Donnerstag, 16. Juli 2020

Great Women #227: Iris Murdoch

Auf Iris Murdoch bin ich erst aufmerksam geworden, als die Büchergilde Gutenberg, bei der ich Mitglied war, Romane von ihr anbot. Bis dahin war mir die anglo-irische Schriftstellerin völlig entgangen. Mit Spannung ( und Erschütterung, damals aber auf diesem Gebiet noch sehr unerfahren ) habe ich dann auch vor zwanzig Jahren die Erinnerungen ihres Ehemannes an ihr gemeinsames Leben gelesen und schließlich zwei Jahre darauf die Verfilmung dieses Buches mit Kate Winslet & Judi Dench angeschaut. Wieder begegnet bin ich ihr zuletzt bei den Recherchen zur Malerin Marie-Louise von Motesiczky. Da stand fest, dass ich sie hier im Blog vorstellen möchte.


"Alle Sprache ist Verführung"

"Eine Person unerschöpflich zu finden, 
ist einfach die Definition von Liebe."

Jean Iris Murdoch kommt am 15. Juli 1919, also gestern vor 101 Jahren, im Dubliner Stadtteil Phibsboro zur Welt. Sie wird das einzige Kind der irischen Sängerin Irene ( Rene ) Alice Richardson und ihres Mannes Wills John Hughes Murdoch, eines britischen Beamten, bleiben.

Die Eltern haben sich in Dublin kennengelernt, als der Vater als Kavallerist während des 1. Weltkrieges in Curragh stationiert ist, in der Stadt seinen freien Sonntag verbringt und die schöne junge Frau auf dem Weg zu einer Chorprobe trifft. Die Murdochs kommen ursprünglich aus Schottland, sind aber seit Generationen in Nordirland als Schafzüchter tätig und streng protestantisch, während Hughes Murdoch Freidenker ist. Auch die Mutter stammt aus einer anglikanisch- englischen Siedler - Familie und ist als Waise bei ihrem Großvater im armen Norden Dublins aufgewachsen. 1918 haben sie geheiratet, als Iris schon "unterwegs" ist.

1920 zieht die junge Familie nach London, wo der Vater im Gesundheitsministerium tätig wird. Die Mutter hat ihre Karriere als Sängerin aufgegeben, gibt ihrer Tochter aber die Freude am Singen weiter. Vom Vater lernt sie Schwimmen bei den jährlichen Sommerferien in Kingstown außerhalb Dublins.

Das kleine Mädchen wird von seinen Eltern zärtlich und erwartungsvoll geliebt, ihnen ist die Ausbildung ihres einzigen Kindes so wichtig, dass sie sogar Schulden machen. Iris wird später einmal sagen, dass sie es wahrscheinlich schlechter getroffen hätte, hätte sie noch Geschwister, vor allem Brüder, gehabt. Auf dieser soliden Basis wird sie eine Laufbahn einschlagen, die in der englischen Klassengesellschaft auch für ein Kind aus dem kleinbürgerlichen Milieu dank Elitenförderung  möglich ist. 

Die besondere emotionale Nähe in ihrer Familie, die sie später selbst als "Dreieinigkeit der Liebe" bezeichnen wird, ist wohl ursächlich verantwortlich für den freundlichen und warmen Charakter, der Iris immer zugeschrieben wird. "Man schaut nicht einfach hin und wählt etwas und schaut, wo man hingehen könnte, man steckt schon bis zum Hals in seinem Leben, oder ich zumindest."

Nach der frühen Kindheit im Elternhaus besucht Iris ab 1925 die durchaus kostspielige "Froebel Demonstration School" in Colets Garden/London, eine Ganztagsschule, in der die Kinder nicht nur zum Lernen, sondern auch zum Spielen angehalten werden, wo neben dem in der "junior school" üblichen Programm z.B. auch Gartenbeete betreut, Teiche erforscht, Schauspiele aufgeführt und solche Aufsatzthemen wie "Die Schneeflocke lässt den Kopf hängen. Warum?" gestellt werden. 1931 wird Iris Schulsprecherin an dieser Schule.

Mit ihren Eltern ( 1927 )
1932 wechselt sie an die "Badminton School"in Bristol, eine der Säulen des britischen Bildungswesens und eines der ältesten Mädcheninternate Englands, auch eines der akademisch anspruchsvollsten ( berühmteste Badminton-Absolventin: Indira Ghandi ). Iris ist eine gute und beliebte Schülerin, die mit den Regeln der Institution - morgens um 7.15 Uhr ein kaltes Bad und abends ein Gebet- kaum in Konflikt kommt. Sie lernt alte Sprachen und Geschichte und schreibt bereits Balladen und übersetzt antike Theaterstücke wie Sophokles "Ödipus". Während ihrer Schulzeit tritt Iris der Jugendorganisation des Völkerbundes bei und nimmt an dessen jährlichem Wettbewerb teil, wobei sie mit ihrem Essay 1938 den ersten Platz belegt.

Der "Badminton School" wird sie auch später verbunden bleiben und mit der Leiterin zeitlebens Kontakt halten ( und ihr auch den künftigen Ehemann vorstellen, der immerhin für gut befunden wird ).

1938
1938 beendet sie die Schule "als heile Seele, idealistisch, politisch interessiert, bereit zum Engagement" ( Elke Schnitter hier ) und geht nach Oxford, um im Somerville College Englisch zu studieren. Sie wechselt aber bald zum Studiengang "Mods and Classics", der klassische Literatur, alte Geschichte und Philosophie kombiniert.

In einem Brief an ihre Freundin beschreibt die Zwanzigjährige ihre Ziele so: Sie wolle "die Ursprünge der griechischen Religion erforschen und die labyrinthischen Wege der vergleichenden Mythologie verfolgen", bevor sie "ab und zu (vielleicht) einige Gedichte schreiben und einen bescheidenen kleinen Roman veröffentlichen" wird. Im selben Brief vertraut sie ihrer Freundin an, dass ihr emotionales Leben in Oxford anstrengend sei, da "zu viele Menschen" in sie verliebt wären. "Ich bin erstaunlich interessiert am anderen Geschlecht und in der Lage, mich in ungefähr sechs Männer gleichzeitig zu verlieben."

Das wird allzeit für Wirbel in ihrem sozialen Leben sorgen, denn sie wird über Jahrzehnte eine solche Fähigkeit beibehalten. Es gibt aber wenig Anhaltspunkte dafür, dass diese junge Frau, die sich in der ersten Hälfte des doch recht tragischen 20. Jahrhunderts ihren Weg durch die Welt bahnt, dabei ein kämpferisches Gefühl verspürt oder sich als Avantgardistin versteht. Schwierig findet sie nur, "mit dieser Art von Gesellschaft fertig zu werden und weder als Hure noch als Blaustrumpf aufzutreten". Sie bewundert zwar die um neun Jahre ältere französische Feministin Simone de Beauvoir, lehnt aber das ab, was sie "abstoßende Frauenstudien" nennt.

Am College freundet sie sich mit der ein Jahr jüngeren Philippa Bosanquet an, später eine bekannte Moralphilosophin unter ihrem Ehenamen Foot, eine elegante, ebenso intelligente junge Frau, die aber anders als Iris mit in einem großen Haus in Yorkshire mit Gouvernanten, Ponys und viel Geld aufgewachsen ist.

Wie Philippa schließt Iris Murdoch 1942 das College mit erstklassigen Auszeichnungen ab und erhält ein Diplom Ersten Grades. Als 23-Jährige bekommt sie mitten im Krieg dann im Schatzministerium einen "gemütlichen Job":
"Ich würde mich für alles freiwillig melden, was mich sicher ins Ausland bringen würde. Leider gibt es dafür keine Garantie, wenn man sich als Frau freiwillig meldet." Außerdem werde sie "das Schatzamt gar nicht gehen lassen; ich fülle nämlich, so unfähig ich bin, als Angelernte einen nahezu unverzichtbaren Posten aus. Manchmal denke ich, es ist ganz schön blöd, eine Frau zu sein!"
Immerhin hat sie Zeit zu träumen:
"Ich möchte einen langen, langen und äußerst obskuren Roman schreiben, der die seltsamen Konflikte objektiviert, die ich in mir selbst finde und in den Charakteren anderer beobachte."
Und sie kompensiert ihr Unausgefülltsein mit einer eher harmlosen Untergrundarbeit für die Kommunistische Partei, deren Mitglied sie seit November 1938 für einige Jahre sein wird. Mit Philippa teilt sie sich eine höhlenartige, kalte, von Mäusen geplagte Wohnung am Seaforth Place in London und experimentiert weiter mit ihrem Liebesleben. Philippa wird später den zeitweiligen Mitbewohner Michael Foot ehelichen.

Schließlich kann Iris ab 1944 sich für die Vereinten Nationen für Flüchtlinge einsetzen, erst in London, ab 1945 in Brüssel und dann bis 1946 in Innsbruck & Graz.

Nach einem Jahr der Arbeitslosigkeit und der Suche nach einer akademischen Stelle ermöglicht ihr ein Sarah-Smithsons- Stipendium die Rückkehr ins akademische Leben, und sie studiert für ein Jahr Philosophie am Newnham College in Cambridge. Danach wird sie Tutorin (später Fellow) für Philosophie am St. Anne's College und sie kommt vorübergehend bei Freundin Philippa als Untermieterin unter. Auf der persönlichen Ebene wird ihr Leben dominiert von Vaterfiguren wie den Exilanten Franz Baermann Steiner, ein tschechischer Jude, dem sehr viel älteren Eduard Fraenkel und Elias Canetti - Iris Murdochs Herz hat nach wie vor die unbegrenzte Fähigkeit, sowohl emotional als auch physisch zu lieben. Sie hat nicht vor, sich in einer festen Beziehung "niederzulassen"...

John bailey & Iris Murdoch
Source


Dann lernt sie auf einer Party 1954 John Bayley kennen - laut einer Freundin der "amüsanteste Mann Englands"- Schriftsteller und Englischprofessor in Oxford, gerade als sie leidenschaftlich engagiert ist in der Beziehung zu Canetti.

1956 heiraten sie und pflegen eine liebevolle, wenn auch unorthodoxe Ehe. Bayley ist quasi asexuell, findet er doch Sex "unausweichlich lächerlich". Was ihre Beziehung auszeichnet ist eine skurrile Intimität und eine uneingeschränkte gegenseitige Unterstützung. Außenstehende erleben sie als liebevoll, geradezu kindlich, wenn die Beiden, scheinbar in ihrer eigenen Welt, radeln, kichern und zusammen schwimmen.
John Bayley, geboren 1925 in Lahore/Indien, ist der jüngste, zarte und sensible Sohn einer wohlhabenden Familie, in Eton erzogen, Student in Oxford, exzellenter Kenner und Kritiker mitteleuropäischer und russischer Literatur. Ab 1974 wird er Warton-Professor für Englisch an der Universität von Oxford bis zu seiner Emeritierung sein.
Was Iris bei John Bayley findet, ist offensichtlich so herzerfrischend anders als bei den älteren, sie vorwaltenden Männern, zweifellos etwas Besonderes.Was wichtig ist: Sie fühlt sich mit ihm leicht und frei und glücklich, und endlich gelingen ihr Romane, die sie selber zufriedenstellen und die sie an Verleger schicken mag. "Under the Net" wird vom Verlag Chatto & Windus akzeptiert, veröffentlicht und damit eine lebenslange Autor-Verleger-Beziehung begründet.

Mit diesem Roman gewinnt Iris Murdoch den zweiten Preis beim Cheltenham Literature Festival. Der erste Preis geht an "Hackenfeller's Ape" der 25-jährigen Brigid Brophy.

Iris fühlt sich von Brophys Talent, Schönheit und politischem Idealismus angezogen, und sie werden in den nächsten Jahren regelmäßig korrespondieren und sich immer näher kommen. Ende 1962 widmet Brigid Brophy Iris "Flash, ein Nabel von Brigid Bardot" und schickt ihr in Silberpapier verpackte Verfremdung ihres neuesten Buches. Damit beginnt eine romantische Liebesbeziehung, die bis 1967 andauern wird.

Bevor Iris als Schriftstellerin reüssiert, hat sie allerdings schon eine gewisse Reputation als Moralphilosophin genossen, die sich mit den Werken Platons beschäftigt hat und nach ihrer Entdeckung Jean Paul Sartres - sie hat 1953 die erste Monographie über ihn in Englisch geschrieben - und anderen Existentialisten setzt sie sich leidenschaftlich mit deren Philosophie auseinander, auch indem sie Sartre bei wiederholten Paris - Aufenthalten trifft. Ihr existentialistisches Denken konzentriert sich auf Themen des moralischen Guten, der Freiheit und der Wahl, und sie setzt sich damit selbst in Widerspruch zum vorherrschenden universitären Dialog in Oxford. Eine solche Haltung darf man als mutig ansehen, und sie bringt Iris Murdoch Einfluss, indem sie weibliche Zeitgenossinnen in der Philosophie inspiriert, diesen Weg weiter zu erkunden. Für Iris Murdoch ist wichtig: "Intelligenz sozial nutzen, die Schönheit des Lebens erkennen, persönlich empfindsam bleiben", so Elke Schmitter.

Marie-Louise von Motesiczky:
Iris Murdoch
(1964)
Über Jahre ist sie auch eine beliebte Philosophie - Lehrerin, und viele ihrer Studentinnen erinnern sich an sie, weil sie in ihren Seminaren die geistige Freiheit fördert. Bis 1963 bleibt sie in St. Anne's, ab 1967 unterrichtet sie dann einen Tag pro Woche in der Abteilung für Allgemeine Studien am Royal College of Art. Nun kann sie sich ganz ihrer Schriftstellerei widmen, sie hält aber eine enge Beziehung zu Oxford durch Ehrenstipendien, sowohl in St. Anne's als auch in Somerville, aufrecht.

Während John Bayley, ein exzentrischer und kenntnisreicher Koch, die Mahlzeiten für sie bereitet und auch sonst für sie sorgt, ist es ihr endlich möglich in Ruhe und Sicherheit zu schreiben ( Essen & Kochen spielt vielleicht auch deshalb in Iris Werken immer wieder eine auffallende Rolle ). In ihren Romanen folgt sie in puncto Aufmerksamkeit für das Innenleben des Einzelnen der Tradition eines Dostojewskis, Tolstois, George Eliot und Marcel Proust, und sie zeigen ihre dauerhafte Liebe zu Shakespeare. Ihre Werke weisen jedoch eine große Spannweite auf: So unterscheidet sich "The Black Prince" ( "Der schwarze Prinz", 1973) stark von "Under the Net" (1954) oder" The Unicorn" (1963).

Iris wird nach und nach 27 Werke veröffentlichen, die meist gut aufgenommen werden ( böse Zungen behaupten:  weniger hätte vielleicht mehr sein können ). Sie wird dafür bekannt, dass ihre Charaktere sich mit Problemen herumschlagen, die für ihre Identität von zentraler Bedeutung sind  (wie Flucht, das Gift des Patriarchats oder Homosexualität ), und sie stellt sie mit zärtlichem Blick und komplex dar, dabei bleiben ihre Botschaften subtil, indirekt und doch kraftvoll. Sie gilt als Pionierin, was die literarische Umsetzung komplexer und glaubwürdiger schwuler und lesbischer Charaktere in Romanen anbelangt. Sechs ihrer Romane verfasst sie aus der Sicht männlicher Hauptpersonen  (wohl tatsächlich einige ihrer besten), aber keinen aus der Perspektive einer Frau in der ersten Person. Nichts an ihr ist  jemals einfach gewesen, so scheint es.

Als sie "The Sea, the Sea" ( "Das Meer, das Meer", 1978 ) beendet hat, das Buch, mit dem sie den Booker Prize gewinnt, nennt sie es "einen ungewöhnlich lästigen Roman". In diesem Roman erforscht sie die Geschlechterrollen, das männliche Ego und die "soziale Konstruktion von Weiblichkeit" durch ihre männliche Hauptperson, die ihr Leben reflektiert.
Diese Hauptperson ist der hinreißende Charles Arrowby, ein weithin bekannter Theaterregisseur, eine Art alternder Mike Nichols, der sich aus London zurückzieht in ein abgelegenes Haus am felsigen Meeresufer. Arrowby beabsichtigt, dort nachzudenken und seine Memoiren zu verfassen. Stattdessen holt ihn seine Vergangenheit - vor allem seine sexuelle - auf düster-komische Weise ein. Der Einfluss Shakespearescher Komödien lässt sich nicht leugnen, und über diesen Einfluss schreibt die Autorin selbst: "Jede hohe Theorie über Shakespeare ist nicht gut, nicht weil er so göttlich ist, sondern weil er so menschlich ist." ( Letzteres trifft auch auf Iris Murdoch selbst zu. ) Selbstverständlich ist Arrowby auch hungrig und vom Essen besessen ( "Natürlich sind Lesen und Denken wichtig, aber mein Gott, Essen ist auch wichtig" ), aber auf ungewöhnliche und etwas dogmatische Weise...  "Das Meer, das Meer" ist also aus vielen Gründen tiefgründig und zugleich köstlich: Zum einen ist es ein vielschichtiges Werk, geschaffen aus den Gefühlen und der Intensität romantischer Erfahrungen der Autorin. "Extreme Liebe muss Terror mit sich bringen", meint Iris. Außerdem: "Du stirbst im Herzen an einem Rückzug der Liebe.
"Was ich an Murdochs Schreiben am meisten liebe, ist ihre Genauigkeit bei der Darstellung der menschlichen Erfahrung in ihrer leidenschaftlichsten und komischsten Form", schreibt die Schriftstellerin Sophie Hannah in ihrer Einführung zur Neuauflage von "The Black Prince" von 1973.

Dieser Roman ist von Hamlet inspiriert und dreht sich um einen Schriftsteller namens Bradley Pearson und dessen Rivalität mit seinem ehemaligen Schützling Arnold Baffin. Zur Krise kommt es, als sich Pearson in Baffins Tochter Julian verliebt. Diese Erzählung, gleichsam im Stile des Charles Dickens, entpuppt sich als Geschichte innerhalb einer Geschichte, alles wird erst komplett mit Postskripten der wichtigsten "Mitspieler". "The Black Prince" wird 1973 mit dem James Tait Black Memorial Prize für Belletristik ausgezeichnet.

Ihre erfolgreichste Einbeziehung queerer Identität und Sexualität findet sich in "The Green Knight" ( 1993 ), ihrem vorletzten Werk, wo sie über komplizierte männlich-männliche Beziehungen, Libido und eine homosexuelle Familie schreibt. Der Roman ist weitgehend eine lockere Parodie auf das mittelalterliche Gedicht "Sir Gawain und der Grüne Ritter" mit bizarren Wendungen und unter Umständen, die die Stabilität eines Freundeskreises in einer Londoner Gemeinschaft gefährden.

In fast allen ihren Romanen fällt das wiederkehrende Thema Liebe & Sexualität auf. Zu behaupten, dass sie sehr geliebt hat, wäre schlicht untertrieben: In ihrem Leben erfährt sie viele große Lieben, von denen einige auch zu unvorstellbarem Kummer geführt haben. ( Iris selbst findet allerdings, dass die Details ihres Lebens für das Verständnis ihrer Arbeit irrelevant sind. )

Eine besondere Beziehung verbindet sie - wie schon erwähnt - mit Brigid Brophy, einem "universalen Geist", unkonventionell und ebenfalls verheiratet wie Iris, deren Bisexualität sowie ihre offene Kritik an Ehe, Heteronormativität und Monogamie eine cause célèbre im London der 1960er Jahre gewesen ist. Von ihrer Liebe zeugen die Briefe, die 2015 nach dem Tod der beiden Frauen veröffentlicht werden. Auch die über sechzig Jahre andauernde Freundschaft mit Philippa Foot, die 1968 für eine kurze Zeit  "physisch" wird - Philippa wird das später so kommentieren, dass ihr Gefühl füreinander auf diese Weise "nicht am besten ausgedrückt" worden ist - wird von dieser nach dem Tod von Iris als "das Licht meines Lebens" bezeichnet.

Thomas Philips:
Iris Murdoch
(1986)
Das "Lebensthema" in den Romanen der Iris Murdoch kann durchaus auch auf ihre Beschäftigung mit der Philosophie, besonders mit den Anschauungen ihrer philosophischen "Säulenheiligen" Platon und Simone Weil, zurückgeführt werden, die in ihr die Vorstellung geweckt haben, Romane müssten von Liebe angetrieben werden. Liebe definiert Iris als die Fähigkeit, sich auf die Autonomie und Unerschöpflichkeit eines anderen Menschen vollständig einzulassen, zu akzeptieren, dass das Gegenüber undurchschaubar ist und nicht beliebig nach eigenen Vorstellungen formbar. Wichtig ist der Schriftstellerin das Schreiben "mit Respekt vor der Realität mit all ihren seltsamen zufälligen Möglichkeiten". Und: "Da die Realität unvollständig ist, darf Kunst keine Angst vor Unvollständigkeit haben."

Iris Murdoch erfährt als Schriftstellerin, aber auch als Philosophin, vor allem in ihren letzten zwanzig Lebensjahren nationale wie internationale Anerkennung:

1987 erhält sie den Titel eines Honorarprofessors in Oxford, weitere Honorarprofessuren werden folgen, darunter in Dublin, Belfast, Bristol. 1988 wird sie mit dem renommierten Shakespeare-Preis ausgezeichnet und im Jahr darauf mit dem höchsten britischen Titel, dem der "Dame Commander" des "Order of the British Empire".  Gleichzeitig wird ein von Tom Philips gemaltes Porträt in der "National Portrait Gallery" aufgehangen - äußerst selten bei einem noch lebenden Romancier! Über ihr ganzes Leben verteilt hat sie mehr als 20 Ehrenvorträge an verschiedenen Universitäten der Welt gehalten. 1997 wird ihr der "Gold Pen Award" für Verdienste um die englische Literatur verliehen. Sie wird zum Mitglied der Irischen Akademie, der "American Academy of Arts and Letters" und der  "American Academy of Arts and Sciences" ernannt.
"Der Ruhm veränderte sie nicht. Im Gegensatz zur Zeitströmung (und in gewisser Weise zu ihrer libidinösen Praxis) war Murdoch von der Selbstverwirklichung als einziger Glücksmöglichkeit, vom individuellen Glück als Lebensziel nicht überzeugt. Ihr Wesen war freundlich und sanft, spirituell auf der Suche: Die Philosophie des Guten interessierte sie mehr als eine des Rechthabens und -behaltens, der Dalai Lama beeindruckte sie tiefer als das Werk Freuds." So würdigt sie Elke Schmitter.
Im Frühjahr 1994, schon bald nach der Veröffentlichung von "The Green Knight" fällt John Bayley bei einer Reise in Israel auf,  dass "something might be seriously wrong". Doch erst einmal geht alles seinen gewohnten Gang weiter. 1997 wird dann offiziell die Diagnose "Alzheimer" gestellt.

Zuvor hat Iris noch ihr letztes Buch "Jackson’s Dilemma" veröffentlichen können.
Ein letzter Brief, der erhalten ist, ist ergreifend und endet mit "Bitte vergib all dieses Stolpern." Dieses Eingeständnis könnte nicht herzzerreißender sein, erklärt die Diagnose alles. Die Krankheit zerstört, was Iris Murdoch so wichtig gewesen ist: ihren Verstand.

John Bayley betreut und pflegt sie, bis es Anfang 1999 nicht mehr geht, und er sie einem Pflegeheim anvertraut. Dort stirbt sie drei Wochen später am 9. Februar. Ihr Gehirn wird der Alzheimer Forschung übergeben, ihre Asche im Oxforder Krematorium verstreut.

Ich habe mich gefragt, wie eine Frau mit einem solchen Renommee so bald nach ihrem Tod bzw. dem Film aus den Regalen der Buchhandlungen verschwinden konnte - und damit auch der Leserschaft entzogen - und ihr Name auf der Liste der elitärsten englischen Schriftsteller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verblasst. Viele ihrer Romane sind vergriffen, junge Leute kennen sie nicht mehr und sie ist in englischsprachigen Ländern kaum Unterrichtsgegenstand. Lange waren die Pinguin-Taschenbuchausgaben ihrer Werke nur noch stockfleckig und sonnengeschädigt in Goodwill-Läden und anderen Antiquariaten zu bekommen, anlässlich ihres 100. Geburtstages im letzten Jahr hat es immerhin dann eine Reihe von Neuauflagen gegeben.

"Dame Jean Iris Murdoch was a phenomenal woman, marching on to the beat of her own drum", schreibt Lillie Hinkle hier. Vielleicht liegt darin auch einer der Schlüssel: Mit weiblicher Eigenwilligkeit tut man sich immer noch schwer...


Kommentare:

  1. Alzheimer bei solch einem lebhaftem und klugen Geist, das ist hart. Den Film habe ich nicht gesehen, obwohl ich sonst gern in Filme mit Judy Dench gehe.
    Von Iris Murdoch habe ich auch noch nichts gelesen, aber ihr Leben ist selbst schon so spannend wie jeder Roman. Eigen-Willig, ja, das war sie wohl. Wie Du schon schreibst, wie konnte sie so in der Vergessenheit verschwinden?
    Wieder mal ein hochinteressantes Frauen-Portrait. Das Besondere finde ich bei ihr, dass ihr Mann sie immer unterstützt hat. Das haben wir hier unter den Great Women auch schon ganz anders gelesen...
    Herzlichst, Sieglinde

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    1. Ja, John Bayley ist schon sehr besonders. Ich kann mich auch gut mit ihm identifizieren...
      GLG

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  2. Wieder ein Dank an dich für den Begleittext bei meiner zweiten Kaffeerunde am PC. Noch nie hatte ich von ihr gehört. Deshalb war dein Bericht so willkommen für mich. Beste Grüße von Rela

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  3. Liebe Astrid,

    wieder einmal ein tolles Portrait einer fast vergessenen Frau.

    Ich habe allerdings Glück gehabt und in der Schule mit unserer sehr engagierten Deutschlehrerin Frau Brauch den "Schwarzen Prinzen" lesen dürfen. Ehrlich - ich kann mich kaum erinnern, aber das ist nun eine Gelegenheit, mir das leider nicht erhaltene Buch zuzulegen und zu lesen.

    Brigid Brophy - auch kein Begriff, ach, es gibt so viele ungelesene Bücher....

    Immerhin hat Iris Murdoch frei in ihrer Entwicklung und von ihren Eltern sowie Mann unterstützt gelebt, so viel mehr als so manch andere deiner vorgestellten Damen erfahren haben.

    Danke für deine Anregungen, die ich immer wieder gerne aufnehme - Brigitte aus dem heute wieder nassem Münsterland

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  4. Das ist ja mal ein Treffer. Über Iris Murdoch habe ich mal eine Seminararbeit geschrieben. Lang, lang ist's her.
    LG
    Magdalena

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  5. Hallo Astrid,

    danke für die schöne Übersicht zum Leben von Iris Murdoch. Ich hatte vor einigen Jahren einmal ein Buch ihres Ehemannes, John Bayley, über seine Jahre mit Iris Murdoch gelesen, "Elegie für Iris". Jetzt ist mir vieles wieder eingefallen.
    Mit Gruß, Susa

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  6. Danke, liebe Astrid, dass du wieder einmal ein literarisches Fenster aufgestossen hast.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  7. ich habe weder den film gesehen, noch kenne ich ihre bücher, nur der name ist mir bisher ein begriff gewesen - wahrscheinlich aber eher durch den film.
    danke für dein ausführliches portrait - wieder mal sehr spannend und aufschlussreich.
    liebe grüße
    mano

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  8. Ich deine mich ein, ich kenne leider Dame, Werk und Film auch nicht. Aber das Portrait macht wie immer bei Dir neugierig! Schön diesmal zu lesen von der Liebe und Unterstützung. Und was für ein großer Geist, der dann von Alzheimer zerstört wurde.
    Danke Dir und liebe Grüße
    Nina

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  9. gänsehautstark liebe Astrid, welch eine Biographie, welch ein Leben.
    ein wundervolles Porträit einer klugen starken Frau die sich über Grenzen hinwegsetzte und ihren weg ging.
    in der damaligen Zeit vollen Mutes dass sie daran nicht gehindert sondern gefördert wurde.
    Dass die Bücher von ihr nicht mehr verlegt und nun nicht mehr zugänglich sind ist für Geschichte und Literatur ein großer Verlust.
    wieder eine großartige Arbeit von dir...
    herzlichst angelface

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