Donnerstag, 11. Februar 2021

Great Women #249: Charlotta Bass

Plötzlich erinnnerte man/frau sich wieder an sie, als am 11. August 2020  Kamala Harris offiziell zur Vizepräsidentschaftskandidatin von Joe Biden ernannt worden ist und als "erste schwarze Frau und erste Person indischer Abstammung", die für diese Aufgabe nominiert wird, etikettiert wurde. Holla, so schnell geht es also, dass Frauen in der Versenkung verschwinden -und sie war keinesfalls ein Mauerblümchen ! Keine sechsunndachtzig Jahre dauert das! Denn es war 1952, als sie für die selbe Aufgabe aufgestellt worden ist: Charlotta Bass


Charlotta Bass kommt am 14. Februar 1874 als Charlotta Amanda Spears zur Welt. Einige Quellen geben als Geburtsort Sumter in South Carolina an, andere wiederum Little Compton, Rhode Island. Obwohl viele Berichte darauf hinweisen, dass nach Charlottas persönlichen Unterlagen, die in der Southern California Library archiviert sind, Sumter der Geburtsort ist, gibt sie in ihren Memoiren wiederum Little Compton an und als Jahr sogar 1888. 

Über ihr frühes Leben ist wenig bekannt. Charlotta ist das sechste von elf Kindern von Hiram und Kate Spears, beide Abkömmlinge freigelassener Sklaven. Der Vater arbeitet als Maurer. Sie erhält eine Ausbildung an öffentlichen Schulen. Nach der High School scheint sie vor den Auswirkungen der Jim-Crow-Gesetze zu ihrem Bruder Ellis nach Providence, Rhode Island, geflohen zu sein. Der betreibt dort zwei Restaurants und einen Eiswagen-Lieferservice und hat es bis in die Mittelklasse geschafft hat. ( Sumter gilt bis heute als Ort voller Gewalt, dem habe Charlotta entgehen wollen, so eine ihrer   Nachfahrinnen ). 

ca. 1901
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In Providence schreibt sie sich im Frauencollege ein, das heute Teil der Brown University in der Hauptstadt des Bundesstaates ist, und übernimmt einen Job als Anzeigenverkäuferin für eine lokale schwarze Zeitung, den "Providence Watchman". 

Nachdem sie Edward Bellamys utopischen Roman von 1888  "Looking Backward 2000 - 1887" - die wohl erfolgreichste Utopie des 19. Jahrhunderts und eventuell meistgelesene überhaupt - gelesen hat und tief beeindruckt gewesen ist von den darin dargestellten sozialistischen Ideen, die auch die Emanzipation der Frau miteinschließen, besucht sie auch eine Versammlung der Nationalen Vereinigung zur Förderung farbiger Menschen (NAACP), die in Rhode Island 1909 gegründet worden ist. Für sie ein entscheidender Moment in ihrem Leben. Ihre Familie, christlich geprägt, ist hingegen beunruhigt, denn sich mit dem Sozialismus zu beschäftigen, wird von denen als gefährlich angesehen. 

Für den "Providence Watchman" arbeitet Charlotta zehn Jahre und scheint dort einiges über das Zeitungsmachen gelernt zu haben. Schließlich zieht sie auf Anraten ihres Arztes zur Linderung ihres Asthmas & ihrer Arthrose in wärmere Gefilde um. In Los Angeles beginnt sie 1910 - manche Veröffentlichungen sprechen schon von 1906 -  für "The Owl" zu arbeiten, einer Zeitung für Schwarze, zunächst als Abonnentenwerberin für 5 Dollar die Woche.

Das Büro der Zeitung liegt in der Central Avenue, dem "schwarzen Gürtel der Stadt", wie sie sich selbst verortet, einem Viertel voller Kirchen, Clubs und Geschäfte im Besitz von Menschen mit schwarzer Hautfarbe und in dem die Jazzszene der Westküste zu Hause ist. "Nirgendwo in den Vereinigten Staaten ist der Neger so gut und schön untergebracht, und die durchschnittliche Effizienz und Intelligenz der farbigen Bevölkerung ist so hoch", schreibt W. E. B. DuBois 1913 über Los Angeles, nachdem die Migration in die Stadt stark angestiegen ist.

Die Zeitung ist 1879 von John J. Neimore, einem überzeugter Republikaner, als "The Owl" gegründet worden, um während der großen Migration, als Millionen von Afroamerikanern den tiefen Süden verlassen, um in Los Angeles ihr Glück zu suchen, den Menschen Informationen zu Beschäftigungs- und Wohnmöglichkeiten neben allgemeinen Nachrichten zu bieten.

Schon bald nach ihrer Ankunft engagiert sich die junge Frau in der Wahlrechtsbewegung für Frauen und schließt sich Frauenclubs, Kirchen- und Bürgerrechtsgruppen an, die Frauen für die Wahlen registrieren. 

Auf seinem Sterbebett bittet Zeitungseigner Neimore Charlotta dann 1912, seine Zeitung am Leben zu erhalten: Sie ist die Einzige, der er das zutraut. Zwei Monate nach seinem Tod erwirbt sie die Zeitung mit angeschlossener Druckerei auf einer Auktion für 50 Dollar mit dem von einem Ladenbesitzer geliehen Geld. Im Mai ist sie Verlegerin, Reporterin, Geschäftsführerin, Händlerin, Druckerin und Hausmeisterin in Personalunion und tauft ihre Zeitung um in "California Eagle" - "A paper with a heart and soul". Damit ist sie eine der ersten afroamerikanischen Frauen, der eine Zeitung gehört und die sie am Laufen hält. Dieser außerordentliche Fakt ist bald Gesprächsthema über die Grenzen der Stadt hinaus.

Joseph B. Bass
(1927)
Sie versucht, die Zeitung auf eine sichere Grundlage zu stellen, und holt sich Unterstützung durch den erfahrenen Reporter Joseph Blackburn Bass vom "The Montana Plaindealer", einer afroamerikanischen Zeitung in Montana, als Herausgeber. Charlotta hat ihn bei einem Besuch, damals noch bei der "Owl", kennengelernt und bittet ihn erst einmal um eine Vertretung während einer notwendigen Reise. Ende 1913 stellt sie ihn endgültig ein. Der Fünfzigjährige hat zuvor neben seiner journalistischen Tätigkeit die "Afro-American Protective League" geführt, eine ehrgeizige landesweite Organisation, die Afroamerikaner in Montana vor Rassismus schützen sollte, bzw. Booker T. Washington’s "National Negro Business League". Joseph Bass gilt als geachteter community leader, mit Charlotta ist er sich in politischen Ansichten & Ambitionen einig.

1914 heiraten die Beiden. Aber für Romanzen bleibt keine Zeit, wird Charlotta später schreiben. Unter ihrer Leitung wächst & gedeiht die Zeitung sowohl in Kalifornien als auch auf nationaler Ebene erheblich und wird mit der Zeit zur auflagenstärksten Informationsquelle und der Stimme für die Black Community. In der Tradition des Muckraker-Journalismus - man kann diese als Vorläufer*innen des investigativen Journalismus bezeichnen -  macht "The California Eagle" auf die sozialen Ungerechtigkeiten aufmerksam, denen Menschen mit anderer Hautfarbe permanent ausgesetzt sind. 

"Der Adler beleuchtete das schwarze Leben auf eine Weise, wie sie in anderen Zeitungen nicht beleuchtet wurde", so Erin Aubry Kaplan, eine Journalistin und Autorin, deren Onkel in den 1950er Jahren für die Zeitung arbeitet. Denn in Los Angeles ist nicht alles "Orangenblüte" und "schöne Häuser", wie DuBois es beschrieben hat. Charlotta und ihr Mann würden bald eine sehr viel komplexere Version der Rassenungleichheit dokumentieren...

Bis 1925 können sie zwölf Mitarbeiter einstellen und zwanzig Seiten pro Woche veröffentlichen. In den Jahren 1926-27 geht Charlotta nach New York, um an der Columbia University Journalismusunterricht zu nehmen. Anschließend führt sie ihre wöchentlichen Kolumne "On the Sidewalk" ein, um ihre Stimme gegen die ungerechten sozialen und politischen Bedingungen für alle Minderheiten in Los Angeles zu erheben und sich energisch für Reformen einzusetzen. Ihre redaktionelle Stimme bestärkt andere schwarze Zeitungen in ganz Amerika in ihrer Entschlossenheit, mehr für die Afroamerikanern wichtigen Anliegen zu tun.

Charlotta nutzt die Macht der Presse, um immer wieder Stellung zu beziehen, so zum Beispiel gegen die Machenschaften des wiederauflebenden Ku-Klux-Klan. Als 1915 die Hollywood-Produktion "The Birth of a Nation" des Regisseurs David Wark Griffith seine Premiere am 8. Februar in Los Angeles unter dem Titel "The Clansman" hat, prangert die Zeitung die Verherrlichung des Klans an in diesem dreistündigen, finanziell erfolgreichsten Historienfilm der Stummfilmzeit, der zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs spielt. 

Im Film wird eindeutig behauptet, dass der Ku-Klux-Klan Amerikas Süden vor dem verderblichen Einfluss befreiter Schwarzer gerettet hat, die Mörderbande wird also zu Hütern von Recht und Ordnung stilisiert, während die aus der Sklaverei Befreiten nur das personifizierte Böse sind. ( 1921 erstellt der Regisseur dann eine gekürzte Fassung ganz ohne Erwähnung des Klans. )

Tatsache ist, dass der Ku-Klux-Klan nach dem Film eine Renaissance erlebt, nachdem er 1870 vom damaligen "Großen Hexenmeister" offiziell aufgelöst worden ist. William Joseph Simmons, ein einstiger Wanderprediger, lässt ihn wiederauferstehen, und der neue Klan hat großen Zulauf. Seinen Höhepunkt erreicht er Mitte der 1920er-Jahre mit rund drei Millionen Mitgliedern macht 

Auch Charlotta Bass macht da mit ihm persönlich Bekanntschaft:

Im Jahr 1925 tauchen acht Klan-Mitglieder spät in der Nacht in ihrer Redaktion auf, nachdem sie einen geheimen Komplott des Klans offenbart hat. Sie veröffentlicht einen Brief von G.W. Price, dem Anführer des kalifornischen Ablegers, in dem er ankündigt "eine Verschwörung, um Los Angeles von seinen drei effektivsten schwarzen Führern zu befreien, indem sie in einen Verkehrsunfall verwickelt und zu Unrecht wegen Fahrens verurteilt werden, während sie betrunken sind.

Charlotta zieht allerdings eine Pistole aus ihrem Schreibtisch - sie hat bis dahin nie mit einer Waffe hantiert - und ist sich auch nicht sicher, welches Ende das haben würde. Doch die Gruppe macht sich hastig auf den Rückzug. Auf den Einwand ihres Mannes, dass sie das eines Tages das Leben kosten könne, antwortet sie: "Mr. Bass, es wird für einen guten Zweck sein.

Der Klan zieht wegen dieser Sache auch wegen Verleumdung vor Gericht, doch die "Bässe" gewinnen trotz einer komplett weißen Jury. ( Dieser zweite Klan existiert übrigens bis heute und der Film wird nach wie vor als Rekrutierungsinstrument benutzt. )

Schon 1917 hat sich die Zeitung kraftvoll für die schwarzen Soldaten des 24. Infanterieregiments eingesetzt, die in Houston angeklagt werden wegen eines als "Houston Riot" bzw. "Camp Logan-Meuterei" bekannten Aufstandes, der sich eigentlich gegen den Rassismus der Polizei den Soldaten wie der schwarzen Bevölkerung gegenüber richtet. 19 von ihnen werden hingerichtet und 41 zu lebenslanger Haft verurteilt  - ein düsteres Kapitel der US-Geschichte!

Immer wieder weist der "Eagle" auch auf die Missverhältnisse in der amerikanischen Justiz hin, so im Fall der "Scottsboro Boys", neun Jugendlichen von zwölf bis neunzehn Jahren, die 1931 in Scottsboro, Alabama, wegen Vergewaltigung zweier weißer Mädchen angeklagt und verurteilt werden. 

Ebenfalls schon 1917 hat Charlotta die rassistischen Einstellungspraktiken der LA-Feuerwehr kritisiert: Obwohl schwarze Männer die Prüfung für den öffentlichen Dienst ablegen können, stellt die Feuerwehr nur Weiße ein. Sie schreibt in einem Leitartikel: "Die Stadt Los Angeles fragt nicht nach der Hautfarbe eines Mannes, wenn sie ihre Steuerrechnung vorlegt." Nach einer dreimonatigen Kampagne gibt es dann den ersten schwarzen Feuerwehrmann.

1930, während der "Great Depression", wird Charlotta dann Teil der nationalen schwarzen Arbeiterbewegung. Sie ist dabei, als die aus Chicago stammende Kampagne "Don’t Buy Where You Can’t Work" zu einer nationalen Bewegung gemacht wird. Die Kampagne fordert Afroamerikaner auf, Unternehmen zu boykottieren, die Schwarze nicht einstellen. Insgesamt entwickelt diese Bewegung dann eine umfassende Agenda, die sich für eine stärkere Beschäftigung von Schwarzen, Möglichkeiten zu ihrer Förderung und Beförderung, Erhöhung ihrer Kaufkraft und sich für die Gründung größerer schwarzer Unternehmen einsetzt. Charlotta selbst ist auch wieder erfolgreich als Lobbyistin und sorgt für Beschäftigungsmöglichkeiten für Afroamerikaner in zahlreichen kalifornischen Unternehmen, darunter der Telefongesellschaft, dem General Hospital und der Los Angeles Railway.

Diese Bewegung hat übrigens das Modell für die Bürgerrechtsproteste in den 1960er Jahren geliefert und ist wegweisend für spätere Bemühungen des Bundes zur Bekämpfung der strukturellen Arbeitslosigkeit und Angleichung der Kauf- und Ertragskraft in schwarzen Gemeinden. Laut Sandra Rattley, Executive Producer von "Unladylike 2020", ist Charlotta Bass mit ihrem Einsatz von Streikposten, Boykotten, Protesten, politischem Druck und anderen mächtigen Techniken, die bis heute angewendet werden, eine Urmutter solch erfolgreicher Strategien des politischen Kampfes gegen Unrecht.

Übrigens zielt eine von Charlottas Strategien auch darauf ab, in einer sexistischen Gesellschaft mit ihren Forderungen nach Veränderung erfolgreich zu sein, indem sie auf ein warmes, großmütterliches Image setzt und immer mit Hut auftritt, wo es gilt, unerbittlich ihre progressive Agenda voranzutreiben.

In den 1930er Jahren ist der "California Eagle" die größte afroamerikanische Zeitung an der Westküste, steht auf solidem finanziellen Fundament und hat eine Auflage von fast 60.000 Exemplaren und seine redaktionellen Positionen sind meinungsbildend. Der unerwartete Tod ihres Ehemannes am 1. November 1934 veranlasst Charlotta dennoch, ihre Aktivitätsschwerpunkte zu überdenken. 

Mit Paul Robeson
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Die Zeitung behält die Priorität, sie möchte aber auch mehr in die Aktivitäten der schwarzen Gemeinschaft eingebunden sein. Sie gründet den "National Sojourner for Truth and Justice Club", der sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für schwarze Frauen einsetzt. Sie wird Präsidentin eines Chapters der "Universal Negro Improvement Association" ( UNIA ), engagiert sich aber auch für die gemäßigtere NAACP, deren Jugendabteilung sie leitet. Damit bewegt sie sich in sowohl in eher radikalen als auch Mainstream-Kreisen, was ihre besondere Fähigkeit beweist, die Kluft zwischen integrativer und separatistischer schwarzer Politik zu überbrücken. "... her genius came from consensus-building", so Asher Kohn an dieser Stelle.

Dabei kommt sie in Kontakt mit Menschen wie Paul Robeson, einem der  beliebtesten schwarzen Unterhaltungsstar seiner Zeit & Bürgerrechtler, und W.E.B. DuBois.

Mit Blick auf die Zukunft erweitert Charlotta 1938 die Reichweite ihrer Zeitung durch ein anderes Medium, eine 15-minütige Radiosendung "Newspaper of the Air". Zwei Jahre später können Zuhörer jeden Sonntagabend bei KFVD, einer Radiostation in San Pedro in Californiaen, "The California Eagle Hour" einschalten.

Über dreißig Jahre ist Charlotta Bass eine überzeugte Republikanerin, stimmt aber 1936 für den demokratischen Kandidaten Franklin D. Roosevelt. Mit dem Aufkommen des Faschismus in Europa gelangt sie zur Überzeugung, dass die wirksamste Opposition gegen den Hitlerismus in der Sowjetunion liegt. Obwohl sie nie eine bekennende Marxistin oder ein Mitglied der Kommunistischen Partei der USA gewesen ist, spiegeln ihre Leitartikel ihre Überzeugung wider, dass die Demokratie im In- und Ausland von faschistischer Seite stärker gefährdet ist als von links. 

Sie und ihre Zeitung geraten deshalb in den 1940er Jahren ins Visier der Überwachungsbehörden bzw. des "Komitees für unamerikanische Umtriebe". Es wird behauptet, ihre Zeitung werde von Deutschland und Japan finanziert. Von diesem Zeitpunkt an lesen die Agenten jede Ausgabe des "Californian Eagle", nehmen an jedem öffentlichen Auftritt von Charlotta Bass teil und schicken ihre Überwachungsberichte direkt an J. Edgar Hoover ( siehe auch dieser Post ). Einmal wird sogar ihr Pass beschlagnahmt, und die kalifornische NAACP zerreisst ihre Mitgliedskarte. Auch die Post wirft sich in diesen Kampf und widerruft ihre Versandgenehmigung für die Zeitung. Doch das Justizministerium ist auf ihrer Seite und bezeichnet den Versuch als illegitim.

Selbst ihre Familie wagt in dieser Zeit, nur im Flüsterton über sie zu sprechen, wird später ein Neffe erzählen. Obwohl sie nie eines tatsächlichen Fehlverhaltens für schuldig befunden wird, wird sie für den Rest ihres Lebens überwacht. Charlottas FBI-Akte wird  schließlich 563 Seiten füllen.

Mit zwei unidentifizierten Männern 1948
In jenen Jahren kandidiert sie für einen Platz im Stadtrat von Los Angeles  unter dem Motto "Don't Fence Me In" - dem Titel eines populären Liedes aus dieser Zeit - das sie zur Verurteilung der diskriminierenden restriktiven Gesetzgebung in puncto Segregation im Wohnungsbau umfunktioniert. Charlotta ist damit eine frühe Fürsprecherin einer multiethnischen ( Stadtteil- ) Politik. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten befindet diese Regelung denn auch 1948 für verfassungswidrig. Besonders engagiert sie sich auch mit ihrem Blatt gegen die Brutalität der Polizei gegenüber Schwarzen mit Schlagzeilen auf der Titelseite wie "Trigger-Happy Cop Freed After Slaying Youth"

Weil sie, die langjährige Republikanerin und Wählerin des Demokraten Roosevelt, von beiden Parteien enttäuscht ist, denn sie lassen die Themen wie Rechte von Schwarzen & Frauen links liegen, ist sie 1947 mit dabei bei der Gründung der "Independent Progressive Party of California" ( nicht zu verwechseln mit der erfolgreicheren, 1912 von Theodore Roosevelt gegründeten ) durch  Henry A. Wallace, ein ehemaliger Demokrat, der mit der aggressiven Natur der amerikanischen Außenpolitik unzufrieden ist, und wird 1950 deren Kandidatin für den Senat. Sie hofft, dass diese Partei "ein Zuhause bieten könnte, das groß genug ist, damit Neger und Weiße, Einheimische und Ausländer, für dieselben Zwecke zusammenleben und arbeiten können - auf Augenhöhe."

In der heutigen Zeit würden viele der Ziele & Überzeugungen von Charlotta Bass und der "Progressive Party" - Bürgerrechte, organisierte Arbeit, Umleitung von Militärbudgets auf soziale Bedürfnisse, allgemeine Gesundheitsversorgung - als demokratischer Sozialismus bezeichnet, meint Anne Rapp, eine Historikerin, die eine Doktorarbeit über die Politikerin & Aktivistin geschrieben hat.

Besorgt darüber, dass all die negative Aufmerksamkeit für ihre Person der Zeitung schaden könne, verkauft Charlotta diese schließlich 1951 und zieht nach New York City, dem Hauptquartier ihrer Partei. Sie ist nun überzeugt, dass ihre Entschlossenheit, die amerikanische Gesellschaft durch Politik zu verändern, wirksamer ist als ihre 40-jährige journalistische Einflussnahme.

Mit Vincent Hallinan
1952 wird sie ersucht, auf dem Progressive Party-Ticket als Vizepräsidentin zu kandidieren. Charlotta ist nicht Vincent Hallinans erste Wahl für diesen Posten. Als Pragmatiker findet er, Hugh DeLacy, ein ehemaliger Kongressabgeordneter aus dem US-Bundesstaat Washington, wäre besser, um mehr Stimmen zu erhalten. Selbst Hallinan, ein Anwalt aus San Francisco, ist nicht die erste Wahl seiner Partei. Man hat gehofft, dass Henry A. Wallace seinen Erfolg von 1948 wiederholen würde. Aber zu diesem Zeitpunkt hat Harry S. Truman die USA in den Koreakrieg geführt, und Wallace würde sich dem von den Vereinten Nationen sanktionierten Krieg nicht widersetzen. Das passt nicht zum Programm der Partei. Vivian Hallinan, die Frau des Anwaltes und Mutter von sechs potenziellen Wehrpflichtigen, ist vehement gegen diesen Krieg, und auf ihr Drängen hin nimmt er die Nominierung seiner Partei an.

Eine frühere Begegnung mit Charlotta Bass in Washington, DC, hat Hallinan allerdings so beeindruckt und bewegt, dass er es sich überlegt, sie als Kandidatin zu akzeptieren. Als er ihr damals ein gemeinsames Mittagessen vorgeschlagen hat, erwidert sie, es sei aber ein langer Weg zum Bahnhof. "Ich dachte ehrlich, sie meinte, dass sie dort gutes Essen hatten. Aber nein, sie meinte, dass es der einzige Ort in der damals getrennten Hauptstadt war, an dem sie wusste, wo eine schwarze Frau mit einem weißen Mann in der Öffentlichkeit essen könnte. Ich konnte es nicht glauben. Es war empörend. Sie dachte, ich wüsste es und tat so, als wäre es anders."

Am 30. März 1952 betritt Charlotta Bass die Bühne, um ihre Nominierung vor rund 2.000 Delegierten in einem Auditorium auf der West Side von Chicago anzunehmen und erklärt: 

"Dies ist ein historischer Moment im politischen Leben Amerikas. Historisch für mich, für mein Volk, für alle Frauen. Zum ersten Mal in der Geschichte dieser Nation hat eine politische Partei eine Negerin für das zweithöchste Amt des Landes ausgewählt."

Die Wahl wird dem Gespann Hallinan - Bass nur 140.000 Stimmen einbringen ( das der Republikaner Dwight D. Eisenhower und Richard M. Nixon einen Erdrutschsieg gegen die Demokraten Adlai Stevenson II und John J. Sparkman einfahren ). Doch anders als 1948, als Henry A. Wallace immerhin einen Achtungserfolg erzielt hat, ist die Partei vier Jahre später völlig chancenlos, denn in der Hochphase des McCarthyismus ist es ein Leichtes, jeden Gegner des Kalten Krieges als verkappten Kommunisten zu diskreditieren. Die Partei löst sich dann auch schon 1955 wieder auf.

Aber für Charlotta Bass ist das alles nicht so wichtig. Ihr Wahlkampfslogan hat geheißen: "Gewinnen oder verlieren, wir gewinnen, indem wir die Probleme ansprechen."

"Wir sind in der Regel so sehr auf Gewinner oder Verlierer fixiert. Für Charlotta Bass war das Gewinnen nicht immer der Punkt", sagt Martha S. Jones, Historikerin  "Sie hat versucht, die politische Agenda breiter zu gestalten."

"Ich glaube nicht an das Konzept 'ihrer Zeit voraus"- ich denke, sie war pünktlich", sagte Susan D. Anderson, Historikerin und Kuratorin am California African American Museum. "Sie hatte sehr ausgefeilte Vorstellungen darüber, was die Vereinigten Staaten sein könnten."

Für Charlotta Bass ist entscheidend, dass sie, aber vor allem ihr lebenslanger Kampf für Gleichberechtigung im nationalen Rampenlicht gestanden hat. Es wird noch zwei Jahre dauern, bis die School Segregation, gegen die sie sich gewandt hat, für verfassungswidrig erklärt wird, gar mehr als ein Jahrzehnt, bis das Stimmrechtsgesetz ( "Voting Rights Act" ), das die gleiche Beteiligung von Minderheiten, besonders Afroamerikanern, bei US-Wahlen gewährleisten soll, verabschiedet wird.  

Das Haus von Charlotta Bass in LA
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Die anstrengende Kampagne verschlimmert die Arthritis der inzwischen echt alten Dame. Auf Anraten der Ärzte zieht sie sich zurück, um ihre 1960 veröffentlichten Memoiren "Vierzig Jahre: Erinnerungen aus den Seiten einer Zeitung" zu schreiben, die nur in wenigen Exemplaren in Umlauf sein wird. 

In dem damals schwarzen Ferienort Lake Elsinore, südöstlich von Los Angeles, setzt sie sich aber nicht völlig zur Ruhe, sondern öffnet die Garage ihres kleinen Hauses und macht daraus einen Lesesaal bzw. ein Gemeindezentrum zwecks Wählerregistrierung, für Protestaktionen gegen die Apartheid in Südafrika und den Kampf für zu Unrecht Gefangene. Die letzte Ausgabe des "California Eagle" erscheint im Juli 1964.

1966 erleidet Charlotta einen Schlaganfall und wird in einem Pflegeheim untergebracht. Noch 1967, in ihren Neunzigern, wird sie vom FBI als "potenziell gefährlich" überwacht. 1969 erleidet sie eine Gehirnblutung und stirbt am 12. April. Beigesetzt wird sie im Grab ihres Ehemannes auf dem Evergreen Cemetery in Los Angeles, dessen Stein nicht mal ihren Namen trägt.

"It has been a good life that I have had, through a very hard one, but I know the future will be even better, And as I think back I know that is the only ind of life: In serving one’s fellow man one serves himself best." 

Welche Haltung! Im Dezember 2017 wird Charlotta Bass in die "California Newspaper Hall of Fame" aufgenommen.  Am 4. September 2020 widmet ihr die "New York Times" in der Rubrik "Übersehen" einen Nachruf, selbstredend erst angesichts der Kandidatur von Kamala Harris...



Kommentare:

  1. Liebe Astrid, ich wollte "nur mal kurz schauen" um wen es heute geht bevor ich mit dern Schreibtischarbeit beginne. Es ist wie so oft, dann lese ich doch direkt den ganzen Artikel. Vielen Dank für Deine Recherchen und die wunderbaren Frauenportraits! Immer eine Bereicherung. Sonnige Grüße, Marion

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  2. Was für ein beeindruckendes Leben. Ich glaube, keine(r) von uns kann das Leben nachempfinden. Farbig, weibliche und sozial denkend...
    Wie kann man so eine Frau übersehen, bzw konnte sie übersehen.
    Danke für Dein Sichtbar machen.
    Liebe Grüße
    Nina

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  3. eine beeindruckende Frau
    ihre Gedanken und Ideen hätten Amerika besser machen können wenn sie sich besser durchgesetzt hätten
    aber sie hat auch so schon viel erreicht
    leider nicht genug
    der "weiße Dünkel" sitzt immer noch zu tief in den Köpfen
    danke für das Portrait

    liebe Grüße
    Rosi

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  4. Der FBI hat sie mit über neunzig Jahren nicht übersehen und im Auge behalten... tsss. Eine solche Journalistin und Politikerin hat es wirklich verdient, auch von der Öffentlichkeit nicht "übersehen" zu werden.
    Danke für das Portrait! Liebe Grüße
    Andrea

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  5. Heute morgen hatte ich schon mal kommentiert... aber heute ist unsinniger Donnerstag und der Kommentar ist weg...!
    Ich kannte Charlotta Bass überhaupt nicht und bin schwer beeindruckt von ihrem Leben und Lebenswerk.
    Was hat sie alles geleistet und gewagt. Und dann ist noch nicht mal ihr Namen auf ihrem Grab... Black lives matter?
    Schon sehr traurig, dass bis heute farbige Menschen immer noch so diskriminiert werden - auch und besonders in den USA.
    Kamala Harris wird hoffentlich daran etwas ändern(können).
    Danke, dass Du Charlotta Bass vorgestellt hast. Sie hat es wahrhaft verdient.
    Herzlichst, Sieglinde

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  6. was für eine unglaublich starke frau!! so traurig, so schade, so höchst bedauerlich, dass sie völlig "übersehen" wurde. danke, dass du sie hier ins licht der öffentlichkeit rückst. ich hoffe, viele lesen deinen beitrag.
    liebe grüße
    mano

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  7. Liebe Astrid,
    ich habe es erst jetzt -beim dritten Anlauf - geschafft, deinen wie immer tollen Beitrag über diese starke Frau zu lesen. Und musste trotz des ernsten Hintergrundes u.a. darüber lachen, dass Charlotta Bass zwar jahrzehntelang überwacht wurde, es aber trotzdem schaffte, auf einem Fotos mit "zwei unidentifizierten Männern" abgebildet zu werden. Sehr genau kann die Überwachung dann ja nicht gewesen sein ;-DDD
    Viel weniger lustig die Sache mti dem Clan, der weiterhin Zulauf hat, die Tatsache, dass man heute zwar offiziell nicht mehr "Neger" sagt, aber dass man dennoch weit von einer rassismusfreien Gesellschaft entfernt ist und dass diese Frau der Welt so gut wie nicht bekannt ist... Du hast recht - Frauen können offenbar sehr rasch in der Versenkung verschwinden. Irgend etwas läuft da noch immer komplett falsch... aber sowas von falsch...
    Liebe Grüße
    Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2021/02/ausflug-in-den-nationalpark-neusiedler.html

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  8. Liebe Astrid,
    was für eine bemerkenswerte Frau. Danke für deinen Bericht über sie. Ich frage mich gerade, wo findest du alle diese Frauen? Toll, das du sie uns vorstellst.
    LG
    Agnes

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  9. Vielen Dank für deine beeindruckenden Frauenporträts.

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  10. Wieder etwas gelernt! Was für eine Frau. So stark und entschlossen.
    Ich bin immer wieder angetan, was du so alles ausgräbst. Inzwischen weiß ich ja selber, wie viel arbeit das macht.
    Lieben Gruß
    Andrea

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Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, wenn der Ton daneben ist...

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