Als ich zur Fotografin Yva recherchiert und erfahren habe, dass der berühmte Helmut Newton ihr Schüler war, habe ich auch erst kapiert, dass die mir bekannte Fotografin Alice Springs seine Ehefrau gewesen ist und eigentlich June Newton hieß. Heute vor fünf Jahren ist sie gestorben und das war mir Grund genug, mich näher mit ihr zu beschäftigen und sie hier vorzustellen.
June Newton, die später also als Alice Springs bekannt werden wird, wird am 3. Juni 1923 im australischen Melbourne als June Browne geboren. Für ihre Mutter Alice Maude Browne und ihren Vater Thomas "Tom" Browne, "ein Sänger, ein Tänzer, ein Gaukler" in einer Minstrel- Show, dem Alkohol verfallen, ist sie das zweite Kind. Ihre Schwester Margaret "Peggy" ist schon vorher auf die Welt gekommen. Als June fünf Jahre alt ist, lassen sich die Eltern scheiden, und die Mutter nötigt das Mädchen, seinen Vater nie wiederzusehen. June kann sich folglich kaum an sein Gesicht erinnern. Wenn sie, die ihn trotz allem liebt, nach ihm gefragt wird, wird ihr beschieden, solle sie sagen, er sei tot. Im Alter wird sie sich nicht verzeihen, kein Mitgefühl für ihn gehabt zu haben. Als Schauspielerin wird sie von einem Kollegen erfahren, dass der Vater jedes Stück, in dem sie aufgetreten ist, besucht hat.
Junes Kindheit auf der Farm kann man sich größtenteils als idyllisch vorstellen, aber garniert mit seltsamen & düsteren, ja sadistischen Momenten: Die Mutter bekämpft z. B. einmal die Schlangen, die überall rund ums Haus leben, indem sie die Tiere mit der Mundharmonika zu einer Schüssel Milch lockt, wo sie von Tante Allie totgeschlagen werden. Junge Kätzchen werden in einen Sack gesteckt und ertränkt. Alles muss einen Nutzwert haben, so June. Mr. Shugg ist kein erfahrener Bauer und bezieht sein ganzes Wissen nur aus Büchern. Daher macht er immer wieder Fehler bei der Schafzucht und mit den beiden Pferden, mit denen die Mutter sich zum Markt aufmacht und die dabei wundgeritten werden.
In die Schule muss June zusammen mit ihrer Schwester vier Kilometer laufen, begleitet von einer Freundin der Schwester auf einem Pony, was sie der neidet. Nur in der Regenzeit werden sie von Mr. Shugg in seinem Auto, einem "Baby Austin", abgeholt. Ansonsten versuchen sie, sich auf Lastwagen vom Steinbruch zu schwingen oder auf das Pferdegespann des Bäckers, jedenfalls immer etwas, was Räder hat. Der Weg führt durch Maisfelder, und da der Mais höher wächst ist als die Kinder groß sind, können sie gut verborgen die Maiskolben stibitzen & genießen.
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| Links Kangaroo Ground 1930, rechts der Blick von dort auf Melbourne heute |
Kein Wunder, dass das Mädchen von Albträumen geplagt wird. Und da geht die Mutter ausgerechnet bei einem der seltenen Kinobesuche in Melbourne mit den Mädchen in "The Ghoul" mit Boris Karloff. Vier Wochen lang weckt June das Haus jede Nacht schweißgebadet vor Angst auf. Sie hasst auch die Campingausflüge mit Auto & Wohnwagen, denn ihr wird schlecht dabei. Die Erwachsenen haben aber auch kein Feingefühl für die Bedürfnisse & Probleme der Mädchen und gehen - drücke ich es mal so aus - sehr robust mit ihnen um.
Nur die Wochenenden auf der Farm findet June gorgeous: Da kommen die Mitglieder des Wanderclubs des Mr. Shugg oder andere Freunde auf den Hof. Da wird abends rund ums Feuer gesessen & gesungen, der Plattenspieler - handbetrieben - betätigt, gut gegessen und herumspaziert. Da wird aber auch kein Gedanke verschwendet an diejenigen, denen man das Land genommen hat und durch Schilder wie "Trespassers Keep Out - Private Property" die Möglichkeit nimmt, auf ihren Traumpfaden zu wandeln.
Als Mr. Shugg ernsthaft krank wird, wird die Farm an einen frisch eingewanderten Engländer verkauft, und Tante Allie erwirbt ein Haus fünfzehn Kilometer weiter in Warrandyte, ganz im Windsor-Stil eingerichtet, was June ausgesprochen gefällt. Doch schon ein Jahr später kehrt man zurück, um ein Jahr darauf wieder nach Warrandyte zu übersiedeln. Dort im Ort wird einmal pro Woche die örtliche Halle in ein Kino verwandelt, und June entwickelt sich nun zum Fan von Filmstars wie Mary Pickford oder Jean Harlow, reißt die Fotos aus den Magazinen, die Mr. Shugg durch seinen Lesezirkel erhält, und versteckt sie.
Bald steht wieder ein Umzug an, diesmal nach Box Hill, einem Vorort 14 Kilometer östlich vom Zentrum Melbournes. Dort beginnt June mit Tanzunterricht und arbeitet kurzzeitig in einer Radiofabrik und anschließend als Sekretärin in einem Bekleidungslager. Dreimal pro Woche tritt sie mit einer Gruppe von Laien- und Profischauspielern auf. Als Schauspielerin wird sie June Brunell.
"The black-out period" beginnt mit dem Kriegsausbruch in Europa und ein erneuter Umzug in einen Vorort im inneren Zirkel Melbournes steht an. Sie macht die Bekanntschaft mit einem verheirateten australischen Elite-Soldaten, der sie bedrängt, ihn zu heiraten, dann mit einem amerikanischen Marinesoldaten, der nur wenig älter als sie ist und der seine Unschuld verlieren will. Auf den folgt ein Captain der Marine, mit dem sich die Zweiundzwanzigjährige verlobt, der sie aber "vergisst", nachdem er in die Staaten zurückgerufen worden ist.
June ist 23 Jahre alt, als sie letztendlich den Mann trifft, der zum Mann ihres Lebens werden wird. Sie hat eine Freundin, die als Negativretuscheurin in einem Penthouse-Studio in Melbourne arbeitet und ihr vorschlägt, bei ihrem Chef um einen Modeljob anzufragen, denn Geld kann sie immer brauchen. Sie bekommt umgehend einen Termin und bewundert grade im Vorraum, handkolorierte Collagen von gutaussehenden jungen Mädchen an den Wänden, als ein schneidiger junger Europäer den Raum betritt: Sie hat eigentlich bei dem Namen einen älteren Mann mit Bart, erwartet. Das ist Helmut Newton, seit 1945 in Melbourne, nun als Fotograf tätig .
Helmut Newton ist am 31. Oktober 1920 als Helmut Neustädter in Berlin in eine wohlhabende jüdische Familie geboren worden. Mit zwölf Jahren hat er von seinem Vater seine erste Kamera erhalten, und ohne Schulabschluss macht er eine kurze Ausbildung zum Fotografen bei der Fotokünstlerin Yva, denn nach dem Novemberpogrom von 1938 flieht er ohne seine Eltern aus Deutschland. Über Triest gelangt er bis Singapur, wo er sich als Journalist, dann als Gigolo verdingt hat. Die drohende japanische Invasion zwingt ihn 1940 weiter nach Australien, wo er zunächst ins Internierungslager kommt und anschließend als LKW-Fahrer sein Geld in der australischen Armee verdient. Dann eröffnet er 1946 ein Fotostudio in Melbourne.
Newton fotografiert June, und die denkt, das sei alles gewesen. Der ist doch ein Mann von Welt, denkt sie, so ganz anders als ihre bisherigen Verehrer. Auch für Newton ist June ganz anders als seine zahlreichen Liebschaften, auch "wie aus einer anderen Welt", wie er später in seinen Erinnerungen schreiben wird. Hartnäckig buhlt er um die junge gutaussehende Frau. "Er rief jeden Tag an, lud mich zu Austern und Champagner in seinem Studio ein. Und wir gingen tanzen." June ist noch Jungfrau – "und möchte es eigentlich bleiben". Es bleibt beim "Eigentlich".
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| 1947 |
"Also musste Helmut die obligatorische Einweisung in den katholischen Glauben absolvieren. Glücklicherweise geriet er an einen Priester, der Amateurfotograf war. Der Katholizismus wurde in ein paar Minuten abgehakt, dann sprachen sie nur noch übers Fotografieren."
Das passiert am 13. Mai 1948 in der St. Patrick's Cathedral in Melbourne.
Und es passiert auch, was June wohl ihr ganzes gemeinsames Leben erleben wird: Er geht nach dem honeymoon kurz vor dem Frühstück auf ein Bier in einen Biergarten, trifft dort auf eine alte Freundin und kehrt erst mittags zurück. Sie ist wütend, und er haut erneut ab, um erst am späten Nachmittag zurückzukommen. Sie lernt: Er macht immer SEIN Ding.
Zunächst wohnt man in einer Pension, dann in einem Wohnheim, ganz in der Nähe des Fotoateliers, mitten in der City. Das ist in Australien überhaupt nicht üblich, man wohnt in den Vororten.
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| Als Jeanne d'Arc (1954) |
1951 tritt sie als Salome in Oscar Wildes Stück auf. 1954 kann sie die Jeanne d'Arc in Bernhard Shaws gleichnamigen Drama spielen. 1956 übernimmt sie die Rolle in "Bus Stop", die Marylin Monroe im gleichnamigen Film spielt, mit blonder Perücke auf dem Kopf und einem Foto in der Presse, das ihr jede Menge "filthy suggestions" in der Post und am Telefon einbringt.
Im gleichen Jahr wird June mit dem australischen "Erik" ( i.e. der Erik-Kuttner-Award ) als beste Theaterschauspielerin in dem Stück "The Seven Year Itch" ausgezeichnet. Dieser "Erik" wird ihr bei der Einreise nach London abgenommen, weil man sie verdächtigt, darin Drogen zu schmuggeln. Sie wird die Auszeichnung nie zurückbekommen.
Nach London bzw. Europa gehen sie gemeinsam für eineinhalb Jahre. Newton hat einen Vertrag mit der britischen "Vogue" über zwölf Monate. Für ihn ist der Aufenthalt in der britischen Hauptstadt die Hölle, für June ein Vergnügen, denn sie kann in live ausgestrahlten Dramen im BBC-Fernsehen auftreten und darüberhinaus in einer Radioserie namens "The Flying Doctor" mitwirken. Sie geraten in eine Ehekrise, denn Newton hasst alles, was das ganze Land in seiner Wirtschaftskrise ausmacht. Aber besonders hasst er, immer wieder Frauen in Twinsets mit Perlenketten und Blumenarrangements für Condé Nast zu fotografieren. Und so packen sie bereits einen Monat vor Vertragsende ihre Siebensachen in ihren Porsche, überqueren den Kanal und fahren nach Paris. Dort ist aber auch, so June, "small Jack... kitchen master". Gerade als sie selbst einen weiteren Vertrag mit der BBC für eine weitere Staffel von "The Flying Doctor" unterschrieben hat, gesteht er ihr, zwei Rückflugtickets für Melbourne gekauft zu haben.
Sie will aber ihre vertraglichen Verpflichtungen erfüllen und zieht nach London, er kauft - Überraschung! - ein kleines viktorianisches Haus im Osten Melbournes, welches er ihr bei ihrer Rückkehr mit einer großen Party vermacht. Jetzt hasst sie es, wieder in Australien zu sein. Erst als sie im australischen Fernsehen live in Theaterstücken wie "Macbeth" oder "Hedda Gabler" auftreten kann, geht es ihr wieder besser. Ihr Mann vermutet, so sein Tagebuch, dass dies die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen sei. Zwei Jahre später offenbart er ihr aber, dass er nach Paris gehen will. Wie das so ist bei diesem Paar: Sie will nicht.
Auf ihn wartet eine Festanstellung bei der französischen "Vogue" und auf beide ein Apartment im Marais, bezahlt vom Verkaufserlös des australischen Hauses, als sie dann doch 1961 anreisen. June ist klar, dass dies das Ende ihrer Karriere bedeutet. Zwar hat sie in England schon einen Namen, aber ihr ist bewusst, dass es aus sprachlichen & logistischen Gründen so nicht weitergehen kann. Ihr ist auch klar, dass bei einem Paar nicht beide gleichermaßen Künstler sein können. In ihren Augen ist er der genialere. Einmal eine Entscheidung zu seinen Gunsten getroffen, wird sie nicht mehr ins Wanken geraten. Sie weiß aber auch, der Hauptdarsteller wird allerdings derjenige sein, der den meisten Applaus bekommt. Und im Frankreich der damaligen Zeit bleibt die Ehefrau zu Hause, wenn der Mann zu sozialen Ereignissen eingeladen wird: "All this put my identity in jeopardy."
Sie rettet sich mit der Malerei, kauft sich Handbücher übers Farbenmischen oder wie man Katzen malt, sie erwirbt Leinwände, eine Box mit Ölfarben, Pinsel & Terpentin. Für ein Atelier ist im Haus oben auch Platz. Drei Jahre schafft sie Bilder, die durchaus einen Sinn für Komposition aufweisen. Darunter ist auch das ihres Vaters mit schwarz gefärbtem Gesicht auf der Straße, die zu Junes Schule führt, oder das von ihrem Pferd Darkie, das in einem angestauten Teich seinerzeit ertrunken ist. Ihr erstes Bild wird sie bis an ihr Lebensende bewahren.
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| 1970er Jahre |
1964 feuert ihn aber auch die stellvertretende Chefredakteurin der französischen Vogue, weil er die revolutionäre Kollektion von André Courrèges für das englische Modemagazin "Queen" fotografiert hat. Man wirft ihm Illoyalität und Verrat vor, doch er argumentiert, dass er keinen Exklusivvertrag habe. Erst 1969 wird er wieder in Gnaden aufgenommen und arbeitet bis 1983 für das Magazin.
1970 kommt für June eine einschneidende Wende in ihrem Leben. Sie ist jetzt 47 Jahre alt. Ihr Mann hat an der Place Vendôme einen Auftrag für ein Werbefoto für Gitanes-Zigaretten. Doch er ist durch eine Grippe ans Bett gefesselt. Da er diesen Auftrag nicht sausen lassen will, instruiert er June vorher kurz im Umgang mit der Kamera, dem Filmaterial, dem Belichtungsmesser. Die Firma hat ihr Einverständnis zu dem fliegenden Wechsel gegeben, aber nur unter der Voraussetzung, die Fotos bei Nichtgefallen zurückgeben zu können. Aber June Newton macht ihre Sache gut.
"'Gitanes' heißt im Deutschen Zigeuner. Darauf deutet in diskreter Weise der südländische Typus des Mannes hin: Schwarze Locken, dunkle Augen, ein goldener Ohrring, ein Fellmantel. Trotzdem ist er mit seinen kantigen, entschlossenen Gesichtszügen nicht effeminiert. June Newton fotografiert ihn auf der Straße, quasi en passant, die Zigarette lässig im Mundwinkel, exzellent ausgeleuchtet, in nüchternem Schwarzweiß und völlig ohne Pose. Den Mann umweht dabei eine Aura von Freiheit und Unabhängigkeit, Selbstsicherheit und Stärke, die ihn sehr attraktiv macht und sich wie selbstverständlich auf die Zigarette überträgt, die er raucht." ( Quelle hier )
Gleich danach startet sie in eine eigene Footografenkarriere. Sie bekommt durch ihren Freund José Alvarez, der eine Agentur hat, Anschlussaufträge für Pharmaprodukte. Auch vom damals gehypten Friseur Jean Louis David kommt eine Anfrage für seine neueste Kampagne. Und da es keine zwei Fotografen unter dem Namen Newton geben soll, wird bei einem brainstorming zu Tisch mit Jean Seberg ( siehe auch dieser Post ) und deren aktuellem Freund beim Tippen auf eine Karte von Australien schließlich der Ort Alice Springs als Pseudonym ausgewählt. Die nächste Anfrage für Modeaufnahmen für ein Magazin namens "Dépêche Mode" folgt sogleich. Sie fotografiert nicht nur die Modelle, sondern auch all die Menschen drumherum, mit denen sie arbeitet, während sie auf die nächste Einstellung warten.Und so kommt sie schnell mit der Szene der Foto- & Filmenthusiasten in Paris. in Kontakt.
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| Die Werbung für "Gitanas" und Jean Louis David sowie ein Porträt durch Helmut Newton (1977) |
Was immer etwas untergeht, ist die Tatsache, dass June die Gesellschaft von Menschen liebt und diese pflegt. Sie ist - im Gegensatz zu ihrem Mann, der schroff & direkt, aber auch großzügig sein kann - immer freundlich zugewandt und von erfrischender Natürlichkeit. Essen bei ihr zu Hause sind nicht selten - sie gilt als fabelhafte Köchin -, und die Gäste landen irgendwann nach einigem Alkoholgenuss im Atelier unterm Dach vor der Newton machine, die er dort installiert hat. Dort amüsieren sie sich lebhaft, posieren, grimassieren. Und nach einem Klingelton macht es "klick" und es entstehen ganz besondere Schnappschüsse, aber auch Porträts. Newton entdeckt, wie viel gelungener Junes Aufnahmen von Menschen sind im Vergleich mit ihren Modefotos und macht ihr den Vorschlag, sich darauf zu konzentrieren. Sie denkt darüber nach, auch weil sie viele schlaflose Nächte hat in Anbetracht der Tatsache, das der Wechsel des Wetters bei den shootings im Freien ihr immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Wie viel einfacher das alles ist in ihrem Studio mit Tageslicht zu Hause, regulierbar mit Reflektoren und Jalousien und vor dem grauen Papierhintergrund! Viele ihrer dort entstandenen Porträts sind inzwischen so ikonisch wie das von Robert Mapplethorpe ( siehe auch dieser Post )!
Später lernt sie, sich und ihren Kamerablick aber auch an die wechselnden Lichtsituationen anzupassen, um auch in Hotelzimmern oder Apartments fotografieren zu können. Einmal wird June von der französischen Literaturzeitschrift "Lire" gebeten, Autorenporträts zu machen, unter anderem von Toni Morrison ( siehe auch dieser Post ), die zu spät & mürrisch zum Termin kommt und schroff ausruft: "Drei Minuten, Miss Springs, nicht mehr!" Die Fotografin platziert sie vor einer reichlich abgewrackten Wand, zückt die Kamera und meint ohne aufzublicken: "Drei Minuten sind zu viel, Madame. Bei ihrem freundlichen Gesichtsausdruck reicht mir eine einzige." Das Foto kommt auf die Titelseite des Magazins. Auch von Joseph Beuys gibt es von Alice Springs eine der wenigen Aufnahmen, auf denen er mal lacht.
Ihr fünfzigstes Lebensjahr bringt allerhand Turbulenzen mit sich: Zuvor noch hat Newton, der workaholic, Raucher & Alkoholkonsument, in New York eine Herzattacke erlitten, und es hat Spitz auf Knopf gestanden. Er wird gerade in New York mit Elektroschocks behandelt, als June ein Ruf ihres Schwagers erreicht, sie solle nach Melbourne kommen, ihre Schwester läge im Sterben. Das hält sie vor Ort mit ihrer Kamera fest: "These photographs helped me to mourn her - they exorcised the pain of her death." Newton eilt anschließend zu ihr, was ihm gar nicht bekommt. Der 53jährige wird in Folge für den Rest seines Lebens auf einen Defibrillator angewiesen sein. Junes Mutter "Maudie" wird der Schwester übrigens bald folgen.
Die Liste der von Alice Springs porträtierten Künstler, Models und Designer, Mitglieder des europäischen Adels und anderen öffentlichen Personen liest sich heutzutage wie ein who's who der internationalen Kulturszene aus den vergangenen fünfzig Jahren diesseits und jenseits des Atlantik, angefangen mit Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld über Billy Wilder, Gerhard Richter, Vivienne Westwood, Olga Havlova, Graham Greene ( ihr literarischer Held ), Charlotte Rampling, Isabelle Adjani bis Martin Luther King und hin zu den Hell’s Angels. Auch wenn die meisten der von ihr Porträtierten eben zu diesem Jetset gehören, macht June keinen Unterschied zwischen den gesellschaftlichen Schichten.
"So können wir der Fotografin ein großes Kommunikationstalent und eine erstaunliche psychologische Einfühlungsgabe konstatieren, ansonsten wäre eine solche Intensität im Ausdruck der unterschiedlichen Künstlercharaktere schlicht unmöglich. Viele Künstler – wie auch andere im Rampenlicht stehende Prominente – sind bekanntlich recht eitel. Sie müssten sich eigentlich auf Sitzungen mit einem Fotografen freuen, kann er doch deren Ruhm mit einer Veröffentlichung des Porträts in einer renommierten Zeitschrift mehren. Gelegentlich kommt es aber auch zu einer Art Duell zwischen dem Fotografen und seinem Modell, wenn die Kamera zur Waffe wird. Grundsätzlich wird der schöpferische Geist beim Porträtieren in eine passive Rolle gedrängt. Und der Fotograf muss – jenseits des bloßen Dokumentierens – etwas Besonderes erschaffen, um dem allgemeingültigen und bekannten Bild des Künstlers ein möglichst klischeefreies, neues und ungewöhnliches Abbild hinzuzufügen. Alice Springs gelingt dies immer wieder neu", heißt es bei Matthias Harder auf der Seite für die Fotografin der Helmut Newton Foundation.
Ihr Mann testet währenddessen - etwa durch die Veröffentlichung seines ersten Bildbandes "White Women" 1976, der unter der Artdirektion von June gestanden hat - immer wieder gesellschaftlich-moralische Grenzen aus und definiert sie neu, verstört wie verzaubert Menschen mit seinen Visionen und Visualisierungen von Mode und Weiblichkeit. Im haftet ab da das Image des porno chic an. Alice Schwarzer wird seine "Big Nudes" nicht nur sexistisch und rassistisch, sondern auch faschistisch nennen und es wird zu einem Prozess kommen, weil die Zeitschrift "Emma" 19 Fotos unerlaubt publiziert hat, um diese Aussage zu illustrieren.
June selbst meint einmal zum Thema:
"Seine Vorstellung von Frauen ist weder grausam noch sanft, noch zärtlich, sondern ganz einfach bewundernd. Er hat die Gabe, sie immer noch schöner, noch stärker und begehrenswerter darzustellen."
Auch Sie nimmt Aktfotos auf. Die Modelle sind meist die gleichen wie bei ihrem Mann, so etwa Sirpa Lane, Pat Cleveland oder Susi Wyss. Doch arbeitet sie nicht im Auftrag des "Playboys" oder eines vergleichbaren Magazins, wie ihr Mann, sondern zunächst für sich selbst. Sie wird erst sieben Jahre später die Chance haben, zunächst einmal nur ihre Porträts in einem Buch zu publizieren. Der menschliche Aspekt in ihren Fotos beeindruckt durch Natürlichkeit, während Helmut Newton immer inszeniert, ja nahezu peinlich genau plant, und die Modelle seinen ästhetischen Ansprüchen untergeordnet sind. Eines ihrer Aktfotos wird dann erst 1985 auf dem Cover des umfangreichen Ausstellungskataloges "Das Aktfoto" einen Platz finden. Insofern treten sie nicht zueinander in Konkurrenz. Aber es gilt auch: "June war Helmuts Superkraft", so das Model Jenny Capitain, bis 1985 Newtons Stylistin. "Sie hatte alle Fäden in der Hand."
Zu Beginn des Jahres 1978 ziehen sie in ein größeres Appartement in der Rue de L'Abbé de L'Epée hinter dem Jardin du Luxembourg im 5. Arrondissement, was seine Traum location ist, aber ihre Beziehung doch arg belastet, denn sie findet dort so gar nicht "my corner". In ihrem Tagebuch hält sie sogar fest: "I hope to God we will find away to stay together an weather this period in our lives." Die von der Wohnung vorhandenen Fotos dokumentieren eine Kühle & Leere, die ich auch nicht ertragen hätte. Ende des Jahres schlägt Newton ihr vor, die Wohnung zu verkaufen.
Doch irgendwie bekommen sie die Kurve: Die tristen Pariser Winter verbringen sie jetzt in Los Angeles und ab Dezember 1981 neben Ramatuelle in Monte Carlo. an der Côte d'Azur. Dort erreicht sie die Nachricht, dass sie noch mehr Steuern zahlen sollen "für das Vergnügen, drei Monate in Paris zu leben" als bisher. Nach 24 Jahren Pariser Leben machen sie sich auf die Suche nach einer eigenen Wohnung in Monaco.
Doch nicht nur der eisige Mistral macht dem Paar, aber vor allem dem männlichen Teil desselben, in diesen Tagen zu schaffen. Als der Umzug ansteht, muss sich June in Paris einer großen Operation unterziehen. "Natürlich dachte ich an June", wird Newton später sagen, "aber vor allem dachte ich ganz egoistisch an mich selbst. Was würde aus mir werden, wenn ihr irgendwas passierte?" Ohne ihre Unterstützung driftet er in eine Depression, überlegt sogar ,das Fotografieren aufzugeben.
Schon vorher ist ihm aber klar geworden, dass er seine Frau zumindest nicht mehr als Ideengeberin braucht, nämlich bei seinem Aufenthalt in seiner Heimatstadt Berlin 1979. Damals hat er auch eine Beziehung mit der fast zwanzig Jahre jüngeren Hanna Schygulla angefangen, die ein Kind mit ihm haben will, etwas, das June mit ihm verwehrt geblieben ist. Newtons Foto von der Schauspielerin zeigt sie glamourös und selbstbewusst neben der legendären Kostümbildnerin Edith Head – ein spontan wirkendes Bild, das vermutlich wie immer präzise vorbereitet worden ist. Angesichts von Junes Wut & Verzweiflung beendet er die Liaison dann doch.
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| 2001 © dpa |
"Es herrschte Vertrautheit. Wir waren nicht unzertrennlich. Wir ließen den Wind frei zwischen Zypresse und Eiche wehen (Khalil Gibran), und es ist seltsam, dass ich dies schreibe und mich an eine große, alte Eiche auf unserem Grundstück in Ramatuelle erinnere und an eine kleine Zypresse, die wir vor dem Haus gepflanzt haben und die inzwischen höher als das Haus selbst gewachsen ist. Der Wind stört sie nicht." ( Quelle hier )
Drei Jahre später entsteht der gemeinsame Bildband "Us and Them" in einem Schweizer Verlag, begleitet von einer Ausstellungstournee durch mehrere Länder. Es ist eine Art fotografisches Tagebuch, das das Zusammenleben von Helmut und June Newton in gegenseitigen Fotografien festhält. In diesem Video sind etliche solcher Gegenüberstellungen zu sehen.
Ihre letzte Werbekampagne 2004 wird die für einen Damenrasierer: Da steht eine junge Frau im pinken Kleid vor einem Motorrad, aufgenommen in Los Angeles. Eigentlich handelt sich wieder um einen Auftrag für Helmut Newton, der aber einige Tage zuvor gestorben ist und den June nun vertritt. So schließt sich der Kreis im Leben der Fotografin Alice Springs wie er begonnen hat. Danach entstehen keine relevanten Fotografien mehr.
"Er verschwand aus meinem Leben, als er einen Herzinfarkt erlitt und mit dem Cadillac SUV, den er aus der Garage des Chateau Marmont fuhr, gegen die Mole der Marmont Lane krachte."
Am 23. Januar 2004 ist ihre fast 56 Jahre andauernde Ehe in Los Angeles also zu Ende, "wurde aus der Schattenfrau so etwas wie die Schwarzweiße Witwe", wie Ralf Hanselle im "Cicero" schreibt.
Nach seinem Tod übernimmt June von ihm das Amt der Präsidentin der Helmut Newton Foundation, aber auch die Aufgabe, den von den Newtons bereits früher initiierten und größtenteils finanzierten Umbau des ehemaligen Offizierskasinos am Bahnhof Zoologischer Garten zu einem Fotografie-Museum zu vollenden. Es gehört schon einige Willenskraft dazu, als 81jährige sich einer solchen Herausforderung in einem Land zu stellen, das einem letztendlich fremd ist. Es gelingt tatsächlich, noch im Sommer 2004 die Helmut Newton Foundation im Museum für Fotografie zu eröffnen. Als Stiftungspräsidentin wird sie zur treibenden Kraft der Entwicklung des Ausstellungskonzeptes für die Stiftung.
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| ( ca. 2014 ) |
Zum zehnjährigen Bestehen zeigt sie nochmals die legendäre Ausstellung "Us and Them", jetzt ergänzt um ihre Fotos vom verstorbenen Ehemann. Die verwitwete June wird beschrieben als eine Frau, die keine Reue und kein Bedauern kennt. Jahr für Jahr organisiert sie rund um ihren Geburtstag zwei Ausstellungen, durch die sie die Erinnerung an ihren Mann wachhält, oft unter einem Themenschwerpunkt, zu denen sie auch andere Fotografen einlädt.
Damals wird sie gefragt, warum es so wenig Frauen in der kommerziellen Fotografie gibt: "Ja, es gab und gibt ziemlich wenig Frauen in diesem Geschäft. Aber die meisten sind verdammt gut gewesen", lautet ihre Antwort. ( Einige davon habe ich hier im Blog schon porträtiert. Die Links führe ich weiter unten auf. )
Am 9. April 2021 ist June Newton aka Alice Springs aka June Brunell mit 97 Jahren in Monte Carlo gestorben. Ihre letzte Ruhestätte wird ihr auf dem Berliner Künstlerfriedhof Stubenrauchstraße in Friedenau neben ihrem Mann eingeräumt. Zu ihrem 100. Geburtstag im Juni 2023 richtet ihr die Stiftung dann eine große Retrospektive aus, die erneut den Blick auf diese Fotografin lenkt und die ein großes Echo auslöst.













Liebe Astrid,
AntwortenLöschendie Mutter von Alice/June möchte ich auch nicht als Mutter gehabt haben. Das ist ja schon grausam, der Tochter den Kontakt zum Vater zu verbieten und ihr zu sagen, sie soll ihn anderen gegenüber für tot erklären.
Auch die Erlebnisse mit den Tieren auf der Farm, das ist schon grausam in meinen Augen.
Wenn zwei Künstler sich zusammenfinden und es ehelich einigermaßen auch funktionieren soll, dann ist es vielleicht so, dass der oder die eine zurückstecken muss.
Trotz allem finde ich - natürlich als Außenstehende und nach dem Lesen deines Porträts-, dass sie es ganz gut hinbekommen haben. Vielleicht kann man nicht mehr erwarten, wenn sich 2 starke Individuen treffen und Partner sind.
Liebe Grüße,
Claudia