Mitglieder meiner Alterskohorte kennen die heutige Frau, zumindest die, die Bob Dylan hörten und seine Platten kauften, denn da zierte sie das Cover seines zweiten Studio-Albums "The Freewheelin’ Bob Dylan" von 1963 mit den berühmten Titel "Blowin’ in the Wind" und "A Hard Rain’s A-Gonna Fall". Dass Suze Rotolo so viel mehr gewesen ist als die Freundin - dafür trete ich heute hier im Blog an.
"Wir hatten etwas zu sagen
und glaubten fest daran, dass sich die Zeiten ändern würden."
Geboren wird Suze Rotolo am 20. November 1943 in New York im Brooklyn Jewish Hospital als Susan Elizabeth Rotolo. Dort konnten damals junge Kommunistinnen mit wenig Geld mit Unterstützung mitfühlender Ärzte entbinden. Und ihre Mutter Mary Teresa Pezzati ist wie ihr Mann Giachino "Pete" Pietro Rotolo eben Mitglied der Communist Party der Vereinigten Staaten. Suze ist also ein "red diaper baby", wie das damals in den USA reißerisch gestreut worden ist.
Die Eltern sind seit 1940 verheiratet und aus diesem Anlass von Greenwich Village nach Queens in eine Wohnanlage namens Sunnyside Gardens gezogen, die sie familiengerechter finden. Suze ist ihre zweite Tochter, seit 1941 ist bereits Carla Maria auf der Welt.
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Die Eltern (1940) |
Der Vater, 1914 in Bagheria auf Sizilien geboren, ist Künstler, kein sehr erfolgreicher, und jobbt daher in verschiedenen Fabriken und tritt in die dortigen Gewerkschaften ein oder gründet welche und organisiert Streiks, verliert deshalb oft seine Arbeit und wird letztendlich Gewerkschaftssekretär.
Die Mutter entstammt einer Familie aus der Emilia - Romagna, ist allerdings 1910 in Somerville, Middlesex County, Massachusetts, nordwestlich von Boston, geboren. Die Pezzatis sind schon im 19. Jahrhundert eingewandert und zunächst - Suzes Großvater Sisto Pezzati ist ein studierter Mann, ein Landvermesser - gut gestellt und darüberhinaus gebildet, man schätzt Literatur & Kunst. Mary ist das zweitjüngste Kind der Familie, aber das dritte Mädchen, dem der Name Maria gegeben worden ist, sind doch die anderen beiden Marias früh an Diphterie bzw. bei einem Unfall gestorben. Als der Großvater an Tuberkulose erkrankt, folgt der soziale Abstieg, und die Familie gerät in erdrückende Armut von Dickensschem Ausmaß, wie die Mutter Suze später erzählen wird. Mit ihrem jüngeren Bruder wendet sich Mary alsbald der Kommunistischen Partei zu. Sie entwickelt sich zu einer antifaschistischen Aktivistin, die in den 1930er Jahren in Paris damit beauftragt wird, gefälschte Dokumente für italienische Exilanten zu beschaffen.
Kurz nach einer ersten Eheschließung der Mutter 1933 ertrinkt ihr Mann im Meer, und Mary verdient anschließend ihren Lebensunterhalt als Journalistin. Während ihre Kinder mit Pete Rotolo klein sind, ist Mary Redakteurin der amerikanischen Variante der "L'Unità", was wenig Verdienst einbringt. Wenn die Lebensbedingungen mal wieder schwierig sind, werden die kleinen Mädchen den mütterlichen Verwandten in der Nähe von Boston übergeben - getrennt voneinander, was der schüchternen, sensiblen Suze mehr als schwer fällt.
Als Suze ungefähr drei Jahre alt ist, zieht die Familie in ein anderes Quartier in Queens um, Jackson Heights, bebaut mit Backstein-Reihenhäusern, besiedelt von Weißen mit katholischer oder jüdischer Religion, aber keinesfalls mit der Überzeugung ihrer Eltern. Und das während der Mc-Carthy-Ära! Diese Zeit ist, rückblickend, für Suze von Traurigkeit geprägt, denn sie passt einfach nicht in diese Welt und schafft es auch nicht dazuzugehören, auch wenn sie es wie ihre Schwester versucht hätte. Sie findet Trost in Büchern & Gedichten, zeichnet ihre eigenen Bilderbücher, greift aber auch die kulturellen Angebote auf, die ihr wohlwollende, interessante Erwachsene bieten. Auch wenn die Familie der Arbeiterklasse zugerechnet wird, ist ihr Kultur wichtig, und Suze erfährt darin ein probates Mittel des Trostes. Sie haben volle Bücherregale, einen Plattenspieler und viele Schallplatten, aber keinen Fernseher wie andere, sind nicht katholisch oder irgendwie religiös und ihre Wohnung gleicht nicht denen der Nachbarn und ihr mangelt der zeitübliche Komfort. Sie wächst dafür auf mit
Woody Guthrie,
Leadbelly und
Pete Seeger.
Suzes Gefühl des Außenseitertums wird etwas geringer, als die Familie im Haus von anderen kommunistischen Gesinnungsgenossen unterkommt. Mit deren Töchtern führt sie im Keller Theaterstücke auf, und der Vater nimmt sie 1957 sogar zur Aufführung der "West Side Story" mit an den Broadway. Nach der Grundschule besucht Suze die Bryant High School in Long Island City.
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| 1959 |
Im Februar 1958 erliegt ihr Vater, zwar Raucher, aber trotzdem für alle überraschend, einer Herzattacke, da ist das Mädchen gerade 14 Jahre alt. Die damaligen Arbeitgeber ihrer Mutter, ein Ohrenarzt & seine Frau, für die sie die Korrespondenz in Italienisch & Französisch führt, überreden die Mutter, gemeinsam mit ihnen & Suze nach Puerto Rico zu reisen. Danach hat das Mädchen den Anschluss in der Schule verloren. Ihre Mutter, in all ihrer Trauer, kann Suze nicht stützen, ist sie doch mit 47 Jahren bereits das zweite Mal Witwe geworden und spricht dem Alkohol zu. Suze sucht Zuflucht im Theaterspielen.
Ihre Schwester, bereits auf dem College, versucht, die verschlossene Jüngere unter ihre Fittiche zu nehmen und in ihren Freundeskreis einzuführen, den sie aus Familien mit ähnlicher Weltanschauung wie der eigenen rekrutiert hat.
Zu Suzes Überraschung kommt ihr die erste Party dort als Paradies vor, denn sie ist plötzlich keine Außenseiterin mehr. Sie wird in den nächsten Jahren tatsächlich selbstsicherer werden und baut sich einen eigenen Kreis auf, mit dem sie sich am Washington Square Park in Greenwich Village trifft. Sie schließt sich dort den Folkmusikern & politischen Aktivisten an, die sich in Versen und Propaganda gegen das Establishment auflehnen. Ihr Engagement in der amerikanischen Protestbewegungen beginnt 1958, als sie sich mit zehntausend anderen Schülern beim Jugendmarsch für integrierte Schulen anschließt, der von Harry Belafonte in Washington DC angeführt worden ist.
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Washington Square Park in Greenwich Village (1960) |
Auch macht sie eine Ausbildung zur Betreuerin im linksorientierten Ferienlager "
Kinderland" im Norden des Bundesstaates New York, wo sie gute Freunde findet und ebenfalls Theater spielen kann. Mit diesen Freunden engagiert sie sich bei der Bürgerrechtsbewegung "
Congress of Racial Equality" ( CORE ), protestiert vor Filialen von Woolworth, die im Süden nach Rassen getrennte Imbisse unterhalten. Auch engagiert sie sich mit ihren Freundinnen beim "
Committee for a Sane Nuclear Policy".
Nach dem Schulabschluss, mit siebzehn, fährt Suze dann ein letztes Mal mit der U-Bahn von Queens nach Greenwich Village, "
ohne zurückzublicken". Sie nimmt verschiedene Jobs an und wird Dauerkundin in Secondhand-Buchhandlungen, denn ihr Bildungshunger ist groß. Im Sommer 1961 lernt sie auf einem ganztägigen Folk-Konzert in der Riverside Church in New York den drei Jahre älteren
Bob Dylan kennen, als Musiker ein völlig unbeschriebenes Blatt aus der Provinz.
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| Bob Dylan (1961) |
"Ich konnte von Anfang an meine Augen nicht von ihr lassen", schreibt Dylan später in seinen Memoiren über ihre erste Begegnung. "Sie war das Erotischste, was ich je gesehen hatte. Sie war hellhäutig und hatte blondes Haar, eine waschechte Italienerin. Plötzlich lag der Duft von Bananenblättern in der Luft. Wir kamen ins Gespräch, und mir wurde schwindelig. (...) Sie war genau mein Typ."
Aber auch sie findet, er habe was Unglaubliches, was Besonderes:
"Bob war charismatisch: Er war wie ein Leuchtfeuer. Er war aber auch ein schwarzes Loch. Er brauchte ständige Unterstützung und Schutz, den ich ihm nicht geben konnte, wahrscheinlich weil ich ihn selbst brauchte", hat sie doch als Sechzehnjährige nach dem Tod des Vaters, dem Absturz der Mutter und dem wenig glorreichen Abschluss ihrer Schulzeit eine "neue Art der Angst" erfasst.
Es ist Suze zu verdanken, der Tochter italienischstämmiger Kommunisten, die den Kleinstädter aus dem ländlichen Minnesota, der beflügelt von Jack Kerouac und Woody Guthrie die Provinz hinter sich gelassen hat, Bekanntschaft mit fortschrittlicher Politik & der Arbeiter- und Bürgerrechtsbewegung macht. Sie fungiert auch als seine kulturelle Führerin und konfrontiert ihn mit den Malereien eines Paul Cézanne und Wassily Kandinsky. Gemeinsam schauen sie sich Picassos "
Guernica" an und gehen in François - Truffaut - Filme wie "
Schießen Sie auf den Pianisten". Und sie weiht ihn in die Werke verschiedener Dichter und Schriftsteller ein wie Antonin Artaud, Paul Verlaine, Arthur Rimbaud und besonders Bertolt Brecht. An Brecht fasziniert sie selber, dass dieser sowohl im demokratischen Kapitalismus wie im autokratischen Kommunismus zu Hause gewesen ist. Dylan hat wohl schon mal von ihm gehört, aber nichts gelesen, geschweige denn gesehen. Suze schleppt ihn ins Theater in die
"Dreigroschenoper". Als die afroamerikanische Sängerin
Micki Grant den Song der Seeräuber-Jenny darbietet, ist Dylan mucksmäuschenstill. "
Brecht wurde ein Teil von ihm", interpretiert Suze die Verwandlung
"There's no question that she became both an abstract muse and a very practical one. He has said that he would run songs past her." ( Quelle hier )
So z.B. "
The Ballad of Emmett Till", eine seiner frühen Anklagen gegen Ungerechtigkeit, nachdem Suze ihm die Geschichte eines 14-jährigen afroamerikanischen Jungen erzählt hat, der 1955 in Mississippi brutal ermordet worden ist.
Keiner von beiden hat damals einen festen Wohnsitz. Suze ist housesitter am Waverly Place, Dylan couchsurfer bei Freunden in der Innenstadt. Nach einer begeisterten Kritik in der "Times" und einem Vertrag mit Columbia Records mietet er eine Dachgeschosswohnung in einem Altbau in der West Fourth Street 161. Doch dass sie zu ihm zieht - davon halten sie rechtliche Bedenken aufgrund ihrer Jugend ab, sie ist ja noch nicht achtzehn. Dylan hingegen hat eigentlich keine Lust nach den Regeln ihrer Mutter zu leben...
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| 1962 |
Als sie es sich schließlich traut, ist ihre Mutter und ihre Schwester, ebenfalls in der Folkmusic-Szene als Assistentin von
Alan Lomax, not amused. Sie können den Sänger - er ist ein
twerp, so die Mutter - nicht ausstehen. "
For her parasite sister I had no respect", wird es später in dem Dylan-Song "
Ballad In Plain D" heißen, "
bound by her boredom, her pride to protect."
Mary, die ihre Tochter unbedingt aus Dylans Fängen bekommen will, lockt sie nicht nur mit einer Reise in ihre Heimat Italien, sondern auch mit der Möglichkeit, dort endlich richtig Kunst an der renommierten Universität von Perugia studieren zu können. Suze arbeitet inzwischen nämlich am Theater, baut Bühnenbilder und schafft Requisiten. Mary Rotolo selbst hat inzwischen zum dritten Mal geheiratet und plant mit ihrem Mann, Dr. Fred Bowes, eine Europareise, auf die Suze mitkommen soll..
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"Susanna Justine" - Foto im Studentenausweis in Perugia |
"
Ich verbrachte den Großteil der Reise wie betäubt", wird sie später dazu äußern. Auch Dylan trauert ihr in Briefen nach. Als sie ihm ein Hemd aus Italien schickt, schreibt er, dass er es zwar in ihrer Wohnung trage, aber nicht draußen, "
weil ich nicht will, dass mich jemand darin sieht, bevor du mich darin siehst." In Perugia lernt Suze den politisch aktiven Enzo Bartoccioli aus dem Borgo d'Oro, einem Arbeiterviertel der Stadt, der bei "
Buitoni Perugina", einer Lebensmittelmarke arbeitet und gleichaltrig wie Dylan ist, kennen. Letzterer entwickelt wohl heftige Eifersuchtsgefühle, denn in "
Another Side of Bob Dylan", seinem vierten Album, dichtet er:
"Ich hasste Enzo, ich hasste ihn so sehr, dass ich ihn hätte töten können. Er war schleimig und skrupellos, und nach dem, was geschehen war, war ich mir sicher, dass meine Geliebte ihm in einem fernen Land begegnet und seinetwegen länger geblieben war."
Im Dezember 1962 kommt die "
Geliebte" zurück, belesener und gebildeter denn je zuvor. So hat sie z.B.
Françoise Gilots Buch über ihr Leben im Schatten eines Genies gelesen und ist ins Nachdenken geraten:
"Ich hatte das Gefühl, ein Buch voller Offenbarungen, Lehren und Warnungen zu lesen. Obwohl Picasso viel älter war als Bob und viel mehr erlebt hatte, waren ihre Persönlichkeiten so ähnlich, dass es verblüffend war."
Doch er fliegt zu diesem Zeitpunkt zu einem Fernsehauftritt nach England - quasi ein Vorzeichen dafür, wohin die gemeinsame Reise gehen wird: Während sein "Stern" aufsteigt, wird sie die bleiben, die "dem Dichter, dem Genie, beistand. Ich kümmerte mich selbstlos um seine Bedürfnisse und Wünsche. (... ) Ich fand diese Beschreibung alles andere als schmeichelhaft", hat sie doch unterdessen ein feministisches Bewusstsein und eigene künstlerische Ambitionen entwickelt! So ungefestigt, wie man in diesem Alter nun mal ist, hat Suze darum zu kämpfen begonnen, "ich sein zu dürfen."
Außerdem: "Ich bin von Natur aus eher zurückhaltend, und mein Instinkt sagte mir, meine Privatsphäre und damit auch seine sei zu schützen." Doch das erweist sich als immer unmöglicher. "Wir verstanden uns wirklich gut, obwohl keiner von uns ein dickes Fell hatte. Wir waren beide überempfindlich und brauchten Schutz vor dem Sturm." An ihre Freundin Susan Green schreibt sie in diesen Tagen:
"Ich will nicht von Bob Dylan und seinem Ruhm mitgerissen werden. Es verändert einen Menschen komplett, wenn er bei allen und jedem bekannt ist. Sie entwickeln diese unkontrollierbare Egomanie. Ich sehe, wie es Bobby passiert. Und ich habe versucht, es ihm auf so viele Arten zu sagen, aber es ist sinnlos, wirklich. Er fängt an, mich nur noch in Bezug auf sich selbst zu lieben, wenn das Sinn ergibt."
Zwei Monate nach der Rückkehr aus Italien entsteht dann jenes ikonische Foto durch den Fotografen Don Hunstein, das sie an einem eiskalten Wintertag durch Greenwich Village in New York spazierend festhält. Das Bild, seine Intimität und Ungezwungenheit, so weit entfernt von der perfekt inszenierten Selbstdarstellung der meisten Künstler, ist die perfekte Visitenkarte. Nach der Veröffentlichung von "Freewheelin'" im Jahr 1963 mit ihm als Coverbild werden die beiden zu Prototypen für eine ganze Generation...
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"Record Time - Personal History" (1995) |
Hin- und hergerissen zwischen Dylans öffentlicher Untreue und seinen ständigen Heiratsanträgen ( "Er konnte ein Arschloch sein, wie jeder andere auch." ), will sie nicht länger die "siebte Saite auf Dylans Gitarre" sein, kündigt im August 1963 ihren Job bei einem koscheren Deli in der Avenue B in Manhattan, den sie zwischen ihren Theater-Aufträgen wahrnimmt, und zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und bei ihrer Schwester ein, weil sie "den ganzen Druck, den Klatsch, die Wahrheit und die Lügen, die das Zusammenleben mit Bob mit sich brachte, nicht mehr ertragen konnte". Sie sei "völlig durcheinander" gewesen, schreibt sie später.
Sie treffen sich allerdings weiterhin, was auch zu einer ungeplanten Schwangerschaft und einer Abtreibung führt, die damals in New York illegal gewesen ist. Es folgt eine kurze Versöhnung und ihr Zusammenbruch. Der endgültige Schlussstrich unter die vierjährige Beziehung gestaltet sich "für uns beide herzzerreißend. Er wich der Verantwortung aus. Ich habe es ihm auch nicht leicht gemacht. (...) Ich wusste, dass ich nicht zu seinem Leben passte." Danach, auch auf Anraten ihrer Schwester Klara, die findet, sie sei "besser dran ohne diesen verlogenen, betrügenden, manipulativen Kerl", schläft die Beziehung langsam ein.
Zwischenzeitlich hat sie noch landesweit für Schlagzeilen gesorgt, als sie sich gemeinsam mit vier anderen Studenten für die Reisefreiheit freier Amerikaner einsetzt und trotz eines Reiseverbots der Regierung nach Kuba fährt. Die Gruppe verbringt zwei Monate damit, Fabriken und Schulen zu besuchen und Fidel Castro und Che Guevara zu treffen. Es war ein unglaublich mutiges Unterfangen. Mit dem Anführer der Organisation, Albert, hat sie zuvor eine Beziehung begonnen.
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| 1965 |
Während sich Dylan zu einem der gefeiertsten Musiker der Welt entwickelt, probiert Suze nun ihren ganz eigenen Weg aus. Dylans Berühmtheit macht es ihr ein paar Jahre allerdings lang schwerer, sich frei zu bewegen. Sie beschäftigt sich mit Kunst, spielt Theater, arbeitet als Tonmeisterin für Leonard Bernstein, engagiert sich politisch, macht eine Therapie. Als ihre neue, eigene Wohnung ausbrennt - und mit ihr der grüne Mantel vom Album-Cover - unterstützt Dylan sie finanziell.
Auf Einladung ihrer Mutter & deren Mann reist sie mit ihrer Schwester auf einem Frachter nach Italien. Da sie auch Perugia wiedersehen will, nimmt sie Kontakt mit ihrem Freund Enzo Bartoccioli auf und verabredet ein Treffen in Neapel, wo sie von Bord des Schiffes gehen und Enzo sie für eine Woche in Perugia abholt. Sie verstehen sich auf Anhieb wieder und verabreden sich für ein Treffen in London. Zurück in New York beschäftigt Suze sich mit der Herstellung und dem Verkauf von Schmuck aus gefundenem Material & Pappmaché.
Doch das Leben in der Stadt wird rauer & gefährlicher, der Vietnamkrieg lastet auf dem Land. 1966 kann sie mit einem kleinen Erbe ihres sizilianischen Großvaters eine erneute Schiffsreise nach Italien finanzieren. 1967 heiratet sie dort Enzo Bartoccioli, inzwischen Cutter & Filmproduzent. Mit ihm bekommt die inzwischen 27jährige einen Sohn, Luca, der später ein angesehener Gitarrenbauer werden wird. Als Enzo Dokumentarfilmer bei den Vereinten Nationen wird, kehren sie nach New York zurück und lassen sich im East Village nieder. Sie bewegt sich unter dem Nachnamen ihres Mannes und verschafft sich so eine gewisse Anonymität, abseits vom Dylan- Rummel.
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| 1994 & mit ihrem Mann 2002 |
Sie will diese Erinnerung für sich behalten und ist zufrieden mit ihrem Leben als Künstlerin. "Sie hat ihre Arbeit sehr, sehr genossen", wird ihr Mann posthum erklären. Ihre Künstlerfreundinnen wissen nichts von ihrer Vergangenheit.
Zunächst arbeitet sie als Malerin & Illustratorin, dann in den 1990er Jahren verschreibt sie sich der Buchkunst ( hier sind viele weiter tolle Exemplare zu sehen ). Sie stellt die Künstlerbücher auch 1996 im Spring Studio aus, 1997 in der in der Jefferson Market New York Public Library. Außerdem unterhält sie einen Workshop für Buchkunst an der Parsons School of Design in New York City.
Ihre Arbeiten enthalten Bilder, manchmal knappe Texte, gleichen oft eher Collagen oder Mobiles. "Ich betrachte meine Kunstwerke als Reliquiare – Aufbewahrungsorte – für die Ideen, Obsessionen, persönlichen Geschichten und die Lebensphilosophie, die ich mir im Laufe der Zeit angeeignet habe", bemerkt Suze auf ihrer Website dazu.
Auch politisch bleibt sie weiterhin: Vor und nach dem Einmarsch der USA in den Irak 2003 schließt sie sich in aufwendiger, auffallender Kleidung den satirischen Protesten der "Billionaires for Bush" an.
Mit der Veröffentlichung von Dylans Memoiren "Chronicles: Volume One" im Jahr 2004 lässt Suzes Widerstand gegen die Neugier der Öffentlichkeit ein wenig nach. Sie mag seine Beschreibung von ihr bei ihrer ersten Begegnung, nennt er sie doch in einem Interview "wunderbar, großzügig". Langsam fängt sie an, ihre lebenslange Schüchternheit und Zurückhaltung in Frage zu stellen, die sie hindert, ihre Erinnerungen an diese bemerkenswerte Zeit in ihrem Leben offen zu legen.
"Wenn man älter wird, unterhält man sich mit anderen über den ersten Freund, die Jugendliebe – ich konnte bei solchen Gesprächen nie mitmachen, denn wenn ich den Namen Dylan erwähnt hätte, wäre jeder sofort erstarrt. Ich habe mich wie in einer Parallelwelt gefühlt und nur wenigen Menschen von meiner Vergangenheit erzählt", erklärt sie in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".
Ein Interview in 2005, das sie für Martin Scorseses vielgelobten Film "No Direction Home" über Dylan gibt, hilft ihr, die Angst, wie sie es ausdrückt, davor zu überwinden, "das Biest zu füttern". Ihr gefällt, wie der Film den größeren Kontext herstellt zwischen den Menschen, den Orten, der Politik jener Zeit.
Dann lernt sie eine Lektorin von Random House kennen, die ihr vorschlägt ein Buch im Stil von
Joyce Johnsons "Minor Characters" zu schreiben, einer Schilderung von Johnsons Leben als Freundin von Jack Kerouac.
Als ihr Sohn schließlich meint: "Die Leute schreiben seit Jahren eine Version von dir. Es ist Zeit, dass du die wahre Geschichte erzählst", ergibt das plötzlich für Suze einen Sinn.
Ihre Memoiren "A Freewheelin' Time: A Memoir of Greenwich Village in the Sixties" erscheinen dann am 13. Mai 2008 bei Broadway Books. Darin beschreibt sie nun selbst ihre Zeit mit Dylan und die Folk-Szene in Greenwich Village. Dieser Ära, die "eine Sprache der Neugier, des Forscherdrangs und der Rebellion gegen die erdrückende und repressive politische und soziale Kultur des vorhergehenden Jahrzehnts" geprägt hat, will sie ein Denkmal setzen. Das Buch kommt gut an.
"Sie war froh, dass sie es veröffentlicht hat, weil es die Neugier der Leute auf ihre Beziehung zu Dylan etwas befriedigt hat", konstatiert ihr Sohn nach ihrem baldigen Tod, und fügt hinzu, dass es in dem Buch "um ihr Leben geht – darum, wer sie war – und nicht nur darum, die Freundin dieses Mannes zu sein."
Bei ihr wird schließlich Lungenkrebs festgestellt. Suze Rotolo stirbt am Abend des 24. Februar 2011 im Alter von 67 Jahren in ihrem Loft in Noho (New York) in den Armen ihres Ehemannes Enzo, mit dem sie über 40 Jahre verheiratet gewesen ist. Ihre Asche wird ihrer Familie übergeben.
Ich kann gut verstehen, das Suze Rotolo diese kurze Spanne in ihrem Leben an der Seite eines hochberühmten Mannes wie "an elephant in the room of my life" empfunden und sich so gut es ging, dagegen gewappnet hat, nicht als ganz,ganz eigene Person wahrgenommen zu werden. Mir hat das Achtung & Respekt eingeflösst.
Und hier empfehle ich euch wieder ein paar andere Frauenporträts
zum Kennenlernen:
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