Donnerstag, 7. Mai 2026

Great Women #455: Toyen

Kenntnis bekommen habe ich von der geheimnisvollen Künstlerin, die ich euch heute vorstellen will, als Leserin der Zeitschrift "Brigitte" in den 1960er Jahren. Damals gestaltete der Kunsthistoriker Gottfried Sello ein Rubrik - angesiedelt auf den letzten Seiten -, in der er Frauen in der Bildenden Kunst vorstellte. Sie hat mich zum einen beeindruckt durch das veröffentlichte, surrealistische Bildbeispiel, zum anderen durch ihr Herkunftsland, dem ich familiär verbunden bin: Toyen will ich euch heute etwas näher bringen, gilt sie doch als die harausragende tschechische Künstlerin ihrer Zeit.

"Im Kinosaal des Lebens betrachte ich die Leinwand meines Gehirns."

Toyen kommt am 21. September 1902 in Smíchov, einem Arbeitervorort, heute ein Stadtteil von Prag, in der Vltavská 11 zur Welt ( heute ist in dem Gebäude ein Aparthotel ansässig ). Da heißt sie noch Marie Čermínová. Ihren Künstlernamen, abgeleitet vom Französischen citoyen ( Bürger ), wird sie sich mit 21 Jahren geben. Mit diesem neutralen Namen, aber auch mit ihrem androgynen persönlichen Stil, wird sie sich in ihrem späteren Leben jenseits gängiger Geschlechterklischees bewegen.

Toyen ist die zweite Tochter der 34jährigen Marie Jedličková und des Václav Čermin, einem Postboten. Ihre Schwester  Zdena ist sechs Jahre älter. Über ihre Eltern, ihre Kindheit und Jugend ist wenig bekannt, nur dass sie mit sechs Jahren in die Schule U Santošky in Smíchov eingeschult worden ist. Es wird außerdem kolportiert, dass sie schon als Kind den Wandputz mit schönen Köpfen verziert hat, zum Ärger der Mitbewohner. Es sieht so aus, als habe Toyen schon von kleinauf ein Talent für realistisches Zeichnen ausgezeichnet.

Obwohl sie dann ab 1922 bei ihrer mit einem Eisenbahner verheirateten Schwester gemeldet ist, die in der Dienstwohnung am Bahnhof von Smíchov lebt, behauptet Toyen gerne, nie eine Familie gehabt zu haben, um sich von ihrer Vergangenheit zu lösen. Schon mit 16 Jahren hat sie allerdings das Elternhaus verlassen - was sie letztendlich dazu bewogen hat, bleibt für immer im Dunkeln. Sie schließt sich den Anarchisten an, einer damals in der tschechischen Hauptstadt aufstrebenden Gruppe, und begeistert sich für Ideen der absoluten künstlerischen wie menschlichen Freiheit.

"Manka" - so wird sie zu diesem Zeitpunkt genannt -  schreibt sich in der privaten Malschule der der Brüder Boháč  ein, wo sie bereits mit ihrer ungewöhnlichen Farbgebung auffällt. 1919 studiert sie dann an der Hochschule für Angewandte Kunst Dekorationsmalerei bei Professor Emanuel Dítě Jr., verlässt diese aber nach sechs Monaten, um in einer Seifensiederei zu arbeiten. Sie bleibt in gewissem Sinne Autodidaktin. In ihrem Antrag auf einen Pass gibt sie aber selbstbewusst als Beruf "Malerin" an.  

1919
Malerei ist für sie ein inneres Bedürfnis, jenseits von jeglichem Ehrgeiz. Sie wird sich auch keiner Kritik beugen. Toyen sucht von jung an ein Leben jenseits der bürgerlichen Maßstäbe und schließt sich 1921 der ersten in der jungen Tschechoslowakei gegründeten kommunistischen Zelle an, was ihr auch einen polizeilichen Aktenvermerk einbringt.

Ihre erste Auslandsreise führt sie nach Dalmatien, wo sie  1922 auf der Insel Korčula den Maler, Dichter und Fotografen Jindřich Štyrský, drei Jahre älter, kennenlernt. Sie inspirieren sich gegenseitig und werden bis zu seinem Tod 1942 als Künstlerduo eng verbunden bleiben. Toyen verabscheut es, wenn spekuliert wird, dass zwischen ihnen mehr als Freundschaft bestehen könnte, gar körperliche Intimität. Zusammen mit einem weiteren Künstler - Jiří "Remo" Jelínek"-  bilden Toyen & Štyrský ein äußerst auffälliges Dreiergespann. 

Gemeinsam haben sie 1923 ihre erste Ausstellung ( auf der Toyen ihren Namen noch nicht nennen will und ihre Bilder nicht signiert ) und sie werden Mitglieder der Künstlervereinigung Devětsil, zu deutsch: Pestwurz, wörtlich übersetzt Neunkräfte. Dort lernt sie neue Freunde kennen, darunter der Kunsttheoretiker & Publizist Karel Teige und die Dichter Jaroslav Seifert & Vítězslav Nezval, die sich alle in sie verlieben. Doch Toyen betont, sie fühle sich nur zu jungen Mädchen hingezogen. 

Devětsil ist, wie in jener Zeit üblich, ein ausgesprochen männliches Projekt. Auf lange Sicht wird Toyen das einzige uneingeschränkt respektierte weibliche Mitglied der tschechischen Avantgarde der Vorkriegszeit bleiben. Sie ist Muse und doch viel mehr, spricht von sich in der männlichen Person, kleidet sich wie ein Mann und dann wieder nicht, da ist sie nicht konsequent. Sie verstößt gegen alle Konventionen. Ihr nicht ganz transparenter Balanceakt an der Grenze der Geschlechterrollen spiegelt sich, so meine ich, auf bewussten und unbewussten Ebenen allerdings deutlich in ihrem Werk wider.

Die junge Frau ist von Natur aus zurückhaltend, reserviert und trägt nicht das Herz auf der Zunge ( sie wird nie Interviews geben ). Doch wenn sie etwas sagt, hat es meist Gewicht. Ihre Rede beendet sie gerne mit den Worten: "Ich sage ja nur." Sie lässt nur wenige Menschen an sich heran, ihren Freunden gegenüber ist sie jedoch aufgeschlossen, freundlich und überaus loyal. In Gegenwart ihr vertrauter Menschen kann sie auch äußerst witzig sein.

Toyen & Štyrský lieben es zu reisen. 1923 besuchen sie Paris & Marseille, dann Italien und die Region Dubrovnik mit der Halbinsel Lapad. 1924 folgt eine weitere Italienreise und über Venedig geht es wieder nach Dubrovnik. Der deutsche Maler & Filmemacher Hans Richter ( siehe auch dieser Post ) schreibt in seinem Bericht in der Zeitschrift "G" über einen Besuch in Prag über ihre Rolle in der avantgardistischen Künstlergruppe:

© Toyen FairUse
"Er [Karel Teige] und seine Kameraden, Zeitschriften, Gruppen und Energien werden absolutistisch regiert von der schönen Toyen (... ) Wir haben allen ihren Bildern, die weder an Kraft noch Feinheit hinter denen ihrer männlichen Kollegen zurückbleiben, dieses persönliche (...) Werk vorgezogen, das sie die Freundlichkeit hatte, der Zeitschrift zur Verfügung zu stellen."

Aus dieser Zeit stammt das Werk "Serenade" links, was den Eindruck von naiver Malerei erweckt. Doch dahinter steckt eher die Vorstellung von einer proletarischen Kunst  

Nach dem Tod seines Vaters erbt Štyrský einiges an Geld, und im Dezember reisen sie gemeinsam nach Frankreich, wo sie Straßburg, die Côte d'Azur entlang bis Monte Carlo und anschließend Paris besuchen.  Gelockt hat sie nicht Picasso, nicht der aufkommende Surrealismus, sondern der bereits verstorbene Dichter Apollinaire, der in Prag viele Anhänger & Verehrer hat.

Während dieser Reise hält Toyen in einem kleinen Notizbuch Straßenszenen & ihre Kabarett- & Zirkusbesuche fest, die die Grundlage für ihre scheinbar naiven Gemälde bieten. Auch erotische Zeichnungen sind darunter. Toyen wird sich zeitlebens für Sexualität & Erotik interessieren und dabei so gar nicht den Erwartungen ihrer Zeit entsprechen ,was für ein Frauen angemessenes Verhaltens anbelangt. 

"Falaise de Basalte"
(1929)
© Toyen FairUse

In ihrem künstlerischen Schaffen während ihres ersten Aufenthalts in Frankreich beginnen sich die beiden tschechischen Maler vom verblassenden Kubismus, dem aufkommenden Surrealismus und der Abstraktion abzugrenzen und einen Wandel in ihrer Kunst anzubahnen & kreieren nach und nach ihren eigenen Stil  – den  des "poetischen Artifizialismus". Dieser gilt heute als der bedeutendste Beitrag der tschechischen Avantgarde der Zwischenkriegszeit zur europäischen Malerei. 

In den damaligen Prager Bohème- Kreisen ist der Kontakt zwischen Malern & Dichtern auffallend eng gewesen:  Karel Teige formuliert einmal, dass ein "Gedicht wie ein modernes Bild zu lesen ist. Ein modernes Bild wie ein Gedicht." Und: "Der Poetismus will aus dem Leben einen großartigen Vergnügungsbetrieb machen."

"Potápeč/Der Taucher"
(1926)
© Toyen FairUse

Artifizialismus versteht also Malerei als Bildgedicht, dem literarische und figurative Kunst fern liegen, die aber ein breites Spektrum an Maltechniken ermöglicht, von zarten, nuancierten Farben bis hin zu einem unverwechselbaren Impasto-Stil wie beim Bild "Falaise de Basalte". Ziel der Malerei soll sein, beim Betrachter eine Emotion hervorzurufen. 

Aus dieser experimentierfreudigen Zeit stammt auch das Gemälde "Der Taucher". Toyen liebt das Meer, das Schwimmen darin, aber auch das Abtauchen aus allzuviel menschlicher Gemeinschaft. Sie liebt es dennoch, Stätten der Vergnügung & Unterhaltung aufzusuchen, gerne die einfacher Volksvergnügen, aber auch erotischer Natur.

Im Herbst 1925 mietet das Künstlerduo ein Atelier im Pariser Stadtteil Montrouge und beide arbeiten als Illustratoren & Buchgestalter, stellen auf einer Avantgarde - Ausstellung aus, wo ein namhafter Sammler surrealistischer Gemälde von beiden je ein Bild kauft. Daraufhin besuchen sie die erste Surrealistenausstellung in einer Pariser Galerie. In den Folgejahren zeigen sie ihre Werke nicht nur in Prag, sondern auch bei französischen Ausstellungen, äußern sich schriftlich zu ihrer Kunstrichtung, besuchen weiterhin Nord- bzw. Südfrankreich. Auf den Reisen entsteht eine Flut von Fotografien, die alles festhalten.

Im Dezember 1927 erfolgt in Paris eine zweite Ausstellung des Künstlerduos, dessen Vorwort im Katalog der ehemalige Surrealist Philippe Soupault verfasst: 

"Odliv/Ebbe"
1927

 
"Toyens Bilder und Aquarelle trüben das kalte Wasser und die Langeweile. Wunderbare Lichter und Töne einer anderen Welt ziehen vorüber, wobei sie sich in der mit Schrecken gesalzenen Luft vermählen. Es handelt sich, wohlverstanden, nicht um Erzittern, billig wie süßliches Parfüm, es handelt sich nicht um rosa Tränen, die sentimentalen Romanzen gleichen.

Das Vorwort verschafft der Ausstellung ungeheure Resonanz. Der Artifizialismus wird zu einer wichtigen Etappe auf Toyens Weg zum Surrealismus.

Während dieser Pariser Zeit erarbeiten Toyen & Štyrský zusammen mit einem Journalisten ein Reisehandbuch für die Stadt, das im Verlag Odeon erscheint. Wie nah sie dem Alltag sind, zweigt sich auch in der Tatsache, dass sie nach ihrer Rückkehr nach Prag im Januar 1929 ein Modeatelier begründen, in dem sie Tücher, Krawatten, Dessous und weitere Textilien mit Sprühpistolen und DEKA - Farben im Stil ihrer Gemälde schaffen und kommerziell verwenden. Štyrský wird später Redakteur des Verlagsblattes des Odeon-Verlages, und beide schließen sich einer neuen Organisation linker Intellektueller an.

Links bei der Arbeit mit Štyrský mit giftigen Stofffarben,
rechts vorne Mitte bei einem Maskenball im Prager Kunstverein
Im Jahr 1930 gibt es wieder zwei Ausstellungen des Künstlerpaares und Toyens erotische Zeichnungen zu Aubrey Bardsleys  tschechischer Übersetzung von "The Story of Venus and Tannhäuser" erregen Aufsehen. Štyrský hingegen bringt eine Zeitschrift mit erotischer Lyrik, Literatur & Kunst im Privatdruck heraus. In den nächsten Jahren werden weitere erotische Werke wie die "Justine" des Marquis de Sade und "Die sündigen Klosterschwestern" von Pietro Aretino sowie das Heptaméron der Königin Margarete von Navarra und "Pybrac" von Pierre Louÿs von Toyen mit freizügigen Zeichnungen ergänzt. Ihr Gefährte publiziert einen Artikel über diese Illustrationen im Frühlingsalmanach. Die Sommer verbringen sie wieder in Frankreich und besuchen - naheliegenderweise - die Ruinen des Schlosses La Coste des Marquis de Sade. Die Fotografien davon dienen Toyen später als Inspiration für ihr Gemälde "Na Zámku La Coste" von 1946.

Von links nach rechts:
Illustration zur "Justine", Ruinen des Schlosses La Coste, "Na Zámku La Coste" 


Toyen steht dem Surrealismus, von André Breton ins Leben gerufen, zunächst skeptisch gegenüber. Breton ist der Meinung, seine wolle die Menschheit  vom übermäßig intellektuellen Zustand der Vernunft befreien und eine neue Wahrnehmungsebene eröffnen, indem er beispielsweise Bewusstsein und Unbewusstes einbezieht. Frauen haben es bei den Surrealisten genauso schwer wie in anderen Organisationen des Patriarchats. Zunächst gelingt es ihnen lediglich, als Musen oder Assistentinnen aufgenommen zu werden. Erst ab den frühen 1930er Jahren treten sie mit eigenen Werken in Erscheinung. Toyen hingegen wird es relativ schnell gelingen dazugehören. 

Eine erste Möglichkeit, einen Überblick über das Schaffen der Surrealisten zu erlangen, hat sich ihr im Oktober 1932 mit der Schau "Poesie" in Prag geboten. Noch ist sie aber mit ihren erotischen Zeichnungen ausgelastet. Schließlich schließt sich Toyen 1934 mit anderen Künstlern zur Tschechischen Surrealistengruppe in Prag zusammen.

Links mit Štyrský in der Ausstellung des Prager Kunstvereins im November 1931,
rechts "Noc v Oceánii/ Eine Nacht in Ozeanien" (1931) © Toyen FairUse

Die erste Ausstellung  tschechischer Surrealisten findet dann im Winter 1935 in Prag statt, auf der 34 Gemälde von Toyen repräsentiert sind. Breton & seine Frau Jacqueline Lamba sowie Paul Éluard kommen aber erst nach Beendigung derselben nach Prag. Éluard ist sofort in die 32jährige Malerin verliebt und schreibt ihr durchaus leidenschaftlich. Doch die favorisiert seinen Antipoden Breton. Ab 14. Juni 1935 findet ein Gegenbesuch in Paris statt, wo sich Toyen besonders vom Maler Yves Tanguy ( siehe auch dieser Post ) beeindruckt zeigt, was auf Gegenliebe stößt. Dort in Paris kommt ein erbliches Herzleiden bei Jindřich Štyrský zum Ausbruch und er erkrankt schwer. 

Links: "Růžový spektr/ Rosa Gespenst" (1934), Mitte: mit Freunden in Paris,
rechts: "Prometheus" (1934) © Toyen FairUse
Toyens "Prometheus" findet dann auch Eingang in die Internationale Surrealisten - Ausstellung im Sommer 1936 in London. Im Jahr darauf gelangen Gemälde von ihr in weitere Ausstellungen in Japan ( u.a. Tokio, Kyoto ) und nach Moskau. Dort wird ihr Werk aber von der Zensurbehörde entfernt und nur in einem Raum der internationalen Presse präsentiert. 

1938 kommt es zu einem Konflikt zwischen dem langjährigen Freund Vítězslav Nezval, der sich der Linie der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei angenähert hat und die anderen Mitglieder der Surrealistengruppe wie Toyen & Co. als Trotzkisten bezichtigt und ihre Werke als dekadent und antisowjetisch diffamiert. Die wiederum werfen ihm Stalinismus vor, weil er die Unabhängigkeit des Kunstschaffens unterbinden will. Daraufhin löst Nezval die Gruppe auf. Im Frühjahr kommt ein anderer junger Dichter, der 24jährige Jindřich Heisler, zu einem Treffen der Übriggebliebenen, der bald einen wichtigen Platz im Herzen der zwölf Jahre älteren einnehmen wird. Auch in Frankreich kommt es aus politischen Gründen zu einem Bruch unter den Surrealisten Breton & Éluard.                                                                                                                                                            
Links "Úděs/Entsetzen" (1937), rechts eine Zeichnung aus dem Zyklus "Střelnice/Schießplatz" (1939) © Toyen FairUse



Am Vorabend des Hitler - Putsches enthüllt sich bei Toyen ein Universum an Spalten und Rissen, eine Gespensterperiode beginnt. Das, was den Schrecken in "Úděs/Entsetzen" von 1937 auslöst, ist ein verletzt wirkendes Volumen und die realistisch gemalten Finger an der scharfen horizontalen Kante des Bretterzaunes. Sie lassen nichts Gutes erahnen. Toyen erlebt am März 1939 den Einmarsch der Hitlertruppen in Prag und damit den ersten Tag des Protektorats Böhmen und Mähren. Die Slowakei ist schon am Tag zuvor ein "Schutzstaat" des Deutschen Reiches geworden. Sie erhält mit Štyrský Ausstellungsverbot, und die Surrealisten müssen in den Untergrund gehen. Im Laufe des Jahres beginnt die Künstlerin einen Zyklus von Zeichnungen, dem sie den Titel "Střelnice/Schießplatz" gibt. Mit Heisler gibt sie einen Gedichtband unter dem Begriff "Kasematten" heraus.

Rechts Jindřich Heisler
Auch im Privaten sind es schwere Zeiten: Heisler, der jüdischer Herkunft ist, erhält 1941 einen Deportationsbefehl und muss untertauchen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wird er heimlich  im Badezimmer von Toyens kleiner Wohnung in Žižkov und anderen Verstecken leben und im Verborgenen arbeiten. Als die Gestapo 1942 eine Razzia im Haus durchführt, kann er wie durch ein Wunder entkommen. 

Štyrský lebt unterdessen im Prager Stadtteil Smichov, wo er mit 42 Jahren am Tag des Frühlingsanfangs 1942 stirbt. Im Angesicht seines drohenden Todes hat er schon 1936 sein größtes Bild gemalt: "Trauma zrození /Trauma der Geburt". Vor schwarzem Hintergrund sind dort unter anderem ein Embryo in der Plazenta zu sehen, ein Lederhandschuh, ein Baumstumpf, ein blutiger Sack oder auch ein Fisch, der einen anderen frisst, sowie die Fänge eines Greifvogels. Dieses Bild hängt über seinem Bett, als er stirbt. Er hat es Toyen vermacht, die es an sich nimmt, unter ihrem Bett bewahrt und später mit nach Paris nimmt. Sie gestaltet einen Grabstein, der 1944 vollendet Wird. Eine geplante Retrospektive kommt nicht mehr zustande.

Nachdem die Rote Armee in Prag im Mai 1945 eingezogen ist, knüpfen Toyen & Heisler wieder Kontakte zu den jungen Leuten einer neuen Surrealistengruppe, und sie nimmt an deren Ausstellung Ende des Jahres teil. Auch eine eigene Ausstellung im Topic-Salon in Prag, in der ihre Werke der Kriegsjahre zu sehen sind, wird unter Teilnahme des tschechoslowakischen Präsidenten Beneš eröffnet.

Da ihr Vater wie ihre Schwester im Krieg bzw. der unmittelbaren Nachkriegszeit gestorben sind, hat Toyen das Elternhaus geerbt und sie verkauft es nun. Als im Jahr 1947 der Einfluss der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei zu immer mehr Angriffen auf Künstler, die nicht auf ihre Linie zu bringen sind, führt, beschließen Toyen & Heisler das Land Richtung Paris zu verlassen. Das Geld aus dem Hausverkauf wird bei einer Bank deponiert, die es auch im Ausland auszahlen wird. Mit einem befristeten Visum machen sie sich am 21. März auf den Weg und mieten ein Atelier im Pariser Vorort Bois-Colombes. Sie unterzeichnet mit 50 anderen Surrealisten eine Erklärung, in der die Unabhängigkeit von "jeglicher politischer Partei" betont wird und die Einflussnahme der Kommunistischen Partei Frankreichs zurückgewiesen wird.

Nach dem Februarumsturz 1948 folgt die Tschechoslowakei uneingeschränkt der stalinistischen Politik der UdSSR. Als Gegnerin des Stalinismus entschließt sich Toyen jetzt, nicht mehr in ihre Heimat zurückzukehren. Es fällt ihr nicht leicht, geht sie doch auf die Fünfzig zu. Für das Paar hat es auch materielle Konsequenzen: Ihr im Land verbliebenes Eigentum wird konfisziert  und ihre wirtschaftliche Situation in Frankreich wir rapide prekär. Auch in den nächsten Jahren nimmt sie immer wieder Stellung zusammen mit ihren Surrealistenfreunden, u.a. gegen den Kalten Krieg als Vorwand für nukleare Aufrüstung.

Nach einem Sommer mit den Bretons auf der île de Sein  in der Bretagne bleibt Toyen mittellos zurück, Heisler fährt nach Paris um Geld für die ausstehenden Rechnungen zu beschaffen, lernt dort allerdings Drahomíra Rotterová, eine tschechischstämmige Schriftstellerin und ebenfalls Mitglied der Pariser Surrealistengruppe kennen, die seine neue Partnerin wird und zunächst bei ihm & Toyen in Bois-Colombes wohnen wird. Am 3. Januar 1953 erliegt Heisler mit 39 Jahren einem Herzinfarkt. Toyen meint, es sei der Krieg gewesen, der ihm das Herz gebrochen habe. Sie zieht, nach einem Sommeraufenthalt mit den Bretons in Saint-Cirq-Lapopie, in das kleine günstige Hôtel de la Paix auf der île Saint-Louis.

In Saint-Cirq-Lapopie (1952):
Toyen ganz links, daneben Drahomíra Rotterová, Heisler ganz rechts und zu seiner Linken Breton
rechtes Gemälde: "L'eau De La Solitude" (1955) © Toyen FairUse

Heisler hat noch einen Beitrag verfasst für die die erste Monografie über die Künstlerin, in der André Breton in seinem Beitrag Prag als magische Hauptstadt Europas bezeichnet. 1953 kommt sie heraus, und Toyen hat in diesem Jahr eine Einzelausstellung in der Pariser Galerie "A l’étoile scellée", gefolgt von einer weiteren 1955. Den Zyklus "Die sieben gezogenen Schwerter" nach einem gleichnamigen Gedicht von Paul Apollinaire erstellt sie 1957. Im folgenden Jahr organisiert sie die Ausstellung unter eben diesem Titel in der "Galerie Fürstenberg" in Paris. Ihre erste Retrospektive von Werken aus den Jahren 1930 bis 1959 ist 1960 in der "Galerie Raymond Cordier" in Paris zu sehen.

"Paravent"
1966
© Toyen FairUse
1966 schafft Toyen mit "Der Paravant" eines ihrer bekanntesten Werke, ein dreiteiliger Wandschirm, der auf seinen Flügeln die Konturen zweier männlicher Gestalten in schwachem Licht zeigt, in der Mitte scheint eine Frau gerade den Raum zu betreten, entzieht sich aber dem Zugriff. 

Toyen lässt keinen Zweifel daran, dass die Frau als Projektion des männlichen Wunsches zu verstehen ist. Sie ist also das abwesend-anwesende Zentrum, auf das sich das gesamte Geschehen konzentriert. Deutlich sichtbar sind nur ein Torso und Arme, die von langen Handschuhen bekleidet sind. Das ausgeblendete Gesicht findet sich auf der Höhe ihres Geschlechts, wo sich eine Raubkatze mit menschlichem Antlitz findet. Bedrohlich und schön zugleich zeigt sich die Frau - begehrtes, aber auch gefährliches Wesen.

In dem Jahr findet zum ersten Mal, seit sie das Land verlassen hat, eine Ausstellung in der Tschechoslowakei statt. Die "Galerie Morav" in Brünn organisiert eine große Retrospektive der Werke von 1921 bis 1945, als sie noch mit Štyrský kooperiert hat. Die "Galerie Mánes" in Prag übernimmt 1967 diese Ausstellung. Die Bedeutung  der Künstlerin wird in den 1960er und 1970er Jahren international wahrgenommen. 
 
Als sie 1966 mit Breton den Sommer wieder in Saint-Cirq-Lapopie verbringt, muss er mit dem Krankenwagen nach Paris gebracht werden, wo er an seiner Ateminsuffizienz stirbt. Toyen ist tief getroffen. Bretons dritte Ehefrau  Elisa bietet Toyen an, in sein Atelier in der 42 rue Fontaine im Pariser Viertel Pigalle zu ziehen ( im Jahr 2003 scheitert der Plan für ein Museum im Atelier am Desinteresse des französischen Staates ). 

Die gesamte surrealistische Gruppe löst sich nach Streitigkeiten auf, denn die Politik hat inzwischen eine große Bedeutung in der Gruppe bekommen. Durchaus ein weiterer schwerer Schlag für die Künstlerin! Sie malt immer weniger und fertigt nur noch Collagen aus Zeitungsausschnitten und Skizzen an. Hin und wieder unternimmt sie Spaziergänge auf dem Place Blanche oder dem Place Clichy, besucht aber auch Pornokinos auf dem Pigalle. 

1970er Jahre
Im Jahr 1974 erscheint eine Monografie über sie in Paris von Radovan Ivšić. Der Schriftsteller & Dramatiker ist neben seiner Lebensgefährtin, der Dichterin Annie Le Brun, einer der wenigen, zu denen Toyen noch Kontakt hält. Für die Beiden und deren Publikationen gestaltet sie immer wieder künstlerische Arbeiten.  Gemeinsam arbeiten sie an der Zeitschrift "Coupure", eine französische post-surrealistische Zeitschrift.

1975 unternimmt sie noch mit ihrem Nachbarn Guy Flandre eine einmonatige Reise durch England. Im Jahr darauf stürzt sie eine Treppe hinunter und verlässt danach kaum noch ihre Wohnung und wird von einem Freund mit Lebensmitteln versorgt. Toyen stirbt am 9. November 1980 im Alter von 78 Jahren in Paris. Sie wird auf dem Friedhof Batignolles beigesetzt, und ihre Freunde legen ihren geliebten Hut auf ihren Sarg. In der Tschechoslowakei gibt es keine offizielle Todesmeldung. Die Todesanzeige wird auf ihren Wunsch hin mit dem Ausspruch versehen: "Ich stelle fest, dass mein weißes Blatt grün geworden ist."

Zu Lebzeiten ist Toyen vor allem unter tschechischen und französischen Surrealisten ein Begriff gewesen, der breiten Öffentlichkeit aber weitgehend unbekannt. Die erste wirkliche Wahrnehmung auf breiterer Ebene stellt sich erst 1982 ein, als ihr Nachlass verkauft wird und schließlich 1,9 Millionen Franc einbringt. Zusammen mit den Werken Štyrský & Heisler werden in dem Jahr auch Werke im Centre Georges-Pompidou, Paris, gezeigt. 

Nach ihrem Tod wird der Asteroid 4691, der am 7. November 1983 von Antonín Mrkos, ein tschechischer Astronom, von der Sternwarte auf dem Berg Kleť  aus entdeckt worden ist, ihr zu Ehren Toyen benannt.

"Ebbe und Flut"
(1955)
© Toyen FairUse



Obwohl Toyen inzwischen als eine der bedeutendsten surrealistischen Malerinnen gilt, stammen die drei teuersten Werke, die je auf Auktionen von ihr verkauft worden sind, aus ihrer Zeit vor dem Surrealismus. Doch ihr Nachkriegswerk gewinnt inzwischen zunehmend an Anerkennung. Unter den zehn teuersten Werken finden sich derzeit drei Gemälde aus den 1940er- und 1950er-Jahren. 21 Gemälde der Malerin sind bereits für mehr als 10 Millionen Kronen auf tschechischen und internationalen Auktionen versteigert worden. Millionenverkäufe finden hauptsächlich an Privatleute statt.

Im Jahr 2000 hat die Prager Galerie eine Retrospektive veranstaltet, die das Werk von den frühen 1920er-Jahren bis in die 1970er-Jahre gezeigt und den Tschechen zum ersten Mal ermöglicht hat, ihr Werk in umfassender Weise kennenzulernen.

Wer neugierig geworden ist und sich noch vertrauter mit den Bildwerken dieser bedeutendsten tschechischen Künstlerin des 20. Jahrhunderts machen will, dem sei diese Website empfohlen.

                                                             

Wie immer folgen hier noch Hinweise auf andere Porträts von Frauen,
die in dieser Woche einen Gedenktag haben:




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