Donnerstag, 12. August 2021

Great Women #269: Sibylla Schwarz

Die heutige Frau habe ich mal wieder wegen eines Gedenktages ausgewählt, denn vorgestern war ihr 383. Todestag. Ich tauche also wieder einmal tief in die Geschichte ein, in eine Zeit, die geprägt war vom furchtbaren Dreißigjährigen Krieg. Was hätte aus ihr werden können, wenn Sibylla Schwarz ein längeres Leben beschieden gewesen wäre?


"Lehr die Männer preisen / 
Dass ihr den Frauen auch ihre Ehre mögt beweisen /
 und zulasst ihren Ruhm; ihr Sinn und Verstand / 
Ist zwar nicht minder klug, doch minder nur bekannt." 


Am 14. Februar 1621 - nach dem heutigen Kalender wäre das der 24. - wird Sibylla Schwartz in Greifswald in eine einflussreiche Patrizierfamilie hineingeboren. Den Rang der Familie kann man an der Grabstätte im Greifswalder Dom ablesen:

Epitaph des Christian Schwarz im Greifswalder Dom
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Im unteren Teil des Grabdenkmals sind die früher verstorbenen Mitglieder der Familie abgebildet. Sibylla ist die Frau ohne Haube, rechts von der Mitte. 

Die Schwarzens sind vermögend, und seit zwei Generationen stellen die Handelsmänner und Gelehrten der Familie die Greifswalder Stadträte. Sibyllas Vater Christian Schwarz, 1581 geboren, hat in Greifswald, Helmstedt und Jena Jura studiert und ist seit 1603 Doktor der Rechte. Er ist ebenfalls Stadtrat & Richter sowie geheimer fürstlicher Rat des Herzogs Bogislaws XIV in Stettin. 1628 wird er der Bürgermeister von Greifswald werden.

Die Mutter Regina, zum Zeitpunkt von Sibyllas Geburt schon 39 Jahre alt, entstammt ebenfalls der städtischen Oberschicht. Die Völschows stellen ebenfalls Ratsherren, sind Professoren und Gelehrte. Regina selbst ist die Witwe des Greifswalder Bürgermeisters Jochen Brunnemann. 1606 heiratet sie Christian Schwartz und bekommt mit ihm die Töchter Regina (1607) und Emerentia (1617) und die Söhne Christian (1611) und Joachim (1612). Ein Bruder, Georg, stirbt sehr früh, ein Halbbruder - Peter - stammt aus der ersten Ehe der Mutter. Sibylla ist also das jüngste Kind der Familie.
Zur Zeit von Sibyllas Geburt geht der diese Epoche bestimmende Krieg gerade in sein drittes Jahr und spielt sich vor allem in Böhmen und der Kurpfalz ab. Als in dem Jahr auch der zwölfjährige Waffenstillstand zwischen den Niederlanden und Spanien ausläuft, wird auch der niederländische Unabhängigkeitskrieg wieder aufgenommen.
Das Haus der Familie in der Baderstraße 2
Ob im fernen Greifswald das kleine Mädchen noch ein recht unbeschwertes Leben führen kann, wie vielerorts immer geschrieben, wage ich zu bezweifeln. Ihr Leben ist doch umschlossen gewesen vom Dreißigjährigen Krieg, der große Teile Europas verwüstet und fast ein Drittel der Bevölkerung ausgelöscht hat. Der äußere Rahmen dieses, ihres kurzen Lebens, das große Wohnspeicherhaus der Familie mit seinem schönen Spätrenaissancegiebel in der Baderstraße 2 mag das alles nahe legen. Aber es ist Fakt, dass die Truppen Wallensteins der Stadt ab November 1626  immer wieder zusetzen.

Die Familie Schwarz ist sehr fromm, aber auch bildungsbeflissen, anders hätte ein Mädchen in dieser Zeit keine Chance gehabt zu lernen. Es ist anzunehmen, dass in der Familie das reformatorische Vorbild der frommen Hausmutter mit ihrem symbolischen Kapital das Leben der Mädchen und das Verhältnis der Geschlechter bestimmt hat. Sibylla hat auch "fleißig" die Gottesdienste besucht und sicher die Bibel & andere religiöse Texte studiert. 

Sicher kann man in ihrem Falle auch davon ausgehen, dass das bildungsfreundliche protestantische Milieu zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit als Dichterin beigetragen hat. Der Vater selbst hat schon christliche Erbauungstexte verfasst. Eine bildungsfreundliche Einstellung bei Autoritätspersonen in jener Zeit, so die Erkenntnis & Erfahrung, begünstigt die intellektuelle Entwicklung von Mädchen, allerdings muss nach damaliger Auffassung die Vorbereitung auf die Rolle als Frau & Mutter gewährleistet sein.Auch erfährt Sibylla Förderung durch die Greifswalder Professorenschaft, mit der sie der Vater bekannt macht.

Es spricht einiges dafür, das Sibylla am Unterricht ihrer Brüder, vor allem des elf Jahre älteren Christian, partizipiert hat, so dass sie weit über das Elementarschulniveau gebildet ist. Christian scheint der entscheidende Förderer der Schwester gewesen zu sein. Er vermittelt ihr ihre lateinischen Sprachkenntnisse. So wird sie es später in dem Gedicht "Auff Die Ankunfft auß Franckreich Ihres Herrn Bruders D.Christian Schwarzern" darstellen: 
"Er macht eß / daß ich nicht allein darff bey der deutschen Sprache bleiben / er will mich zum latein auch treiben"
Christian versorgt die kleine Schwester auch mit französischer & niederländischer Literatur, darunter ein Buch des niederländischen Dichters, Juristen und Politikers Jacob Cats, in dem sie das unbekannte Wort "Kalberliebe" entdeckt, ein Ausdruck für kindliche Verliebtheit oder die ungewisse, unbeständige, unsichere oder auch flatterhafte Jugendliebe, die in ihrem jungen Leben eine Rolle spielt.  

Sibylla verfügt also auch über Kenntnisse der niederländischen und französischen Sprache. Ebenso vertraut ist sie mit der Literatur der Antike und verfügt über fundierte Kenntnisse in der Mythologie, übersetzt sie doch später einen Text aus Ovids "Metamorphosen", was auf eine erstaunlich gute Beherrschung der lateinischen Sprache schließen lässt. Wahrscheinlich hat sie sich auf diesem Gebiet auch autodidaktisch aus den Beständen der väterlichen Hausbibliothek weitergebildet. 

Für einen geregelten Schulbesuch gibt es jedenfalls keinen Beleg. Es lässt sich aber auch nicht ausschließen, dass Sybilla in ihrem schulpflichtigen Alter wegen des Kriegsgeschehens in Greifswald am Schulbesuch gehindert gewesen ist, denn in Pommern ist infolge der Reformation schon seit 1558 ein Schulerlass für Mädchen in Kraft getreten. In Greifswald ist der Lehrplan des Gymnasialrektors Johann Bugenhagens maßgeblich, nach dem Mädchen innerhalb von maximal zwei Jahren täglich vier Stunden in Lesen, Rechnen, Katechismus und Grundlagen der Musik unterrichtet werden sollen. 

Trotz all dieser möglichen Defizit wird das Mädchen später dem barocken Leitbild der weiblichen Gelehrsamkeit entsprechen.
Der Krieg erreicht Greifswald sechs Jahre nach seinem Ausbruch, als Wallensteins Truppen mit fünf Kompanien mit allerlei Tross inklusive Frauen vor der Stadt einfallen und eine schonungslose Härte ausüben, als wenn sie in einem eroberten Lande und nicht auf dem Staatsgebiet eines treuen Vasallen des Kaisers wären, der Pommern zugesagt hat, es nicht zu besetzen. Unter Missachtung also der Pommerschen Neutralität belagern sie die Stadt und pressen sie vier Jahre lang finanziell aus, was zum Erliegen des Handels & der Wirtschaft führt und zu großer Verelendung von Teilen der Bevölkerung. Vater Schwarz, seit 1628 also Bürgermeister Greifswalds, kann seine Familie zum Schutz vor den kriegerischen Unruhen zeitweise auch auf ihr Landgut Fretow, auch Frätow genannt, am Greifswalder Bodden schicken. Doch auch dieses Anwesen wird von den Wallensteinern zwischen 1627 und 1631 immer wieder bedrängt und beschädigt. Ihre Schreckensherrschaft wird erst mit der Übernahme Greifswalds durch die Schweden 1631 enden, nachdem der kaiserliche Stadtkommandant Oberst Perusius bei einem Erkundungsritt getötet worden ist. Am 17. Juni 1631 zieht der Schwedenkönig Gustav II. Adolf unter dem Jubel der Bevölkerung in Greifswald ein.
Vorher, 1630, sucht auch noch die Pest die Stadt heim und raubt der neunjährigen Sibylla die Mutter. Nach der Mutter Tod, die der lutherischen Lehre nach ja die erste Lehrerin ihrer Kinder sein und ihnen das religiöse Gedankengut und den Tugendkatalog beibringen soll, kümmert sich der Vater um die Weiterbildung der Tochter ( so wird es jedenfalls der Leichenprediger Sybillas später darstellen ). 

Die beiden älteren Schwestern - Regina ist zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt und Emerentia zehn Jahre jünger - übernehmen nun die Haushaltsführung und werden die neuen Leitfiguren für Sybilla. Von ihnen lernt sie die Töchterpflichten im Haushalt kennen und wird gleichzeitig in diese häuslichen Verpflichtungen eingebunden. Als vorbildliches, frommes Mädchen kann sie in einem höchst diffizilen Großbürgershaushalt mit repräsentativen Aufgaben aufgrund des Amtes des Vaters nur schwer freie Zeit für sich & ihre Neigungen finden und abknapsen, zumal die Vermeidung von Müßiggang eine wichtige - harte - Regel in der restriktiven protestantischen Vorstellung von der richtigen Mädchenerziehung gewesen ist. Sibyllas Beschäftigung mit der Literatur wird dementsprechend, wie wir anhand ihrer eigenen Aussagen erfahren, in ihrer Umgebung missbilligend wahrgenommen.

Deshalb dürfte sie am Anfang vor allem – typisch für schreibende Frauen im 17. Jahrhundert – religiöse Gedichte, Buß- und Kirchenlieder verfasst haben, denn damit stellt man/frau die eigene Frömmigkeit als auch die Kenntniss der heiligen Schrift und anderer theologischen Erbauungsbücher unter Beweis. Das kann man nicht wirklich kritisieren. Doch mit 10 Jahren fängt sie auch an, Gedichte über den Krieg und ihre Sehnsucht nach Fretow zu verfassen.
"Ist schon die ganze Welt im Blute durchgenetzet/ So bleibt doch etwas noch/ damit man sich ergötzet [...] Da auch der Musen Sinn/ und Geist die Flügel kriegt/ Das Feld/ da Freundschaft blüht/ die Kummerwenderin."
Fretow ist für Sybille, ihre Geschwister & ihre Freund*innen ein Zentrum der Geselligkeit. Besonders wichtig ist ihr dort die Gesellschaft der besten Freundin Judith Tanck und deren Schwester Dorothea, beide Pastorentöchter aus Greifswald. Fretow wird durch die junge Dichterin zum magischen Ort des Freundschaftskults stilisiert, fühlt sie sich doch dort frei und von Musen umgeben, denn es wird gemeinsam musiziert und gedichtet, und die missgünstige Beobachtung durch die Mitbürger in der Stadt entfällt. In ihrem Werk wird sie sich häufig über die Angriffe unverständiger Bürger Greifswalds beschweren, nach deren Meinung sich ein junges Mädchen nicht mit der Dichtkunst beschäftigen solle:
"Hat zwar die Missgunst tausend Zungen, / Und mehr dann tausend ausgestreckt, / Und kommt mit Macht auf mich gedrungen, / So werd ich dennoch nicht erschreckt."
"Ein Gesang wider den Neid" zeugt von einem ausgeprägten Selbstbewusstsein, beharrt das junge Mädchen doch auf ihr Recht auf den Beruf als Dichterin. Sie ist sich dessen gewiss, "dass auch dem weiblichen Geschlecht / der Pindus allzeit frei steht offen". Und sie sieht sich in einer Reihe mit Sappho und anderen achtundfünfzig Dichterinnen, die sie zu kennen vorgibt. Eine starke Botschaft in jenen Zeiten! Sibylla entwickelt also offenbar nicht nur ihre eminent poetische Begabung...

Einen weiteren wichtigen Anstoß erhält ihre Dichtkunst durch den Freund der Familie ( oft fälschlich als ihr Hauslehrer bezeichnet, der spätere Herausgeber ihrer Gedichte ) Samuel Gerlach, bis 1632 Erzieher und Privatlehrer, dann Feldprediger unter König Gustav Adolf.

Von links nach rechts: Samuel Gerlach, Sibylla Schwarz, Martin Opitz




Der macht sie mit dem "Buch von der Deutschen Poeterey" des Martin Opitz von 1624 vertraut. Opitz gilt bis heute als der wirkmächtige Begründer einer eigenständigen deutschen Poesie, der möglich gemacht hat, dass die deutsche Dichterei wieder Anschluss gefunden hat an die des übrigen Europas. In diesem Buch, so Sibylla, werden Wesen und Eigenschaften der Poesie "gründlich erzählet und mit Exempeln ausgeführet". Wir wissen aus ihren Aufzeichnungen, dass sie es wie im Rausch verschlungen und sofort versucht hat, ihre Gedanken über Gott und die Welt in die vorgeschriebenen Formen zu bringen, so etwa in die des hoch gelobten Alexandriners, der in der Dichtung des Barock, vor allem im barocken Sonett, zur herrschenden Versform wird.

Die Rolle Samuel Gerlachs als Mentor der jungen Sibylla Schwarz und Förderer des Druckes ihrer Gedichte ist übrigens typisch für die Kultur im 17. Jahrhundert: Weibliche Autorinnen können nur aufgrund von Beziehungen zu Autoren zur Geltung kommen. Es sind die Männer gewesen, die den Druck von Texten der Frauen gefördert haben, indem sie ihre Gedichte und Erbauungstexte empfohlen und Vorreden, Widmungsgedichte und Lobverse beigesteuert haben. 

Sibylla Schwarz schreibt auch die damals üblichen Gelegenheitsdichte zu Geburts-, Hochzeits-,  Begräbnistagen & anderen Ereignissen. Erstmals 1634 betritt sie damit den öffentlichen Raum, als sie ein Gedicht mit dem "Als J.F.G. von Croya und Arschott zu Greiffswald studieren halben angelanget" auf den jungen Neffen des Herzogs Bogislaw XIV aus Anlass seines Studienbeginns in Greifswald verfasst.

"Ich weiß nicht, wo ich bin, mein Herz beginnt zu funken,
Durch ungewohnten Brand, die Sprach ist ungehemmt,
Die Feder ist voll Saft und gänzlich ungezähmt"

beschreibt sie einmal ihre Lust zur Dichterei. Ihre Verse sind gelenkiger und eleganter als die der meisten männlichen Konkurrenten. Sie verwendet nicht bloß die obligaten Alexandriner, sondern auch leichte Drei- und Vierheber, ja, fast den ganzen Opitzschen Formenkanon, bildet also quasi alle Spielformen barocker Dichtkunst in Form von geistlichen und weltlichen Liedern, Oden, Sonetten, Epigrammen, ab und das auch noch in großartiger Qualität.  

Besonders ihre klassischen Liebessonette nach Art des Francesco Petrarca beeindrucken, zeigen sie doch eine selbstbewusste, liebende Frau, die ohne Scheu oder Angst die Liebe zu einer Frau offenbart. Neben der Liebe ist vor allem auch immer wieder der Krieg ein Leitmotiv in den Gedichten der Sybilla Schwarz, gern als antipodisches Prinzip: Liebe und Tod, Krieg und Frieden, Sonne und Finsternis, Herz und Verstand.

Die Sonette stellen den Höhepunkt der Kunst Sibyllas dar. In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder die Freundin Judith Tanck genannt, der sie ein Hochzeitsgedicht widmet: "Auf der Liebsten Abschied, im Namen eines Andern". Das Gedicht setzt dem Trennungsschmerz die Dauer der Freundschaft entgegen: "Freundschaft muss beisammen sein", heißt es da.

Neben den Gedichten entsteht in diesen wenigen Jahren außerdem noch eine biographisch gefärbte Schäfererzählung, eine Nachdichtung der "Daphne" des Ovid, das Dramenfragment "Susanna", welches sie dem Bruder Christian widmet ebenso wie eine Ode anlässlich seiner Rückkehr von seiner Studienreise aus Frankreich, und einige Übersetzungen aus dem Lateinischen, Holländischen ("Lob der Verständigen und Tugendsamen Frauen") und Französischen. Oft bleibt ihr neben den häuslichen Verpflichtungen und der Unterstützung des Vaters als vertrauenswürdige Schreiberin von Amtsdokumenten nur in den Nachtstunden dafür Zeit.

Sybilla ist alles in allem eine Ausnahmeerscheinung ihrer Epoche, ist sie durch die abgeschiedene Lage Greifswalds vom Rest der literarischen Elite in anderen deutschen Städten wie Nürnberg, Leipzig oder Königsberg gänzlich abgeschnitten, so dass ihr der Rückhalt einer Sprachgesellschaft abgeht, und hat trotzdem an der literarischen Weiterentwicklung im Land Anteil. Nach den Maßstäben des Barock ist die junge Frau aber nicht nur dichterisch - ästhetisch innovativ, denn in ihren Gedichten stellt sie zudem der männlichen Lebenswelt und Tradition gleichwie dem männlichen Begehren eine ganz schön selbstbewusste weibliche Perspektive gegenüber. Und das zwar kunstvoll, aber auch unverblümt.

1637 stirbt mit Herzog Bogislaw XIV. in Stettin das pommersche Fürstenhaus der Greifen aus und die pommersche Eigenstaatlichkeit endet. Schweden weigert sich nun, das Land den Erbberechtigten zu übergeben. Als auch in dem Jahr das Familien- Refugium Fretow von schwedischer Soldateska zerstört wird, fliehen die Schwarzens weiter nach Stralsund und Upatel südlich von Greifswald. Bei Sibylla findet die Zerstörung des Familienlandsitzes ( "ein irdisch Pradeis" ) Widerhall in einem Trauerspiel. Mit Samuel Gerlach beschließt sie in diesem Jahr ihre Werke zu veröffentlichen, allerdings ohne ihren richtigen Namen. Man entscheidet sich für das Pseudonym "Sibyllen Wachsesternin von  Wildesfragen", ein Anagramm.

1638 steht für Sibylle die alleinige Führung des Haushaltes an, nachdem Regina nach ihrer Verwitwung 1629 ein zweites Mal geheiratet hat und Emerentia ebenfalls eine Ehe eingehen wird. Zwei Tage vor der Hochzeit infiziert Sibylla sich mit der Ruhr. Judith Tranck und ihre Schwester bittet sie an ihr Totenbett und verfasst noch ein letztes Gedicht:

"So wolst du bey mir stehen, 
Und nimmer von mir gehen, 
So ist mir ewig wol
.
...

Den harten Todes=Kampf tritt an, 
du meine liebe Seele,
Geh an die werte Himmels-bahn, 
lass deines Cörpers Höle, 
der wird gar bald zu seiner Zeit 
dir nachfolgen seyn bereit."

Sybilla Schwarz stirbt am Hochzeitstag der Schwester, dem 10. August 1638, mit gerade Mal siebzehn Jahren in Greifswald. Die Leichenpredigt, durch den Pastor Christoff Hagen wenig später im Greifswalder Dom gehalten, nutzt das Zusammenfallen der Ereignisse und stellt einen biblischen Kontext her: Während die ältere Schwester sich auf Erden verheiratet habe, sei Sibylla den Weg der himmlischen Hochzeit gegangen, "als liebwerthe Braut" habe sie die "selige und fröliche Heimfahrt" zu ihrem "hertzallerliebsten Bräutigam" angetreten.

"Was nun für mehrere Gaben / bey Jhren längern Jahren / sich würden geeussert haben / ist auf disen wenigen ohnschwär abzunehmen"  soll Samuel Gerlach nach ihrem Tod geäußert haben. Was sie nicht alles hätte werden können!


Trotz alledem dauert es noch zwölf Jahre, bis Samuel Gerlach, der als einziger die Handschriften Sibyllas besitzt ( über deren Verbleib bis heute nichts bekannt ist )mit finanzieller Unterstützung von Sibyllas Familie ihre Werke in zwei Bänden 1650 in Danzig, wo er inzwischen als Prediger lebt, herausbringen kann. Der Wunsch der jungen Dichterin nach einem Pseudonym ist durch ihren vorzeitigen Tod überflüssig geworden. Zwei Kupferstiche sind den "Deutsche Poëtische Gedichte" vorangestellt, die Jacob Sandrart entworfen hat: Auf dem ersten findet sich das Porträt der Dichterin, umrahmt von antiken Sibyllenfiguren, und die Umschrift "Die Deutsche Sibylla". Mittlerweile ist der Dreißigjährige Krieg schon zwei Jahre zu Ende.

Der Wismarer Poetikprofessor Daniel Georg Morhof bezeichnet in seinen Vorlesungen in Kiel über die deutsche Sprache und Poesie 1682 Sibylla als ein "Wunder ihrer Zeit", spricht vom Widerspruch zwischen "zartem Alter" und "großem Geistund macht ihren Namen einem weiteren Publikum bekannt. Das sorgt auch dafür, dass das "Wunderkind" Sibylla schon bald bekannt ist als die "pommersche Sappho" und einen Platz in literarhistorischen Werken bis ins 19. Jahrhundert einnimmt. In neueren Sammelwerken wird sie dann nur noch selten erwähnt - da kann man mal sehen, wie hell die als grau verschrieene "Vorzeit" bisweilen gewesen ist!

Noch 1888 wird Sibylla "ein Zug frischer und wahrer Empfindung" zugesprochen und ihre "tiefe Religiosität" und Werte wie Innigkeit und "schlichte Demut" gerühmt. Dann dauert es bis ins 20. Jahrhundert, bis die feministische Forschung in den Vereinigten Staaten ihre Anteil am "Hervortreten weiblicher geistiger Autonomie" wiederentdeckt & herausstellt. 1980 veröffentlichte ein US-amerikanischer Germanist einen Reprint der Gerlachschen Ausgabe.

Gisela Brinker-Gabler wiederum veröffentlicht in ihrer Anthologie "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Gedichte und Lebensläufe" 1978 erst einmal vier Gedichte von Sibylla Schwarz, wodurch auch ich erstmals mit deren Poesie in Berührung gekommen bin.

Inzwischen haben die Dichtungen der Sibylla Schwarz Aufnahme in Anthologien, Vertonungen, Schulprojekte und literarische Adaptionen gefunden. Im Oktober 2013 hat sich erstmals eine internationale Fachtagung an der Universität Greifswald mit ihrem Werk befasst. Aus Anlass ihres 400. Geburtstages in diesem Jahr hat es alleine drei Neuausgaben ihrer Werke gegeben und der Sibylla Schwarz e.V in ihrer Heimatstadt gestaltet ein umfangreiches Programm. 

Es ist zu hoffen, dass es auch mit der Sanierung ihres Elternhauses endlich vorangeht, welches in einem desaströsen Zustand ist. ( In einer letzten Zeitungsnachricht habe ich gelesen, dass die Stadt eine Enteignung prüft. ) Das dürfte nämlich ein weiterer touristischer Anziehungspunkt in der Hansestadt sein und dem Vergessen der ersten bekannten deutschen Dichterin entgegenwirken, damit nicht wieder "über weite Zeitläufe hinweg von den Spuren der Frauen nicht mehr erscheint als von den Spuren eines Schiffes im Meer", wie es ihre Zeitgenossin  Anna Maria van Schurmann schon damals so zutreffend formuliert hat.





3 Kommentare:

  1. liebe Astrid
    welch ein herausragendes Porträit über eine Dichterin dieser Zeit von der ich nur wußte, dass sie schon mit 17 verstarb und Sonetten und gläubige Liedtexte geschrieben hat.
    Wer - was davon aufhob um es später zu publizieren war mir nicht bekannt und bleibt oft bei den Damen der Gesellschaft der damaligen Generation im nebulösen zeitgeschichtlichen stecken.
    du hast es herausgefunden und mit in ihre Biographie eingearbeitet, das muss dich unheimlich viel Recherche gekostet haben und wenn ich mir überlege wie heutzutage Gedichte, Texte und Handschriftliches verschwindet wenn es nicht veröffentlicht und einen Herausgeber gefunden hat, - ist die Kenntnis, dein Interesse dafür und die Gründlichkeit deiner ausgiebigen Recherchen nur zu bewundern!
    Hätten wir nicht das Vergnügen deine zeitgeschichtlichen Biographien interessanter Persönlichkeiten zu lesen wäre unser Bildungsniveau im Netz unter 10 von 100 Punkten schätze ich.
    ich bin dir ungeheuer dankbar, meines hast du auf jeden Fall angehoben und viel Interesse darüber geweckt wovon ich früher wenig Ahnung hatte.
    herzlichsten Dank....Angelface

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  2. Eine wieder mal mir unbekannte Frau, so jung schon verstorben und durch Krieg (und weitere Katastrophen) und Geschlecht so eingeschränkt. Dass Ihre Handschriften nicht mehr gefunden wurden, wundert mich nicht. Einmal war der 30j. Krieg wirklich furchtbar was solche Hinterlassenschaften betrifft (und nicht nur da, verständlicherweise) als auch "Frauenkram", warum also aufbewahren.
    Danke Dir für eine weitere great woman und sage mal "bis später - 12 von 12"
    und natürlich mit lieben Grüssen
    Nina

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  3. Mir war diese Dichterin auch unbekannt. Was aus ihr hätte werden können, wenn sie schon so früh so ein Talent gezeigt hat. Was für ein Jammer.
    Danke, dass Du sie so ausführlich vorgestellt hat. Man konnte auch gut in diese dunkle Zeit eintauchen.
    Liebe Grüße
    Andrea

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