Donnerstag, 2. April 2015

Great Women # 17: Lili Boulanger


Barbara/barbarabee hatte seinerzeit den Anstoß für diese Reihe gegeben und damit angefangen, donnerstags in ihrem Blog bemerkenswerte Frauen in Wort und Bild vorzustellen.  Da dies eines meiner Lebensthemen ist, habe ich mich gerne angeschlossen.

Auf die Idee, die heutige, großartige Frau vorzustellen, hat mich Verena gebracht, indem sie mir eine Karte mit einem Foto von ihr geschickt hat: Lili Boulanger.


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Ihr Name ist mir immer wieder begegnet, wenn ich mich mit der künstlerischen Elite in Paris beschäftigt habe. Aber noch öfter habe ich von ihrer Schwester Nadia gelesen, die Lehrerin so vieler bekannter Komponisten und Musiker wie Astor Piazzolla, Philipp Glass oder Dinu Lipatti war. Ein Grund mehr, mich mit der kleinen Schwester zu beschäftigen.

Marie-Juliette Olga Boulanger kommt am 21. August 1893 als zweites Kind in einer Musikerfamilie der zweiten Generation in Paris zur Welt. Ihre Eltern sind der deutschfranzösische Komponist Ernest Boulanger, zum Zeitpunkt ihrer Geburt bereits 78 Jahre alt, als 19jähriger Gewinner des „Prix de Rome“ und Professor für Gesang am Pariser Konservatorium, und die über 40 Jahre jüngere, russische Prinzessin Raissa Mychetsky, seine ehemalige Studentin. 

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Die Familie Boulanger prägte das Pariser Konservatorium fast über das ganze 19. Jahrhundert. So ist es nicht erstaunlich, dass Lili und ihre ebenfalls hochbegabte Schwester Nadia schon sehr früh gefördert werden. 

Mit zwei Jahren erkrankt Lili jedoch an einer Lungenentzündung, die nicht sachgemäß behandelt wird und so ihre Abwehrkräfte gegen Infektionskrankheiten aller Art stark herabsetzt. Ab da ist Lili in ihrer Familie die, die besonderen Schutz & Rücksichtnahme braucht. Ein Zusammensein mit anderen Kindern ist für sie lebensgefährlich, so dass an einen regulären Unterricht nicht zu denken ist. Privatlehrer und die Mutter unterrichten sie. Auf Bitten des Vaters hat auch Nadia sich um das Wohlergehen der jüngeren Schwester zu kümmern. Allen ist bewusst, dass sich Lili von den Folgen der Pneumonie und aufgrund einer chronischen Krankheit ( Morbus Krohn ) nie richtig erholen würde.

Trotzdem erhält sie ab dem 5. Lebensjahr Privatunterricht in den Fächern Harmonielehre, Orgel, Klavier, Cello und Harfe. In diesem Alter singt Lili auch schon Lieder des Komponisten Gabriel Fauré, von ihm selbst am Klavier begleitet. Ihr musikalisches Talent zeigt sich ebenso in der außergewöhnlichen Fähigkeit zur Improvisation.

Lili mit ihrer Schwester als Siebenjährige
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Im April 1900 stirbt der Vater. Lili schreibt aus diesem Anlass ihre erste Komposition, von der allerdings nur Skizzen überliefert sind, und die den Namen „La lettre de mort“ trägt. Die Mutter wie die Töchter suchen Halt & Trost in einer tiefen katholische Frömmigkeit, vermischt mit osteuropäischen und asiatischen Elementen. Lili erhält von einer Freundin einen alten buddhistischen Text. Die letzte Strophe des Textes, der sie ihr Leben lang begleitet, lautet:
"Mögen alle Frauen, mögen alle Männer, Arier und Nicht-Arier, alle Götter und alle Menschen, und alle, die gestorben sind, ohne Feind, ohne Hindernis, den Schmerz überwinden und glücklich sein, und sich in Freiheit bewegen können, jeder nach seiner Art."

Diesen Text vertont sie später zu einem Werk für Tenorsolo, Chor und Orchester: "Vieille Priere Bouddhi-que".

Am 1. September 1901 hat Lili ihren ersten öffentlichen Auftritt als Geigensolistin. 1904 zieht die Familie in das Haus 36 rue Ballu ( 1970 umbenannt in Place Lili Boulanger ):

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Ihre außergewöhnliche Begabung und der Kontakt mit den berühmtesten Musikern von Paris in der Nachbarschaft, die sie auch unterrichten, und die Zugehörigkeit zur Familie Boulanger eröffnen ihr alle Möglichkeiten: Schon mit zehn Jahren beginnt sie, ihr Werk "Psalmen" zu komponieren, mit zwölf wird sie am Konservatorium aufgenommen, kann aber wegen ihrer prekären Gesundheit am Unterricht dort nicht teilnehmen, sondern sie kommuniziert schriftlich mit ihren Lehrern. Einer davon, Paul Vidal, ihr Kompositionslehrer, war Rompreisträger des Jahres 1883 und bekannt für seine neuartigen Ideen. Angesichts des Talents seiner Schülerin bereitet er sie gezielt auf den „Prix de Rome“ vor. Doch Lili muss zwischendurch ihr hoch gestecktes Ziel wegen einer Erkrankung aufgeben und ein halbes Jahr Zwangspause einlegen.

1913 gelingt ihr schließlich der ersehnte Erfolg: Sie gewinnt den „Prix de Rome“ mit nur 19 Jahren, nach einem unregelmäßigen und relativ kurzen Studium und als erste Frau. Sie erhält 31 der 36 Stimmen der Jury und wird über Nacht zu einer internationalen Berühmtheit:

Die Preisträger 1913
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Die Auszeichnung bedeutet  finanziell Unabhängigkeit und die offizielle Anerkennung als Komponistin in Frankreich. Es folgen Aufführungen in großen Konzertsälen und begeisterte Kritiken, unter anderem von Claude Debussy. 
Den mit dem „Prix de Rome“ verbundenen Aufenthalt in der berühmten Villa Medici in Rom kann Lili aber erst im März 1914 antreten. Sie erhält ein Turmzimmer im vierten Stock, das sie wegen ihrer Atembeschwerden nur selten verlassen kann. In der Abgeschiedenheit dieses Raumes komponiert sie unter anderem „Trois Morceaux pour Piano“. 

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges werden die Stipendiaten aufgefordert, den Aufenthalt in Rom abzubrechen, und auch Lili kehrt nach Paris zurück.
Ab 1915 widmet sie sich mit ihrer Schwester karitativen Aufgaben zugunsten der in den Kriegsdienst eingezogenen Kollegen des Konservatoriums. Im Februar 1916 geht sie wieder nach Rom zurück. Ihre Krankheit fesselt sie aber häufig ans Bett und beeinträchtigt ihre schöpferische Arbeit in der Villa Medici, so dass sie im Juni desselben Jahres wieder nach Paris heimkehrt. Das Werk „Dans l’immense tristesse“ reflektiert ihre starke Depression.
Auf Empfehlung ihres Arztes begibt sie sich im Februar 1917 nach Arcachon in der Nähe von Bordeaux, um sich einer Operation zu unterziehen. Doch der Erfolg ist nur von kurzer Dauer.
Im Bewusstsein der wenigen Zeit, die ihr noch bleibt, bemüht sich Lili Boulanger zuletzt darum, bereits begonnene Kompositionen zu vollenden. Im Alter von 24 Jahren, am 15. März 1918, stirbt sie an  den Folgen ihrer chronischen Darmerkrankung. Sie wird auf dem Friedhof Montmartre in Paris beigesetzt.

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Nach dem Tod kümmert sich Nadia Boulanger um die Verbreitung der Werke ihrer Schwester, deren Leben und Werk sie ebenfalls minutiös aufgezeichnet und dokumentiert hat. Noch im Todesjahr  richtet sie mit ihrer Mutter den „Prix Lili Boulanger“ ein, um die Erinnerung an sie und ihr Werk wach zu halten. Zum gleichen Zweck wird im Jahre 1939 der durch Nadia Boulanger in Boston angeregte „Lili Boulanger Memorial Fund“ ins Leben gerufen.


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Was mich an der Lebensgeschichte von Lili Boulanger beeindruckt hat, ist, dass die Musik quasi ihre zweite Natur war, und sie fieberhaft ihr musikalisches Werk weitertrieb, da sie um ihre begrenzte Lebenszeit wusste. 
Bewundernswert finde ich aber auch den lebenslangen Einsatz ihrer Schwester für ihr Werk, so dass die beiden oft als eine Einheit gesehen werden. Nadia komponierte zwar anfangs auch, entwickelte sich dann aber zu der wohl bedeutendsten Kompositionslehrerin des 20. Jahrhunderts und ist in dieser Funktion länger im Gedächtnis der Nachwelt geblieben.

Die Kompositionen Lili Boulangers sind auch für mich noch musikalische Schätze, die es in Zukunft  zu heben gilt.









Kommentare:

  1. Hochinteressant und sehr bewegend....Danke auch für dieses Portrait! Du zeigst immer wieder eindrücklich, was es doch für hochbegabte Frauen auch in dieser Zeit gab, denn leider bekommt man nicht unbedingt davon einen Eindruck, wenn man sonst allgemeine Geschichtsbücher wälzt...(...aber vielleicht lese ich auch nur die falschen...;-)). LG Lotta.

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  2. höre gerade Hymne au Soleil... kurzes Leben von Lili Boulanger die dank ihrer musik und mit deiner interessante biographie heute hier weiterexistiert. und die Schwester Nadia Boulanger deren Stimme wir bei dem extrait : https://www.youtube.com/watch?v=YqkKApzzsMA hören kann und das mit 90 Jahre ! mit all den Namen ihrer berühmte Schüler.
    liebe grüsse
    Monique

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  3. Danke für diesen interessanten Beitrag!
    Habe wie Monique mal auf Youtube reingehört. Das macht Lust auf mehr.
    Liebe Grüße,
    Iris

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  4. wunderbarst, wer alles zu Gast ist, in deinem "Salon" !!!

    herzliche Grüße

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  5. Die von dir wunderschön erstellte Biografie einer interessanten Frau. Obwohl sie nur kurz gelebt hat, hat sie so viel vollbracht.
    LG, Ingrid

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  6. Liebe Astrid,
    ich kannte sie nicht, bin aber auch nicht so in der Musik zuhause, lach... Das was ich jetzt gelesen habe, hat mich sehr bewegt... was für eine Frau! Danke dass du uns so teilhaben lässt an diesen Biografien ♥
    Wünsch dir schöne Ostern!
    Allerliebste Grüße
    Christel

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  7. ein schöner spannender bericht... leider kann ich nicht alle fotos aufmachen... (bin zu sehr im süden...:)))) frohe ostern...elfi

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  8. Was für eine interessante Frau! Wieder einmal eine wunderbare Anregung, weiter zu forschen!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  9. Liebe Astrid, was für eine Überraschung hier von den Boulangerschwestern zu lesen, ich habe vor einiger Zeit erst mit meiner Cellistenfreundin ein wunderbares Wetk für Cello und Klavier in einem unserer Konzerte gespielt. Daraufhin legte ich mir auch Noten von Lilli Boulanger für Klavier Solo zu...
    Es ist immer wieder unglaublich, wie die Werke von Frauen, auch heute noch so selten gespielt werden...
    Wir versuchen,dem entgegen zu wirken,
    Liebe Grüße, und schöne Ostertage,Friederike

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  10. Danke für den interessanten Bericht, gut, dass ich genau diese Postkarte ausgesucht habe;-)
    Ich finde Deine Serie "Great women" einfach nur toll und freue mich schon auf die nächste Dame.

    LG verena

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  11. Liebe Astrid, wie in einer guten Zeitschrift habe ich mich jetzt in deinen Posts zurückgelesen bis hierher... Schön hier bei dir die Boulanger-Schwestern zu finden und eine neue Kunst-Adresse in Venedig... Eure "Umosternspaziergänge", euer rosa Magnolien-Garten...., dein Raif-Badawi-Erinnern (während des Urlaubs ist das Büchlein bei mir eingetroffen; ja, wie schnell unser Leben weiterhastet und vergisst, verdrängt...). Die vielen schönen Fotos aus deinem Alltag. Und unglaublich großen Appetit hab ich jetzt auf die Bärlauch-Gnocchi mit grünem Spargel, wo waren sie doch gleich auf dem Teller, am Rhein irgendwo? ;-), dabei war gerade erst Frühstück... Die letzten phänomenalen Gnocchi hatte ich im "Leon" in Stralsund beim Italiener am Hafen, Ostermontag... Liebe Grüße Ghislana

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