Donnerstag, 2. Mai 2019

Great Women # 179: Gabriele Tergit

Im aktuellen Boom der historischen Berlin-Stoffe - hier sei nur nur an den durchschlagenden Erfolg von "Babylon Berlin" erinnert - hat auch zur Wiederentdeckung eines der orginellsten Romane jener angeblich so goldenen Zeit und seiner Autorin, Gabriele Tergit, geführt. Dass diese eine auch sonst sehr bemerkenswerte Frau gewesen ist, wird hoffentlich mein heutiges Porträt zeigen.
  

"Ein Beil lässt auf Wut schliessen, 
zum Revolver reicht Traurigkeit."

"Mit Geist lockt man keinen Hund vom Ofen. 
Wer will Geist? 
Tempo, Schlagzeile, Sensation, 
das wollen die Leute. 
Amüsement."

"Herrlich, 
wenn eine Frau versteht, 
alt zu sein."
Gabriele Tergit über Yvette Gilbert 1929

Elise Hirschmann, so der Geburtsname von Gabriele Tergit, wird am 4. März 1894 in Berlin in eine jüdische Unternehmerfamilie geboren.

Ihre Mutter Frieda, geborene Ullmann, stammt aus München, wo ihre Eltern in der Posamentenbranche tätig gewesen sind. Ihr Vater Siegfried Hirschmann hingegen ist in Ansbach geboren und hat in Berlin die Deutschen Kabelwerke gegründet sowie die Union Cable Works in Dagenham Docks bei London. Kurzzeitig hat er auch eine Autofabrik in Lichtenberg, die Dreiradautos ( "Cyklonette" ) herstellt. Beide elterlichen Familien sind wohlhabend, die mütterlicherseits schon seit dem Dreißigjährigen Krieg assimiliert, die väterlicherseits eher fromm: Der Großvater war Oberhaupt der orthodoxen jüdischen Gemeinde in Nürnberg gewesen.

Die Eltern praktizieren ihr Judentum kaum noch. Gabriele ist dennoch aufgrund der Großeltern vertraut mit jüdischen Festen und Bräuchen und wird sich später als fleißige Bibelleserin bezeichnen:
"Ich habe von Jesaja gelernt: Folge nicht dem großen Haufen nach, richte dich nicht nach dem Urteil der Menge. Dieser Satz ist einer der Erkenntnisse, die mir für mein ganzes Leben richtungsweisend gewesen sind." ( Quelle hier )
Mit ihrem Bruder Ernst wächst Gabriele zunächst im Berliner Osten, Bezirk Mitte, in der Raupachstraße auf. Sie spielt gerne auf der Straße mit all den Kindern dort, die in weniger betuchten Verhältnissen ( das eigene Haus der Hirschmanns hatte immerhin alle technischen Novitäten, fließendes Wasser & elektrisches Licht ) leben. Später wird sie auf diese frühen Erfahrungen mit anderen sozialen Milieus in ihrem Beruf zurückgreifen.

1910
Als der Wohlstand der Familie steigt, zieht sie in den Berliner Westen in die Corneliusstraße. Gabriele besucht zuerst die Charlotten - Schule, dann die Margareten - Schule, ein städtisches Lyzeum in Lankwitz, welches sie nach der Mittleren Reife 1910 auf Rat einer Freundin, aber gegen den Rat des Vaters verlässt, um die Soziale Frauenschule der Alice Salomon zu besuchen, ein überkonfessionelles Institut, das auf einen Beruf als Sozialfürsorgerin vorbereitet, denn darin sieht die junge Gabriele ihre Bestimmung, die höhere Tochter will sie nicht spielen. Sie arbeitet auch in einem Kinderhort im Osten, wo sie die Erfahrung macht, "daß es eine wirkliche Armut in der Welt gibt, eine schwer zu bekämpfende Armut, die große Probleme stellt." ( Quelle hier )

Mit neunzehn hat sie auf Anregung Gertrud Bäumers, Lehrerin an der Sozialen Frauenschule, ihren ersten Zeitungsartikel verfasst, der am 22. November 1915 in der Beilage "Zeitgeist" des "Berliner Tageblatts" erscheint. "Unsere Zeit ist Männerzeit" - so fängt der Artikel an und beleuchtet die Situation der Frauen, die zu 70 Prozent bis zu ihrem 30. Lebensjahr, und zu 50 Prozent nach ihrem 50. Lebensjahr ohne ehelichen Ernährer dastehen. Ihr Fazit: Berufsausbildung & ökonomische Selbständigkeit für Frauen tut not. Ihr Appell: das Recht auf eine Fachausbildung! In ihren Erinnerungen "Etwas Seltenes überhaupt" beschreibt sie ihre Gefühlslage vor dem Erscheinen dieses Artikels:
"In der Nacht, bevor der Artikel erschien, bekam ich eine tödliche Angst, ich stand auf, zog mich an, aber schon beim Strumpfanziehen wurde mir klar, daß man keine Schnellpresse anhalten kann. Ich erkannte, daß ich zu wenig wußte, und faßte deshalb in dieser schrecklichen Nacht den Entschluß, mein Abiturium zu machen und zu studieren. Als ich zum Frühstück kam, sagte meine Münchner Mama: 'Ja, wie schaust du denn aus?' Als der Artikel erschien, sah ich, daß meine Angst völlig berechtigt war. Ein junges Mädchen aus guter Familie hatte nicht in Zeitungen zu schreiben. Ich begegnete allgemeiner Verachtung."
Weil sie sich also intellektuell unterlegen fühlt, teils auch, weil der 1. Weltkrieg ihre Einstellung verändert hat, holt Gabriele tatsächlich das Abitur als "Wilde" ( Externe ) 1918 nach.

Nach erfolgtem Abitur studiert sie Geschichte, Philosophie und Soziologie in München, Heidelberg, Frankfurt und Berlin, hört Vorlesungen u.a. bei Max Weber. 1923/24 promoviert sie mit einer Doktorarbeit über Karl Vogt, einen Naturwissenschaftler und Mitglied des Paulskirchenparlaments von 1848.

Von 1920 an schreibt sie aber auch regelmässig Feuilletons für die "Vossische Zeitung" und das "Berliner Tageblatt". Nach dem Doktorexamen soll sie als freiberufliche Autorin Gerichtsreportagen für das Tageblatt schreiben. Sein Feuilleton - Redakteur nennt ihr nur Fall, Ort und Zeit der Verhandlung. Doch Gabriele steht minutenlang vor dem Zuhörerraum und kann sich nicht entschließen, den Saal zu betreten. "Dumm und lebensunfähig", so findet sie sich selbst danach. Erst ein Rechtsreferendar, den sie im gleichen Jahr beim Sommerurlaub auf Hiddensee kennenlernt und der sie ins Gericht begleitet, kann den Bann brechen. Sie schreibt ihre Reportage und schickt sie an den "Berliner Börsen-Kurier", einer linksliberalen Tageszeitung, denn der Tagesspiegel- Feuilletonist ist zwischenzeitlich nach Kopenhagen verzogen. Zwei Wochen lang schreibt sie Reportagen, ohne Vorstellung, wie die auszusehen haben und ohne zu kontrollieren, ob sie überhaupt erscheinen, bis besagter Referendar ihr bei einem Zufallstreffen berichtet, dass er alle gelesen hat.

So wird Gabriele die erste Gerichtsreporterin des Deutschen Reiches ( und macht diese zur literarischen Gattung! ) und veröffentlicht unter dem Pseudonym Gabriele Tergit ( Tergit ist ein Anagramm aus "Gitter", Gabriele ist sie als Kind gerufen worden ). Das Landgericht Moabit wird die Bühne, auf der sie die ganze Bandbreite der Probleme der Weimarer Republik dargeboten bekommt. Traurige Helden & Heldinnen spielen ihre Rolle meist bei Verhandlungen über kleinere Verbrechen wie Diebstahl, Beleidigung oder Betrug – "Gerichtsspreu" nennt sie das.

Die Prozesse verfolgt sie nicht mit den Augen der Juristin, sondern sie "betrachtete die Rechtsfälle von der menschlichen Seite aus". Darüberhinaus zeichnen sich ihre Reportagen durch "viel Ironie und Witz, manchmal auch mit einem Gutteil Berliner Schnauze" aus. Ihr besonderes Augenmerk gilt der schwierigen Situation der Frauen, die besonders an den Verstößen gegen das Abtreibungsgesetz abzulesen ist. Immer wieder berichtet sie über diese Schwangerschaftsabbrüche, die aus der Not heraus erfolgt sind, und schildert die Beweggründe der Frauen. Eine Reportage titelt sie 1926 beispielsweise "Moderne Gretchentragödie".

Als sie mitbekommt, dass das "Berliner Tageblatt" immer noch keine vernünftigen Gerichtsreportagen bringt, schreibt sie an den Chefredakteur Theodor Wolff, der sie zum Gespräch einlädt und sie für fünf Berichte im Monat für 500 Mark engagiert, Extraartikel zu 75 Mark zusätzlich. Der Redakteur des "Börsen - Courier" ist traurig. "Aber zum Berliner Tageblatt zu gehören galt damals als große Sache", so Gabriele später.

Theodor Wolff und Walter Kiaulehn
der eine später entschiedener Gegner der Nazis,
der andere ihr Auslandspropagandist
Es bleibt nicht bei den Gerichtsreportagen: Theodor Wolff engagiert sie als Mitglied der Redaktion, dem namhafte Journalisten jener Tage angehören wie Alfred Kerr, Paul Scheffer, Alfred Einstein, Rudolf Olden u.a. Bald schreibt sie nicht nur die Gerichtsreportagen, sondern auch Feuilletons über "Berliner Existenzen" und Artikel auf der sogenannten "Berlinseite", die Walter Kiaulehn erfunden hat. Dabei hat sie viel Freiraum, zum Beispiel auch den, über eine Griechenlandreise von 1927 zu schreiben. "Das bekamen sonst nur die besonderen Auslandskorrespondenten."

Doch die Gerichtsreportagen sind ihr wahres Metier. Und immer mehr spielt dabei die politische Entwicklung in der Weimarer Zeit eine Rolle: 1927 stehen Angehörige der sogenannten Schwarzen Reichswehr vor Gericht, die einen abtrünnigen Kameraden ermordet haben. "Unsichtbar steht ein großes Hakenkreuz vor dem Richtertisch", schreibt sie da. ( Tatsächlich werden diese als "Fememörder" bekannt gewordenen Verbrecher später als die ersten Soldaten des Dritten Reichs verehrt. )

Gabriele Tergit verkehrt auch in Berlins besseren Kreisen. Die Journalistin mit der schwarzen Hornbrille und den "Kugeln" um den Hals ( das hat sie der Frau eines Malers beim legendären Hiddensee- Urlaub abgeschaut und nie aufgegeben ) ist unterwegs in Bars und auf Bällen, bei Modenschauen oder macht einen Trockenskikurs mit - stets die Damen der Gesellschaft  im Blick, die sie trefflich und amüsant in der zwölfteiligen Serie "Berliner Existenzen" schildert, dabei sehr präzise, aber auch immer leicht spöttisch. So charakterisiert sie ein typisches "Oberschichtgewächs" wie die "Einspännerin" folgendermaßen: "Sie hat einen burschikosen Medizinerton am Leibe und nennt alle Welt ‚mein Herzchen‘. Sie spricht mit Kokotten von der Geschäftslage, rät Anfängerinnen, wenn schon, dann wenigstens zum Arzt zu gehen, macht höchst pessimistische Statistiken über die Männer, gibt Anweisungen für Frauen und solche, die es werden wollen, kurzum, ist ein famoser Kerl.“ ( Quelle hier )

Mit ihrem Ehemann Heinz Reifenberg
1928 tritt Gabriele mit dem Architekten & Diplom- Ingenieur Heinrich Julius Reifenberg, genannt Heinz, vor den Traualtar. Sie kennen sich seit Kindertagen. Der sechzehn Tage Jüngere ist vor dem Krieg tuberkulosekrank gewesen und hat eine Zeit auf Thomas Manns "Zauberberg" verbracht ( zeitgleich mit Katja Mann ) und ist dennoch als Soldat nach Verdun geschickt worden: "Das Groteske ist, dass der jahrelange Aufenthalt im Schützengraben unter freiem Himmel seine Tuberkulose völlig ausgeheilt hat", meint die Tergit dazu.

Der Altersunterschied von 16 Tagen, die sie älter ist als er, ist ihr ein Problem, und sie fälscht das Geburtsdatum in ihrem Ausweis, was noch einigen Stress verursachen wird, als ein Exil ins Auge gefasst werden muss.

Aber erst einmal wird Gabriele im Oktober Mutter eines Jungen namens Ernst Robert, genannt Peter. Ein Mädchen wäre ihr wohl lieber gewesen, denn "eine Frau muss eine Tochter haben." Es sollte ihr einziges Kind bleiben. Wegen der Wohnungsnot wohnt sie erst einmal bei ihren Eltern und arbeitet eine längere Zeit nicht, bis ihre Eltern ihr eine Sechszimmerwohnung am Siegmundshof 22 kaufen, zwar mit wenig attraktivem Blick auf die S-Bahn Station Tiergarten, aber mit Hausmädchen & Kinderfräulein. Die Reifenbergs können sich auch weite Reisen leisten, die der Ehemann kunsthistorisch versiert vorbereitet.

Von 1930 an bringen auch die berühmte "Weltbühne" Carl von Ossietzkys ( unter dem Pseudonym Christian Thomasius ) und das "Tage - Buch" Artikel von Gabriele Tergit. Viele werden auch nachgedruckt: So veröffentlicht über mehrere Jahre hinweg das "Prager Tagblatt" eine ihrer "Berliner Existenzen" in seinen Weihnachtsnummern.

Im Juli 1930 hat sie wieder über einen besonders spektakulären Prozess mit politischem Hintergrund zu schreiben, wieder einmal gegen Angehörige der Schwarzen Reichswehr. Dieses Mal geht es um einen jüdischen Zeitungsverkäufer, den sie totgeschlagen haben. Sie schreibt: "Sollte man das Aussehen der jungen Angeklagten beschreiben, so kann man sagen, daß sie gar keins haben. Sie haben alle nur eine Angst, die heißt Kommunisten. Sie erwarten Überfälle. Sie verteidigen sich. Sie rüsten. Sie geben Alarm. Sie rufen 'Dicke Luft!' Und zuletzt sind sie hundert gegen einen und schlagen die Menschen tot." ( Quelle hier ) "So zart kann man das Faustrecht, das sich in Deutschland ausbreitet, nicht bekämpfen", urteilt sie im "Berliner Tageblatt" vom 17. Juli 1930 über den Ausgang des Prozesses.

Ein Erlebnis während eines gemeinsamen Urlaubs mit ihren Eltern in Vorarlberg gibt ihr den Anstoß zu ihrem ersten Roman. Als sie auf die Bemerkung einer Dame - "Schönes Hotel, nicht wahr?" - reagiert mit: "Ich wäre lieber in die Schweiz gefahren", antwortet die Dame: "Das können Sie nicht, die Schweiz ist völlig verjudet." Noch am selben Abend beginnt sie ihre Satire und schreibt dann in sechs nahezu rauschhaften Wochen an der Ostsee, nur begleitet vom zweijährigem Sohn und dessen Kinderfrau, ihren ersten Roman, der sie 1931 mit einem Schlag berühmt macht: "Käsebier erobert den Kurfürstendamm":
"Der Schlagersänger Käsebier sieht weder sonderlich aus ("blond, dick, quibblig"), noch kann er super singen. Aber er begeistert die Mietskasernenberliner mit seinem Hit "Wie kann er nur schlafen durch die dünne Wand". Käsebier würde heute vielleicht als Freak durch eine Mischung aus Casting- und Kuppelshow geistern, Journalisten würden ihn in ihrer Sprache wohl cheesy nennen", schreibt Marc Reichwein an dieser Stelle anlässlich der fünften "Neuentdeckung" des Romanes im Jahre 2016.
Die zeitgenössische Literaturkritik lobt das bei Rowohlt erscheinende Werk als den "ultimativen Großstadtroman" und vergleicht die Autorin gar mit Emile Zola, was ihre Beobachtungsgabe und ihr soziales Engagement angeht. Ihr größtes Talent ist aber sicher ihr Witz, denn ihre Schilderungen sind mit fein eingestreuten Bosheiten garniert,  treffsicher, voller satirischer Verzerrungen und Übertreibungen. Außerdem schaut sie den Leuten aufs Maul, macht sich über Floskeln oder modische Formulierungen lustig, verwendet Dialekt, erfindet neue Wörter - neben "quibblig" ist das "trubulös", "Präpelei" ( Synonym für Schlemmerei ) und schafft neue Redewendungen wie "es klotzig haben". Und dann ihre Dialoge!

Mosse - Haus Berlin (1923)
Auch blitzen immer wieder zeitgeschichtliche Bezüge auf, sie liefert also eine gelungene Zeitdiagnose, vergleichbar mit Erich Kästners "Fabian", Falladas "Kleiner Mann, was nun" oder Irmgard Keuns "Das kunstseidene Mädchen". Zeitgenossen der Tergit lesen das Buch als Schlüsselroman auf Erich Carow und den Mosse-Konzern, dem das "Berliner Tageblatt" gehört – de facto ist das wohl nicht der Fall.

Mit Blick auf die Emanzipation der Frauen in der Weimarer Republik ist der Käsebier-Roman durchaus auch aufschlussreich: "Als wir auf die Universität kamen, war es eine große Seligkeit und wir hatten Ehrgeiz und wollten was leisten und hatten unseren Stolz. Und was ist kaum fünfzehn Jahre später? Das Girl ist gekommen (…), und der Kopf ist nur noch zur Frisur da", schreibt da Gabriele Tergit und man merkt, wie sie das Auftreten mancher Geschlechtsgenossin als Pose durchschaut.

Sie selbst ist seit Anfang der 1930er-Jahre Mitglied des Frauenvereins "Sorores Optimae", in dem jedes Mitglied einen anderen Beruf hat, der in den Sitzungen vorgestellt wird. Eine Feministin ist sie selbst wohl eher nicht, zumindest nimmt sie sich gegen Ende ihres Lebens anders wahr, als sie in einem Interview erklärt: "Ich mach doch diesen Quatsch mit der women’s lib nicht mit." Doch an ihren Texten kann man ablesen, wie sehr sie das Verhältnis von Männern und Frauen im öffentlichen und privaten Leben reflektiert und hinter die Fassade scheinbarer Erfolge für die Frauen in der Weimarer Zeit blickt, in der die grundlegenden ungerechten gesellschaftlichen Strukturen völlig unangetastet bleiben.

Als Gerichtsreporterin verfolgt sie dann auch den Prozess gegen Hitler und Goebbels wegen eines Pressevergehens im Januar 1932. Die Journalisten sind gezwungen, draußen zu warten, der Angeklagte betritt vor ihnen den Gerichtssaal. Nicht nur sie ist empört und sie wirft dem Gericht vor, Hitler wie einen zukünftigen Monarchen zu behandeln. "Wilhelm der Dritte erscheint in Moabit" betitelt sie dann auch ihre Reportage, in der sie auf die unverhohlene Parteinahme des Richters hinweist. Die, noch aus der Kaiserzeit stammend, hegen gegenüber den SA - Schlägertruppen & Parteimitgliedern große Sympathie...

In ihren Erinnerungen  wird sie sich dann später fragen: "Wenn ich einen Revolver besessen hätte und ich hätte ihn erschossen, hätte ich fünfzig Millionen vor einem frühen Tod gerettet und ich wäre Judith II.  geworden. Aber wer hätte das gewusst?" In diesen Erinnerungen berichtet sie von vielen kleinen Begebenheiten in Berlin, die einen Einblick geben in die Art & Weise wie mittels braunem Mob die Menschen in der Hauptstadt eingeschüchtert und antisemitische Ressentiments geschürt werden.

Gabriele Tergit, zweite von links, mit Edith Hamann,  Brigitte Helm und Ilse Langner (1930)


Dass eine solche Journalistin den neuen Machthabern nicht genehm ist, ist nicht verwunderlich. Sie gilt als Feindin des NS-Regimes wegen ihrer jahrelangen Veröffentlichungen über die völkische Bewegung und die Nazis: "Ich hatte dauernd über Nazi-Prozesse berichtet und war also vor allem dem Sturm 33 ein Dorn im Auge, weil ich dessen Totschlagekünste mitgeteilt habe."

Am 4. März 1933, Gabrieles 39. Geburtstag, versucht ein Überfallkommando der SA, besagter "Sturm 33", ihre Wohnung zu stürmen. Ein paar Tage zuvor hat der Reichstag gebrannt, die Jagd auf Kommunisten ist im vollen Gange. Nun donnern um fünf Uhr morgens, draußen ist es noch dunkel, Fäuste an ihre Tür am Siegmundshof.  Das Hausmädchen will schon aufmachen, als Gabrieles Mann aus dem Schlafzimmer ein "Nicht aufmachen!" brüllt, selbst zur Tür eilt und sie öffnet. Die eiserne Sicherheitskette ermöglicht das nur einen Spalt breit: Der SA-Trupp präsentiert einen Haftbefehl für Gabriele Tergit. Mit aller Kraft wirft sich Reifenberg gegen die Tür, um sie wieder zu schließen Einen Aufschub für Gabriele gibt es, weil sich das Paar an die zu diesem Zeitpunkt noch sozialdemokratisch dominierte Schutzpolizei wendet.

Doch Gabriele sagt sich:"Ich bleibe nicht", packt noch am selben Tag ihre Koffer und flieht am nächsten Tag mit ihrem vierjährigen Sohn in die Tschechoslowakei, nach Spindlermühle im Riesengebirge. "Ich roch, dass so ein gewaltiger Hass, wenn er freigegeben, zu Mord führen musste", kommentiert sie später.

Achtzehnmal wird Gabriele im Exil die Adresse wechseln und nirgendwo mehr richtig ankommen: Von Prag aus folgt sie im November 1933 ihrem Mann nach Palästina, wo der als Architekt einen großen Auftrag erhält und ihr Sohn zur Schule geht. Doch sie wird krank, die Mentalität im Land bleibt ihr fremd: Den Zionismus lehnt sie als dem Geist des Judentums widersprechend ab, und sie wird wiederum als "feine" deutsche Jüdin von den Alteingesessenen abgelehnt, die Sprache ist ihr unverständlich und das Klima unverträglich. Den Sohn schickt das Paar 1937 zu den Großeltern nach Berlin, von wo aus er im Jahr darauf nach England verschickt und in einem Internat untergebracht wird. ( Die Eltern Hirschmann gelangen 1939 mit ihrem Sohn Ernst nach Guatemala, wo Siegfried Hirschmann 1942 stirbt. ) Aufgrund ihres britisch-palästinensischen Passes kann das Ehepaar später ebenfalls nach London emigrieren.

Und während in Deutschland die Juden entrechtet und ermordet werden, während ihr einstiger Chefredakteur Theodor Wolff und die Schwestern ihres Vaters ins KZ deportiert werden und sie jeden Tag neue Hiobsbotschaften erreichen, schreibt Gabriele weiter an einem Buch, dass sie schon 1931 nach ihrem ersten Erfolgsroman in Berlin angefangen hat. "In Dutzenden von Hotelzimmern, in Prag, Jerusalem, Tel Aviv und schließlich ab 1938 in London entstand dabei die Chronik einer untergegangenen Welt, die Tergit über alles geliebt hat", schreibt Nicole Henneberg im Nachwort zu einer Neuausgabe von "Effingers" in diesem Jahr, den Gabriele schon 1951 im Exil beendet und der erstmals in Deutschland veröffentlicht wird. Aber der Erfolg ist damals ausgeblieben.
"Es gibt keinen anderen Roman, der wie dieses große Werk des Exils, das untergegangene Berlin und die Welt der jüdischen Berliner literarisch rettet. Er ist von einer verstörenden Wahrhaftigkeit. Wer ihn liest, schaut danach anders auf Straßen, Zimmer, Menschen", schreibt Jens Bisky in seiner Rezension hier.
"Dass dieses Buch nicht längst ein fester Bestandteil des deutschen literarischen Kanons ist, halte ich für einen Skandal", meint Thea Dorn im "Literarischen Quartett"
Auch Gabriele Tergits weitere Werke "War’s eben" und die Novelle "Der erste Zug nach Berlin" finden keinen Verleger mehr ( letztere erscheint erst im Jahr 2000 ). Gabriele Tergit gerät in Vergessenheit.

Mit Mann & Sohn in Venedig (1948)
Erst 1948 - da ist sie schon britische Staatsbürgerin - geht für sie wieder ein "erster Zug nach Berlin" mit einem Auftrag der "Neuen Zeitung", über London zu berichten. Sie findet ihr Elternhaus als Ruine vor und das alte Zeitungsviertel in Schutt und Asche. Natürlich besucht sie auch ihre alte "Bühne", das Kriminalgericht Moabit. Sie findet das Gerichtsgebäude unverändert, selbst der Wachtmeister an der Tür erkennt und begrüßt sie. In der Verhandlung geht es um einen Diebstahl unter kleinen Leuten, um einen gestohlenen Ring - alles wie immer. Doch dann denkt sie:
"Dafür dieser Aufwand? Hundertausende von Ringen waren in der ganzen Welt gestohlen worden, silberne Schüsseln, Gemälde und Teppiche zerbombt, verbrannt und in den halb zerstörten Häusern von Soldaten aller Armeen, von den lieben Nachbarn geraubt worden. Konnte man hier und so wieder anfangen?
Aus Hamburg berichtet sie 1949 noch für die "Neue Zeitung" über den Prozess gegen Veit Harlan, den Schauspieler und Regisseur der Propagandafilme "Jud Süss" und "Kolberg", in dem dieser von der Schuld, einflussreiche Nazi-Propaganda produziert zu haben, freigesprochen wird, weil ihm das Gericht glaubt, er sei zur Regie von "Jud Süß" gezwungen worden und eine Weigerung hätte ihn in eine bedrohliche Lage gebracht. Danach stellt Gabriele Teigt ihre Tätigkeit als Gerichtsreporterin ein. Sie besucht noch das Lager Bergen - Belsen, als dort der "endlose Zug" beginnt: Sie trifft auf "eine armselige, erschütternd unruhige, sinnlos hin- und herlaufende Menge" von Auswanderern aus deutschen Konzentrationslagern und aus Sibirien.

Ab da schreibt sie nunmehr hauptsächlich zu kulturgeschichtlichen Themen, z.B. das "Büchlein vom Bett" (1954) oder "Kleine Geschichte der Blumen: Kaiserkron und Päonien" (1958). 1957 wird sie zur Sekretärin des P.E.N.-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland gewählt, ein Amt, was sie bis 1981 innehat. Im Rahmen dieser Funktion veröffentlicht sie noch drei Bände mit Biografien und Autobiografien der Mitglieder.

Ihr Englisch ist zu schlecht, um journalistisch in Großbritannien zu arbeiten, ihre aus dem Ausland deutschen Zeitungen angebotenen Texte finden wiederum keine Resonanz. Sie will aber gerne in England wohnen bleiben, das sie wegen seiner stabilen Demokratie bewundert und in dem sie die Menschenrechte besser verwirklicht findet als in Deutschland.

1964 stirbt ihr Sohn, ein begabter Mathematiker & Schachspieler, aber ebenso begeisterter Bergsteiger, 35jährig durch Steinschlag in den Dolomiten, 1968 ihr Mann Heinz Reifenberg in London an Krebs.

Source
Als der Kölner Rundfunkjournalist Frank Grützbach den "Käsebier" Mitte der 70er Jahre in einem Antiquariat entdeckt, macht er ein vielbeachtetes Radiofeature über das Buch, und im Rahmen der Berliner Festwochen 1977 wird die Wiederentdeckung Gabriele Tergits gefeiert und ihre Werke neu aufgelegt.

Sie schreibt noch ihre Lebenserinnerungen, deren Veröffentlichung sie aber nicht mehr erlebt: Am 25. Juli 1982 stirbt sie in einem Londoner Krankenhaus. Ein halbes Jahr nach ihrem Tode erscheinen sie bei Ullstein unter dem Titel "Etwas Seltenes überhaupt" - so hat ihr Freund und Kollege Rudolf Olden beim Tagesspiegel sie einst charakterisiert.

Vorher hat sie noch der Autor Jens Brüning in London besucht und auf eine Neuveröffentlichung ihrer Feuilletons angesprochen. Sie habe die doch schon alle in ihrem ersten Roman verarbeitet, so ihre Reaktion. Erst 1999 kommen einige ihrer Gerichtsreportagen als Buch heraus.

In Berlin wird in der Nähe des Potsdamer Platzes 1998 eine Straße nach Gabriele Tergit benannt und 2014 ihr Nachlass, aufbewahrt bei ihrer Schwiegertochter in Mittelengland, von ihrem Neffen Tomas Hirschmann dem Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam vermacht. Und seitdem gibt es eine neue - die wievielte eigentlich? - Gabriele -Tergit-Renaissance und der Verlag Schöffling & Co in Frankfurt gibt sich alle Mühe, der tollen Autorin wieder eine Leserschaft zu verschaffen. Gut so!





Kommentare:

  1. Wieder einmal eine sehr interessante Frau, die du da beschreibst... Danke!
    LG Kathrin

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  2. Von dieser Schriftstellerin hatte ich noch nie gehört, geschweige denn etwas von ihr gelesen. Ihr Leben birgt so viel Drama und Schicksal, das ist ja schon ein Roman für sich.
    Gut, dass Du sie vorgestellt hast.
    Herzlichste Grüße von Sieglinde

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  3. wieder ein schönes billet, werde ich aber aufmerksam in den kommenden ferien lesen, im moment bin ich überfordert :))) liebe grüsse

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  4. Auch ich schließe mich an: nie gehört von dieser interessanten Frau. Aber sicher werde ich von ihr lesen, mal sehen, was das Antiquariat oder der Buchhandel hergibt.
    Wie immer: danke für das Vorstellen und das Erinnern an eine außergewöhnliche Frau.
    Beste Grüße - Brigitte

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  5. Da habe ich mir gleich mal die "Effingers" auf meine Leseliste gesetzt.
    Danke für das spannende Portrait!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. Das war mal wieder ein Hochgenuss,
    vielen Dank dafür.

    Herzlichst,
    Tanja Priebs

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  7. Den Namen habe ich noch nie gehört. Aber den gesamten Text lese ich erst heute am späten Abend.Leider kann ich dann keinen Kommentar schreiben. Warum auch immer es vom Tablet nicht funktioniert. Aber jetzt schon danke für die Lektüre. Beste Grüße von Rela

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  8. ein weitergeleiteter Kommentar von meiner Mama:

    Liebe Astrid,

    wie schön, wieder eine tolle Frau aus dem Fundus. Für mich als Fränkin und in Nürnberg geborene, kommt da eine Verbindung auf, ihr Vater in Ansbach geboren und mein Schwiegervater ein 1893 geborener Ellwanger. Es gefällt mir mich da mit den Jahreszahlen beschäftigen zu können, denn auch für meine Großeltern, ebenfalls zu dieser Zeit geboren, zeichnet sich wieder ein Bild, wovon mir nicht viel bekannt ist. Der Name Hirschmann kam hier oft vor, aber ob es da Zusammenhänge mit Gabriele Tergit gab, weiß ich leider nicht. Ob wohl Bücher von Gabriele Tergit im Bücherschrank meiner Großeltern standen? Oder vielleicht auch bei meinen Eltern, denn meine Mutter als 1905 geborene ist ja nicht weit entfernt. Mein Bruder sogar, 1931 geboren und zwei Jahre jünger als ihr Sohn Peter, käme noch in den Kreis derer. Auch mein Vater litt schwer an der damaligen Arbeitslosigkeit 1933. Nur meine Mutter als Sekretärin bei Telefonbau, ernährte damals die Familie und bezahlte das bescheidene Holzhäuschen ab, daß die Stadt Nürnberg damals als Notwohnhaus auf 50 Jahre genehmigte. Die handgezeichneten Pläne mit Bleistift besitze ich noch.
    Mit diesen Jahreszahlen zu spielen, fasziniert mich stets, der Mensch ist neugierig und immer bemüht etwas zu erfahren was längst vergangen ist und auch niemand auf Fragen mehr antworten kann. Solange man noch Menschen um sich hat aus seinem persönlichen Umfeld, sollte man viele Fragen stellen. Andererseits müßen wir unser Wissen an die nachfolgende Generation weitergeben, auch wenn man sich oft unbeliebt macht: "du immer mit deinem Früher", bekommt man oft zu hören. Ich war auch dabei bei Denjenigen, heute bereue ich es. Ja wenn man immer das Ende schon kennen würde, bräuchte man auch nicht lesen oder lernen, man könnte sich bedienen, nur an den schönen Dingen des Lebens. Worte wie Kriege und Kämpfen wären dann in unserem Wortschatz nicht vorhanden.
    Danke für die Vorstellung einer weiteren Great women und Grüße an Dich wie immer kostenlos mit dabei von der Helga

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  9. auch ich habe noch nie ihren namen gehört. danke für das ausführliche portrait. "moderne gretchentragödien" gibt es ja leider heute auch wieder, da sich inzwischen viele ärzte und kliniken weigern abtreibungen vorzunehmen. ein trauerspiel!
    liebe grüße
    mano

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  10. Diese Frau gefällt mir gleich mehrfach. Ist sie doch Berlinerin und hat wunderbare Bücher geschrieben. Du hast sie wieder toll beschrieben und ich schaue mal in meinem Bücherregal, ich glaube sogar ein Buch von ihr zu besitzen.
    Lieben Gruß
    Andrea

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  11. Liebe Astrid,
    wieder ein spannendes Frauenporträt von dir...der Name kam mir bekannt vor ... hattest du in einem anderen Great-Woman Post evtl. darauf verwiesen. Jedenfalls hast du meinen Horizont erweitert so wie mit vielen deiner Posts.
    Lieben Dank dafür, Marita

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  12. Das will ich unbedingt noch lesen, muss aber später nochmal wiederkommen... LG Ulrike

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  13. Eine im Geiste immer unabhängige und unbequeme Frau, wie gut! Danke für das Portrait, da kommt gleich was von Frau Tergit auf die Leseliste. Die hiesiegen Bibliothelken haben einiges im Sortiment! Herzlichen Gruß und bon weekend, Eva

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  14. das war wieder sehr interessant
    vielen Dank für die Vorstellung
    liebe Grüße
    Rosi

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  15. "Herrlich, wenn eine Frau versteht, alt zu sein." Eine solche Frau durfte ich am Wochenende bei mir zu den Tagen der offenen Ateliers kennenlernen... Und Gabriele Tergit..., meine Güte... Als ich eben nach der ersten Lektüre deines wieder so dicht und mit Verve geschriebenen Porträts nach einem ersten Buch suche, um von ihr oder über sie mehr zu lesen, komme ich auf Gartengeschichten... Meine Güte, davon steht in meinem Schrank und aus denen habe ich schon gelegentlich zu den Jahreszeitenabenden vorgelesen... Ich dachte erst an eine Namensgleichheit verschiedener Frauen, aber nein, es ist dieselbe Frau... Wer eigentlich dahinter steckt, davon hatte ich keine Ähnung... Ach Astrid, du öffnest immer wieder Welten - oder führst sie zusammen... - und nun nehme ich Effingers mit in den Kurz-Urlaub, mit Neugier, was das Buch mit meinem Berlinblick, der dringender Auffrischung und/oder Wandlung bedarf, machen wird. Herzlich Danke für diesen Genuss deines Beitrags über diese tolle Frau. Und liebe Grüße Ghislana

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Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, wenn der Ton daneben ist...

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