Donnerstag, 15. März 2018

Great Women # 134: Sylvia Beach


Als Paris- Liebhaberin kommt man um sie irgendwann nicht herum, um diese großartigen Frauen, die zwischen den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts in der französischen Hauptstadt abseits von den bürgerlichen Normen der Zeit ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben erprobten, familien- und kinderfrei, ihren Lebensunterhalt selbst verdienend. Gertrude Stein habe ich hier schon vorgestelltPeggy Guggenheim an dieser Stelle. Heute porträtiere ich eine dritte, die gestern 131 Jahre alt geworden wäre: Sylvia Beach, deren Buchhandlung"
Shakespeare and Company" in Paris Anlaufpunkt für Schriftsteller aus aller Welt gewesen ist. 

2011
Source: Wikipedia

Sylvia Beach kommt am 14. März 1887 als Nancy Woodridge Beach im Pfarrhaus von Baltimore, Maryland zur Welt. Ihr Vater, Sylvester Beach, ist ein Pastor, und auch ihre Mutter, Eleanor Thomaine Orbison, stammt aus einer Familie, die als Missionare in Indien gewesen sind. Sylvia hat eine ältere und eine jüngere Schwester. Sie wächst zunächst in Baltimore, später in Bridgeton, New Jersey auf. Als sie vier Jahre alt ist, wird ihr Vater zum stellvertretenden Pfarrer der Amerikanischen Kirche in Paris und Direktor des amerikanischen Studentenzentrums ernannt. Ab da verbringt sie die nächsten fünf Jahre ihrer Kindheit in Europa. Als ihr Vater Minister der First Presbyterian Church of Princeton wird, kehrt sie mit der Familie nach New Jersey zurück. Schon als Kind ist sie eine Bibliophile und träumt von der Eröffnung einer eigenen Buchhandlung in New York oder London.

Sylvia wird vor allem zu Hause unterrichtet und besucht kein College: "Je weniger über meine Ausbildung gesagt wird, umso besser. Ich hatte nämlich keine: bin nie zur Schule gegangen und hätte eh' nichts gelernt, auch wenn ich hingegangen wäre."

Sylvia Beach in ihrer
Zeit als Landarbeiterin
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Europa lernt sie während des Ersten Weltkriegs auf ganz besondere Weise kennen: als Landarbeiterin in Spanien & Frankreich, im Ersatz für die in den Krieg verwickelten Männer. Dabei erregt sie Aufsehen mit ihren kurzen Haaren und dem Tragen von Hosen. 1917 kommt die umtriebige Sylvia, die auch die Frauenstimmrechtsbewegung in Italien unterstützt, wieder in die französische Hauptstadt, in der sie sich auch immer ein bisschen zu Hause gefühlt hat. Dann wird sie als Rot - Kreuz - Freiwillige nach Serbien geschickt -  ganz schön mutig, denn die Zeiten sind hart: Über einen frühlingshaften Tag in Belgrad schreibt sie zum Beispiel in einem Brief nach Hause, dass er von der "bomby" Luft ruiniert worden sei. Durch ihre Erfahrungen beim Roten Kreuz wird sie zu einer entschiedenen Feministin, denn Frauen haben bei den Entscheidungen des Roten Kreuzes keine Mitsprache und werden im Allgemeinen gering geschätzt.

Zwei Jahre später geht sie nach Paris zurück und hat vor, die französische Literatur direkt an der "Quelle“ zu studieren.

Aber es kommt alles ganz anders und sie wird auf den großen Lesesaal der französischen Nationalbibliothek verzichten und trotzdem auf dem linken Seineufer, auch ohne Sorbonne und College de France, die wichtigsten Vertreter der damaligen Gegenwartsliteratur kennenlernen...

Adrienne Monnier vor ihrer Buchhandlung
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Aber gehen wir in der Zeit etwas zurück und treffen erst einmal eine andere Frau, ohne die wahrscheinlich das Leben der Sylvia Beach anders verlaufen wäre: Adrienne Monnier.

Die hat sich mit 23 Jahren ihren Kindheitstraum von einer Buchhandlung erfüllt und einen Laden in der Rue de l'Odéon im 6. Arrondissement am linken Seineufer eröffnet. Das "La Maison des Amis des Livres" bietet nur Bücher an, die Adrienne vorher selbst gelesen und für gut befunden hat, und wird bald zum Dreh- und Angelpunkt der avantgardistischen französischen Literatur, ja zu einem Salon für viele berühmte Schriftsteller oder solche, die es werden sollen.

Sylvia hat die selbstsichere, jüngere Adrienne schon 1917 kennengelernt. Nun bringt sie ihr aus dem Krieg ein Feuerzeug mit eingravierter persönlicher Widmung mit. Sie scheint mit ihrem Charme Eindruck gemacht zu haben, denn Adrienne schreibt später:
"Die junge Amerikanerin hatte eine originelle und ausgesprochen gewinnende Persönlichkeit. Sie sprach fließend Französisch und ...sprach die Wörter nachdrücklich und prägnant aus... Um es auf den Punkt zu bringen, diese junge Amerikanerin besaß eine Menge Humor, ja mehr als das: Sie war der Humor in Person."
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Es entsteht eine innige, lebenslange Freundschaft und eine berufliche Synergienbildung ohnegleichen.
Adrienne bringt ihre umfassende Bildung, ihr Interesse am Schreiben - sie veröffentlicht eigene Lyrik- und Prosasammlungen und schreibt für Zeitschriften - und ihre Autorität in der französischen Literatur ein. Sylvia hingegen hat ein instinktives Gespür für literarisches Talent, kann sich auf Kunden & Schriftsteller gleich gut einstellen und ist eine einfühlsame Ratgeberin.

Als ihre Mutter sie bittet, nach Princeton zurückzukehren, schreibt Sylvia ihr in einem Telegramm: "Eröffne eine Buchhandlung in Paris. Bitte schicke Geld." Und tatsächlich  sendet die Mutter, obwohl nicht wohlhabend, den gewünschten Betrag.

1919
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An einem Montagmorgen im November 1919 kann Sylvia tatsächlich ein kleines hölzernes Schild mit dem Bildnis des "Barden von Avon" über die Tür eines kleinen Ladenlokals in der Rue Dupuytren 8 hängen, dort die Fensterläden öffnen und die Geschichte von "Shakespeare and Company" zu schreiben beginnen. Die öden Räumlichkeiten hat sie zuvor in eine warme und einladende Umgebung mit antiken Möbeln vom Flohmarkt und mit Tuch bekleideten Wänden verwandelt, von einem Holzofen beheizt.

War es doch zuerst nur eine spontane Eingebung, die Buchhandlung zu eröffnen, dauert es nicht lange, bis "Shakespeare and Company" zu einem literarischen Treffpunkt wird - der große Engländer scheint "mit gütigen Augen das Unternehmen zu behüten."

Da in jenen Tagen die Zensur die Meinungsfreiheit in Amerika einschränkt, zieht die gut sortierte Buchhandlung in Paris all jene an, die den großen Teich überquert haben, amerikanische Touristen, aber auch die Exilanten in der amerikanischen Kolonie am linken Ufer der Seine damals.

Doch auch für die einheimischen Literaten wird die Buchhandlung ein Bezugspunkt -  Adrienne Monnier hilft, Werbung zu machen. Es kommen André Gide, Georges Duhamel, Jules Romains und Valery Larbaud, alles prominente französische Schriftsteller. Kurz nachdem Ezra Pound 1920 nach Paris gezogen ist, sucht er "Shakespeare and Company" auf, schlendert in das Ladenlokal, überblickt kurz die Räumlichkeiten und fragt "Miss Beach", ob er etwas für sie reparieren könne. Sein Fachwissen darf er sogleich an einer Zigarrenschachtel aus Sarajevo und einem wackeligen Stuhl anwenden... Bald kommt auch Man Ray vorbei, dessen Fotografien die Seiten der Bücherregale zieren werden.

Sylvia Beach mit Ernest Hemingway
und zwei Mitarbeiterinnen
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Zwei Jahre später zieht Sylvia mit ihrer amerikanischen Buchhandlung in die Rue de l’Odéon Nr. 12, der Buchhandlung ihrer Lebensgefährtin gegenüber, ganz in der Nähe der gemeinsamen Wohnung - Odéonia, das Land der Bücher ist geschaffen, denn die "schwesterlichen" Buchhandlungen werden nun zu einem wichtigen kulturellen Zentrum Europas. Sie bilden einen hybriden Raum, zwischen einem offenen Café und einem in sich gekehrten literarischen Salon. Schriftsteller aus aller Welt treffen sich dort, holen ihre Briefe ab, lesen die neuesten Ausgaben der literarischen Zeitschriften. Der Buchladen gibt den britischen und amerikanischen Reisenden jenes Maß an Stabilität, das die Stadt ihnen nicht bieten kann. Die Post, die eine ganze Reihe von ihnen an "Shakespeare and Company" - für einige Autoren ihre einzige zuverlässige Adresse - schicken lassen, werden in einer Schachtel, alphabetisch sortiert, aufbewahrt. Die "verlorene Generation" hat ein Zuhause. Veranstaltet werden auch Dichterlesungen, gelegentlich Nachmittagstees, Konzerte oder Fotoausstellungen.

Sylvia scheint eine "perfekte Botschafterin" ihres Heimatlandes gewesen zu sein. Sie bringt alle zusammen, egal, ob berühmt oder nicht. Sie nimmt zum Beispiel den dato gänzlich unbekannten Sportkorrespondenten der kanadischen Zeitung "Toronto Star" und Möchtegern - Schriftsteller Ernest Hemingway unter ihre Fittiche. Adrienne sagt diesem seinen literarischen Erfolg voraus. Sylvia hingegen setzt auf einen ganz anderen:

Sylvia Beach und James Joyce
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1920 trifft Sylvia auf einer Abendgesellschaft bei französischen Dichter André Spire, die sie mit Adrienne besucht auf James Joyce, der mit Ezra Pound gekommen ist. "Ist das der große James Joyce?",  fragt sie ehrfürchtig, als sie ihn in der Bibliothek zwischen zwei Bücherschränken sitzen sieht.  "James Joyce", antwortet der lapidar und gibt ihr seine "schlaffe, knochenlose" Hand ( Sylvia Beach ). 
Das Abendessen soll eine Willkommensparty für Joyce sein, der gerade in der Stadt angekommen ist ( und die er in den nächsten 20 Jahren als Heimat bezeichnen wird ). Der Umzug ist ungeplant gewesen. Ezra Pound hat ihn überzeugen können, als sich die beiden Männer einen Monat zuvor zum ersten Mal in Italien  begegnet sind. Pound erkennt die Sensibilität des Autors unter der streitsüchtigen irischen Hülle und drängt ihn, ins dem Zentrum der Moderne zu wechseln.
Als sie ihm von ihrem Buchladen erzählt, zückt er ein kleines Notizbuch aus der Tasche und hält es dicht an seine Augen, damit er die Adresse aufschreiben kann. Sylvia findet es herzzerreißend...

Schon am nächsten Tag betritt Joyce "Shakespeare und Company" in einem dunkelblauen Sergeanzug und einem schwarzen Filzhut, aber schmutzigen Segeltuchschuhen. Er schlendert zu den Fotos von Oscar Wilde und Walt Whitman an den Wänden. Und während sich Sylvia noch fragt, was  er von ihrem kleinen Buchladen halten möge, setzt er sich in einen Sessel und fragt nach einem einmonatlichen Abonnement für Miss Beachs Leihbibliothek...
"Meine rauhen Landsleute kamen und gingen, ohne jemand zu grüßen, so als wäre meine Buchhandlung ein Bahnhof, und wenn sie schon einmal jemand begrüßten, dann hieß es 'He, Hem' (Hemingway) oder 'He, Bob' (McAlmon). In dieser zwanglosen Atmosphäre war Joyce allein förmlich - und das in extremer Weise", schildert Sylvia Beach auch einen wesentlichen Unterschied zwischen diesen und dem irischen Dichter, der für sie stets "Mr. Joyce" bleibt.
Joyce, der schon 1914 begonnen hat am "Ulysses" zu schreiben, ernährt sich und seine Familie - er hat einen Sohn und eine Tochter - zu jener Zeit mit Sprachunterricht. Außerdem verkauft er das Manuskript des entstehenden Buches Stück für Stück an einen New Yorker Rechtsanwalt. Auch die Herausgeberin einer englischen Literaturzeitschrift zahlt ihm einen großen Geldbetrag, "ein Einkommen für den Rest seines Lebens". ( Selbstverständlich reicht es keineswegs bis zum Tod des Dichters, denn dessen Verschwendungssucht ist legendär. ) Die amerikanische Zeitschrift "Little Review" beginnt auch Teile des "Ulysses" zu veröffentlichen, wird aber wegen Verstoßes gegen die amerikanischen Bestimmungen, die den Vertrieb von Pornographie unter Strafe stellen, dreimal beschlagnahmt. Die vierte Beschlagnahme führt zum Ende der Zeitschrift. Auch in England darf der "Ulysses" nicht erscheinen - damit sind alle Aussichten auf eine Veröffentlichung des Joyce-Epos für lange Zeit verstellt.

Da schlägt die Stunde der Sylvia Beach. Sie fragt den entmutigten Dichter, der "schwer seufzend" in ihrem Laden sitzt: "Würden Sie Shakespeare and Company die Ehre erweisen, Ihren 'Ulysses' herauszubringen?" Joyce akzeptiert. Die Buchhandlung dient nun James Joyce für viele Jahre als Verlag, Sekretariat, Postamt und Leihanstalt. Sylvia,  nun zur Verlegerin avanciert, beauftragt eine Druckerei in Dijon mit der Herstellung des Buchs und lädt zur Subskription ein. "Niemand", versicherte sie, "entkam der Rue de l'Odéon, ohne subskribiert zu haben."

Am 2. Februar 1922, dem vierzigsten Geburtstag von James Joyce, kann Sylvia auf dem Bahnsteig der Gare de Lyon die ersten zwei Exemplare des "Ulysses" entgegennehmen, die von der Druckerei in Dijon einem Zugschaffner anvertraut worden sind. "Einige Minuten später", schreibt sie in ihren Memoiren, "klingelte ich an der Tür der Joyces und überreichte ihnen das erste Exemplar ... Das zweite war für Shakespeare and Company bestimmt, und ich beging den Fehler, es im Schaufenster auszustellen. Die Neuigkeit verbreitete sich rasch auf dem Montparnasse und in den Außenbezirken, und am nächsten Morgen, bevor noch die Buchhandlung öffnete, standen die Subskribenten davor Schlange und deuteten auf 'Ulysses'... Sie schienen im Begriff, meinen 'Ulysses' aus dem Fenster zu holen."

Noch ehe die Behörden etwas merken, sind die irischen und englischen Joyce-Subskribenten mit ihren Bänden versorgt worden. In den Vereinigten Staaten hingegen erreichen die Bücher ihre Leser nicht, denn sie werden bereits im New Yorker Hafen beschlagnahmt. Einen Ausweg ersinnt Hemingway, der einen Chicagoer Freund in das weniger puritanische Kanada schickt und ihn dort auf Kosten von "Shakespeare and Company" ein Büro einrichten lässt, an das die Bände geschickt werden. Von dort aus bringt dieser täglich ein Exemplar über die kanadisch-amerikanische-Grenze. Auch für die amerikanischen und englischen Kunden, die das Buch in Paris kaufen und eigenhändig nach Hause zu schmuggeln wünschen, ist vorgesorgt. Die Umschläge des "Ulysses" tragen die Aufschrift: "Shakespeares Gesammelte Werke in einem Band" oder "Fröhliche Geschichten für kleine Leute".

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Sylvia bekommt bald Offerten von anderen Autoren, die ebenfalls Schwierigkeiten mit der Zensur haben oder befürchten müssen ( Henry Miller oder der Engländer David Herbert Lawrence ). "Es war schwer, ihm (Lawrence) zu erklären, daß ich nicht als Verlegerin von Erotica gelten wollte", erinnert sich Sylvia Beach, "und unmöglich konnte ich ihm sagen, daß ich die Verlegerin eines einzigen Buches bleiben wollte - denn was konnte nach ,Ulysses' noch geboten werden?"

Viele literarische Größen besuchen immer wieder "Odéonia". Bei einer bemerkenswerten Gelegenheit im Jahr 1928, einem Abendessen mit Scott und Zelda Fitzgerald und James Joyce, begrüßt Fitzgerald seinen Helden mit einem Kniefall und verewigt das Ereignis in einer groben Skizze auf dem Vorsatzblatt einer ersten Ausgabe von "The Great Gatsby".  Es zeigt Joyce nur mit Schnurrbart, Brille und Heiligenschein, Sylvia und Adrienne sind Meerjungfrauen. 

Als Joyce einen gottähnlichen Status auch bei ihrer Freundin erreicht hat und die endlosen Darlehen und emotionalen Ansprüche an Sylvia deren Möglichkeiten übersteigen, greift Adrienne Monnier ein und schreibt ihm 1931 einen vorwurfsvollen Brief, in dem sie ihn der praktischen Übernahme der Buchhandlung in der Rue d l'Odéon zeiht. Die Journalistin Jannet Flanner äußert sich zu Sylvias Hebammendienste folgendermaßen: 
"Joyce Dankbarkeit, die er fast nie zum Ausdruck brachte, hätte an sie als Frau gerichtet werden müssen. Denn die Geduld, die sie ihm entgegenbrachte, war weiblich....Sie gab immer mehr, als sie selbst zurückbekam. Die Veröffentlichung von 'Ulysses' war ihre großzügigste Tat."
Ein kurzes Gedicht ( "Who is Sylvia?" ) bleibt als Ausdruck seiner Dankbarkeit. Als er endlich berühmt und reich wird, bricht er den Vertrag mit ihr und verkauft die Rechte, die er ihr nach dem Brief Adriennes eingeräumt hat. Hinter ihrem Rücken unterzeichnet er bei Random House und kassiert einen Vorschuss von 45 000 Dollar. Sylvia geht dank Joyce bankrott.

Gisèle Freund fotografiert Joyce und
Adrienne vor "Shakespeare and Co."
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1937 reist Sylvia das erste Mal nach 22 Jahren wieder in die Vereinigten Staaten zum 84. Geburtstag ihres Vaters. Ihre Rückkehr verzögert sich, weil sie sich einer Hysterektomie unterziehen lassen muss und Erholung braucht. Als sie nach Paris zurückkommt, muss sie feststellen, dass die Fotografin Gisèle Freund in ihre gemeinsame Wohnung mit Adrienne gezogen ist und die beiden ein Verhältnis miteinander haben.

Postwendend zieht Sylvia in die Wohnung über ihrer Buchhandlung, kommt aber zum Essen weiterhin zu Adrienne, da sie keine eigene Küche hat ( und wohl auch, weil sie sonst verhungert wäre, denn sie ist finanziell ruiniert ). Alle Energien setzt sie in die Rettung ihrer Buchhandlung, erfährt dabei aber auch viel Unterstützung durch die amerikanischen Freundinnen und französische Schriftsteller, die ein Komitee gründen und einen Appell an die Abonnenten richten. Dichterlesungen helfen dabei.

In diesen Jahren bleibt "Shakespeare and Company" eine Sehenswürdigkeit für amerikanische Touristen und besteht weiter bis zum Zweiten Weltkrieg. Sie bleibt auch noch geöffnet, als deutsche Truppen Frankreich besetzen und die Vereinigten Staaten in den Krieg eintreten.

1939
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Eines Tages 1941 tritt jedoch, so berichtet Sylvia, ein hoher deutscher Offizier in die Buchhandlung und verlangt das ausgestellte Exemplar von "Finnegans Wake" von James Joyce. Es sei unverkäuflich, erklärt ihm die Buchhändlerin. Als sie ihm vierzehn Tage später "Finnegans Wake" abermals verweigert, droht er, ihr Geschäft beschlagnahmen zu lassen. Daraufhin schafft Sylvia mit Freunden Tausende von Büchern, Bildern, Briefen und das gesamte Mobiliar in eine leeren Wohnung des zweiten Stockwerks ihres Hauses. Zwei Stunden später ist der Laden leer, ein Maler überstreicht den Firmennamen: "Shakespeare and Company" ist nicht mehr.

Sylvia Beach hat nun nach Joyce und Adrienne ihre dritte Liebe verloren...

Die Nazis kommen tatsächlich wieder, nehmen Sylvia fest und bringen sie in ein Internierungslager in Vittel, wo sie bis März 1943 bleiben muss. Die Bestände der Buchhandlung finden sie nicht. Sie bleiben bis zur Befreiung von Paris verborgen.

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Sylvia kehrt zu Adrienne - Gisèle Freund ist vor den Nazis nach Argentinien emigriert -  zurück, überlebt den Krieg und, obwohl in einem schlechten Gesundheitszustand, kann auch Hemingway begrüßen, als er im Jahr 1944 an der Spitze seines Ad-hoc- Zug von Kameramännern und Journalisten nach Paris kommt. Über die Befreiung durch die Alliierten berichtet sie:
"Es war immer noch eine Menge Schießerei in der Rue de l'Odéon, und sie fiel uns allmählich auf die Nerven, als eines Tages eine Jeep-Kolonne die Straße heraufkam und vor meinem Haus anhielt. Ich hörte, wie eine tiefe Stimme 'Sylvia!' rief ...",Das ist Hemingway! Das ist Hemingway!' rief Adrienne. Ich rannte die Treppe hinunter; wir fielen uns in die Arme; er hob mich hoch und wirbelte mich herum und küßte mich, während die Leute auf der Straße und an den Fenstern jubelten."
Befreit vom Druck des kommerziellen Erfolges mit ihrer Buchhandlung nimmt Sylvia nach dem Krieg gemeinnützige Arbeit auf, gehört zum Vorstand der American Library in Paris, der sie 5.000 Bände aus ihrer amerikanischen Literatursammlung spendet, besucht Vorlesungen und kehrt zum eigenen Schreiben und Übersetzen zurück.

Adrienne erkrankt 1950 und 1954 wird bei ihr die Menière-Krankheit diagnostiziert. Neun Monate leidet sie an unbarmherzigen Wahnvorstellungen und dies, zusammen mit ihrem lähmenden Rheumatismus, kann sie alsbald nicht mehr ertragen und nimmt eine Überdosis Schlaftabletten. Adrienne Monnier stirbt am 19. Juni 1955. 38 Jahre hat ihre Partnerschaft mit Sylvia bestanden.


In ihren letzten sieben Lebensjahren nach Adriennes Tod findet Sylvias unschätzbarer Beitrag zur Literatur und James Joyces Erfolg endlich die Anerkennung, die ihr zusteht. Sie reist viel und findet auch eine finanzielle Absicherung nach einem Leben voller Geldsorgen. Im Jahr 1959 veröffentlicht sie ihre Memoiren.

Nach einem Urlaub in Les Déserts, wo sie und Adrienne Dutzende Sommer in ihrem spartanischen Rückzugsort verbracht haben, kehrt Sylvia in die Wohnung in der Rue de l'Odéon zurück. Dort wird sie am 6. Oktober 1962 tot aufgefunden. Ihre Urne wird im Jahr darauf in Princeton bestattet.

George Whitman, ein Freund Sylvias, der 1951 seine eigene Buchhandlung in Paris, "La Mistral", in der Rue de la Bucherie, eröffnet hat, benennt sie 1964 in "Shakespeare and Company" um. Seine Tochter, 1981 geboren, nennt er Sylvia Beach Whitman. Diese leitet "Shakespeare and Company" ( mit Blick auf die Kathedrale Notre Dame ) nach dem Tod ihres Vaters. Leser, Schriftsteller und Buchliebhaber aus der ganzen Welt reisen immer noch zu dieser Buchhandlung zu Ehren von Sylvia Beach, deren Einfluss nun doch weit über ihr eigenes Leben hinausreicht.









Kommentare:

  1. ein pralles leben voller bücher und spannender freunde!
    danke für diese vorstellung! xxx

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  2. Ein Leben, dass doch eigentlich nach einer Verfilmung schreit.
    Was für ein spannendes Leben!
    Wieder ein großer Lesegenuss und ein weiteres Fenster, was du aufgestossen hast. (Beim Namen James Joyce allerdings werden mir jetzt immer diese fiesen Details einfallen....)
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Wenn man sich mit Joyce Frau Nora beschäftigt, verstärkt sich dieser Eindruck leider noch mehr. Es gibt da ein Buch von Brenda Maddox, das mich vor Jahrzehnten sehr angesprochen hat, und eine Verfilmung um die Jahrtausendwende.
      LG

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  3. Ich hatte ja keine Ahnung! Alles Neuland. Danke für diesen großartigen Text.
    Bin ganz hingerissen von der Frau und sie ist so nahe, weil dieser Traum von so einer Art Buchhandlung ganz sicher in heutige Zeiten übertragen werden kann. Verallgemeinerungen sind zwar nicht so meins, aber es erstaunt mich immer wieder, wie viele männliche große Künstler doch so richtige A...löcher waren.... Verzeihung.
    Liebe Grüße

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    1. Da empfehle ich dir das Buch "Paris war eine Frau: Die Frauen von der Left Bank"von Andrea Weiss. Da erfährt man viel über einzelnen Frauen und ihre Beziehungen untereinander mit vielen Fotos.
      LG

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  4. Liebe Astrid,
    da hat ihr der Herr Joyce aber übel mitgespielt. In Irland ist er trotzdem eine Art Held, wie wir seinerzeit am Blooms-Day bemerkt haben. Dabei war er zu seiner Zeit auf seine Landsleute ja gar nicht so gut zu sprechen und vice versa.
    Den Humor, den sie ja offenbar hatte, sieht man Sylvia Beach auf den Fotos gar nicht an...
    Herzliche Rostrosengrüße, Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2018/03/anl-27-tomorrow-haben-wir-eine-zukunft.html

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    1. Picasso finde ich als Maler auch großartig, als Mann aber mehr als indiskutabel. Die Kunst kann groß sein, der Mensch dahinter nicht unbedingt...
      LG

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  5. die geschichte von sylvia beach hat sich wieder mal wie ein krimi gelesen - ich hab deinen beitrag atemlos verschlungen! gehört hatte ich schon von ihr, kannte aber so gar keine details. das handeln von herrn joyce kommt mir sehr bekannt vor - wie viele herren der (kunst-,literatur-, etc-)geschichte haben sich so gegenüber frauen verhalten, sie ausgenutzt bis zum letzten und sie schlussendlich fallen gelassen. da kommt mir wieder gleich der "hochverehrte" herr kandinsky in den kopf und so diverse andere.
    ich war noch nie richtig in paris (!), sollte ich aber doch nochmal hinkommen, werde ich dank deines artikels auf jeden fall "shakespeare and company" aufsuchen.
    liebe grüße
    mano

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  6. Wieder mal ein super spannenendes Portrait, liebe Astrid.
    Das Geschäft mit Literatur zieht Frauen an. Auch bei uns gibts noch einige kleine Buchhandlungen, die von Frauen betrieben werden und sehr persönlich geführt werden.
    So stelle ich es mir auch bei Sylvia Beach vor. Nur dass durch die Zeitläufte sie eine viel interessantere Ladenvariante hatte. Allein schon als Adresse für so viele Schriftsteller...
    Und als Ersatzheimat für amerikanische und britische Touristen und Exilanten. Ein ganz besonderes Konzept, das sich da ergeben hat.
    Auf jeden Fall war sie eine mutige und hochinteressante Frau.
    Danke für die ausführliche und inspirierende Vorstellung!
    GLG Sieglinde

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  7. was für eine interessante Frau
    und was für ein Lebenslauf ..
    sehr spannende Geschichte
    liebe Grüße
    Rosi

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