Donnerstag, 12. März 2020

Great Women # 213: Louise Otto - Peters

Am 26. März können wir ihren 201. Geburtstag begehen, morgen jährt sich ihr Todestag zum 125. Mal: Luise Otto-Peters, die Begründerin der deutschen Frauenbewegung. Es berührt seltsam, dass diese Frau so wenig in unser aller Köpfen ist, hat sie doch als Erste für unser Land als "Dem Reich der Freiheit (...) Bürgerinnen!" geworben.
1974
"Wo sie das Volk meinen, 
da zählen die Frauen nicht mit."

"Wahrlich es ist an der Zeit, 
endlich einmal dem Egoismus abzuschwören 
und keinen anderen Gesetzen
 oder Klugheitsregeln zu folgen, 
als denen der Humanität!"

Louise Otto kommt am 26. März 1819 als jüngste Tochter des Fürchtegott Wilhelm Otto, eines 43jährigen Gerichtsdirektors, und seiner 38jährigen Ehefrau Christiane Charlotta Matthäi im sächsischen Meißen auf die Welt. Ihre älteste Schwester sowie der einzige Sohn ihrer Eltern sterben früh. Sie wächst mit drei weiteren Schwestern - Clementine, Antonie und Franziska - im elterlichen Haus am Baderberg in wohlhabenden, bürgerlichen Verhältnissen auf. Die Mutter ist Tochter eines Porzellanmalers, der Vater entstammt einer Familie von Gelehrten. Beide Eltern sind liberal - aufgeklärt, begeistert von Musik, Theater und Literatur, und an der Bildung ihrer Töchter höchst interessiert. Es wird viel gelesen im Hause Otto, auch Zeitungen, und politisch diskutiert.
Das damals noch junge Königreich Sachsen ist in den Befreiungskriegen 1813-15 Hauptkriegsschauplatz gewesen, anschließend um über die Hälfte der Staatsfläche verkleinert worden, hat seine Führungsrolle und allen Glanz eingebüßt und mit erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Hungersnöten zu kämpfen. Im Geburtsjahr Louises kommt es nach den Karlsbader Beschlüssen zu enormen Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit und neben dem Verbot von Burschenschaften zur systematischen Überwachung der Universitäten, Schließung von Sportplätzen, Pressezensur und Entlassungen von Professoren.
Geburtshaus
(CC BY-SA 3.0)
Der dadurch in jener Zeit übliche und beförderte Rückzug ins Private, Familiäre findet bei der Familie Otto nicht wirklich statt. Der Vater, der mehrere Zeitungen bezieht, gibt sie an die Töchter mit der Bemerkung weiter
"Lest sie, damit ihr wißt, was in der Welt geschieht und wenn von so was geredet wird, dann nicht dumm dasitzt wie die Gänse!" ( Quelle hier )
Auch die Mutter ist gebildet, literarisch und musisch bewandert und gibt ihr Wissen gerne an die Töchter weiter. So wird erzählt, dass Louise noch auf dem Schoß der Mutter gesessen hat, als ihr diese schon aus Schillers Werken vorgelesen oder von den griechischen Freiheitskämpfern erzählt hat. Als sie älter ist, macht man Louise mit den Werken des "Jungen Deutschlands" bekannt. 

Schulausbildung für Mädchen in der damaligen Zeit hat nicht darauf abgezielt, dass später ein Beruf erlernt und ausgeübt wird. Außerdem ist sie mit der Konfirmation nach dem 14. Lebensjahr zu Ende gewesen. Louise bekommt daher zunächst Unterrichtsstunden bei einem Privatlehrer, dann besucht sie eine - neben der sonst üblichen Bürgerschule für Honoratiorenkinder begründete - private Schule, die sogenannte Selecta, für die sie eine Aufnahmeprüfung ablegen muss. Eigentlich eine fleißige Schülerin, muss sie aber aufgrund einer Reihe von Erkrankungen eine Klasse dreimal wiederholen. Als die Konfirmation für sie ansteht, verschieben ihre Eltern diese um ein Jahr und ermöglichen ihrer Tochter so ein weiteres Schulbesuchsjahr.

Durch das untypische Verhalten ihrer Eltern beginnt Louise schon als Mädchen großes Interesse an der Politik zu entwickeln. Sie hört von der Julirevolution in Frankreich 1830 und kommt dadurch das erste Mal mit dem Gedanken in Berührung, dass man auch gegen eine Herrschaft opponieren kann.

1831 stirbt ihre 20jährige Schwester Clementine, ein begabtes Mädchen, die als Liebling der Eltern gilt und von Louise als eine Art Orakel angesehen wird, an "Schwindsucht". Der fallen schließlich auch die Eltern zum Opfer, die Mutter 1835, der Vater im Jahr darauf.
"Mit siebzehn war ich denn verwaist - der Schmerz um die theuren, so plötzlich geraubten Eltern, diese ganzen Veränderungen der geselligen und häuslichen Verhältnisse konnte nicht ohne den tiefsten Einfluß auf mich bleiben. Wie es denn immer geht - Bekannte und Verwandte kamen mit allerhand Ratschlägen, manche fanden es unpassend, wenn drei junge Mädchen - meine zwei Schwestern Antonie und Francisca waren ja auch noch nicht lange mündig.... - alleine zusammen wohnen blieben..."
Die für junge Damen jener Zeit üblichen Bälle und Gesellschaften sind für Louise ohne Reiz. Aufgrund ihrer Erziehung ist sie selbstbewusst genug, zu wissen, was sie will: Das, was sie selbst will! Sie macht sich also in den hinterlassenen Büchern des Vaters kundig, "welche Gewalt ein Vormund über mich haben könne." Als sie herausbekommt, dass sie sich den Vormund selbst aussuchen kann, wählt sie einen jungen, verwandten Advokaten, Otto Lindtner, und fortan lebt sie mit den Schwestern und einer Tante im Elternhaus. Über das Erbe können sie aber nicht im vollen Umfang verfügen. Doch sind sie mit ihrem uneigennützigen Vormund sonst recht zufrieden, lässt er Louise doch die Möglichkeit, sich autodidaktisch weiterzubilden, u.a. in der Königlichen Hofbibliothek Dresden . 

Tuchfabrik in der Nähe von Oederan
Louise beschließt Schriftstellerin zu werden, während ihre Schwestern heiraten - Franziska einen Apotheker, mit dem sie in Mühlberg an der Elbe lebt, Antonie heiratet 1839 den Gerichtsdirektor Dennhardt, mit dem sie nach Oederan zieht.

Als Louise die Frischvermählten im Januar 1840 besucht, gewinnt sie dort unerwartet einen Einblick in das Leben der Arbeiter - in Oederan und Umgebung gibt es mehrere Spinnereien und Webereien-,  was sie nachhaltig beschäftigt und zu  dem Gedicht "Die Klöpplerinnen" inspiriert. Veröffentlicht im "Oederaner Stadtanzeiger" löst Louise damit eine große Empörung aus.  

Im gleichen Jahr lernt sie den zehn Jahre älteren, liberal-demokratisch geprägten Juristen und Literaten Gustav Müller aus Dresden kennen, der sie mit aktuellen literarischen und politischen Strömungen bekannt macht. "Er brach meine gewohnte Schweigsamkeit, denn er war und sprach so, wie ich selbst fühlte", schreibt sie später in den "Erinnerungsbildern". Müller ist derjenige, der ihr poetisches Talent erkennt und eine Sammlung ihrer Gedichte zwecks Veröffentlichung in Angriff nimmt.

Obwohl Louise sich geschworen hat, nicht zu heiraten, verlobt sie sich mit Gustav Müller, aber auch er stirbt im darauf folgenden Jahr an Tuberkulose. Louise bricht erst einmal zusammen, nachdem sie ihre ganzen Kräfte dem Sterbenden gewidmet hat. Dann kehrt sie nach Meißen zurück und stürzt sich in allerlei Studien und beginnt, einen Roman zu schreiben: "Ludwig der Kellner". 
"Ich wollte dafür in die Schranken treten, dass die Liebe kein Standesvorurteil kennen sollte, darum musste ein vornehmes Fräulein einen Kellner lieben; ich erklärte auch die Freundschaft zwischen Mann und Weib als ein gleichberechtigtes Moment wie die Liebe..."
Außerdem erfolgen weitere literarische und journalistische Veröffentlichungen von Gedichten, von Reiseliteratur und Rezensionen, bis 1845 meist unter dem Pseudonym Otto Stern.

Als sie in den "Sächsischen Vaterlandsblättern" 1843 einen Beitrag von Robert Blum, dem Vorreiter der Demokratiebewegung des Vormärz in Sachsen, "Über die Teilnahme der weiblichen Welt am Staatsleben" liest, schickt sie darauf an die Redaktion ihre Meinung. Für Louise ist es "unsittlich", wenn die Teilnahme der Frauen am Staatsleben unterbleibt. Daraus folgt 1843/44 eine Artikelserie "Frauen und Politik", die heute als publizistischer Auftakt zur deutschen Frauenbewegung gewertet wird.
"… die Zeit des Fortschrittes wird auch die Frauen mit sich weiter reißen – die Zeit, in der das ganze große Vaterland zum Bewußtsein erwacht, seine Rechte fordert und erringt, wird auch den deutschen Frauen die ihren nicht verweigern", schreibt sie.
Louise ist tatsächlich die Erste, die sich zur Rolle der Frau in der Presse äußert, und sie selbst sieht das auch als Beginn ihrer journalistischen und literarischen Karriere. Später wird das Schreiben für ihren Lebensunterhalt und eine Zeit lang für den der Tante sowie der hinterbliebenen Kinder ihrer Schwester sorgen.

Das Gut von Guido A. Vogel in Gohlis
Nach Leipzig kommt sie als junge Frau mit der damals gerade eingeführten Eisenbahn, denn im Dorf Gohlis lebt ihr Cousin, der Kaufmann Guido Alexander Vogel, bei dem sie in den 1840er Jahren Quartier nimmt.

Mit dem Honorar ihres dritten Romans "Die Freunde" finanziert Louise sich im Sommer 1845 eine Bildungsreise ohne jegliche Begleitung mit Post- & Lohnwagen durch Thüringen bis Kassel und zur Porta Westfalica. Darüber berichtet sie in den "Politischen Reisebriefen".

Als sie vom "Leipziger Gemetzel" am 12. August erfährt, schreibt sie ein Gedicht: "Vom Dorfe, Gohlis 1845"
Als Prinz Johann, der Bruder des sächsischen Königs und sein Thronfolger, in Leipzig im Hotel de Prusse abgestiegen ist, demonstrieren viele Leipziger mit patriotischen Liedern und singen "Ein feste Burg ist unser Gott" gegen den katholischen Prinzen. Als Steine fliegen, lässt der Prinz das königliche Militär aufmarschieren und das Feuer eröffnen. Acht Menschen kommen um, weitere werden verletzt. Am nächsten Tag fordert eine große Volksmenge Vergeltung. Robert Blum gelingt es, mit einer Rede die Menge zu beruhigen.
Als Louises Gedicht im "Generalanzeiger" erscheint, wird der in Meißen konfisziert "Nur weil sie eine Dame sind, kommen sie ohne Hochverrathsproceß weg", äußert sich der Stadtrat von Meißen gegenüber Louise herablassend. Die ist nun fest entschlossen, endlich "Schloß und Fabrik" in Angriff zu nehmen, der das Elend der proletarischen Bevölkerung im Erzgebirge behandelt und in dem sie die Folgen der Industrialisierung für alle Stände darstellt. Das Buch enthält einen der ersten sozialkritischen Romane in Deutschland und darf - stark zensiert - erst nach einer Audienz beim sächsischen Innenminister Johann Paul Freiherr von Falkenstein 1846 herauskommen. Nachdem Louise es beendet hat, ist die 27jährige erst einmal mit den Nerven fertig.

1847 rezensiert Robert Blum Louises ersten Gedichtband "Lieder eines deutschen Mädchens" und nennt sie darin "eine Nachtigall im Winter". Louise lernt ihn und seine Familie nun auch persönlich kennen. Ihre mutigen öffentlichen Äußerungen machen sie auch über Sachsens Grenzen hinaus bekannt, und sie gilt als begeisterte Demokratin und Anhängerin der Kämpfer des Vormärz. In dem Aufsatz "Über die Teilnahme der Frauen am Staatsleben" stellt sie fest, dass auch bei ihren Geschlechtsgenossinnen das Interesse an Politik zu erwachen beginnt.

1848
Ihr Engagement für die Arbeiter*innen lässt sich in besonderem Maße an der viel zitierten "Adresse eines Mädchens" vom Mai 1848 ablesen, der als offener Brief verfasst ist und zeitgleich mit Louises Eingabe zur Frauenarbeit an die sächsische Kommission erscheint. Louise Otto fordert darin - und das ist neu und ein emanzipatorischer Akt - die Situation der Arbeiterinnen explizit einzubeziehen. Sie legt darin dar, dass frei gewählte Erwerbsarbeit die Basis von Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Frauen ist und fordert zugleich die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Mutterrolle durch Kinderbetreuungseinrichtungen. Anschließend wird sie zu persönlichen Gesprächen mit den Ministern Martin Gotthard Oberländer und Robert Georgi geladen und um Vorschläge zur Lösung der aufgeworfenen Fragen gebeten.

Als vermutlich erste Frau überhaupt in der Geschichte des Feminismus, des Parlamentarismus und der Demokratiebewegung spricht sich Louise Otto in der von Louise Dittmar herausgegebenen Zeitschrift "Sociale Reform" für das Frauenstimmrecht aus. Enttäuscht ist sie von den freiheitlich-demokratischen Revolutionären von 1848/49, denen Frauenrechte nicht wichtig genug gewesen sind. Deshalb gründet sie die "Frauen-Zeitung", die engagiert Fraueninteressen bis 1852 unter dem Motto "Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen!" formuliert und heute als durchaus bahnbrechend betrachtet wird.  Am 21. April erscheint die erste Ausgabe.  Louise fühlt sich unterstützt von ihrer verwitweten Schwester Antonie, die politisch ähnlich gesinnt ist und nun wieder mit ihr am Badenberg lebt. Ein neues Gesetz in Sachsen, die "Lex Otto" von 1850, verbietet Frauen die Tätigkeit als Redakteurin, deshalb muss Louise sich hinter einem Strohmann verstecken und Provokationen vermeiden und kann ihre Zeitschrift nur von Gera aus weiter verbreiten, bis das endgültige Verbot 1852 erfolgt.

1849 macht Louise in Oederan auch die Bekanntschaft mit dem Journalisten und Schriftsteller August Peters, zwei Jahre älter als sie. Der gilt als gemäßigter Demokrat, hat am Dresdener Maiaufstand teilgenommen, flieht dann nach Süddeutschland und wird dort als Anführer badischer Aufstände gefangen genommen und zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Louise besucht ihn im Gefängnis in Bruchsal und dort kommt es 1851 zur Verlobung. Weil sie sich in dieser Zeit für Gefangene generell und deren Familien einsetzt, wird sie bei einer solchen Besuchsreise unerwartet aus Baden ausgewiesen, denn die sächsischen Behörden haben sie in Karlsruhe denunziert.

Nach seiner Begnadigung in Baden 1852 wird August Peters nach Sachsen ausgeliefert, wo er im Zuchthaus Waldheim bei Chemnitz unter dem Namen "Elfried von Taura" journalistisch für Familienzeitschriften tätig sein darf und sich damit eine Lebensgrundlage als Redakteur schaffen kann.

Anfang 1853 versucht Louise die "Frauen-Zeitung" als belletristische Wochenschrift "Deutsche Frauen-Zeitung. Blätter für Literatur, Kunst und die höheren weiblichen Interessen" wiederzubeleben. Doch dieses Schriftwerk wird ihren frauenemanzipatorischen Interessen nicht mehr gerecht, so dass es bald wieder eingestellt wird. In der Reaktionsära muss sich Louise den Gegebenheiten, gekennzeichnet durch Repression und Zensur, als Schriftstellerin und Publizistin anpassen. Ihre Polizeiakte vom Juli 1850 bis Oktober 1854 verzeichnet all die Hausdurchsuchungen und Verhöre, Ausweisungen oder Einreiseverbote, denen sie ausgesetzt ist.

August Peters
Unter Einsatz ihres Erbes macht sie sich weiterhin für August Peters stark und ist in jener Zeit, so ihre Tagebucheintragungen, erheblicher psychischer Belastung ausgesetzt. 1856 kommt er frei, geht nach Freiberg und gründet dort die Zeitschrift "Glückauf". Am 24. November 1858 heiraten sie in Meißen, und Louise folgt ihrem Ehemann zunächst nach Freiberg. Ab 1860 ist der Lebensmittelpunkt dann in Leipzig, wo er zunächst die Leitung des "Generalanzeigers" und später – gemeinsam mit Louise – die der "Mitteldeutschen Volkszeitung" übernimmt.

Es wird eine kurze, aber wohl recht glückliche und moderne Ehe mit zwei Partnern, die gleichermaßen erwerbstätig und gesellschaftlich integriert sind -  in der damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit! Literarisch tritt Louise Otto-Peters, wie sie jetzt heißt, in dieser Zeit mit Gedichten zur Erinnerung an die Leipziger Völkerschlacht und an den Freiheitskämpfer Theodor Körner in Erscheinung und sie arbeitet an ihren kulturhistorischen Romanen zu Nürnberg. Publizistisch beschäftigt sie sich mit den Themen Erziehung und Erwerbstätigkeit von Frauen. Am 4. Juli 1864 stirbt August Peters an den Folgen der Zuchthausstrapazen. Louise sieht sich von ihm hinterlassenen Schulden gegenüber, die sie in finanzielle Schwierigkeiten bringen.

Auguste Schmidt (links), Louise Otto-Peters (rechts)
in der "Gartenlaube" von 1871
In jener Zeit schafft sie sich, wie wir es heute nennen würden, ein lebenslanges Netzwerk:  In Leipzig macht Louise die Bekanntschaft der Lehrerin Auguste Schmidt, die sie jeden Freitag besuchen wird, und ihrer verwitweten Schwestern Anna Schmidt und Clara Claus, mit denen Auguste zusammenlebt. Außerdem knüpft sie Kontakte zum Leipziger Arbeiterbildungsverein des August Bebel.

Im Februar 1865 gründet sie dann zusammen mit Auguste, der Schulvorsteherin Ottilie von Steyber, der Fröbel-Pädagogin Henriette Goldschmidt und anderen Frauen einen Frauenbildungsverein, der dann auch zum Oktober eine gesamtdeutsche Frauenkonferenz organisieren wird.

Auf dieser vom 15. bis 18. Oktober in Leipzig abgehaltenen Konferenz kommt es zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF). Erste Vorsitzende beider Vereine wird Louise, ihre Stellvertreterin im ADF Auguste Schmidt. Im überregional agierenden ADF wagen die Frauen die Selbstorganisation, Männer sind nur als Berater & Ehrenmitglieder zugelassen. Der Frauenbildungsverein ist der erste Frauenverein, der nicht vorrangig der Wohltätigkeit dient, sondern Frauen Hilfe zur Selbsthilfe vermittelt, Veranstaltungen zu Frauen interessierenden Themen organisiert  und Musikaufführungen & Rezitationen auf dem Programm hat.

Später kommt noch eine Sonntagsschule dazu für aus der Volksschule entlassene, konfirmierte Mädchen, die vor allem "Dienstmädchen" weiterbilden soll in der Deutschen Sprache, Rechnen inklusive Buchführung, Französisch und Handarbeit, noch etwas später wird Literatur, Englisch, Geographie, Geschichte, Zeichnen, Schneidern, Schönschreiben, Gesang und Gesundheitslehre  in den Lehrplan der Sonntagsschule aufgenommen. Eine Bibliothek und eine Speiseanstalt mit Kochschule ergänzen das Angebot des Frauenbildungsvereines.

Die bis dato größte Frauenversammlung Deutschlands in jenem Oktober 1865, zu der hundert Frauen aus dem ganzen Reich zusammenkommen, um über die "Frauenfrage" zu reden, ist damals eine Provokation. Dass eine Frau dort nun auch noch das erste Wort haben soll, scheint offenbar selbst der sonst so furchtlosen Louise Otto-Peters, die sich doch jahrelang mit den Behörden herumgeschlagen hat, reichlich gewagt. Und so fragt sie den Demokraten & Sympathisanten Ludwig Eckardt, ob er nicht die Konferenz eröffnen könne. "Der Frauentag darf doch nicht mit einer Inkonsequenz beginnen und von einem Mann eröffnet werden. Die Frauen müssen ihre Sache selbst ­führen, sonst ist sie von vornherein verloren!", erwidert der nur ( Quelle hier ). So tritt sie an jenem Abend des 15. Oktober selbst ans Rednerinnenpult:



Im Publikum sitzt auch eine Handvoll Männer, darunter der spätere SPD-Vorsitzende August Bebel, der zu diesem Zeitpunkt noch als Dreher arbeitet und mit Louise eng befreundet ist. 1879 wird er "Die Frau und der Sozialismus" herausbringen, ein Buch, das stark von Louise inspiriert ist.

1879
Mit 34 Gründungsmitgliedern gestartet, wächst der Verein, der gleichzeitig der erste deutsche Dachverband von Frauenorganisationen wird, bis 1870 auf ca. 10.000 Mitglieder an -  ein Beweis dafür, wie groß das Bedürfnis der Frauen nach einem Zusammenschluss und nach Vertretung ihrer Interessen ist! 1889 gehören dem ADF zwanzig Mitgliedsvereine an. Die jährliche Generalversammlung findet in wechselnden Städten statt, was oft weitere Vereinsgründungen nach sich zieht. Am Beispiel des ADF kann man die Vernetzung von Frauenvereinen studieren. Seine Gründung gilt bis heute als das Startdatum der ersten, historischen Frauenbewegung.

Übrigens wird Louise Otto-Peters über drei Jahrzehnte den Vorsitz des ADF innehaben. Ab Dezember 1865 erscheint dann das Vereinsorgan, die "Neue Bahnen", als deren Redakteurin Louise Otto-Peters und zunächst Jenny Heinrichs fungieren. Von 1866 bis 1895 wird die Publikation dann zweiwöchentlich von ihr und Auguste Schmidt redigiert & herausgebracht. Es ist gleichzeitig die erfolgreichste und arbeitsintensivste Zeit in Louises Leben. Sie ist unermüdlich tätig, und leistet diese Arbeit immer ehrenamtlich.

Ihren Lebensunterhalt erzielt sie mit ihrer schriftstellerischen & journalistischen Tätigkeit. Etwa sechzig Bücher, darunter 28 meist mehrteilige Romane, Erzählungen, Novellen, Opernlibretti, historische Reflexionen, Streitschriften und Essays, dazu ungezählte Gedichte sowie journalistische Beiträge, veröffentlicht sie während ihres Lebens. Sie ist Mitglied des Schriftstellerverbandes und des von ihr mitbegründeten Leipziger Schriftstellerinnen-Vereins. 1868 kann sie ihr 25-jähriges Jubiläum als Schriftstellerin feiern. Auf dem Fest im großen Saal der Buchhändlerbörse zu Leipzig hält die Freundin Henriette Goldschmidt die Laudatio. Aus der Zeit nach 1871 sind ihre Aufzeichnungen zu Erlebnissen & Erfahrungen in jüngeren Jahren erhalten, die von ihr als Vorarbeiten zu einem Lebensrückblick gedacht sind.

Wirtschaftlich allerdings ist Louise Otto-Peters nicht wirklich erfolgreich und sie ist auf Zuwendungen anderer angewiesen. Das beweisen Tagebuchaufzeichnungen und Bittschriften an die Deutsche Schillergesellschaft zwischen 1864 und 1889, die Zeugnis ablegen von ihrer trotz unermüdlicher Arbeit andauernd prekären Situation.

Wohl schon ab 1873 drängt sie deshalb auf ihre Entlassung aus der aktiven Vorstandsarbeit des ADF, um sich alleinig der Schriftstellerei widmen zu können. Doch diese innovative wie initiative Frau scheint nicht ersetzbar, und so wird Louise noch bis 1891 - da ist sie zweiundsiebzig - zur ADF-Vorsitzenden gewählt. Erst im Jahr darauf kann sie den Staffelstab bezüglich der Leitung des Frauenbildungsvereines an Auguste Schmidt abgeben.

1894 hat sie ihren letzten öffentlichen Auftritt, als sie an der Einweihung der Gymnasialkurse für Mädchen, die vom ADF unter Leitung von Dr. Käthe Windscheid eingerichtet worden sind, teilnimmt. Diese Kurse bereiten Mädchen auf das Abitur vor - Voraussetzung für die Zulassung zum Universitätsstudium.

Am 13. März 1895 stirbt Louise Otto-Peters 76-jährig an einer Lungenentzündung in ihrer Wohnung in der Kreuzstraße 29 in Leipzig-Reudnitz in Anwesenheit ihrer Nichte Anna Niedermüller und der ersten approbierten Ärztin Leipzigs, Dr. Anna Marie Kuhnow, die zur "Töchtergeneration" der deutschen Frauenbewegung gehört. Sie wird an der Seite ihres Mannes auf dem Neuen Johannisfriedhof, beigesetzt. Heute findet sich ihre letzte Ruhestätte im Friedenspark, unter einem unbearbeiteten Granitstein ohne Kreuz.


Denkmal für
Louise Otto-Peters im Leipziger Rosental
(ehemaliger Grabstein vom Johannisfriedhof)
Inzwischen wissen wir wieder, dass Louise Otto-Peters die ideellen und praktischen Grundlagen für unsere heutige gesellschaftspolitische Position als Frau gelegt hat. Im Mittelpunkt ihrer Vorstellung & Ideen stand immer die Selbstentfaltung der Frauen durch gesellschaftliche Teilhabe und Mitarbeit und die Geschlechter - Gerechtigkeit als Sinn eines erfüllten menschlichen Lebens. Als in den späten 1960er Jahren eine erneute Welle der Frauenbewegung aufkam, war sie aber so gut wie vergessen. Noch 1972 betonte Alice Schwarzer in ihrer Autobiografie wie auch andere Frauen in anderen Veröffentlichungen, dass sie fest überzeugt gewesen sind, die Ersten zu sein. In den Geschichtsbüchern hat Louise Otto-Peters nämlich nur als bürgerlich-gemäßigte Demokratin überlebt, in der DDR als Figur der proletarischen Arbeiterbewegung.

Nach Louise Otto-Peters sind heutzutage viele Straßen & Plätze, Schulen & Senioreneinrichtungen benannt, Gedenktafeln an ihren Wirkungsstätten errichtet, die gemeinnützige Louise-Otto-Peters-Gesellschaft gegründet (1993) sowie das Louise-Otto-Peters-Archiv (1997).  Seit 2015 wird von der Stadt Leipzig jährlich im Oktober der Louise Otto-Peters-Preis an Personen und Organisationen vergeben, die sich für die Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern in besonderem Maße engagieren.

Eigentlich dürfte sie uns nicht so aus den Augen, aus dem Sinn sein, finde ich.




Kommentare:

  1. Wieder einmal sieht man, wie wichtig Bildung für Frauen ist und es kein Wunder ist, dass auch heute noch Frauen auf der Welt davon gern ferngehalten werden. Und wieder einmal ein starkes Frauenportrai von Dir!
    Liebe Grüsse
    Nina

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  2. Wieder eine eindrucksvolle Frau. Warum ist sie uns nur aus dem Sinn geraten?
    Liebe Grüße
    Andrea

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  3. Liebe Astrid,
    du hast wieder eine sehr beeindruckende Frau in den Focus gerückt - eine Lebensgeschichte, die für die damalige Zeit atemberaubend anmutet. Es ist wirklich erschreckend, dass solche Frauengeschichten so lange unter den Tisch gekehrt wurden(und eigentlich immer noch werden).
    Alles Liebe, Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2020/03/was-haben-italien-corona-und-die.html

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  4. Louise Otto-Peters ist eine der wichtigsten Frauen unserer Emanzipation. Und dass Alice Schwarzer das damals nicht gewusst hat, finde ich erstaunlich. Aber wahrscheinlich zeigt das nur noch einmal mehr, dass Herstory erst erfunden werden musste...
    Danke, dass Du dazu heute wieder einen so fundierten Beitrag leistest.
    Herzlichst, Sieglinde

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    1. Das ist ja schon systematisch ausgelöscht worden, das Wissen über demokratische Bewegungen, nicht nur die der Frauen, sondern generell über alle Zeiten, durch die Nazis. Und auch nach dem Krieg hat man ja lieber die Geschichte der letzten Jahrzehnte vor der Diktatur unter den Teppich gekehrt. Das war ein Verdienst der 68er, so nach und nach all die Erinnerungen wieder ins Bewusstsein der Menschen zurückzuholen. Ich habe mich im Studium immer wieder gewundert, was ich nie im Unterricht oder den Medien erfahren hatte... Es ist ja heute auch nicht viel besser, was das Gros der Leute anbelangt. Geschichte ist ja vielen zu langweilig...
      LG

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  5. Was für eine großartige Frau! Da habe ich wieder jemand kennengelernt, von dem ich nichts wusste. Es kann gut sein, dass ich mal von ihr gehört habe, aber sie war nicht mehr präsent. Danke Dir!
    Magdalena

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  6. Danke für die Lebensgeschichte von Luise Otto-Peters, die du uns so kurzweilig und interessant vermittelt hast. Es gab und gibt immer einige großartige Menschen, die das Elend der anderen sehen und nicht die Augen davor verschließen. Auch wenn sie für kurze Zeit in Vergessenheit geraten ist, zeigt doch die Zeit, dass man sich ihrer erinnert und sei es auch erst 200 Jahre später.
    LG Agnes

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  7. Liebe Astrid,
    du hast wieder eine außergewöhnliche und beeindruckende Frau porträtiert...danke dafür. Die Briefmarke mit ihrem Konterfei ist mir bekannt, jedoch als Person bislang noch nicht.
    Lieben Gruß, Marita

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  8. Wie unermüdlich und initiativ diese tatkräftige Frau gewirkt hat. Sie sollte wirklich wieder ins allgemeine Bewusstsein gerückt werden.
    Danke für die wieder so spannende Biographie.
    Liebe Grüße
    Andrea

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