Donnerstag, 1. August 2019

Great Women # 188: Victoria Adelaide Mary Louisa, Kaiserin Friedrich

Die Frau, die ich heute vorstelle, war mir so gar kein Begriff ( ganz anders als ihr Sohn, der in einem Zeitalter regierte, das mein Themenschwerpunkt im Geschichtsstudium war ). Beim Schreiben meines Porträts von George Eliot stieß ich auf ihren Namen, wurde neugierig und habe weiter recherchiert. Die Rede ist heute von Victoria Adelaide Mary Louisa, Prinzessin von Großbritannien und Irland, ab 1888 Kaiserin Friedrich.

Porträt von Franz Xaver Winterhalter (1842)

Im Jahr 1840, genau am 21. November, kommt Victoria Adelaide Mary Louisa als erstes Kind der englischen Königin Victoria und ihres Prinzgemahls Albert von Sachsen-Coburg-Gotha im Londoner Buckingham - Palast zur Welt, neun Monate, nachdem die beiden Cousins geheiratet haben. Kurz vor ihrem ersten Geburtstag wird ihr der Titel "Princess Royal" verliehen.

Zu einer Zeit, als der adlige Nachwuchs von seinen Eltern streng getrennt aufwächst, lebt die kleine Prinzessin mit ihren vier Brüdern und vier Schwestern, die bis 1857 folgen werden, relativ eng mit ihren Eltern zusammen. Insbesondere Albert als Vater hält nichts vom potentiell korrumpierenden Einfluss des Hofes auf die Kinder, weshalb das Paar den Lebensmittelpunkt vom Buckingham Palace nach Windsor Castle verlegt. Und die Königin schätzt den Aufenthalt in frischer Luft ( später wird ihre Tochter den Sandkasten in Deutschland einführen ), was ab 1845 im Osborne House, einem 400 Hektar großen Landsitz auf der Isle of Wight, der als Rückzugsort für die Familie dient, besser möglich ist.

Die Queen, die es hasst, immer wieder schwanger zu sein und mit Säuglingen nichts anfangen kann,  hat in jungen Jahren ein eher distanzierteres Verhältnis zu ihren Kindern, das mitunter auch ganz schön konfliktbeladen ist. Den Ausgleich schafft der Vater, der sich ganz besonders der Erziehung seiner ältesten Tochter annimmt, Anteil an den Fortschritten der Kinder zeigt, sie teilweise selbst unterrichtet und viel Zeit mit all seinen Kindern verbringt, auch um mit ihnen zu spielen. Für die Kinder wird ins Osborne House ein "Swiss Cottage" importiert, in dem die Prinzen schreinern und gärtnern, die Prinzessinnen kochen und den Haushalt führen.

Prinz Albert mit seiner Tochter Victoria
Schon bevor die Kinder geboren sind, hat Prinz Albert schriftlich festgelegt, von der Queen mitunterzeichnet, welche Aufgaben und Pflichten alle Personen haben, die mit der Erziehung der königlichen Kinder befasst sein werden ( anderthalb Jahre später folgt eine weitere Schrift durch einen Vertrauten des königlichen Elternpaares ), zeigt in seinen Erziehungsgrundsätzen aber, dass seine Kenntnis der kindlichen Entwicklung eher von großer Ahnungslosigkeit geprägt ist. Zu Victorias Glück sind ihre "Nurses" sehr erfahren und zudem diplomatisch geschickt genug, die unrealistischen Erwartungen der Eltern an ihre Kinder abzumildern. Besonders zu ihrer zweiten Gouvernante, Sarah Anne Hildyard, eine engagierte und geschickte Lehrerin, wird Victoria eine enge Beziehung entwickeln.

Das Mädchen ist gerade eineinhalb Jahre alt, da wird es schon in Französisch unterrichtet und noch vor Vollendung ihres vierten Lebensjahres auch in Deutsch. Miss Hildyard erteilt Victoria Unterricht in Naturwissenschaften, Literatur und Latein. Die sechsjährige erhält dann Unterricht in Arithmetik, Geografie und Geschichte, von acht bis achtzehn Uhr, nur von drei Spielstunden unterbrochen. Vicky, so ihr Kosenname, fällt durch Intelligenz & Lernbegierde, aber auch Eigensinn auf und lernt sehr viel erfolgreicher als ihr Bruder Albert Eduard, der allerdings als zukünftiger König Edward VII. einem noch rigoroseren Lern- und Erziehungsprogramm unterworfen wird.

Den Politikunterricht übernimmt der Vater für Victoria und ihren Bruder höchstpersönlich, denn ihm ist die Umsetzung seines "Coburger Planes" wichtig, der vorsieht, dass der immer noch halbfeudale preußische Militärstaat zu einer Monarchie mit einer liberalen Verfassung umgewandelt wird. Handel und Wandel, Industrie, Religionsfreiheit hat bei Albert oberste Priorität, weit vor kriegerischen Unternehmungen. "Das öffentliche Wohl und der Frieden Europas gehen vor dem eigenen Gefühl", so seine Ansicht.

Der Queen ist etwas anderes wichtig: "Die Erziehung der königlichen Kinder sollte von frühesten Anfängen an wirklich moralisch sein...", weshalb sie selbst deren Religionsunterricht bestreitet.

Victoria mit ihren Schwestern Alice, Louise & Helena
(1849)
1851 werden der befreundete Prinz Wilhelm von Preußen ( der spätere König von Preußen und deutscher Kaiser) und seine Frau Augusta von der Queen nach England eingeladen, um die Weltausstellung im Hyde Park zu besuchen, an deren Organisation Prinz Albert maßgeblich beteiligt gewesen ist. Wilhelm und Augusta werden von ihren beiden Kindern, Friedrich, einem schönen, großen, schlanken & breitschultrigen knapp Zwanzigjährigem, und der 13-jährigen Louise begleitet. 

Die kleine elfjährige Prinzessin Victoria läuft mit dem jungen Mann durch diese Superschau, erklärt ihm die Spitzenleistungen der ganzen Welt in Wissenschaft, Technik und Industrie -  und das auf deutsch, um seinem mangelhaften Englisch entgegenzukommen! Der preußische Prinz ist höchst erstaunt, ja entzückt von dieser "kindliche(n) Einfachheit, gepaart mit dem Geist einer Frau." Vier Wochen bleibt er in England, genießt das unkompliziertere Familienleben der englischen Royals und findet in Prinz Albert einen Gesprächspartner, der seine liberalen politischen Ansichten teilt.

Nach der Rückkehr des Prinzen nach Deutschland beginnt ein regelmäßiger Briefverkehr, und Victoria teilt dem Onkel in Belgien, König Leopold I. , mit, dass sie hoffe, dass sich aus dieser Begegnung etwas Dauerhaftes ergeben möge.

Vier Jahre später, 1855, wird Fritz, so sein Rufname, von der Queen und Prinz Albert ins schottische Balmoral eingeladen. Sowohl die britische wie die preußische Königsfamilie sind der Meinung, dass Fritz und Vicky in die Pötte kommen und eine Entscheidung über ihre gemeinsame Zukunft treffen sollten. Immerhin ist der Prinz nach seinem Vater der zweite in der preußischen Thronfolge, da der regierende König selbst kinderlos ist. 

Fritz scheint wild entschlossen, nicht eher abzureisen, bis er sich mit der nun fünfzehnjährigen Vicky verlobt hat und gesteht der Queen, dass er sie "allerliebst finde". Seinen Antrag mag er nicht länger hinausschieben, da er auch die Zustimmung seiner Eltern und des Königs habe und endlich eine Familie gründen wolle. Ganz romantisch stellt er den Antrag gegenüber der Prinzessin mit einem Stängel weißen Heidekrauts – Wahrzeichen des Glücks – in seiner Hand. Und er betont, dass es weder Politik noch Ehrgeiz sei, sondern allein sein Herz, das ihn mit der "kleinen Lady" ein häusliches Glück zu finden wünscht.

Schließlich verfügen die königlichen Eltern, dass die Hochzeit warten müsse, bis Victoria 17 Jahre alt ist. Kaum ist der Preußenprinz abgereist und die Verlobung bekannt, zeigt sich, dass eine solche Ehe in Großbritannien nicht gerade Zuspruch findet. Die "Times" fragt sich, ob es nötig sei, eine Tochter Englands mit all der "Ungewißheit und Gefahr zu beladen", sie zu dem "feigen" König Friedrich Wilhelm IV., der sich jedem Fortschritt in den Weg stellt, nach Preußen, einer "zweitklassigen Macht", zu schicken. 

Üblicherweise findet eine Hochzeit im Heimatland der Braut statt, aber Victoria wird einen zukünftigen Monarchen heiraten, und deshalb soll die Hochzeit in Berlin stattfinden. Die Queen hat da andere Argumente: 
"Die Annahme, dass es zu viel wäre, wenn ein Prinz von Preußen herüberkommt, um die Prinzessin von Großbritannien in England zu heiraten, ist, gelinde gesagt, zu absurd… Was auch immer die übliche Praxis sein mag, unter den preußischen Fürsten heiratet man nicht jeden Tag die älteste Tochter der Königin von England. Die Frage muss daher als geklärt und beschlossen betrachtet werden ... "
Also findet die Hochzeit am 25. Januar 1858 in der königlichen Kapelle des St. James Palastes in London  statt, wo auch die Eltern der Braut geheiratet haben.








Und dabei geht es zu, wie wir es noch heute immer wieder gerne ( und mit einer Prise Neid vielleicht? ) in den Medien verfolgen: viele Kutschen, viele Gardisten, die Familienangehörigen in den leuchtenden roten Uniformen der schottischen Garde, die Braut, von ihrem Vater zum Altar begleitet, die eigentliche Trauung vom Erzbischof von Canterbury durchgeführt. Damals erklingt anschließend das "Halleluja" von George Friedrich Händel, und das frisch vermählte Paar zieht zum Hochzeitsmarsch aus dem "Sommernachtstraum" von Felix Mendelssohn, der damals zum ersten Mal bei einer Hochzeit verwendet wird, aus der Kapelle.

Im Lande gibt es überall Festessen für die Armen, Feuerwerke und zahllose Kindergesellschaften. Der Bräutigam erhält den berühmten Hosenbandorden, und die Menschen auf der Straße fordern ihn auf: "Behandele sie gut, oder wir wollen sie zurückhaben!"

Die Mitgift der jungen Braut hingegen bleibt unsichtbar und für die Preußen eher eine Zeitbombe: ihr Liberalismus.

Doch erst einmal wird die Princess Royal, als sie Ende Januar von England nach Preußen kommt, mit der Kälte & Rauheit des Landes konfrontiert: "Langsam schaukelte die weinende verzweifelte Braut von siebzehn Jahren im Kanal durch einen Schneesturm und in einen dichten Nebel hinein", wird ihr Biograph Andrew Sinclair später schreiben. "Der feierliche Einzug in Berlin glich eher einem Krieg als einem Fest." Während des militärischen Begrüßungsprotokolls bekommt sie kalte Füße und sagt: "Ich habe nur einen warmen Fleck, und das ist mein Herz."

Victoria & Friedrich im Januar 1858
Die neuen Wohnverhältnisse sind kaum besser: Das junge Paar muss im muffigen, düsteren und zugigen ehemaligen königlichen Palais leben, das schon lange unbewohnt ist. Um ins Bett zu kommen, muss man erst das Sterbezimmer Friedrich Wilhelms III. durchqueren, es gibt kein Badezimmer, es gibt keine "englischen Einrichtungen". Und ohne Genehmigung des  herrschenden Königs darf nichts geändert werden. Der ist ausgesprochen genervt, als sie um "Wasserleitung, Kanalisation", um Licht, Luft und Seife bittet - alles furchterregende Neuerungen & sinnlose Verschwendungen in den Augen des preußischen Herrschers.

Aber was viel schlimmer ist: Ihr freier Geist wird alsbald eingeschränkt! Und ihr Gemahl erweist sich immer wieder als Zauderer, schwankend zwischen preußisch-soldatischem Geist und englisch-liberalen Anschauungen. Sie ist ihm durch ihre Ausbildung geistig überlegen, spontan, lebhaft, engagiert, wird aber mit ihren Versuchen, sich in die Politik einzumischen und - ganz im Sinne ihres Vaters - so etwas wie einen freiheitlichen Geist unter die Preußen zu bringen, nicht froh. Victoria besucht oft ihre Familie, um sich Rat zu holen.

Ein Jahr nach der Hochzeit bringt sie im Palais ihr erstes Kind zur Welt: Wilhelm. Dabei kommt es wegen einer Steißlage zu erheblichen Komplikationen, obwohl die englische Queen einen Arzt geschickt hat. Ein Kaiserschnitt ist damals gleichbedeutend mit dem Tod der Mutter. Also wird die Prinzessin unter anderem mit Chloroform betäubt, und der Arzt zieht das Kind unter größten Anstrengungen aus ihrer Gebärmutter, beschädigt dabei Kopf und Nacken und zerstört wichtige Nerven des linken Arms des Säuglings. Die Folgen sind bekannt: Wilhelm wird sein Leben lang an einer Lähmung seiner Extremität leiden und sein Arm wird rund 15 Zentimeter kürzer als der rechte bleiben...

Victoria kommt mit der Situation nicht zurecht: "Sein Arm verdirbt mir jede Freude und jeden Stolz, den ich an ihm haben sollte", klagt sie in einem Brief an ihre Mutter. Der kleine Junge wird völlig unsinnigen, qualvollen und erfolglosen Behandlungen unterzogen und von seinem Vater als zukünftiger Kronprinz mit großer Strenge behandelt ( Wilhelm wird später von einer "recht unglücklichen Kindheit" berichten ).

Im Sommer 1860 kommt dann ohne Komplikationen Tochter Charlotte zur Welt. Und ab da alle zwei, drei Jahre ein weiteres Kind, insgesamt acht, vier Töchter und vier Söhne, von denen zwei im Kleinkindalter bzw. von elf Jahren versterben.
"Mit der Thronbesteigung seines Vaters Wilhelm I. avancierte Friedrich Wilhelm 1861 zum preußischen Kronprinzen. Bereits 1862, als auf dem Höhepunkt des Verfassungskonfliktes sein Vater an Abdankung dachte, bot sich ihm die Möglichkeit, selbst König zu werden. Aus Loyalitätsgründen und gegen den Wunsch seiner Frau lehnte Friedrich Wilhelm jedoch ab. Von eingeschränkt liberaler politischer Gesinnung, die seine Mutter und seine Gattin förderten und unterstützten, galt er in den Folgejahren als Gegner der Innenpolitik seines Vaters und des Ministerpräsidenten Otto von Bismarck, zeigte sich allerdings in dieser Oppositionsrolle aufgrund seiner Loyalität zum Vater und Monarchen sowie aufgrund der außenpolitisch-militärischen Erfolge Bismarcks immer wieder gespalten und schwankend." ( Wikipedia )
Die Berufung Bismarcks als Ministerpräsident Preußens 1862 ( der Victoria für eine englische Spionin hält ) treibt das enttäuschte Kronprinzenpaar vorübergehend in eine Art Exil in Victorias Heimatland. Enttäuscht ist Victoria vom König, aber auch von ihrem Ehemann, der eine Chance vergeben hat, König zu werden und sich in Preußen an die Spitze einer liberaleren Entwicklung zu setzen.

In Danzig wendet er sich im Sommer 1863 in einer Rede gegen einen Eingriff seines Vaters in die Pressefreiheit und wagt, dessen Politik in Frage zu stellen, was die preußische Verwandtschaft in ihren Gefühlen verletzt, lehnt sie doch den Liberalismus ab. Einig ist man sich auch, dass es die Princess Royal ist, die einen Keil zwischen Sohn und Vater sowie dessen Kanzler treibt.

König Wilhelm I. drückt ordentlich auf die Tube, will seinen Sohn in Festungshaft setzen und Victoria nach England zu ihrer Mutter zurückschicken. Diese stärkt ihrem Mann den Rücken, und der bleibt diesmal standhaft. Dazu Bismarck: Er habe sie "gebrochen, wohl aber nicht erzogen – das ist schwerer, als man denkt."

Krongut Bornstedt (1860)
Friedrich gibt allerdings eine Schweigezusage und nach ausgedehnten Reisen kehrt das Paar 1864 nach Preußen zurück.

Ab 1867 wird das ländliche Bornstedt mit Krongut und Kirche zum Wohnsitz des Kronprinzenpaares. 

Victoria macht daraus den wohl "englischsten Ort" in Potsdam, indem sie dort eine Musterlandwirtschaft nach englischem Modell etabliert und in der Kirche nach dem Vorbild der Kathedrale von Norfolk das Taufbecken gestalten und die Chorfenster mit den Wappen des englischen Königshauses versehen lässt. 

Auf Bornstedt versucht Victoria auch, für ihre Kinder das Aufwachsen in Osborne House zu imitieren. Als Kronprinzessin von Preußen hat sie aber nur eingeschränkt Einfluss auf deren Erziehung: Entsprechend der preußischen Tradition erhalten alle ihre Söhne sehr früh eine ausgesprochene militärische Unterweisung. Bei der Wahl des Erziehers für die Prinzen Wilhelm und Heinrich beweist das Elternpaar allerdings auch wenig Einfühlungsvermögen, indem es einen calvinistischen Erzieher beschäftigt, der es an Lob und Ermutigung fehlen lässt.

Über die kaltgestellte Schwiegertochter äußert sich König Wilhelm I. ( ab 1871 dann auch deutscher Kaiser ) sehr abschätzig: "Ich habe eine Malerin zur Schwiegertochter; sie vergißt ganz, daß sie auch Pflichten hat." Tatsächlich hat Victoria am englischen Hofe auch eine künstlerische Ausbildung bei dem Historienmaler Henry Corbould erhalten. Ihre Malerei dient aber einerseits ausschließlich wohltätigen Zwecken: So wird sie beispielsweise nach dem Deutsch-Französischen Krieg zwecks Unterstützung der Opfer verkauft. Andererseits entkommt sie so dem in Berlin üblichen "geschäftigen Müßiggang". Sie ist zwar Ehrenmitglied der Akademie der bildenden Künste und mechanischen Wissenschaften zu Berlin, stellt aber in den Kunstausstellungen der Akademie nie aus, fördert dennoch Kunst & Wissenschaft nach besten Kräften.

Porträt von Heinrich von Angeli
(1871)
Sie interessiert sich für die Evolutionstheorie des Charles Darwin ( was ihre Mutter empört ) ebenso wie für "Das Kapital" von Karl Marx, den sie auch persönlich kennenlernt. Richard Wagners Pamphlet "Über den Einfluss der Juden auf die Musik" findet sie verrückt wie sie den zeitüblichen Antisemitismus ablehnt ( "Das antisemitische Treiben ist mir und meinem Gemahl in der Seele zuwider", so 1888 öffentlich in Lüneburg ). 

Ihr Engagement im sozialen Bereich umfasst sowohl die Gründung von Heimstätten für Arbeiter als auch die Verbesserung der Wohnverhältnisse. Sie ist aktiv in der Krankenpflege und gründet Lazarette ( was ihr oft übel genommen wird ). Und sie setzt sich ein für die Emanzipation der Frau. Sie fördert deren Bildung -  1869 gründet sie zusammen mit Georgiana Archer, der Lehrerin ihrer Töchter, das Victoria-Lyzeum in Berlin - , sie fördert die Weiterbildung und die Erwerbsfähigkeit der Frauen und gründet eine Krankenpflegeschule nach englischem Vorbild. Die Frauenrechtlerin Helene Lange wird ihr später bescheinigen:
"Der Weltgeschichte, die aus Fürstengalerien mit Schlachtenbildern im Hintergrund besteht, wird sie nichts bedeuten. In die Kulturgeschichte aber wird sie eingehen..., als die erste Fürstin, die ihren vollen Einfluß für die Frauenbewegung einsetzte zu einer Zeit, in der die Acht weiter Kreise noch schwer auf ihr lastete.
Der Thron lässt weiter auf sich warten. Mittlerweile geht Kaiser Wilhelm I. auf die Neunzig zu, Victorias Ehemann auf die Sechzig. 

Dann erkrankt Friedrich, ein starker Raucher, 1887 an Kehlkopfkrebs und verliert nach einer Operation 1888 die Stimme. Als er einen Monat später den Thron besteigt, ist er todkrank und wird kaum noch verändernden Einfluss auf die preußische Politik, die immer noch durch Bismarck bestimmt wird wird, nehmen. Friedrich III. und seiner Gemahlin bleiben nur 99 Tage im Schloß Charlottenburg, später in Potsdam. Am 15. Juni 1888 stirbt Friedrich III. schließlich dort im Neuen Palais.

Victorias Sohn Willy, nun Kaiser Wilhelm II., lässt das Neue Palais von Militär umstellen, weil er seiner Mutter unterstellt, sie werde Geheimpapiere nach England schaffen. Verärgert bleibt sie der Beisetzungsfeier mit allen militärischen Ehren fern und besucht mit den drei jüngsten Töchtern den Trauergottesdienst in der Bornstedter Kirche. Ab da wird sich Victoria Kaiserin Friedrich nennen, zu Ehren ihres verstorbenen Ehemannes.

Wilhelm II. jedoch ist kein Nachfolger im Geiste seines Vaters. Victoria misstraut ihm daher und setzt stattdessen auf ihren einstigen Gegner Bismarck, obgleich sie häufig anderer Meinung ist als der. "Solche Gegner achten einander, denn einer kennt des anderen Kraft", meint der Publizist und Bismarck - Bewunderer Maximilian von Harden dazu. Als Wilhelm II. 1890 Bismarck entlässt, hält das seine Mutter für einen großen Fehler.

Porträt als Witwe von Heinrich von Angeli
(1894)
Nachdem Kaiser Wilhelm II. den Wohnsitz des ehemaligen Kaiserpaaress, das Neue Palais, für sich beansprucht und Sanssouci seiner Mutter als Witwensitz verwehrt hat, macht die sich auf die Suche nach einer Zuflucht. Die findet sie in Kronberg im Taunus, wo sie auf einem Grundstück ihren Witwensitz Schloss Friedrichshof errichten lässt. Möglich macht ihr das eine Erbschaft der Mäzenin Maria Brignole, Herzogin von Galliera, in Höhe von einigen Millionen Mark, die sie für den Bau des Schlosses mit allen modernen Ausstattungsmerkmalen einsetzen kann. 

Auf Friedrichshof verbringt sie den größten Teil des Jahres und versammelt dort in- und ausländische Gäste, Künstler, Wissenschaftler aus der ganzen Welt abends um sich. Dieser eigene "Hof" um sie herum ist ihrem Sohn allerdings ein Dorn im Auge, der sie lieber im Ausland wissen möchte. 

Als Victoria 1899 ihre Mutter in Balmoral in Schottland besucht, wird bei ihr Brustkrebs festgestellt. Ein Jahr später hat der Krebs ihre Wirbelsäule befallen. Ihre Mutter schickt ihr einen Arzt mit reichlich Morphium, aber der Sohn bestimmt, dass ein englischer Arzt mit der Ehre der deutschen Medizin nicht vereinbar sei.  Zuletzt leidet so sehr, dass sie nicht nach England reisen kann, als ihre Mutter, die Queen, am 22. Januar 1901 stirbt. Sie selbst folgt ihr in weniger als sieben Monaten nach, am 5. August 1901, im Alter von 60 Jahren. Sie wird neben ihrem Ehemann und ihren im Kindesalter verstorbenen Söhnen im königlichen Mausoleum der Friedenskirche in Potsdam beigesetzt. 

Wieder lässt ihr Sohn das Schloss, diesmal Friedrichshof, hermetisch abriegeln. Seine Suche nach der Privatkorrespondenz seiner Mutter, die ihn diskreditieren könnte, bleibt erfolglos. Die Briefe befinden sich da längst in der Hand des britischen König Eduard VII., Victorias Lieblingsbruder.
"Früher, als junges Mädchen, dachte ich immer, Deutschland wäre erfüllt und durchdrungen von allen Idealen und Talenten, es brauche nur der Regierungsdruck zu weichen, und alles Schöne und Edle werde erblühen. Ich bin nur ... ein Schatten von dem, was hätte sein können. Die gebrochenen Fäden des dünnen Gewebes soll ich aufsammeln, an dem ich Jahre gesponnen habe – nur um es zerrissen zu sehen – und von Füßen in rohester Weise zertrampelt."
Dass das Land unter der Herrschaft ihres Sohnes mehr als "zertrampelt" zurückbleiben wird - ob sie es befürchtet hat?






15 Kommentare:

  1. Interessant, die kannte ich auch nicht so richitg und interessant finde ich auch, dass sie im gleichen Jahr 1901 wie ihre Mutter Königin Victoria gestorben ist.

    Danke für den schönen Beitrag.

    Lieben Gruß Eva


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  2. Liebe Astrid,
    vielen Dank für dieses schöne Portrait einer außergewöhnlichen Frau, die übrigens Namensgeberin meiner Schule in den 70ern in Bad Homburg war.
    LG, Simona

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    1. Wie schön! Meine Schwiegermutter war auch sehr stolz, dass sie auf der Viktoriaschule in Danzig war ( die eben diese Victoria eingeweiht hatte)
      und in der Mädchen besonders gefördert wurden, auch in MINT - Fächern ( meine Schwiegermutter hat Mathematik studiert bis Adolf sie alle zum Kinderkriegen nach Hause geschickt hat ).
      Und du kennst dann sicher auch Friedrichshof?
      GLG

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    2. Ja natürlich kenne ich den Friedrichshof! Er ist inzwischen ein 5* Superior Luxushotel und der dazugehörige Schloßgarten ist ein Golfplatz geworden. Das Interieur ist wohl zum Teil noch original.
      LG Simona

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  3. So eine spannende Geschichte. Immer wieder bin ich der Royal Princess schon begegnet bei meinen zahlreichen Potsdam-Besuchen. Auf Krongut Bornstedt war ich erst im Mai und habe es wieder mal bewundert wie englisch es dort zugeht(Übrigens wohnt dort nun wieder Wolfgang Joop, wie schon in seiner Kindheit).
    Sie war eine unglückliche Frau, die weit unter ihrem Geist leben musste. Vom Sohn gehasst, der dann soviel Unglück über die Welt brachte. Keine schönen Lebensbedingungen für die Tochter von Victoria und Albert.
    Hätten wir damals schon die Klatschpresse gehabt, Stoff zum Lesen hätte es genug gegeben!
    Schön, dass Du sie heute hier vorgestellt hast.
    GlG Sieglinde



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    1. Wie spannend, mehr von der ältesten Tochter Queen Victorias zu erfahren. Vor einiger Zeit habe ich die Biographie ihrer Schwester Alice gelesen und bin ihr dort begegnet.
      Wie furchtbar muss es für sie gewesen sein, nach all den fehlgegangenen Hoffnungen auch noch die Entwicklung ihres Sohnes mitzuerleben.
      Liebe Grüße
      Andrea

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  4. Oh, das war aber (trotz aller Unwissenheit) ein recht fortschrittlicher Vater, liebe Astrid!
    Ich wusste bislang nichts davon, dass je eine Kaiserin Friedrich existiert hat! Über die Einführung des Sandkastens freue ich mich ganz besonders, das war eins meiner Lieblingsspiele in Kindertagen (und Janas auch!)
    Achtung bei der Bildunterschrift "Victoria & Friedrich im Januar 1958" - es war hunder Jahre früher...
    "Dass das Land unter der Herrschaft ihres Sohnes mehr als "zertrampelt" zurückbleiben wird" - ich denke schon, dass sie es befürchtet hat, sie war eine kluge Frau...
    Hab noch eine schöne restliche Woche und einen angenehmen August!
    Herzliche Rostrosengrüße, Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2019/08/kunterbunter-hochsommer-und-gartenziele.html

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    1. da kannst du zwanzig Mal Korrektur lesen....Danke & liebe Grüße!

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  5. Liebe Astrid, wunderbar geschrieben. Herzlichen Dank!
    Schloss Friedrichshof, heute Schlosshotel Kronberg, ist ein prächtiges Schloss (auf https://schlosshotel-kronberg.com/ schön zu sehen). Es ist im Besitz der Hessischen Hausstiftung, Vorstand u.a. Donatus Landgraf von Hessen und somit Verwandtschaft von Victoria. Dort auf der Terrasse einen Kapuziner oder in der Bibliothek English Afternoon Tea genießen, würde Dir bestimmt auch gefallen. Ab und zu gönne ich mir das. In Kronberg hat Victoria bis heute Spuren hinterlassen.
    Liebe Grüße
    Margit

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    1. Liebe Margit, es freut mich immer, wenn Stille Leserinnen sich melden!- Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass der Taunus über etliche Jahrzehnte immer nur Durchgangsgebiet auf dem Weg in den Odenwavldgewesen ist und ich bis auf einen Aufenthalt als Abiturientin in Königstein keinen Besuch vorweisen kann. Dabei ist der Große Feldberg eine immer persönlich begrüßte beeindruckende Landmarke gewesen, egal, aus welcher Richtung blickend. Seit meine Eltern nicht mehr sind, fallen diese Touren auch ganz weg. Und wenn man mit dem ICE durchrauscht, ist das ja alles kein Genuss. Sollte ich also mal wieder in einem Auto auf der Strecke unterwegs sein, könnte mich ein Kapuziner auf der Schlossterrasse reizen...
      LG

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  6. Ein beeindruckendes Frauenportrait, ein wenig hatte ich schon von ihr gehört, bzw eigentlich eher von ihrer "englischen Kinderzeit". Schon recht verkorkst hinterher, was dann in Preußen wird. (Da kann man sich gar nicht vorstellen, wie ihr Sohn zum Lieblingsenkel der Queen Victoria werden kann.) Aber was sie alles für Frauen und Liberalisierung getan hat!
    Liebe Grüsse
    Nina

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  7. Jetzt kenne ich die ehemalige Besitzerin vom Krongut! Da bin ich nämlich gerne Gast.
    Es ist wirklich dämlich gewesen, dieser Frau nicht mehr Freiheit zu lassen.
    Was sie noch alles hätte bewegen können, hätte man sie machen lassen. Sogar der eigene Sohn, verdächtigt sie!
    Danke für deine Geschichtsstunde. Das hast mir sehr gefallen.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  8. von Helga:

    Liebe Astrid,

    die Frauen von damals, und auch heute jüngster Fall die Prinzessin Haya tun mir alle leid. Wenn gleich man es immer mit Müßiggang und Reichtum verbindet, es ist schon kein schönes Leben was man da führen muß und mußte. Ich sehe das in Verbindung mit der Jetztzeit wo wir tun und laßen können ohne Einschränkungen was wir gerade wollen. Absolute Freiheit nenn ich das und lebe das auch aus, soweit wie es mir möglich ist. Die Einschränkungen kommen dann ganz von selbst, das Alter gibt sie vor.
    Du hast, und das bewundere ich so sehr, wieder ganz ausführlich recherchiert, es hat viel Zeit gekostet diesen Post zu erstellen. Herzlichen Dank dafür. Meine Schwiegertochter fragt immer nach den Womens von Dir und ich schicke ihr den Link weiter. Zur Zeit hat sie das Buch der 100 Frauen zum Lesen, nachdem Kerstin gerade damit fertig wurde. Du siehst es wird mehrfach genutzt und das soll auch so sein.
    Die Prinzessin Victoria passt gerade so ins Bild. In diesem Jahrhundert lebten auch meine Großeltern und Urgroßeltern, während mein Schwiegervater noch 1893 geboren ist.....und denk Dir nur, er hieß Franz Xaver. Welche Parallelen. Dank an Dich für diese Vorstellung, hätte ich niemals sonst gewußt.

    Herzliche Grüße von Helga

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  9. eine beeindruckende und schöne Frau
    was hätte sie alles bewegen können wenn man sie gelassen hätte
    aber der "Argwohn" gegen Frauen war wohl auch in Deutschland sehr ausgeprägt
    totzdem hat sie viel geleistet
    die Erziehung ihres Sohnes war da leider kein Ruhmesblatt
    sie hätte sicher die Härte mildern können die der Junge so erleiden musste
    die Quittung kam dann ja später
    furchtbar wie man mit Kindern umgegangen ist
    danke für das ausführliche Portrait

    liebe Grüße
    Rosi

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  10. Liebe Astrid, danke für deinen Kommentar zu meinem Jahresrückblick21, mit dem du mich auf dein Portrait der deutschen Kaiserin Friedrich aufmerksam gemacht hast. Das hast du fantastisch zusammengestellt. Ich habe früher die "Victorias" gar nicht als zwei verschiedene Personen wahrgenommen. Erst als ich die Biographie von Cynthia Harrod-Eagles "Victoria - Mein Leben" über die englische Königin Victoria gelesen habe, wurde mir klar, dass das Mutter und Tochter waren. Es ist wirklich frustrierend, wie schwer ihr Leben hier war. Wenn schon die hochgestellten, reichen Menschen hier so unglücklich lebten, wie schlimm muss es dem einfachen Volk gegangen sein.
    Ich werde auch deine anderen Frauenportraits nach und nach lesen. Wäre das nicht ein tolles Material für ein Buch von dir?
    Herzliche Grüße, Johanna

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