Donnerstag, 19. Mai 2022

Great Women #300: Gertrude Käsebier

Auf meine heutige großartige Frau bin ich gestoßen, als ich mich in den 1990er Jahren in das Thema "Native Americans" intensiv eingearbeitet und viele Kurse im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum, auch mit meiner Tochter, besucht habe. Wunderschöne, beeindruckende Aufnahmen der Sioux stammten von ihr, der Fotografin Gertrude Käsebier.

1900

Gertrude Käsebier kommt am 18. Mai 1852, also vor hundertsiebzig Jahren, als Gertrude Stanton in einer Blockhütte des damaligen Fort Des Moines ( heute Des Moines und Hauptstadt des Bundesstaates ) in Iowa zur Welt. Ihre Eltern, John W. Stanton und Muncy Boone Stanton, gehören zu den Quäkern. Gertrude ist ihr erstes Kind, es folgt noch ein Bruder, Charles. Zu Beginn des Pike's Peak Gold Rush von 1859 transportiert John W. Stanton eine Sägemühle nach Golden, Colorado, um von dem durch den Goldrausch hervorgerufenen Bauboom zu profitieren. Seine Frau mit den beiden Kindern kommt erst 1860 nach. In der Zwischenzeit ist der Vater schon zum ersten Bürgermeister von Golden gewählt worden, der damaligen Hauptstadt des Jeffersons- später Colorado -Territoriums. Da Gertrude oft das einzige Kind vor Ort gewesen ist, hat sie mit den Kindern der Einheimischen gespielt. Es scheint, dass sie in dieser Lebensphase eine Bewunderung und Wertschätzung für die Native Americans erworben hat.

Goldgräber - City
Der neu erworbene Reichtum und der soziale Status der Stantons verführt die Eltern dazu, ihrer Tochter Klavierstunden zukommen zu lassen. Doch Gertrude wehrt sich. Später bemerkt die Mutter, dass das Kind einfach verrückt nach Bildern ist, während es durch nichts zum Klavierspielen zu bewegen ist. Angeblich hat Gertrude eines der Gemälde im Besitz der Familie immer wieder durch ihre kleinen Hände, geformt zu einem Teleskop, betrachtet und sich lauthals vernehmlich selbst befragt, ob sie auch mal ein solches Bild machen könne. Auch soll sie bei anderer Gelegenheitenmit auf dem Boden verschütteten Wasser gezeichnet haben.

Der Bürgerkrieg zwingt die Familie Stanton 1864 das Colorado-Territorium Richtung Ostküste zu verlassen. Sie gehen nach Brooklyn, New York, wo der Vater weiterhin mit der Verarbeitung von Mineralien  Geschäfte macht und die Mutter eine Pension in ihrem Haus betreibt und u.a. Internatsschüler aufnimmt, um das Einkommen aufzustocken. 

Von 1868 bis 1870 besucht Gertrude das "Moravian Seminary for Women", das erste protestantische Internat für Mädchen in den USA, was als beste Schule für Frauen angesehen ist. Dort, in Bethlehem/Pennsylvania, lebt sie bei ihrer Großmutter mütterlicherseits. Gertrude gilt als unabhängiger, temperamentvoller Charakter.

1870
Source
In der mütterlichen Pension macht sie die Bekanntschaft von Eduard Käsebier, einem aus einer wohlhabenden Wiesbadener Familie stammenden Glücksucher in der Neuen Welt. Nach einer gescheiterten Liebesbeziehung heiratet Gertrude den sechs Jahre älteren Eduard an ihrem 22. Geburtstag 1874.

Die Ehe verschafft ihr finanzielle Stabilität - Eduard wird ein gefragter Importeur von Schelllack -, ein Zuhause - ab 1884 eine Farm in New Durham, New Jersey, um dort eine gesündere Umgebung für ihre Kinder zu haben-, einen Sohn, Frederick William, geboren 1875, und zwei Töchter, Gertrude Elizabeth (1878) und Hermine Mathilde (1880), aber weniger Gemeinsamkeit & Liebe, als sie sich eigentlich wünscht. Gertrudes Unabhängigkeit und ihr wacher Geist verhindern auch die Zufriedenheit mit der Aufgabe als Hausfrau. Konsequent bleibt sie dabei, Künstlerin werden zu wollen. 

Während ihrer gesamten späteren Karriere wird sie idealistische Bilder über die Mutterschaft anfertigen, aber nichts Gutes über die Ehe als Institution sagen. "If my husband has gone to Heaven, I want to go to Hell" - damit drückt sie ihr Eheunglück aus. Sie bereut die Entscheidung, die sie doch nur getroffen hat, weil sie damals unglücklich gewesen ist und ihr Eduard einen netten Antrag gemacht hat. Eduard, konservativ - traditionell und eher zurückhaltend, kann die originelle Gertrude nichts recht machen. Die Unfähigkeit der Beiden, aufeinander zuzugehen, bedingt eine beträchtliche Distanz zwischen den Eheleuten, die dazu führt - eine Scheidung wird sozial geächtet -, dass sie die meiste Zeit ab 1880 getrennt leben.

Obwohl Eduard das Interesse seiner Frau an der Kunst nicht teilt, ist er bereit eine Kunstschule zu bezahlen, als ihre Kinder älter sind. Und als Gertrude sich 1889 am Pratt Institute in Brooklyn einschreibt, um Porträtmalerei zu studieren, stimmt er zu, von ihrem Zuhause in New Jersey zurück nach Brooklyn zu ziehen. Auch bei ihren Reisen nach Europa unterstützt er sie.

Nachdem Gertrude ihr Studium 1893 abgeschlossen hat, bleibt sie für weitere zwei Jahre an der Kunsthochschule. Während dieser Zeit unternimmt sie Sommerausflüge zur Weltausstellung 1893 in Chicago und Europa und im Sommer 1894 begleitet sie Frank DuMond von der Pratt-Kunstschule zu Seminaren, die in Paris und Crécy-en-Brie in Frankreich abgehalten werden. Im Sommer 1895 nimmt sie auch ihre Kinder mit über den Atlantik, um sie mit ihrer Großmutter in Deutschland bekannt zu machen. Sie selbst absolviert dort eine Fotografielehre bei dem deutschen Chemiker Hermann Wilhelm Vogel, mit dem auch schon Alfred Stieglitz ( siehe auch dieser Post ) zusammengearbeitet hat. Während eines anschließenden Aufenthaltes in Frankreich macht sie eine für sie aufschlussreiche Entdeckung:

Eines Tages, als es zu regnerisch gewesen ist, um zum Malen en plein air zu gehen, fertigt sie im Haus als Experiment eine Langzeitbelichtung an. Das Ergebnis ist eine solch positive Überraschung, dass Gertrude glaubt, ihre Berufung gefunden zu haben. Bald darauf veröffentlicht sie Fotografien und Essays in französischen Zeitschriften.

Fotos hat sie auch schon gemacht, bevor sie an die Kunstschule gegangen ist, und die Schulbibliothek genutzt, um ihr Wissen zu erweitern und ihre Technik neben dem Studium der Malerei zu verbessern. Im Frühjahr 1894 hat Gertrude sogar zwei Fotowettbewerbe gewonnen: Ein Preis in Höhe von 50 Dollar wird ihr von "The Quarterly Illustrator" für das beste Foto verliehen. Einen zweiten Platz macht sie bei einem Wettbewerb des "New York Herald". Das hat ihr Auftrieb gegeben, und zum ersten Mal hat sie eine Karriere als Fotografin in Betracht gezogen. 

Baron de Meyer (ohne Jahr)
Die Nachricht vom schlechten Gesundheitszustand ihres Mannes treibt sie heim nach New York. Dort nun trifft sie die endgültige Entscheidung, ihre klassischen Kunstausbildung zu Gunsten der Fotografie an den Nagel zu hängen.

Seine Ärzte geben Eduard Käsebier noch ein Jahr zu leben ( es werden dann noch zwölf Jahre ). Um  das Familieneinkommen zu stabilisieren, aber auch ihre Karriere in der Fotografie voranzubringen, arbeitet Gertrude unter Samuel Lifshey im "Brooklyn Photographic Studio", um die Führung eines Studios zu erlernen. Ende  1897 eröffnete sie dann ihr eigenes Atelier. Da ist sie 45 Jahre alt. 

Um Kunden zu akquirieren, beginnt Gertrude Käsebier, ihre Fotografien auch auf Ausstellungen zu zeigen. Über 150 Bilder  präsentiert sie alleine an ihrer alten Kunstschule. 

Unbekannte
(ohne Jahr)
Und wie ihr Fotostudio reüssiert! Ihr Porträtstil wird immer beliebter, denn sie hat einen Sinn dafür, den Menschen ins Zentrum zu stellen. Sie verwendet wenige Requisiten und einfache Hintergründe, denn sie hat beim Studium der Malerei eines gelernt: Was man weglassen sollte und wie man die Dinge einfach genug hält. Auch den Wert der Komposition hat sie schätzen gelernt, davon hängt Harmonie & Emotion ab. All das übersetzt sie in die Fotografie. 

Sie bildet so einige der bekanntesten Persönlichkeiten New Yorks ab. An der Spitze einer aufstrebenden amerikanischen Bewegung für Kunstfotografie, dem Piktorialismus, positioniert, etabliert sich Gertrud Käsebier innerhalb von zwei Jahren als hochkarätiger Profi, und ihre Fotografien werden im Rahmen eines Artikels "The Pose in Portraiture" aufgeführt, der im Mai 1899 in "The Photo-Miniature", einem monatlichen Magazin, veröffentlicht wird.

Doch das bleibt nicht ihr einziges Standbein: Ihr lebenslanges Interesse an der Kultur der amerikanischen Ureinwohner bringt sie in ein Porträtprojekt von großer persönlicher Bedeutung ein. Als sie 1898 die Parade von Buffalo Bills Wild-West-Show an ihrem Studio in der Fifth Avenue in Richtung Madison Square Garden vorbeiziehen sieht, kommen Erinnerungen an ihre Kindheit in der Prärie hoch und ihre Zuneigung und ihr Respekt für die Kulturen der Ureinwohner. Sie schickt an William "Buffalo Bill" Cody eine Notiz, in der sie um einen Studiobesuch der Sioux bittet, die in der Show auftreten. Ein paar Wochen vergehen, bevor sie endlich eine positive Antwort erhält. Ihre Freundin Adele Miller hat wohl durch die Freundschaft ihrer Familie mit Buffalo Bill mitgeholfen, dass der Wunsch Gertrudes sich dann doch noch erfüllt.

Von links nach rechts: Phillip Standing Soldier, Red Horn Bull, High Heron &  Has-No-Horses
(1898)



Am 24. April 1898, einem Sonntagmorgen, empfängt eine freudig erregte Gertrude Käsebier ihre besonderen Gäste um zehn Uhr zum Tee. Sie hofft, drei oder vier der Sioux fotografieren zu können. Doch Buffalo Bill schickt ihr gleich neun Sioux-Männer wie Chief Iron Tail, High Heron, Has-No-Horses, Samuel Lone Bear, Joseph Black Fox, Red Horn Bull, Shooting Pieces, Phillip Standing Soldier und Kills-Close. Nach dem Tee folgt eine dreistündig Porträtsitzung. Sie erlebt ihre Besucher als höflich und offen. Als sie aber für die Kamera posieren, legen diese eine starke und fast undurchdringliche Zurückhaltung an den Tag. 

Von links nach rechts: Chief Iron Tail, Samuel Lone Bear, Joseph Black Fox
(1898)







Das Ereignis findet alsbald seinen journalistischen Niederschlag auf der Frauenseite der "New York Times" und um einiges später in der populären Zeitschrift "Everybody's Magazine". Der Artikel reproduziert Gertrudes Fotos, Zeichnungen für sie von den Sioux in ihrem Atelier und Auszüge aus den untereinander ausgetauschten Briefen. Die entstandenen Porträts werden in der Zeitung als Kunstwerke bezeichnet. Doch Gertrude Käsebier verschenkt die Sioux-Porträts oft nur an Personen, die ein echtes Interesse an und Wertschätzung für die Kultur der amerikanischen Ureinwohner bekunden, während sie landesweit für ihre sonstigen fotografischen Arbeiten einige der höchsten Preise erzielt.

Chief Flying Hawk
(1898)
Seit den Anfängen der Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Dokumentation über die verschwindenden Stämme der Ureinwohner eine amerikanische Spezialität.  Edward Curtis z.B. versucht zur gleichen Zeit eine vollständige Dokumentation im Rahmen eines mehrbändigen Buchprojektes zu erstellen und trägt damit zur Romantisierung der amerikanischen Ureinwohner und ihrer Kultur bei. 

Käsebier hingegen verfolgt ein ganz anderes Ziel: Sie pflegt ihr ganz persönliches Interesse an einer Gruppe von Sioux, die mit Buffalo Bills Truppe unterwegs sind und jedes Jahr sechs Monate lang einen drastisch anderen Lebensstil führen als die meisten ihres Stammes. Die mit der Show reisenden Indianer tragen traditionelle Kleidung, die im Reservat verboten ist. Die, die nicht in Buffalo Bills Show auftreten und im Reservat leben müssen, treten nicht vor eine Kamera, so verarmt, besiegt, hungrig, aus missionarischen Spendenboxen bekleidet, wie sie es sind. 

Dass Gertrude bestrebt ist, den individuellen Charakter des einzelnen Menschen abzubilden, zeigt zweifelsfrei so ein Foto wie das von Chief Flying Hawk. ( Weitere Fotos sind auf dieser Seite zu finden. )

Nachdem sie mit ihren Aufnahmen immer mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt ist, sucht Gertrude die Freundschaft mit Alfred Stieglitz und nimmt Kontakt mit ihm auf, um ihrem Schaffen eine neue Richtung zu geben. Die beiden freunden sich schnell an, teilen sie doch die Ansicht, dass Fotografie eine Form des künstlerischen Ausdrucks ist. Sie arbeiten auch mit ähnlichen Verfahren, um einen solchen künstlerischen Ausdruck zu erzielen. Stieglitz fördert seine Kollegin durch seine Publikationen in den "Camera Notes" und organisiert Einzelausstellungen für sie im "Camera Club of New York", dem Gertrude bald angehört.

Gertrude wiederum scheint ein Händchen zu haben für die Zusammenarbeit mit dem als notorisch schwierig geltenden Stieglitz, vertraut auf ihr eigenes künstlerisches Talent, appelliert an ihre gemeinsame deutsche fotografische Ausbildung und teilt mit ihm den starken Ehrgeiz, als ernsthafte Künstler anerkannt zu werden. Bis ca. 1912 wird der enge Kontakt andauern.

Gertrude Käsebier by Samuel H. Lifshey (1900)
Alfred Stieglitz by Gertrude Käsebier (1902)
Über Stieglitz lernt sie den um 27 Jahre jüngeren, aus Luxemburg gebürtigen Edward Steichen kennen, mit dem sie 1901 nach Paris reist, wo ihre berühmten Aufnahmen vom Bildhauer Auguste Rodin ( siehe auch dieser Post ) entstehen. 

Die Reise ist Folge einer Krise, ausgelöst durch die Anstrengung, Berufsleben mit Privatleben unter einen Hut zu bringen. Zudem verschärft wird ihre Belastung durch die Entscheidung ihres Mannes, ihr Haus zu verkaufen und nach Oceanside, Long Island, zu ziehen, was dazu führt, dass auch Gertrude sich vom künstlerischen Zentrum in New York wegbewegt.

Welch Renommée sie als Fotografin inzwischen hat, wird deutlich, als Alfred Stieglitz sie 1902 neben knapp einem Dutzend weiterer internationaler Größen der Fotografie als Gründungsmitglied der "Photo-Secession" einlädt. Stieglitz ist zwar der Anführer der Gruppe, aber er braucht auch die  Unterstützung von Leuten wie Käsebier, Edward Steichen, Clarence H. White und anderen. Die Gruppe eröffnet die avantgardistische "Galerie 291" und beginnt mit der Publikation von "Camera Work". Die erste Ausgabe enthält sechs Illustrationen und zwei Artikel von Gertrude. 

Selbstporträt (1905)

1905 ist Gertrude Käsebiers Gesundheit erneut angeschlagen, und Spannungen zwischen ihr und Stieglitz über die Kunstzeitschrift beginnen sich zu entwickeln. Auch kann der puristische Stieglitz ihren Wunsch, ihren Lebensunterhalt mit der Fotografie zu verdienen, getrieben von ihrem Bedürfnis, ihren Mann und ihre Familie zu unterstützen, immer weniger akzeptieren, steht das doch im Widerspruch zu seinen idealistischen & antimaterialistischen Anschauungen. Obwohl sie noch einige Jahre mit der "Photo-Secession" verbunden bleibt, beginnt die Freundschaft mit Stieglitz langsam zu erodieren. 

Im Mai 1906 tritt die Fotografin den "Professional Photographers of New York" bei, einer neu gegründeten Organisation, die in Stieglitz' Augen für all das steht, was ihm zuwider ist: Kommerzialisierung und der Verkauf von Fotografien zu kommerziellen Zwecken und nicht aus Liebe zur Kunst. 

In den Jahren 1908 bis 1912 ändert sich noch mehr in Gertrudes Leben als ihre Beziehung zu Stieglitz: Ihr Ehemann stirbt am 17. Dezember 1909 und ihre Mutter, die ihr den Haushalt geführt hat, im August des darauffolgenden Jahres. Sie selbst tritt offiziell aus der "Photo-Secession" aus und verlässt auch "The Linked Ring", eine weitere Fotografenvereinigung. In diese hoch angesehene britische Institution ist sie 1900 als erste Frau berufen worden. 

Clarence Hudson White
(1910)
Die Fotografin könnte vom ererbten Vermögen ihres Mannes leben, aber ihre Karriere ist ihr Leben. Außerdem engagiert sie sich auf dem Gebiet, Fotografie als mögliche Erwerbsquelle für Frauen zu installieren. Sie baut dementsprechend die "Women's Professional Photographers Association of America" mit auf. 

Im Gegenzug beginnt Stieglitz ihre zeitgenössischen Arbeiten stark zu kritisieren. Ein besonderer Schlag erfolgt im Jahr darauf, als ihr einstiger Bewunderer Joseph T. Keiley in der "Camera Work" eine besonders harsche Kritik über ihre Arbeit veröffentlicht. Gertrude vermutet natürlich, dass ihn Stieglitz dazu gebracht hat.

Ob es Rache ist oder nicht: 1916 unterstützt Gertrude Clarence H. White, wie sie "Photo-Secession"-Mitbegründer, bei der Etablierung der Gruppe "Pictorial Photographers of America", was von Stieglitz als Angriff auf seine künstlerische Führungsposition angesehen wird.

Ab 1914 installiert sie Privatwohnung und Atelier unter einem Dach in der West 71st Street in New York. Während ihrer gesamten Karriere interessiert sie neben den Porträts die Darstellung der Mutterschaft. Fotos aus diesem Themenkomplex gehören mit zu den bekanntesten Werken der Fotografin, die bis heute gerne reproduziert werden, darunter "The Manger" von 1901, das damals mit hundert Dollar honoriert worden ist - zu jener Zeit der höchste Preis, der jemals für ein Foto bezahlt worden ist! ( Mich persönlich vermag es nicht wirklich anzusprechen.)

Gegenüber der "New York Times" erklärt sie 1913 in einem Interview ihre Motive für dieses Sujet: 
The Manger
"Nachdem meine Babys geboren waren, war ich entschlossen, den Umgang mit dem Pinsel zu lernen. Ich wollte ihre hübschen kleinen Gesichter auf eine Weise erhalten, die auch mein Ausdruck sein sollte, also ging ich auf eine Kunstschule; zwei oder drei von ihnen, in der Tat. Aber die Kunst ist lang und die Kindheit vergänglich, stellte ich bald fest, und die Kinder verloren ihre Babygesichter, bevor ich lernte, Porträts zu malen, also wählte ich ein schnelleres Medium.“

Gertrude als Anhängerin der Theorien des Friedrich Fröbel und seiner Konzepte von Mutterschaft und kindlicher Entwicklung lässt sich in ihren Fotos auch von diesen Anschauungen inspirieren.

Um 1925 lässt ihr Augenlicht nach, und sie nimmt ihre jüngste Tochter Hermine Turner als Mitarbeiterin im Atelier auf. 1929 muss sie es ganz schließen. Dreißig Jahre hat sie da als kommerzielle Porträtfotografin für einflussreiche Amerikaner und Europäer – Staatsmänner, Prominente, Industrielle, Künstler und Autoren - hinter sich. Nach ihrem Rückzug aus dem aktiven Geschäft veranstaltet das Brooklyn Institute noch eine Retrospektive ihres fotografischen Werkes. 

Zu diesem Zeitpunkt ist sie fast vollständig taub. Als junges Mädchen hat sie schon auf einem Ohr ihr Gehör verloren, und das andere ist von so vielen Jahren der Anstrengung geschwächt. 

Am 12. Oktober 1934 stirbt Gertrude Käsebier im Alter von 83 Jahren zu Hause bei ihrer Tochter Hermine in New York City an Altersschwäche. 

Ihre Karriere in der Fotografie kann als Initialzündung für viele Fotografinnen ihrer Zeit angesehen werden, sich professionell der Fotografie zu widmen statt es nur als Hobby zu betreiben:
"Ich rate künstlerisch veranlagten Frauen ernsthaft, sich für das noch unbearbeitete Gebiet der modernen Fotografie auszubilden. Es scheint für sie besonders geeignet zu sein und die wenigen, die es betreten haben, ernteten erfreulichen und profitablen Erfolg."

Dem Ratschlag sind viele Frauen gefolgt. Allein unter meinen dreihundert Great-Women-Porträts befinden sich sieben von Fotografinnen: Diane Arbus, Käthe Augenstein, Lotte Jacobi, Vivian Maier, Lee Miller, Tina Modotti und Lucia Moholy. Und das werden sicher nicht die letzten sein.



 

8 Kommentare:

  1. Durch meinen Vater habe ich schon frühe Fotografieren und die Kunst der Fotografie kennengelernt. Aber das war natürlich bevor man Fotos jederzeit und in unglaublicher Menge produzieren konnte.
    Kaum einer kann sich noch vorstellen, wie aufwendig es für diese Frau gewesen sein muss. Um so wunderbarer, dass sie auch Anerkennung bekam. Trotz vieler Widrigkeiten und immer wieder Kampf gegen männliche Institutionen. Erstaunlich auch, dass trotz der unglaublichen Ehe der Mann sie unterstützt hat. Ihre Indianer Portraits sind ja sehr berühmte Fotos geworden.
    Danke Dir
    Liebe Grüße
    Nina

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  2. Sehr berührend, wie ihre Kindheitserlebnisse sie geprägt haben. Mit was für einem Engagement und Feuer sie ihre Träume verwirklicht hat. Auch dass ihr Mann sie weiterhin unterstützt hat, ist für diese Zeit bestimmt eine Ausnahme gewesen. Die Fotos von den "Native Americans" sind sehr beeindruckend, finde ich.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  3. So beeindruckend ihre Fotos! Und auch ihr Lebenslauf. Zu einer Zeit als Frauen ganz im Schatten der/ihrer Männer waren.
    Dass sie von der Malerei herkommt, spürt man sofort. Einfach und großartig sind ihre Fotos angelegt. Und von großem Respekt für das "Objekt".
    (Gabriele Münter hat ja einen umgekehrten Weg gemacht. Sie hat als junge Frau viel fotografiert und dann mit der Malerei so richtig losgelegt.)
    Stieglitz ist mir auf einer Ausstellung von Georga O'Keeffe mal begegnet und vielleicht haben sie sich ja auch einmal kennengelernt.
    Man muss sich mal vorstellen, dass Gertrude Käsebier 1852 geboren ist. Was für eine moderne Frau!
    Ich bin beeindruckt!
    Herzlichen Danke für das Portrait sagt Sieglinde

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    1. Begegnet sind sich O'Keeffe und die Käsebier wohl nicht, denn erstere ist erst während de Krieges mit Stieglitz in Kontakt gekommen und in der Galerie 291 ausgestellt worden. Da war Gertrude schon länger (spätestens 1912) auf Distanz.
      LG

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  4. während ich die portraits der sioux schon öfter mal gesehen habe, ist mir der name gertrude käsebier noch nie aufgefallen. mal wieder typisch...
    danke für den ausführlichen beitrag, ich habe ihn mit spannung und interesse gelesen.
    liebe grüße
    mano

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  5. très intéressant * j'était auj. à deux expos de photos et ton portrait de Gertrude Käsebier me conforte dans l'idée que c'est la technique avec aussi le cœur qui permettent des images et des portraits emprunts de vérité *
    merci
    mo

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  6. ein sehr interessanter Lebenslauf
    eine Frau als professionelle Fotografin war ja damals nicht alltäglich
    doch sie erfüllt sich ihre Träume ..
    und ist damit auch wieder Vorbild für andere Frauen
    danke für das wieder sehr ausfürliche Portrait

    liebe Grüße
    Rosi

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  7. Eine ausserordentliche Frau, Fotografin, Künstlerin, ich bin beeindruckt, die Sioux Portraits haben eine so starke Ausstrahlung. Danke für die ausführliche Recherche! Liebe Grüße, Eva

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