Donnerstag, 12. April 2018

Great Women # 137: Quappi Beckmann


Die Frau, deren Leben ich heute beschreibe, ist mir immer wieder in vielen Museen & Ausstellungen begegnet. Kein Wunder, gehört sie doch zu den am häufigsten gemalten Frauen in der gesamten Kunstgeschichte. Und immer wieder nahm sie mich gefangen, so dass ich gerne mehr über sie erfahren wollte. Dass das gar nicht so leicht war, habe ich mir da vorher gar nicht ausgemalt. Deshalb haben meine Recherchen etwas länger gedauert. Die Rede ist heute von Quappi Beckmann


Quappi Beckmann kommt als Mathilde "Hilde" von Kaulbach am 5. Februar 1904 in Ohlstadt, einem bayrischen Dorf am Nordrand der Alpen und des Murnauer Moos, zur Welt. Ihr Vater, der Münchner "Malerfürst" und einer der bestbezahlten deutschen Porträtmaler seiner Zeit, Friedrich August von Kaulbach, hat dort seit 1893 seinen Zweit - Sommerwohnsitz. Ihre Mutter ist die dänische Violinvirtuosin Frieda von Schytte ( Künstlername Frida Scotta ), die zu ihrer Zeit berühmt ist. Kaulbach hat sie im Rahmen ihrer Konzerttätigkeit kennengelernt und 1897 in zweiter Ehe geheiratet, nachdem er sich von seiner ersten Frau hat scheiden lassen.

Friedrich von Kaulbach:
Die Familie des Künstlers ( ca. 1907 )
Quappi ist ihre dritte Tochter: 1898 ist Doris, 1900 Hedda geboren worden. Die Mädchen wachsen in der vom Vater entworfenen und von Gabriel von Seidl vollendeten Villa in der Nähe des Englischen Gartens in München auf. Frieda von Kaulbach hat ihre Karriere auf Wunsch ihres Mannes aufgegeben, seinen Wunsch nach Kindern erfüllt und die Rolle der repräsentierenden Ehefrau eines angesehenen Künstlers übernommen. 

Alle drei Töchter lernen zunächst bei ihrer Mutter das Geigenspiel, Quappi ab ihrem vierten Lebensjahr. Nachdem Doris sich der Bratsche und Hedda sich dem Cello zugewandt haben, ist im Hause Kaulbach ein komplettes Streichquartett vorhanden, das regelmäßig miteinander übt und auch vor Besuchern der Familie auftritt ( ein Gemälde dieses Streichquartetts von Kaulbach existiert, der Standort ist jedoch unbekannt ). Was ihr zeichnerisches Talent betrifft - da hat der Vater auf ihren Wunsch hin seine Jüngste vom Zeichenuntericht in der Schule beurlauben lassen!

Friedrich von Kaulbach:
Bildnis der Tochter  Mathilde von Kaulbach
Source




Als Quappi sechzehn ist, stirbt der Vater im Alter von siebzig Jahren. Ihre Mutter zieht sich mehr und mehr aus dem gesellschaftlichen Leben der Stadt zurück und verbringt die meiste Zeit auf dem Landsitz in Ohlstadt ( die Münchner Villa wird sie dann 1931 verkaufen ). Quappi selbst nimmt im Jahr darauf Gesangsstudien in München, ab 1922 in Wien auf. 

Dort wird Irene Schlemmer - Ambros, eine erfahrene & angesehene Gesangspädagogin, ihre Lehrerin. Unterkommen tut sie bei Henriette von Motesiczky de Kesseleökeö, aus einer angesehenen Wiener Bankiersfamilie stammend, an die sie ein mit der Mutter befreundeter Cellist vermittelt hat. Es ist Henriette, die ihr auch den Kosenamen "Quappi" verpasst, in Anspielung auf ihren Nachnamen Kaulbach, den diese mit Kaulquappe assoziiert ( oft wird erzählt, das sei Beckmann gewesen ).

Henriettes Tochter Marie-Louise, die später eine durchaus respektable Malerin in England werden wird, ist in Frankfurt Schülerin bei dem aus Leipzig stammenden Maler Max Beckmann. Sie besitzt auch eine Lithographie eines Selbstbildnisses des Künstlers, welches Quappi bei ihr entdeckt und von dem sie sich angezogen fühlt.

In ihren Lebenserinnerungen "Mein Leben mit Beckmann", die 1980 erscheinen werden, erzählt sie von Träumen, die sie im Spätsommer 1923 im Sommersitz der Familie in Ohlstadt gehabt hat:
"Mehrmals erschien in meinen Träumen ein Mann, dem ich noch nie begegnet war, ich hatte ihn nie vorher gesehen und ich fragte  ihn auch nicht, wer er sei oder woher er käme, weil ich das Gefühl hatte, daß wir einander schon seit langem kannten und einander verstanden. Er schien mich zu beschützen, und wenn ich ihn wegen irgendwelcher Probleme fragte, die ich zuweilen hatte, erwiesen sich seine Antworten immer dann als richtig, wenn ich seinem Rat gefolgt war. Er war voller Güte, schien um mich besorgt und machte sich Gedanken über mein zukünftiges Leben." ( Lebenserinnerungen, Seite 9 )
1924, im Frühjahr, kommt Beckmann zu Besuch zu den Motesiczkys. "Als mich die Motesiczkys mit ihm bekannt machten und ich seine Stimme hörte, war ich starr vor Staunen - vor mir stand der Mann, der in meinen Träumen erschienen war!"

1925
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Die Begegnung gibt dem Leben der vielversprechenden jungen Sängerin eine völlig andere als die bisher geplante Richtung. 

Die Vitalität & Virilität des um zwanzig Jahre Älteren beeindruckt Quappi, aber auch seine Art, alles genau zu beobachten und in sich aufzunehmen. Seinen gestrengen Gesichtsausdruck, der viele seiner Zeitgenossen irritiert, empfindet Quappi als eine Art Maske zu seinem Selbstschutz.

Was beide gemeinsam haben: Quappi wie Beckmann glauben an die Reinkarnation und sind der Überzeugung, dass sie sich in einem früheren Leben nicht nur gekannt, sondern auch miteinander verheiratet gewesen seien. Als Quappi ihm das einmal gesteht, antwortet er lapidar: "Daran zweifle ich nicht." ( vgl. Seite 139 der Lebenserinnerungen )

Wenig später nach ihrem ersten Treffen hat sich Beckmann bei einem Skispringen in Garmisch, an dem sein sechzehn Jahre alter Sohn Peter teilnimmt, die linke Hand gebrochen. Da ihm in Wien ohne Operation weitergeholfen werden kann, die Hand wieder zu richten, kommt er in die Stadt und bittet über Henriette von Motesiczky Quappi, ihn täglich zu besuchen. Die gibt sich zuerst einmal sehr überrascht. Am letzten Tag vor seiner Entlassung aus dem Hospital, als er sie fragt, ob sie ihn heiraten wolle, sagt sie aber ohne Umschweife ja, denn nach ihrer Auffassung gehören sie eh zusammen.

Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Beckmanns bis dahin sechzehn Jahre andauernde Ehe mit Minna Tube, ebenfalls eine erfolgreiche Sängerin, schon länger in der Krise und seine seit 1923 andauernde Affäre mit "Naila", der schönen, promovierten Nationalökonomin Hildegard Melms, in der Auflösung, denn der ist der zwar langsam bekannter & erfolgreicher werdende Maler nicht reich genug. So umgarnt Beckmann die 20jährige Wiener Bekanntschaft mit fast täglichen Liebesbriefen: "Mein Gott was werde ich für schöne Porträts von Dir machen", schwärmt er in einem solchen ( was er dann ja tatsächlich einhalten wird. Das Gemälde mit den fünf wichtigen Frauen in seinem Leben, "Großes Frauenbild" genannt, malt er erst 1935 ). Oder er bezeichnet sie einmal als "seine letzte Hoffnung". 

Auch Quappi scheint voll auf ein leben mit dem Künstler zu setzen: Ohne zu zögern schlägt sie 1925 ein Engagement der Dresdener Oper als Koloratursängerin aus - sie habe gewusst, dass sie nicht gleichzeitig mit Beckmann verheiratet und Sängerin sein kann. Es ist allerdings auch nicht auszuschließen, dass ihr Beckmann das nahe gelegt hat, denn von seiner ersten Frau, die damals eine begabte Malerin und Schülerin Lovis Corinths gewesen ist, hat er bei der Eheschließung 1906 auch verlangt, das Malen aufzugeben.

Vielleicht ist es für Quappi auch das Selbstverständlichste auf der Welt, hat doch ihre Mutter ihre fulminante Karriere als Geigerin mit der Eheschließung beendet, ihr quasi ein entsprechendes Rollenmodell vorgelebt. Auch bei Quappis Eltern hat der Altersunterschied zwanzig Jahre betragen, die Unterordnung der Jüngeren unter den Älteren kann einem da schon als Naturgesetz vorkommen.

Beckmann hat auch sonst so seine Ansprüche. Er schreibt in einem anderen Brief: "Meine Seele ruht bereits tief in der Deinen.Und in vielen Jahren wollen wir so tief ineinander wachsen, daß uns auch kein Tod und keine Unendlichkeit mehr trennen kann." Er handelt mit der knapp 21jährigen vor der Eheschließung auch weitere Bedingungen aus: So will er seine erste Frau nicht aufgeben und mit ihr weiterhin allein in die Ferien machen. Und außerdem wolle er keine Kinder haben.

1925 erfolgt die Scheidung von Minna Tube. In jenen Tagen entsteht das "Doppelbildnis Max Beckmann und Quappi, Karneval". Er schreibt am 9. August 1925 dazu: "Schön wird unser Brautbild ... Ich denke immer an Dich und unser Bild ... Jetzt werde ich ganz gefressen von der Malerei!"

"Doppelbildnis
Max Beckmann und Quappi, Karneval"
(1925)
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Quappi, die begeisterte Pferdeliebhaberin, posiert darauf etwas missmutig, in ein Pferdekostüm gesteckt, neben ihrem Ehemann, als Clown verkleidet, auf einer Bühne vor einem Theatervorhang. Sie berühren sich nicht, aber ein Gleichklang der Hände verdeutlicht doch eine gewisse Gemeinsamkeit.

Am 1. September 1925 findet in der Münchner Kaulbach - Villa die Eheschließung statt. Eine vierwöchige Hochzeitsreise nach Italien folgt, dann geht Beckmann nach Frankfurt zurück in seine Atelierwohnung, Quappi wird ihm erst später folgen: Zum "glücklichen Lebensmoment" ( Beckmann ) ist seine Berufung als Leiter eines Meisterateliers an der Kunstschule des Städel-Museums hinzugekommen.

"Quappi in Blau" (1926)
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Die hingebungsvolle Quappi unterstützt ihn, nachdem sie mit ihm endlich in eine gemeinsame Wohnung gezogen ist,  in seiner Malerei, hilft ihm beim Umgang mit seinen in- & ausländischen Kontakten, mit Kuratoren und Kunstsammlern. Sie stellt sich auf seine Frankfurter Freunde ein, auf seine alltägliche Routine, auf seine Bedürfnisse an Unterhaltung. Ihre gibt sie eher auf, so z.B. das Reiten, begleitet ihn aber zum Skifahren & zum Tennis, was sie selbst nicht gut kann & mag. Die Liebe zum Meer, zum Schwimmen hingegen teilen sie. Und wo sie kann, folgt Quappi ihrem Mann in seinem Bewegungsdrang, wandert mit ihm durch den Frankfurter Stadtwald, läuft mit ihm "wo immer wir auch wohnten." Aber sie verbringt auch sehr viel Zeit fern von ihrem Ehemann bei ihrer Familie in Bayern.

Die Frankfurter Jahre werden in ihren späteren Lebenserinnerungen nur sehr wenig Raum einnehmen - über die, scheint es, gibt es von ihrer Seite wenig Eigenes zu berichten.

Quappi in Rosa
(1932)
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Dem Maler selbst scheint die Ehe mit der jungen, lebhaften Frau gut zu bekommen, denn sein Leben nimmt seelisch und künstlerisch einen neuen Aufschwung: "Meine Kraft hat sich durch die erheblich günstigeren menschlichen Umstände, in denen ich nun lebe, verzehnfacht." Immer wieder malt er sie "mit ihren großen Katzenaugen".

Und doch gibt es Anzeichen, dass diese Beziehung nicht nur so ist, wie sie einem auf den ersten Blick erscheinen mag: Auf dem bekannten, in der Münchner Neuen Pinakothek hängenden Porträt "Bildnis Quappi in Blau" von 1926 richtet sie ihre Augen selbstbewusst über den Betrachter hinweg, mit ihrer rechten Hand die Taille betonend, sich also ihrer erotischen Anziehungskraft bewusst. Und das Seltsamste ist, dass Beckmann, der all seine Bilder immer am unteren Rand signiert, dieses Mal seinen Namen über ihren Augen angebracht hat, als ob er sagen wolle: Wir sind auf Augenhöhe... 

1928 erreicht der Ruhm des Malers in Deutschland seinen Höhepunkt, und er erhält den "Reichsehrenpreis Deutscher Kunst", 1929 dann den "Großen Ehrenpreis der Stadt Frankfurt". Er mietet sich eine Wohnung mit Atelier in Paris, wo er sich von September bis Mai oft alleine aufhält, was an den vielen Brief jener Zeit an Quappi abzulesen ist.

Schon vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten ist der Künstler Beckmann Angriffen von deren Seite ausgesetzt. Anfang des Jahres 1933 wird eine Ausstellung mit seinen Werken in Frankfurt verboten. Als sich die Attacken nach dem 30. Januar 1933 steigern, taucht Quappi mit ihm in Berlin unter, wo er sich gegen die ständigen Angriffe von nationalsozialistischer Seite eher gefeit glaubt. Zwei Monate nach der Machtergreifung entzieht man ihm auch endgültig sein Amt bei der Städelschule. Im Juli wird der im Jahr zuvor eingerichtete Beckmann-Saal mit zehn Gemälden im Berliner Kronprinzenpalais wieder aufgelöst.

Quappi & Max Beckmann (1928)
Die Erwartungen des Paares an diese Ortsveränderung erfüllen sich nicht. Man gerät in Berlin zunehmend in die Isolation, und Quappi beklagt die raren sozialen Kontakte. Lilly von Schnitzler, deren Ehemann Georg ein hohes Tier im Dritten Reich ist, hilft den Beckmanns durch Bilderkäufe, wenigstens materiell zu überleben. Immer wieder sucht das Paar in Holland bzw. in Ohlstadt und den Bergen Abstand & Erholung. Schon 1936 prüft man die Möglichkeiten der Emigration in die Vereinigten Staaten. Der Maler leidet zunehmend an Herzbeschwerden. Im April 1937 eruiert Quappi bei ihrer Schwester Hedda, die schon länger in Holland lebt, die Bedingungen dort, um unterzuschlüpfen. Beckmann schreibt ihr am 28. April: "Du vergißt auch nicht mit Deinen Leuten immer noch mal die Möglichkeiten einer Übersiedlung zu besprechen. Man kann ja nie wissen wie alles noch kommt. – Trotzdem müssen wir natürlich immer noch weiter Berlin betreiben."

Als Adolf Hitler am 18. Juli 1937 der modernen Kunst "den Krieg erklärt" und die Ausstellung nationalsozialistischer Kunst im Münchner Haus der Deutschen Kunst eröffnet, hören die Beckmanns die Eröffnungsrede im Radio und beschließen anschließend, das Land zu verlassen. Quappi überredet ihre Schwester Hedda, ihren Aufenthalt in Ohlstadt sofort abzubrechen und nach Berlin zu kommen. Am 19. Juli 1937, dem Tag, an dem dann die unsägliche Ausstellung "Entartete Kunst" in den Münchner Hofgartenarkaden u.a. auch mit zehn Gemälden und einigen graphischen Blättern von Max Beckmann eröffnet wird, verlassen Quappi & Max Beckmann, nur mit dem Nötigsten in zwei kleinen Koffern, zusammen mit Hedda Deutschland in Richtung Amsterdam. Max Beckmann wird nie mehr zurückkehren...

Vorher hat Quappi mit der Hausmeistersfrau noch abgesprochen, wie der Abtransport ihres Mobiliars und der Gemälde aus Wohnung & Atelier vonstatten gehen soll, und mit einem Rechtsanwalt in der Nachbarschaft vereinbart, wie er regelt, was noch zu regeln ist. Die resolute Hausmeisterin schafft es tatsächlich noch, bevor die Gestapo wie angekündigt zur Beschlagnahme kommt, die Möbelwagen mit der Habe der Beckmanns auf die Reise zu schicken.
Doppelbildnis (1941)
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In Amsterdam lebt man schlecht und recht, unter primitivsten Bedingungen, so dass ein Ausweichen nach Paris im Winter 1938 höchst willkommen ist. Doch auch dort lebt das Paar sehr isoliert. Erholung suchen sie noch einmal an der  geschätzten Cote d'Azur, bevor es im Mai 1939 nach Amsterdam zurück geht. Der Maler erhält dort eine Einladung des Art Institute in Chicago, doch der amerikanische Konsul verweigert ein Visum. Quappi, des Englischen eher mächtig als ihr Mann, versucht den Konsul umzustimmen - vergebens. Beckmann versinkt immer mehr in Depressionen, auch, weil die sonst stimmungsaufhellenden Ausflüge ans Meer ab 1942 den Exilanten verboten werden. 

Mit der deutschen Invasion in den Niederlanden 1940 wird das Leben ohnehin immer schwieriger, auch, weil die finanzielle Unterstützung durch Stephan Lackner wegfällt. Doch das ist noch nicht alles:
"Eine der schlimmsten Erfahrungen jener elenden Jahre war der Gestellungsbefehl, den Max von der deutschen Besatzungsarmee erhielt. Dreimal sollte er eingezogen werden - das letzte Mal war er schon über sechzig. Max und ich waren durch dies Vorladungen jedesmal der Verzweiflung nahe. wir wußten, daß dies für ihn schier unerträglich sein würde, nicht nur physisch, sondern auch seelisch, weil Max den Krieg haßte und weil dieser Krieg ein Verbrechen des Hitler - Regimes war." ( Seite 33 )
Quappi mit Butschi (1943)
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Wegen seiner Herzleiden wird Beckmann aber dann doch nach Hause geschickt. Die Lebensbedingungen generell, aber auch die für Beckmanns Malerei werden immer unerträglicher. Als gegen Kriegsende das Gerücht aufkommt, dass alle deutschen Staatsangehörigen nach Deutschland deportiert werden sollen, sucht Quappi mit ihrem Mann Zuflucht bei Helmut Lütjens, dem Vertreter des Galeristen Cassirer in Amsterdam, mit dem sie sich  in der Zwischenzeit angefreundet haben. Der unterstützt sie auch, als nach dem Kriegsende die Guldenzuteilungen pro Tag & Person den tatsächlichen Bedarf zum Leben der Beckmanns nicht decken können.

Zum Glück beginnt sich ihre Lage sechs Wochen nach Kriegsende zu entspannen. Es kommen Pakete mit Lebensmitteln & Kleidung von Quappis in den USA lebender Schwester Doris und dem Galeristen Curt Valentin. Quappis Schwester Hedda heiratet einen Holländer und bietet Abwechslung in ihrem Haus in der nordholländischen Provinz. Die Freundschaft mit einem ehemaligen deutschen Theaterregisseur in Amsterdam, Ludwig Berger, bringt weitere Anregung in ihr Leben. Und schließlich bietet sich die Möglichkeit, Arbeiten von Beckmann nach New York zu schicken, um sie in der Galerie von Curt Valentin auszustellen und dort zu verkaufen.

Trotz aller Belastungen und Probleme hat der Künstler in Amsterdam ein in jeder Hinsicht reiches Werk geschaffen, nicht nur hinsichtlich des Umfangs, sondern auch des künstlerischen Ranges. In ihren Erinnerungen hebt Quappi ihren Anteil daran nie hervor. Aus ihren Beschreibungen der Alltäglichkeiten ist jedoch abzulesen, wie sehr sie das Zentrum des Beckmannschen Lebens ist und es immer wieder in Balance halten muss. Erhard Göpel bestätigt ihr an dieser Stelle, dass sie sich unerhört bewährt habe in den ersten holländischen Jahren der nackten Not, sich eingeschränkt hat und den Mut nicht verloren:
"In den Jahren der Besatzung schirmte sie den Künstler von der Außenwelt ab und fing alle Stöße zuerst auf. Später räumte sie die unüberwindbar scheinenden bürokratischen Hindernisse (...) aus dem Weg."
Einen kleinen Eindruck davon, wie sehr sie die "Herz-Lungen-Maschine" für den nervösen Künstler ist, gewinnt man bei der Lektüre der letzen Wochen & Monate vor der Überfahrt per Schiff nach den Vereinigten Staaten Ende August 1947. ( Beckmann hat zuvor einen Lehrauftrag für die "Washington University of St. Louis" erhalten. )

Nach einem kurzen Aufenthalt in New York mit vielen, vielen Kontakten reisen die Beckmanns mit dem Zug nach St. Louis in Missouri. Der Maler ist fasziniert von der Pracht der Gärten, den riesigen Flächen des Forest Park und dem imposanten Mississippi. Er schreibt in sein Tagebuch: "Es ist möglich, daß es hier noch einmal möglich sein wird zu leben." 

Obgleich die Bezahlung nicht üppig ist, macht sich eine optimistische Stimmung bei dem Paar breit. Die Aufmerksamkeit seiner zahlreichen Anhänger in St. Louis wiegen die Anstrengung, die das neue Leben in einer anderen Kultur und Sprache mit sich bringt, auf. Seine Antrittsvorlesung an der Universität liest Quappi auf Englisch - etwas, das sie in ihren Lebenserinnerungen nicht erwähnt., was aber zu einer ihrer ständigen Aufgaben in Zukunft gehören wird.


Quappi & Max Beckmann beim Besuch der Retrospektive in St. Louis
(1948)
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Schließlich beziehen sie eine Wohnung auf dem Campus, und Beckmann kann über ein eigenes Atelier verfügen. Was seinen Unterricht anbelangt, setzt er Änderungen gegenüber den amerikanischen Gepflogenheiten durch, die nicht nur seinen Sprachschwierigkeiten geschuldet sind, sondern einer anderen Vorstellung vom Umgang mit erwachsenen Studierenden ( Schulmeisterei war ihm immer verhasst ). Quappi begleitet ihn im Unterricht als Dolmetscherin, was sie als "Auszeichnung" empfindet. Die übergroße Beachtung aufgrund der zahlreichen Partys, die zu Beckmanns Ehren veranstaltet werden, nach der Isolation im Amsterdamer Exil, genießen die Beiden ( und führt bei ihm zu einem neuen Produktionsschub ). Sie selbst tritt in St. Louis noch zwei Mal öffentlich als Geigerin auf - was bei ihrem Ehemann zur Formulierung eines Entweder - Oder führt... Quappis Reaktion: "Ohne sein Einverständnis oder seinen Rat hätte ich niemals irgendeine Entscheidung getroffen." Und Beckmann kann ohne seine Frau nicht leben, vor allem bei Verunsicherungen wie zum Beispiel die 1948 nicht genehmigte Visaverlängerung, die Quappi an allen Fronten fordert.

1948 löst man schließlich die Wohnung in Amsterdam endgültig auf und verlegt den Lebensmittelpunkt endgültig in die Vereinigten Staaten.

Anfang September 1949 ziehen die Beckmanns nach New York City. Sie leben zuerst in der 234 East 19th Street, zwischen Second und Third Avenue, ein Umfeld, das Quappi mehr als deprimiert, ihn aber inspiriert und zu kraftvollen Bildern führt. Im Mai 1950 kann man eine Wohnung in der 38 West 69th Street, zwischen Central Park West und Columbus Avenue übernehmen. 

Quappi muss in jenen Tagen etliche seelische Belastungen ertragen: Ihrer schwer kranken Schwester Doris muss sie den Suizid ihres Mannes vermitteln und gegenüber ihrem Ehemann den besorgniserregenden Grad seiner Angina pectoris -Erkrankung verschweigen - die schwierigste Aufgabe ihres Lebens, wird sie dazu später schreiben:
"Hätte er die Wahrheit über seinen Zustand erfahren, hätte er vielleicht aufgehört zu malen - aus Angst, der Tod würde ihn unterbrechen und hindern, ein Bild zu vollenden. Er konnte nicht leben ohne zu malen. Ich fühlte, daß ich nicht das Recht hatte, daran zu rühren." ( Lebenserinnerungen, Seite 91 )
Mit der Prognose im Hinterkopf macht sich Quappi dann mit ihrem Mann auf den Weg in die Sommerferien und nach St. Louis, wo ihm die Ehrendoktorwürde der Washington University verliehen werden soll. Nach elf Wochen, in denen sie sich auch in Kalifornien am Pazifik erholen, kehren sie nach New York zurück.

Am 27. Dezember 1950 bricht der Maler von seiner Wohnung auf, um sein "Selbstbildnis in blauer Jacke" anzuschauen, das im Metropolitan Museum of Art in der Ausstellung "American Painting Today" ausgestellt ist. Quappi kümmert sich währenddessen - "wie immer" -  mit ihrem Steuerberater um die Einkommensteuererklärung. An der Ecke 69th Street und Central Park West trifft Beckmann ein tödlicher Herzinfarkt. 66 Jahre alt ist er da. Als letzte Worte hinterlässt er in seinem Notizbuch: "Quappi wütend." Tags zuvor hat er sein Triptychon "Argonauten" gegenüber seiner Frau für vollendet erklärt.

Bildnis Quappi in grau (1948)
sein letztes Porträt von ihr
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Quappi muss auf die Polizeistation in der 68th Street kommen, um ihren Mann zu identifizieren. Eine befreundete Kunsthistorikerin begleitet sie. In ihren späteren Lebenserinnerungen wird sie über ihre Gefühle nur sagen: "Ich war wie vom Blitz getroffen", mehr nicht.

Nach dem Tod ihres Mannes gibt Quappi die Verbindung zu den zahlreichen Freunden und Bekannten, unter ihnen Museumsdirektoren, Schriftsteller und Kunsthändler, nicht auf. Sie bleibt in der Wohnung wohnen, obwohl die Gegend in den nächsten dreißig Jahren nicht besser wird, hütet dort seine hinterlassenen Werke.

Dem damaligen Metropolitan-Direktor verzeiht sie nicht, dass er drei seiner Werke Beckmanns an private Händler verkauft hat und überlässt daher zwei der besten Werken später nicht diesem Museum, sondern der National Gallery of Art in Washington. Das eine ist "Falling Man" von 1950, das zweite sind die "Argonauten", aus Dank für die Aufnahme des Paares in den USA. Dass sie, die sonst so raffiniert und ladylike auftritt, auch zu harscher Kritik fähig ist, zeigen Eintragungen in ihrem Tagebuch, in denen sie sich über die Reaktionen amerikanischer Museumsleute auf erotische Symbole im Werk ihres Mannes und über deren nicht zeitgemäßen Puritanismus echauffiert.

Ihre auf 172 Manuskriptseiten niedergelegten Lebenserinnerungen "Mein Leben mit Max Beckmann" charakterisiert der "Spiegel" nach ihrem Erscheinen 1983 hingegen als "unprätentiös & taktvoll"  ( siehe hier ). Selbst die Übersetzerin Doris Schmidt erwähnt in ihrem Nachwort, dass sie Quappi Beckmann davon überzeugen musste, "daß sie sich mit ihrer eigenen Person nicht so sehr in den Hintergrund stellen dürfe..."

1982
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Ich habe selten eine Lebensbeschreibung gelesen, in der sich die Verfasserin dermaßen zurückgenommen hat wie Quappi Beckmann. Dabei ist sie mir auf den Porträts, die ihr Mann von ihr gemalt hat, durchaus wie eine starke Figur, manchmal gar wie ein weibliches Idol aus der Frühzeit der Menschheit vorgekommen. Besonders auf dem Bild im blauen Badeanzug hat sie eine derartige Präsenz, auch aufgrund der Proportionen, die so gar nicht den zierlichen Körperformen der realen Quappi ( es existiert eine Fotovorlage ) entsprechen. Zu meinem Erstaunen habe ich auch kaum andere Schriften gefunden, die sich mit der Muse & Lebensgefährtin des großen Malers beschäftigt haben. Sie bleibt bis heute eine Frau "im Schatten" ( wie Eva-Maria Herbertz ihr Buch über Künstlerfrauen, darunter auch Quappi, u.a. betitelt ).

Dass sie das nicht sein muss, hat mir die Interpretation des Bildes "Luftakrobaten" von 1928 durch Christiane Vielhaber an dieser Stelle nahe gelegt:
"Und dann gibt es ein anderes Bild, da steigt sie auf, und sie ist durchaus immer zu erkennen, an der etwas großen Nase, an den vollen roten Lippen, an dem schönen Dekolleté, mit einem Ballon – das bezieht sich auf 1928, als die Olympiade, die Olympischen Spiele in Amsterdam waren, und da war er noch nicht in Amsterdam, er muss aber Bilder gesehen haben. Und sie steht in einem Ballon und steht da oben und hat eine Flagge in der Hand, und er – und das ist er ganz eindeutig – fällt kopfüber aus diesem Ballon. Also dass sie auch jederzeit Ballast abwerfen konnte. Sie steht stellvertretend für alle starken Frauen, aber in diesem Fall sieht man eben auch das Spiel der beiden, das Rollenspiel untereinander und miteinander."
Im Dezember 1985 kommt Mathilde "Quappi" Beckmann mit schweren Verbrennungen und eingeschränktem Bewusstsein in New York in ein Hospital. Im Februar 1986 wird sie von zwei Schwestern, die es wohl auf ihr Vermögen abgesehen haben, in einem Appartement in Jacksonville in Florida untergebracht. Sie stirbt am 30. März 1986, einem Sonntag, in einem Krankenhaus dort ( nicht in New York, wie oft fälschlich behauptet ) an "pneumonia". Da ist sie  82 Jahre alt und hat ihren Mann mehr als 35 Jahre überlebt.







Am Spätnachmittag erscheint dann noch mein heutiger "12 von 12" - Post...

Kommentare:

  1. Vielen Dank für den wieder sehr informativen Bericht über das Leben dieser Frau. Auch wenn ich gestehen muss, dass sie (und ihr Mann) mir völlig unbekannt sind.Ich hatte nie in meinem Leben eine Beziehung zur Malerei und schon garnicht den Zugang zu Porträts solcher außergewöhnlichen, starken Frauen. Ich lese immer gerne deine Posts, auch wenn ich nicht immer einen Kommentar abgebe. Vielen Dank von Rela

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  2. An Mathilde Beckmann kommt man nicht vorbei, wenn man sich mit Max Beckmann beschäftigt. Ein Maler, der nicht so einfach zu verstehen ist und man muß sich bei dem Anblick seiner Bilder auch in seine Geschichte einlesen, wie doch fast bei jedem Maler.

    Ich finde es schön, dass du auf Quappi, die ja diesen Namen von Max erhalten hat, so einen schönen Post geschrieben hast.
    Dankeschön.

    Lieben Gruß Eva

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  3. kannte die arbeit von Quappi Beckmann nicht * seine portraits sind rührend! danke für deine wundervolle arbeit in kurzer form biographie zu schreiben :)

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  4. Oh, dieser Post interessiert mich sehr- aber zum Lesen muss ich nochmal wiederkommen mit mehr Zeit. LG ULrike

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  5. Wieder mal ein toller Post über eine tolle Frau. Was wären diese ach so bewunderten Männer ohne ihre Frauen? Sie geben ihren Beruf auf - und dann , wie hier, noch nicht mal Kinder?! Das würde ja von der Zeit und Versorgung für den Gatten abgehen... und singen kann frau ja auch zuhause...
    Aber sie hatte noch 35 Jahre um sich dann wenigstens im Glanz des berühmten Namens noch etwas sonnen zu können.
    Dass die Villa Kaulbach fast 40 Jahre lang die Sendestation des AFN war, finde ich hingegen schon wieder witzig. http://www.historischeskolleg.de/organisation/geschichte-der-kaulbach-villa.html#c846
    Einer der nächsten München-Besuche wird mich dann auch in die Kaulbachstraße führen.
    Leider ist die Ausstellung im Museum Barberini in Potsdam im Juni zu Ende. Wir kommen erst im August hin (da ist dann Gerhard Richter dran).
    Danke für die ausführliche und höchst interssante Vorstellung!
    Herzlichst, Sieglinde

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  6. Eine sehr spannende Biographie. Betroffen macht nur, wie stark sich die Frauen immer noch zugunsten der Wünsche der Männer zurückgenommen haben.
    Aber da hat sich ja teilweise bis heute viel zuwenig dran geändert.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  7. hochinteressant! nach dem lesen stellt sich allerdings bei mir eine ziemliche traurigkeit und betroffenheit ein. sooo schade, dass sie ihr eigenes leben hinter beckmann versteckt hat.
    liebe grüße
    mano

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