Donnerstag, 13. August 2015

Great Women # 31: Gertrude Stein



Vor einem Dreivierteljahr hatte Barbara/barbarabee die Idee, Posts über großartige Frauen zu veröffentlichen. Begeistert bin ich auf diesen Zug aufgesprungen und veröffentliche heute mein 31. Porträt :


"Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose" - diese Formulierung kennt so gut wie jeder ( und wandelt sie gerne passend auf eigene Umstände ab ). Ihr Porträt von Pablo Picasso ( welches ich aus urheberrechtlichen Gründen in Deutschland an dieser Stelle nicht zeigen kann - im Netz ist es hier zu finden ) werden auch noch recht viele kennen. Die Frau dahinter dürfte aber eine weitgehend Unbekannte sein: Gertrude Stein.


Gertrude Stein wird 3. Februar 1874 in Allegheny/Pennsylvania als jüngstes Kind von fünfen einer deutsch-jüdischen Familie geboren. Ihre Großeltern väterlicherseits sind 1841 aus Bayern emigriert, weil sie in Amerika politische Freiheit und wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten zu finden hofften. Ihr Sohn Daniel, Gertrudes Vater also, hatte 1864 Amelia Keyser, ebenfalls deutsch - jüdischer Herkunft, geheiratet.
Zwischenzeitlich lebt die junge Familie auch in Europa, in Wien und Paris, lässt sich dann aber in Kalifornien nieder.

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Als Gertrude 14 Jahre alt ist, stirbt die Mutter, drei Jahre später der Vater und der älteste Bruder Michael wird ihr Vormund. 19jährig nimmt sie ein Studium der Biologie und Philosophie an der Abteilung für Frauen der Harvard Universität in Cambridge/USA auf. Dort macht sie Bekanntschaft mit den Anschauungen des Psychologen William James, dem Bruder des Schriftstellers Henry James, die das Schreiben sehr vieler Autoren der Moderne beeinflussen werden.

Nach vier Jahren wechselt sie die Studienfächer - nun Psychologie & Medizin - und die Universität und folgt ihrem Bruder Leo nach Baltimore. Dort lebt sie mit ihm in einer Wohnung und bekommt Kontakt zu Kreisen, in denen die moralischen & künstlerischen Ansichten der puritanisch geprägten amerikanischen Gesellschaft in Frage gestellt werden.

Als Studentin
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Sie selbst beschreibt sich, die Studentin, so: "... a girl rather stout, fair ((,)) and with a singularly attractive face, attractive largely because puzzling. Her mouth is just saved from complete severity by a slight fullness of the lower lip which seems rather an afterthought by her Creator. Her chin does its best to make up for this slip by hard lines of determination. Her nose just escapes being beautiful for at the last moment it drooped and spoiled its perfect shape. Still in spite of these features she is distinctly lovable… " ( Quelle hier )

In diese Zeit fällt  auch ihre längere Liebesbeziehung zu ihrer Kommilitonin May Bookstaver, die sie literarisch in einem kurzen Roman verarbeitet.

Als sie bei der Schlussprüfung ihres Medizinstudiums durchfällt, verzichtet sie auf die Möglichkeit, das Examen zu wiederholen, und somit auf eine Karriere als Wissenschaftlerin und reist dem Bruder Leo nach Europa hinterher, der sich dort zum Kunststudium aufhält. Sie verbringt Zeit in Florenz, lebt mit ihm in London ( wo sie Kontakte zum Bloomsbury - Kreis haben - siehe dazu auch diesen Post ) und zieht 1903 - nach einem Zwischenaufenthalt in den USA - endgültig zu ihm nach Paris, wo sie gemeinsam den später berühmten Salon im Parterre der Rue de Fleurus 27 in der Nähe des Jardin du Luxembourg begründen. Sie sind materiell gut abgesichert, weil ihr Bruder Michael, ebenfalls in Paris lebend, das Vermögen der Familie Stein gut verwaltet hat.

Von links: Leo Stein, sein Neffe, Gertrude, eine Klavierlehrerin, Sarah & Michael Stein 1904
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Leo & Gertrude fangen an, Gemälde zu kaufen, die ihnen gefallen. Das erste ist die "Frau mit Hut" von Henri Matisse, für 500 Franc im Salon d’Automne erworben ( Matisse kommt auf diese Weise zu größerer Bekanntheit und steigert seinen Marktwert):

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Durch Henri-Pierre Roché ( vgl. auch dieser Post ) lernt Leo Pablo Picasso kennen. Gertrude freundet sich mit dem Maler an, obwohl ihr das käuflich erworbene Bild "Nacktes Mädchen mit Blumenkorb" so gar nicht gefällt. Sie sitzt ihm stundenlang für ihr Porträt Modell, das Picasso 1906 fertig stellt. Wenn ein Besucher des Salons bemerkt, dass Gertrude ganz anders aussieht als auf ihrem Porträt, entgegnet Picasso immer: "Sie wird."

Wichtiger als die Ähnlichkeit im Porträt ist ohnehin die Beziehung zwischen den beiden, in der jeder den anderen als Genie ansieht, und Gertrude Picasso zu neuen Wegen inspiriert und als Mäzenin unterstützt. In ihrem Salon lernt Picasso auch den älteren Matisse kennen, den einzigen Maler, den er als gleichwertig anerkennt.

In ihrem Salon, 1905, Porträt von Felix Valloton, 1907, in Venedig mit Alice B. Toklas 1908


















Um diese Zeit schreibt Gertrude den Roman "The Making of Americans", setzt sich mit den Thesen Otto Weiningers von der bisexuellen Veranlagung aller Menschen auseinander, beginnt ihre sexuelle Orientierung öffentlich zu leben und macht die Bekanntschaft von Alice B. Toklas, Amerikanerin aus einer bürgerlichen jüdischen Familie wie sie selbst stammend. Sie wird erst ihre Sekretärin, dann Köchin, Vertraute, Lebensgefährtin und Muse. Sie gibt Gertrude außerdem durch die Rollenverteilung in ihrer Beziehung die Möglichkeit, sich männlich zu fühlen, denn Männlichkeit und Genialität gehören für Gertrude Stein untrennbar zusammen. 

Der Steinsche Salon ist inzwischen der wichtigste Treffpunkt der Pariser Künstlerszene und zieht Schriftsteller, Maler, Kunstinteressierte und - Sammler aus ganz Europa und Amerika an. Im Laufe der Jahre füllt sich die Wohnung mit Renaissance - Stücken und Bildern von Cézanne, Renoir und Gauguin, dass die Räume einem Museum gleichen. Bald tauchen täglich Besucher auf, um die Geschwister und deren Gemäldesammlung zu besichtigen. Die Steins werden als verschrobene Millionäre und Mäzene angesehen, die um jeden Preis anders als andere Menschen sein wollen, was denen aber ziemlich egal ist. Man mag sie exzentrisch, theatralisch, verschroben und messianisch oder snobistisch und sybaritisch nennen - sie selbst sehen in ihrer Berühmtheit lediglich die Anerkennung einer Einmaligkeit, an der sie selber nie einen Zweifel hegen.

1909 veröffentlicht sie "Three lives", dessen Schreibstil von Paul Cézannes Porträt seiner Frau Hortense inspiriert ist, das an der Wand direkt vor Gertrudes Schreibtisch hängt:

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Ihre "Wortporträts" zu Picasso und Matisse erscheinen in ihrem Heimatland 1912.

Häusliche Reibereien zwischen den Geschwistern führen 1913 schließlich zur Trennung. Bruder und Schwester teilen ihre inzwischen wertvoll gewordene Gemäldesammlung unter sich auf: Gertrude bekommt die Picassos, Leo die Renoirs. Kein Wunder, wenn man Leos Äußerungen über Picasso und seine Schwester kennt: "Sowohl er (Picasso) wie Gertrude... bringen den ungeheuerlichsten Schund hervor, den man sich nur denken kann." Fortan schlägt Leo seine Zelte in Florenz auf. Zu einer Aussöhnung wird es nie mehr kommen.

1913
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Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht Gertrude und ihre Gefährtin in England, wo sie u.a. ihre Kontakte zu Angehörigen des Bloomsbury - Kreises pflegen. Später können sie nach Paris zurück, verbringen aber das nächste Kriegsjahr auf Mallorca. Berüchtigt & aufsehenerregend ist ihr Einsatz im letzten Kriegsjahr, als sie, mit einer Art Fantasieuniform bekleidet, in einem Ford durch Frankreich fahren, Lazarette besuchen und Verpflegungsdepots einrichten:

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Bald nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, zu Beginn der zwanziger Jahre, setzt der Pilgerstrom der Besucher im Steinschen  Salon erneut ein. Vor allem amerikanische Schriftsteller, die Gertrude Stein mit dem Prädikat "Verlorene Generation" etikettiert. Ernest Hemingway gehört dazu, John Dos Passos, Ezra Pound, Thornton Wilder, T. S. Eliot, F. Scott Fitzgerald, Edith Sitwell, Paul Bowles und viele mehr. Warum, umschreibt der Literaturkritiker Van Wyck Brooks so: "(Um) an den reifen gertrudischen Busen zu flüchten, der dem ihrer weit entfernten Präriemütter sehr ähnlich, aber auch von höchst wohltuender Intellektualität war. Miss Stein gab ihnen ihre Kinderlieder wieder, und sie hatten mit ihr herrliche Plapperstunden".

1926, 1927, 1930


















1931 gründet sie mit Alice B. Toklas  mit Hilfe des Erlöses für ein Picasso - Gemälde einen Verlag, um ihre Werke selber vermarkten zu können. Dessen erfolgreichstes Buch wird die "Autobiography of Alice B. Toklas": Darin bedient sie sich der Sprache ihrer Lebensgefährtin, um die Geschichte ihres gemeinsamen Lebens niederzuschreiben, ihre Freundschaften mit all den berühmten Malern, Schriftstellern und Musikern. Das Buch wird von der amerikanischen Literaturkritik wie auch vom Publikum gut aufgenommen. Nur Bruder Leo ist erzürnt und bezeichnet Gertrude als Lügnerin.

"Noch heute fällt es den Kunsthistorikern schwer, Gertrude Steins visionäre Rolle innerhalb der modernen Kunst anzuerkennen, obwohl die von ihr gesammelten Gemälde letztendlich alle vom Museum of Modern Art in New York aufgenommen wurden", schreibt Andrea Weiss in ihrem Buch "Paris war eine Frau". Und weiter: "Die meisten behaupten, es wäre vielmehr Leo Stein und nicht seine jüngere Schwester Gertrude gewesen, der Picassos Genie als erster erkannt hätte. Die Biographen, die unverständlicherweise gegen Gertrude Stein voreingenommen sind, vertreten auch die Ansicht, dass Gertrudes Bewunderung für Picasso nicht erwidert wurde, obwohl ihre gegenseitige Freundschaft bewiesen ist. Picasso wählte ( wie auch Hemingway ) Gertrude und Alice als Patinnen für sein Kind aus. Und ab 1919 begann er, Gertrude Bilder zu schenken...". Ihre lebendige Freundschaft bestand über vierzig Jahre, von 1905 bis zu Gertrudes Tod!

Mit Hemingways Sohn John 1924 und mit Picassos Familie bei der Kommunion des Sohnes 1934


















Derlei Beurteilungen beeinträchtigen den Ruhm der Gertrude Stein in ihrem Vaterland nicht. Inzwischen ist ihr Stück "Four Saints in Three Acts", vom amerikanischen Komponisten Virgil Thomson vertont, mit ziemlichem Erfolg aufgeführt worden. Als sie 1934 in Amerika eintrifft, wird sie wie ein Filmstar empfangen. Im Flugzeug durchquert sie den amerikanischen Kontinent von Massachusetts bis Kalifornien, hält Vorträge, geht auf Empfänge zu ihren Ehren und erhält eine Einladung ins Weiße Haus, bevor sie 1935 wieder nach Paris zurückkehrt.


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Zu Beginn des Zweiten Weltkrieg halten sich Gertrude Stein und Alice B. Toklas in ihrem Landhaus in Bilignin bei Belley, Departement Rhône-Alpes, auf, das sie seit 1929 gemietet haben. Gertrude Steins Haltung zur Vichy - Regierung ist durchaus schillernd ( siehe dieser Artikel ). Es dauert länger, bis sie sich ihrer prekären Lage als Jüdinnen im von den Faschisten besetzten Frankreich bewusst werden. Gertrude äußert sich allerdings nie zu ihrer jüdischen Herkunft und der Diskreditierung und Verfolgung der Juden in Europa.
Als ihnen das Haus in Bilignin gekündigt wird, verwerfen sie die Idee der Ausreise in die Vereinigten Staaten und mieten ein anderes Haus in Culoz. Sie werden auch dort von der deutschen Besatzung nicht verfolgt, denn der Bürgermeister der Ortschaft lässt auf den Einwohnerlisten für die deutsche Kommandantur einfach ihrer beider Namen weg, weil er sie für zu alt für das Leben in einem Konzentrationslager hält & befürchtet, sie würden es nicht überstehen.
Wahrscheinlich überstehen sie die Besatzungszeit auch weitgehend unbehelligt, weil ihr langjähriger Freund und Übersetzer Bernard Faÿ seine Hände schützend über sie hält. Faÿ ist es auch, der Picasso über die Besetzung von Steins Wohnung informiert und erreicht, dass die wertvollen Gemälde nicht fort geschafft werden. ( Nach Kriegsende wird Faÿ als Kollaborateur zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Gertrude Stein setzt sich in einem Brief für seine Freilassung ein & Alice B. Toklas finanziert ihm angeblich 1951 die Flucht in die Schweiz. )

In Bilignin, Bildmitte Pablo Picasso, rechts daneben Gertrude Stein
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Nach der Befreiung kehrt sie zusammen mit Alice im Dezember 1944 nach Paris zurück, allerdings nicht in die Rue de Fleurus - die alte Wohnung mussten sie schon vor dem Krieg aufgegeben -, sondern in die Rue Christine 5.

Auch diese Wohnung wird zu einer Wallfahrtsstätte. Aber anders als nach der Jahrhundertwende und in den zwanziger Jahren sind es keine Maler und Schriftsteller, sondern die amerikanischen GIs, die Gertrude Stein und ihre Bildersammlung sehen wollen. Sie gehört für sie zu den Pariser Sehenswürdigkeiten wie die Place Pigalle oder die Folies-Bergère. Und auch die Soldaten genießen es wie einst die Literaten, ihren Urlaub in ihrer Gesellschaft zu verbringen.

Gertrude Stein im Salon von Pierre Balmain 1946
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Gertrude Stein schreibt noch eine dritte Autobiografie, ein Libretto für Virgil Thomson und ein Vorwort für den Katalog einer Ausstellung des spanischen Malers Francisco Riba-Rovira, bevor sie am am 27. Juli 1946 in Paris an Magenkrebs stirbt. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof Cimetière du Père Lachaise.


Ernest Hemingway schreibt in seinem Roman "Paris – Ein Fest fürs Leben" rückblickend über Gertrude Stein: 
„Sie war eine solche Persönlichkeit, dass ihr niemand widerstehen konnte, den sie für sich gewinnen wollte, und Kritiker, die sie kennenlernten und ihre Bilder sahen, nahmen Arbeiten von ihr, die sie nicht verstanden, auf Treu und Glauben hin, aus Begeisterung für sie als Mensch und im Vertrauen auf ihre Urteilsfähigkeit.“ 


Kommentare:

  1. Danke auch für dieses Portrait. Und wieder hast du meinen Horizont erweitert...LG Lotta.

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  2. Ich habe erst vor einiger Zeit ein Buch über Picasso gelesen. Auch da wurde Gertrude Stein erwähnt. In dem Buch fand ich sie schon interessant. Jetzt nach deiner Vorstellung, erst recht. Danke...
    Andrea
    P. S. Das Buch ist übrigens nicht lesenswert. Höchstens als luftige Urlaubslektüre

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  3. Ich kannte sie nicht. Aber das hat sich dank dir ja geändert!

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  4. Doch, Ihr Name ist mir ein Begriff, aber Du hast die Bruchstücke des Wissens zusammengefügt und mit Leben gefüllt. Hach, deine Beiträge sind immer eine wahre Freude.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  5. ich hab gerade deinen bericht verschlungen! gertrude stein und ihre salons sind mir ein begriff und sie taucht ja immer wieder in zusammenhang mit vielen bekannten künstlern auf. aber ihr biographie war mir bisher gänzlich unbekannt. sehr spannend!
    liebe grüße
    mano

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  6. Danke für die Erinnerung an diese spannende Frau. Ich habe mal was über sie gelesen, aber ich sollte das schleunigst auffrischen. LG mila

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  7. Ich hab auch schon Manches gehört und gelesen über sie, aber deine wunderbare Zusammenfassung ihres Lebens macht mir Vieles deutlicher. Den Anker im Kopf, in welchem Zusammenhang ich überhaupt auf sie gestoßen bin, suche ich noch. Vermutlich irgendwas in der Bibliothek meiner Eltern oder mal ein Artikel in einer Kunstzeitschrift. Denn in den Schulunterricht gehörte sie selbstverständlich nicht ;-(. Lieben Gruß Ghislana

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