinandersetzung mit dem Ku-Klux-Klan, da seine Ansichten zur Rassenfrage von vielen im Süden als zu liberal angesehen werden.
Die kleine Harper wird in eine Welt voller gewalttätiger Rassentrennung und Selbstjustiz hineingeboren: Zwei Tage vor ihrer Geburt wird eine schwarze Frau im nahegelegenen Birmingham von Mitgliedern des Ku-Klux-Klans in ihrem Haus angegriffen und getötet; am selben Tag wird eine Kirche niedergebrannt und fast alle schwarzen Einwohner einer Stadt in New Jersey von einem wütenden Mob nach dem Mord an einem Weißen vertrieben. Darüber berichtet sogar die "New York Times".
Ein Jahr nach Harpers Geburt wird der Vater als Mitglied in das Repräsentantenhaus von Alabama gewählt ( bis 1939 ) und Herausgeber & Teilhaber des "Monroe Journal", der ältesten regionalen Wochenzeitung, die in ihren Leitartikeln und veröffentlichten Leserbriefen eine ausgesprochen pro-weiße und pro-südstaatliche Haltung widerspiegelt.
Es wird einen Aufschrei des Entsetzens geben, wenn 55 Jahre, nachdem A.C. Lee, als sein alter ego Atticus Finch längst zum inoffiziellen Schutzpatron ehrenwerter Anwälte geworden ist, herauskommt, dass eben jener, von seiner Tochter zu einer Legende der Toleranz und Rassenintegration gemacht, zeitlebens ein überzeugter Anhänger der Rassentrennung geblieben ist und gegen die gemeinsame Beschulung von Kindern aller Hautfarben gestimmt hat. Offensichtlich ist er aber in der Lage gewesen, um in der Fantasie seiner Tochter den Inbegriff moralischer Stärke und Tugend zu erschaffen.
Zurück zu Harper:
Nur ihr Bruder Edwin ist dem Mädchen altersmäßig relativ nah gewesen. So scheint es nichts Besonderes, dass das Mädchen sich mit dem zwei Jahre älteren Truman Capote anfreundet, der, von den Eltern vernachlässigt & verlassen, zu den den Lees benachbarten Verwandten in den Sommern von 1928 bis 1934 zu Besuch kommt. Eine Grille der Literaturgeschichte, dass im provinziellen Monroeville der Dreißigerjahre gleich zwei der bekanntesten amerikanischen Schriftsteller der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts aufeinandertreffen! Und eine Laune des Schicksals dazu, dass sich ausgerechnet ein Mädchen, das lieber ein Junge gewesen wäre, und ein Junge, der sich gerne mädchenhaft gibt, miteinander die Langeweile vertreiben. Ein frecher Wildfang sei sie gewesen, heißt es vielerorts, scharfzüngig & ungebärdig. Lange vor den anderen Gleichaltrigen kann sie bereits lesen. Ihr Außenseitertum verbindet, auch das gemeinsame Interesse an Detektivgeschichten:
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| Truman Capote & Harper Lee (1966) |
Die langen Sommernachmittage verbringen sie lesend in ihrem Baumhaus. Sie beginnen auch, selbst Geschichten auf der Underwood-Schreibmaschine von Harpers Vater zu schreiben, wobei sie sich abwechseln: Einer erzählt, der andere tippt.
"Wir mussten uns beim Spielen und zur Unterhaltung selbst etwas einfallen lassen. Wir hatten nicht viel Geld. … Wir hatten kein Spielzeug, uns wurde nichts abgenommen, deshalb lebten wir die meiste Zeit in unserer Fantasie. Wir erfanden Dinge; wir waren Leseratten und übertrugen alles, was wir auf gedruckten Seiten gesehen hatten, in Form von großen Theaterstücken in den Garten", wird sie 1965 in einem Interview erzählen.
Später werden die beiden wechselseitig zu Figuren in ihren literarischen Werken werden: Harper zu der frechen Isabel Thompkins in Capotes Debütroman "Andere Stimmen, andere Räume", Truman gibt die Vorlage ab für den Dill in "Wer die Nachtigall stört". ( "Ich bin klein, aber alt“, lautet einer von Dills ersten Sätzen darin. )
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| Als Studentin (zweite Hälfte 1940er Jahre) |
In New York, wo sie sich haufenweise Bücher aus der Society Library ausleiht, Ausstellungen besucht, in Queens Spiele der Mets verfolgt und viele Stunde am Tag an ihren Texten arbeitet, umschreibt, kürzt, oft verwirft, arbeitet sie zunächst in einem Buchladen, bevor sie eine Stelle als Angestellte bei der Flugreservierung annimmt. Diese ihre ersten Erzählungen scheinen nichts weiteres als Fingerübungen zu sein. Sie sind unter anderem nur deshalb datierbar, weil Harper die Absagen der diversen Zeitschriften aufgehoben hat. Thematisch folgen diese kurzen Geschichten meist ihrer eigenen Lebenswirklichkeit in den Südstaaten der Dreißigerjahre. 1957 legt sie diese dem Verlag J.B. Lippincott vor, eine Veröffentlichung findet nicht statt.
Über mehrere Jahre hinweg, unterbrochen durch den Tod ihrer Mutter und ihres Bruders sowie anderer Verpflichtungen, arbeitet sie an ihrem später ach so berühmten Roman, finanziell unterstützt durch ein "Weihnachtsgeschenk" des Ehepaares Joy & Michael Brown, - letzterer ein Broadway-Komponist -, die sie über Capote kennengelernt hat. Nachdem sie das Manuskript 1959 fertiggestellt hat, reist sie mit Truman Capote nach Kansas, um ihn bei den Recherchen für "Kaltblütig" zu unterstützen. Er widmet ihr das Buch zusammen mit seinem damaligen Partner und würdigt ihre "Sekretariatsarbeit". Das war dann wohl nicht genug Wertschätzung, und Harper geht auf Dauer auf Distanz, so heißt es. Sie nutzt Trumans Namen allerdings auch als Referenz, als sie erstmals bei einer Literaturagentin vorstellig wird.
Beginn der Wahlkampagne (1960)
Wenige Tage nach dem Erscheinen des Romans nimmt der junge John F. Kennedy offiziell die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten an. In seiner Rede in der "Los Angeles Memorial Sports Arena" sinniert er: "Die Welt verändert sich. Die alte Ära geht zu Ende. Die alten Wege reichen nicht mehr aus … eine friedliche Revolution für Menschenrechte – die ein Ende der Rassendiskriminierung in allen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens fordert – hat die von einer ängstlichen Exekutive angelegten Fesseln gebrochen."
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| Mit Mary Badham (1962) |
Und dann das Tüpfelchen auf dem i: Die Verfilmung, schon 1962, unter dem Regisseur Robert Mulligan. Gregory Peck spielt den Atticus Finch, die beiden aus Alabama stammenden Jungschauspieler*innen Mary Badham und Phillip Alford verkörpern Scout und Jem. Peck gewinnt den Oscar, zwei weitere gehen an den Drehbuchschreiber und den Szenenbildner.
Harpers Vater stirbt im April 1962 im Alter von 82 Jahren, kurz nachdem er Gregory Peck kennengelernt hat. Der Schauspieler erhält von Harper als Zeichen ihrer Wertschätzung die goldene Armbanduhr ihres Vaters.
Nach dem sagenhaften Erfolg ihres Romans habe es eine Zeit gegeben, in der sie nach eigenem Bekunden "die Jane Austen von Süd-Alabama" habe werden wollen. Gleich mehrere Romane über das Leben der amerikanischen Mittelklasse in den Südstaaten wolle sie schreiben. Doch daraus wird nichts. Immer wieder wird gerätselt, wie eine Autorin, die plötzlich im Epizentrum der amerikanischen Literatur aufgetaucht ist, danach beinahe genauso plötzlich wieder verschwunden ist? Tatsächlich ist Harper Lee auch deshalb ein Mythos, weil sie nach "Wer die Nachtigall stört" so gut wie nichts Bemerkenswertes bis auf ein paar Artikel & Essays mehr verfasst hat. Dabei ringt sie in ihrer New Yorker Wohnung noch jahrzehntelang mit ihrem writers’ block.
Was immer es wirklich gewesen ist – ob die uneingestandene Rivalität mit Truman Capote sie lähmt, ob der Erfolg des Romans sie erdrückt oder ob ein weit gediehenes Manuskript tatsächlich gestohlen worden und nicht mehr rekonstruierbar gewesen ist, wie ihre Schwester Alice einmal einem Fernsehreporter gegenüber behauptet haben soll –, 1970 bzw. 1974 sterben mit ihrem Agenten und ihrer Lektorin ihre wichtigsten literarischen Bezugspersonen: Fünfzehn Jahre nach der "Nachtigall" fällt Harper Lee durch das Raster. Irgendwann zwischen damals und heute verkündet sie auf die Frage, ob sie jemals ein zweites Buch schreiben wolle:
Mit ihrer Schwester Alice rechts (1983)
"Erstens hätte ich mich für kein Geld der Welt noch einmal dem Druck und der Aufmerksamkeit aussetzen wollen, der ich bei der "Nachtigall" ausgesetzt war. Zweitens habe ich alles gesagt, was ich sagen wollte, und werde es nicht noch mal sagen."
Danach: Funkstille.
Harper Lee äußert sich ab 1964 nicht mehr öffentlich, erscheint aber gelegentlich noch in der Öffentlichkeit. "Es war wirklich furchtbar", schreibt sie an eine Freundin über die Aufmerksamkeit der Reporter, als sie 2001 bei einer Zeremonie eine Auszeichnung entgegengenommen hat. "Nie wieder." Ihre Briefe an einen Kreis von insgesamt sechs Personen stellen quasi die eigene Autobiografie dar. Gegen eine solche aus fremder Hand geht Harper Lee 2011 mit Anwälten vor.
Schon vorher ist sie von New York nach Monroeville zurückgekehrt, nachdem sie 2007 wenige Wochen nach der Verleihung der Medal of Freedom durch den Präsidenten George W. Bush einen Schlaganfall erlitten und verstärkt auf Hilfe angewiesen ist, da sie im Rollstuhl sitzt. Zudem leidet sie an einer Makuladegeneration und kann nur noch mit einer Lupe lesen. 2010 erhält sie von Barack Obama die National Medal of Arts.
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| Während der Überreichung der "Presidential Medal of Freedom" mit Präsident George W. Bush (2007) |
Ihre ältere Schwester Alice, wie der Vater Rechtsanwältin, kümmert sich bis kurz vor ihrem Tod 2014 um die finanziellen und rechtlichen Belange der Schwester. Dazu gehört auch eine gerichtliche Auseinandersetzung mit dem Literaturagenten Samuel Pinkus, dem Harper vorwirft, sie um die Urheberrechte & Tantiemen betrogen zu haben. Alice Lee selbst hat in der Anwaltskanzelei, die noch auf ihren Vater zurückging, bis ins Alter von einhundert Jahren praktiziert. Im Alter von 103 Jahren, im Jahr 2014, stirbt Alice in einer Pflegeeinrichtung.
Im Februar 2015 gibt Harpers Verlag Penguin Random House die Veröffentlichung eines zweiten Romans unter dem Titel "Go Set a Watchman" bekannt. Am 14. Juli 2015 kommt das Buch mit einer Startauflage von zwei Millionen ( in Deutschland umfasst die erste Auflage 100.000 Exemplare ) in den Buchhandel. Die Umstände der Veröffentlichung sind mehr als umstritten. Die Handlungen der beiden Romane der Harper Lee sind insofern miteinander verbunden, als "Go Set a Watchman" im Jahr 1956 spielt und die Geschichte der erwachsenen Jean Louise erzählt, die für ihren Sommerurlaub von New York City, wo sie lebt und arbeitet, in ihre Heimatstadt Maycomb, Alabama, zurückkehrt.
Am 19. Februar 2016 stirbt Harper Lee im Alter von 89 Jahren im Schlaf. Ihre letzte Ruhe findet sie auf dem Hillcrest Cemetery ihrer Heimatstadt. Fast ein Jahrzehnt nach ihrem Tod erscheint im Oktober 2025 eine Sammlung unveröffentlichter Kurzgeschichten unter dem Titel "The Land of Sweet Forever".
In einem schamlosen Hype priesen Verlag, Agent und Werbung Harper Lees im Nachhinein publizierten Werke abwechselnd an als sensationelle Entdeckung, als Teil einer geplanten Trilogie oder als Fortsetzung des Erfolgsromans "Wer die Nachtigall stört". Das scheint mir absolut nicht gerechtfertigt, soll aber nicht den Wert des Klassikers schmälern, dessen Botschaften gegen Rassismus und für Zivilcourage weiterhin aktuell bleiben. Jetzt erst recht nicht!







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