Donnerstag, 11. März 2021

Great Women #252: Lucie Rie

Ich werde manchmal in Kommentaren gefragt, wie ich auf die Frauen komme, die ich hier im Blog vorstelle. Die heutige habe ich "gefunden", weil ich mich schon öfter mit Töchtern angesehener jüdischer Familien im Wien des Kaiserreiches und der Zwischenkriegszeit befasst habe, von denen eine ganze Reihe nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Hitlerreich nach Großbritannien emigriert sind wie zum Beispiel Anna Mahler, Marie- Louise von Motesiczky, Anna Freud ( siehe auch dieser Post ). Dabei taucht dann der eine und andere Name auf, den ich weiterverfolge und plötzlich vor einer neuen, interessanten Person und ihrer Geschichte stehe. Für "Pottery" interessiere ich mich nämlich eher am Rande, und deshalb wäre ich sonst nie auf sie gekommen: Lucie Rie.

"I don’t like pots. 
I just like some pots."

Lucie Rie kommt als Lucie Marie Gompertz am 16. März 1902 in Wien zur Welt. Sie ist das dritte Kind von Gisela "Gisa" Wolf, 29 Jahre alt, und Dr. Benjamin Gompertz, ein zum Zeitpunkt von Lucies Geburt vierzigjähriger Hals-, Nasen-, Ohrenspezialist, Direktor der Ohrenabteilung in einem Kinderkrankenhaus. Zuvor haben sie schon zwei Söhne, Theodor und Paul, bekommen. Die Familie lebt in der Elisabethstraße im 1. Wiener Gemeindebezirk, wo der Vater auch eine Praxis unterhält. Fünf Jahre später wird er zum Universitätsprofessor berufen.

1905
Beide Eltern stammen aus bedeutenden jüdischen Familien des K.u.K. Österreichs:

Die Wolfs gelten in Eisenstadt, wo sie seit dem 18. Jahrhundert ansässig sind und von wo aus sie später als europaweite Weingroßhändler agieren, als die "burgenländischen Rothschilds", die größte und reichste Familie im Ort neben den fürstlichen Esterházys und von erheblichem Einfluss. Gisela ist das siebte von zehn Kindern von Hermine & Ignaz Asriel Wolf.

Die Familie Gompertz wiederum führt ihre Wurzeln zurück auf eine der ältesten und bedeutendsten jüdischen Familien Mitteleuropas, welche seit dem 16. Jahrhundert am Niederrhein in Emmerich und Kleve nachweisbar gewesen sind, sich europaweit verzweigt und besonders im österreichischen Kaiserreich bemüht haben, die Emanzipation der Juden im Land voranzubringen. Lucies Vater gehört dem Zweig des Rabbi Jehuda Lion Loeb Gomperz an, eines Bibel- & Talmudgelehrten, der in Waag in der Westslowakei ansässig gewesen ist.

Lucie wächst auf in einem kulturellen Hotspot jener Zeit. Wien ist u.a. geprägt von den Wittgensteins ( siehe dieser Post ), Mahlers ( siehe dieser Post ), von Liebens ( siehe dieser Post ) und Freuds ( siehe auch dieser und dieser Post ), von revolutionären Künstlern wie Gustav Klimt ( siehe dieser Post ), Oskar Kokoschka oder Egon Schiele und der Ästhetik des Alltagslebens einer Wiener Werkstätte. Darüberhinaus ist es in der wohlhabenden Familie üblich, lange ( da mit Pferdekutsche und Bahn ) Ferienreisen in Europa zu unternehmen, z.B. an die englische Kanalküste. 

Zum Status einer großbürgerlichen Familie gehört es auch, die Tochter durch Hauslehrer unterrichten zu lassen. Der von Lucie, ein freundlicher, wenn auch entmutigender Mann namens Joseph Hellmann, ist Sozialist und führt nach ihren Unterrichtsstunden politische Diskussionen mit der Mutter, die ihm wohl gerne zustimmt.

Das Haus der Familie Wolf,
heute Burgenländisches Museum
Source
Wie bei vielen Töchtern im Wien jener Zeit, die in der verkehrsreichen und lebhaften Stadt aufwachsen müssen, sind die häufigen Besuche bei der Familie auf dem Land die eindrücklichsten Momente ihrer Kindheit, die, die das Kind nachhaltig formen. 

Bei Lucie sind es die Visiten im damals zwei Stunden entfernten Eisenstadt bei der Großmutter in derem großen und schönen Haus ( heute Burgenländisches Museum ). Sie entwickelt dort die Liebe zum Landleben und zu zahlreichen Sportarten. Viele Fotos dokumentieren die Ferienstimmung, zeigen aber auch Aspekte der Winzerei und des Weinhandels der Familie.

1915
Als der 1. Weltkrieg ausbricht - Lucie ist da zwölf - werden die Besuche auf dem Land seltener, es gibt weniger Hausangestelle, Lebensmittel sind rationiert und das Leben wird auch durch antisemitische Feindseligkeiten belastender als zuvor.

Lucie wird nun auf ein Gymnasium geschickt, wo sie relativ sanft auf das Leben als "höhere Tochter" vorbereitet werden soll. Sie selbst empfindet es als eher hart, diese Lektionen, u.a. auch in Englisch & Klavierspiel. Mit dem Krieg kommt sie sonst lange nicht in Kontakt, außer dass sie einmal im Bahnhof von Eisenstadt den frisch eingezogenen Soldaten Marillen reicht. 

Dann aber wird ihr Bruder Theodor Leutnant, der um zwei Jahre jüngere Paul verpflichtet sich zum Kriegsdienst, als er das neunzehnte Lebensjahr erreicht hat, und zieht mit seinem Cousin an der Front in Italien. Dort trifft ihn zwei Wochen später eine Kugel bei einer Schlacht am Monte Tomba. Die gerade 15jährige Lucie erfährt davon, als sie von einer Party heimkehrt, und gelobt, fortan nie mehr solchen Vergnügungen nachzugehen.

In ihren Teenagertagen spielt ein Mann eine große Rolle für sie: Ihr Onkel Alexander "Sándor" Wolf, Junggeselle und die Familiengeschäfte tragend. Neben seinem enormen wirtschaftlichen Einfluss ist er vor allem ein kunstsinniger und feinsinniger Humanist, einer mit immensen und vielseitigen intellektuellen Visionen, ein bedeutender Sammler und Mäzen, dessen Haus ein beliebter Treffpunkt für die damalige Kunst- und Kulturszene. Zu seinen Gästen gehören z.B. Schriftsteller wie Hugo von Hofmannsthal oder Franz Werfel und Musiker wie Anton von Webern.

Sándor Wolf
Lucie ist vor allem von den römischen Keramikobjekten in seiner Sammlung beeindruckt, die teilweise aus Grabungen in seinen Weinbergen stammen. Die werden später ihr Werk beeinflussen.

Der sehr enge Kontakt zwischen Nichte und Onkel zeigt sich auch darin, dass Sándor Wolf mit Lucie 1922 eine Reise in die wichtigsten italienischen Städte und 1924 nach Frankreich & Monaco unternimmt. Außerdem ein guter Skiläufer, nimmt er sie und ihre Cousinen mit in die Schweiz zum Wintersport in St. Moritz.

Als die von ihren Eltern verwöhnt- behütete Zwanzigjährige entscheiden soll, wie es mit ihr weiter gehen soll, ergreift sie zur großen Überraschung der Eltern, die eher eine Karriere auf dem Gebiet der Technik oder Medizin ins Auge gefasst haben ( Lucie übrigens auch ) auf Rat ihres Zeichenlehrers eine "weniger ernsthafte Ausbildung" in der Kunstgewerbeschule, nur knapp entfernt von ihrer Wohnung. Geplant ist zunächst ein studium generale. Doch als sie an ihrem ersten Tag eine Töpferscheibe entdeckt, ist sie verloren, so sie selbst später. 

Sechs bis sieben Studierende hat der Leiter der Kunstgewerbschule, Michael Powolny, selber Keramiker, zu betreuen. Powolny, ein "Bauerntöpfer durch und durch", ist viel zu tief verwurzelt in traditionellen dekorativen Vorstellungen, um die Töpferkunst in Wien voranzubringen. Technisch, auch auf dem Gebiet der Keramik-Chemie, sicher versiert, ist er von seinen ästhetischen Vorstellungen her ein Anhänger  der dekorativen Keramik der Sorte "Boy on a Snail". Sein Einfluss auf die Entwicklung der Töpferkunst in Wien wird eher als negativ bewertet. Lucie mag und respektiert ihn dennoch.

Was ihr Lehrer nicht hat, hat Lucie: Eine Philosophie des Funktionalen, das verinnerlichte Konzept der Secession bzw. der Wiener Werkstätte, wonach alle Alltagsgegenstände im Einklang zur Architektur, die den Rahmen vorgibt, stehen sollen. Ihre Keramik besteht aus simplen Formen wie Zylinder & Schalen. Dazu kniet sie sich in die Geheimnisse der Chemie und sammelt alles Wissen, um die hellen Glasuren herstellen zu können, die später ihr Markenzeichen werden. Sie erreicht ein Niveau, dass ihr Lehrer für unmöglich hält. Ihre erste perfekte Töpferarbeit stellt Powolny denn auch ohne Lucies Wissen im Brüssler Palais Stoclet aus.

Tee- Set von 1930
Es bleibt nicht aus, dass Josef Hoffmann & sein Mitarbeiter Haertl von der Wiener Werkstätte auf ihre Arbeiten aufmerksam werden und sie in der Werkbund-Ausstellung 1925 in Paris unterbringen. Doch die stilprägende Rolle der Werkstätte beginnt da schon zu zerbröseln, verkauft man inzwischen eher Kleinkunst & Kitsch. Und vor dem wendet sich Lucie mit instinktivem Ekel ab. Sie stellt zwar dort nach ihrem Abschluss aus, verkauft aber kein einziges Stück. 

Während ihrer Studienzeit gelingt es Lucie auch auf privatem Gebiet, sich zu emanzipieren, vor allem von der Bevormundung durch ihren Bruder Theodor "Teddy". Ihre freie Zeit verbringt sie mit Kanufahren, Schwimmen, Segeln, Klettern, Tennis und anderen Sportarten, am liebsten aber mit Skilaufen. Als Teenager noch verliebt sie sich in den jungen Doktor der Physik, Ernst Rie, Sohn des Anwalts Alfred Rie, ebenfalls Berater Sigmund Freunds wie Lucies Vater. Es bleibt eine Schwärmerei, die der Tod des jungen Mannes bei einer Klettertour beendet. Lucie berührt das so intensiv wie der Tod ihres Bruders damals im Krieg.

Lucie mit Hans beim Skilaufen

Johann "Hans" A. Rie, der fünf Jahre jüngere Bruder Ernsts, hat nicht seinen Forscherdrang, ist aber ein begeisterter Sportler. Lucie verbringt mehr und mehr Zeit mit ihm bei sportlichen Aktivitäten. 1925 meint ein Cousin durch die Blume, dass das immer häufigere Zusammensein der Beiden dem guten Ruf schaden könne. Mit einer Eheschließung hat Lucie sich zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht auseinandergesetzt. Hans scheint aber als technischer Leiter der Filzhutfabrik Böhm ein geeigneter Ehe-Kandidat zu sein - und schon ist man verlobt und im September 1926 verheiratet.

Unter all den wenig erfolgreichen ehelichen Verbindungen ist die zwischen Lucie & Hans Rie eine von der friedvolleren Sorte. Man wendet sich schnell voneinander ab, wohl ohne Gewalt und Bitterkeit. Hans interessiert sich nicht im geringsten für Lucies Arbeit als Keramikerin und hält es für ein Hobby, eine Modeerscheinung, keinen ernsthaften, würdigen Beruf. Er geht gerne aus zum Kartenspielen, geselligen Männerabenden und zum Sport und sie ist eine Haus - Frau im wahrsten Sinne des Wortes, also gerne daheim, entwickelt dabei eine Unabhängigkeit, die ihr später zugute kommen wird. Gegen die Langeweile in der Ehe setzt sie ihre Vervollkommnung als Töpferin.

Wohn- & Schlafzimmer in der Wollzeile
Das junge Paar kann im Jahr nach der Hochzeit eine Wohnung im Haus des Onkels in der Wollzeile 24 beziehen. Justement zu diesem Zeitpunkt lernt Lucie den ein Jahr jüngeren Architekten Ernst Plischke kennen, der sie intellektuell anregt und den sie attraktiv findet, weil er so ganz anders als ihr Ehemann ist. Von Anfang an entwickelt sich eine sehr enge Freundschaft, und Plischke gestaltet den Innenausbau der Rieschen Wohnung nach Gesichtspunkten, die die Prinzipien des Bauhauses aufnehmen. 

Lucie ist sehr angetan und empfindet die Zeit als sehr aufregend, nicht zuletzt auch, weil sie in ihrem Appartement einen Brennofen installieren und damit zu Hause arbeiten kann. Doch 1929 geht der frisch verheiratete Plischke nach Amerika, und Lucie muss die Fortsetzung seiner Arbeit in ihrer Wohnung selber anleiten. Doch inzwischen bekannt mit jeglicher Art von Enttäuschung, macht sie weiter. Erfüllung findet sie in ihrer Töpferei. Da die Wiener Werkstätte endgültig im Niedergang begriffen ist, sucht sie sich andere Verbindungen und findet sie im renommierten Wiener Handelshaus Lobmeyr, der Glasmanufaktur Bimini des Fritz Lampl sowie dem Deutschen Werkbund. Auf Ausstellungen in Brüssel und Mailand gewinnt sie Goldmedaillen mit ihren Arbeiten.

1930
Eine wirklich gute Zeit scheint die Epoche bis zum Anschluss Österreichs an das Hitlerdeutschland für Lucie aber nicht gewesen zu sein: Der Antisemitismus frisst sich durch immer breitere Kreise in der Bevölkerung, und sie erfährt ihn am eigenen Leibe. Ihr Vater, der immer noch praktiziert, erleidet ein Zerwürfnis mit Sigmund Freud, die geschätzte Großmutter stirbt 1932, der Vater, an Magenkrebs leidend, dann 1935, die Mutter, geschädigt durch eine Menningitis, im November 1937. Ihr verbliebener Bruder wandert in die Vereinigten Staaten aus. Doch ihr Ruf als Töpferin wächst und über ganz Europa verteilen sich Gefäße mit ihrer Marke "L.R.G. Wien". Auf Fotos der Fotografin Lotte Meitner - Graf sieht man Lucie aber ihre Traurigkeit & Desillusionierung an. 

Die politischen Ereignisse 1938 machen ihr, eigentlich eher desinteressiert, erst zu schaffen, als sie die starke Polarisierung in der Wiener Gesellschaft erlebt, vor allem die Ausgrenzung der Juden. Anfangs ist ihr das bloß dumm vorgekommen, aber auf die Dauer kann sie die Augen vor den Konsequenzen nicht verschließen und entscheidet mit ihrem Ehemann, Österreich zu verlassen.

Zwei Optionen gibt es: England oder Amerika via England. In Amerika ist immerhin ihr Bruder, in England kennt sie niemanden. Aber sie fühlt, dass ihr Leben neu beginnen kann und sie ist aufgeregt und glücklich, und obwohl ihre Möglichkeiten so begrenzt sind, weitet sich plötzlich ihr Horizont. 

Fragt man sie noch nach Jahren danach, wie sie diese Zeit erlebt hat, drückt sie ihre Wertschätzung für England, das sie als Flüchtling aufgenommen hat, aus mit: "Ich bin Hitler so dankbar." ( Dass Lucie eine durchaus witzige Seite hat, sieht man auch an ihrer Antwort auf die Frage, was sie gemacht habe, als die Deutschen nach Wien kamen: "Ich habe 'Vom Winde verweht' gelesen" ). 

Nach England zu kommen, ist ein großes liberales, kreatives Experiment. Das empfinden übrigens etliche österreichische Exilanten, das Wien zwischen den Kriegen erscheint ihnen im Vergleich provinziell.

Die britischen Visa der Ries werden von Theo Frankel gesponsert, Sohn einer wohlhabenden jüdischen Wiener Familie in England, den Lucie & Hans vom Skilaufen in St. Anton kennen. Zweitausend Pfund sind damals ein ordentliches Sümmchen. Sie kommen zuerst unter in einem boarding house, später in einer Wohnung und in einem Freundeskreis aus jüdischen  Exilanten, darunter Ernst Freud, der Sohn von Sigmund, der Glasmacher Lampl, Lucies Cousin Franz Böhm und eben die Frankels. Hans findet seine Aufgabe alsbald darin, weiteren jüdischen Flüchtlingen zu helfen, Lucies Unterstützung dabei scheint eher gering gewesen zu sein, ist sie doch in ihrem Kopf schon mit anderen Dingen beschäftigt. Denn während Hans sich um die Auswanderungsmodalitäten für die USA kümmert, kümmert sich Lucie um die Welt der handgemachten Keramik in England und sieht sich nach einer Werkstatt um. Hans erfährt davon nichts.

Bernard Leach links, "Drei Hasen" rechts ( Source )
In einer kleinen Galerie in Chelsea lernt Lucie zu Beginn des Jahres 1939 den Papst der englischen potter, Bernard Leachkennen. Sie setzen sich in eine Cafeteria in der Nähe, um sich zu unterhalten. Lucie wird sich später erinnern, dass sie voller Selbstvertrauen gewesen ist mit ihrem Hütchen wie ein Wiener Törtchen, und Leach scheint sich von der 36jährigen eleganten jungen Frau angezogen zu fühlen. 

Doch ihre Referenzen als auf dem Kontinent etablierte Töpferin sind in seinen Augen nichts wert. Und an ihren Wiener Arbeiten, die sie bei solchen Gelegenheiten immer in einem Koffer mit sich führt, lässt er kein gutes Haar: Zu dick, zu dünn getöpfert, zu viel Glasur, zu sehr Steingut, zu wenig Steingut, zu wenig "Humanity", "were not humble" und so fort. Ein verheerendes Urteil für Lucie! Aber gleichzeitig will er mehr über die faszinierende Bittstellerin im Exil erfahren und lädt sie zu einem Besuch in seiner Töpferei ein. 

Und so versucht sie es halt bei der zweiten wichtigen Figur im englischen Potter - Wesen am Royal College of Art, William Staite - Murray, das Pendant zu Leach ( die sich nie Aug in Auge gegenüber gestanden haben! ), ein arroganter Selbstdarsteller, der zu Lucie nicht mehr zu sagen weiß als, dass man sich in England nicht die Hand gibt und wo sie zu arbeiten gedächte. Aber er gibt ihr auch die Unterschrift, die sie braucht, wenn auch sonst keine Unterstützung. Ansonsten streift sie durch die  Straßen Londons, um eine Werkstatt zu finden, möglichst mit kleiner Wohnung. Ihrem Ehemann berichtet sie davon nichts. Für sie ist die bevorstehende Ausreise die Möglichkeit, ihrer nun 13 Jahre andauernden perspektivlosen Ehe zu entkommen.
 
Schließlich findet sie einen umgebauten Stall mit eingeschränkten Wohnmöglichkeiten in 18 Albion Mews, einer schmalen Straße nördlich des Hyde Parks. Eingeweiht in ihr Vorhaben ist Ernst Freud, der mit ihr diese Räume bewohnbar macht und die Plischke-Möbel anpasst, die sie aus Wien gegen viel Geld hat kommen lassen. 

1940
Während die Farbe an den Wänden noch trocknet, macht sich Lucie auf nach Devon, um eine Woche bei Bernard Leach in seiner Töpferei zu verbringen. Die intensiven Gespräche mit dem fünfzehn Jahre älteren Kollegen befreien sie von der Einschüchterung durch die politische Verfolgung, von der geistigen Enge der zeitgenössischen österreichischen Töpferkunst und der Unfreiheit durch eine  misslungene Ehe. Leach scheint für sie Handwerkskunst mit Experimentierfreude zu vereinen, hat einen forschenden Geist, ist frei von beruflichem Konkurrenzdenken und persönlichen Problemen. Er selbst braucht wiederum ein williges Auditorium, und viele Zeitgenossen bescheinigen Lucie Rie, dass sie das ausgezeichnet kann.

Als sie ihm ihre Entscheidung mitteilt, nicht mit ihm in die Vereinigten Staaten auszuwandern, ist Hans verletzt. Doch er überlässt Lucie den Rest ihres Geldvermögens und segelt im Herbst 1939 in Richtung Boston. Ihre Entscheidung, allein in London zu bleiben, wird bestimmend für den ganzen Verlauf ihres restlichen Lebens und ihrer Arbeit. Ihre Ehe wird im Jahr darauf aufgelöst. Hans heiratet erneut, der freundschaftliche Kontakt mit Lucie bleibt aber bis zu seinem Tod 1985 erhalten.

Die schlägt sich ab da mehr oder weniger durch ein London im Kriegszustand. Fritz Lampl, dem bekannten aus Österreich, hilft sie in seiner rekonstruierten Bimini-Werkstatt in Soho, Knöpfe für die Damenoberbekleidung herzustellen, allerdings ohne Enthusiasmus. 

Viel lieber arbeitet sie an ihren eigenen Werken. Bald findet sich in ihrer Werkstatt ein Künstler und Bildrestaurator aus der Nachbarschaft ein, Stanley North, der sie faktisch nie mehr wirklich verlassen wird, so lange er lebt. Er unterstützt sie finanziell, indem er ihre ersten Steinzeugkrüge kauft (  später wird er sie zurückgeben, weil sie einfach zum Studio "Albion Mews" gehören, so seine Meinung ). Stanley wird vorläufig der einzige Engländer unter Lucies Freunden bleiben, aber auch bald an Lungenkrebs sterben. Auch Lucie erkrankt - an Diphterie -, während die Bombenangriffe auf London auf ihrem Höhepunkt sind. Hans Rie bietet ihr an, zu ihrer Sicherheit nach Boston zu kommen, doch ihr reicht der Stahltisch mit Betonbeinen, den ihr der britische Staat zur Verfügung stellt, um sich darunter bei den Angriffen in Sicherheit zu bringen. Bei einem dieser Angriffe wird die Bimini - Werkstatt ganz zerstört, bei einem anderen fliegen die Scheiben aus den Fenstern von Lucies eigenem Studio.

Nach einem erneuten sechswöchigen Aufenthalt in einem Hospital, beginnt eine kurze Periode, in der die Keramikerin ganz im Stil der Wiener Werkstätte bei sich selbst im Studio Knöpfe herstellt - ein anderer exilierter Österreicher hat ihr Formen & Pressen dafür gemacht. 

Aber kaum kommt die  Sache in Gang, beendet die Regierung die Produktion, da nicht wesentlich für die Kriegswirtschaft. Lucie muss stattdessen in einer Fabrik für optische Instrumente arbeiten. Ihre eigene Töpferarbeit mag sie dennoch nicht aufgeben und arbeitet nach Feierabend nach den Ideen von Leach, was ihr nicht wirklich gut gelingt.

Doch auch diese Fabrik wird Opfer der Bomben. Von den Strapazen des Krieges erholt Lucie sich immer wieder bei einem anderen "Expat", Bertl Saxl, der auf dem Land in Surrey ein Cottage hat, und hofft, dass sie bald wieder ihr Töpferstudio aufmachen kann. Nach sechs Monaten des ständigen Drängens ist das erst Ende 1945 der Fall. 

Zum Glück hat Bernard Leach zu diesem Zeitpunkt seine stete Aufmerksamkeit von Lucie abgezogen, da er erneut geheiratet hat. Zu ihrem noch größeren Glück steht 1946 Hans Coper, ein 26jähriger Flüchtling aus Sachsen, Vater Jude, unter unsäglichen Bedingungen lebend, vor ihrer Werkstatttür. Mit seiner Hilfe und einem kosmopolitischen Team bringt sie die Knopfproduktion wieder in Gang, immerhin sechstausend Stück pro Monat! Bemerkenswert sind sie alle Male, die Exemplare, die es bei Harrods & Liberty zu kaufen gibt oder Wintermäntel des Hauses Worth schmücken. 

Rechts mit Hans Coper




Coper zeigt sich als ausgesprochen lernwillig und fähig, und Lucie bildet ihn in der Töpferei aus. Es wird die wichtigste und dauerhafteste, geradezu symbiotische Beziehung bzw. Freundschaft in ihrem Leben werden. Sein Talent, seine Unterstützung und seine Überzeugungskraft lassen Lucie zu den Kreationen zurückkehren, die sie ursprünglich in Österreich hergestellt hat. Die neuen keramischen Arbeiten sind raffiniert unauffällig und hinterlassen einen Eindruck von zarter, aber dennoch robuster Keramik. Mit solchen Werkstücken wird sie auf Dauer richtig bekannt werden, und die Kritiker und Kenner auf der ganzen Welt werden sie schätzen & bewundern.

Dass ihre Keramik nicht effektheischend, aber prägnant ist, liegt vermutlich daran, dass Lucie nicht das Bedürfnis hatte, sich irgendjemandem zu beweisen:
"Kunsttheorien haben für mich keine Bedeutung, Schönheit hat es. Das ist meine Philosophie. Ich versuche nicht, originell oder anders zu sein. Etwas, das zu beschreiben ich nicht klug genug bin, bewegt mich dazu, das zu tun, was ich tue."

Zusammen entwerfen Lucie & Hans für das Studio einen elektrischen Brennofen mit großer Beladung ( Lucie hat, trotz Leachs Empfehlung, kein Interesse an Holz, Öl oder Propan ), der höhere Temperaturen erreicht als der kleine Ofen, der aus Österreich nach England gebracht und in Albion Mews Platz gefunden hat. Sie kann jetzt neue Glasuren für hohe Temperaturen entwickeln und wendet Reduktionsbrände an. Wie sie das genau erreicht, bleibt ihr Geheimnis. Ihre unnachahmliche Weise gibt ihren Werkstücken eine robust - raue oder glatte Oberfläche, gelegentlich auch mit Linien in Sgraffito - Technik überzogen. Das bewirkt, dass ihre Objekte keine Ähnlichkeiten mehr mit dem Steinzeug haben, das andere zu dieser Zeit herstellen. Aber sie ist nicht nur eine Meisterin der Glasur, sondern sie kann auch Ton auf eine Art und Weise verwenden, mit der es kein Töpfer ihrer Zeit aufnehmen kann. In den nächsten Jahrzehnten entstehen dünnwandige, farbenfrohe Gefäße, die unzählige Keramiker*innen beeinflussen werden. Erste Versuche mit Porzellan erfolgen 1949.

"Footed Bowls" von Lucie Rie






Die Töpferwaren sprechen für sich, aber die menschliche Seite von Lucie wird manchmal gerne übersehen. Sie ist zwar eine unabhängige Frau, aber sie kennt, liebt und zeigt sich gastfreundlich gegenüber vielen anderen interessanten Leuten. Es will wirklich nicht so recht zusammenpassen, die häufigen Besucher, denen sie nachmittags Tee und Mohn- oder Schokoladenkuchen serviert, und gleichzeitig das Zurückgezogene einer Eremitin vormittags an ihrer Töpferscheibe, eifersüchtig auf ihre Geheimnisse, auf ihr inneres Leben und ihren kreativen Glanz achtend. Auf die Frage eines Interviewers, wie sie mit all diesen Usurpatoren ihrer Zeit umgehen könne, antwortet sie: "Ich gehe nicht aus. Ich kann entweder Einsiedler werden oder durch Gäste etwas über die Welt lernen. Ich habe mich für Gäste entschieden." Dabei legt sie Wert darauf, dass diese Besucher vermeiden, übers Töpfern zu reden.

Bei einem solchen Besuch gibt sie auch die Geschichte über Erwin Schrödinger, den Nobelpreisträger ( ja, der mit der Katze ) preis, wie sie Österreicher und Ende der 1940er Jahre in Dublin zu Hause. Schlagfertig wie sie ist, antwortet sie auf die Frage eines Gastes: "Sie haben wahrscheinlich noch nie einen Physiker getroffen, was schade ist, da alle mir bekannten Physiker bemerkenswert angenehm waren. " - "Kennen Sie Erwin Schrödinger?", fragt da Lucie. Und auf die Rückfrage, ob sie ihn kennen würde, antwortet sie: "Nun, ich habe ungefähr dreißig Briefe von ihm, die ich nicht vernichten wollte, da ich glaube, dass er sehr prominent war, aber es sind ziemlich alberne, dumme Liebesbriefe.

Vermutlich sind ihr die Versuche dieser internationalen Berühmtheit, einem notorischen womanizer, sie mit seinen "Liebesbriefen" zu verführen, nicht gleichgültig gewesen, aber Lucie ist das wahrscheinlich wie ein Machwerk aus Hollywoods Studios vorgekommen, so weit ist es doch von ihrer Persönlichkeit und ihrem Lebensstil, die sich in ihrer Kunst widerspiegelt, entfernt. Die Briefe sind dann der Royal Society übergeben worden.

18 Albion Mews heute
Source

Ab 1950 nimmt Lucie wieder ihre wie vor der Flucht und dem Krieg regen Ausstellungsaktivitäten auf. Auf der Mailänder Triennale erhält sie eine Goldmedaille wie schon 1936. Jetzt erscheinen auch Fotostrecken von ihren Werken in Architekturzeitschriften, denn ihre Affinität zur modernen Baukunst ist offensichtlich und wird jetzt gewürdigt.

Sie  nimmt teil an einem internationalen Treffen von Kunsthandwerkern bei Bernard Leach, wo sie eine ganze Reihe berühmter japanischer Keramiker kennenlernt. Der berühmteste unter ihnen, Shoji Hamada, besucht sie in Albion Mews und stellt ihre  ganze Einrichtung nach seinen ästhetischen Prinzipien um. Klar, dass Lucie das chauvinistisch findet und nach seiner Abreise alles wieder zurechtrückt.

Es folgen Ausstellungen in London und Amsterdam, doch zu den glücklichsten Momenten jener Jahre gehören die Besuche bei Fritz Lampl in Hampstead, wo immer lebhafte Gespräche über Gott & die Welt stattfinden. Aber jedes Jahrzehnt hat seinen Kummer & Verlust für die Töpferin bereit: Diesmal ist es der Tod von Lampl an einem Herzinfarkt 1954, der Lucie niederschmettert. Die Konzentration auf weitere Ausstellungen lenken sie ab, so auch eine in New York bei Bonniers, ein Geschäft, das mit raffinierten modernen Möbeln Pionierarbeit geleistet hat, ein so großer Erfolg, dass kein ausgestelltes Stück zu ihr zurück kommt, und sie das einen weiteren Schritt voran zur weltweiten Beachtung bringt. In diese Zeit fällt auch die einzige Kooperation mit der Industrie, nämlich mit Wedgwood: Lucie entwirft eine Reihe blaugrauer Tassen in Jasperware mit feinen Sgraffitolinien. Doch ihr wird gesteckt, sie sei keine "Wedgewood person". 39 Pfund werden ihr für ihre Bemühungen angeboten. Lucie will lieber ihre Prototypen zurück haben. 

Entwürfe für Wedgwood

Mit dem Ende des Jahres 1958 geht auch die lange Zusammenarbeit mit Hans Coper zu Ende. Der möchte größere Sachen machen. Der Raum in Albion Mews lässt das nicht zu, und er nimmt das Angebot eines Studios in Hertfordshire an. Erst 1969 wird Lucie mit einem eigenen Auto auf einfachere Weise ihn dort aufsuchen können.

Ein anderes neues Kapitel in ihrem Leben beginnt im September 1960, als sie einen Anderthalb - Tage -Job als Lehrerin an der Camberwell School of Art übernimmt. Aber sie ist eine grausliche Ausbilderin: Sie sagt den Studenten auf ihre unvergleichlich direkte Art, dass ihre Arbeit hoffnungslos sei und dass sie "teapots for discipline" probieren sollten. Ihre Art, auf eine Weise zu sprechen, die von sozialen Feinheiten befreit ist, ist übrigens eine Gewohnheit vieler Wiener Emigranten. ( Einem Schriftsteller antwortet sie mal auf seine Frage: "Ich möchte nicht in Ihrem Buch sein. Ich mache gerne Töpfe - aber ich rede nicht gern darüber. Ich würde Ihre Fragen heute beantworten, aber sie wären morgen falsch." ) 

Sie bringt also manchen Studierenden zum Weinen, und Hans Coper, der auch auf diesem Gebiet ein Kollege wird, bezeichnet sie als "steel fist inside a suede glove". Ihr steht eine Generation von Studenten gegenüber, die nicht hören mag, dass man Jahre für Jahre hart arbeiten muss, um eines Tages ein guter "potter" zu sein, was Lucie nach ihren eigenen Erfahrungen normal findet. Nach Versuchen als Gastdozentin an der Bristol School of Art und für einige Zeit auch am Royal College of Art, dort dekoriert mit einer Ehrendoktorwürde, gibt sie 1972 das Unterrichten auf.

1966 bietet das Boymans Museum in Rotterdam Lucie eine Einzelausstellung an, doch sie ist dazu nur bereit, wenn auch Hans Coper dabei sein darf. Lucie produziert dafür über hundert neue Stücke in wenigen Monaten, die dann 1967 präsentiert werden. Und dann, in einem Alter, in dem in England die Menschen in die Rente geschickt werden, ein Höhepunkt in Lucies Töpferinnen - Leben: eine Einzelausstellung in den Räumen des Arts Council! 350 Werkstücke sind verteilt über die Räume und geben einen großartigen Eindruck vom Schaffen der Lucie Rie.

1968 wird ihr von der Queen der "Officer of the Most Excellent Order of the British Empire (OBE)"verliehen. Lucie ist enttäuscht vom Palast, den Leuten dort und von der Königin, die sich nicht im geringsten für pottery interessiert. "Ich weiß gar nicht, warum sie mich eingeladen haben", kommentiert sie später. "Ich hatte keine einzige interessante Konversation." Aber ihr Ruf ist nun legendär. 1991 erfolgt dann auch die Beförderung zum "Knight Commander (DBE)", und sie darf den Titel "Dame" führen.

Schale mit Fuss
(1980)
Die  herausragenden Beispiele dafür, was man als Töpferin erreichen kann, wenn man sich nur selber treu bleibt, entstehen vor allem in den 1970er Jahren. Ihr täuschend einfacher und unkomplizierter Stil ist von einer völlig anderen Sensibilität als der der englischen Handwerker des studio pottery movement, der eher von deren Stadtflucht zeugt, während Lucie in einer zeitgenössischen urbanen Welt zu Hause ist.

Während ihres gesamten Arbeitslebens versucht Lucie nie, ihre Keramik so billig wie möglich zu machen oder einen Massenmarkt zu bedienen. Ihr ist klar, dass die Menge, die sie produzieren kann, begrenzt ist und ihre Gefäße nur arbeitsintensiv herzustellen sind, sorgfältig mit präzise gedrehten Sockeln und behutsam aufgetragenen Glasuren. Ihre Gefäße zielen eher auf ein gebildetes Sammlerpublikum, das sich ihre relativ hohen Preise leisten kann und respektiert, dass Lucie eine faire Wertschätzung ihrer Arbeit erwartet. Heute werden ihre Arbeiten, von britischen, amerikanischen, europäischen und japanischen Sammlern gesucht, gut und gerne mal für mehr als 100.000 USD erworben.

Vase aus dem "Black Firing"
(1981)
Auch das neue Jahrzehnt verlangt Lucie erneut ab, von ihr sehr wichtigen Menschen Abschied zu nehmen, peu à peu bei Hans Coper, bei dem 1975 eine Motoneuron-Erkrankung diagnostiziert wird, der er 1981 erliegen wird. Die Besuche bei ihm in Somerset werden zu schmerzhaften Wallfahrten. Neben ihrer Arbeit sind ihr ihre Freundschaften immer das Wichtigste im Leben gewesen, geradezu heilig, und ihre Gedanken werden nun dominiert von den Überlegungen, wie sie das Leid ihres Freundes lindern könne. 

1979 schafft sie es auch nicht mehr rechtzeitig, ihren inzwischen blinden 92jährigen Freund Bernard Leach ein letztes Mal vor seinem Tod zu besuchen. Zufällig kommt zur Zeit von Hans Tod eine Ladung von Gefäßen nach einem Fehlbrand mit völlig schwarzer Glasur aus ihrem Brennofen, eine Färbung, die sie zuvor nie so beabsichtigt hat.

1981 gibt es eine große Retrospektive ihres Werkes zuerst im Sainsbury Centre of Visual Arts, die dann das Victoria and Albert Museum in London übernimmt. Ein Film über die Töpferin von David Attenborough in der "Omnibus" - Dokumentations - Reihe der BBC kommt im Jahr darauf ins Fernsehen.

Mit Issey Miyake auf dem linken Bild, 
rechts in der Ausstellung in der Galerie Besson in London
(1989)
1989 organisiert der Modedesigner Issey Miyake in Tokio und Osaka eine Ausstellung in seiner Heimat Japan mit dem Titel "Issey Miyake Meets Lucie Rie", die sich dem emotionalen Kontakt widmet, den er zur Keramikkünstlerin hat. Was er an ihr schätzt, ist dass ihre Arbeit "moved by beauty" ist. Er hat sie vorher zum Tee in ihrem Studio aufgesucht und sich energetisch aufgeladen gefühlt. 1989/90 widmet er ihr sogar seine ganze Laufsteg - Kollektion, in der er ihre Knöpfe  in den Mittelpunkt stellt.

Im letzten Abschnitt ihres Lebens wird Lucie Rie allerorten Anerkennung zuteil, indem ihre Töpferarbeiten in Museen auf der ganzen Welt ausgestellt werden, darunter das MoMA in New York, das Carnegie Museum of Art in Pittsburgh, das Paisley Museum in Schottland und natürlich in zahlreichen englische Institutionen. Trotz mehrerer Schlaganfälle setzt sie sich auch mit fast 90 Jahren noch an ihre Töpferscheibe. Am 1. April 1995 erliegt sie mit 93 Jahren einem letzten Anfall in ihrem Studio in 18 Albion Mews. 

Nach ihrem Tod erlahmt das Interesse an ihrer Arbeit keineswegs, und Lucie Rie bleibt häufig Gegenstand renommierter Ausstellungen. Ab 1995 wird ihre Werkstatt im Victoria and Albert Museum nachgebaut. 1999 wird ihr eine Ausstellung in ihrer Heimatstadt Wien im Museum für angewandte Kunst ausgerichtet.
"Töpfern ist für mich ein Abenteuer, jede neue Arbeit ist ein neuer Anfang. In der Tat werde ich nie aufhören, Schüler zu sein. Dem lässigen Betrachter scheint es wenig Abwechslung in Keramikformen und -designs zu geben. Aber für den Liebhaber der Töpferei gibt es eine endlose Vielfalt der aufregendsten Art. Und es ist nichts Sensationelles daran, nur eine stille Größe und Ruhe."

Komisch, letztere hat mich in einer persönlich unruhigen Woche, beim Studium meines Buches über Lucie Rie und den vielen Fotos  ihrer Töpferarbeiten darin auch ergriffen... 





Kommentare:

  1. Danke, Astrid, für dieses Porträt. Gespannt habe ich es in einem Stück durchgelesen. Mein Kaffee ist darüber kalt geworden. Jetzt schicke ich den Link an die Enkelin von Helma Klett, einer Großen aus dieser Töpfergeneration in Deutschland. Und dann freue ich mich darauf, bei frischem Kaffee im Netz nach den Werken von Lucie Rie zu fanden.
    Hier in Südniedersachsen ist es nass, kalt und duster. Aber was soll's, ich habe was Schönes für den Kopf zu tun. Danke dafür und ganz liebe Grüße nach Köln
    von Uschi

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    1. Liebe Uschi, danke auch dir! Helma Klett habe ich gleich gegoogelt und Fredesloh auch und wieder Neues erfahren und mit Bekanntem verknüpft. So sollte es sein 😉
      LG

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  2. von Helga

    Liebe Astrid,

    Ein aufwändiges, umfangreiches Porträt hast Du wieder gezeichnet. Ein Dankeschön ist es allemal wert und diesen Dank spreche ich hiermit aus. Diese Frau hat meine Eltern auf ihrem Lebensweg begleitet, Schritt für Schritt denn Papa war ein 1903er und Mama ein 1905er Jahrgang. Schade daß man nicht mehr miteinander sprechen kann.

    Liebe Grüße von Helga

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  3. Bislang kannte ich Lucie Ries Namen noch nicht. Ihre Töpferwerke finde so bezaubernd schön! Vielleicht habe ich irgendwann man das Glück, eines davon in Realität zu sehen.
    Danke für das Portrait, das wieder ein Fenster bei mir aufgestossen hat.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Danke für das umfangreiche, sehr interessante und großartig geschriebenen Portrait. Die gezeigten Werke sind wirklich beeindruckend.
    Liebe Grüße aus dem hohen Norden
    Lydia

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  5. Wie ästhetisch und durchdringend schön ihre Arbeiten sind. Sie war eine wahre Künstlerin und hatte eine innere Führung in ihren Arbeiten.
    Wen sie alles gekannt hat und was für eine stilvolle Wohnung sie schon als junge Frau hatte. Ich bin begeistert.
    Ihren Namen kannte ich, aber ihr Leben und ihre Arbeiten nicht. Danke, dass Du sie nun vorstellst.
    Wieviele Künstler und große Menschen Österreich verlassen mussten, das muss ja ein riesiger Aderlass gewesen sein und eine Katastrophe für die Kultur.
    Schön finde ich, dass sie ihr zweites Leben in England so gut für sich selbst passend gestaltet hat und dass sie ihre Ehrungen noch alle erlebt hat. Dame Lucie Rie, das ist schon was!
    Sehr lebendig hast Du ihr Leben uns geschildert und auch mir geht es so, dass diese Stille und Größe in ihrem Werk spürbar ist.
    Herzlichsten Dank, Sieglinde

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  6. Liebe Astrid,
    gerne habe ich wieder dein Porträt über eine interessante Frau gelesen. In jungen Jahren habe ich mich auch mal im Hobbytöpfern versucht...Diese Frau ist ihrer klaren Linie immer treu geblieben. Zeitlos schön sind ihre Werke.
    LG
    Agnes

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  7. Liebe Astrid,
    eine große Künstlerin, deren Leben durch Ihre Töpferkunst und ihre Wegbegleiter bestimmt war. Danke für dieses schöne Porträt und ihre wunderschönen Keramiken.
    Lieben Gruß, Marita

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  8. Herrlich schöne Keramiken, und ein arbeitsreiches starkes Frauenleben. Danke für das Portrait über eine große eigenwillige, schon sehr früh geistig unabhängige Künstlerin! Liebe Grüße, Eva

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  9. Was für ein ausgefülltes und selbstbestimmtes Leben. Das sich aufregend liest, doch mit Sicherheit - was zwischen den Zeilen zu erahnen - voller Entbehrungen, Rückschläge und den der männlichen Dominanz, die das aufkeimende Genie im Keime ersticken wollten. Das Schicksal hat es trotzdem gut mit ihr gemeint, sie ist sich treu geblieben, das imponiert.

    Wedgwood kenne ich gut, schade dass sie die Kooperation nicht weiterführen wollten.

    ...danke einmal mehr fürs Portrait und die interessanten Anmerkungen.

    Frühlingsfrohe Grüße von Heidrun

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  10. eine sehr interessante Frau die beharrlich ihren Weg ging
    und versucht hat ihre Kunst zu vervollkommnen
    wunderschöne Arbeiten hat sie kreiert
    sie hatte ein langes und wohl auch erfülltes Leben

    danke für das Protrait

    liebe Grüße
    Rosi

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  11. Die Schlichtheit kann oft sehr beeindruckend sein. Da hast du uns wieder eine beeindruckende Frau vorgestellt.
    LG
    Magdalena

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Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, wenn der Ton daneben ist...

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