Donnerstag, 5. September 2019

Great Women # 192: Toni Morrison

Heute zeige ich die achte dieser Collagen à 24 Frauen - das ist dann auch immer ein ganz besonderer Donnerstag für mich. Und deshalb habe ich auch eine ganz, ganz besondere Frau ausgewählt, eine, die mir Augen & Herz geöffnet hat, was die Ideologie des Rassismus, insbesondere die Sklaverei, mit den Menschen in ihrem Innersten macht. Wenn man sich immer nur mit einem fremden Blick ansieht und sich selbst ständig abwertet. Oder was es heißt, wenn man keinen Ort hat, an dem man frei ist, man selbst zu sein. Ihre Bücher haben da viel - und wohl nicht nur bei mir - in Bewegung gesetzt. Die Sprache soll heute sein von Toni Morrison.

"Ich will niemanden belehren, 
niemandem predigen, 
weder Hass noch Liebe. 
Ich will erzählen."


Toni Morrison kommt als Chloe Wofford am 18. Februar 1931 in Lorain, Ohio zur Welt. Sie ist das zweite von vier Kindern von Ramah und George Wofford.

Die Eltern ihrer Mutter, Ardelia und John Solomon Willis, sind Farmer in Greenville, Alabama gewesen und haben um 1910 ihre Farm aufgeben müssen, nachdem sie Schulden nicht zurückzahlen konnten.

Die Familie des Vaters wiederum stammt aus Georgia, ist dann in den Norden ausgewichen, um einem Landwirtschaftssystem zu entkommen, bei dem ein Bauer auf fremdem Land arbeitet und dem Besitzer einen Teil der Ernte abtritt. Aber auch die Gewalt gegen Afroamerikaner in den Südstaaten ist für sie ein Grund für ihre "Landflucht". Beide Familien lassen sich in der Stahlwerkstadt Lorain am Eriesee nieder.

Tonis Kindheit fällt in die Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren, die in den Vereinigten Staaten große wirtschaftliche Not bedingt - "meine Familie war sehr, sehr arm, aber das waren damals alle." So schafft es Tonis Vater nur, die Familie zu ernähren, indem er siebzehn Jahre lang drei Jobs ausübt, unter anderem als Schweißer bei U.S.Steel. Die Mutter arbeitet als Hausangestellte.

Als Toni ungefähr zwei Jahre alt ist, zündet der Vermieter das Haus an, in dem ihre Familie lebt, weil ihre Eltern die Miete nicht bezahlt haben. Ihre Familie reagiert auf das, was sie mit "bizarre form of evil" benennen, mit Gelächter dem Vermieter gegenüber, anstatt in Wut & Verzweiflung zu geraten. Später interpretiert sie die Reaktion ihrer Familie als Zeichen der Integrität und des Anspruches auf eine eigene Form des Lebens angesichts monumentaler Grausamkeit.

Das Umfeld, in dem das kleine Mädchen aufwächst, ist geprägt von der schwarzen Kultur mit ihrer Folklore, Musik, Ritualen und Mythen. Die Familie ist "mit dem Übernatürlichen vertraut", und ihre Großmutter benutzt häufig Träume und Zahlen, um die Zukunft vorherzusagen. Auch das Geschichtenerzählen gehört unbedingt zum Familienleben, und sowohl die Kinder wie die Erwachsenen tauschen zwecks Unterhaltung ihre Geschichten miteinander aus, meist Geistergeschichten mit recht grausamem Inhalt. Auch berichtet Toni von der Leidenschaft fürs Singen.

Das Mädchen geht auf eine Schule, in der schwarze und weiße Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Sie ist das einzige schwarze Kind in ihrer Klasse und das einzige, das schon lesen kann, instruiert von der ein Jahr älteren Schwester Lois. "Wir wussten, dass es Sklaven in Amerika verboten war zu lesen, dass Weiße, die Schwarzen das Lesen beibrachten, im Gefängnis landeten oder hohe Strafen erhielten, lauter beängstigende Dinge."- "Lesen galt in meiner Familie als kühner und rebellischer Akt."( Quelle hier )

Mit zwölf Jahren tritt sie in die römisch-katholische Kirche ein und erhält ihren zweiten Namen Anthony nach dem Heiligen Antonius.

Dann besucht sie die Lorain High School, die sie 1949 als Beste abschließt. Seit sie lesen kann, ist ihr diese Beschäftigung die liebste. Während ihrer High-School-Zeit kommt sie, begünstigt durch die Arbeit ihrer Schwester als Bibliothekarin, der sie dabei aushilft, in Kontakt mit den Werken großer Autoren des 19. Jahrhunderts wie Jane Austen, Leo Tolstoi und Gustave Flaubert und ist beeindruckt von deren jeweils spezifischer Art und Weise, die ihnen vertrauten Dinge darzustellen. Das motiviert die junge Autorin dann später, auch über die Dinge zu schreiben, die sie am besten kennt, nämlich die Kultur, in der sie aufgewachsen ist. Dass sie ihre Kindheitserinnerungen dazu nutzt, um mit dem Schreiben überhaupt anzufangen, erwähnt sie im Alter immer wieder.

1949 schreibt sich Toni an der Howard University in Washington DC ein, zur Zeit der Rassentrennung in den USA eine Art Harvard für Afroamerikaner, um dort Englische Literatur & Altphilologie ( Latein ) zu studieren. Auf der Uni ändert sie auch ihren Namen in Toni ( nach ihrem Zweitnamen ), weil die Leute Schwierigkeiten haben, Chloe auszusprechen. Während der Studienzeit ist sie Mitglied der universitären Theatergruppe, die Stücke über das Leben der Afroamerikaner aufführt.

1953  macht sie als Abschluss den Bachelor of Arts in Englisch. Anschließend studiert sie weiter an der Cornell University, einer Privatuniversität in Ithaca, New York, die zu den renommiertesten Universitäten der Welt zählt. Dort verfasst sie eine Masterarbeit über den Suizid in den Romanen von William Faulkner und Virginia Woolf und schließt das Studium 1955 ab, um anschließend zwei Jahre lang an der ( schwarzen ) Texas Southern University in Houston und schließlich wieder an der Howard University zu unterrichten. Dort stößt sie zur Autorengruppe der Universität und beginnt mit dem Schreiben. Der Kern ihres ersten Romans entwickelt sich schon in dieser Zeit.

An der Howard University Zeit lernt sie Harold Morrison kennen, einen jungen Architekten aus Jamaika, den sie 1958 heiratet und mit dem sie 1961 Sohn Harold Ford bekommt, von dem sie sich aber 1964 wieder trennt, schwanger mit ihrem zweiten Sohn Slade. Einziger, von mir gefundener Kommentar zum Ex-Mann im hohen Alter: "Ich hasse ihn." Er habe von ihr verlangt, sie solle sich wie eine traditionelle Hausfrau in den 1950er Jahren benehmen - und das habe sie nie sein können & wollen.

Mit Angela Davis (links)
Als alleinerziehende 34jährige Mutter zieht sie nach der Geburt von Slade zunächst nach Syracuse, New York, um für L. W. Singer, der Lehrbuchabteilung von Random House, zu arbeiten. Zwei Jahre später wird sie bei Random als Verlagslektorin in New York eingestellt, wo sie schließlich sogar zur Cheflektorin aufsteigt und als einzige afroamerikanische Frau im Verlag vor allem an der Veröffentlichung der Werke afroamerikanischer Autoren interessiert & beteiligt ist, zum Beispiel von Toni Cade Bambara, Gayl Jones, Angela Davis und June Jordan, auch wenn ihr von anderen Verlagsvertretern gesagt wird, dass sich die "auf der anderen Straßenseite nicht verkaufen lassen". Auch bringt sie eine Biografie über den Boxer Muhammed Ali heraus sowie das "Black Book", eine einzigartige Anthologie, die die Geschichte des schwarzen amerikanischen Lebens von der Sklaverei bis in die 1970er Jahre ausführlich dokumentiert mit Erzählungen und historischen Abbildungen, mit Fotos u.ä.

In der "New York Times" und in der "Washington Post" wird sehr wohlwollend über das "Black Book" berichtet. Es ist also Toni Morrisons Leistung, dass der "mainstream" in den USA nun auch die afroamerikanische Literatur wahrnimmt und liest.

Die Begegnung mit anderen Persönlichkeiten im Bereich der afroamerikanischen Kultur ermutigt sie, ihre literarische Stimme selbst auch lautstark zu erheben. Das wird ihr, ihrer Persönlichkeit gemäßer Beitrag zur Bürgerrechtsbewegung: "Ich fand es wichtig, dass die Leute auf die Straße gehen, aber das konnte man nicht auf Dauer. Es war meine Aufgabe, die Stimmen, die Bücher, die Ideen der Afroamerikaner zu veröffentlichen - und das würde alles andere überleben."

1973
Sie hat aber zwei kleine Kinder, und sie beschreibt die Bedingungen, unter denen sie ihren "Beitrag" produzieren muss, so: "Ich schrieb mit einem Kind, das an meinen Haaren zog, und einem Baby, das an meinen Ohrringen zog. Mein Baby hat einmal Orangensaft auf meinen Notizblock gekippt, und ich habe drumherum geschrieben". Dass sie unter diesen Umständen für "Sehr blaue Augen" ( "The Bluest Eye" ) dann auch fünf Jahre bis zur Erstveröffentlichung braucht, kann man sich plastisch vorstellen. Die Zeit zum Schreiben hat sie sich förmlich "gestohlen" von der Zeit, die sie für ihre sonstigen Aufgaben braucht. 1970 kommt "Sehr blaue Augen" endlich heraus ( bei uns gar erst neun Jahre später ).
Die Geschichte handelt von einem afroamerikanischen Mädchen namens Pecola, das sich wünscht, ihre Augen wären blau, denn das blauäugige weiße Mädchen, in deren Haushalt die eigene Mutter arbeitet, wird von dieser so viel liebevoller behandelt als sie selbst. Als sie elf Jahre alt ist, wird Pecola von ihrem trunksüchtigen, gegenüber der Mutter gewalttätigen Vater missbraucht und schwanger, verliert das Baby aber und flüchtet sich ins Irresein, was ihr einen gewissen Schutz vor den Mitmenschen bietet. 
Dieser Erstling Toni Morrisons stellt durch seine hoch verdichtete und komplexe Erzählstruktur an die Aufmerksamkeit des Lesers besondere Ansprüche, aber auch, weil in schockierender Offenheit die Lebensumstände afroamerikanischer Menschen beschrieben werden und die zerstörerische Kraft der rassistischen Ideologie, die über die Jahrhunderte zum Selbsthass der Afroamerikaner geführt hat. Mit der Darstellung eines Kindesmissbrauchs wurde zu jener Zeit auch noch ein Tabu berührt.  "Sehr blaue Augen" ist vielleicht das kühnste Buch, dass Toni Morrison geschrieben hat. Es ist sowohl bei weißen wie bei schwarzen Lesern auf Ablehnung gestoßen. Letztere beurteilen die Darstellung des Lebens der Schwarzen in diesem Buch mit einem weißen Blick und würden die bis dahin nie erzählten Geschichten des afroamerikanischen Daseins weiterhin lieber unerzählt lassen. Doch die Autorin war zu diesem Zeitpunkt zu dem Schluss gekommen, dass man die Gegenwart nur verstehen könne, wenn man die Vergangenheit kenne.
1974 kommt "Sula" heraus, das für den "National Book Award" nominiert wird, 1977 ihr drittes Buch "Song of Solomon", das den "National Book Critics Circle Award" und den "American Academy of Arts and Letters Award" verliehen bekommt und auch als zweiter Roman eines Afroamerikaners überhaupt als Buch des Monats ausgewählt wird. Es ist ihr wohl bedeutendstes Buch neben dem späteren "Beloved". Schon während dieser Jahre hat Toni auch wieder ihre Lehrtätigkeit an der Howard University aufgenommen und wird 1981 in die American Academy of Arts and Letters berufen, das Jahr, in dem "Tar Baby" ( auf deutsch: "Teerbaby" 1983 ) publiziert wird, das erste ihrer Bücher, das auch eine größere Leserschaft findet.

Mit ihren Söhnen in den 1980er Jahren
1983 verlässt Toni Morrison den Random - Verlag, um mehr Zeit fürs Schreiben zu gewinnen. Sie lebt in einem umgebauten Bootshaus am Hudson River in Nyack, New York und unterrichtet weiterhin Englisch an zwei Zweigstellen der State University of New York (SUNY) und  an der Rutgers University in New Brunswick. 1984 wird sie auf den Albert-Schweitzer-Lehrstuhl der Universität von Albany berufen, ab 1989 ( bis 2006 ) ist sie dann Professorin in Princeton. Toni Morrison gehört nun zu den wichtigsten Intellektuellen der USA. Sie gibt Kurse in Geisteswissenschaften & Afroamerikanistik und ist dort Mitglied des Programms für kreatives Schreiben.

1987 erscheint "Beloved" ( auf deutsch "Menschenkind", 1989 ),  ihr berühmtester, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneter Roman, der als ihr Meisterwerk gilt:
Er basiert auf der wahren Geschichte einer Sklavin, Margaret Garner, die ihr eigenes Kind tötet, als sie nach der Flucht aus der Sklaverei gestellt wird, um ihm das fürchterliche Sklavendasein zu ersparen. Die Geschichte hat zum Zeitpunkt des Geschehens  eine kontroverse Auseinandersetzung über die Sklaverei aufs Heftigste befördert und ist von der Autorin während der Arbeit am "Black Book" entdeckt worden. Toni Morrisons Interesse daran gilt den psychologischen Folgen der Sklaverei, und sie stellt diese sehr komplex mit Erinnerungsfetzen, realistischen wie phantastischen Handlungen in der Jetztzeit dar und erzählt damit eine Geschichte, die zuvor als überhaupt nicht erzählenswert betrachtet worden ist, denn die Weißen interessierten sich nicht dafür, und die Afroamerikaner hatten viele psychologischen Barrieren entwickelt, die sie am Erzählen gehindert haben.
Margaret Atwood schreibt darauf in ihrer Buchkritik in der "New York Times": "Ms. Morrisons Vielseitigkeit sowie ihre technische und emotionale Bandbreite scheinen keine Grenzen zu kennen. Wenn es irgendwelche Zweifel an ihrer Statur als herausragende amerikanische Schriftstellerin gab, sei es in ihrer eigenen oder jeglicher anderen Generation, "Menschenskind", wird sie zum Schweigen bringen."

Dennoch ist der Roman nicht unumstritten, auch nicht unter Afroamerikanern. Doch die Leser lassen das Buch 25 Wochen auf der Bestsellerliste stehen. ( Im Jahr 2006 wird es dann bei einer Umfrage der "New York Times Book Review" zum besten belletristischen Buch im Amerika der letzten 25 Jahren gewählt noch vor Philip Roth, John Updike und Don DeLillo. )

"Menschenskind" ist der erste Roman einer Trilogie über die Liebe und zugleich über die afroamerikanische Geschichte. "Jazz" - 1992 in den Buchhandlungen und der zweite Band der Trilogie - ist wieder eine Geschichte von Gewalt und Leidenschaft, die nun aber in den 1920er Jahren im New Yorker Stadtteil Harlem spielt. "Paradise", der letzte Band der Trilogie, folgt dann erst 1997.

1992 veröffentlicht Toni Morrison auch ein erstes literaturkritisches Buch: "Playing in the Dark: Whiteness and the Literary Imagination", in dem sie den afroamerikanischen Anteil in der weißen amerikanischen Literatur untersucht. In dieser Zeit ist sie Writer-in-Residence an der State University von New York.

 Nobelpreisverleihung in Stockholm
Und dann, 1993, gerät Toni Morrison in den Blick einer weltweiten Öffentlichkeit, als ihr der Nobelpreis für Literatur - als achter Frau überhaupt - verliehen wird. Das Komitee beruft sich in seiner Begründung auf "Menschenkind" als herausragende Arbeit.

Die Bedeutung des Preises für sie selbst beschreibt Toni 2005 so:
"Ich hatte eine Menge großartiger Wir-Gefühle. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine ganze Welt von Frauen vertrat, die entweder zum Schweigen gebracht worden waren oder niemals das Imprimatur des literarischen Establishments bekommen hatten. Es war sehr wichtig für junge Schwarze, eine Schwarze von Erfolg gekrönt zu sehen. Mich da oben zu sehen hat sie vielleicht ermutigt, eins von den Büchern zu schreiben, die ich brennend gern lesen möchte. Und das machte mich glücklich."
1996 wählt sie die "National Endowment for the Humanities" für die Jefferson-Vorlesung aus, die höchste Auszeichnung der US-Bundesregierung für "herausragende geistige Leistungen in den Humanwissenschaften". 1996 erhält sie die Medaille der "National Book Foundation" für ihre herausragenden Beiträge zur amerikanischen Literatur. Und 1997 kommt sie auf das Cover des "Time Magazine", als zweite Schriftstellerin überhaupt und als zweiter mit dunkler Hautfarbe. 

Gegen die Jahrtausendwende hin wendet sich Toni Morrison anderen literarischen Sujets zu: 

Mit ihrem jüngeren Sohn Slade, inzwischen ein Musiker & Künstler, entwickelt sie ihr erstes Kinderbuch, "The Big Box". Die Geschichte erlaubt einen Blick auf die dunkleren Seiten einer Kindheit in Amerika, was Kinder und Eltern dazu bringt, die Regeln und Werte ihres eigenen Lebens neu zu betrachten. Das Buch zeigt auch, wie wohlmeinende Erwachsene manchmal die Unabhängigkeit und Kreativität von Kindern blockieren. Weitere Kinderbücher werden folgen.

Und sie verfasst ein Opernlibretto, bei dem sie auf die Geschichte der Margaret Garner zurückgreift. Die 2002 mit Musik von Richard Danielpour fertiggestellte Oper wird 2007 von der New York City Opera aufgeführt. 2003 kommt auch sechs Jahre nach ihrer letzten wieder eine neue Novelle heraus - "Love" -, 2008 eine weitere: "A Mercy" ( deutsch: "Gnade"), die die Vielschichtigkeit der Sklavenproblematik Ende des 17. Jahrhunderts zum Thema hat, als sie weitere Entwicklung der Vereinigten Staaten noch völlig offen ist.

2010 stirbt Tonis jüngster Sohn, mit dem sie bis dahin insgesamt fünf Kinderbücher publiziert hat, an Krebs. "Es gibt nichts Grauenvolleres. Er war Mitte vierzig, und trotzdem. Seit sechs Jahren bin ich nicht fähig zu weinen, die Gefühle sind in mir eingeschlossen", beschreibt sie die Folgen für sie.  Es folgt eine Schreibblockade. "God Help the Child" ( auf deutsch "Gott, hilf dem Kind", 2017 ) wird 2014 ihr letztes literarisches Werk sein. 2017 bringt sie nur noch ihre gesammelten Vorlesungen an der Harvard University vom Sommer 2016 heraus.

2012
Geehrt wird sie in ihren letzten Lebensjahrzehnten immer wieder: 2001 empfängt sie den "National Arts and Humanities Award" aus der Hand Bill Clintons, 2010 wird sie Ritter der französischen Ehrenlegion. 2012 erhält sie die "Presidential Medal of Freedom" durch Barack Obama und 2016 den "PEN/Saul Bellow Award for Achievement in American Fiction". 

Ihre letzten Jahre verbringt sie, gesundheitlich angeschlagen, in ihrem schönen Holzhaus in Grand View-on-Hudson. Als sie am 5. August 2019 im Montefiore Medical Center in New York City an den Folgen einer Lungenentzündung stirbt, sind die Medien bald voller Nachrufe, die zeigen, welch außergewöhnliche Rolle sie in der Entwicklung in der Literatur sowie dem sozialen Leben der USA, aber auch weltweit gespielt hat:  Sie ist inzwischen zu einer Ikone geworden.

Auch ihr literarisches Werk als Ganzes ist singulär, richtet es sich doch eigentlich an schwarze Leser ( aber Weiße sind eingeladen, sie ebenfalls zu lesen, so sagt sie selbst ) mit ihrer Botschaft:
"Schaut, diese Figuren sind schwarz, sie gehören zur Black Community in diesem Land, sie tragen die Wunden und die Erniedrigung von Sklaverei und Rassismus in sich. Das alles ist Teil ihres Seins, ja. Es prägt sie, aber sie sind viel mehr als das. Das war und ist einzigartig." Und das sagt sie mit "einem Ton, der von brutal bis dringlich, von sanft bis voller Komik alles kann, mitunter in einem Absatz", so Anne Haeming hier.
Kara Walker, die geschätzte Künstlerin, bekannt für ihre scherenschnittartigen Arbeiten, in denen sie die Sklaverei thematisiert, gestaltet das Titelblatt  (links ) für den "New Yorker" vom 19. August, als Tribut an Toni Morrison:
"Durch ihre Arbeit und ihre Worte wurde sie zu einer Art Muse, Lehrerin, Mutter, Hellseherin und Richterin. Immer eine Präsenz, die mich antreibt."
Bei meinen Recherchen zu diesem Post bin ich im Netz auf Kritiken an Büchern der Toni Morrison in Buchblogs gestoßen, die recht ablehnend waren. Das tut mir leid, verdienen sie doch erneute Aufmerksamkeit in einer Zeit, in der der Rassismus wieder ganz brutal und offen seine hässliche Fratze zeigt, in Worten wie in Taten.

Am Tag von Toni Morrisons Tod entsteht ein Foto und geht durch die Medien, das zeigt, wie in Galveston im US-Bundesstaat Texas Polizisten auf dem Pferd einen schwarzen Mann, der schon Handschellen trägt, an einem Strick abführen. Ihm war Hausfriedensbruch vorgeworfen worden. Die Beamten hätten keine böse Absicht gehabt, so der Polizeisprecher. Doch das Bild spricht eine andere  Sprache, eine, die dem Abgeführten und allen Zuschauern auch deutlich sagt: "Du bist schlecht." Und in deren Folge der sich selber wird nicht mehr leiden können. Toni Morrison hat das immer wieder beschrieben. Und noch viel mehr: In ihren Büchern sind auch die Täter Menschen, Menschen mit einer Geschichte, oft sogar einer Opfergeschichte.Wie sollen wir den anderen verstehen, wie sollen wir Gewalt verhindern, wenn wir diese Geschichten nicht hören & lesen? Toni Morrison hat  solche Geschichten erzählt und bewiesen, dass literarische Fantasie unseren Horizont, unser Bild vom Menschen beeinflussen kann.

Und sollte, wenn wir nicht aufhören wollen, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Auch wenn uns zur Zeit ein sehr rauer Wind entgegen weht.





Kommentare:

  1. Ich habe gerade Gänsehaut, ein wirklich wunderbarer Beitrag von Dir über eine herausragende Frau. Gerade durch die Diskussionen hervorrufenden Bücher konnte nur die Geschichte in s Licht gezerrt werden. (und wird es noch)
    Eine bemerkenswerte Frau

    Liebe Grüsse
    Nina

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  2. Eine ganz tolle Frau! Als sie kürzlich gestorben ist, habe ich schon gesagt, dass ihre Stimme in Zukunft sehr fehlen wird. Denn leider sind all die schlimmen Benachteiligungen von schwarzen Menschen - und besonders Frauen - noch lange nicht überwunden.
    Dafür sorgen schon weiße alte Männer.
    Danke für Dein Erinnern an Toni Morisson!
    Herzlichst, Sieglinde

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  3. Herzlichen Dank für dieses umfangreichen Beitrag über eine bemerkenswerte Frau. Ich liebe Toni Morrison schon immer und habe, als ich von ihrem Tod gelesen habe, angefangen, wieder in ihren Büchern zu lesen.
    Liebe Grüße
    Christine

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  4. Danke für das Portrait einer spannenden Frau. Ich erinnere mich noch, wie ich ihr Debut gleich nach dem Erscheinen hier las, es steht noch in meinem Bücherschrank.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  5. Das passt sowas von in unsere Zeit und auch in unser Land. Was macht das mit Menschen, denen viel zu viele Blicke immer wieder sagen: Du gehörst hier nicht her. Wenn in Deutschland geborene Schwarze gefragt werden, wo kommst du her? Wenn der Hass auf Andersartiges nicht nur immer offener zutage tritt, sondern gleichzeitig immer subtiler, ausgrenzender und selbstverständlicher wird und bis in den Sprachgebrauch vermeintlich Bürgerlicher hineinreicht. Nein, wir sind noch nicht gut vorbereitet auf eine offene, solidarische Gesellschaft. Danke, liebe Astrid und Grüße Ghislana

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  6. Eines fehlt noch: Home, auf deutsch Heimkehr, von 2012, das in den 50er Jahren spielt und - Astrid, beim Lesen der Szene dachte ich an Dich! - die Heilung einer schwerverletzten Frau, insbesondere die Heilung von der Depression, die sie lähmt, mit gemeinsamem Quilten. Danke Astrid für den ausführlichen Artikel über eine meiner liebsten verehrtesten Schriftstellerinnen! Oh ja ihre Stimme fehlt nun, grade im rassistischen Getöse, das seit einigen Jahren immer lauter wird. Leider muss ic Ghislana zustimmen. Wann fragt man einen Schwarzen eine Schwarze, he, wasn das fürn Dialekt den Du sprichst, bist Du aus Bayern? Was verschlägt Dich nach Mainz?! Ach wie ich mir das wünsche. Vielen Dank Astrid! Liebe Grüße, Eva

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  7. Liebe Astrid,
    ich bin erst im August auf sie aufmerksam geworden....danke für dein Porträt dieser außergewöhnlichen Frau.
    Einen schönen Abend, Marita

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  8. Song of Solomon war damals mein erstes Buch von ihr, tief bewegend. Danke, dass du hier über ihr Leben berichtest, von dem ich kaum etwas wusste. Die Nachricht ihres Todes hat mich total berührt, erst da wurde mir bewusst, wie viel mir ihre Bücher doch bedeutet haben. Unbedingt muss ich sie wieder lesen, mir auf jeden Fall ihre Bücher wieder besorgen.
    Liebe Grüße Ulrike


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  9. wieder ein sehr schönes Portrait einer aussergewöhnlich Frau
    ich kannte sie nicht
    habe ihren Nahmen aber wohl schon einmal gehört
    mit Beharrlichkeit hat sie es geschafft gelesen und gehört zu werden
    als schwarze Frau wahrgenommen zu werden

    danke für den Beitrag

    liebe Grüße
    Rosi

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  10. Eine sehr schöne Bericht liebe Astrid über eine außergewöhnliche Frau.
    Habs fein.
    Lieben Gruß Eva

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  11. Toni Morrison ist in unserem Deutschlehrmittel portraitiert. Diese aussergewöhnliche Frau verdient das. LG von Regula

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